Maleficent: Mächte der Finsternis

BEI DEN HÖRNERN GEPACKT

6,5/10

 

maleficent2© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOACHIM RØNNING

CAST: ANGELINA JOLIE, ELLE FANNING, SAM RILEY, MICHELLE PFEIFFER, ED SKREIN, HARRIS DICKINSON, IMELDA STAUNTON, CHIWETEL EJIOFOR U. A.

 

Falls sich jemand beim Dacapo des Disney-Märchens aus dem Jahre 2014 die Challenge auferlegt hat, sämtliche Easter Eggs zum Oeuvre Grimm’scher Märchen ausfindig zu machen, wird sehr schnell die Freude daran verlieren. Denn bis auf Dornröschens obligater Spindel, die in den Kerkern hochgotischer Gemäuer samt Spinnrad als ausrangiertes Gut auf bessere Zeiten wartet, gelten die klassischen Elemente weitestgehend als vermisst. Macht aber nichts, Maleficent: Mächte der Finsternis (so finster sind die Mächte eigentlich gar nicht) orientiert sich ohnehin viel mehr am Fantasy- als am Märchenkino, obwohl der integre König mit Krone und Stracciatella-Pelzkragen unter rotem Samtmantel den Klischee-Königen schlechthin alle Ehre macht. Auch das kleine schlanke Perlenkrönchen darf nicht fehlen, welches das Haupt von Michelle Pfeiffer ziert, die in der epischen Fortsetzung als sinisteres Schwiegermonster nur das Beste für sich selbst will, und das auf süfisant aufspielende Art. So zwischen Fantasy- und Märchenkino mäanderte auch die italienisch-deutsche Koproduktion Prinzessin Fanthagiro dahin, damals in den 90ern, voll mit klassischen Märchenzitaten, aber auch jeder Menge finsterer Mächte, die allerlei beseelte Wald- und Wiesenwesen unter Kuratel stellten. Das passiert bei Maleficent auch – nur sind wir diesmal fast 30 Jahre später, und die tricktechnischen Skills im Vergleich zu Fantaghiro sind wie vom anderen Stern. Maleficent: Mächte der Finsternis erstaunt also in erster Linie durch ein phantastisch-lebendiges Ökosystem, da muss sich selbst die durch und durch organische Welt aus The Dark Crystal ab und an ein bisschen anstrengen, um mithalten zu können. Was da im Reich der Moore alles an Zauberwesen aufmarschieren, ist wieder mal ein Fest fürs Auge. Von Elfen so groß wie Pusteblumen bis zu Groot-ähnlichen Baumriesen, die schweren Schrittes durch den Sumpf waten, ist alles da, was das dem phantastischen Realismus hoffnungslos erlegene Herz alles begehrt. Szenenweise wähnt man sich in einem Potpourri aus Motiven der Maler Max Ernst oder Arik Brauer, es kreucht und fleucht, und das ist atemberaubend gut arrangiert. CGI also, wo es hingehört.

In zweiter Linie erstaunt Maleficent: Mächte der Finsternis durch das ikonische Spiel Angelina Jolies. Mit kantigen Wangen, leichenblasser Haut und blutroten Lippen sowie leuchtenden Augen ist die den Zeichentrickfilmen Disneys angelehnte Figur fast schon das Alter Ego der von Glamour und erhabener Unnahbarkeit umgebenen Schauspielerin, die dank ihrer PR-Taktik so auftritt, als wäre sie bereits eine Stufe weiter als all ihre FachkollegInnen, die immer noch einfach nur ihren Job machen. Jolies Auftritt als Dunkelfee mit Hörnern wie Hellboy und Flügeln wie Lucifer lässt sich auf ungenierte Weise genießen, denn alles zusammen ist das eine kongeniale Mischung, und wenn Brad Pitts Ex dann mit offenem Haar und deutlich entrüscht durch das an Alfred Kubins phantasmagorische Strichzeichnungen erinnernde Hideaway der Dunkelfeen schlendert, dann sind das enorm stilsichere, fast schon stilbildende Momente, die den relativ simplen Aufbau der Geschichte vergessen machen. Tatsächlich ist Maleficent: Mächte der Finsternis ein Schaufilm der ersten Liga, das sollte man tunlichst nicht am Fernsehschirm ansehen, sondern im Kino. Die wuchtige, üppige Optik kommt erst dann so richtig zur Geltung, wenn die Leinwand nicht groß genug sein kann.

