Harriet – Der Weg in die Freiheit

FLUCHT NACH VORNE

5/10

 

HARRIET© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: KASI LEMMONS

CAST: CYNTHIA EVIRO, LESLIE ODOM JR., JOE ALWYN, CLARKE PETERS, JENNIFER NETTLES U. A. 

 

Letztens lief wieder mal Steven Spielbergs vielfach oscarnominiertes Südstaatendrama Die Farbe Lila im Free TV. Whoopie Goldberg war damals die Idealbesetzung, und hätte es damals in den 80ern schon die Idee gegeben, ein Biopic über Harriet Tubman zu produzieren, wäre sie natürlich ebenfalls erste Wahl gewesen. Gegenwärtig übernimmt solche Rollen wohl Cynthia Eviro. Ein breiteres Publikum kennt sie vielleicht aus Black Panther – die resolute Schildmaid aus Vakanda. Ich muss zugeben, diese Schauspielerin ist extrem wandelbar. Mit Harriet werden Eviro vermutlich noch mehr Türen ins Filmbiz geöffnet, da ihre schauspielerische Leistung in vorliegendem Historienfilm der Academy gar eine Oscarnominierung wert war. Sonst ist Harriet in kaum einer Weise preisverdächtig. Und das liegt natürlich nicht an der äußerst spannenden und ungewöhnlichen Episode aus dem Vorabend der Sezessionskriege. Eine Art Rebellion wird hier erzählt, der Sturm vor dem Hurrikan, der ein ganzes Land in den Ausnahmezustand versetzen wird. Eine Art Rogue One der schwarzen, versklavten Minderheit, angeführt von einer stolzen, freiheitsliebenden, patenten jungen Frau, die nicht weniger zu verlieren hätte als ihre wiedergewonnene Freiheit.

Kurze Zeit vor dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs: die damals noch nicht als Harriet in die Geschichte eingegangene junge Frau fristet ihr Dasein mitsamt Familie unter der Fuchtel eines strengen Großgrundbesitzers und Überbauern, der seine Sklaven selbstredend als Eigentum betrachtet. Die Möglichkeit einer Vermählung steht im Raum, doch der Sklaventreiber gibt die junge Frau nicht frei. Trotz Zugeständnis des Vorbesitzers gelten nun andere Regeln. Was für eine Schmach, was für eine untragbare Situation. Noch dazu soll Harriet neu verkauft werden, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Einziger Weg raus aus dem Schlamassel: die Flucht. Wie durch ein Wunder schafft sie es, sich über Hundert Meilen zu Fuß Richtung Norden durchzukämpfen. Kaum zu glauben, dieses Schicksal. Ob ihr fester Glaube an Gott, mit dem sie tatsächlich immer wieder Zwiesprache hält, geholfen hat? Oder all ihre Visionen? Zumindest sollen diese sie vor Schlimmerem bewahrt haben. Kein Fehler, wenn man diesem Umstand mit Skepsis begegnet. Der Heilsfigur Harriet gelänge hier fast schon eine kleine Apotheose. Doch warum nicht, für kultische Verehrung reichen die Fakten ohnehin schon. Wie viele Sklavinnen und Sklaven Harriet aus der Knechtschaft befreit hat, ist erstaunlich. Nicht umsonst trägt die resolute Dame den Decknamen Moses. Religion spielt also eine wichtige Rolle. Vielleicht ist da wirklich was dran?Jedenfalls hatte Harriet selbst schon eine Ahnung, was den Bürgerkrieg betraf. Dass die Nordstaaten gegen die Yankees siegen würden. Dass die Sklaverei alsbald der Geschichte angehören wird. Genau dieser Aspekt macht Harriet zu einem interessanten Prolog, zu einer wichtigen Vorgeschichte zum oft dokumentierten, dramatisierten und in Prosa gefassten Krieg der beiden Himmelsrichtungen Nord und Süd.

So faszinierend diese Chronik einer Nacht- und Nebel-Rebellion auch sein mag, so konservativ und manchmal uninspiriert lässt sich der Film darüber aus. Vieles erinnert an Twelve Years a Slave, zum Glück allerdings bleiben uns die blutigen Folterszenen aus Steve McQueens zermürbendem Leidensweg erspart. Die übrigen Komponenten haben fast schon etwas Westernhaftes, wenn Harriet mit breitkrempigem Hut und Revolver den gefährlichen Süden aufmischt. Eviro verleiht ihrer Figur sowohl Zerbrechlichkeit als auch eine zutiefst militante Attitüde. Unnahbar bleibt sie trotzdem, gleichsam entrückt und für ganz anderes bestimmt als das übrige Volk. Ein Moses eben, nur ohne Gesetzestafeln.

Im Grunde ist Harriet – Der Weg in die Freiheit ein recht simpel erzählter, fast schon volkstümlicher Film. Ein Umstand, oder gar eine Versuchung, dem Geschichtsfilme wie dieser sehr gerne erliegen, weil sie sich vielleicht zu sehr auf die Attraktivität der Fakten verlassen, ohne aber eine eigene künstlerische Handschrift einzubinden, eine persönliche Sicht der Dinge. Könnte gut sein, dass Geschichte nicht verfremdet werden soll, aber sagt das mal Quentin Tarantino. Harriet wird dadurch vielleicht auch etwas zu spröde, zu trocken. Eine Meinung fehlt, ansonsten bleibt es gespielte Dokumentation. Und das ist mir fürs Kino fast zu wenig.

Harriet – Der Weg in die Freiheit

Kursk – Niemand hat eine Ewigkeit

BAUERNOPFER FÜR FALSCHEN STOLZ

7,5/10

 

A950C001_170406_R74N© 2019 The Wild Bunch Germany

 

LAND: BELGIEN, FRANKREICH, NORWEGEN 2018

REGIE: THOMAS VINTERBERG

CAST: MATTHIAS SCHOENAERTS, LÉA SEYDOUX, COLIN FIRTH, AUGUST DIEHL, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, PETER SIMONISCHEK, MAX VON SYDOW, MAGNUS MILLANG U. A. 

