Mein Engel

EYES WIDE SHUT

7/10

 

meinengel© 2016 capelight pictures

 

LAND: BELGIEN 2016

REGIE: HARRY CLEVEN

CAST: ELINA LÖWENSOHN, HANNAH BOUDREAU, MAYA DORY, FLEUR GEFFRIER, FRANCOIS VINCENTELLI U. A.

 

Das hätte David Copperfield auch sehr leicht passieren können: zaubern, und den Zauber nicht mehr umkehren können. Irreversible Magie sozusagen. Nur keine Panik, Zaubertricks sind nur Illusion. Das heißt: Copperfield wäre niemals in der chinesischen Mauer stecken oder irgendwann unsichtbar geblieben. Im Kino ist das anders. Im Kino ist Illusionskunst manchmal wirklich das Ergebnis einer Fähigkeit, die als paranormal zu bezeichnen ist. Und diese Kunst, die geht schief. Der Magier bleibt unsichtbar. Und Louise, seine Geliebte, versteht die Welt nicht mehr. Die anderen verstehen Louise natürlich auch nicht mehr, also wandert sie in die geschlossene Anstalt. Um dieser bizarren Situation aber noch eins draufzusetzen: Louise bringt einen Sohn zur Welt – der ebenfalls unumkehrbar unsichtbar bleibt.

Was für eine seltsame Fügung, was für eine seltsame Idee, die der Belgier Harry Cleven da aufgegriffen hat, um daraus einen Film zu machen. Natürlich denkt man da gleich an einen Superhelden, einen X-Men oder gar an den Unsichtbaren aus dem klassischen Dark Universe, der bald schon wieder auf der Leinwand zu sehen sein wird. Nein, Cleven geht die Sache ganz anders an, und führt die Prämisse in die Richtung eines mehr sphärischen als atmosphärischen, vor allem aber enorm sinnlichen Liebesfilms, der ein wunderbar anregendes Element in die ganze surreale Szenerie versenkt: Der namenlose Unsichtbare, der nur Mein Engel genannt wird, verliebt sich in kindlichen Jahren in ein blindes Mädchen, dass von seiner Transparenz natürlich nichts mitbekommt und ihn nur zu fühlen, riechen und schmecken braucht. Dumm nur, dass sich Madeleine Jahre später einer Augenoperation unterzieht, um erstmals sehen zu können.

Mein Engel ist ein assoziatives Memory aus Bildern, verschwommenen Sichtweisen und Gesichtern. Ein traumartiges Gebilde, das nur schüchtern einer zarten Ballade folgt, die von der Bedeutung unserer Sinne erzählt. „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – so heißt es doch bei Antoine Exuperys kleinem Prinzen. Das gleiche gilt aber auch für die beiden Liebenden hier, vor allem für Madeleine, welche die Kraft des Sehens neu definiert. Denn sehen lässt sich auch ganz anders. Und manchmal muss man die Augen schließen, um alles begreifen zu können. Der von Jaco van Dormael produzierte und auch sichtlich von ihm beeinflusste belgische Kunstfilm erinnert in seiner assoziativen, experimentellen Kameraführung stark an das Kino von Julian Schnabel, insbesondere an seinen Film Schmetterling und Taucherglocke. Unverkennbar aber auch der Einfluss Krysztof Kieslowskis, vor allem, was die Metaphysik der menschlichen Existenz betrifft. Als meditatives Philosophikum lässt sich dieser Film betrachten, als ein fragmenthaftes, aber dennoch stringentes Gespinst zur Relativität des Sehens und Erfassens, eingebettet in einer sehr körperlichen, erotischen Abhängigkeit, die sich – wie typisch eben für van Dormael – manchmal ein bisschen selbst karikiert, ohne sein Thema aber lächerlich zu machen. Dank der knappen Laufzeit von rund 80 Minuten erliegt Mein Engel nicht dem Problem, seinen kreativen Ist-Zustand allzu auszureizen, doch selbst bei dieser Kino-Miniatur ist Muße gefragt – aber die haben entspannte Kinogeher mit Hang zu poetisch-phantastischen Denkspielchen ohnehin.