Ein Film also wie ein Bilderbuch, fast schon für die ganze Familie, in herrlichen Farben und Formen. Darüber hinaus lassen Avatar, Barbarella oder gar der knallige Flash Gordon herzlich grüßen. Ihr seht also, da lässt sich so manch Gesehenes nochmal Revue passieren, und da stört auch der märchenhafte Kitsch nicht, der sich natürlich immer wieder breit macht. So will es Disney, und so will es womöglich auch das Genre des klassischen Märchenfilms, der seine Grenzen Richtung Fantasy mit Spaß an der Sache auslotet. Das viel verpönte CGI hingegen, das immer mehr in Verruf gerät, darf mit dieser Werkschau allerdings wieder sein State-of-the-Art präsentieren. Wer sich damit anfreunden kann, profitiert davon, alle anderen mögen es etwas zu geschniegelt finden. Das Make Up jedenfalls (der gehörnte Ed Skrein im Close Up!), das ist in jeder Hinsicht bereits schon jetzt konkurrenzlos preisverdächtig.

Maleficent: Mächte der Finsternis

Der König der Löwen (2019)

AUDIENZ IN GRZIMEKS TIERWELT

7,5/10

 

koenigderloewen© 2019 Walt Disney Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON FAVREAU

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): DONALD GLOVER, JAMES EARL JONES, BEYONCÉ, CHIWETEL EJIOFOR, SETH ROGEN U. A. 

 

Vor ein paar Monaten erst lief die Realverfilmung eines fast schon antiken Klassikers aus dem Hause Disney in den Kinos – Dumbo. Tim Burton hat sich dafür auf den Regiestuhl gesetzt und ist die Umsetzung in dämmerungslichterner CGI-Optik und mit gänzlich anderer Geschichte angegangen. Darin eingebettet: ein famos animierter Elefant mit Riesenohren, von dessen ledriger Haut beim Schaumbad echte Bläschen perlen. Für den Sommer gibt es dann einen Blockbuster, der erstens mal das dem neuen Dumbo wohlgesonnene Publikum als auch Liebhaber pittoresker Großwildsafaris in die Kinos zu locken vermag: Die – sagen wir mal – reale Unplugged-Version von Der König der Löwen, ohnehin wohl erfolgreichster Zeichentrickfilm, mittlerweile auch schon über 20 Jahre alt und nicht nur zuletzt durch Elton Johns Circle of Life ein Augen- und auch Ohrenschmaus. Da sowieso eigentlich jeder Löwen mag, und Kinder sowieso auf Tiere stehen, und des weiteren viel zu wenige Universum-Dokus auf großer Leinwand laufen, ist diese marktanalytische Milchmädchenrechnung fast schon deppensicher. Von voreingenommener Skepsis mal abgesehen, da Der König der Löwen aus 1994 natürlich seine Fangemeinde hat und nicht so mir nichts dir nichts nachverfilmt werden kann. Dafür muss die nun brandaktuelle Interpretation alle und vielleicht auch ganz neue Stückchen spielen.