 

Anfangs erinnert so manches an Michael Ciminos Antikriegsdrama Die durch die Hölle gehen. Die bunt zusammengewürfelte Crew eines russischen U-Bootes plant eine Hochzeit, feiert auch diese recht ausgelassen – Thomas Vinterberg findet in den ersten Szenen seines Films einen ungeahnt intimen Zugang zu seinen Figuren, die hier das Leben und die Zukunft zelebrieren. Kinder legen quirlige Langeweile an den Tag, wie das bei Festen eben so ist. Reden werden gehalten, der eine oder andere flennt. Kurzum: da sind Freunde alle auf einen Haufen, und all diese guten Kameraden, die werden tags darauf auf Mission geschickt. Zwar nicht in den Krieg, dafür aber zu einer Testfahrt für eine Handvoll Marschflugkörper, deren Effektivität geprüft werden muss. Routine, mehr nicht. Und deshalb sind auch all die Angehörigen – Töchter und Söhne jede Menge – relativ entspannt beim Verabschieden der Väter und frisch Verheirateten, die natürlich wieder zurückkehren werden. So ist das, wenn man der Marine dient. Und bisweilen läuft ja die Erwartungshaltung Mütterchen Russlands mit denen der Matrosen recht konform. Bis das Unglück eintritt.

Am 12. August 2020 jährt sich die Tragödie aus der Barentssee zum 20ten Mal. Wer die Schlagzeilen von damals noch im Kopf hat, wird wissen, dass hier keiner überlebt hat. Warum also sollte man gemeinsam mit der Kursk stimmungstechnisch so tief sinken wollen, wenn klar ist, dass sich sowieso keiner der Verunglückten schadlos hält? Ich habe lange hin und her überlegt: Inwiefern lohnt sich ein Film, wenn man weiß, wie es endet? Weil Kursk von Thomas Vinterberg nicht nur Chronik einer Agonie zwischen den Wänden eines geschrotteten U-Boots sein will. Sondern auch – und das vor allem – das katastrophale Portrait einer Weltmacht, die ihren Nationalstolz über Menschenleben stellt. Unter diesem Aspekt ist Kursk ein beeindruckender Geschichtsfilm aus dem jungen neuen Jahrtausend geworden. Starbesetzt bis unter den Meeresspiegel, angefangen von Colin Firth als Kommandant der britischen Marine bis hin zu „Toni Erdmann“ Peter Simonischek und – welche Überraschung – Matthias Schweighöfer fernab jeglicher Bobo-Romantik. Er ist es auch, der relativ früh schon bemerkt, dass einer der Torpedos Mucken macht. Die Bitte, diesen etwas früher abzuwerfen als geplant, wird von der U-Boot-Führung abgelehnt. Sekunden später das Desaster: das Vehikels explodiert, gleich zweimal hintereinander und reißt sofort zwei Drittel der Besetzung mit sich ins Verderben. Die anderen retten sich ins andere, noch heile Ende, machen die Schotten dicht, harren dort aus, in Eiseskälte und mit wenig Sauerstoff. Rein theoretisch hätten die zwei Dutzend Mann problemlos gerettet werden können, hätte Russland nicht so dermaßen verschlissenes Bergungsgerät zur Verfügung gestellt, dass jeder Andockversuch des Rettungsbootes folglich scheitern hat müssen.

Was folgt, sind bange Stunden – sowohl unter Wasser als auch an Land. Die Familien tun sich zusammen, nötigen den Krisenstab, Informationen preiszugeben, die sich nicht preisgeben wollen. Max von Sydow darf in seiner letzten Filmrolle die verknöcherte Eitelkeit eines obsoleten weltpolitischen Denkens verkörpern, die gnadenlose Zensur von Schwäche. 110 Meter unter dem Meeresspiegel zittern Matthias Schoenaerts mit einer Handvoll Überlebender um die Wette. In fast jedem anderen Film könnte der Zufall noch Vater der Hoffnung sein – hier allerdings ist es umso bitterer, wenn man weiß, dass alle Zuversicht umsonst ist. Vinterberg, berühmt für seine messerscharfen Gesellschaftsdramen, fängt auf mitfühlende, aber niemals mitleidende Weise den Notstand an unterschiedlichen Fronten ein. Sei es an Deck eines Kriegsschiffes, am Ort des Unglücks oder in den vier Wänden einer Wohnung in irgendeinem Plattenbau am Meer. Und Vinterberg schenkt uns nichts – naja, fast nichts. Der Moment des Todes bleibt uns erspart, die nackte Angst allerdings nicht. Kursk, das filmische Zeugnis politischer Eitelkeit, ist Wolfgang Petersens Das Boot für das neue Jahrtausend. Ein zutiefst tragischer Film, dessen Fakten man kaum glauben kann. So leicht hätte es nämlich anders kommen können.

Kursk – Niemand hat eine Ewigkeit

Sunset

HUTMACHER OHNE WUNDERLAND

4/10

 

sunset© Laokon Filmgroup – Playtime Production 2018

 

LAND: UNGARN, FRANKREICH 2018

REGIE: LÁSZLÓ NEMES

CAST: JULI JAKAB, VLAD IVANOV, EVELIN DOBOS, MARCIN CZARNIK, JUDIT BÁRDOS, SUSANNE WUEST U. A. 

 

Der ungarische Regisseur László Nemes wurde für sein erschütterndes Holocaust-Drama Son of Saul mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet. Kurze Zeit später hat Nemes gleich einen weiteren Film nachgelegt, der sich nicht weniger mit der europäischen Geschichte beschäftigt, dafür aber einige Jahrzehnte zurückdreht in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, in die beginnenden Zehnerjahre des 20ten Jahrhunderts sozusagen, als die Popstar-Kaiserin Sissi schon lange tot und der Kaiser Franz Josef sich bereits vermehrt schon gefragt hat, warum ihm denn eigentlich nichts erspart bleibt. Das Kaiserhaus aber ist in Sunset eine Mehrtageskutschenfahrt von Budapest entfernt. Die Vielvölkermetropole an der Donau legt ein frühlingshaft flirrendes Stelldichein an den Tag. Die Straßen sind voll mit gutbetuchten Grüppchen, die sich dieses und jenes leisten wollen, vielleicht auch einen dieser ausladenden Hüte, die es im entsprechenden Salon des Handelshauses Leiter zu bestaunen gibt. In diesen impressionistisch bebilderten Alltag zwischen sonnendurchfluteten Monetbildern und Aquarelle Rudolf von Alts bricht durch die homogene Kakophonie der Mieder, Zylinder und Steckfrisuren das Konterfei einer jungen Frau im Großformat, die mit unsteten Blicken nach ihrer Vergangenheit sucht, die nur im Hutsalon Leiter zu finden ist. Dort ist keiner erfreut, auf das Erbe dieses Unternehmens zu stoßen, das längst von anderen Leuten dirigiert wird. Der Name Leiter ist zur Familie non grata geworden, und das Gerücht, ein unbekannter Bruder treibe in der Stadt sein Unwesen, erhärtet sich.

