First Cow

WALKING ON THE MILKY WAY

7/10


firstcow© 2021 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: KELLY REICHARDT

BUCH: KELLY REICHARDT & JONATHAN RAYMOND, NACH SEINEM ROMAN

CAST: JOHN MAGARO, ORION LEE, RENE AUBERJONOS, TOBY JONES, EWAN BREMNER, SCOTT SHEPHERD, GARY FARMER U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht. Bertold Brecht hat in seiner Dreigroschenoper mit Sicherheit etwas ganz anderes damit gemeint als ich es hier in Verbindung bringen will. Das Licht am Tage und in der Nacht macht sich Kelly Reichardt in ihrem besonders eigentümlichen Western nämlich auf diese Art zunutze. Denn Reichardt arbeitet mit den Mitteln, die ihr der Tag und die Nacht zur Verfügung stellen. Künstliches Licht gibt’s keines. Wenn es Nacht ist, ist es Nacht. Und wenn selbst der Mond nicht scheint, lässt uns die Regisseurin im Dunkeln. Doch im Dunkeln lässt sich so einiges anstellen. Wie zum Beispiel Kühe melken. Die Besinnung auf das, was von vornherein zur Verfügung steht, lehnt sich fast schon an die dänische Künstlerinitiative Dogma95 an, in denen Lars von Trier und Thomas Vinterberg ohne technischen Schnickschnack denkwürdige Filme machten. Reichardt geht den Weg weiter, Richtung Oregon. Dort, wo es nach Herbstlaub und feuchtem Waldboden riecht, wo einem der Duft von Pfifferlingen förmlich in die Nase steigt. Wir, die den europäischen Wald quasi vor der Tür haben, können da leicht auf eine Geruchsdatenbank zurückgreifen. Schon wird First Cow zu einem hautnahen Pirschen durchs Unterholz. Dann, auf einer nahen Lichtung, notdürftig zusammengeschusterte Holzhütten, Tendenz Bretterverschlag, glimmende Kochstellen, rückkehrende Jäger mit geschulterter Beute.

Wir schreiben das Jahr 1820, westlichste Provinz, tief in den Wäldern. Der Vagabund Cookie Figowitz (John Magaro, u.a. The Umbrella Academy, The Big Short) zieht mit einer Gruppe Pelzjäger durch den Forst. Es sind die denkbar schlechtesten Zeiten für Biber. Aus aller Welt kommen die Menschen hierher, um ihr Glück zu versuchen. Sind es keine Biber, dann lockt das Gold. Oder eine andere Quelle, denn die scheinen unbegrenzt. Aus nichts kann alles entstehen. Man braucht nur Geschick. Oder eine Fügung des Schicksals. Letzteres scheint Figowitz zu widerfahren, da er eines Nachts auf den Flüchtigen Chinesen King Lu stößt. Er gibt dem Hungernden Essen, etwas zum Anziehen und einen Schlafplatz. Klingt fast schon nach Heiligem Martin. Einige Zeit später treffen beide abermals aufeinander, es ist Freundschaft (nicht Liebe) auf den zweiten Blick. Fu und Figowitz tun sich zusammen, hängen ihren Träumen von Ruhm und Reichtum nach, und haben tatsächlich auch eine brillante Geschäftsidee auf Lager. Wie wäre es, für Erste mal mit frittierten Backwaren die dörfliche Marktlücke zu schließen? Figowitz, gelernter Koch, kann das. Was allerdings fehlt, ist Milch. Kühe sind rar in der Gegend, einzig der Dorfchef hat eine auf der Wiese stehen. Die des Nächtens ja gemolken werden kann.

Wir kennen alle diese gehaltvollen Mehlspeisen – auch bekannt als Gebackene Mäuse, nur ohne Hefe. Löffelweise in kochendes Öl getaucht, sind diese Leckereien außen knusprig, innen weich. Nach dazu mit Honig bestrichen und mit Zimt bestreut – und die Dinger gehen weg wie die warmen Semmeln. Ein Western, indem es ums Backen geht? Nur bedingt. Ein Western, indem sich um zwölf Uhr mittags niemand auf die Straße stellt, um die Rechnung zu begleichen? Mit Sicherheit. First Cow trollt mit dem Tempo eines lange unterwegs Gewesenen aus der Reihe herkömmlicher Versatzstücke und versucht, auf Grundlage des Romans von Jonathan Raymond, etwas ganz anderes zu erzählen. Eine Geschichte über Pläne, Ideen und Potenzial. In einem Land, das keine Grenzen kennt, dass so wild und unerschlossen scheint, als wäre hier jeder, der diese Breitengrade erreicht, ein Pionier. In diesem nach Kälte, Holz und Feuer riechenden Niemandsland, indem nebst Vertreter aus aller Herren Länder in völliger Entspanntheit die indigene Bevölkerung einen Teil der Gesellschaft bildet, ist der Wilde Westen ein Ort des erschöpften Durchatmens und Durchstartens. Kelly Reichardt ist zudem nicht zum ersten Mal in dieser Gegend. 2010 verschlug es schon Michelle Williams auf den Meek’s Cutoff, ebenfalls nach einem Drehbuch von Raymond. Nun, im Bundesstaat angekommen, erzählt sie in ihrem bereits 2019 produzierten Film die karge Geschichte einer kleinen, aber verhängnisvollen Gaunerei, konzentriert sich aber lieber auf ihre bemerkenswerte Fähigkeit, Impressionen aus vergangenen Zeiten einer fotografischen Galerie gleich zur atmenden, kuriosen und exotischen Bühne ihres Dramas zu machen. First Cow ist eine Reise in eine konsequente Finsternis, die naturbedingt Teil einer Welt ist, die sich der Mensch urbar macht.

