Meine Stunden mit Leo (2022)

SEX IST, WORÜBER MAN SPRICHT

7/10


meinestundenmitleo© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: SOPHIE HYDE

BUCH: KATY BRAND

CAST: EMMA THOMPSON, DARYL MCCORMACK, ISABELLA LAUGHLAND

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Emma Thompson war schon immer zum Hinknien. In diesem so klugen wie temperamentvollen Kammerspiel tut sie das sogar selbst. Wie sonst soll Fellatio auch anders gehen? Meine Stunden mit Leo ist nichts, was ein prüdes Publikum gerne hören oder sehen will. Oder vielleicht doch? Vielleicht gibt ein Film wie dieser Anlass genug, um endlich mal ganz ehrlich zum jeweils eigenen Status Quo sexueller Erfüllung zu stehen. Im Hinblick auf die natürlichste Sache der Welt hat dieses Bedürfnis dank eines biochemischen Belohnungseffekts eine jede und ein jeder. Und das Beste: egal in welchem Alter. Somit sondiert hier, in diesem generischen, aber noblen Hotelzimmer, unser längst aus vielen Filmen lieb gewonnener Star anfangs noch recht zögerlich die neue Umgebung. Ähnlich skeptisch, kam ich nicht umhin, mir die Frage zu stellen, was ein Zwei-Personen-Film wie dieser denn wirklich Bereicherndes verspräche, außer eben Emma Thompson, die laut Trailer mit ein bisschen Alkohol und simplen Tanzschritten aus sich herauszugehen vermag. Im Nachhinein muss ich feststellen: Ich hätte den Film falsch eingeschätzt. Und ich hätte mir Meine Stunden mit Leo womöglich auch nicht auf meine Watchlist gesetzt, wäre mir dieser nicht von mehreren Seiten empfohlen worden. Da ich den Empfehlungen meiner Leser und natürlich auch die meiner Freunde gerne nachgehe, konnte diese kleine filmische Begegnung aus Geben und Nehmen dann doch nicht an mir vorbei. Und gut war’s.

Denn es ist nicht so, als wären diese Stunden, die Emma Thompson alias Nancy Stokes mit dem attraktiven Callboy Leo Grande verbringt, nur gefüllt mit Small Talk und hemdsärmeligen, erotischen Stellungsversuchen, bis beide endlich ihre Hüllen fallen lassen. In Wahrheit ist es so, dass Nancy Stokes sich nicht nur der Textilien entledigen will, sondern auch einer lange herumgetragenen Wahrnehmung von sich selbst und der Welt, deren Entwicklung scheinbar spurlos an ihr vorübergegangen sein muss. Um den Blickwinkel mal zu wechseln, muss Frau neues ausprobieren. Also bucht sie Leo (charmant und attraktiv: Daryl McCormack, u. a. aus Pixie bekannt), einen Mann für gewisse Stunden, der aber nicht nur zwingend für Sex zu haben sein muss, sondern auch für bereichernde Partnerschaften auf Zeit. Ganz billig dürfte dessen Service nicht sein, doch immerhin scheint Nancy zu bekommen, was sie erwartet hat. Nur weiß sie anfangs selbst nicht, was das ist. Ob es die Erwartungen anderer sind, Leos Erwartungen oder die ihrer Freunde und Familie – jedenfalls nicht die ihren. Und so wird aus anfänglichem Zögern und dem üblichen Kennenlernen in solchen Situationen ein auf beiden Seiten ausgetragener, niemals peinlich für den oder die andere werdender Seelenstriptease, der zutage fördert, was beide in ihren Bedürfnissen hemmt. Geben und Nehmen drehen sich um, und die Frage nach dem Sex löst sich dadurch ganz von allein.

Ja, Emma Thompson ist auch hier zum Hinknien. Uneitel, natürlich und ganz und gar selbstbewusst steht sie irgendwann vor dem Spiegel, nackt wie Gott sie schuf. Um dieses „Ja, so bin ich – und das ist gut so“ überhaupt zu erreichen, dafür bedarf es das Hinterfragen umständlicher Tabus und gesellschaftlicher Enge, aus der man sich befreien sollte, will man sich im Alter nicht mehr über alles den Kopf zerbrechen müssen. Der Weg in die Natürlichkeit ist gepflastert mit knackigen Dialogen und einer zielsicheren Dramaturgie, die sich nicht zu lange mit Monologen aus den Erinnerungen der beiden Schauspieler aufhält. Viel wichtiger ist das Aufbrechen alter Strukturen gerade beim Thema Sexualität. Regisseurin Sophie Hyde und die englische Comedian Katy Brand, die das griffige, gerne auch mal erotische Drehbuch verfasst hat, fallen zum Glück nicht mit der Tür ins Haus. Sie wissen beide sehr wohl, dass das Thema eines von jener Sorte bleiben darf, die man nicht in alle Welt hinausposaunt, sondern dass einer eigenen, lockeren Handhabung bedarf. Nämlich einer aus Respekt und gesunder Selbstliebe.

Meine Stunden mit Leo (2022)

Bodies Bodies Bodies

SIE WOLLEN NUR SPIELEN

6/10


bodiesbodiesbodies© 2022 Public House Rights LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: HALINA REIJN

BUCH: SARAH DELAPPE, NACH EINER STORY VON KRISTEN ROUPENIAN

CAST: AMANDLA STENBERG, MARIA BAKALOVA, RACHEL SENNOTT, CHASE SUI WONDERS, PETE DAVIDSON, LEE PACE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Die Zukunft der Menschheit liegt in den Händen solcher Leute? Na, ich hoffe doch nicht ausschließlich. Denn Party, Party, Party geht auch nicht immer, obwohl jugendlicher Hedonismus zur besseren Resilienz die Schräglage unserer Welt manchmal auf die leichte Schulter nehmen darf. Ganz so sehr dem Frust über Klimakrise, Krieg und Geldknappheit muss man sich auch nicht immer hingeben, andererseits aber wäre ein bisschen mehr Bodenhaftung angesichts einer Realität wie dieser schon wünschenswert. Die Mädels und Jungs in Bodies Bodies Bodies kreisen jedoch in erster Linie um ihre aufgebauschten Befindlichkeiten, während man auf der Luxuswelle vor sich hintreibt und gerade zum Splish Splash ins feudale Heim eines selbsternannten Sex-und Koks-Gottes, dargestellt von Pete Davidson, eingeladen wird.