Mein Engel

Brooklyn

ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK

6,5/10

 

brooklyn© 2016 20th Century Fox Deutschland

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, KANADA 2016

REGIE: JOHN CROWLEY

CAST: SAOIRSE RONAN, DOMHNALL GLEESON, EMORY COHEN, JIM BROADBENT, JULIE WALTERS, BRID BRENNAN U. A.

 

Am Schönsten ist es doch zuhause – oder nicht? Ich würde dem zustimmen. Die junge Irin Eilis Lacey, die in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgewachsen ist, wohl eher weniger. Zuhause ist nämlich nichts los. Nichts, worauf es für eine junge Frau wie Eilis ankommt: Keine Arbeit, kein Entwicklungspotenzial, keine strahlende Zukunft. Stattdessen eine Art Bigotterie, strenge Konventionen und die Augen und Ohren der lästigen Nachbarschaft sozusagen überall. Da will Frau eigentlich nur weg, am besten nach Übersee, wohin sowieso schon halb Irland ausgewandert ist. Wie es der Zufall so will, legt ihr ein ebenfalls ausgewanderter, befreundeter Pastor die notwendigen Schienen, unterstützt sie sogar finanziell. Nur den Abschiedsschmerz kann er ihr nicht nehmen, da muss Eilis ganz alleine durch. Die Familie zu verlassen ist eine Sache, in Übersee Fuß zu fassen eine andere. Und wie sie feststellen wird: Die amerikanische Gesellschaft ist eine ganz andere, da haben die Wände keine Ohren und es kennt nicht jeder jeden. Was für ein Freiheitsgefühl das sein muss, anonym zu sein. Sich für jeden Handgriff nicht rechtfertigen zu müssen. Zu lieben, wenn man will, und nicht, wen die Nachbarn wollen.

Regisseur John Crowley, der aktuell mit seiner Buchverfilmung Der Distelfink in unseren Kinos startet, hat vier Jahre zuvor mit Brooklyn ein ganz anderes, weniger voluminöses Buch verfilmt, nämlich eines des irischen Autors Colm Tóibín – für alle, die ihn kennen. Zugegeben, die Erzählung über einen Neuanfang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (zumindest war das damals vielleicht so) ist wie ein Film aus den Fünfzigern, der über die Fünfzigerjahre erzählt. Schön ausgestattet, Lokalkolorit pur, allerdings wahnsinnig hausbacken. Wäre da nicht die wunderbare, verletzliche Saoirse Ronan, die wiedermal sehr überzeugend und völlig nachvollziehbar die illustre Entwicklung vom duckmäuserischen, sozial gegängelten Mädchens zur selbstbewussten Frau vollzieht. Ronan passt in die damalige Zeit wie der Nierentisch ins trendige Nachkriegswohnzimmer. Es ist, als hätte die junge Schauspielerin zu gar keiner anderen Zeit gelebt als in den 50ern, und das ist schon eine erstaunliche Konsistenz, was die Erarbeitung einer Rolle betrifft. Mit dieser darstellerischen Dichte ist sie aber nicht allein. An ihrer Seite ein völlig unbekanntes Konterfei, nämlich das von Emory Cohen als italoamerikanischer, unsterblich verliebter Klempner, der das Herz der jungen Irin zwar nicht im Sturm, aber in konsequenter, teils liebevoll ungeschickter Romeo-Manier erobert. Allerdings völlig frei von Arroganz, direkt etwas devot, bescheiden und unsicher lächelnd. Ein einnehmender Charakter, der gemeinsam mit Ronan die besten Momente des Filmes für sich verbuchen kann.

Sonst ist Brooklyn arg konventionell und sehr methodisch erzählt, was nicht heisst, dass das Drama die Zerrissenheit von Ronans Figur nicht ordentlich aufs Tablett bringt. Dafür wiederum hat niemand geringerer als Nick Hornby sein vor allem eben für Drehbücher bewährtes Talent bemüht und die Love- and Life-Story elegant und harmonisch in seine Zeit gebettet. Das verlangt keine Neuinterpretationen oder Ansätze aus anderen Richtungen. Tóibíns Roman verlangt genau das, was Brooklyn letzten Endes als Filmprosa auf die Reihe bekommt. Und das kann eben nur in dafür erforderlichem Konservatismus und in nostalgischem Postkarten-Beige erfolgen, wobei der Streifen von der Empathie Crowleys dem historischen Zeitgeist gegenüber am meisten profitiert. Brooklyn ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich ein Regiekonzept auf beiden Seiten der Kamera seiner gewählten Epoche unterordnen kann. Und das ist wiederum kein Fehler. Vor allem dann nicht, wenn ein Zeitbild aus vergangenen Tagen über den Um-, Auf- und Abbruch diverser Zelte in einer sich aufraffenden Nachkriegswelt ausnehmend gut Bescheid wissen will, ohne dabei prahlen zu wollen.