First Cow

Wir wollten aufs Meer

ZWISCHEN UNS DIE DIKTATUR

5,5/10


wirwolltenaufsmeer© 2012 The Wild Bunch

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2012

REGIE: TOKE CONSTANTIN HEBBELN

CAST: AUGUST DIEHL, ALEXANDER FEHLING, RONALD ZEHRFELD, SYLVESTER GROTH, THAO VU, ROLF HOPPE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Da ist was faul im Spitzelstaat. Natürlich – das ganze Bespitzeln selbst und all die mittlerweile von Nordkorea abgepausten Regeln einer politischen Ordnung, in welcher voll Stolz zum Gehorsam gezwungen wird. Freiheit sieht ganz anders aus. Ein bisschen davon ließe sich ja sogar auf den Weltmeeren zurückholen. Immerhin gab es den Schiffsverkehr selbst in der kommunistischen DDR. Doch auf ein Schiff kommt nur, wer hinter den politischen Ideen steht, wer für die Stasi eine weiße Weste hat und auch sonst in keiner Weise in den Westen schielt. 

In diesem Dunstkreis aus Verrat, Versuchung und ideologischer Andacht versuchen die beiden Freunde Cornelis und Andreas immer und immer wieder, eine Lizenz für die Seefahrt zu erhalten. Allein: man traut ihnen nicht. Es sei denn, sie bewähren sich dabei, Regimegegner mit Fluchtgedanken auf frischer Tat zu ertappen. Das geht mit Abhörgeräten unter dem Jackett ganz gut, und das eigene Gewissen macht dem Willen zur Selbstverwirklichung großzügig Platz. Bis die ganze Sache ans Licht kommt – ein gute Bekannter ans Messer geliefert wird und Andreas beim Streit mit seinem Buddy unter die Räder gerät. Die Wut im Buch ist auch danach nicht verschwunden, der Blick aufs Meer allerdings schon. Und die beiden Brüder im Geiste finden sich an beiden Enden der Nahrungskette wieder. Der eine bespitzelt und denunziert, der andere plant die Flucht.

Toke Constantin Hebbeln hat hier ganz großes, historisches Kino vorgehabt. Mit allem, was die versunkene DDR-Diktatur an grotesker Dramatik so hergeben kann. Mit Freundschaft und Feindschaft, mit Flucht und Gefängnis. Mit Verrat und Wiedergutmachung. Es fühlt sich an wie das mehrere tausend Seiten starke Prosa-Werk eines Epenschreibers – eines ausdauernden Autors, der die Dichte und Brisanz eines Krieg und Frieden-Romans in die mausgraue Nüchternheit einer spaßbefreiten Normenhölle zwängt. Altbackene Tapetenfronten, olivgrüne Uniformen und zigarettengegerbte Visagen gönnerhaft-jovialer Schreckgespenster, die den systematischen Anstand exekutieren, erfüllen die Stereotypen einer verblichenen und gleichsam immer noch lebhaft im Gedächtnis gebliebenen Ära. In identem Abstand zueinander: das Schauspielerdreieck August Diehl, Alexander Fehling und Roland Zehrfeld. Drei differente Charaktere, so wie The Good, the Bad and the Ugly, nur viel aufgeräumter, viel norddeutscher.  Zusammengenommen bieten alle drei die Lösung ihrer Existenzprobleme auf ihre Weise, und zusammengenommen birgt Wir wollten aufs Meer so viel Stoff, dass es für drei Filme vollauf gereicht hätte. Regisseur Hebbeln, der mit seinem Spielfilm Nimmermeer den Studenten-Oscar der Academy erringen konnte, wollte für sein Regiedebüt alles – hat aber letzten Endes nur die Hälfte davon hochwuchten können. Sein Film ist stellenweise enorm überladen und verlässt sich dabei viel zu oft auf emotional recht plakative, allerdings wirksame Klischees, die das etwas konfuse Netzwerk aus Abhängigkeiten und Beziehungen richtungsmarkierend einfärben. Hat zum Beispiel Florian Henckel von Donnersmarck in seinem Drama Das Leben der Anderen durch geschickte Reduktion die infamen Praktiken des Geheimdienstes extrahiert, will Hebbeln allem zugleich hinterherjagen. In manchen Szenen holt er sein Soll auch ein, dank seiner drei engagierten Stars, die wirklich nichts anbrennen lassen, die aber manchmal aufgrund der dürftigen Akustik, gepaart mit deutschem Slang, schwer zu verstehen sind. Alles in allem also eine etwas mühsame, aber fraglos engagierte Angelegenheit.

Wir wollten aufs Meer

The Best of Enemies

DURCHS REDEN KOMMEN D‘ LEUT‘ ZAM

7/10


thebestofenemies© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: ROBIN BISSELL

CAST: TARAJI P. HENSON, SAM ROCKWELL, WES BENTLEY, BABOU CEESAY, ANNE HECHE, BRUCE MCGILL, JOHN GALLAGHER Jr. U. A. 

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Was tun eigentlich rechtsorientierte, fremdenfeindliche Idealisten, wenn sie im Laufe ihres gesellschaftspolitisch vorgeprägten Lebens plötzlich überzuckern, dass die andere Seite es besser weiß? Dass die Sache mit der Rassentrennung vielleicht doch nicht so Hand und Fuß hat? Was tun diese Leute eigentlich in Anbetracht eines sozialen Umfelds, das zur Gänze aus einem meinungspolitisch festgefahrenen Dunstkreis kommt? Würden Sie zugeben, manchmal anderer Meinung zu sein? Zu viel stünde auf dem Spiel – das gesamte mühsam errichtete soziale Netzwerk, alle Freunde und vielleicht gar Fans könnten Quergedachtes durchaus übel nehmen. Also schauspielern bis zum Selbstverrat? Natürlich, denn es gehört viel zu viel Mut dazu, um sich aus formelhaftem Gedankengut, kolportierten Vorurteilen und einer sich selbst aushöhlenden Vereinsghettoisierung herauszukämpfen.

