Der stille Berg

ÜBER ALLEN GIPFELN IST KEINE RUH

3/10

 

derstilleberg© 2014 Constantin Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2013

REGIE: ERNST GOSSNER

CAST: WILLIAM MOSELEY, EUGENIA CONSTANTINI, CLAUDIA CARDINALE, EMILY COX, FRITZ KARL, WERNER DAEHN U. A.

 

Es gibt Kriegsfilme, so wie Steiner – Das eiserne Kreuz, die wirklich keine Gefangenen machen und lieber in satter Kriegsaction mitsamt farbenfrohen Gore-Elementen im Getöse der Lafetten untergehen. Und es gibt Heimatfilme aus den 50er-Jahren, vielleicht sogar noch bis in die 60er hinein, die von wohlhabenden Wirtshausläuten erzählen, deren promiskuitiver Nachwuchs Beziehungskonstellationen wählt, die die Familienältesten nicht sehen wollen. Bei Volksfesten gibt es Schuhplattler und jeder hat über jeden die unterschiedlichsten Gerüchte, die dann zu Verwechslungen führen. Diesen Story-Twist gibt es hier zwar nicht, aber dennoch: Der stille Berg des Tiroler Filmemachers Ernst Gossner vermählt sowohl eingangs erwähnte Art des Kriegsfilmes mit erwähnter Art des familienzwistigen Heimatfilmes – und bekommt seine Komponenten einfach nicht zusammen.

Wobei diese eher unbekannte Episode aus dem Ersten Weltkrieg klarerweise vollste Aufmerksamkeit verdient hat, allerdings eine relativ späte wohlgemerkt, mehr als 100 Jahre nach den Ereignissen. Bekannt waren mir die so genannten Gebirgskriege nicht wirklich, die zwischen 1915 und 1918 die Alpen unsicher machten. Die vorliegende Koproduktion aus Österreich, Italien und den Vereinigten Staaten versucht, die erste Dolomitenoffensive zu rekonstruieren, und zwar mithilfe fiktiver Charaktere, die natürlich als Identifikationsfiguren herhalten müssen, da Regisseur Gossner garantiert keinen Dokumentarfilm drehen wollte, sondern einen klassischen Heimatfilm, eine Tragödie zwischen Gipfelkreuz und Guerilla-Taktik. Dabei konzentriert sich der Tiroler einerseits sehr stark auf authentische Details, andererseits aber gerät er mit William Moseley (Die Chroniken von Narnia) als Erstbesetzung wohl ins größte Schlamassel des Films. Keine Ahnung wieso, aber einen waschechten Tiroler mit einem Briten zu besetzen, war entweder ein Zugeständnis, um finanzielle Unterstützung für den Film zu erlangen, oder ein schwer nachvollziehbarer Freundschaftsdienst – oder überhaupt der Versuch, mit internationaler Besetzung auch international mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als es sonst der Fall gewesen wäre. So authentisch Gossner in seinem Film auch sein will – mit Moseley gelingt ihm das nicht. Und auch sonst fehlt es dem Streifen an Identität, an empfundener Emotion und Lokalkolorit. Filme wie diese sehnen sich nach Leitfiguren. Das hat bei Der Soldat James Ryan oder erst kürzlich in Sam Mendes´ 1917 wunderbar funktioniert. Apocalypse Now sowieso – niemals war der innere Weg in die Verrohung so deutlich wie bei Martin Sheen. Oder The Deer Hunter. Klassiker der Charakterzeichnung, Sternstunden einer psychologischen Reise, wohin auch immer. Durch diesen verheerenden Mix dreier Nationen, die alle beim Stillen Berg mitmischen möchten, und trotz der verbissenen Ambition, sowohl Antikriegsfilm, Actionfilm und Heimatfilm sein zu wollen, lässt die Tragödie in den Bergen erschreckend kalt. Schreie, Verstümmelungen, Wundbrand und Wahnsinn alleine irritieren zwar wie üblich bei einem Film über den Weltkrieg, die Distanz zu den Leidenden ist allerdings zu groß, um selbst das Gefühl zu verspüren, mit genagelten Bergschuhen über gefährliches Geröll zu schlittern. Die mangelnde Psychologie des Films versucht man mit noch mehr Getöse wettzumachen, und irgendwann ist es nur noch ein schales Röhren zwischen den Bergspitzen, meist in Nacht und Nebel gehüllt, wo sowieso jede Übersicht der Dinge den Almabtrieb genutzt hat.

Der stille Berg ist also alles andere als still, er lässt sein enervierendes Kriegsgejammer einem vielstimmigen Kanon gleich, dass seine Einsätze verpasst, über eine herrliche Landschaft rollen, die als einziger mit dem Publikum kommuniziert, während das zerpflückte Ensemble vergeblich versucht, durchs Sprachengewirr hindurch einander anzuschreien. Das klappt leider nicht, und so relevant der Gebirgskrieg auch gewesen sein mag – das vielstimmige Stückwerk erstickt unter seinem eigenen Echo.

Der stille Berg

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