Das klingt natürlich nach einer spannenden Familiengeschichte. Ein bisschen nach Der Engel mit der Posaune, und wenn man die ersten Minuten des Filmes bereits genossen hat, ließe sich sehr leicht der Stil eines Heimito von Doderers verbergen, der in seinen Romanen sehr viel Wert auf gesellschaftliches Ambiente gelegt hat, ohne den eigentlichen roten Faden seiner Beschreibung konsequent voranzutreiben. Doch ich bewege mich zusehends in Richtung Literatur und verlasse das Medium Kino – was László Nemes nach meiner resümierenden Empfehlung voll eher auch früher als später feststellen hätte sollen. Sunset ist nämlich zu einem zähen, narrativen Ungetüm verhoben worden, das sich sehr bald in vielen Manierismen festfährt, ohne das Kind beim Namen zu nennen.

Dabei ist sein visueller Stil anfangs von betörender, ja geradezu berauschender Art. Panoramen, wie man sie vielleicht erwarten würde, gibt es bei Nemes keine. Sein Kameramann Mátyás Erdély, der auch bei Son of Saul hinterm Sucher saß, komponiert mit sehr viel Objektivunschärfe diffuse Malereien in stark begrenzten Ausschnitten, man erahnt gepinselte Schemen flanierender Personen mit Sonnenschirmen, Kutschen im Hintergrund, die Unruhe einer Monarchie im Abendrot ist spürbar, erlebbar. Ganz vorne, stets zentriert, das Gesicht von Juli Jakab, einmal von vorne, einmal von hinten, dann wieder im Profil, meist mit Hut, und die Kamera weicht ihr nicht von der Seite, niemals, so hat es den Anschein. Bei über zwei Stunden Laufzeit ist dieser wechselnde Stil aus Unschärfe und Portraitaufnahme bald totgelaufen. Vor allem auch deswegen, weil Nemes seine Geschichte nur verhalten weiterbringt, seine Protagonisten meist im murmelnden Flüsterton reden lässt, Juli Jakab versteht man kaum. Der Historienfilm beginnt sich zu ziehen, die Bilder sind nach wie vor stimmig, verlieren aber das Interesse an dem, was sie visualisieren sollen.

Von der Endzeit einer verkommenen Monarchie will Sunset erzählen, von einer Götterdämmerung kaiserlicher Hörigkeit. Das konnte Axel Corti mit seiner phänomenalen Verfilmung des Radetzkymarsch viel besser. Mit Joseph Roth als literarischer Vorlage kann auch nicht viel passieren, seine messerscharfen Beobachtungen rund um den Ersten Weltkrieg sind zeitlos, niemals wehleidig und auf den Punkt gebracht. Nemes ergeht sich in selbstverliebter Schwammigkeit jenseits aller Griffigkeit und ohne fesselnde Akzente zu setzen. Will der Überdruss für ein Politsystem allerdings sein filmisches Pendant finden, dann ist mit Sunset der Wunsch nach dem Ende einer Epoche längst gut genug empfunden.

Sunset

Geheimnis eines Lebens

PATT FÜR DEN WELTFRIEDEN

4/10

 

geheimniseineslebens© 2019 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: TREVOR NUNN

CAST: JUDI DENCH, SOPHIE COOKSON, TOM HUGHES, STEPHEN CAMPBELL MOORE U. A.

 

Da jätet man im Vorgarten sein Unkraut, und macht es sich sonst so im betagten Alter bequem, da holt einen plötzlich die Vergangenheit ein – und das mehrere Jahrzehnte später. So passiert bei Judy Dench im Film Geheimnis eines Lebens, oder wie im Original noch treffender: Red Joan. Warum dieses? Warum ist diese Joan eine rote? Rot, das sind die Sozialisten, und Rot ist auch der Kommunismus, und der war ein Dorn im Auge aller anderen Großmächte, nur nicht Russlands. Das, woran sich Joan Stanley erinnert, das ist die finstere Zeit des Wettrüstens, des Entwickelns und Ausbaus der verheerendsten Waffe der Menschheitsgeschichte: Der Atombombe.

Diese Joan Stanley aber, die hat es nie gegeben. Eine Person mit dem Namen Melita Norwood aber schon – und die hat genau das gemacht, was für Judy Dench Jahrzehnte später während eines gemütlichen Tages in der Pension wie ein Damoklesschwert plötzlich niederfährt. Um wegen Spionage ins Zuchthaus zu wandern, dafür ist man nie zu alt. Spione, das sind die Personas Non Grata schlechthin, auch wenn ihr Beweggrund dafür ein redlicher gewesen sein mag – oder einer, der den Weltfrieden gewährleistet hat, zumindest für einige Zeit. Aber Verräter ist Verräter, da geht’s laut Staat irgendwie ums Prinzip. Und die alte Joan Stanley aka Dench, die in einem auffallend devastierten Zustand und mit grabentiefem Faltenwurf da vor dem Verhörkommando sitzt, erzählt ihre Geschichte. Dumm nur, dass Regisseur Trevor Nunn für die junge Spionin Joan die Schauspielerin Sophie Cookson gecastet hat – die nämlich mit der Intensität ihrer Rolle nur sporadisch zurechtkommt. In den Anfangsszenen vielleicht, aber längst nicht mehr dann, wenn das Netzwerk von Spionage, Verrat und Übergabe so richtig ins Rollen kommt. Gut, nicht jeder Spion kann mit Mark Rylance besetzt werden, der in Spielbergs Bridge of Spies der absolut Richtige für diesen Job war. Oder mit Ulrich Mühe aus Das Leben der anderen. Weibliche Spione lassen sich mit Rylance aber leider nicht besetzen, und junge Spioninnen schon gar nicht. Cookson erreicht hier einfach nicht die Tiefe, die für diese Figur wünschenswert gewesen wäre. Und auch die Kompanie der männlichen Nebendarsteller, die sich um Cookson scharen, entwickeln kein Charisma, haben kaum eine Biografie. Das ganze Ensemble bedient sich grundsoliden Stereotypen, die schon hundertmal ihren Auftritt hatten, die aber im Grunde nicht so viel Schaden anrichten, um einen Film so richtig zu vermasseln.