Diese hier vorliegende True Story ist ein Beispiel dafür, wie leicht es passieren kann, sich dennoch vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Wer würde da gut in die Rolle des Ku Klux Klan-Obmanns passen, der plötzlich mit den verhassten Schwarzen zusammenarbeiten muss? Natürlich Oscarpreisträger Sam Rockwell. Ein guter Mann. Nicht leicht einzuordnen, nicht zwingend der Gute, auch nicht zwingend der Böse. Vielleicht aber wohl einer der ausdrucksstärksten Identifikationsfiguren des amerikanischen Kinos, als einer, der gut und gerne sein Weltbild adaptiert. Das war bei Duncan Jones´ Moon schon so. Das hat er als rassistischer Bulle in Three Billboards outside Ebbing, Missouri ebenso wunderbar ausformuliert. Und da zeigt er nun auch in The Best of Enemies überzeugend, wie es ist, sich nochmal neu überzeugen zu lassen.

Die Sache ist nämlich die: ein Brand in einer Schwarzen-Schule in Durham führt dazu, dass jene Rassenklassen in eine Weißenschule integriert werden müssten. Prinzipiell mal bedarf dieser Umstand keinerlei Diskussionen. Jedoch befinden wir uns hier Anfang der 70er Jahre und Durham ist nun mal ein rassistisch angehauchtes Pflaster, auf dem der sogenannte Klan sein Unwesen treibt und der Bürgermeister mit diesen noch dazu unter einer Decke steckt. Ein Jurist muss her – der wiederum initiiert ein sogenanntes Charette-Verfahren. Noch nie davon gehört. Dank des Films weiß ich jetzt: Diese Planungsmethode dient zur Stadtentwicklung mit direkter Beteiligung der Bürger. Das heisst: es wird abgestimmt, ob die Zusammenlegung nun stattfindet oder nicht. Auf der einen Seite steht als Co-Vorsitzender Sam Rockwell alias C.P. Ellis, auf der anderen Seite Aktivistin Ann Atwater, aufbrausend, tobsüchtig und resolut bis dorthinaus. Beide haben ihr Team, beide schenken sich nichts.

Dieser Fall ist natürlich ein schwer umzusetzender, durchaus trockener Filmstoff. Wie daraus eine spannende Chronik der Ereignisse extrahieren? Überraschenderweise funktioniert der über 2 Stunden lange Film nach einigen Anfangsschwierigkeiten, bei dem ein gewisses Dahinplätschern zu verorten ist, letzten Endes tatsächlich. Wird gar packend. Und das, ohne groß auf den plakativen Konflikt zwischen Schwarz und Rechtaussen Weiß zu setzen. Natürlich – um zu verdeutlichen, mit wem wir es hier zu tun haben, dürfen die ruchlosen Methoden des Klans nicht unerwähnt bleiben. Regisseur Robin Bissell aber spart sich den Zeigefinger und widmet seine fast schon unparteiische Hymne viel mehr der erhellenden Macht eines diplomatischen Gesprächs. Durchs Reden kommen d‘ Leut zam – sagt man. Durch Begegnungen können Meinungen auch revidiert werden. The Best of Enemies ist vielmehr die Entstehungsgeschichte einer unmöglichen Freundschaft, entworfen als lokales Polittheater. Dabei legt sich Taraji B. Henson (oscarnominiert für Finchers Benjamin Button) für ihre Glaubwürdigkeit als aufstampfende Supermama voller Inbrunst ins Zeug. Auch für eine zweite Chance, die jeder bekommen sollte. Und sei er auch noch so sehr der Feind.

The Best of Enemies

Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution

WAS FRAUEN WOLLEN

7/10


misswahl© 2020 eOne Germany


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, AUSTRALIEN 2020

REGIE: PHILIPPA LOWTHORPE

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, JESSIE BUCKLEY, GUGU MBATHA-RAW, GREG KINNEAR, RHYS IFANS, LESLEY MANVILLE, SUKI WATERHOUSE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Wer ist die Schönste im ganzen Land? Diesen Umstand im Rahmen einer Gala fürs Establishment zu zelebrieren, ist nicht das eigentliche Problem. Schönheit, so subjektiv sie auch sein mag, muss sich nicht verstecken. Das wirkliche Problem, mit dem die Frauenrechtlerinnen Anfang der Siebziger Jahre und auch heute noch zu kämpfen haben, ist der Umstand, dass diese Frauen eben nur als das gesehen werden: als reizvolle Objekte mit den richtigen Maßen und Kurven. Das, finden diese anderen Frauen, ist einfach zu wenig. Ist vielleicht gut, aber zu wenig. Gleiche Chance für das weibliche Geschlecht in Beruf, Bildung und Karriere wäre wichtiger: da lässt sich selbst heute noch ordentlich dran feilen – wie prekär muss die Lage  wohl vor 50 Jahren gewesen sein? Da hieß es: nichts wie raus auf die Straße und demonstrieren. Aufstehen für etwas, das endlich mal Sinn macht.