Neue spielt sie zwar nicht, aber alle. Zumindest mal optisch. Da würde ich gerne einen Blick hinter die Kulissen werfen, Teil des Produktionsteams sein, und wenn auch nur als Hospitant, um zu sehen, mit welchen Informationen die Hard- und Software arbeitet, um Bewegung, Physiognomie und Beschaffenheit diverser Tierarten so naturgetreu nachzubilden. Gut, es gibt einige Maler, die haben das schon lange praktiziert, allerdings unbewegt. Fotorealistische Bildnisse von Geparden, Antilopen, Tigern und so weiter. Wo zwei Blicke oft nicht reichen, um zu erkennen, dass es sich bei diesen Bildern um Gemälde handelt. Warum sollte das ein Computer nicht auch hinbekommen? Mit den nötigen Informationen zu Anatomie und Bewegung kann da schon gut und gerne eine Welt entstehen, die unserer sehr nahe kommt, und die sich so anfühlt, als säßen wir bei Bernhard Grzimek im Zebraflieger oder irgendwo im Busch, um waschechtes Wildlife zu beobachten. Als wäre wieder Dienstagabend und Universum würde sich einmal mehr einer beliebten Region unserer Erde widmen, nämlich dem Rift Valley. Wäre es notwendig gewesen, die Natur nachzugenerieren, nur weil die Technik es kann? Nicht, wenn keine Fabel erzählt werden will.

Diese ist ein Königsdrama in einer menschenlosen Welt, irgendwo zwischen Shakespeares Hamlet und Serengeti darf nicht sterben, und sogar eine Brise Black Panther ist dabei, im Grunde ja auch ein Spiel der Throne. Mit dieser genialen Animationstechnik lässt sich eben der böse Löwe Scar als böser Löwe darstellen, mit Narbe, sinistrem Augenspiel und fettiger Mähne. Wie man einen Bösen eben darstellt. Als zoologisch versierter Talent-Scout hätte man womöglich lange suchen müssen, um einen solchen Löwen tatsächlich zu finden. Scar in seinem Charakter und seiner machtgierigen Egomanie wie einst Richard III ist sowieso ein Highlight des Films, wenn nicht das Highlight überhaupt. Und dass ein Erdmännchen auf einem Warzenschwein sitzt, ist auch nur dann möglich, wenn die Einsen und Nullen dahinter menschliches Verhalten dulden. Also warum nicht Fotorealismus im Kino, warum nicht mit der Magie des Kopierens einer vertrauten Natur uns alle zum Staunen bringen? Mich hat es erstaunt, und es ist wie geglückte Illusionskunst, auch wenn ich mir das Making Of zumindest ansatzweise erklären kann. Das Drama selbst? Gut überschaubar, nicht auf Dichtheit getrimmt, nicht kompliziert, sondern angenehm geradlinig, wie in Disneys alten Klassikern. Wenn dann das opernhafte Finale auf der Felsenzunge hoch über der Savanne seinen Anfang nimmt, dann sind das mächtige Szenen, eines Königsdramas würdig, in denen der Tod an der Tafel sitzt, und wo das in Nacht getauchte Land vor Flammen lodert. Die sich windenden Muskelpakete der kraftstrotzenden Monarchen wirken wie schwerelos scheinende Skulpturen barocker Steinmetzkunst, ineinander verschlungen und fauchend, immer dann, wenn der Wind die Mähnen bauscht. Das ist großes Kino.

Weniger groß ist der Versuch, mit der Bildgewalt musikalisch mitzuziehen. Zumindest in der deutschsprachigen Synchro – und die auch nur, um den Nachwuchs nicht unnötig anzustrengen – liegt der Verdacht nahe, Helene Fischer am Mikro zu haben, das macht das Ganze deutlich weniger erdig und vielleicht auch etwas seifig, theoretisch ließe sich Elton Johns Welthit auch anders interpretieren. Wenn nicht unbedingt notwendig, dann empfiehlt sich Der König der Löwen im englischen Original ungeschaut eher als auf deutsch, und hätte ich den Film auf Englisch gesehen, wäre der Genuss einer ohne Abzüge, die ich fairerweise bringen muss, um meine Wertung zu erklären. Als Wildtierfotograf und Tierliebhaber aber sehe ich mich emotional ertappt und muss zugestehen, dass Disney auch diesmal wieder gezeigt hat, wo die Benchmark derzeit liegt, nämlich erstaunlich hoch, und wieder ein bisschen höher als bei Dumbo, vor allem, wenn der Vergleich zum realen Vorbild fehlt. Hätten wir den, wäre womöglich immer noch Luft nach oben. Aber ich denke, daran wird gearbeitet.