Ganz vermasselt ist Geheimnis eines Lebens demnach eben nicht. Die Story mag schon interessant sein, die Prämisse dahinter, mit einer Pattsituation unter den Großmächten den Frieden zu sichern, indem die Pläne der Atombombe wie ein Wanderpokal an Russland weitergereicht werden, ist so radikal wie mutig und von einer frappanten Logik. Aber dennoch – Trevor Nunns Spielfilm (normalerweise ist der Mann Indendant der Shakespeare Company und im Theater zuhause) ist nicht mehr als ein zögerliches Fernsehfilmereignis als BBC-Bildungsauftrag, der wie ein Postit an jedem Kader des Films hängt. Warum darin Melita Norwood plötzlich anders heisst, kann mir auch keiner erklären, vielleicht hat das etwas mit Namensrechten zu tun, wer weiß. Nachkommen der britischen „Mata Hari“ gibt es ja. Doch das ist das geringste Problem. Ein Fall wie dieser hat filmtechnisch mehr Sorgsamkeit verdient. Und weniger das Prädikat eines uninspirierten Schulfernsehens, schauspielerisch wie inszenatorisch.

Geheimnis eines Lebens

Sergio

NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN

7/10

 

sergio© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: GREG BARKER

CAST: WAGNER MOURA, ANA DE ARMAS, BRIAN F. O´BYRNE, GARRET DILLAHUNT, CLEMENS SCHICK U. A.

 

Sie kamen in Frieden und ernteten Terror: als im August des Jahres 2003 eine Autobombe vor dem UNO-Hauptquartier in Bagdad explodierte, war danach nichts mehr wie zuvor. Die Vereinten Nationen zogen sich zurück, der Irak versank noch mehr im Chaos als ohnehin schon, und den Amerikanern konnte keiner mehr auf die Finger schauen. Die Bombe, die ging auf das Konto des Terrorführers Al Sarkawi, aus dessen Gruppierung später der IS hervorgehen sollte. Auf das Konto der Bombe gingen Diplomaten wie der Brasilianer Sérgio Vieira de Mello, ein guter Freund Kofi Annans und ein Weltverbesserer unter den Menschen, wie es kaum einen zweiten zu dieser Zeit wohl gegeben hat. Dass zum Beispiel Ost-Timor, der östlichste Zipfel der Sunda-Inselkette, nach einem verheerenden Bürgerkrieg tatsächlich noch zu einem eigenen Staat wurde, das war unter anderem auch das Verdienst dieses äußerst intelligenten, überlegt agierenden und in seiner Arbeit wohl leidenschaftlichen Mannes, der aber, so betonte er, stark mit seiner Heimatstadt Rio verbunden blieb.

Sergio ist kein gewöhnliches Politdrama und schon gar kein Terrorthriller. Eher noch ein biographisches Portrait, sehr aufmerksam gezeichnet und mit Leidenschaft inszeniert, keinesfalls eben halbherzig, sondern die Hausaufgaben bis zum Schlußstrich erledigt. So wie die Arbeit Sérgio de Mellos, der all den einflussreichen Idealisten an ihrer Tafel Gesellschaft leistet, für eine bessere Welt steht und die unabhängig von ersten, zweiten oder dritten Mächten zu agieren hat. Dem wuchtigen Militärapparat der USA zeigt de  Mello die kalte Schulter, denn instrumentalisieren lässt sich die UNO nicht. Aus Fehlern wie seinerzeit in Ruanda habe man gelernt. Doch seltsamerweise ist für Länder wie den Irak alles, was aus dem Westen kommt, gleichbedeutend mit dem Feindbild Nr. 1, den USA, und so muss sich auch Sergio unter den Trümmern des Bagdader Canal Hotels wiederfinden, rettungslos eingeklemmt, geschwächt und fast schon in Agonie. In diesem Zustand, so heißt es doch, zieht das Leben an einem vorbei, in kurzen Episoden, in den schönsten Momenten. So hat Regisseur Greg Barker, der 2009 bereits eine Doku über den Mann inszeniert hat, den Stoff als Kaleidoskop letzter reflektierender Erinnerungen neu dramatisiert. Zum Glück aber ist daraus kein assoziativer Experimentalfilm geworden, zum Glück haben sich Mellos Erinnerungen relativ chronologisch in den Erzählstrang eingeordnet und machen auch einer Liebesgeschichte Platz, die nicht weniger leidenschaftlich ist als die Durchführung mancher diplomatischer Aufträge, die per Anruf erteilt werden, mit dem Ansuchen, nur noch kurz die Welt zu retten, bevor das eigentliche Leben beginnen kann. Wonach sehnt sich also Sergio, der sich einer vernunftorientierten Weltordnung verschrieben zu haben scheint, ohne ein eigenes Leben führen zu wollen? Die sinnliche, äußerst kokette Ana de Armas (Blade Runner 2049, Knives Out) eröffnet ihm mühelos eine neue Perspektive, doch ehe sich die Dinge ändern können, explodiert die Bombe.

Der brasilianische Film- und Fernsehstar Wagner Maura (u. a. Narcos) verkörpert den Vernunftmenschen durchaus auch als Lebemann, als Meister der Beredsamkeit und der charmanten Manipulation. Ein guter Mann, der die Werkzeuge der Sprache und des Respekts nutzt, da hat Barker keine Zweifel. Und de Armas? Hat verschwenderisch viel Screentime, Barker scheint fasziniert von ihr zu sein, und der Netflix-Seher ist es dankenswerterweise auch. All die Liebe, all der Krieg, all diese exotischen Kulissen, dieses Fremde und Ferne und Völkerverständigende, das sind Zutaten für großes Kino, durchaus. Für eine Liebeserklärung an einen Weltenbürger und realen Helden, denn so sehen die echten Captain Americas und Iron Mans und wie sie alle heißen eigentlich aus. Natürlich lebt Sergio durchaus auch von Pathos, lässt Glanz und Glorie auf einen Selbstlosen regnen. Schwülstig wirkt das nur selten, stattdessen viel mehr ehrerbietend, wie für einen Heiligen, nur bleibt die Kirche im Dorf und das dramatisch gute Beispiel entwaffnender Diplomatie einladend nachahmbar.