Das britische BBC Entertainment, das ja stets eifrig dabei ist, historische Biographien und ebensolche Wendepunkte kinematographisch aufzubereiten, um so Unterhaltung und Allgemeinwissen für das filmaffine Volk zu kombinieren, nimmt sich mit Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution (besserer Titel wie so oft im Original: Misbehaviour) den Aktionismus medienwirksamen Ungehorsams zur Brust, indem Regisseurin Philippa Lowthorpe jene Ereignisse nacherzählt, die dem wütenden Zwischenfall bei der Miss World Zeremonie 1970 vorausgegangen waren (Keine Sorge: das Happening selbst bekommt sehr wohl auch seine Sendezeit). Die Misswahl beobachtet auf mehreren Fronten gleichzeitig – insgesamt sind es vier. Da wäre die Storyline rund um Entertainer Bob Hope (großartig herablassend und gleichzeitig charmant: Greg Kinnear), der letzten Endes auf der Showbühne die meiste Häme kassiert. Da wäre die Storyline rund um den Miss World-Organisator Eric Morley, gespielt von Notting-Hill-Faktotum Rhys Ifans als geschäftiger Allrounder. Da wäre die Storyline rund um Gugu Mbatha-Raw als Grenadas Schönheitsgöttin und eben jene um Keira Knightley sowie die draufgängerische Jessie Buckley, die anfangs das eine und das andere Ende der Frauenbewegung bilden, letzten Endes aber an einem Strang ziehen, wenn die Katze aus dem Sack soll. Ein klug gecastetes Ensemble vereint sich um ein straffes Script, dessen Szenen richtig getimt und genau da sind, wo sie hingehören 

Die Misswahl überlässt als zeitgeschichtliche Chronik natürlich nichts dem Zufall – wie denn auch. Die Fakten stehen geschrieben, das ist es nur gut und recht, ihnen auch emotional und wohlrecherchiert gerecht zu werden – künstlerische Freiheiten außen vorgelassen, die müssen sein, sonst wär´s recht trocken. Was Die Misswahl sicher nicht ist. Vielmehr ein kluges Panoptikum aus eigenwilligen Patriarchen, dem schillernden Showbiz und nachhaltigen Mutmacherinnen.

Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution

Die Ausgrabung

NACH DEM LEBEN GRABEN

6,5/10


dieausgrabung© 2021 Netflix


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: SIMON STONE

CAST: CAREY MULLIGAN, RALPH FIENNES, LILY JAMES, JOHNNY FLYNN, BEN CHAPLIN, KEN STOTT, MONICA DOLAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Es muss nicht zwingend ein mittelalterlicher Abenteurer mit Schlapphut und einem goldenen Artefakt unter dem Arm, der vor einer rollenden Granitkugel davonläuft, der Inbegriff eines leidenschaftlichen Archäologen sein. Und Archäologie ist auch nicht nur dann spannend, wenn magische Artefakte lebensbedrohlich vor sich hin wabern. Nein – Archäologie ist gerade in ihrer präzisen Nüchternheit am spannendsten, und dann am packendsten, wenn man von den Gesichtern der Grabenden ablesen kann, dass gerade etwas einmaliges und überhaupt Großartiges passiert ist. Von solchen Szenen kann man sich im erst kürzlich auf Netflix veröffentlichten Film Die Ausgrabung begeistern lassen.

Besser noch ist, dass Simon Stones Film auf wahren Begebenheiten beruht, aus einer Zeit, in der Großbritannien zum Krieg gegen den deutschen Feind rüstet. Umso tragender das Ansinnen, nach den eigenen Wurzeln zu graben. Was dann ja auch stattfindet, und zwar auf dem Grundstück der wohlhabenden Witwe Edith Pretty (zerbrechlich: Carey Mulligan), die den seltsamen Erdhügeln auf ihrem Gelände endlich mal auf den Grund gehen will und dafür den Archäologen Basil Brown engagiert. Der, selbst schon ein wie aus Lehm geformter Wissenschaftsgolem, legt nach anfänglichen Schwierigkeiten ein Artefakt frei, dass bis vor die Zeit der Wikinger zurückreicht. Während sie buddeln und buddeln, wird Ediths Gesundheitszustand immer schlechter, der Krieg beginnt und das British Museum schlägt bald auf, um das Projekt am besten gestern übernommen zu haben.

Neben Ralph Fiennes differenzierter und verhaltensspezifischer Darstellung eines nerdigen Wissenschaftlers im Tweed ist vor allem der Erzählstil des Films durchwegs konsequent angewandt und sehr bemerkenswert. Das liegt vor allem und erstens an den unkonventionell komponierten Bildern des Kameramanns Mike Eley (u. a. The White Crow, Die Frau, die vorausgeht). Selten sind die Figuren zentral platziert, selten wendet Eley bildkompositorisches Grundschulwissen an, sondern schafft vor allem Raum für Fiennes, Mulligan und Co, ganz viel Raum und Himmel und extra viele Schichten Erde. Die Personen scheinen wie Gäste zu kommen und zu gehen, zufällig im Bild zu sein, während das Abtragen der Menschheitsgeschichte das eigentliche Leben schmerzhaft endlich werden lässt. Zweitens ist die indirekte Bildrede immer wiederkehrend, fast schon zu dominant, manchmal irritiert es, wenn das Gesprochen nicht den Gesichtszügen der Schauspieler entspricht. Manchmal aber passt es perfekt, um den inneren Monolog zu unterstreichen. Drittens ist das rotbraune bis ockerfarbene Kolorit für einen Film, indem es ums Wegschaufeln von rotbrauner bis ockerfarbener Erde geht und vieles immer wieder im Matsch versinkt, natürlich ideal gewählt. Nach diesem Film ist man glatt versucht, die viele Erde unter den eigenen Fingernägeln hervorzupulen.

Weniger notwendig wäre die Romantisierung des Films gewesen, sie mit einer recht banalen Liebesgeschichte zu ergänzen, die Lily James hier durchlebt, um dem ganzen Szenario mehr die Attitüde eines Melodrams zu verleihen. Muss gar nicht sein, denn dier richtigen Emotionen sind dann spürbar, wenn die Grabenden das erste goldglitzernde Kleinod freilegen. Da klopft das Herz, da bleibt der Mund offen stehen. Und zwar offener als bei Indiana Jones, der seiner Granitkugel dann doch knapp entkommen ist.

