Vivaldi und ich (2025)

WENN DIE GONDELN MASKIERTE MÄDCHEN TRAGEN

7/10


Tecla Insolia mit Maske im Historienfilm Vivaldi und ich
© 2026 Ellio di Pace, X Verleih AG


ORIGINALTITEL: PRIMAVERA

LAND / JAHR: ITALIEN, FRANKREICH

REGIE: DAMIANO MICHIELETTO

DREHBUCH: LUDOVICA RAMPOLDI, DAMIANO MICHIELETTO

KAMERA: DARIA D’ANTONIO

CAST: TECLA INSOLIA, MICHELE RIONDINO, FABRIZIA SACCHI, ANDREA PENNACCHI, VALENTINA BELLÈ, STEFANO ACCORSI, MIKO JARRY, HILDEGARD DE STEFANO, COSIMA CENTURIONI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Freiheit ist alles. Ist man frei, lässt es sich auch laut Wolfgang Ambros, der das ungepflegte Äußere in seinem Austropop-Klassiker feiert, verwahrlost leben. Ganz egal, ob man vor dem Nichts steht, in der Gosse hockt oder in der „Kinettn“ schläft.

Diese Sehnsucht verspürt auch das Waisenmädchen Cecilia, das in Venedig des frühen achtzehnten Jahrhunderts, also noch ein ganzes Stückchen Zeit vor Mozarts Geburt, zumindest die Gnade erfährt, Violine spielen zu dürfen, wenn schon der Rest ihres überschaubaren Lebens innerhalb der vier Wände des Waisenhauses Ospedale della Pieta nach strengen Regeln verläuft und ganz sicher nicht so, wie es sich eine junge Frau gerne wünschen würde.

Fremdbestimmung bar excellence

So ein Waisenhaus finanziert sich nicht von selbst. Ein jungfräuliches musikalisches Mädchen-Ensemble soll den nötigen Reibach lukrieren – richtig viel Geld macht die Buchhaltung mit dem Verschachern hübscher Damen an reiche Gockel. Cecilia weiß: auch ihr steht bald die Verheiratung bevor, und zwar an einen zukünftigen Kriegshelden, sollte er am Schlachtfeld über die Türken siegen. Sie weiß auch: Sobald sie unter der Fuchtel eines Patriarchen steht, gibt’s kein Gestreiche und Gezupfe mehr, denn schließlich schickt es sich nicht, als Frau irgendwelche Künste zu trainieren.

Diese brotlose Kunst

Was für Zeiten. Was für Sitten. Und zwischen all dem ganz plötzlich Antonio Vivaldi. Dazu muss man wissen: So richtig ruhmreich war das Leben dieses großen Komponisten auch nicht. Er war zwar gern gehört und wurde bewundert, doch groß raus kommen sollte er bis zu seinem Tode nicht, denn die Stunde des Ablebens verbrachte er in tiefster Armut. 200 Jahre später dann die Entdeckung, mitsamt der vier Jahreszeiten.

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist

Die Entstehung der selbigen wird in dieser weitestgehend frei ersonnenen Möglichkeit einer Begegnung so herrlich subtil angedeutet, als würde man bereits den Sommer spüren, obwohl noch Frühling herrscht. Oder vor dem ersten Schnee. Als würde man diese gewissen Gerüche einer Jahreszeit schon vor allen anderen wahrnehmen – erahnend, was folgen wird.

Für diesen Moment, der in Vivaldi die Saat der Idee zu seinem Zyklus gelegt haben könnte, holt sich Theater- und Opernregisseur Damiano Michieletto für seinen ersten Kino- und Spielfilm eine ganz besondere Akteurin: Tecla Insola, in ihrer Heimat wohl eher als Popsängerin bekannt und genauso wie Michieletto macht sie mit Vivaldi und ich ihren ersten Schritt auf die Leinwand.

Beschreibe mir deine Freiheit

Irgendwie lässt sich der Eindruck nicht verdrängen, Tecla Insola schon mal irgendwo gesehen zu haben, so vertraut kommt sie einem vor, so nahbar wirkt diese Cecilia – introvertiert, auf gute Art rebellisch, klug und wortgewandt nur dann, wenn es etwas zu sagen gibt.

Michele Riondino (The Holy Boy) gibt den kränklichen, hustenden und gehetzten Künstler, der scheinbar nur von seinen Partituren lebt und von nichts sonst. Kaum zu glauben, dass beide sich irgendwann annähern – doch nicht auf eine Weise, wie manche jetzt denken würden.

Vivaldi und ich lässt diese beiden Charaktere ihren inneren Aufstand proben, lässt sie in kreativer Synergie zusammentreffen, dabei entsteht auf beiden Seiten ein mögliches alternatives Leben in Erfüllung und eben besagter Freiheit – in einer Stadt, die selbst schon eingeengt und begrenzt genug ist, durch ihre Kanäle und durch das Meer.

Venedig ist nicht immer nur Markusplatz und Canale Grande

Michielettos Film zeigt Venedig in seiner ganzen Bescheidenheit und Nüchternheit. Er zeigt die Stadt aus der Sicht der Eingeschlossenen und Abhängigen. Dabei fällt mir Andrea Segres ebenfalls ganz andersartiger Städtefilm Welcome Venice ein, der diesem Touristenklischee von urbaner Sehenswürdigkeit seine Echtheit zurückgibt.

Vivaldi und ich spielt natürlich in einer Zeit, die lange zurückliegt. Und dennoch ist das Bild der dahinschippernden Gondel, in denen maskierte Mädchen sitzen, weil keiner ihre jungfräulichen Gesichter sehen darf, ungemein gegenwärtig und vertraut – mit Carneval und sonstigem Schnickschnack hat das Ganze aber nichts zu tun.

Es klingt das Cembalo, es wehen die Kutten

Die Bilder in diesem Film sprechen für sich, so auch die Kostüme, beides vereinigt sich in regem Austausch mit den klangvollen Melodien des Spätbarock, hervorzuheben sind neben der Violine die höfisch-sphärischen Töne das Cembalo. Wenn Cecilia in roter Kutte und schwarzer Maske die ersten Klänge von Vivaldis Sommer geigt, während sie nur für kurze Zeit durch die geschenkte Freiheit eines Wäldchens spaziert, so ist das anmutig und wunderschön.

Vielleicht verwahrlost, aber frei

Um nichts in der Welt würde man Cecilias Lebenstraum scheitern sehen wollen. Und dennoch verweigert Michieletto seinem Vivaldi die Chance, dem historischen Realismus zu entsagen und das Unmögliche durchzusetzen.

Verzweiflung, Schmerz, Verzicht und der nur dadurch mögliche Schritt ins Ungewisse runden diese kraftvoll-feministische Ballade ab, in Erinnerung bleibt Tecla Insolas zuversichtlicher Blick in eine Zukunft, die außer Freiheit und Verwahrlosung vielleicht nichts bieten wird.