Es beginnt das hysterische Kammerspiel mit der großzügigen Darstellung eines innigen French Kiss zwischen zwei Mädels (Amandla Stenberg und Borat-Oscarnominierte Maria Bakalova), die so frisch verliebt sind wie das 90er-Girlie-Duo t.a.t.u., und zum feuchtfröhlichen Wochenende aufschlagen, das sie mit einer recht illustren Runde an jungen Frauen und einem älteren Herrn (Lee Pace – kaum zu glauben dass der mal den anmutigen Elben Thranduil gegeben hat) teilen müssen. Sophie und ihre Freundin Bee werden kritisch beäugt, lässt sich Sophie doch seit längerer Abstinenz erstmals wieder blicken. Ein Drogenproblem hat die soziale Interaktion leider verhindert, doch das Verständnis hat bei so vielen Ego-Trips aktuell keinen Platz. Als der angekündigte Hurrikan für diesen Tag langsam Anstalten macht, hereinzubrechen, sucht die Gruppe Vergnügungssüchtiger indoor nach Beschäftigungen – und probiert das hübsche Spiel Bodes Bodies Bodies aus, was ungefähr so zu funktionieren scheint wie das gerne zelebrierte Werwolfspiel vom Düsterwald. Ein Mörder geht um und killt seine Mitspieler bei Berührung. Das Opfer fällt zu Boden und schon muss jener Spieler, der es entdeckt, dreimal Bodies rufen, um das Rätselraten einzuläuten. Es wäre kein Thriller, sondern einfach nur ein Partyfilm, würde nicht tatsächlich einer der Anwesenden bald das Zeitliche segnen. Und es passiert auch: Gerade Pete Davidson als Gastgeber klebt blutverschmiert an der Verandatür. Whodunit? Vielleicht die zuvor von ihm kompromittierte Freundin? Oder gar der undurchschaubare Gelegenheitsflirt Greg, der sich bereits frühzeitig ins Schlafgemach abgeseilt hat? Irgendwer will sich da an irgendwen – oder gleich an allen? – rächen, denn es dauert nicht lange, da wird die blutige Spur immer länger und länger.

Das Blut, das tragen bald alle Protagonistinnen wie Kriegsbemalung im Gesicht. Und es sieht nicht so aus, als hätten sie all den Körpersaft deswegen dort, weil sie zufällig in die Wunden der Opfer gefallen sind. Das sieht zwar seltsam aus, doch vielleicht ist das Absicht. Vielleicht herrscht hier, im englischsprachigen Erstling der Niederländerin Halina Reijn, ein Zickenkrieg zwischen selbstgerechten Influencer-Ladies, die in ihrer Smartphone-Blase auf und ab gackern, als gäbe es kein Morgen mehr. Für manche wird dieser auch nicht aufziehen, und es ist manchmal tatsächlich kaum auszuhalten, den keifenden Frauen beim verbalen Austeilen zuzuhören, deren Stimmen sich bis zum exzessiven Gekreische überlagern, wenn sich die Reichen und Schönen am Boden wälzen, weil keine die sein will, für die sie die anderen halten. Bodies Bodies Bodies ist aber, hat man die Katze aus dem Sack gelassen, am Ende einer turbulenten Blutnacht voller Ein-, Aus- und Zufälle das Armutszeugnis einer unzurechnungsfähigen Society, die ihre Selbstdarstellung bis zur Selbstüberschätzung treibt. Dabei wird Social Media nicht per se verteufelt, sondern viel mehr das, was man daraus macht. Worauf es ankommt, verschwimmt zusehends. Und der viele Lärm war um nichts.

Bodies Bodies Bodies

Ach du Scheiße!

VON WEGEN STILLES ÖRTCHEN

6,5/10


achduscheisse© 2022 Drop Out Cinema / Daniel Dornhoefer


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: LUKAS RINKER

CAST: THOMAS NIEHAUS, GEDEON BURKHARD, OLGA VON LUCKWALD, FRIEDERIKE KEMPTER, RODNEY CHARLES, UKE BOSSE, BJÖRN MEYER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


So, jetzt mal ganz im Ernst: Widmen wir uns den wichtigen Dingen des Lebens. Den wirklich wirklich wichtigen. Denn alles im Leben steht und fällt mit einer gesunden Verdauung. Der Knüppel zwischen den Beinen auf dem Weg dorthin könnte unter Umständen eine besetzte Toilette sein. Nicht auszudenken, wenn die Natur ihr Recht einfordert, und man nirgendwo hinkann. Was aber, wenn die Natur gerade mal gar nichts zu sagen hat, der Kaiser längst zu Fuß dorthin gegangen ist und dieser von dort nicht mehr wegkommt? Das ist dem einen oder anderen vielleicht schon mal als Kind passiert. Da schließt man sich am Klo ein, bekommt die Tür aber nicht mehr auf. Ein Albtraum. Ungefähr so ergeht es einem Architekten namens Frank, der inmitten eines umgekippten blauen Dixie (oder Toi Toi)-Klos erwacht, gar nicht weiß, wie er hierhergekommen und zu allem Übel auch noch in einer Baugrube gelandet ist, aus welcher geriffelte Stahldrähte gen Himmel ragen und eine davor direkt durch Franks linken Unterarm geht. So ein Anblick fördert dann doch einen panischen Urschrei zutage, wie in Thomas Niehaus tätigt. Nur: Am Lokus hört dich niemand schreien. Zumindest nicht auf diesem.