Brooklyn

Collide

FÜR HERZ UND NIERE

6/10

 

TT_Autobahn_SD32_42319.CR2© 2016 Universum Film

 

LAND: USA 2016

REGIE: ERAN CREEVY

CAST: NICHOLAS HOULT, FELICITY JONES, ANTHONY HOPKINS, BEN KINGSLEY, JOACHIM KROL U. A. 

 

Sieh mal einer an, wer tummelt sich denn da? Erstmal der großartige Anthony Hopkins, gefolgt vom legendären Ben Kingsley (der sich aber mittlerweile des Öfteren in unsäglichem Trash verirrt, und sei es auch nur für einen fünfminütigen Auftritt, um einen Billigfilm zu pushen). Des weiteren X-Men-Beast Nicholas Hoult und niemand Geringerer als Rogue-One-Star Felicity Jones, die für Die Entdeckung der Unendlichkeit mit einer Oscar-Nominierung geadelt wurde. Und wer ganz genau hinsieht, kann sich an Nebenrollen-Quereinsteiger Joachim Król erfreuen. Er darf sogar die Wumme auf „Hannibal Lecter“ richten, was will man als deutscher Filmroutinier im Rahmen einer internationalen Produktion denn mehr? Stellt sich die Frage: Was machen all diese Stars denn hier? Nun, ihr gemeinsamer Nenner ist, sagen wir´s mal so, ein relativ simpler Actionfilm. Nun, simpel heißt jetzt nicht zwingend misslungen. Simpel kann auch erstaunlich sehenswert sein. Collide von Eran Creevy ist irgendwo in der Mitte. Jetzt nicht ganz so erstaunlich sehenswert, aber auch längst nicht misslungen. Das liegt vor allem daran, wie die Rollen eben besetzt sind.

Ganz im Vordergrund steht Nicholas Hoult. Einer, der wahnsinnig gut Auto fährt und Boliden aus Fremdeigentum auch gerne kurzschließt. Zumindest hat er das mal gemacht. Die kriminelle Laufbahn will der us-amerikanische Endzwanziger zugunsten seiner großen Liebe Felicity Jones natürlich an den Nagel hängen – hätte das ganze nicht einen unübersehbaren Haken: die große Liebe erkrankt – und braucht dringend eine neue Niere. So Spenderorgane sind nicht billig, und das nötige Kleingeld hat man auch nicht in der Portokassa. Also noch mal einen Coup landen, im Auftrag von Drogenboss Geran – gespielt von Ben Kingsley –, um dem zwielichtigen Geschäftsmann Hagen Kahl – diesmal Hopkins – eins auszuwischen. Es heißt ja meist: wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. In Collide hat der Dritte allerdings wenig zu lachen, und ist wenig später andauernd auf der Flucht.

Collide ist sauber inszeniertes Handwerk ohne viele Schnörkel. Ein Actionfilm unter vielen? Nicht ganz, obwohl in seinen Ansprüchen genügsam, und die beiden Grand Seigneurs – vor allem Kingsley – überzeichnen sich bis zur Selbstparodie. Der Gummi, der glüht. Und zwar nicht nur auf der Autostrada, da wird auch Filmkulisse Köln zum heißen Pflaster. Die Action kann sich sehen lassen, die können getrost mit dem Karosserie-Geplänkel aus anderen Filmen mithalten. Und umso weniger zu verstehen bleibt da die Tatsache, dass Collide hierzulande nicht mal im Kino lief. Gut, es werden Unmengen an durchschnittlicher Actionware produziert, mit durchwegs ansehnlichem Cast – die alle ins Kino zu bringen geht natürlich nicht. Vieles ist auch wirklich zu banal. Doch Collide hat was. Da ist womöglich mehr dran als an Filmen wie Anna, Luc Bessons was weiß ich wievielter Interpretation einer Femme fatale. Collide ist augenzwinkernd genug, um zwischen verschwörerischer Lovestory und Seitenstechen fördernder Action in leicht wegzusteckender Schwebe zu bleiben, der Film hat ordentlich Drive und mit Felicity Jones ein Mädel, um welches sich nachvollziehbar bangen lässt. Durch den Druck, der hinter der Action steht, bleibt der Film auf Zug und Nicholas Hoult wünscht man dabei gutes Gelingen.