Sergio

Narziss und Goldmund

DES EWIGEN FREUNDES WANDERJAHRE

5/10

 

narzissgoldmund© 2019 Jürgen Olczyk / Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SABIN TAMBREA, ANDRÉ HENNICKE, EMILIA SCHÜLE, UWE OCHSENKNECHT, JOHANNES KRISCH, HENRIETTE CONFURIUS, BRANKO SAMAROVSKI, JESSICA SCHWARZ, GEORG FRIEDRICH, ELISA SCHLOTT U. A. 

 

Da hat sich doch endlich jemand an den Stoff herangewagt. Endlich. Hermann Hesses philosophische Erzählung für Sinnsucher und Aussteiger aus dem Jahre 1929 gibt es nun auch als Film! Ein Wagnis? Muss man denn wirklich alle Klassiker verfilmen? Reicht es nicht, Narziss und Goldmund einfach nur zu lesen, weil manche Werke eben nur in Textform funktionieren und das Kino im Kopf privat bleiben soll? Bei Hermann Hesse ist es sowieso schwierig. Es ist, als würde man Nietzsche verfilmen. Geht auch nicht. Aber Stefan Ruzowitzky, unser Oscar-Preisträger und Slalomfahrer durch alle Genres, der hat sich gedacht: ich nehme mir die Geschichte her und schreib sie etwas anders, lege auch die Schwerpunkte anders, mach etwas ganz Besonderes daraus. Kulissen brauche ich keine bauen, wir sind hier im Herzen Europas, da gibt es Burgen genug, die noch dazu in gutem Zustand sind. Die richtige Besetzung für den Geistesmenschen und den Sinnesmenschen zu finden ist dann schon wieder schwieriger. André Eisermann wäre ein Kandidat gewesen, der ist aber vermutlich schon zu alt dafür, Schlafes Bruder ist auch schon lange her. Die Wahl fiel für den Geistesmenschen Narziss auf Sabin Tambrea (Babylon Berlin Staffel 3) – eine gute Wahl. Der sich selbst geißelnde Glaubensbruder mit geheimer sexueller Orientierung, die aber nicht zu übersehen ist, hat seine schauspielerische Bestimmung gefunden. Der Sinnesmensch? Jannis Niewöhner könnte gehen, hat der doch unlängst Kaiser Maximilian zum Besten gegeben, und das recht ansehnlich, in einem dreiteiligen Eventkino fürs Fernsehen. Doch Niewöhner wäre zwar ideal für eine weitere Staffel für Vikings, schwerlich aber ist er die Idealbesetzung für Goldmund. Er schafft, was eigentlich wenige Schauspieler während des Drehs hinbekommen: die Qualität seiner Arbeit auf- und abzuschaukeln. Und das ist irritierend. Wobei das zwar das Augenfälligste, aber nicht das Einzige an diesem Versuch ist, große Literatur in einem großen Bilderbogen zu verfilmen, was das Vorhaben dann doch vereitelt.

Warum Narziss und Goldmund nicht auch in einem Dreiteiler fürs Fernsehen aufzubereiten ganz so wie Maximilian – das Spiel von Macht und Liebe? Weil Ruzowitzky anders als Andreas Prohaska fast ausschließlich ein Cineast ist. Einer, der fürs Kino arbeitet. Weil die Förderung endlich durch ist, und was finanziert ist, wird gemacht. Das Kino braucht Filme, und Filme brauchen das Kino – vor allem Stoff, der allseits bekannt ist und für volle Säle sorgen könnte. Zwei Leben aber anhand eins fiktiven Biopics und nicht als lebensphilosophische Abhandlung innerhalb zwei Stunden ins Kino zu bringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Entsprechend gehetzt und gänzlich ohne innere Einkehr erzählt „Goldmund“ Niewöhner seinem Spezi Narziss Anekdoten aus 15 Jahren Umherirrens auf der Suche nach seiner Mutter. Und Goldmund, natürlich ein Feschak sondergleichen, der hat die Qual der Wahl bei den Damen, gerät von einer Liaison in die nächste, scheint irgendwann sein Glück gefunden zu haben, doch wieder nichts. So ist sein Leben eine einzige riesige Wanderung, während der er sein Talent fürs Schnitzen entdeckt – und auch perfektioniert und letzten Endes im Altarbild von Narziss´ Kloster gipfeln lässt.

Ob die Definition der Mutterfigur im Roman auch so im Mittelpunkt steht? In Ruzowitzkys Film jedenfalls ist das der Fall. Viel weniger ist es das Resümee eines Vergleichs zwischen weltlichem und geistigem Leben, zwischen Abenteuern im Kopf oder in der weiten Welt. Sein Film findet keinen Einklang, die tiefe Erfahrung des Goldmund bleibt kolportiert. Klassische Versatzstücke aus dem finsteren Mittelalter wie blutige Striemen am Rücken durch gern gefilmte Selbstgeisselung, Pestopfer, jede Menge alter Mauern oder stimmige Choräle müssen das Soll wohl erfüllen. Mitnichten. All das macht den Film noch plakativer, noch gefälliger, und weniger zum Erlebnis. Bei Narziss und Goldmund scheint es eigentlich um etwas ganz anderes zu gehen, was Ruzowitzky, der auch das Drehbuch schrieb, nicht wirklich herausarbeiten konnte. Das tête-à-tête der vielen bekannten Gesichter erschwert das Eintauchen ebenso – manchmal ist ein illustrer Cast für so eine intime Geschichte vielleicht nicht das Richtige. Und wenn dann noch das sakrale Meisterstück mit all seinen Engeln die Gesichter bekannter Schauspieler tragen, wirkt das unfreiwillig grotesk und lässt sich mit der Ehrfurcht, welche die Mönche verspüren, nicht vereinbaren. Glaubwürdig und am wenigsten schablonenhaft bleibt nur Sabin Tambrea, der als einziger seine innere Balance findet, was man vom Film an sich nicht sagen kann.

Narziss und Goldmund

The Promise

DIE EPIK EINES GENOZIDS

6,5/10

 

thepromise© capelight pictures 2004-2017

 

LAND: USA, SPANIEN 2017

REGIE: TERRY GEORGE

CAST: OSCAR ISAAC, CHRISTIAN BALE, CHARLOTTE LE BON, ANGELA SARAFYAN, TOM HOLLANDER, JAMES CROMWELL, JEAN RENO U. A. 