Die Ausgrabung

One Night in Miami…

REFLEXIONEN ZUM FEIERABEND

7,5/10


onenightinmiami© 2020 Amazon Studios


LAND: USA 2020

REGIE: REGINA KING

CAST: ELI GOREE, KINGSLEY BEN-ADIR, LESLIE ODOM JR., ALDIS HODGE, BEAU BRIDGES, LANCE REDDICK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Gestern, am 22. Jänner, wäre Soul-Legende Sam Cooke 90 Jahre alt geworden. Doch der Mann, der ist schon lange tot. Er wurde erschossen, angeblich in Notwehr, im Alter von gerade mal 33 Jahren. So einen Tod musste Malcolm X ebenfalls erleiden. Am 25. Februar 1964 allerdings wussten beide noch nichts von ihrem tragischen Schicksal, als sie mit Cassius Clay aka Muhammed Ali und dem Football Star Jim Brown auf den Sieg des berühmten Boxers gegen Sonny Liston anstoßen wollen. In einem Hotel in Miami, irgendwann spätnachts. Dieses Treffen hat allerdings nie wirklich stattgefunden, es ist rein fiktiv. Gekannt haben sich die vier Schwarzen aber schon. Vor allem Malcolm X und Ali waren gute Freunde, und ersterer konnte den Boxer letzten Endes auch zum Islam bekehren. Die vier treffen sich also in einem Hotelzimmer, und nicht an einer Bar, um zu feiern. Warum? Weil Malcolm X jede Sekunde fürchten muss, von Rassisten attackiert oder gar ermordet zu werden (was schließlich auch eintrat – aber nicht durch Rassisten, sondern durch Mitglieder der Nation of Islam. Doch das nur am Rande). In diesem Zimmer treffen vier unterschiedliche Lebenskonzepte und Einstellungen aufeinander, es wird gelacht, es wird aus früheren Zeiten erzählt, es wird gestritten, getrotzt und sich wieder versöhnt. Diese Nacht, die ist fast schon zu ideal, um wahr zu sein. Und dennoch wird sie unter der Regie von Schauspielerin Regina King (Oscar für If Beale Street Could Talk) zu einem vor allem textlich beeindruckenden Come Together.

Sowas passiert auch nur, weil One Night in Miami… ein Theaterstück ist. Dramen für die Bühne sind ausgesucht dialogstark, ausgefeilt bis zum letzten Punkt, die Atempausen akkurat gesetzt. Das war auch schon bei Ma Rainey’s Black Bottom so, ein verbal wuchtiger Film. Oder The Boys in the Band – Jim Parsons Einladung zum Geburtstag. Alles Werke, die mit sicherer Hand und geradezu vorbildlich für das Kino adaptiert wurden. Doch leider nur fürs Streamingkino, denn alle drei Werke wären auch visuell erste Sahne. One Night in Miami… punktet daher mit edler Ausstattung und ordentlich 60er-Kolorit. Was das Dialogdrama aber noch mehr zu einer ganz besonderen Gesprächsrunde werden lässt, ist am wenigsten dessen Plot, denn viel passiert hier nicht. Was diese Nacht bietet, ist ein Innehalten und Reflektieren, ein Abwägen des Status Quo und ein Sinnen über die Zukunft. Was den Film also so besonders werden lässt, dass ist das gemeinsame Agieren von vier recht unbekannten Künstlern, die in ihren inszenierten Alter Egos ihren Meister gefunden haben. Kingsley Ben-Adir entwirft einen sowohl scharfsinnigen als auch provokanten, obsessiven Malcolm X. Eli Goree ist als Cassius Clay der resolute Muskelprotz von nebenan, Aldis Hodge der wohl rationalste der vier und Musicalstar Leslie Odom Jr. setzt als leidenschaftlicher Soulsänger Sam Cooke mit einer detailliert manieristischen Performance dem Schauspielabend die Krone auf. Regina King  hat mit dem durchdachten Theaterstück schon vieles auf der Habenseite – mit dem seit langem wohl am besten aufeinander eingestimmten Ensemble in einem Film ist ihr damit ein wortgewandter, sehr empathischer und auch ernstzunehmend gesellschaftskritischer Wurf gelungen, der, ähnlich wie Ma Rainey’s Black Bottom, Kämpfer, Verbündete und Opportunisten im Kampf der Schwarzen um gleiches Recht sichtet und dabei in eine aufwühlende Vergangenheit blickt.

One Night in Miami…

Tesla

GEGEN DEN STROM GESCHWOMMEN

4/10


tesla© 2020 Leonine


LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL ALMEYREDA

CAST: ETHAN HAWKE, EVE HEWSON, KYLE MACLACHLAN, JIM GAFFIGAN, REBECCA DAYAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In dem kurzen Zeitfenster letztes Jahr, in dem Kinobesuche noch möglich waren (wie traurig das klingt) lief ein historisches Drama rund um den sogenannten Stromkrieg zwischen Westinghouse, dem Verfechter von Wechselstrom, und natürlich Edison, dem kolportierten Erfinder der Glühbirne und Verfechter des Gleichstroms. Mit von der Partie war damals auch ein Mann namens Nikola Tesla, der einmal für Edison, und dann wieder für Westinghouse gearbeitet hat, bevor er sein eigenes Ding durchzog, mit vielen Ppatenten, und mehr oder weniger erfolgreich. Seine Erfindungsgabe verhinderte aber nicht, dass Tesla zwar hochbetagt, aber in völliger Armut dahinschied. Über diesen Tesla, den Nicholas Hoult im Film Edison – Ein Leben voller Licht darstellt, hat Regisseur Michael Almeyreda (u. a. Nadja, Experimenter) einen Film sowohl geschrieben als auch inszeniert. Ein Herzensprojekt sozusagen, das fast zeitgleich mit Edison veröffentlicht wurde, dabei aber ungefähr drei Jahre später produziert wurde. Edison verblieb dabei aus organisatorischen Gründen viel länger in der Pipeline. Anders bei Tesla: der hat die Auswertung im Kino bei uns in Österreich nicht mehr erlebt. On demand ist er nun verfügbar. Doch letzten Endes ist Edison – Ein Leben voller Licht der bessere Film.