Collide

Die Erfindung der Wahrheit

LOBBYISMUS AUF SPEED

7,5/10

 

erfindungderwahrheit© 2016 Universum Film

 

ORIGINALTITEL: MISS SLOANE

LAND: USA 2016

REGIE: JOHN MADDEN

CAST: JESSICA CHASTAIN, MARK STRONG, GUGU MBATHA-RAW, SAM WATERSTON, ALISON PILL, JOHN LITHGOW, MICHAEL STUHLBARG U. A.

 

Wie bitte? Könnten Sie das nochmal wiederholen, einfach zum Mitschreiben? Wenn der Film beginnt, und Miss Sloane – so der Originaltitel desselbigen – im Stechschritt die Büroräume stürmt, fährt das noch frühstücksmüde Tagesgeschäft von Null auf Hundert, brechen Worte sintflutartig über modernes Büromöbel-Interieur und all die Glasfassaden sämtlicher Meetingrooms rutschen aus dem Fensterkitt. Mittendrin Jessica Chastain, tough wie Wonder Woman, hartgesotten wie jemand der nichts mehr zu verlieren hat, wenn man so will der Chuck Norris unter den Lobbyisten. Was hier in den ersten Minuten an Dialog fällt, fällt in manchen Filmen die ganze Laufzeit nicht – das erinnert an die Filme David Mamets. Da wie dort reicht es nicht, nur zuzuhören, da muss das Hirn auch gleich mit, und es kann leicht sein, dass man hinterherhinkt, Gesagtes erst sickern muss, während Miss Sloane schon ganz woanders ist und über Taktiken philosophiert, die unsereins erst in den Kontext bringen muss.

Fasziniert von diesem Charisma und dieser überheblichen Klugheit, stellt sich nach dem Downflow der Emotionen die Frage: Wer ist diese rothaarige Lady, die im perfekt sitzenden Damenanzug niemandem auf Augenhöhe begegnet? Die über allen Dingen steht, alles im Griff hat und ihr Fußvolk herumdirigiert wie ein Wahlkampfmanager, dessen Partei viel zu verlieren hat. Ist sie so jemand wie Miranda Priestly aus Der Teufel trägt Prada, die Meryl Streep so menschenverachtend gut interpretiert hat? Nein, dafür ist sie viel zu hemdsärmelig. Miss Sloane packt an wo andere loslassen. Delegiert eigentlich nicht, sondern, wenn man so will, reitet an vorderster Front dem Feind entgegen. Und gewinnt Kriege, die unmöglich scheinen.

Eine Art Krieg ist der Lobbyismus allerdings schon, ein Krieg um Stimmen und Meinungen, bei denen, die etwas zu sagen haben im Land. Ein Anbiedern, Überreden und Manipulieren, und das in großem Stil. Und dabei kann es im Eifer des Gefechts vorkommen, dass manche mit unlauteren Mitteln arbeiten. Denn worum geht es also? Um die Etablierung von Macht, um das Exekutieren von Interessen. Unterm Strich: Illusionskunst auf politischer Bühne. Miss Sloane eignet sich für so etwas am Besten, und am Besten für Miss Sloane eignet sich Jessica Chastain. Die Schauspielerin hatte schon Osama bin Laden im Sucher (Zero Dark Thirty), und als Glücksspiel-Queen sämtliche Millionen im Sack (Molly´s Game). Chastain ist niemand zum Kuscheln, sie ist die eiserne Lady Hollywoods. Apart in jeder Hinsicht, auf keinen Fall sympathisch, aber in ihrem resoluten Auftreten auf sinnliche Weise faszinierend. Anlegen würde ich mich nicht mit ihr, ihr Intellekt zwingt jeden Widersacher in die Knie. Und ich wäre hier nicht mal ansatzweise ein solcher.