Aber gut. Diese ganze verzwickte Situation würde sich irgendwann (und hoffentlich noch, bevor Frank verblutet) in Wohlgefallen auflösen, wäre da nicht eine ins „Häusl“ stehende geplante Sprengung, die in Kürze das ganze Areal einmal umkrempeln würde. Und zwar einschließlich unseres Alltagshelden, der jetzt schon nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, und es ist ja am Ende des Tages nicht so, als hätte Frank im Laufe des Films nicht alles versucht. Regisseur und Drehbuchautor Lukas Rinker schenkt ihm dafür satte 91 Minuten Laufzeit, was man von einem Film, der nur auf maximal zwei Quadratmetern spielt, vielleicht als allzu großzügig ansehen kann oder eben auch nicht, denn es gibt im Laufe der Filmgeschichte so einige Werke, die ihre Spannung trotz der eingeschränkten Parameter mühelos halten konnten. Buried– Lebendig begraben mit Ryan Reynolds zum Beispiel. Dann gibt es Joel Schumachers Telefonzellenpartie Nicht Auflegen! (heutzutage nicht mehr möglich, da sowieso jeder ein Handy hat – auch Frank) oder den Science-Fiction-Film Oxygen mit Mélanie Laurent. Alle diese Arbeiten funktionieren auf ihre Weise. Und tatsächlich schafft es Ach du Scheiße! ebenfalls, seinen Plot niemals nur aufs notdurftbedingte Zeitunglesen zu beschränken, sondern gefühlt alles in diesem versifften Plastiksarg zur Befreiung einzusetzen.

Dazu gehört auch das lautstarke Organ von Thomas Niehaus. Dieser Mann greift für sein Leben tief ins Klo, brüllt und schreit sich die Seele aus dem Leib. Spuckt, flucht, schwitzt und besudelt sich mit Blut. Der Stress steht ihm ins Gesicht geschrieben, Visionen von sprechenden Klobrillen dienen dazu, nicht oder doch komplett den Verstand zu verlieren. Wer als Hygieneverfechter stets sein Fläschchen Hochprozentigen für die Hände mithat und niemals auch nur in den Dunstkreis einer öffentlichen Toilette tritt, wird Ach du Scheiße! nur schwer aushalten können. Durch den Supergau aus Fäkalien, Handseife und übertrieben viel Blut muss man sich als Zuseher erstmal durcharbeiten wollen, um dann dazwischen auch sowas wie eine kleine, feine Romanze zu entdecken und die in groben Zügen verfasste Tragödie eines Verrats, ausgeübt von Gedeon Burkhard in seiner wohl schludrigsten Performance, die gegen die Qualität von Thomas Niehaus‘ expressivem Spiel erbarmungslos abstinkt. Durch Burkhardt, der ja sogar schon mal für Tarantino vor der Kamera stand, hievt sich Ach du Scheiße! gegen Ende auf die Bauernbühne, mit Unterstützung zweier Dorfgendarmen, entliehen aus irgendeinem der Eberhofer-Krimis.

Natürlich ist Ach du Scheiße! eine wilde Mischung aus Trash und Splatter, welche sich in den starken Momenten mit voller Konzentration auf Thomas Niehaus zu einem kuriosen Survival-Thriller auswächst, dem Ekel einfach fremd sein muss und der sich mit dem Siff verbrüdert, um seinen Protagonisten halbwegs heil aus der Scheiße zu ziehen. Da fallen die klamaukigen Elemente rund ums Klo vom Herzstück des Films ziemlich ab und wirken in ihrer Beliebigkeit wie hingeworfen. Wer da den Schließmuskel noch zudrücken kann, hat aber mit Sicherheit reuelosen Spaß dabei und es lohnt sich, diesem irrwitzigen Escape-Toilet-Reißer durch den Abfluss zu folgen.

Ach du Scheiße!

The Outfit – Verbrechen nach Maß

TOTE TRAGEN SCHICKE SAKKOS

5/10


theoutfit© 2022 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: GRAHAM MOORE

CAST: MARK RYLANCE, ZOEY DEUTCH, DYLAN O’BRIEN, JOHNNY FLYNN, SIMON RUSSELL BEALE, NIKKI AMUKA-BIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Für Graham Moore ist der unsichtbare Faden wohl jener Handlungsstrang, der sich jenseits des Offensichtlichen durch die Minuten eines Films schlängelt, und nicht jener Zwirn, den Daniel Day Lewis in gleichnamigem Film von Paul Thomas Anderson seinen stofflichen Kunststücken zur Vollendung eingenäht hat. Für Graham Moore ist The Outfit – Verbrechen nach Maß sein Debüt in Sachen Regie, nach dem er recht erfolgreich das Drehbuch zu The Imitation Game von Morten Tyldum verfasst hat. Wir wissen: Benedict Cumberbatch hat hier dem Mathematiker Alan Turing ein Denkmal gesetzt. Jetzt borgt sich Moore aus Spielbergs Lieblingsensemble Mark Rylance, den ehemaligen Mastermind hinter Ready Player One oder dem Spion aus The Bridge of Spies. Rylance spielt gerne unterschätzbare Charaktere, die leise auftreten, sich vielleicht auch menschenscheu und eremitisch geben. Die den Kopf gesenkt halten und eine falsche oder wahre Bescheidenheit leben, so genau weiß man das nie. Rylance aber hat Charakter, ein distinguiertes Auftreten und fällt niemals mit der Tür ins Haus. Das war auch schon bei Yoda so: Deswegen war der mächtigste aller Jedi auch der kleinste und lernresistenteste, wenn es darum ging, ordentlich Basic zu beherrschen.

Rylance als Herrenschneider Leonard Burling spricht allerdings ein astreines und gewähltes Englisch. Konzentriert sich auf das, was er am besten kann, um die Perfektion mit Nadel und Faden zu gewährleisten. Betreibt einen kleinen Laden im tief verschneiten Chicago und tut so, als wüsste er nicht, dass hier tagein, tagaus finstere Handlanger nicht nur der irischen Mafia Burlings Werkstatt als Drehscheibe für geheime Informationen verwenden. Dort hängt in einer Ecke ein unscheinbarer Briefkasten, und die verbrechenswilligen Herren in Mantel und Fedora schneien hier schneeflockennass in die heiligen Hallen des Meisters, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Eines Tages landet ein Brief der geheimnisvollen und alles umspannenden Organisation The Outfit in besagtem Kästchen – mit brisanten Details. Später dann wird Richie, der Filius von Gangsterboss Boyle, angeschossen in die Schneiderei gebracht – ein Angriff der Gegenpartei, die wissen wollen, dass einer in diesem ganzen Gefüge der Unterwelt ein Verräter sein muss und dem FBI mithilfe von Tonbandaufzeichnungen allerlei Brisantes zukommen lassen will. Diese Aufnahmen dürfen nicht in falsche Hände geraten, denn geplaudert wird in diesen scheinbar tauben vier Wänden immerhin auch genug.