 

18 Jahre nach den Ereignissen im damaligen Osmanischen Reich hat der begnadete Schriftsteller Franz Werfel 1933 einen epischen Roman verfasst, welcher an den Widerstand der Armenier gegen die Türken am Berg Musa Dagh im September 1915 erinnert. Damals, nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, hatte das osmanische Komitee für Einheit und Fortschritt – welcher Zynismus! – nichts anderes zu tun gehabt, als das Volk der Armenier zu vertreiben und massenhaft zu töten. Ein Völkermord, wie er im Schwarzbuch steht. Fast hätte ich vermutet, vorliegendes Werk ist Werfels Tausendseiter im Filmformat. Falsch gedacht – der irische, politisch motivierte Regisseur Terry George, der 2004 mit Hotel Ruanda bereits einen ganz anderen Genozid zum Thema hatte und die Geschichte eines schwarzafrikanischen Oscar Schindler auf bewegende Weise erzählen konnte, erinnert sich nun an das Genre epischer Monumental- und Cinemascope-Filme wie Vom Winde verweht oder an wuchtige literarische Werke wie Tolstoi´s Krieg und Frieden, um eine fiktive Dreiecksgeschichte zu erzählen, die vor dem Hintergrund der systematischen Auslöschung der Armenier erzählt wird.

The Promise bot schon im Vorfeld, bevor der Film überhaupt noch in den Kinos anlief oder von irgendeinem Publikum gesehen wurde, genug Stoff, um sowohl von den militanten Leugnern als auch von den Verfechtern der Aufklärung hitzig diskutiert zu werden. Da lässt sich wieder mal deutlich erkennen, wie sehr Journalismus menschliches Verhalten beeinflussen kann, vor allem wenn nichts Greifbares zugrundeliegt, sondern nur die Tatsache, dass das Schicksal der Armenier Thema eines Filmes werden wird. Allerdings lockte The Promise auch nach der Premiere nur wenige Menschen ins Kino – das haben womöglich Filme über Minderheiten so an sich. Grausamkeiten von Menschen an Menschen locken anscheinend nur, wenn es fiktiver Horror ist, weniger geschichtliche Tatsache, wobei Terry George alles daransetzt, nicht nur das Grauen in explizit arrangierten Szenen nachzustellen, sondern auch eine prosaische Liebesgeschichte zu erzählen, die von Sehnsucht, Eifersucht, Versprechen und Leidenschaft geprägt ist. Eine durchaus romantische Konstellation theatralischen Ausmaßes erwächst zwischen dem armenischen Medizinstudenten Michael, einem amerikanischen Reporter namens Chris und dessen armenischer, allerdings in Paris aufgewachsener Freundin Ana. Erschwerend hinzu kommt, dass Michael sich unsterblich in Ana verliebt, während daheim in der Provinz die Verlobte mit der Mitgift wartet, die letzten Endes das Studium finanzieren soll. Das alleine wäre schon heikel genug, allerdings von relativ trivialer Natur – wären nicht alle drei Kinder ihrer Zeit, nämlich Zeitzeugen der erstarkenden Endzeit des ersten Weltkriegs. Wie die Hutus in Ruanda haben auch die Osmanen in Kleinasien nur auf das Signal gewartet, um zuzuschlagen. Die Vertreibung der christlichen Armenier soll angeblich in den Wirren eines Krieges untergehen – gäbe es nicht Kriegsberichterstatter wie Chris, angenehm zurückhaltend gespielt von Christian Bale, die über die schändliche Ausnahmepolitik der dortigen Regierung berichten.

Terry George findet mit seinem Kameramann Javier Aguirresarobe und all seinen Ausstattern beeindruckende Bilder aus einer vergangenen Epoche, die sowohl die Schönheit des Landes, den orientalischen Zauber Konstantinopels als auch die Tragödie der Vernichtung in farbintensiven Bildern einfangen. Menschenschlangen ziehen durch die Ödnis, ganz so, wie Fotografien von damals die Verbrechen bezeugen. Die Schlacht am Musa Dagh am Ende des Filmes hat dann schon bibelgleiche Ausmaße. Große Gefühle sind hier nun Thema, das Beklagen der Toten und das Wiederfinden der Geliebten. Historisches Pathos in Reinkultur, professionell inszeniert, auch wenn das Schicksal von „Poe Dameron“ Oscar Isaac gegen Ende vielleicht etwas über die Maßen strapaziert wird.

The Promise lässt sicher nicht kalt, das große Drama packt den Gerechtigkeitssinn, der uns Wohlerzogenen innewohnt, gehörig und schmerzhaft am Schopf. Sehgewohnheiten neu zu definieren ist aber ebensowenig die Absicht des Films wie ein junges Publikum abzuholen – George´s Epos ist ein Zugeständnis an Traditionalisten älteren Semesters. Das ist immerhin noch malerisches, bestens gelerntes Breitwandkino im Stile Spielfilmlängen sprengender Klassiker – und selbst wie aus einem anderen, vergangenen Jahrhundert.

The Promise

Nurejew – The White Crow

AUS DER REIHE GETANZT

5,5/10

 

EF6B7528.CR2© 2019 Alamode

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: RALPH FIENNES

CAST: RALPH FIENNES, OLEG IVENKO, LOUIS HOFMAN, ADÈLE EXARCHOPOULOS U. A. 

 

Nennt mir fünf Filme, die Ballet zum Thema haben. Würdet ihr diese Challenge meistern, ohne nachzusehen? Ich glaube ich würde es schaffen. Billy Elliot, Black Swan, Girl… Wenn der deutsche Kinofilm Anna nach der gleichnamigen Fernsehserie auch noch zählt, hätte ich mit Nurejew – The White Crow gerade mal eine Hand voll. Ralph Fiennes hat hierzu keinen unwesentlichen Beitrag geleistet, denn die teils kuriose Biographie des russischen Meistertänzers Rudolf Nurejew, die geht auf sein Konto. Nicht nur als Schauspieler und Produzent, sondern auch als Regisseur, wobei, wenn ich die Regiearbeiten des Briten genauer betrachte, ich nicht umhin komme festzustellen, dass der von mir sehr geschätzte Akteur ein kultureller Feingeist sein muss. Shakespeares Coriolanus – ja, der war ein bisschen ungelenk, sehr wuchtig und prätentiös. Wie eine Oper eben. In die Oper dürfte Fiennes wohl auch gerne gehen. Und da dürfte ihm die Idee zu Nurejew gekommen sein. Zur Eleganz des Ballett und zum kalten Krieg. Zu staatlicher Paranoia, Geheimdienst und Überwachung.