Vivaldi und ich (2025)

Palästina 36 (2025)

UND SO BEGINNT ES

6,5/10


Karim Daoud Anaya als Yusuf im Film Palästina 36
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: PALÄSTINA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH, DÄNEMARK, QATAR, SAUDI ARABIEN, JORDANIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ANNEMARIE JACIR

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART, SARAH BLUM, TIM FLEMING

CAST: HIAM ABBAS, KAMEL EL BASHA, YASMINE AL MASSRI, JALAL ALTAWIL, ROBERT ARAMAYO, SALEH BAKRI, YAFA BAKRI, KARIM DAOUD ANAYA, WARDI EILABOUNI, WARD HELOU, BILLY HOWLE, JEREMY IRONS, LIAM CUNNINGHAM, DHAFFER L’ABIDINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Der ganze Schrecken in einem Blick

In dieser einen Szene liegt die ganze Entsetzlichkeit des Themas, und die ganze Kraft eines Filmes. Und natürlich ist in dieser Szene ein Kind zu sein, gerade mal ein Teenager, vielleicht sogar noch jünger. Wir sehen das schreckensverzerrte Antlitz dieses Jungen, als er mitansehen muss, wie der Bus, in dem sein Vater sitzt, um deportiert zu werden, auf eine bewusst gelegte Mine fährt und dieser in die Luft fliegt.

Wir sehen seinen Schmerz, den diese Person tatsächlich zu spüren scheint. Gar nichts wirkt dabei so, als wäre es geprobt. Wie ist so etwas möglich? Wie können Kinderdarsteller immer und immer wieder Emotionen verkörpern, die so auf den Punkt gebracht wirken, als wären sie echt? Als würde genau in diesem Moment dieser Vater tatsächlich in Stücke gerissen?

Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir (When I Saw You, Wajib) setzt in dieser Szene sogar noch eines drauf – sie lässt alles noch langsamer ablaufen. Der Junge geht in die Knie, wirft sich in den Staub. Seine Schreie hören wir nicht, was es nur noch schlimmer macht, denn die entstehen im Kopf. Alles nur Pathos oder Wahrhaftigkeit?

Wo ansetzen, um den Konflikt zu verstehen?

Wenn man wissen will, wie eigentlich alles begonnen hat – dieser niemals ruhende Konflikt zwischen Muslimen und Juden, dann sollte man sogar noch viel früher ansetzen, mehrere Jahrhunderte vor Christus, als die Assyrer das jüdische Volk nach Babylonien verschleppten.

Seit damals ist es ein Hin und Her, ein Immigrieren und Emigrieren, ein Streit um Grund und Boden, um Verfolgung und Flucht. Immer und immer wieder. Und dann eben die Briten, die in ihrer Kolonialzeit sowieso nie etwas richtig machen konnten, weil ihnen Überblick und Kompetenz und auch Expertise fehlte, weil sie nur militärisch dachten und eben nicht gesellschaftspolitisch.

Der Konflikt von heute ist nicht das Thema

Der Nationalsozialismus in Europa veranlasste das jüdische Volk überdies, dorthin „heimzukehren“, von wo ihre Vorfahren fortgingen. Dumm nur, dass Palästina mittlerweile, und das seit dem siebten Jahrhundert, von arabischstämmigen Volksgruppen besiedelt wird. Ist dort nicht Platz für alle? Sollte man meinen. Wären da nicht diese unüberbrückbaren Ressentiments und ein damit einhergehender Rassismus gegenüber den jeweils anderen. Doch dieser Konflikt, eben der zwischen Juden und Arabern, ist in Jacirs Historienepos der alten Schule nicht das Thema.

Hier geht es um die britische Kolonialmacht – jene, die etwas zu sagen haben, sind mit Jeremy Irons, Liam Cunningham oder Robert Aramayo (Elrond in Die Ringe der Macht, Verflucht Normal) starbesetzt. Die eingewanderten Juden kommen hier nicht zu Wort, und was von ihnen bleibt, sind maximal tödliche Schüsse, die ganz für sich alleine einen Unmut streuen, der in einer ganz anderen Geschichte bis heute anhält.

Diese vielen Wahrheiten

Es lässt sich während des Films nur schwer unterdrücken, nicht doch irgendwann „Free Palestine“ zu rufen. Es geht gar nicht anders. Weil dieses Unrecht an das muslimische Palästina, so, wie es der Film darstellt, unsagbar ist und nur schwer ertragen werden kann. Hat sich das alles tatsächlich so zugetragen?

Palästina 36 macht zum Thema, oder besser gesagt, stellt sich der Reflexion, ob künstlerische Werke wie dieses, wenn es sich denn mit Geschichte beschäftigt, überhaupt jemals die Wahrheit abbilden können. Das Genre des Historienfilms ist niemals objektiv, und untermauert seine Wahrheit eigentlich nur mit den Fakten. Daraus lässt sich so einiges schließen, doch immer mit dem jeweils gefärbten Blick. Mit dem der Muslime, dem der Juden, vielleicht gar dem der Briten?

Das Recht liegt bei den Erzählenden

Alternativ teilt man einen Film wie diesen in drei Teile, und wechselt dabei die Perspektive. Betrachtet man Palästina 36, wird klar: Das hier ist aus der Sicht Palästinas, die Fakten liegen in der geschriebenen Geschichte, die Schilderungen diverser individueller Tragödien und Schicksale wirken als subjektive Interpretationen. Jacir bemüht sich, das militante Handeln vorzugsweise von Damals auf makellose Weise zu rechtfertigen.

Ist Jacirs Film demnach propagandistisch? Lieber eine von drei Wahrheiten, die man als solche so stehen lassen kann, weil es in einem Konflikt wie diesen mehrere gibt. Gerade bei diesem Thema aber ist es problematisch, die anderen Wahrheiten nicht darzustellen, es sei denn, die Intention für einen Film wie diesen ist eine ganz Bestimmte. Welche, lässt sich womöglich leicht erraten.

Palästina 36 (2025)

Rose (2026)

VON DEN ANFÄNGEN INDIVIDUELLER FREIHEIT
7,5/10


Sandra Hüller im Film Rose von Markus Schleinzer
© 2026 Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARKUS SCHLEINZER

DREHBUCH: MARKUS SCHLEINZER, ALEXANDER BROM

KAMERA: GERALD KERKLETZ

CAST: SANDRA HÜLLER, CARO BRAUN, MARISA GROWALDT (ERZÄHLERIN), GODEHARD GIESE, ROBERT GWISDEK, MARIA DRAGUS, SVEN-ERIC BECHTOLF, RAINER EGGER, AUGUSTINO RENKEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



Danke, Toni Erdmann. Seit damals ist die mittlerweile weltbekannte Sandra Hüller trotz ihres damit einhergehenden fulminanten Erfolges und der Möglichkeit, an der Seite von Ryan Gosling bei einem US-Blockbuster (Der Astronaut – Project Hail Mary) mitzumischen, nach wie vor an Bodenständigkeit kaum zu überbieten. Hüller macht nach wie vor das, was sie interessiert, und biedert sich niemandem an.

Sie sieht auch, so kommt mir vor, den „Walk of Fame“ längst nicht als einzig erstrebenswerte Form von Ruhm an. Sie ist Handwerkerin und Virtuosin durch und durch, und dabei lässt sie sich auch gern mal das Gesicht entstellen, so wie jetzt, im bei der Berlinale 2026 reüssierten Historiendrama Rose, inszeniert von Markus Schleinzer, vormals Castingdirektor bei gefühlt allen nennenswerten österreichischen Filmproduktionen, angefangen von Haneke über Seidl bis Ruzowitzky, nun aber konzentrierter Selbermacher mit nur nach wenigen Arbeiten herauskristallisiertem eigenen Stil, der konzentriert, geordnet und dennoch lebendig wirkt.