Wer jetzt schon anhand des recht konstruierten Plots das Interesse an dem piekfein ausgestatteten Kammerspiel verloren hat: vorzuwerfen wäre es ihm nicht. Die ebenfalls von Graham Moore ersonnene Geschichte, die sich auf Elemente eines True Story-Berichts beziehen, eifert etwas bemüht den Gangsterfilmen der Schwarzen Serie nach und transportiert seine Hommage in eine Zwei-Zimmer-Boutique, in welcher sich im Laufe von 106 Minuten die verschiedensten Gesellen – vom tumben, gewaltbereiten Handlanger bis zum Obermafiosi, der seinen Sohn sucht – einfinden werden. Das Kammerspiel dürfte Moore womöglich schon seit Sichtung des Hitchcock-Klassikers Cocktail für eine Leiche beeindruckt haben: so manchen Suspense entdeckt man auch in The Outfit – wenn man genau danach sucht. Also irgendwo zwischen angeschossenen Gangstern, verbotenen Liebschaften und gezogenen Pistolen, die auf was weiß ich auf wen gerichtet sind. Inmitten dieses Kommens und Gehens arbeitet sich Mark Rylance als argloses und scheinbar devotes Scheuklappen-Schneiderlein durch allerlei Schnittmuster zur zentralen Figur heran, die langmächtig über Schein und Sein philosophiert und maßgeschneiderte Herrenanzüge mit determiniertem Karma gleichsetzt.     

The Outfit – Verbrechen nach Maß will als opulenter Einakter auf engstem Raum funktionieren und seine Wendungen wie Stecktücher in Sakkos platzieren. Durch diese Ordnungsliebe verzichtet der Thriller aber auf das Plötzliche und Unerwartete.

The Outfit – Verbrechen nach Maß

Trees of Peace

ESCAPE ROOM IM GENOZID

5/10


treeofpeace© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ALANNA BROWN

CAST: ELIANE UMUHIRE, CHARMAINE BINGWA, ELLA CANNON, BOLA KOLEOSHO, TONGAYI CHIRISA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Das systematische Töten von bis zu einer Million Menschen von April bis Juli des Jahres 1994 zählt zu den schlimmsten Verbrechen, die Menschen einander antun können. Natürlich – systematische Säuberungen gab es andernorts auch, so gesehen in Kambodscha oder Serbien. In Ruanda aber ist passiert, was niemand jemals vermutet hätte und was diese Abscheulichkeiten in einem noch schrecklicheren Licht zeigt: Die Bereitschaft ganz normaler, rechtschaffener Menschen, langjährige Freunde, Familienmitglieder und Kinder einfach dahinzuschlachten. Und das nicht nur aus Zugzwang. Der knochenharte Horror steckt hier im vorsätzlichen Tun und im plötzlichen Verrat an Werten und Gewissen.

Angesichts dieser Tragödie bleiben Filmreihen wie The Purge zynisches Entertainment. Wenn so etwas tatsächlich passiert, lässt sich das kaum verfilmen. Umso dringender Ruandas Motivation, das Trauma sofort aufzuarbeiten. Filme wie Hotel Ruanda, Sometimes in April oder Trees of Peace tragen mitunter dazu bei, sich proaktiv neuen Ufern zuzuwenden – weil niemand wegsehen oder so tun will, als wäre er nicht dabei gewesen.

In Trees of Peace ist das Grauen – so wie in Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher – vorwiegend indirekt wahrzunehmen. Doch das macht der Intensität keinen Abbruch. Das Flehen, Schreien und Metzeln ist nicht zu überhören, wenngleich dosiert genug, damit einem nicht übel wird. Den vier Frauen, die sich in einem gerade mal 2x2m großen Kellerloch fast 3 Monate lang versteckt halten, fordert die Angst ums Überleben so gut wie alles ab. Es sitzen sich eine schwangere Hutu namens Annick, welcher der Keller des Hauses gehört, ein Tutsi-Mädchen, eine Tutsi-Nonne und eine Amerikanerin gegenüber. Sie harren und warten und bangen. Ab und an kommt Annicks Ehemann vorbei und bringt Nahrung. Der Zugang zum Keller lässt sich nur von außen öffnen, die vier Frauen sind vorübergehend lebendig begraben, haben nur ein kleines Fenster, vor welchen sich ab und an fürchterliche Dramen abspielen. Und jede der hier Anwesenden trägt zusätzlich noch seinen eigenen erlebten Schrecken aus Kindheit und Alltag mit sich herum, der in diesem Genozid die Chance sieht, die Resilienz jeder einzelnen der Eingesperrten auf die Probe zu stellen.  

Autorenfilmerin Alanna Brown hat hier zwar keinen Film auf wahren Begebenheiten inszeniert, bezieht sich aber auf ähnliche Berichte vieler Überlebender, die Dank eines ähnlich guten Verstecks wie diesem der Hinrichtung entgehen konnten. Mir fällt hier unweigerlich Anne Frank und ihre Familie ein, die dieses Glück leider nicht hatten und denunziert wurden. Leicht hätte es diesen vier Frauen ebenso ergehen können, doch Browns Film will Hoffnung schöpfen und nicht nehmen. Eine noble Sache, da kann ich nichts dagegen sagen – andererseits aber erhält das durchaus gewagt angelegte Survival-Kammerspiel trotz all der vermittelten, schwer erträglichen Gewalt einen frommen, geradezu phrasenhaften Idealismus, der manchmal recht dick aufträgt. Im Gegensatz dazu nimmt sich Alanna Brown mit ihrem Konzept der konsequenten Isolation, die sie kaum durchbricht, einige inszenatorische Möglichkeiten. Sie hätte wohl vorgehabt, ihre vier Protagonistinnen wahrhaftig an ihre Grenzen gehen zu lassen – stattdessen bleiben die Konflikte nicht auserzählt, die Dialoge beschwichtigend, das Gute im Menschen auf Abruf verfügbar.