Alles beginnt mit Einblicken in eine recht elende Kindheit irgendwo in der russischen Provinz, farblich entsättigt, damit das Verständnis für Zeitebenen gesichert bleibt. Der Junge schafft es mit viel Glück auf die Ballettschule und, wie Kenner der Materie wissen, in die zweitberühmteste Ballettgruppe Russlands neben dem Bolschoi – ins Kirow-Ensemble. Ballett verlangt natürlich eiserne Disziplin, intensivstes Training, nicht zwingend Fanatismus wie bei Black Swan, aber schaden würde das in dieser Branche wahrscheinlich nie. Einen Körper so zu beherrschen, das ist große Kunst. Das Ballett Spartacus damals in der Wiener Staatsoper ist mir nicht nur wegen Rimski-Korsakows Musik noch lebhaft in Erinnerung. Nurejew war also auch so einer, ein Star unter den Professionisten – mit der Aussicht, in den 60ern ein Gastspiel in Paris zu absolvieren. Das passiert dann auch, doch nur unter strengen Auflagen. Westen und Osten können sich nämlich nicht riechen, und der Feind lauert überall. Nur: Auflagen sind Nurejew so ziemlich egal. Er knüpft Kontakte, wohin auch immer. Und stellt fest: müsste er noch mal zurück nach Russland, müsste er für immer dort bleiben,

Nurejew – The White Crow (Weiße Krähe als Synonym für jemanden, der aus der Reihe tanzt, oder einfach anders ist) ist wider Erwarten doch nicht allzu viel mehr als ein Ballettfilm. Für diese formelle Tanzkunst muss man sich schon ansatzweise interessieren, oder zumindest für Extreme der Körperbeherrschung. Für Ehrgeiz natürlich auch. Und erst peripher für den Kalten Krieg. Mit den Schwierigkeiten, die dieser politische Frost mit sich brachte, hat Nurejew erst später zu tun. Bis dahin ist es eine Erfolgsstory, eine schön schimmernde Hommage in der braunstichigen Optik verblassender Papierbilder. Mittendrin sehr zurückhaltend, in elitärem Nachdenkmodus und etwas introvertiert: Ralph Fiennes als Ballettlehrer Alexander Puschkin, mit Halbglatze und Strickweste. Ja, Puschkin wird wohl so gewesen sein, zurückhaltend und distinguiert. Auch Nurejew selbst wird womöglich ziemlich gut getroffen worden sein, auch wenn es danach aussieht, als müsste es Zeit seines Lebens nicht einfach gewesen sein, mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren. Oleg Iwenko, tatsächlich auch Ballettänzer, bleibt als der Bühnenstar unnahbar und arrogant. Ein Egozentriker aus Fleiß und der Lust am Ruhm. Aber immerhin einer, dem nichts in die Wiege gelegt wurde. Damit kann man sich anfreunden oder nicht. Interessant, wenn auch etwas tanzlastig, ist das ganze Szenario, das Fiennes hier rekonstruiert hat, trotzdem, plätschert aber bis zum alles entscheidenden Wendepunkt in Nurejews Leben eher recht hausbacken vor sich hin. Immerhin: das Sinnbild offener Türen, die in die Zukunft weisen, findet seine realhistorische Entsprechung.

Nurejew – The White Crow

Togo

DOG TO GO

6,5/10

 

togo© 2019 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE UND KAMERA: ERICSON CORE

CAST: WILLEM DAFOE, JULIANNE NICHOLSON, MICHAEL GASTON, CHRISTOPH HEYERDAHL, MICHAEL GREYEYES U. A. 

 

Zeitgleich mit dem Disney+-Release hier in deutschsprachigen Landen muss natürlich auch gleich der erste Filme einer Qualitätskontrolle unterzogen werden. Vorgenommen habe ich mir den Outdoorstreifen rund um einen Haufen toller Hunde, nämlich Schlittenhunde, die von einem ganz außerordentlich begabten Leithund angeführt werden, der den Namen Togo trägt. Togo ist auch der Titel des Films, und als Stargast nebst all den beeindruckenden Hundeperformances darf Willem Dafoe wieder mal zeigen, dass er auch fern jeglichen Arthousekinos mit Ferrara und Dave Eggers auch ganz normal familientaugliches Kino anführen kann. Denn was Harrison Ford kann, kann Dafoe schon lange. Der Unterschied dieser beiden Filme? In Ruf der Wildnis durfte Ex-Han Solo gar nicht mal mit echten Tieren kommunizieren. Der Hund aus der Neuverfilmung von Jack Londons Klassiker besteht aus Pixels. Das allerdings fällt unangenehm auf. Weil es einfach nicht sein muss. Kein Tier lässt sich besser trainieren als ein Hund. War das reine Bequemlichkeit der Studios? Oder einfach wieder nur zeigen, was das digitale Kino alles kann? Allein vom Trailer her lässt sich vermuten, dass die Macher mit dem Ergebnis nicht gerade die Benchmark gekitzelt haben. So gut es also geht, ist Natürlichkeit immer der beste Effekt. Dessen besonnen hat sich Disney – und für viele Szenen auf ein ganzes Rudel echter Wuffomaten zurückgegriffen. Diese sibirischen Huskys, in welcher Entwicklungsstufe auch immer, vom Welpen bis zum Grauhaar, holen selbst Hundemuffel und solche, die mit Pudel, Dackel und Co überhaupt nicht viel anfangen können, hinter dem Ofen hervor. Diese Huskys, die sind einfach noch einen Tick anders. Sie sind wilder, ursprünglicher. und gehören genau dorthin, wo der Film spielt: Nämlich nach Alaska – und nicht in ein urbanes Appartement.

Dieses Alaska, das bekommt in Ericson Cores klassischem Abenteuerfilm der guten alten Schule einen Anstrich, das man es ewig schade finden könnte, Togo mitsamt den Kids nicht auf großer Leinwand gesehen zu haben. Zugegeben, die Panoramabilder sind vielleicht eine Spur zu pittoresk, aber Landschaften sehen zu bestimmten Tageszeiten nun mal so aus, das ist Wildniskitsch pur, der aber auch so sein darf. Die Dokureihe Universum lässt grüßen. Auch Filme wie Alpha, der ebenfalls die Mensch-Hund-Achse dreht, oder Wie Brüder im Wind über die Geschichte eines Jungen und seines Adlers. Togo ist ein großzügiger Naturfilm, der sich nicht einsperren lässt und die Weite genießt. Und den Hunden nicht oft genug in die eisblauen Augen schauen kann. Das erzeugt wiederum Nähe. Und ja, einem Hundemuffel wie mich hat das am Ende des Tages dann doch noch abgeholt. Noch dazu, weil Togo auf einer wahren Geschichte beruht, die in den 20er Jahren als Serumlauf von Nome bekannt wurde und statt Togo allerdings einen Hund namens Bolt berühmt gemacht hat.