Wer sich noch an Jean-Jacques Annauds Der Bär erinnern kann, weiß vermutlich noch, wie die animalischen Darsteller da gelitten haben. Für solche Geschichten müsste man heutzutage kein Lebewesen mehr nötigen – das machen die vielen Superhirne vor den Monitoren, die so etwas zaubern wie Der König der Löwen. Traurig wird es dann, wenn das reale Pendant zu solchen Filmwelten irgendwann nicht mehr ganz so prächtig strahlt, und wir nur noch im Kino sehen dürfen, wie der Soll-Zustand solcher Habitate eigentlich auszusehen hat. Dann bekommt das ganze einen zynischen Nachgeschmack, und spätestens dann sollte Disney aufhören, solche Filme zu drehen. Filme nämlich vom Trouble in Paradise, inkognito und fernab unserer Beobachtung.

Der König der Löwen (2019)

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

DU ENTSCHULDIGE, I KENN DI

4,5/10

 

Fred Flarsky (Seth Rogen) and Charlotte Field (Charlize Theron) in FLARSKY.© 2019 Studiocanal

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN LEVINE

CAST: CHARLIZE THERON, SETH ROGEN, BOB ODENKIRK, ANDY SERKIS, O´SHEA JACKSON JR. U. A. 

 

Da hat sich Seth Rogen wieder weit aus dem Fenster gelehnt: Als derber Investigativjournalist hat er so manchen bösen Jungs den Wind aus den Segeln genommen, wenig eloquentes Zeter und Mordio in seine Artikel gepflanzt und sich fast ein Hakenkreuz stechen lassen. Stil dürfte für den Hipsterbärtigen aber auch nur das Ende des Besens sein, denn das tägliche Outfit ist ein Trainings-Blazer aus den Neunzigern, dezent in Ponyfarben. Dass dieser prinzipientreue Eigenbrötler jemanden wie Charlize Theron kennt, die als Außenministerin eine wahnsinnig gute Figur macht, das ist mal unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Wie sich Bekanntschaften aus der Kindheit entwickeln, ist ja kaum absehbar. Und plötzlich haben wir hier zwei, die sich komplett auseinander gelebt – und wieder gefunden haben. Das könnte man doch glatt mit Peter Cornelius „Du entschuldige I kenn di“ untermalen, so passend wäre da der Song. Aber nein, Regisseur Jonathan Levine greift auf die Playlist von Pretty Woman zurück, weil’s eben so schön war. Und was könnte näher liegen, als einen Film mit 90er-Hadern zu verwöhnen, die bereits für ein Glamour-Märchen um Underdog und VIP in Verwendung waren. Ein ähnliches Konzept liefert jene neue Komödie, die wiedermal das etwas abgenutzte Klischee einer aufrichtigen US-Politik mit dem Alles-ist-möglich-Aufstieg eines Nonkonformisten verbindet. Das ist aber durchaus in Ordnung, und das wusste ich ja auch, ich kannte ja die Synopsis des Films, also mal sehen, welche Ansatzpunkte diesmal bereits Bekanntes auf andere Spuren bringen könnte. Und bei Seth Rogen ist so was durchaus im Bereich des Möglichen. Charlize Theron kann eigentlich auch alles spielen, sie bleibt aber stets die aparte, etwas distanzierte Schönheit, die sie ist. Und bei Atomic Blonde zum Beispiel konnte sie die unnahbare Aura des Wertvollen wunderbar für sich nutzen.