Die Geschichte, um die es hier geht, bleibt in seiner Unfassbarkeit, ganz so wie der Holocaust, ein niemals wegtherapierbares schwarzes Loch. Am Ereignishorizont lässt es sich gerade mal innehalten. Trees of Peace bleibt dort in seiner Zeitkapsel auf Warteposition, ist gut gemeint und sicher auch aufrichtig – überbrücken kann Brown die spielfilmlange Laufzeit lediglich mit wiederkehrenden Motiven und wenig erhellenden Erkenntnissen.

Trees of Peace

Small Engine Repair

WOZU HAT MAN FREUNDE?

7,5/10


smallenginerepair© 2021 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JOHN POLLONO, NACH SEINEM THEATERSTÜCK

CAST: JOHN POLLONO, JON BERNTHAL, SHEA WIGHAM, SPENCER HOUSE, JORDANA SPIRO, CIARA BRAVO, JOSH HELMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Nicht alle Bühnenstücke eignen sich zur Verfilmung fürs Kino. Dieses hier schon. Womit also kein Grund besteht, Small Engine Repair unter dem Radar fliegen zu lassen. Das Theaterstück von John Pollono, der in vorliegendem Film auch Regie geführt und die Hauptrolle übernommen hat, entwickelt sich so unerwartet, dass man lange Zeit eigentlich nicht weiß, womit man es zu tun hat. Mit einem gediegenen Melodram rund um Freunde und die Zeit, die an diesem sozialen Gefüge nagt? Oder mit einem sich langsam anbahnenden Thriller, dessen Ursprung lange im Verborgenen liegt und in so manchen Dialogzeilen, ohne dass es so recht bewusst wird, bereits vorweggenommen werden kann. Zu viel über Small Engine Repair zu verraten, kann leicht passieren und wäre auch zu schade. Dieser kleine, hemdsärmelige Film kommt durch die Hintertür an den Schauplatz einer schmucken Werkstatt und füllt die mit dem Duft von Schmieröl und halbdurch gebratenen Steaks durchzogenen vier Wände mit topaktueller Relevanz.

Für dieses besondere Werk konnte Pollono zwei durchaus namhafte Schauspieler verpflichten: Jon Bernthal, der bärig-sympathische Kumpeltyp auch fürs Grobe und vielleicht nicht ganz so Legale – und Shea Wigham, betont abgemagert und blass, stets mit Mütze und nerdigem Knowhow. Beide geben jahrelange Freunde von Frank Romanowksi (John Pollono), der Schwierigkeiten hat, seine Impulse unter Kontrolle zu behalten. Da kann es schon mal passieren, dass die Hand ausrutscht – und sich nicht mehr stoppen lässt. Gewalt ist sein Problem, und das führt dazu, dass der Freundeskreis zerbricht – bis Jahre später all die damals Vergraulten zu einem Grill- und Männerabend in Franks Werkstatt gerufen werden, um Vergangenes auszusprechen und sich wieder zu versöhnen. Das tun sie dann auch, es wird umarmt, gescherzt, Anekdoten aus den letzten Jahren preisgegeben, Bier getrunken und sogar Gras geraucht, das ein Kerl vorbeibringt, der seltsam distanziert, ja gar arrogant wirkt, der sich aber dazu überreden lässt, bei dieser kleinen Party auch sonst so mitzumischen. Mit diesem Kerl hat Frank aber etwas vor. Und genau dafür braucht er seine Freunde.

Es gibt Garagenbands, und es gibt Garagenfilme. Dieser ist einer davon. Ein Film für kleine Bühnen. Doch mehr braucht man oft nicht. Pollono statuiert mit seinem unter Anspannung sozialisierenden Männerdrama ein Exempel für Verantwortung und Achtsamkeit. Wie weit, lässt er auch fragen, geht das Einstehen für den anderen, wenn der andere ein Freund ist, der den Rückhalt entsprechend verdient? Es wird Abend, dann wird es Nacht rund um diese Werkstatt, das Neonlicht taucht den Verschlag in ein graugrünes Versuchslabor aus Wut, Sorge und Vergeltungsdrang. Irgendetwas ist hier im Argen, und wie Pollono dieses Arge aus dem bemüht versöhnlichen Beisammensein herauskitzelt, bleibt unvorhersehbar und nicht minder verblüffend. Die Wendung mag brillant sein, kann aber auch für andere vielleicht ein bisschen zu aufgesetzt wirken, zu gewollt globale Probleme erörternd, die auf diese Art hier vielleicht gar nichts zu suchen hätten, weil es die derbe Schulterklopfromantik gestandener Typen konterkariert. Doch genau das ist das Irre an dieser so schmerzvollen wie improvisierten Geschichte, die so plötzlich über einen lauen Herbstabend hereinbricht wie ein frühes Wintergewitter.

Small Engine Repair

Das Fenster zum Hof

DIE WIEGE DER SUSPENSE

9/10


fensterzumhof© 1954 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 1954

REGIE: ALFRED HITCHCOCK

BUCH: JOHN MICHAEL HAYES

CAST: JAMES STEWART, GRACE KELLY, THELMA RITTER, WENDELL COREY, RAYMOND BURR, JUDITH EVELYN U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Alfred Hitchcock wäre stockbesoffen, würde er jedes Mal, wenn ein Film wieder mal Anleihen an seinen Klassiker nimmt, ein Schnapsglas leeren. Wie würde die Welt des Kinos aussehen, hätte es Das Fenster zum Hof, oder, im Original: Rear Window, nie gegeben? Deutlich ärmer, würde ich meinen. Zumindest ein Genre müsste sich mühsam dazu aufraffen, das Spannungsrad neu zu erfinden, während in diesem Universum der feiste Onkel mit dem Doppelkinn und dem Hang zum Cameo-Auftritt seinen Regie-Erben bereits jede Menge Perlen vor die Füße geworfen hat. Die Filmwelt dankt und ereifert sich dabei bis heute, psychisch labile oder viel zu neugierige Normalbürgerinnen und -bürger aus regennassen Fenstern blicken und Dinge beobachten zu lassen, die sie nicht sehen dürften. Denn zu viel Neugier verträgt sich nicht mit der Gesundheit, und wer überdies zu lange in den Abgrund stiert…. alles klar.