Und das nicht, weil Edison (oder gar Westinghouse) die interessantere Biographie darstellt. Tesla ist da charakterlich und auch in Sachen Lebenswandel um einige hundert Volt interessanter. Tesla war ein Mastermind, ein sagen wir mal Wunderkind, was technisches Verständnis anbelangt. Soziale Kompetenz war ja nicht so sein Ding, auch beziehunsgtechnisch war’s eher recht ungelenk. Zumindest wird Tesla so darsgestellt und so scheint das nun mal zu sein bei solch heillos versponnenen Nerds wie er einer gewesen sein muss. Ethan Hawke hat sich dieser Figur also angenommen, und so wirklich viel Verständnis für selbige bringt der sympathische Before Sunrise-Quassler allerdings nicht auf. Kann Almeyreda da aushelfend entgegenwirken? Das tut er nicht. Sein Film ist genauso verkopft und sperrig wie die für den Film abstrahierte Figur des Tesla. Was er allerdings ausprobiert, ist, Eve Hewson als Unternehmerstochter Anne Morgan (gemeint ist der rotnasige J. P. Morgan, der größte Privatbankier seiner Zeit) über Tesla in der Jetztzeit referieren zu lassen. Sie bedient sich Laptops und Beamern, um seine Geschichte zu erzählen. Eine nette Idee, mehr aber auch nicht.

Tesla ist eine Anhäufung biographischer Fragmente, durch die Ethan Hawke mehr oder weniger stolpert. Seltsam formelhaft auch Kyle MacLachlan als Edison. Es ist, als wäre dieser Film nichts anderes als ein assoziatives Bühnenstück. Immer wieder agiert der einsame Physiker vor auf Leinwand projizierten Landschaften, was die Kulissenhaftigkeit noch mehr unterstreicht. Eine konsistente Formel dafür gibt es nicht, zumindest kann ich keine erkennen. Aus budgetärem Notstand heraus wird die Wahl der Mittel wohl nicht gewesen sein. Vielleicht war’s einfach nur der Wunsch, einen historischen Stoff mal ganz anders zu adaptieren. Gut, das ist ja ganz ambitioniert, jedoch lässt Tesla jegliche Konsistenz vermissen, kann seine bruchstückhaften Szenen nicht miteinander kombinieren und ist auch wieder schnell aus dem Gedächtnis verschwunden, sobald das Werk seinen Abspann erreicht.

Tesla

The Girl King

STUDIEREN GEHT ÜBER REGIEREN

6/10


thegirlking© 2015 Film Buró


LAND: FINNLAND 2015

REGIE: MIKA KAURISMÄKI

CAST: MALIN BUSKA, SARAH GADON, MICHAEL NYQVIST, HIPPOLYTE GIRARDOT, MARTINA GEDECK, JANNIS NIEWÖHNER, LUCAS BRYANT U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Diese Thronfolgerin, die ist mir eine! Schweden hat im epischen Rahmen des dreißigjährigen Krieges eben erst ihren geliebten König Gustav Adolf verloren, schon muss dessen minderjährige Tochter ran – Königin Kristina. By the way: die Gute ist wirklich nicht fürs Regieren geschaffen. Unter der Obhut des Kanzlers, der seine eigenen Pläne verfolgt (welcher Kanzler tat und tut das nicht?), weicht das Interesse an der Politik stetig jenem an der Philosophie, insbesondere jener des großen Denkers René Descartes. In dieser Wissbegier steht die aufmüpfige Jungregentin anderen Querdenkerinnnen aus der Antike wie zum Beispiel jener Hypatia aus Alexandrien, die bereits in Alejandro Amanebars Historienfilm Agora ihren filmischen Zuspruch bekam, um nichts nach. Doch welche Untertanen wollten damals schon über das Sein philosophieren? Gebt den Leuten Essen, Trinken, Wohlstand! Für den Blick hinter die Kulissen eines entbehrungsreichen Daseins des 17. Jahrhunderts hatte wohl niemand wirklich die Muße – außer Kristina, und ihr Philosophenfreund natürlich. An Männergeschichten ist die stark an Kaiserin Sisi erinnernde, stets hosentragende Jungfrau genauso wenig interessiert, zum Leidwesen des Kanzlersohns, der gedanklich schon mit dem Reichsapfel spielt.

The Girl King erzählt eine recht ungewöhnliche Episode aus der europäischen Monarchengalerie, ein Kuriosum des Nichtregierens sozusagen, das in Ludwig II. oder Stefan von Lothringen Fortsetzung findet, die außerdem allesamt anderes im Sinn hatten als irgendeine Verantwortung für ihre Pflicht zu übernehmen. Da sieht man wieder, wie ignorant dieser Tribut des blauen Blutes stets gewesen war. Nicht für alle war Macht das hehre Ziel. Eine Lösung für dieses Problem aber gab es meistens. Und selbst im Falle der jungfräulichen Kristina, die tatsächlich bis zu ihrem Lebensende jungfräulich blieb, nicht alleine wegen ihrer homosexuellen Orientierung. Für seine Titelrolle fand Regisseur Mika Kaurismäki, der diesjährig mit Master Cheng in Pohjanjoki für wohlige Gefühle in der Bauchgegend sorgte, mit der Schwedin Malin Buska die ideale Besetzung. Ihr expressives Minenspiel ist grandios, ihre trotzigen Züge weichen nur selten sehnsüchtigem Lächeln. Dieses hat dafür ihre bessere, femininere Hälfte Sarah Gadon, die nicht ständig Hosen trägt und die längst einem anderen versprochen zu sein scheint, die aber der Libido ihrer Königin nichts entgegenzusetzen hat.