In Long Shot (die deutsche Subline lassen wir mal weg) wagt sie sich nur selten aus ihrer Defensive. Dass sie als Außenministerin der Message Control folgen und ihre Fassade zu welchem politischen Spiel auch immer wahren muss, ist natürlich vollkommen logisch. Den Mut zum Wagnis kitzelt ihr dann Seth Rogen als Fred Flarsky mit nichts außer seiner Verschrobenheit hervor, die Theron relativ anziehend findet, vielleicht weil diese Vibes nicht so auf Massentauglichkeit gestutzt sind. Da stimmt dann auch die Chemie, beide ziehen an einem Strang, die politische Domina mit dem strahlenden Image hat zwar die Hosen an, darf aber von dem Querdenker auch einiges lernen. Das ist natürlich Romanze pur, und wer sich eine haarfeine Politkomödie wie zum Beispiel Dave erwartet, wird aber enttäuscht werden. Dieses Thema scheint Levine eindeutig zu groß, obwohl er hie und da versucht, Seitenhiebe auf aktuelle politische Zustände zu verteilen. Die sind zwar da, man belächelt sie, aber mehr nicht. Das ist viel zu halbherzig, um zu irritieren. Da sind Filme wie Vice ein komplett anderes Kaliber. Doch wie Vice will Long Shot natürlich niemals sein, will auch nicht wirklich anecken. Der Film macht das ganze Spiel hinter den Kulissen einfach nur zum Thema, weil er es benötigt – für eine RomCom, die nichts umformuliert, selten auch nur irgendwelche alternativen Entwicklungen der Handlung andenkt und leider die bemühte Illusion allgemeiner Akzeptanz für Körpersäfte zum Knackpunkt der Geschichte macht. Das entlockt mir weder ein Wow für lässige Indiskretion noch appelliert es an meine sporadisch vorhandene Restprüderie. Zu gewollt wäre das richtige Wort, zu vorhersehbar das andere. Klar, es ist Hollywood, und klar, Filme wie Hallo, Mister Präsident sind schon länger her. Long Shot will aber doch mehr sein, der Streifen will auch austeilen können, er will mit intelligentem Charme punkten, und hätte mit seinem Cast sogar das Potenzial dazu – letzten Endes hält er sich aber zu sehr an die Regeln des gelernten Spiels, als sie mit frechen Kniffen zu unterwandern.

Mit 50/50 hat Levine wohl einer der besten Filme zum Thema Krebs gedreht. Mit Long Shot bleibt ihm ein knackiger Zugang zu anderen bewährten Filmthemen leider verwehrt. Was aber nicht heißen soll, dass die Komödie nicht auch unterhält. Das tut sie, es gibt auch einiges zu lachen, und die Kifferszene mit Theron ist sowieso die Mitternachtseinlage schlechthin. Im Ganzen aber erliegt Long Shot seinem naiven Schöngerede, das so süß, aber auch so wenig haltbar ist wie ein Wahlzuckerl kurz vor dem Urnengang.

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

The Favourite

A SHAME OF THRONES

7/10

 

favourite© 2018 20th Century Fox GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, USA 2018

REGIE: GIORGOS LANTHIMOS

CAST: OLIVIA COLMAN, RACHEL WEISZ, EMMA STONE, NICHOLAS HOULT, JOE ALWYN, MARK GATISS U. A.

 

Endlich, mein erster Film von Giorgos Lanthimos, dem exzentrischen Griechen, der mit seinen eigenwilligen Gesellschaftstableaus die Grenzen zum Surrealen sprengt. Dessen Filme man als Cineast eigentlich gesehen haben muss, oder nicht? Wenn, dann spätestens nach dem medialen Wind um das Historiendrama The Favourite, auch selbiger bei den Oscars 2019. Und Sprungbrett für die Britin Olivia Colman in den Olymp der Goldjungen, wo sie nun Platz nimmt neben Rami Malek, der bald James Bond-Bösewicht sein wird. Und Colman? Vielleicht die neue M? Wer weiß.