Die Vorteile des Patriarchats

Hüller durfte heuer für ihre Leistung den silbernen Bären entgegennehmen. Keine Frage, diese Auszeichnung wäre für keine andere Rolle so wohlverdient. Als Rose setzt sie ihre eigene Latte noch etwas höher, und womöglich war ihr die Darstellung einer Frau als Mann gar nicht mal so viel Arbeit, gibt die Figur doch jede Menge an Substanz her, um damit einen Charakter lebendig werden zu lassen, der seiner Zeit weit voraus war, indem er weder eine Agenda verfolgt noch ihm der höhere Sinn für eine gesellschaftspolitische Aufgabe nahegelegen wäre. Das Vergehen dieser Rose, die als vermeintlicher Erbe eines Guts als Herr und Kriegsheld auftaucht, besteht wohl im Gerichtsfall eines Betrugs und der Dreistigkeit, die Rolle eines Mannes einzunehmen, um im Leben weitermachen zu können.

Eine Zeit lang hält der Schein, doch irgendwann braucht es nur eine Kleinigkeit, wie die Erzählerin dieser Geschichte festhält, um die Dinge neu zu ordnen. Und das Schicksal seiner Zeit und seiner Normen zu unterwerfen.

Historische Akkuratesse

Wie ein Film von Andrej Tarkovskij beginnt Schleinzers zarte Erzählung: rauchende Schlachtfelder, düstere Witterung über einem nach dreißig Jahren Krieg ausgezehrten Land – ganz so, wie Daniel Kehlmann die Welt in seinem bewundernswerten Roman Tyll umschreibt. Schleinzer verstärkt diese Stimmung allein dadurch, ihm jede Farbe zu nehmen – als gäbe es Fotos von damals, die diese weit mehr als 300 Jahre zurückliegenden Existenzen eingefangen haben.

Schleinzer hat von allen gelernt, vorrangig von Haneke und auch von Seidls strenger Tableauhaftigkeit. Formal ist Rose ein Meisterstück in Akkuratesse und Authentizität, was sich vor allem auch in der einfachen, lakonischen Sprachfärbung widerspiegelt. Genau so, denkt man sich, haben Menschen damals gesprochen. Der Plural in der Anrede gibt den Ausschlag. Hohe Hüte, wattierte Gambesons, Rüschenkrägen und Leinenhauben. Es ist schwer, sich sattzusehen in diesem erlesenen Bilderbuch, das aber nicht nur abbilden, sondern auch einiges ansprechen möchte, was das damalige Welt- und Rollenbild betrifft, um damit einen Bogen zu spannen in ein Jetzt, Hier und Heute, das mancherorts auf diesem Planeten nach wie vor die selbe Ordnung pflegt.

Feminismus ohne Revolte

Einen Diskurs spart Rose aber aus. Diesen Bogen spannt der Film auch nicht bewusst. Das Denken darüber mag dem Publikum obliegen. Ob es nun Analogien zum Heute zieht oder froh ist, dass diese Zeit vorbei ist: Ambitionen in diese Richtung hat Schleinzer nicht. Und er gönnt seiner selbstbewussten Heldin der individuellen Freiheit auch mit dem Medium Film keinerlei phantastisch anmutenden Lösungsweg. Rose ist nicht so wie The Bride! – Es lebe die BrautThe Housemaid – Wenn sie wüsste oder andere feministische Filme, die am Ende eine Frau setzen wollen, die sich gegen das Patriarchat durchsetzt. So viel Kinorealismus der österreichischen Schule hat Schleinzer intus, um nicht seine eigene, ernüchternde und historisch gefärbte Philosophie zu verraten.

Respekt und Zärtlichkeit statt visuelle Härte

Was er noch intus hat, ist die Kunst des Indirekten, des nur in den Worten oder in den Geräuschen bestehende Grauen. Eine Herangehensweise, die Ruzowitzky mit seinem Oscar-Film Die Fälscher schon gewählt hat. Rose hat vieles an Gewalt, Schmerz und Ungerechtigkeit zu bieten, dass es einen erschüttern kann. Doch Schleinzer schlachtet diese Umstände nicht aus, indem er sich an die Darstellung selbiger aufgeilt. Er macht daraus auch kein sensationslüsternes Betroffenheitskino, keinen Skandalfilm.

Die Wucht der Umschreibung, dass die Männer wieder mal gezeigt haben, „wer hier der Herr ist“, ist in seiner Nüchternheit scharfkantig genug. Die Gewalt an der Frau wird zum erschreckend gleichmütigen Alltag, das Blut und der Tod, nur Vorahnung und Erinnerung. Gerade deshalb lenkt nichts von Hüllers Darstellung der Rose, lenkt nichts von dieser kargen Opulenz eines Realismus ab, der melodischer und empfundener kaum sein kann.

Rose (2026)

The Testament of Ann Lee (2025)

HOCH DIE HÄNDE BIS ZUM ENDE

6,5/10

 


© 2025 Searchlight Pictures

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: MONA FASTVOLD

DREHBUCH: MONA FASTVOLD, BRADY CORBET

KAMERA: WILLIAM REXER

CAST: AMANDA SEYFRIED, LEWIS PULLMAN, THOMASIn MCKENZIE, STACY MARTIN, CHRISTOPHER ABBOTT, MATTHEW BEARD, TIM BLAKE NELSON, SCOTT HANDY, JAMIE BOGYO, VIOLA PRETTEJOHN U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN



Von Mamma Mia bis hierhin ist es ein breiter Weg. Amanda Seyfried hat ihn, mit Fokus aufs Ziel, souverän gemeistert. Man sieht: Sie kann sowohl leichte, musikalische Unterhaltung im sommerfrischen Griechenland, als auch den Fanatismus einer Gebrochenen, die nur in schüttelnder Ekstase ihre Erfüllung findet, und dabei ganz nebenbei auf alles verzichtet, was sich nur entfernt nach Fleischeslust und Vergnügen anhört. Dem kann man natürlich folgen, muss man aber nicht. Dabei hätte die obskure Vereinigung der Shaker wie kaum eine andere Glaubensgemeinschaft am ehesten das Zeug dazu gehabt, als Orden in die Geschichte des Spin-Off-Christentums einzugehen. Enthaltsamkeit, strenge Regeln, Gebet, Gesang und Tanz, klerikales Jammern gehört auch dazu, damit erreicht man die Absolution auf direktem Weg. Für die Absegnung durch den Papst hat’s zwar nicht gereicht – für eine Passage nach Übersee aber doch.

Die Enteignung des weiblichen Körpers

Bis es soweit kommt und Gründerin Ann Lee als Opfer ihrer eigenen Weiblichkeit die Wiederkehr Jesu Christi als Frau in sich selbst erkennt, nimmt sich Mona Fastvold die Zeit, um die Psyche einer Frau zu ergründen, die im England des 18ten Jahrhunderts wie so viele andere ihres Geschlechts nicht viel mehr gewesen sein muss als eine Sex- und Gebärmaschine für Mann und Familie. Die Enteignung des weiblichen Körpers wird zur quälenden Erfahrung – viermal wird Ann Lee gebären müssen, viermal wird sie ihr Kind verlieren, und niemals wird sie erfahren, was körperliche Liebe eigentlich bedeuten kann. Vom weiblichen Orgasmus hat man damals womöglich noch nichts gehört, von Verhütung schon gar nicht. Vom Respekt seinem Partner gegenüber auch nicht. Christopher Abbott (Wolf Man) spielt ihren von der Libido geplagten Gatten, der anscheinend keinen Grund hat, Geschlechterrollen zu hinterfragen oder über das Wohl seiner besseren Hälfte zu reflektieren.