Togo ist fast schon so was wie eine familientaugliche Mischung aus The Revenant und Lassie – oder wie hieß der Bernhardiner gegen Bergnot? Der Himmel ist stets voller bedrohlicher Wolken, der Wind tobt, das Schneegestöber nimmt die Sicht. Was müssen die vier Pfoten wohl frieren auf diesem kalten, eisigen Untergrund. Die Szene, in welcher der Schlitten, um Zeit zu sparen, einen vereisten Sund überquert, ist wirklich atemberaubend gefilmt. Der zwischenmenschliche Überbau eher solides Beiwerk ohne Besonderheiten, in ganz herkömmlichem Disney-Stil, wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt sind. Braucht es da was anders als versöhnliches Pathos? Nein, weil Hunde, die stehen auf sowas. Nichts macht sie glücklicher.

Togo

Der stille Berg

ÜBER ALLEN GIPFELN IST KEINE RUH

3/10

 

derstilleberg© 2014 Constantin Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2013

REGIE: ERNST GOSSNER

CAST: WILLIAM MOSELEY, EUGENIA CONSTANTINI, CLAUDIA CARDINALE, EMILY COX, FRITZ KARL, WERNER DAEHN U. A.

 

Es gibt Kriegsfilme, so wie Steiner – Das eiserne Kreuz, die wirklich keine Gefangenen machen und lieber in satter Kriegsaction mitsamt farbenfrohen Gore-Elementen im Getöse der Lafetten untergehen. Und es gibt Heimatfilme aus den 50er-Jahren, vielleicht sogar noch bis in die 60er hinein, die von wohlhabenden Wirtshausläuten erzählen, deren promiskuitiver Nachwuchs Beziehungskonstellationen wählt, die die Familienältesten nicht sehen wollen. Bei Volksfesten gibt es Schuhplattler und jeder hat über jeden die unterschiedlichsten Gerüchte, die dann zu Verwechslungen führen. Diesen Story-Twist gibt es hier zwar nicht, aber dennoch: Der stille Berg des Tiroler Filmemachers Ernst Gossner vermählt sowohl eingangs erwähnte Art des Kriegsfilmes mit erwähnter Art des familienzwistigen Heimatfilmes – und bekommt seine Komponenten einfach nicht zusammen.

Wobei diese eher unbekannte Episode aus dem Ersten Weltkrieg klarerweise vollste Aufmerksamkeit verdient hat, allerdings eine relativ späte wohlgemerkt, mehr als 100 Jahre nach den Ereignissen. Bekannt waren mir die so genannten Gebirgskriege nicht wirklich, die zwischen 1915 und 1918 die Alpen unsicher machten. Die vorliegende Koproduktion aus Österreich, Italien und den Vereinigten Staaten versucht, die erste Dolomitenoffensive zu rekonstruieren, und zwar mithilfe fiktiver Charaktere, die natürlich als Identifikationsfiguren herhalten müssen, da Regisseur Gossner garantiert keinen Dokumentarfilm drehen wollte, sondern einen klassischen Heimatfilm, eine Tragödie zwischen Gipfelkreuz und Guerilla-Taktik. Dabei konzentriert sich der Tiroler einerseits sehr stark auf authentische Details, andererseits aber gerät er mit William Moseley (Die Chroniken von Narnia) als Erstbesetzung wohl ins größte Schlamassel des Films. Keine Ahnung wieso, aber einen waschechten Tiroler mit einem Briten zu besetzen, war entweder ein Zugeständnis, um finanzielle Unterstützung für den Film zu erlangen, oder ein schwer nachvollziehbarer Freundschaftsdienst – oder überhaupt der Versuch, mit internationaler Besetzung auch international mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als es sonst der Fall gewesen wäre. So authentisch Gossner in seinem Film auch sein will – mit Moseley gelingt ihm das nicht. Und auch sonst fehlt es dem Streifen an Identität, an empfundener Emotion und Lokalkolorit. Filme wie diese sehnen sich nach Leitfiguren. Das hat bei Der Soldat James Ryan oder erst kürzlich in Sam Mendes´ 1917 wunderbar funktioniert. Apocalypse Now sowieso – niemals war der innere Weg in die Verrohung so deutlich wie bei Martin Sheen. Oder The Deer Hunter. Klassiker der Charakterzeichnung, Sternstunden einer psychologischen Reise, wohin auch immer. Durch diesen verheerenden Mix dreier Nationen, die alle beim Stillen Berg mitmischen möchten, und trotz der verbissenen Ambition, sowohl Antikriegsfilm, Actionfilm und Heimatfilm sein zu wollen, lässt die Tragödie in den Bergen erschreckend kalt. Schreie, Verstümmelungen, Wundbrand und Wahnsinn alleine irritieren zwar wie üblich bei einem Film über den Weltkrieg, die Distanz zu den Leidenden ist allerdings zu groß, um selbst das Gefühl zu verspüren, mit genagelten Bergschuhen über gefährliches Geröll zu schlittern. Die mangelnde Psychologie des Films versucht man mit noch mehr Getöse wettzumachen, und irgendwann ist es nur noch ein schales Röhren zwischen den Bergspitzen, meist in Nacht und Nebel gehüllt, wo sowieso jede Übersicht der Dinge den Almabtrieb genutzt hat.

Der stille Berg ist also alles andere als still, er lässt sein enervierendes Kriegsgejammer einem vielstimmigen Kanon gleich, dass seine Einsätze verpasst, über eine herrliche Landschaft rollen, die als einziger mit dem Publikum kommuniziert, während das zerpflückte Ensemble vergeblich versucht, durchs Sprachengewirr hindurch einander anzuschreien. Das klappt leider nicht, und so relevant der Gebirgskrieg auch gewesen sein mag – das vielstimmige Stückwerk erstickt unter seinem eigenen Echo.

Der stille Berg