Lanthimos, der ist, zumindest seiner jüngsten Arbeit nach zu schließen, auch nicht exzentrischer als der gute alte Theaterbrite Peter Greenaway. Und ja, The Favourite erinnert stark an die Opulenz der Filme wie Das Wunder von Macon oder Der Kontrakt des Zeichners. Greenaway liebäugelte ja stets mit dem orgiastisch Dekorativen des Barock. Das macht Lanthimos auch. Und noch etwas macht Lanthimos, was aber Greenaway nie getan hat – er lässt die Kamera nicht dem Publikum gleich auf eine Bühne blicken, die maximal ausladende horizontale Schwenks erlaubt. In The Favourite orientiert sich Kamerafrau Robbie Ryan erstens an der zeitgeistigen Spielerei von Google Maps – nämlich am 380° Rundumblick, um mittendrin statt nur dabei zu sein. Und zweitens an der altniederländischen wie manieristischen Malkunst. Dieser Bildstil beschreibt nun ein sehr breites Spektrum – von der Gotik bis an die Schwelle des Barock. Dabei meine ich hier nicht den Stil an sich – vielmehr das Experiment mit dem erweiterten Blickwinkel – der Integration konvexer kleiner Spiegel. Der Flame Jan van Eyck hat sich hier erstmals, in manchen Details seiner Bilder, der Brennweite eines – wie wir heute sagen würden – „Fisheye“ bedient. Später dann, im besagten Manierismus, hat der Italiener Parmagianino mit seinem berühmten Selbstportrait in gewölbter Reflexion Kunstgeschichte geschrieben. Diese Wahl der Mittel, um in die Tiefe eines Bildes einzutauchen, die wählt auch Lanthimos. Und schafft damit eine aufgeblasene, kathedralenhohe, isolierte Sphäre elitärer Gesellschaften, die zwar wissen, dass Erbfolgekrieg herrscht, sich selbst aber davon ausnehmen.

Dieses ausschweifende, schwindelerregende Bilderkarussell mutiert durch seine unnatürlichen Raumkrümmungen und verzerrten Figuren, die allesamt als grotesk gepuderte Marionetten durch den Königshof staksen, zu einer Blickerevue durch Schlüssellöcher und ist für jene, die sich optisch gerne verwöhnen lassen, eine üppige Augenweide, ein brokatgetragenes, mitunter eiliges Scharwenzeln durch Flure, Gänge und Zimmer. Zwischendurch wird es finster, flackert maximal ein gegen die Dunkelheit des Intrigenspuks ankämpfendes Kerzenlicht, dass hinter den edelholzgetäfelten Wänden eine dunkle Dimension vermutet, fast wie bei David Lynch. Nur ins Metaphysische gleitet The Favourite niemals ab, das täuscht das Werk alleine durch seine Verfremdung gemäldeartigen Bilder vor, die das Buhlen zweier Damen zum Thema haben, die wie zwei Furchengängerinnen vor der Obrigkeit um den Thron buckeln, um einer scheinbar debilen und schwer an der Gicht leidenden Monarchin ihre eigenen Machtgelüste aufzuoktroyieren. Queen Anne selbst – die ist schwer traumatisiert, hat 17 Kinder verloren und statt ihrer genauso viele Kaninchen, die alle so heissen wie ihre verstorbenen Sprösslinge und tiertherapeutisch zumindest oberflächlich das Verlustgefühl etwas mildern. Dieser Kaninchenbau ist wie ein Sinnbild der Ränke, die hier geschmiedet werden, nur gerammelt wird nicht so viel, obwohl sexuelle Machtspiele hier trotzdem ihre Relevanz haben. Rachel Weisz als weiblicher Thomas Cromwell macht ihre Sache ausgesprochen gut, überhaupt war sie selten so perfide wie hier. Allerdings kann Emma Stone ihr da auf Auflagenhöhe den Gifttrunk reichen. Dadurch, dass sich beide scheinbar auf gleichem Level patt setzen, ist schwer absehbar, wie die königlichen Schandtaten rund um der Kaiserin gichtiger Waden ihr Ende finden – und macht das ganze Drama gleichsam spannend wie faszinierend, wenn auch das barocke Zeitalter etwas ist, das man nicht gerne erleben wollen würde, ob der ganzen ekelhaften Dekadenz, die irgendwann später wieder zum Absolutismus führen wird.