Kontrollverlust, Schmerz und Missbrauch des Körpers: All das führt letztlich dazu, wie Ann Lee zu dem wurde, wofür man sich letztlich an sie erinnert: Als die Mutter der Shaker-Gemeinschaft, an die Begründerin des christlichen Ausdruckstanzes, an jene, die ihren Körper für niemanden mehr zur Verfügung stellen wollen.

Shake the Diseases

Von Mona Fastvold wissen wir: Das von vielen als Monumentalfilm bezeichnete Langstrecken-Kinoereignis The Brutalist geht zum Teil auch auf ihre Kappe, das Skript dafür hat sie sich mit Brady Corbet geteilt. Wer wissen will, wie Fastvold selbst Regie führt, der kann sich den elegischen Historienfilm The World To Come mit Vanessa Kirby und Katherine Waterston zu Gemüte führen – auch dieser ein hochgradig feministischer Film, wo Sexualität eine deutlich willkommenere Rolle spielt als in dieser wilden, ausstattungsintensiven Musical-Biografie, die ich aber bei Gott nicht ausschließlich in diesem Genre verorten möchte. Abschrecken sollte man sich auch als Gesangsspielmuffel von gelegentlichen musikalischen Intermezzi nicht lassen. Denn genau darin liegt die Stärke in diesem Film: in der mitreißenden Musik, in den irren Rhythmen zwischen Stampfen, Klatschen, Trommeln – mal ist es a cappella, mal untermalt durch zeitgenössische Instrumente. Dazu Amanda Seyfried, wie sie singt und ihre Arme hochwirft, rings um sie herum probt die Gefolgschaft die intuitive Zuckung. Das Massenphänomen der Gruppentrance lässt sich fast nachvollziehbar als ein mögliches Mittel zum kollektiven geistigen Zusammenschluss erahnen. Natürlich hat das was, natürlich kommt diese Faszination für eine Strömung wie diese nicht von irgendwo. Sein Innerstes nach außen zu kehren mithilfe dieser Mittel, dessen Pendant im Islam auf gewisse und noch akkuratere Weise beim Sufismus zu finden ist, lässt einen sehr wohl verwundert staunen.

Ambivalente Weltbilder

Fastvold ist ein historisch genaues, zugleich enorm erdiges, aber nicht immer leidenschaftliches Kuriosum gelungen, von dessen dargestelltem Fanatismus man sich immer wieder mal abgestoßen fühlt, über dessen Entrücktheit man sich belächelnd wundert, um dann wieder die Beine nicht stillhalten zu können, wenn wieder mal zur gemeinsamen Messe gerufen wird. The Testament of Ann Lee ist ein ambivalentes Konstrukt in naturalistischer, zugleich harter Bildsprache, mit einer bis an die Grenzen gehenden Seyfried, die auch empfindet, was sie spielt. Ein Brocken von einem Film zwischen Psychotrip, Frauenrecht und dem immerwährenden Gefühl eines Enthusiasmus, der sich vor dem Bewusstsein des eigenen Untergangs verschließt.

Übrigens: Von den Shakern ist heutzutage nicht mehr viel übrig. Zwei Mitglieder gibt es aktuell (stand 2025). Bei so viel entrücktem Wunder dann doch kein Wunder.

The Testament of Ann Lee (2025)

Train Dreams (2025)

NICHT ZU WISSEN, WIE DER BAUM FÄLLT

7/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CLINT BENTLEY

DREHBUCH: CLINT BENTLEY, GREG KWEDAR, NACH DEM ROMAN VON DENIS JOHNSON

KAMERA: ADOLPHO VELOSO

CAST: JOEL EDGERTON, FELICITY JONES, WILLIAM H. MACY, KERRY CONDON, NATHANIEL ARCAND, CLIFTON COLLINS JR., SEAN SAN JOSE, ALFRED HSING, WILL PATTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Holzfällen mal anders. Und gar nicht so, wie Thomas Bernhard es konzipiert hat, der in seinem kontroversen Portrait, dessen Titel jene mitunter gefährliche und hemdsärmelige Schwerstarbeit beschreibt, eine Wiener Abendgesellschaft mit Wörtern zur Strecke bringt anstatt mit Äxten, Sägen und „Baum fällt!“-Rufen. Die  hört man allerdings, wenn man in die Welt von Robert Grainier eintaucht – einem introvertierten, fast schon phlegmatischen, stets nach Antworten suchenden Typ Mensch, der immer dort steht, wo keine Schienen liegen, wo keine Weichen gestellt und kein Zug jemals halten würde. Kurz gesagt: im Nirgendwo einer Existenz. Hier würde man sagen: Wie bestellt und nicht abgeholt. Für die Flucht nach vorn, um dem Leben eine Ordnung zu geben, will Robert anpacken. Zur Säge greifen, Bäume fällen, die Zivilisation per Schiene noch weiter in den Westen führen oder dorthin, wo es sonst nichts gibt außer Wildnis.

Das Lebensglück wärt zumindest für eine kurze Zeit, als Robert auf Gladys trifft – auf ähnlich vulnerable Weise ergänzt Felicity Jones (Oscarnominierung für The Brutalist) das wortkarge, in sich gekehrte Wesen ihres Geliebten, beide gründen eine Familie, am Fluss steht bald ein Holzhaus. Und als wäre alles viel zu schön, um wahr zu sein, quält den Waldburschen dann doch immer wieder der Abschied, wenn es heisst, für einige Monate abberufen zu werden, um weit weg von Heim und Familie Geld zu verdienen. Irgendwann wird es, wir ahnen es schon, zu einem Abschied auf ewig – als Robert zurückkehrt und Wald und Haus lichterloh in Flammen stehen.

Schauplatzreport als Heimatfilm

Train Dreams von Clint Bentley, der beim Drehbuch für das Gefängnisdrama Sing Sing mitgewirkt hat, ist jene Sorte des uramerikanischen Heimatfilms, den Chloé Zhao mit ihren impressionistischen Arbeiten Songs My Brothers Taught Me und The Rider neu interpretiert und definiert hat. Während Zhao aber mehr oder weniger Geschichten aus der ruralen Gegenwart erzählt, im traditionellem und ganz anders tickenden Kosmos fernab eines urbanen Fortschritts, mit dem der Rest der Welt die Vereinigten Staaten assoziiert, nimmt sich Bentley ein ganzes Leben zur Brust, eine Wegstrecke weg von den Zehnerjahren des 19ten Jahrhunderts bis in die späten Sechzigerjahre hinein. Die Bilder jedoch, die der oscarnominierte Kameramann Adolpho Veloso dafür findet, huldigen einer ähnlich reportagehaften True-Story-Poesie wie es Zhao stets tut, um dabei hingebungsvoll von Wildnis, der Weite und den Wäldern ergriffen zu werden, während die Sonne zu den dramatischsten Tageszeiten auf unkitschige Weise die Szene nuanciert. Dazwischen ungefilterte, kontrastarme Bilder in 4 zu 3, frei von Studiolicht, nur mit dem arbeitend, was der Tag oder die Nacht auch hergibt. Da lässt sich schon eine Nähe spüren, die man in heillos überarbeiteten und mit allerlei Filtern nachgebesserten, ganze Dekaden umspannenden Epen niemals findet.