Dabei ist dieser James Stewart, der am Fenster sitzt und den ihm zu Füßen liegenden Hof als seine dauerlaufende Flimmerkiste betrachten mag, in keiner Weise psychisch labil. Der Hollywood-Gutmensch ist sogar ziemlich aufgeräumt und selbstbewusst, obwohl er im Rollstuhl sitzt und den ganzen Tag lang nicht viel anderes tun kann als durch das Objektiv seiner Kamera zu blicken und auf den Besuch seiner Geliebten Grace Kelly zu warten. Jawoll – Grace Kelly wirkt hier mit, die leider viel zu früh verstorbene und auch viel zu früh von den Leinwänden verschwundene Schönheit, von der Hitchcock sowieso allnächtlich geträumt haben muss. Das war so ein Faible mit diesen seinen „Blondinen“, über die der König der Suspense nur allzu gerne seinen Zepter erhoben hat.

Auf diese „Blondinen“ war aber Verlass. Egal ob Die Vögel, Vertigo oder Bei Anruf Mord: stets waren sie das ringende Zentrum oder ergiebiger Nebenpart, der den mitunter bedrohlichen Geschichten ausreichend Glamour verliehen hat. In Das Fenster zum Hof sind aber weder Grace Kelly noch James Stewart die Motivatoren einer beängstigenden Story, sondern die vielen kleinen Kniffe eines Professionisten, der weiß, auf welche Art und Weise sich das Kino im Kopf des Zusehers fortsetzen kann.

Die Präsentation des Offensichtlichen ist zumindest gegenwärtig und bei Produktionen, die im Box Office brillieren müssen, gang und gäbe. Das Publikum bekommt kredenzt, ohne sich weiter anstrengen zu müssen. Bei Suspense ist das anders: da gibt es kleine Pusher, visuelle Spitzen, raffinierte Reduktion. Der Zuseher ist voll dabei – weiß nur so viel wie James Stewart, rätselt herum – und fühlt ein dem kalten Schauer verwandtes Unbehagen, wenn in der dunklen Wohnung gegenüber ganz plötzlich ein knisternder, feuerroter Punkt erglüht. Das Anzünden einer Zigarette in der absoluten Finsternis, von welcher man ausgegangen ist, niemanden darin zu vermuten, feiert einen ganzen Film und seine Perfektion. Der einzige Blick nach draußen ist natürlich jener in den Hof und auf das Treiben der Parteien gegenüber, deren Leben bis ins kleinste Detail arrangiert sind – aber auch ein schmaler Streifen belebte Avenue, auf welcher sich abspielt, was Hitchcock will, das gesehen wird, in sekundenlangen Fluktuationen nur, aber maßgeblich für die Handlung. Wenn dann, gegen Ende, bedrohliche Schritte durchs Stiegenhaus schlurfen, würde James Stewart – und wir mit ihm – viel lieber aus dem Fenster springen, als sich einer diffusen Bedrohung auszusetzen, die sich sekündlich zuspitzt, und nur allein aufgrund eines akkuraten Sound-Designs stärker wirkt als all die CGI-Effekte eines ganzen Blockbusters.

Wer Das Fenster zum Hof noch nicht gesehen hat – unbedingt nachholen! In diesem Meisterwerk liegen all die lehrreichen Essenzen für einen vollkommenen Film.

Das Fenster zum Hof

Liebe

BIS DASS DER TOD UNS SCHEIDET

7,5/10


Liebe© 2012 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2012

BUCH / REGIE: MICHAEL HANEKE

CAST: EMMANUELLE RIVA, JEAN-LOUIS TRINTIGNANT, ISABELLE HUPPERT, ALEXANDRE THARAUD, WILLIAM SHIMELL, RITA BLANCO U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Zehn Jahre hat es gedauert, bis ich mich imstande sah, mir Michael Hanekes wohl erfolgreichstes filmisches Werk zu Gemüte zu führen. Liebe ist schließlich kein Streifen, welchem man sich einfach so zwischendurch oder gemütlich, nach einem anstrengenden Tag, aussetzen möchte. Liebe ist auch nichts zur Unterhaltung oder zur Zerstreuung, sondern etwas, das dem Zuseher eine gewisse Bereitschaft abverlangt, das zu Sichtende entsprechend zu fokussieren. Das Kammerspiel um die Opferbereitschaft von zwei alten Menschen birgt überdies Inhalte, die so sehr mit dem realen Alltag zu tun haben, dass man selten bereit dazu sein mag, die eigene Freizeit mit derlei Problemen zu belasten. Denn wer kennt sie nicht: die eigenen Eltern oder Großeltern, daheim oder im Heim darniederliegend und wartend auf das Grande Finale, auf den Wechsel vom Diesseits in eine andere Daseinsform, weil das Diesseits überhaupt nichts mehr besitzt, wofür es sich zu atmen lohnt. Da sind eine ganze Menge Emotionen mit im Spiel, Trauer und Verlustangst, bittere Melancholie und vielleicht auch Wut. Vor allem aber Verzweiflung und Tränen. Diese alten Menschen hier könnten frappante Ähnlichkeiten mit der eigenen weiter gefassten Biographie aufweisen – doch das sind nur Zufälligkeiten. Nicht aber für Michael Haneke selbst, der seine Geschichte autobiographisch gefärbt hat. Und man darf sich von einem nicht in die Irre führen lassen: dass Haneke, der mit vielen seiner Filme schon verstört hat, dieser Ambition auch nicht immer folgen will. Das verhält sich so ähnlich wie David Lynch und seinem tragikomischen Ausreißer The Straight Story. Auch Lynch kann anders – warum nicht auch Haneke? Und dem ist auch tatsächlich so: Liebe ist des Meisters zugänglichster und behutsamster Film. Er schockiert nicht, übertreibt nicht und quält nicht. Er mag zwar in seiner fortlaufenden Handlung radikale Maßnahmen ergreifen, doch je genauer man diese betrachtet, um so mehr setzt Liebe auf eine nonkonforme, aber nüchtern betrachtet zutiefst humane Schrittsetzung. 

