Fences

ANSICHTEN EINES PATRIARCHS

7/10

 

null© 2016 Paramount Pictures

 

Ich stelle mir jetzt mal folgendes vor: Ich sitze irgendwo in Los Angeles in einem Café. Hinter mir geht die Tür auf und eine Person kommt herein, welche die Gäste des Lokals ob seiner Ausstrahlung – und wenn auch nur für ein paar Sekunden – verstummen lässt.  Dann wäre das in seinen früheren Jahren sicherlich Jack Nicholson gewesen. Heutzutage bliebe es, wenn sich Denzel Washington in aktuell fortgeschrittenem Alter einen Kaffee genehmigen will, nicht unbemerkt. Washington hat Charisma. Wo er hingeht, ist er nicht zu übersehen. Nicht wegen seiner Größe, sondern wegen seiner einnehmenden Persönlichkeit. Washington ist einer der ganz Großen, nicht unbegründet einer meiner am Liebsten gesehenen Schauspieler auf der Leinwand. Schade nur, dass ich den talentierten Afroamerikaner nicht auch im Theater bewundern kann, denn zumindest der Broadway darf Denzel Washington zu seinem Ensemble zählen. Zum Beispiel in einem modernen Klassiker des amerikanischen Dramas. Dieses mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Bühnenwunder trägt den Titel Fences, verantwortlich dafür zeichnet der Dramatiker August Wilson, der auch seine eigene Drehbuchfassung schrieb. 

Fences lässt die Wucht der Stücke eines Tennessee Williams oder Eugene O´Neill wiederaufleben. Was aussieht wie ein Familiendrama mit ganz viel Zeitkolorit, ist vor allem eines: ein One-Man-Gewaltakt. Das Psychogramm einer Machtfigur, eines Patriarchen, der sich innerhalb seiner mikroskopischen Welt aus Familie und Vertrauten gebärdet wie ein Diktator und Bestimmer, selbst aber die Geschichte eines verpassten Lebens mit sich schleppt. Dieser Umstand einer widrigen Vergangenheit voller Misstrauen, Diskriminierung und menschenunwürdig harter Arbeit lässt den Übervater verbittern. Die Zukunft seiner beiden Söhne solle eine andere sein, als er selbst sie hatte. Eine bessere womöglich? Zumindest eine ohne all die Erniedrigungen, die das Oberhaupt der Familie erleiden musste. Dass sich die Zeiten aber geändert haben, und Hindernisse des Gestern heute keine mehr sind – das wird dem alten Herrn nicht bewusst. So werden die Wünsche und Träume seines Nachwuchses zu einem umkämpften Objekt der Zukunft. Der Krieg im Eigenheim, der findet im Hinterhof statt. Einem Stück Grund und Boden, um welchen Patriarch Troy einen Zaun errichten wird. Ein blickdichtes Stück Wand, welches das Draußen, den Fortschritt, die Zuversicht auf eine bessere Welt ausgrenzt. Vielleicht gerät das mächtige Ego von Müllsammler Troy auch in eine Zwickmühle zwischen Neid, Missgunst und verletztem Stolz – alles seiner eigenen Familie gegenüber. Hinter ihm steht niemand mehr, nicht mal mehr sein bester Freund. 

Fences ist der letzte von mir gesehene Film all jener nominierten Kandidaten, die für den Oscar 2017 als bester Film ins Rennen gegangen sind. Das Theater auch auf der Leinwand funktioniert, zeigt die von Denzel Washington produzierte und inszenierte Verfilmung des Bühnenhits auf zwar routinierte, aber eindringliche Art und Weise. Das Kammerspiel, welches den tiefen Fall des resignierenden Egomanen fast ausschließlich im Hause der Familie und im Hinterhof irgendwo in Pittsburgh beobachten lässt, passt Denzel Washington wie angegossen. Die Rolle ist tatsächlich sein ganz persönliches Projekt, eine Herzensangelegenheit, die er sozusagen im Alleingang zu stemmen versucht. Viola Davis als seine gestrenge bessere Hälfte, die den Tyrannen ertragen und lieben muss, steht Washington mit Leidenschaft zur Seite. Beide meistern das Drama mit Kraft und Würde. Das liegt natürlich daran, dass beide ihre Rollen bereits schon am Theater erproben konnten. 

Und genau das ist Fences. Pures Theater, mit dem Vorteil, den Ausdruck all der Gesichter im Close up betrachten zu können, ohne zum Operngucker greifen zu müssen. Das Kino nutzt durch seine Nähe des Publikums zum Schauspieler die ganze Bandbreite improvisierter Emotionen. Das weiß Washington´s dritte Regiearbeit zu nutzen. Wer sich ein Kinoerlebnis mit dem Medium eigenen Stilinnovationen erwartet, wird womöglich enttäuscht sein. Washingtons ist ein präziser, handwerklich souveräner Hybrid aus Bühne und Leinwand gelungen. Wortgewaltig und maßgeschneidert für einen Schauspieler, der nicht übersehen werden kann.

Fences

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