Der suchende Blick des Genügsamen

Mittendrin ein Joel Edgerton, von dem wir wissen, wie rätselhaft er wirken kann. Und je weniger er preisgibt von seinen darzustellenden Gefühlswelten, umso interessanter und faszinierender wird diese Figur. Umgeben von der Rauheit und Erbarmungslosigkeit eines Holzfällerlebens und vom eigenen verräterischen Schicksal drangsaliert, meistert Edgerton das Portrait eines immerwährend Geprüften. In dieser Beharrlichkeit, die er dabei an den Tag legt, ist dieser Hiob nicht alleine. Bentley schenkt ihm statt Isolation zumindest den Dialog, den Trost von den anderen; so manchen Wert, so manche Weisheit von Menschen, die auf ihre eigene Weise geprüft werden, die letzten Endes ein Gesamtbild dieses teils ungezähmten, unberechenbaren Amerikas ergeben, das wie ein umstürzender Baum nichts preisgeben will, in welche Richtung er fällt.

Train Dreams ist ein elegischer, prosaischer Naturalismus. Unaufgeregt und doch aufregend, bebilderte Literatur wie die eines John Steinbeck, zwischen Arbeiterchronik und dem wildromantischen Horror von Verlust, Loslassen und Neuanfang.

Train Dreams (2025)

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)

BACKE BACKE KUCHEN, SADDAM HAT GERUFEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: THE PRESIDENT’S CAKE

LAND / JAHR: IRAK, USA, KATAR 2025

REGIE: HASAN HADI

DREHBUCH: HASAN HADI, ERIC ROTH

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: BANEEN AHMAD NAYYEF, SAJAD MOHAMAD QASEM, WAHEED THABET KHREIBAT, RAHIM ALHAJ U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ich habe die Bilder noch vor mir, die damals um die Welt gingen. Der Diktator in einem Erdloch, ein Schatten seiner selbst, verfilztes Haar, langer Bart. Dann, Ende desselbigen Monats die Hinrichtung durch den Strang. Auch diese Bilder blieben einem nicht erspart, so wie damals schon, als das rumänische Verbrecher-Ehepaar Ceaușescu am Christtag erschossen wurde. Frohe Weihnachten, könnte man da nur sagen, und auf Erlösung hoffen. Die Rumänen konnten es, die Iraker wohl weniger – die stürzten daraufhin ins politische Chaos. Doch wie auch immer: Dieser Über und Unmensch Saddam Hussein, dieser Folterer und Forderer, Kriegsherr und Schwerverbrecher, ließ sich im Zenit seiner Regentschaft feiern, als hätte man es mit einem Gott zu tun, der seinen Untertanen das Wunder unterbreitet hat, unter ihnen auf Erden zu wandeln. Es ist sogleich faszinierend wie ekelerregend, dabei zu beobachten, wie ein Personenkult aus den Fugen gerät, wie ein Normalsterblicher sich dermaßen erhöhen kann, wenn er nur ausreichend Gewalt ausübt. Spätestens dann himmelt man jeden an, aus Angst, nicht selbst von der Bildfläche des eigenen Lebens zu verschwinden. Dann buckelt man, feiert man, rezitiert Leitsätze wie Heit Hitler, nur in diesem fall noch viel expliziter: „Mit der Seele, mit dem Blut, opfern wir uns für dich, Saddam.“

Vier statt sieben Sachen

Ein mit Verve geschmetterter Treueschwur wie dieser sagt mehr als tausend Worte. Dem ist tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht ein Kuchen. Den Saddam sowieso nie zu Gesicht bekommt, denn der blickt an seinem Geburtstag auf eine überlebensgroße Torte, da macht sich jede Prunkhochzeit dagegen armselig aus. Doch wie es damals, in den Neunzigern, die Ordnung verlangt hat, mussten selbst die Armen unter den Ärmsten dafür sorgen, dass der Diktator Süßes bekommt. Oder zumindest eine ganze Schulklasse einschließlich indoktriniertem Lehrer, der anlässlich des bevorstehenden Jubeltages die Rollen unter den Kindern verteilt. Mädchen Lamia, die mit ihrer Großmutter in einer Papyrushütte inmitten der mesopotamischen Sümpfe lebt, schafft es trotz aller Bemühungen nicht, dass der Kelch an ihr vorübergeht. Letztlich ist sie es, die den Kuchen zu verantworten hat. Doch dafür fehlen ihr alle Zutaten. Im Kinderlied Backe Backe Kuchen ist von sieben Sachen die Rede – Lamia begnügt sich mit vieren: Zucker, Mehl, Eier und Backpulver. Das alleine scheint schon unmöglich, zu beschaffen. Von Safran, der den Kuchen gelb macht, gar keine Rede. Zu ihrem Glück ist sie nicht allein – Schulkollege Saeed hilft ihr dabei, schließlich muss er das ganze Obst auftreiben.

Die mesopotamischen Sümpfe

Hasan Hadis bedrückender Jugend- und Politfilm, den man, auch wenn keine Kriegshandlungen per se zu sehen sind, als Antikriegsfilm bezeichnen kann, hat letztes Jahr in Cannes einige Erfolge erzielt, darunter die Goldene Kamera. Wichtig dabei zu erwähnen: Ein Kuchen für den Präsidenten wurde tatsächlich zur Gänze im Irak gedreht. In den südliche Sümpfen, in den umliegenden Städten (vermutlich Basra). Die zum Weltnaturerbe der UNESCO hochgestufte Wasserwelt mit ihren kunstvoll arrangierten Naturbauten und all den eleganten Ruderbooten, die da die Wasseradern entlangschippern, beeindruckt nicht nur bei Sonnenauf- und untergang sowie zur blauen Stunde. Die augenscheinlich völlig harmonische Lebensweise feiert ethnographische Romantik, die gerne verschleiert, wie bettelarm all diese Leute sind. Doch das Regime ist gnadenlos, und selbst ein Kuchen wird zur Mission Impossible.

Sollen sie doch Kuchen backen

Hasan Hadi bleibt den beiden Jungschauspielern auf den Fersen, die während ihrer Odyssee durch die Stadt nicht nur ihren eigenen Überlebenskampf austragen, sondern miterleben, wie es andere tun – vor allem die Erwachsenen, die in ihrer Not Werte und Würde verraten. Saddams Regentschaft aus der Sicht des einfachen Volkes erinnert an den französischen Absolutismus, wobei hier wieder der Kuchen ins Spiel kommt, den – so wird kolportiert – zumindest Marie Antoinette ihren Untertanen ans Herz gelegt hat zu essen. So ungerecht geht es auch hier zu, immer wieder hat man das Gefühl, einer Postapokalypse beizuwohnen, einer grotesken, aufgeblähten Vision, die aber Realität gewesen war und kurz davor stand, zu platzen. Am deutlichsten, so meint auch Hadi, erkennt man die ironische Diskrepanz mit Kinderaugen und dem Augenmerk auf genau diese Generation. Ein Kuchen für den Präsidenten ist kein Kinderfilm, dennoch lässt er das Drama einer scheinbar unmöglichen Aufgabe, an deren Ende bei Nichterfüllen drakonische Strafen stehen, mit einer unsentimentalen, ungestümen Abenteuerlichkeit passieren, die keine Zeit lässt, Prinzipien zu hinterfragen und schmerzlichen Verlusten nachzuhängen. Hier geht’s ums Überleben, das Behalten des Kopfes über Wasser – und um reichlich Improvisation.