Schön ausgestattet ist The Girl King allemal, interessant besetzt ebenso. Eine Entdeckung ganz nebenbei ist Martina Gedeck als die exaltierte, völlig verschrobene Königin Mutter, die mit ihrer Tochter nichts anzufangen weiß. Kaurismäki selbst überlässt den Film auch lieber seinem Schauspielensemble, ohne sich selbst als Künstler groß hervorzutun. Sein Historienfilm wirkt wie eine Auftragsarbeit, die man in professioneller Routine natürlich zu Ende bringt, für die man aber jetzt keine großen Gefühle hegt oder eine wie auch wie geartete persönliche Ambition. Prinzipiell macht das nichts – die Zeitgeschichte spricht für sich, und fasziniert auf gewisse Weise ganz von selbst. Da reicht, wie bei so vielen Geschichtsfilmen, die sich auf ihren Stoff verlassen, zumindest die geglückte Wahl einer spannenden Anekdote aus den Herrscherhäusern, die die egozentrische Luft der frühen Selbstbestimmung atmen. Die Queen allerdings wäre not amused.

The Girl King

Ein verborgenes Leben

HIER STEHE ICH, ICH KANN NICHT ANDERS

8/10

 

RG-29_06575.NEF© 2019 Pandora

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: TERRENCE MALICK

CAST: AUGUST DIEHL, VALERIE PACHNER, TOBIAS MORETTI, KARL MARKOVICS, BRUNO GANZ, JOHANNES KRISCH, MATTHIAS SCHOENAERTS, ALEXANDER FEHLING, FRANZ ROGOWSKI U. A. 

 

Ich kann mich noch gut erinnern, als Terrence Malick nach 20jähriger Schaffenspause 1998 mit Der schmale Grat für Aufsehen gesorgt hat. Gefühlt alle namhaften Stars sind damals Schlange gestanden, um bei Malicks Film eine Rolle zu ergattern. Die Lobeshymnen für sein Kriegsdrama waren aber nicht nur seinem Comeback zu verdanken. Für Malick-Nichtkenner hielt Der schmale Grat einiges an neuen und nicht totgelaufenen Sichtweisen fürs Kino parat und konnte – zumindest mich jedenfalls – mit seinem philosophischen Diskurs überzeugen. Der schmale Grat zähle ich zu den besten Kriegsfilmen, weil so deutlich wird, wie der Mensch in einem für ihn geschaffenen Paradies ein Miteinander mit Füßen tritt. 

So manche Filme später dann, nach einigen seifigen Ausrutschern ins Kino und die Goldene Palme für The Tree of Life: die Rückkehr zu einer Qualität, für die Malick  zu Recht seinen Platz in der Filmgeschichte hat: Mit Ein verborgenes Leben hat sich der Künstler der Lebens- und Leidensgeschichte des Hitlerschwur-Verweigerers Franz Jägerstätter angenommen – und eine so visuell wie erzählerisch überwältigende Studie über die Essenz des Widerstands gegen eine ungerechte Gewalt kreiert. Das anders Interessante dabei: Malick besetzt für seinen Film bis auf wenige Ausnahmen durchwegs deutschsprachige, lokale Schauspielgrößen, die vielleicht jenseits des Sprachraums wenig Bekanntheit haben. Als Hauptprotagonist steht ihm August Diehl zur Verfügung, ihm zur Seite Valerie Pachner. In den Nebenrollen zumindest hierzulande illustre Namen wie Johannes Krisch, Karl Markovics oder Tobias Moretti. Bei Terrence Malick mitzuspielen dürfte für sie wohl ein wahrgewordener Traum gewesen sein. Dementsprechend legen sie sich auch ins Zeug – und bilden ein Ensemble, das Malicks Gedankengänge und sein Vorhaben, einen etwas anderen Heimatfilm zu erzählen, tatkräftig unterstützen.

Kinematographisch gesehen ist Ein verborgenes Leben ein Meisterwerk. Mit der weitläufigen Kulisse des zentraleuropäischen Alpenlandes, mit all seinen Almen, Bauernhöfen und dergleichen schafft der Regisseur ein exklusives, nicht oft gesehenes Ambiente einer zwar gemäldehaft stilisierten, aber intensiv naturverbundenen Lebensweise zwischen mühseliger Landwirtschaft und entrücktem Kindertraum von einer Insel der Seligen am Land. Wie er das einfängt, mit seinen typischen Weitwinkelaufnahmen, die er nahe ans Geschehen rückt und seinem scheinbar intuitiven Schnitt der Szenen, die das Wesentliche geradezu herausschälen, ist von akkurater Raffinesse. In dieser so fremden wie vertrauten Welt sind Bürgermeister, Müller, Dorfpfarrer oder die Töchter Jägerstätters wie Reflexionen eines zerbrochenen Spiegels, erhaschte Fragmente einer Erinnerung eines bereits Hingerichteten und der Endlichkeit erhaben. Das ist fast schon messianisch. Für diese Interpretation spricht auch die Szene mit NS-Richter Bruno Ganz, der wie Pontius Pilatus den Andersdenkenden fragend auf die Probe stellt.