John Madden, seinerzeit hoch gelobt für die barocke Romanze Shakespeare in Love (meines Erachtens völlig überbewertet), lässt seine forsche heilige Johanna in zermürbender Eloquenz das Banner hissen. Das so ein Alltag auf Speed dauerhaft der Gesundheit schadet, weiß die Rhetorik-Queen zumindest rein theoretisch, doch für Theorie ist kein Platz in diesem Leben, das so einsam ist wie eine Marsmission, das statt einer Biographie nur beruflichen Lebenslauf kennt und schon gar kein soziales Umfeld. Die großen Momente dieses faszinierenden Politdramas finden sich daher weniger in den taktischen Methoden, mit denen sich Lobbyisten an den Kragen gehen, sondern im Porträt einer Besessenen, die die Sucht nach Erfolg und Effizienz an moralische Grenzen bringt. Das ist eine famose One-Woman-Show, ein Schachspiel, bei dem eine Menge Bauern das Feld räumen müssen, und die Königin in einem Zug ans andere Ende prescht. Miss Sloane ist so akkurat und berechnend wie die stärkste Figur in so einem Spiel, und läuft stets Gefahr, besiegt zu werden, solange sie nicht die Züge des Gegners voraussieht. Das fordert, und wenn zwischen all der ZackZackZack-Methodik Chastains Blick vor Erschöpfung ins Leere geht, in sich gekehrt und verharrend, und das nur für einen verschwindenden Moment, den sonst niemand merkt, dann hat dieser Charakter etwas bemitleidenswert Menschliches, aber auch Bewundernswertes angesichts dieser durchgetakteten, zielorientierten Lebenskunst.

Die Erfindung der Wahrheit

Wo die wilden Menschen jagen

MÄNNER ALLEIN IM WALD

6,5/10

 

wodiewildenmenschenjagen© Sony Pictures 2016

 

LAND: NEUSEELAND 2016

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: JULIAN DENNISON, SAM NEILL, RIMA DE WIATA, RACHEL HOUSE, TAIKA WAITITI U. A.

 

Was macht eigentlich eine WG voller Vampire die liebe lange Nacht? Wer wäscht das Geschirr, wer bringt den Müll raus? Und überhaupt – was passiert, wenn so ein Untoter statt Blut ganz andere Nahrung zu sich nimmt? Über diese Pseudo-Fakten hat uns der Neuseeländer Taika Waititi vor 5 Jahren relativ augenzwinkernd aufgeklärt – obwohl 5 Zimmer Küche Sarg jetzt nicht durchwegs ein geglückter Film ist. Aber zumindest macht er neugierig. Und neugierig hat mich auch das dritte Abenteuer von Thor gemacht. Der Tag der Entscheidung hat dann noch dazu meine Erwartungen erfüllt – denn so ein Genre und so ein Thema verlangen Künstler, die sich selbst, die Kunstrichtung Film und ihre zu erzählenden Geschichten von Grund auf nicht ganz ernst nehmen. Sie lachen gern darüber, schöpfen bei so einem Budget, wie Marvel es hat, aus dem Vollen und modellieren wie mit Fingerfarben und FIMO zum Beispiel ein reueloses Spektakel zwischen Mythen, Märchen und knallbunten Comic-Panels. Ein großer Wurf, dieses Thor-Abenteuer. Man sollte Waititi für ein weiteres Abenteuer aus dem Avengers-Kosmos verpflichten, aber mal sehen, was da kommt. Irgendwo zwischen dem Vampir-Klamauk und dem Blockbuster-Kino verirrte sich noch ein weiterer Film ins letztjährige sommerliche Outdoorkino, der im regulären Programm keinen Platz finden konnte: die skurrile Tragikomödie Wo die wilden Menschen jagen.