Als Symbol der Verantwortung trägt Lamia stets einen Hahn mit sich herum, der in seinem Beutel vor sich hin gackert. Im Hintergrund tobt der Krieg, nur ein Wimpernschlag von einer gerade noch bezwingbaren Welt entfernt. Nur nicht blinzeln, sonst fallen die Bomben.

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)

Der Medicus 2 (2025)

EIN MÄRCHEN VOM MITTELALTER

5/10



© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: PHILIPP STÖLZL

DREHBUCH: STEWART HARCOURT, PHILIPP STÖLZL, CAROLINE BRUCKNER, JAN BERGER, MARC O. SENG, NACH MOTIVEN VON NOAH GORDON

KAMERA: FRANK GRIEBE

CAST: TOM PAYNE, EMILY COX, AIDAN GILLEN, ÁINE ROSE DALY, OWEN TEALE, LIAM CUNNINGHAM, EMMY RIGBY, SARA KESTELMAN, ANNE RATTE-POLLE, MALICK BAUER, FRANCIS FULTON-SMITH, ROSIE BOORE U. A.

LÄNGE: 2 STD 23 MIN



Noah Gordon hat Ende der Achtzigerjahre einen historischen Abenteuerroman mit dem Titel Der Medicus verfasst. Ein Bestseller, der, irgendwo zwischen Aladdin, Die Päpstin und Lawrence von Arabien, zumindest den Anspruch erhebt, mit realen historischen Figuren auskommen zu wollen, wenn schon Protagonist Rob Cole, der als Medizinstudent unter die lehrreichen Fittiche eines Gelehrten namens Avicenna gerät, in der Weltgeschichte nichts verloren zu haben scheint. Doch dagegen, da ist wirklich nichts einzuwenden. Zahlreiche historische Filme arbeiten auf diese Weise: Sie schaffen eine Identifikationsfigur, die es so nicht gegeben hat, einzig und allein, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen, um ihn mitfiebern und gleichzeitig lernen zu lassen, was zu dieser Zeit an diesem Ort an Geschichte wohl passiert sein mag.

Bezugspersonen durch die Geschichte

Frank Schätzings Roman Tod und Teufel zum Beispiel beschreibt das Köln der Frührenaissance akribisch genau und verwebt seine Antihelden in einen historischen Kriminalfall, den man auf diese Weise wohl noch nicht gelesen hat. Die Netflix-Serie The Last Kingdom setzt einen Universalhelden namens Uthred in das chaotische Geschehen Großbritanniens des neunten Jahrhunderts, um zahlreichen historischen Persönlichkeiten zu begegnen, die das frühe England geprägt hatten. Was dieser Serie dabei so grandios gelingt, ist, die Figur des Uthred nahtlos in das historische Geschehen einzuweben, um ihn danach daraus so zu entfernen, als wäre er eines aus den Fakten getilgtes Mysterium. Im Medicus war es immerhin der Gelehrte namens Avicenna, den es wirklich gegeben hat.

In der nun freien Fortsetzung, die auf keines der Arbeiten von Noah Gordon beruht, hat europäische Geschichte überhaupt keine Bedeutung mehr. Das einzige, woran wir uns orientieren können, ist England, das alte London, die Themse. Der Begriff Hakim taucht immer wieder auf, arabisch für Arzt und Gelehrter. Und damit war es das auch schon zum Thema Wissensvermittlung. Alles andere ist wild zusammenfabuliert, entbehrt jeglicher historischer Grundlage und setzt eine alternative vergangene Realität vor die Kamera, die ungefähr so relevant ist wie jene, die wir in Grimms Märchen entdecken.

Die früheren Leben des Sigmund Freud

Im Zentrum des konstruierten Bilderreigens an Mittelalterklischees steht abermals Rob Cole, der nach einem Sturm vor der Südküste Englands Schiffbruch erleidet und mit seinen Gelehrtenkollegen, einem Sohn im Arm und der Trauer ob seiner ums Leben gekommenen Geliebten versucht, im London des 11. Jahrhunderts Fuß zu fassen. Mit im Gepäck: Ein ledergebunder Wälzer mit allerhand neumodischem Gesundheitskram. Schließlich wissen wir: das alte Arabien war in so frühen Zeiten dem in Finsternis und Aberglauben dahinsiechenden Europa mehrere Nasenlängen voraus. Damit einhergehend drängt Cole das Bedürfnis, Gesundheit leistbar werden zu lassen, und zwar für jede und jeden, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß. Das alles natürlich ohne Versicherung, ohne Selbstbehalt, ohne Bereicherung der Gesundheitskasse. Mit dieser Einstellung stößt Cole bei der Gilde der Mediziner auf Missfallen. Und nicht nur dort: Auch des Königs sinistre Gattin Mercia, die sich so nennt wie ein ganzes Königreich, hat wenig Lust daran, denn kranken Monarchen gesund zu sehen. Cole gelingt es aber, diesen zu heilen und überdies noch die einzig würdige Thronerbin Ilane (womöglich abgeleitet von Insane) aus ihrem Siechtum zu befreien. Das tut er mit erstaunlicher Kenntnis über Psychotherapie und selbiger Analyse, zum damaligen Zeitpunkt eher nicht wirklich State of the Art, es sei denn, Freud wäre durch die Zeit gereist.

Konventionelles in schönen Bildern

Es entspinnt sich ein pittoresk-biederes Märchen aus den Überbleibseln einer zugestandenen Geschichtsschreibung, von versteckten Königstöchtern, integren Herrschern, die Vernunft walten lassen wollen, dies aber nicht können, weil Intrigen, wie einst in Game of Thrones, alles zersetzen. Apropos Game of Thrones: Philipp Stölzl weiß, wie er sein Publikum ins Kino bringt. Er besetzt ganz einfach die eine oder andere Rolle mit bekannten Gesichtern aus dieser Jahrhundertserie, darunter Liam Cunningham als Märchenbuchkönig und natürlich „Kleinfinger“ Aidan Gillen, der den Intriganten aus dem FF beherrscht. Auch Emily Cox, die in eingangs erwähnter Serie The Last Kingdom eine tragende Rolle spielt, will auch hier in gelangweilter Bösartigkeit die Macht an sich reißen. Diesen Leuten sieht man schließlich gerne zu, auch wenn sich die Handlung allzu sehr in konventionellen Bahnen bewegt und mit einer Vorherhsehbarkeit klarkommen muss, da scheinen selbst Rumpelstilzchen und Co mit Storytwists nur so um sich zu werfen. Wie Stölzl und sein Postproduktionsteam es aber zustande bringt, Der Medicus 2 mit solch epischen Bildern zu illustrieren – vorrangig vom frühmittelalterlichen London – ist bemerkenswert. Schön anzusehen ist das ganze ja durchaus, die pure Erfindung des Mittelalters aber eine bittere Enttäuschung.