Haneke, der gerne französisch filmt, vereint in einer noblen Wohnung irgendwo nahe des Zentrums von Paris ein Leinwandehepaar, deren Namen Filmkenner in den Ohren klingeln: Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva (Durchbruch mit Alain Resnais Hiroshima, mon amour). Für beide dürfte dieses Konzept eines um die elementarsten Dinge des Lebens handelnden Kammerspiels ein Anliegen gewesen sein – vielleicht auch, um eigene Ängste und Sehnsüchte zu verarbeiten. Beide lassen, sofern sie diese je gehabt haben, Eitelkeiten und Allüren vor der Haustür und sind, was sie sind: aufs Wesentliche reduzierte Liebende. Evira, deren Schauspiel hier kaum zu toppen ist, gibt die pensionierte Klavierlehrerin Anne, die eines Morgens am Frühstückstisch einen Schlaganfall erleidet – dies führt zu einer missglückten Operation, die den verheerenden Fortschritt einer solchen Krankheit letztlich auch nicht aufhalten kann. Anne ist halbseitig gelähmt und wird zum Pflegefall, will aber partout in kein Krankenhaus. Georges respektiert dies, will seine bessere Hälfte auch nicht umstimmen, und tut, was in seiner Macht steht, um seine Lebenspartnerin im letzten Abschnitt ihres Daseins zu pflegen. Was sogar machbar gewesen wäre, würde es nicht rapide bergab gehen. In diesem degenerativen Mahlstrom sieht sich Georges gezwungen, zum Äußersten zu greifen. Im Sinne seiner großen Liebe.

Es gestaltet sich schwierig, einen Film, der von Kritikern lobgepriesen und mit Auszeichnungen überhäuft wurde, unvoreingenommen zu betrachten. Sind da andere Meinungen überhaupt möglich, ohne dass impliziert werden kann, diese Art Kunst nicht verstanden zu haben? Diese Frage muss ich mir zum Glück nicht beantworten – Liebe ist ein präzise ausformuliertes, streng komponiertes Ereignis und soweit vom Kitsch und anderen Sentimentalitäten entfernt, dass man diesen Film fast schon einem anderen Genre zuordnen möchte. Michael Haneke ist ein Meister der Reduktion – hier treibt er das Weglassen offensichtlicher narrativer Elemente an die Spitze. Seiner Vorliebe für das indirekte Spiel, Stimmen außerhalb des Blickfelds und halb geöffneten Türen gewährt er die Chance, ein strenges Alphabet zu kreieren, dass nichts dem Zufall überlässt. Bleiben Emotionen da außen vor? Zumindest solche, die aus Mitgefühl Mitleid heischen würden. Daher ist Liebe kein bleiernes Bestürzungsdrama, sondern unerwartet schwerelos und leicht, pragmatisch und von endgültigen Entscheidungen geprägt. Hanekes Film ist eine Begegnung mit dem Schicksal, ohne dieses zu verachten. Und genau in dieser Methode liegt überraschend viel Trost.

Liebe

Bigbug

LOCKDOWN MIT ROBOTERN

4,5/10


bigbug© 2022 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE JEUNET

CAST: ISABELLE NANTY, ELSA ZYLBERSTEIN, CLAUDE PERRON, STÉPHANE DE GROODT, YOUSSEF HAJDI, ALBAN LENOIR, FRANÇOIS LEVANTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Schon wieder ein Film, der das Was-wäre-wenn-Szenario einer selbsterkennenden Technik bemüht, die gegen den Homo sapiens zu Felde zieht. Gut, Interpretationsspielraum gibt’s da einigen. Und ja, dieses Thema ist in Zeiten wie diesen eben relevant genug. Eines darf man aber in dieser Sache auch nicht ganz vergessen: Es kommt immer darauf an, wer da gerade welchen Film inszeniert. Und siehe da: Einer, der märchenhafte (Alb)träume in vergilbter Optik wie kaum ein anderer so gut beherrscht hat, ist nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder zurück im Filmbiz: Jean-Pierre Jeunet. Ich gebe zu, ich liebe seine Interpretation des Alien-Mythos, und halte diese Episode für eines der besten Franchise-Prequels überhaupt. Aber das nur so am Rande. Was habe ich den Mann nicht schon vermisst. Eigentlich hätte Jeunet gar eine Episode von Harry Potter inszenieren sollen, hatte aber abgelehnt. An Life of Pi hat der Visionär rund 2 Jahre herumgemurkst – nichts ist daraus geworden, Ang Lee hat übernommen. Einfach dürfte der Franzose nicht gerade sein. Seine Filme sind das nämlich auch nicht. Schon gar nicht seine neueste Eskapade mit dem Titel Bigbug.

Was Bugs sind, wissen wir Bildschirmathleten natürlich alle. Wenn dieser dann noch unüberschaubar groß wird, gibt’s für den im Jahre 2045 von Robotern hinten und vorne bedienten Mittelschichtsbürger kein Entkommen mehr. Zumindest nicht aus der eigenen Wohnung. Denn in dieser reissen vier zweckvariable Haushaltsroboter einschließlich eines Sexroboters aus dem Nachbarhaus das Zepter an sich und blockieren den Ausgang. Ein Lockdown also für alles Organische, während sich außerhalb des akkuraten Reihenhauses eine neue Macht formiert – die der Yonix. Von hinten sehen die Kerle aus wie Robocop, sichtbares Seniorentum ziert allerdings das synthetische Konterfei der gespenstisch grinsenden Altherren-Simulationen, die den Feuerstrahl im Finger haben und gerne via TV ihre Erbauer der Lächerlichkeit preisgeben: als zur völligen Unfähigkeit degenerierte, hechelnde Hündchen, die alles tun, was die Technik sagt. Ein schönes Zerrbild, mittlerweile mehr wahr als übertrieben.