Das erinnert mich an das Kinderbuch von Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen – 2009 verfilmt von Spike Jonze. Aber damit hat Waititi´s Film nichts zu tun. Die wilden Menschen sind in diesem Fall ein alter Grantler und ein kugelrunder Teenie. Letzterer ist das widerborstige Waisenkind Ricky Baker, der bei Pflegeeltern auf dem Land unterkommt. Pflegemama Bella weiß, wie dieser zynische Kleinbürger zu nehmen ist. Ihr Ehemann Hec weiß das nicht, denn der ist ein mürrischer Misanthrop, der sich in der Wildnis Neuseelands zwar auskennt, sozial aber überhaupt nichts am Kasten hat. Wie es das Schicksal leider will, segnet die fürsorgliche Ziehmutter unerwartet das Zeitliche – und der längst eingelebte Knabe Ricky Baker soll wieder zurück ins Heim geholt werden. Das geht natürlich gar nicht, dann also lieber in die Wildnis – und Ricky reißt aus. Dessen Flucht zieht einen ganzen Rattenschwanz an Verfolgern nach sich – von Polizei über Medien bis Fürsorge. Allen voran aber den alten Knurrhahn Hec, der sich, wie kann es wohl anders sein, mit seinem Schützling zwischen Farn, Fluss und Lagerfeuer so richtig väterlich anfreundet.

Eine schöne Geschichte – eine eigenwillige Umsetzung. Aber das ist typisch Waititi´s Handschrift. Wer die Vampir-Kommune und Thor´s Gladiatorenkampf mit Hulk kennt, wird auch bei Wo die wilden Menschen jagen bemerken, dass der Neuseeländer einen deutlichen Hang zur ausgelassenen Spielerei hat. Teilweise wirkt seine Waldkomödie wie ein Beitrag aus dem Kinderfernsehen, von Kindern inszeniert. Dann verbindet Waititi stille Momente der Schönheit mit schwarzem Humor. Seine Figuren sind stets positiv motiviert. Sie sind, auch wenn sie trauern – auch wenn sie wütend oder emotional gebeutelt sind – erfrischend mutig, unbeugsam und rotzfrech optimistisch. Am Ende könnte doch alles gut werden, zumindest ahnt Waititi das. Und es ist ihm auch hier ein Anliegen, das zu vermitteln, auch wenn das Versteckspiel in der Botanik immer knapp am Unglück vorbeischrammt. Was der großartig waldschratige Sam Neill und der trotzige Julian Dennison, den wir als Firefist aus Deadpool 2 kennen, verqueren Situationen alles abgewinnen können, bis gar nichts mehr geht, ist von kindlich-naivem Charme. Wie ein Cartoon für Nerds wie Ricky Baker – leicht zu konsumieren, scherzhaft fabulierend und in der Wahl inszenatorischer Extras abwechslungsreich und originell. Zwischendurch fällt es zwar etwas schwer, sich dauerhaft empathisch an die Fersen der beiden impulsiven Eigenbrötler zu heften, doch den beiden eine glückliche Zukunft zu wünschen wird zu einem echten Anliegen. Und dann freut man sich – wie Taika Waititi, der sichtlich Spaß am Filmemachen hat. Und sein Publikum diesen Umstand auch spüren lässt.

Wo die wilden Menschen jagen

Die rote Schildkröte

ZURÜCK ZUM URSPRUNG

6,5/10

 

dieroteschildkroete© 2016 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH, JAPAN, BELGIEN 2016

REGIE & DREHBUCH: MICHAEL DUDOK DE WIT

 

Letztendlich hat es Tom Hanks dann geschafft. Nämlich, sich in Cast Away ein Floß zu bauen, und mit sonst nichts außer einer gehörigen Portion Todesmut, unverschämtem Glück und Hoffnung auf eine mögliche Zukunft das vermaledeite Eiland nach sieben Jahren zu verlassen. Die donnernden Brandungswellen, die sich an der Riffkante brechen, zu überwinden, ist nämlich eine Sache – die andere: da draußen in der Wasserwüste gefunden zu werden und nicht zu verdursten. Der namenlose Schiffbrüchige aus dem Animationsfilm Die rote Schildkröte kommt gar nicht mal so weit. Seine Fluchtversuche vor der quälenden Isolation enden stets mit dem Zerstörungsdrang eines sonderbaren Wasserwesens, das sich, wie der Titel bereits verrät, als gigantische rote Schildkröte der Metaphysik einer widerspenstigen, menschenfeindlichen Natur bedient. Doch ist das feindliche am Verhalten dieses Tieres nicht ein Trugschluss? Ist es nicht viel mehr der Mensch selbst, der seiner eigenen Natur feindlich gegenübersteht, und stets bemüht ist, sich diesem Ursprung zu entziehen?