Der Medicus 2 (2025)

The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

Amrum (2025)

FÜR EINE HANDVOLL HONIG

8/10


© 2025 Warner Bros. / mathiasbothor.com


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: FATIH AKIN

DREHBUCH: FATIH AKIN, HARK BOHM, NACH DESSEN ERINNERUNGEN

KAMERA: KARL WALTER LINDENLAUB

CAST: JASPER BILLERBECK, KIAN KÖPPKE, LAURA TONKE, DIANE KRUGER, DETLEV BUCK, LISA SAGMEISTER, STEFFEN WINK, LARS JESSEN, TONY CAN, MAREK HARLOFF, DIRK BÖHLING, JAN GEORG SCHÜTTE, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Erst vor wenigen Tagen verstarb Hark Hermann Bohm im Alter von 86 Jahren. Ich muss gestehen: bevor Fatih Akin mit seinem neuen Film über die Kindheit desselbigen in den Kinos startete, konnte ich diesen Namen nur relativ ungenau zuordnen. Mittlerweile habe ich auch diese Wissenslücke in Sachen deutscher Filmgeschichte geschlossen: Das Allroundgenie war nicht nur Filmemacher mit der dichtesten Schaffensperiode in den Siebzigern, sondern auch Schauspieler seit den Sechzigern (unter anderem bei Rainer Werner Fassbinder) und später Drehbuchautor für Fatih Akins Werke Tschick oder Aus dem Nichts. Sein wohl bekanntester Film: Nordsee ist Mordsee. Gut, wieder was dazugelernt. Und was wir bei Amrum noch dazulernen, ist, wie es sich als Kind angefühlt hat, das Ende des Zweiten Weltkriegs mitsamt seiner Nazi-Despotie nur peripher, aber vor allem im Spiegel der Eltern, mitzuerleben.

Krieg und Frieden durch Kinderaugen

Dieser Dreikäsehoch war Hark Bohm, da haben wir ihn wieder, und er hätte wohl selbst diesen Film über sich selbst inszeniert, hätte er nicht angesichts seines fortgeschrittenen Alters klein beigeben müssen. Fatih Akin, Bohms guter Freund, hat sich dieser Sache angenommen und selbst Regie geführt, im Beisein Bohms und nach dessen Drehbuch. denn niemand sonst hätte all diese Details im Kopf gehabt, um einen Umbruch zu beschreiben, der mit Magie, Neugier, Tradition und kindlichem Pragmatismus so sehr einhergeht, dass man glauben könnte, die gute Christine Nöstlinger, die mit Maikäfer flieg! ähnliche Erinnerungen zu Papier gebracht hat, ließe sich von einem wie Taika Waititi inszenieren, auf dessen Kappe das wiederum ganz andere, aber von der Tonalität her durchaus verwandte Meisterwerk Jojo Rabbit geht.

Die Erwachsenen verstehen lernen

Amrum reiht sich in diese verspielten, allerdings ernsthaften, aber niemals im Kummer endenden Betrachtungen auf Augenhöhe junger Heranwachsender so nahtlos ein, dass man diesen hier als inoffizielle Themenfortsetzung von Waikiki und Nöstlinger betrachten könnte, nur eben mit dem inseldeutschen Kolorit jener Menschen, die tagein tagaus mit dem Salz, den Wellen, dem Sand und den Gezeiten leben, die sich mitunter im friesischen Dialekt namens Öömrang unterhalten und eine lakonische Zähigkeit und Resilienz an den Tag legen, dass es zum gestandenen menschelnden Erlebnis wird. Allerdings haben nicht alle ihren stolzen Überlebenswillen hier draußen auf der friesischen Insel – Nannings Mutter hat ihn nicht. Die war Zeit ihres Lebens davon überzeugt, dass Adolf Hitler stets das richtige getan hat. Und als dann das Ende des Krieges und das Ende des Diktators kam, brach für die gute Frau (gespielt von Laura Tonke) eine Welt zusammen. Wie denn den Kummer der Erwachsenen tilgen, fragt sich der kleine Nanning (so Bohms Alter Ego), und findet letztlich die Konklusio, dass nur ein Weißbrot mit Butter und Honig wieder ein Lächeln auf die Lippen von Mama zaubern könnte. So stürzt er sich ins Abenteuer, um das zu beschaffen, was in Zeiten wie diesen rarer nicht sein kann. Vom Bäcker geht’s zum reichen Onkel, von dem zur Imkerin, querfeldein, über Wege, über Äcker und durchs Inseldorf mit dem prägnanten Kirchturm. Der Vater als Obersturmbannführer weit weg im Krieg, der Onkel (Matthias Schweighöfer) in Amerika die Illusion einer besseren Welt. Das Glück der Mutter das Ziel aller Bestrebungen.

Planet Amrum

Fatih Akin ist auch nicht unbedingt einer, der nur ein Thema kann. Vom leichten Sommerroadmovie Im Juli geht’s bis zum verstörenden Serienkillerhorror Der goldene Handschuh, dazwischen fährt Sebil Kekili Gegen die Wand und wird Diane Kruger zum Racheengel. Akin verliert sich dabei aber nie in klebriger Schwermut, sondern hält seine Arbeiten stets in Bewegung, damit sie Raum zum Atmen haben. Frische Luft tanken alle seine Filme, und ganz besonders Amrum. Für diese tiefe Verbeugung vor seinem Mentor, Lehrer und Freund schuf der Filmemacher ein faszinierend unbekümmertes und zugleich berührendes und die Geschichte niemals ignorierendes Abenteuer eines kindlichen Reifungsprozesses von verträumter Weltanschauung bis zur ergriffenen Initiative, bis zum Projekt des Überlebens und der Nächstenliebe. Amrums Charaktere sind jeder für sich unverkennbare Figuren, wettergegerbte Fischer; aufmüpfige, aber herzensgute Bauern, nach vorne blickende Überlebenskünstlerinnen und künstler, die den Krieg als eine Erscheinung erkennen, die ein Weitermachen niemals in Frage stellen würde – auch wenn es bedeutet, alles hinter sich zu lassen. In diesem Spannungsfeld läuft der ungestüme Jasper Billerbeck durch eine denkwürdige Zeitenwende, um für eine Handvoll Honig sein eigenes, liebevoll ausgestaltetes und weniger dämonisches Pans Labyrinth zu schaffen, voller Proben aufs Exempel, Erfahrungen und Weisheiten fürs Leben, die sich erstmal nicht als solche offenbaren.

Erinnerungen als Grundstein des Ichs

Amrum ist ein Werk voll Leichtigkeit und Schwere zugleich, verpackt in rustikalen, wunderschönen Bildern eines rauen, aber ehrlichen Fleckens Sand, Schlamm und Erde. Tragikomisch wäre aber fast zu einfach, viel mehr ist die Improvisationsgabe eine aufgeweckten jungen Geistes, der so gut wie alles mit anderen Augen sieht, so erfrischend, als wäre Nostalgie und Erinnerung essentiell dafür, nach vorne zu blicken, zuversichtlich, egal was kommt. In diesem Fall auf ein schillerndes (erfülltes) Leben wie das des Hark Bohm.