Wobei ich zugeben muss, dass mir die Entscheidung des selig gesprochenen Landwirts, offenen Auges in den Tod zu gehen, und zwar für ein Lippenbekenntnis, das in keinster Weise das Herz berührt, schwer fällt nachzuempfinden. Die eigene Familie im Stich lassen? Für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Jägerstätter ist kein Prediger, vielmehr ein stiller, unbeirrbarer Leider, der sich für die Klarsicht auf Recht und Unrecht opfert. Auf lange Sicht und der Zeit geschuldet ein denkwürdiges Manifest des Schweigens. Zu Lebzeiten womöglich verbohrter Egoismus. Gerade diese Ambivalenz macht das Ganze noch interessanter.

Terrence Malick hat eine langsame (aber nie langweilige), hypnotische Meditation entworfen. Eine Bilderflut, auf die man sich einlassen wird. Die viel Sitzfleisch erfordert, und die gar nicht darauf aus ist, Jägerstätters radikalen Entschluss zu verstehen. Die aber fesselt, berührt und nachdenklich stimmt.

Ein verborgenes Leben

Edison – Ein Leben voller Licht

HELL IN DER BIRNE

5/10

 

DSC03764.ARW© 2020 Filmladen Filmverleih

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, RUSSLAND 2017

REGIE: ALFONSO GOMEZ-REJON

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, MICHAEL SHANNON, TOM HOLLAND, NICHOLAS HOULT, KATHERINE WATERSTON, OLIVER POWELL, NANCY CRANE U. A.

 

Koryphäen der Wissenschaft – so könnte man den Trend rund um Geistesriesen des Industriezeitalters bezeichnen, welchen das Kino derzeit mit etwas mehr Nachdruck als sonst verfolgt. Marie Curie – Elemente des Lebens läuft derzeit auch in unseren Lichtspielhäusern, später dann soll noch Tesla mit Ethan Hawke folgen. Und das waren sicher nicht die letzten. Thomas Alva Edison war auch so ein Anstupser des menschlichen Fortschritts, einer mit ordentlich Grips in der Birne und mit ganz viel Licht in selbiger, allerdings auf dem Prinzip des Gleichstroms. Man braucht nicht glauben, dass zur damaligen Zeit nur Edison alleine der Heilsbringer für den technologischen Boom des Menschen war, da gab’s auch noch andere. Der eben erwähnte Futurist Nikola Tesla zum Beispiel, der allerlei Visionen hatte, und der Industrielle George Westinghouse, der das Prinzip der Glühbirne weiterführte, allerdings mit Wechselstrom hantierte und somit auch größere Gebiete der vereinigten Staaten mit Licht von der Leitung versorgen konnte. Edison sieht sich natürlich seiner Ideen beraubt und zieht gegen seinen Konkurrenten zu Felde – allerdings wird ihm das nicht viel bringen. Womit Edison im Eigentlichen zu Weltruhm gelangte, das sei seinem ausgeprägten Sinn für Marketing zu verdanken, und einem Hang zur Volksnähe, den all die anderen nie wirklich entwickeln konnten, am Allerwenigsten Tesla, ein blitzgescheiter, aber nerdiger schräger Kauz, der fast schon als Vorbild für Sheldon Cooper aus der Big Bang Theory gelten kann, zumindest was die Interpretation Nicholas Hoults in Alfonso Gomez-Rejons Film betrifft. Ihm gegenüber: Benedict Cumberbatch als derjenige, der bei Assoziativfragen zur Elektrizität womöglich als erster fällt: Thomas Alva Edison. Strenger Denker, ruheloser Erfinder, Superhirn, Geschäftsmann. Im privaten Schlepptau: zwei Kinder, eine Frau. Um Edison selbst handelt der Spielfilm, der bereits 2017 abgedreht wurde und aufgrund von Studiofusionierungen längere Zeit in der Schublade verschwand, nur peripher. Es ist die Geschichte eines Triumvirats von Amerikas technisch-utopischer Elite, die weder miteinander noch ohneeinander konnte.

Die frei nach geschichtlichen Eckpunkten zusammengetragene Dreifach-Biopic (obwohl Tesla entschieden zu kurz kommt, Westinghouse aber die meiste Spielzeit hat) will prinzipiell mal gar keine Studie über Edison himself sein – im Original trägt der Film den Titel The Current War. Kurz: der Stromkrieg – wofür Gomes-Rejon denn knallroten Teppich für die Creme de la Creme des Ausstattungskino ausrollt. Edison – Ein Leben voller Licht besticht weniger durch die reichlich trockene Angelegenheit von Industriegeschichte, sondern viel mehr durch einen üppigen Bilderreigen an Interieur und Kostümen. Mit krassen Weitwinkel-Takes, die an Terrence Malick oder Stanley Kubrick erinnern, fängt der Geschichtsfilm Popup-Bilder ein, die feines Schauvergnügen versprechen. Ein Who is Who namhafter Stars findet sich ebenfalls ein, um dem Stromkrieg ordentlich Volt zu verpassen. Die Energie allerdings macht sich aber maximal erst auf der quartalsmäßigen Stromrechnung bemerkbar. Das Schlammcatchen dreier Fachgenies fällt erstens viel handzahmer aus als gedacht, da kann man noch so viel dramaturgischen Füllstoff dazu erfinden, und zweitens sind die vielen Treffen fein gekleideter Herren in Fabriken, Salons und tapezierten Waggons irgendwann ermüdend. Cumberbatch variiert seinen Charakter nur selten, auch Michael Shannon bleibt ein geschmackvolles Gemälde inmitten der noblen Atmosphäre eines technischen Museums mit allerlei Dingen, die man zuhause nicht hat und für die man gerne in den öffentlichen Schauraum geht. Die interessanteste und auch relevanteste Anekdote ist wohl die über die Entstehung des elektrischen Stuhls als „humane“ Tötungsmethode. Sonst aber freut man sich im Nachhinein, seine Volkshochschulkenntnisse über Elektrotechnik nochmal aufgefrischt zu haben – viel mehr bleibt allerdings nicht.

Edison – Ein Leben voller Licht