Der erste abendfüllende, handgezeichnete Trickfilm des Niederländers Michael Dudok de Wit ist so etwas wie ein kosmopolitisches Kunstwerk, dass sich vor allem sprachlich keinem lingualen Erdkreis unterordnet, weil es eben über keine Sprache verfügt. Was de Wit zeigt, passiert auf paraverbaler Ebene und findet seinen Ausdruck jenseits des Graphischen in den Klängen, die Land, Wasser und Wind bereit sind, preiszugeben. Ein Stummfilm ist es also nicht, genauso wenig wie Nikolaus Geyrhalter´s menschenleerer Dokufilm-Essay Homo Sapiens – ebenfalls eine Komposition, die mit den Geräuschen auskommt, die Wind und Wasser erzeugen. Der Homo sapiens, der anfangs noch glaubt, mit der roten Schildkröte in einem Wettkampf um Leben und Tod ringen zu müssen, wird bald zu einer Einsicht über das menschliche Dasein selbst gelangen, so isoliert, einsam und weltvergessen er auch sein mag. Denn Die rote Schildkröte, sie scheint in Wahrheit etwas ganz anderes zu sein. Etwas, wofür es sich lohnt, ein Inseldasein zu führen, weit weg von allem Gedränge und all den störenden Einflüssen einer nach allen Richtungen strebenden, fordernden Gesellschaft. Was folglich bleibt, wenn nichts und niemand mehr da ist, das ist die kleinste verbindende Entität, die mit dem Ur-Wesen unseres Planeten im schadlosen Einklang existieren will – das Dreieck Familie aus Mutter, Vater und Kind. Und irgendwann, scheinbar Augenblicke später nur, zerfällt auch diese. Und wird Teil des Ganzen, zum Teilchen innerhalb des Perpetuum mobile des Lebendigen, das immer schon da war, formuliert aus all den natürlichen Gesetzen.

Für den Oscar 2017 als bester animierter Spielfilm nominiert, ist Die rote Schildkröte ein Spiel der Gedanken und Assoziationen und führt in philosophischen und humanistischen Metaphern den Menschen als Inselwesen auf das eigentlich Wichtige zurück. Das mag manchmal seltsam entrückt, geradezu befremdend und beklemmend einsam sein, kehrt aber den Status Quo der eigenen Entfremdung vom Ursprung hervor. Das ist erfrischend erkenntnisreich, und trotz oder aufgrund all der magisch-poetischen Entrücktheit des Filmes vor allem wehmütig, wenn es um wertvolle, viel zu schnell vergangene Momente des gemeinsamen Glücks geht. Tröstend aber, dass wir niemals verloren gehen. Und wieder zum Teil einer Natur werden, die sich als Fels, Meer, Palme – oder vielleicht als Schildkröte – neu manifestieren kann.

Die rote Schildkröte

Homo Sapiens

WAS WIND, WASSER UND LICHT ERZÄHLEN

5/10

 

Homo Sapiens© 2016 Geyrhalter Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2016

REGIE: NIKOLAUS GEYRHALTER

DREHBUCH: NIKOLAUS GEYRHALTER

KAMERA: NIKOLAUS GEYRHALTER

 

Im Buch Die Welt ohne uns beschreibt Autor Alan Weisman sachlich und mit sehr viel Vorstellungskraft, was wohl wäre, wenn Homo sapiens von einem Moment auf den anderen verschwinden würde. Wie lange würden die Relikte unserer Zivilisation noch sichtbar bleiben? Was wird nur sehr langsam verschwinden, was gar nicht? Diese Lektüre hat etwas Befreiendes, tröstendes, zumindest für unsere geknechtete Mutter Erde, wenn sie lesen könnte. Ist aber auch beklemmend genug, wenn es darum geht, was mit all den Atommüll-Endlagern letzten Endes passiert. Oder wer als letzter das Licht in den AKWS abschaltet. Dabei kommt die Geißel des Plastikmülls als langanhaltender Atem tatsächlich zu guter Letzt. Die Erde, die muss sich angesichts dessen beeilen, wenn sie nicht mehr an den Menschen erinnert werden will. Ob sich das noch ausgeht, bis die Sonne zum roten Riesen mutiert, bleibt dahingestellt. Der Mensch ist eben ein so nachhaltiges wie nachlässiges Wesen. Was morgen ist, kommt nach der Sintflut – oder so ähnlich.