Amrum (2025)

In die Sonne schauen (2025)

VEREINT IN DER ZEIT

9/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: MASCHA SCHILINSKI

DREHBUCH: MASCHA SCHILINSKI, LOUISE PETER

KAMERA: FABIAN GAMPER

CAST: HANNA HECKT, LEA DRINDA, LENA URZENDOWSKY, LAENI GEISELER, SUSANNE WUEST, LUISE HEYER, FLORIAN GEISSELMANN, GRETA KRÄMER, ZOË BAIER, CLAUDIA GEISLER-BADING, GODE BENEDIX U. A.

LÄNGE: 2 STD 29 MIN


Mascha Schilinski war da. Ganz leger in Mantel, Haube, Schal, als wäre sie lediglich in der Fluktuation der Besuchenden Gast einer Vernissage, dessen Bilder längst nicht die ihren sind. Ob sie ihrem Publikum noch etwas sagen wolle, bevor ihr Film beginnt, stellt die Moderatorin der Viennale nach kurzer Begrüßung die letzte Frage. Einfach treiben lassen, reinfallen lassen, sehen, was kommt, so die Antwort. Nicht das offensichtlich Verworrene hinterfragen, keine Verwandtschaftsverhältnisse, kein Warum oder Weshalb. Einfach wahrnehmen. Dann, nur dann, und das dann garantiert, bekommt In die Sonne schauen Struktur, erkennt man Muster, einen gewissen Rhythmus, dafür sollte man aber seinen Geist öffnen, zulassen, Vorurteile hintanstellen, Erwartungen sowieso gar nicht erst gehabt haben. Und so habe ich mir diese letzten Worte zu Herzen genommen, habe mich zurückgelehnt, die Augen und Ohren geöffnet, meine Sinne auf Empfang justiert, mich sozusagen in eine meditative Vorstufe begeben.

Die Mathematik einer narrativen Sprengung

Das darauffolgende Eintauchen im Schilinskis vielfach prämiertes Opus Magnum – und ja, das ist es auf alle Fälle – ist wie der Besuch in einem fremden Land, das Hineingleiten in einen Fluss, das Erspüren des Waldbodens mit bloßen Füßen. Es riecht nach alten Möbeln, nach Heu, nach Schweiß, nach Tod. Nach Pflaumen, Sommersonne und Blut. Was Ludwig Ganghofer, Ludwig Anzengruber, Franz Innerhofer und Robert Schneider schon immer hätten schreiben wollen, ist Mascha Schilinski mit ihrer Co-Autorin Louise Peter über Jahre hinweg gelungen: Einen Zeit und Raum sprengenden Heimatfilm, der sich von allem bisher Dagewesenen abwendet, um nichts in der Welt einem Genre zugeordnet werden möchte und womöglich selbst durch ein intuitives Erspüren der Dinge und Wesenheiten überhaupt erst entstanden ist. Gleichermaßen aber erfordert eine Struktur wie diese, die in In die Sonne schauen sichtbar wird, fast schon mathematische Genauigkeit. Beides zusammen in ein sich gegenseitig begünstigender Widerspruch, der im Betrachten dieser metaphysischen Chronologie etwas bewegt.

Hin und hergerissen

Pauschalisiert gesehen sind es Emotionen, und zwar nicht nur solche, die sich dem Gezeigten gegenüber wohlwollend verhalten. Mitunter ist es Ablehnung, da ich vermutet hatte, dass Schilinskis Anspruch, Filmkunst zu verwirklichen, diesem Zweck genügt und nicht mehr. Manchmal bin ich wütend, dann verwirrt, verstört – ein Entwicklungsprozess tritt in Gang, der, betrachtet man das Konzept des Films, genau so gewollt war. Das Wechselbad der Empfindungen spiegelt sich in der Gesinnung dieser Frauen, zeitlich auseinandergerissen in vier Epochen, weit voneinander entfernt, physisch vielleicht, aber nicht psychisch, denn da schlagen die vier Episoden ihre Brücken zueinander, ziehen sich gegenseitig an und verschmelzen zu einem ineinander verschachtelten Mosaik aus Szenen, die je nach Lichteinfall einmal nur die einen, dann wieder die anderen Steine sichtbar werden lassen, je nach Schliff, je nach Tonalität.

Diese vier Epochen erscheinen in ihrer Gleichzeitigkeit, von den Jahren des Ersten Weltkriegs über das bittere Ende des zweiten Krieges an den Achtzigerjahren vorbei bis in die Gegenwart. Vier weibliche Persönlichkeiten stehen da an der Schwelle eines Umbruchs, einer Offenbarung, eines Paradigmenwechsels. Schauplatz ist stets ein altmärkischer Vierkanthof, die Zeiten und ihre Lebensweisen können unterschiedlicher nicht sein. Umso auffallend aber das, was die vier Menschen miteinander verbindet – manch Worte, das Vergängliche, die Ahnung von etwas größerem Ganzen, vielleicht den eigenen Ahnen.

Ein Donnern durch die Zeit

Wie klingt der Urknall, hat sich Schilinski gefragt, als sie nach dem Film über die bedeutende Ebene der Klangwelten spricht. Etwas Gewaltiges ist im Gange, das Grundrauschen des Universums, das Dehnen physikalischer Gesetze, die, begleitet von einem gepeinigten Wummern, den Wechsel zwischen den Existenzblasen ermöglicht. Das Experimentelle des Tons findet seine Entsprechung in der experimentellen Visualisierung abstrakter, sinnlicher Wahrnehmungen, zwischen Unschärfen, entsättigten Traumsequenzen und alternativer Visionen.

Das Durchbrechen der vierten Wand führt dazu, dass wir uns angesprochen fühlen, doch vielmehr ist es das Durchbrechen der den Figuren eigenen zeitlichen Dimension, um in eine andere zu blicken, nur einen kurzen Augenblick – um gewahr zu werden, dass die Zeit dich nicht trennt von denen, die da waren und jenen, die noch werden. In die Sonne schauen wird fast schon zu einem Spukfilm, ein Geisterreigen, stets begleitet von einer gewissen folgenschweren, melancholischen Düsternis. Auch der Tod als epigenetischer Übergang in eine andere Existenz ist nicht die einzige Naturgewalt, die Schlussstriche zieht. Da ist noch etwas anderes, diese Gleichzeitigkeit. Zeit ist in Schilinskis Film ein abstrakter Begriff, eine verschiebbare Trennung, ein Kreislauf, wie in Denis Villeneuves Science-Fiction-Film Arrival. Überrumpelt stelle ich fest, dass In die Sonne schauen letztendlich zu einer oszillierenden, ständig in Bewegung befindlichen, bahnbrechenden Erfahrung von Film geworden ist – eine audiovisuelle, symphonische Anordnung als wohl ungewöhnlichstes Werk im Rahmen der Viennale und vielleicht auch des Jahres. Am Ende hat Schilinskis völlig recht mit ihrer Empfehlung. Antennen öffnen, Sinne schärfen, Film hineinlassen. Am Ende, den Boden unter den Füßen verlierend, sieht man klar.

In die Sonne schauen (2025)