Somit klingt das ganze Szenario ja schon mal grotesk genug, um von Jeunet zu sein. In Sachen Ausstattung scheut dieser keine Mühen, das Reihenhaus erinnert an den technologisierten Tücken-Parcour aus Jacques Tatis Mein Onkel, nur bunter, opulenter und noch detailverliebter. Doch irgendetwas stört. Vielleicht ist es das durch die Bank aufgesetzte Spiel der Protagonisten – von der älteren Nachbarin samt Hündchen über zwei frisch Verliebte bis zum Exmann jener, der das Haus gehört. Alle scheinen neben der Spur, keiner ist geerdet, alle sind so aufgedreht wie in den Filmen von Louis de Funes. Das in hohen Oktaven und gehetzt hervorgebrachte Gebrabbel bleibt leidlich interessant und fällt schnell auf den Wecker. Bigbug ist anstrengend, wenig griffig und recht trivial. Maschinen hin oder her: ihr Wille, den Platz des Menschen einzunehmen, ist ein halbherziges Unterfangen und verliert sich dann auch in viel zu vielen lediglich angerissenen Nebensächlichkeiten, die vor allem mit den Befindlichkeiten der Eingesperrten zu tun haben. Mancher Slapstick gelingt, das Meiste aber ist ermüdend. Schade, dass Jeunet hier nichts Handfesteres entworfen hat. Wenig erinnert noch an seine Klasse, die er mit Filmen wie Die Stadt der verlorenen Kinder oder Die fabelhafte Welt der Amelie unter Beweis gestellt hat. Was bleibt, ist pastellige Hektik mit schrägen Robotern. Wars das jetzt wieder, für die nächsten zehn Jahre?

Bigbug

Nebenan

EGO-FALLE STAMMBEISL

7,5/10


nebenan© 2021 Warner Bros. Entertainment GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: DANIEL BRÜHL

DREHBUCH: DANIEL KEHLMANN

CAST: DANIEL BRÜHL, PETER KURTH, RIKE ECKERMANN, AENNE SCHWARZ, GODE BENEDIX, MEX SCHLÜPFER, VICKY KRIEPS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Dem geschätzten Niki Lauda an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön: Durch Daniel Brühls Darstellung des österreichischen Kult-Rennfahrers in Ron Howards Rush ist dieser in den Olymp großer Eventfilme aufgestiegen, und zwar ins Marvel-Universum. Dabei ist Brühls Rolle in diesem dicht bevölkerten Kosmos an metaphysisch begabten Egozentrikern und Altruisten eine gar nicht mal so Unbedeutende: Baron Zemo, der Mann mit der violetten Cord-Maske und Schürer des Unbehagens auf Seiten Wakandas, hat dieser doch in The First Avenger: Civil War gleich Teile der Wiener UNO-City gesprengt. Unter den Opfern: T’Challas Altvorderer. In The Falcon and the Winter Soldier darf jener, der Lenin damals verabschiedet hat, auch nochmal – und diesmal wirklich mit Maske – Disney+ veredeln. Was für eine Karriere. Und Brühl geht souverän damit um. Keine Gossips, keine Allüren (wie es scheint) – einfach nur Professional Work auf allen Kirtagen.

An so einem Erfolgszenit bedarf es gerne mal eines Moments innerer Einkehr. Um mal nachzusehen, was für ein Mensch man dadurch eigentlich geworden ist. Brühl fällt dabei kein Zacken aus der Krone – er weiß, was er zu tun hat. Nämlich: sich selbst und das Umfeld an Leuten, mit und zwischen denen er arbeitet, mal auf Augenhöhe mit den Normalsterblichen von nebenan zu bringen. Brühls autobiographische Idee hatte dann einer wie Daniel Kehlmann umzusetzen, inszenieren kann Zemo dann wieder selbst. Ein Kammerspiel ist hierbei entstanden, oder besser gesagt: ein Kneipenspiel beim Bierwirt ums Eck. Eine Schrulle aus Eitelkeiten und obsessiven Observationen. Denn kaum ein Unbekannter, mit dem man als Filmstar ein Gespräch anfängt, ist, was er vorgibt zu sein. Aber – ist das umgekehrt nicht auch so?

Es muss also Filmstar Daniel (eigentlich als er selbst) ganz dringend und unbedingt nach London zu einem Casting für einen neuen Superheldenfilm. Vorher bleibt ihm noch Zeit, um bei einem Kaffee im Stammlokal nochmal den Text durchzugehen. Eine Seite Drehbuch, hinten und vorne keine Ahnung, worum es eigentlich geht, und die Anforderung, der Beste zu sein, scheint recht schwierig zu werden. Für Ablenkung sorgt ein Mann namens Bruno, der den jungen Künstler permanent anstarrt. Die beiden kommen bald in ein Gespräch – über Daniels Filme und wie unglaubhaft diese nicht sind. Bald gibt es Ego-Kränkungen und Beschwichtigungen, und bald gibt Bruno sich als Nachbar zu erkennen, der mehr über Daniel weiß, als diesem wohl lieb sein wird.

Daniel Brühls Regiedebüt ist eine kleine Entdeckung. Eine mitunter beklemmende, aber schwarzhumorige Besonderheit, die sich umgestülpten Motiven des Suspense-Kinos bedient. Kehlmann leiht dem zur Selbstironie und auch -kritik bestens aufgelegten Brühl und seinem Gegenüber Peter Kurth (Babylon Berlin) jede Menge scharfschneidiger Dialogzeilen, die sich bestens ergänzen und sich in einem geschmeidigen Gesprächsrhythmus verzahnen. Vor allem Kurth, der schon in Babylon Berlin oder In den Gängen beeindruckende Leistungen absolviert hat, darf auch hier so viel schmeichelhaft-höfliche Bedrohung ausstrahlen, dass man als Zuseher gerne versucht ist, diesen Brummbären zu unterschätzen, dabei aber Gefahr läuft, durch die Hintertür von ihm erledigt zu werden. Doppelbödige Wortduelle lassen die vom Bier- und Kaffeedunst patinierte Kiezkneipe am Prenzlauer Berg zu einer Arena der Befindlichkeiten mutieren, die dem jeweils anderen in seiner Ego-Verwirklichung im Wege stehen. Doch wer ist im Recht, und wer muss sein Dasein überdenken? Wir haben den Star, den alle lieben und der sich gnadenlos selbst überschätzt – und den Zaungast des Ruhms, der nichts davon hat, außer die unüberhörbaren Eitelkeiten der Elite. Da trifft Missgunst auf Arroganz, da denkt der Promi darüber nach, was das Wissen um seine Person wert ist. Und der Unbekannte, was dieses Wissen ihm wohl bringt.

Nebenan ist eine leidenschaftlich vorgetragene inszenatorische Fingerübung über das Bocken zweier Klassen und das Prosten mit Bier auf gleicher Höhe. Dazu noch die Sulz des Hauses, und der Tag kann bei weitem anders beginnen als geplant.

Nebenan