Dieses Morgen hat sich Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter mal so richtig zur Brust genommen – und Orte aufgesucht, die der Mensch bereits hinter sich gelassen hat. Die Welt ohne uns nach Alan Weisman existiert in entropischen Enklaven bereits jetzt schon. Das themenverwandte Werk Homo sapiens ist darüber hinaus ein Film, der die Grenzen des gewählten Mediums auslotet – und dennoch ein Film bleiben muss. Geyrhalter´s Meditation auf den Verfall ist wohl einer von ganz wenigen Werken, die gänzlich ohne Sprache auskommen. Filme ohne Menschen, das ist keine Seltenheit. Ohne Verbalisieren irgendeines Zustandes oder eines Bedürfnisses – das ist schon gewagt, von einem fehlenden Score mal ganz zu schweigen. Das würde ja schließlich den Menschen wieder ins Spiel bringen. Und um den Menschen einmal ganz wegzudenken, braucht es  – gar nichts. Nur einen einzigen Blick auf das Ganze, auf den Untergang, auf die Rückeroberung der Elemente. Was zu hören ist, und zwar in fabelhaftem Sound, ist der Wind und das Wasser, die mit Staubpartikel reflektierendem Licht Fragmente des Erfassten bewegen, stören, sukzessive verändern. So radikal wie Homo sapiens ist selten ein Film, das ist eine Konsequenz, die Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Das ist eine Ablehnung des Fortschritts in seiner Reinkultur. Das Ende ist hier wie ein neuer Anfang, eine neue Ordnung der Natur, der Welt und seinen Gesetzen, die es auch ohne den Menschen geben muss. Geyrhalter´s Film klammert den egozentrischen Zweibeiner aber nicht ganz aus – er bleibt Betrachter. Denn ohne Betrachtung existiert nicht mal dieser Film – oder doch?

Genug des Philosophierens, das übernimmt Homo sapiens ohnehin und entlässt seinen Betrachter in sachte Bewegtbilder des Vergänglichen. Irgendwo hüpft eine Kröte durchs Bild, und Tauben flattern ein und aus, zwischen all dem entsorgungsreifen Vermächtnis ohne Nutzen. Zu gerne hätte ich gewusst, wo Nikolaus Geyrhalter unterwegs war. Die einzelnen Orte sind unterteilt durch Blackouts, ohne zu verraten, wohin die nächste Reise geht. Ehrlich gestanden ist mir trotz aller Achtbarkeit für Geyrhalter´s Konzept die Enthaltung jeglicher Information zu wenig. In Michael Glawogger´s grandiosem Filmvermächtnis Untitled gibt es ähnliche Szenen, die allerdings mit Worten aus dem Off erst so richtig Sinn machen und eigene Gedanken zum Laufen bringen. Gerne hätte ich gewusst, wo die Welt ohne uns bereits existiert, wo kein Mensch mehr irgendetwas verloren zu haben scheint, wo sich das Leben neu erfinden muss. Geschichten hinter dem Ende, und wären es nur Textzeilen gewesen – schade um das sekundenlange Dunkel dazwischen.

Panorama-Tableaus aneinanderzureihen, wie Homo sapiens es macht, das langt für eine Multimedia-Installation für Kunstkammern der Moderne, dem 21er Haus oder für das Mumok in Wien. An die Wand projiziert und im Endlos-Loop. Großartig fotografiert und trotz seiner gerümpelhaften Statik unerwartet intensiv, ist das Doku-Essay fürs Kino nach meinen Begriffen viel zu enthaltsam und geizt mit Informationen, die dem interessiert selbstreflektierenden Betrachter allerdings zugestanden wären.

Homo Sapiens