The Favourite ist ein Intrigenspiel, wenn auch kein allzu fein gewobenes. Viel zu früh wird mit offenen Karten gespielt, und viel zu sehr werden jene unterschätzt, die im wahrsten Sinne des Wortes das Zepter in der Hand halten – und diese Hand hat einen langen Arm, an dem jene baumeln, die glauben, all diese aufgerüschten Affen durch eigenes Zutun unter spartanischen Zupfgeräuschen oder pompösen Orgelklängenn zum Tanzen gebracht zu haben. Das ist schön seziert, wenn auch nicht so raffiniert wie gedacht. Dafür scheint die Optik mit uns selber als Mittelpunkt die Tauben abzuschießen. Die bis zum Platzen gedehnte Seifenblase mit endlosem Rundumblick, in der sich das an epischen Räumlichkeiten satte Anwesen der Königin befindet, schwebt über europäischer Geschichte dahin in eine wüste Zukunft. Das ist das wirklich Beeindruckende, diese fehlende Bodenhaftung von Film, die von einer nach Schwerelosigkeit gierenden, erschöpfenden Entwürdigung einer Königin erzählt.

The Favourite

Maria Stuart, Königin von Schottland

REGIEREN IST KOPFSACHE

5,5/10

 

MARY QUEEN OF SCOTS© 2018 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JOSIE ROURKE

CAST: SAOIRSE RONAN, MARGOT ROBBIE, GUY PEARCE, DAVID TENNANT, MARIA DRAGUS, BRENDAN COYLE U. A.

 

Macht ist nichts, was man teilt. Das ist schon ein Phänomen, das dem Menschen ganz eigen ist. Die Möglichkeit, über allen anderen zu stehen, könnte, wenn man sich in der Zeitgeschichte und gegenwärtig umsieht, das höchste Gut überhaupt sein, das es als Mensch anzustreben gilt. Mal oben angekommen, wartet eine Menge Verantwortung, die gerne delegiert wird. Was bleibt, ist ein Rausch, der süchtig machen kann. Und das Gefühl, halb Gott zu sein, wird unverzichtbar. Mit dieser Psychologie des Überstarken hätte sich Maria Stuart auseinandersetzen sollen, bevor sie wieder auf schottischen Boden zurückkehrt, nachdem ihr französischer Gemahl frühzeitig verstorben und ihre Machtposition am Festland von heute auf morgen verpufft war. Wäre sie später gekommen, hätte ihr bewusst sein müssen, was für eine Verwandte da am englisch-irischen Thron sitzt. Nämlich Elisabeth I., Alleinherrscherin mit absolutistischen Tendenzen und harter Hand, reformwillig, protestantisch und unverheiratet. So aber ist Maria Stuart´s Cousine gerade mal 3 Jahre an der Macht – und vor allem der Faktor „unverheiratet“ für die Witwe reizvoll genug, um nicht nur Schottland, sondern auch England zu provozieren. Klug mag Maria Stuart gewesen sein, aber nicht allzu politisch erfahren, impulsiv und – wie es in Josie Rourke´s Historiendrama den Anschein hat – unglaublich stur.

Als zweite in der Thronfolge nach Elisabeth gehört Schottland Maria Stuart, der Halbbruder muss also vom Thron, und überhaupt kann der jungen Dame niemand vorschreiben, wen sie zu ehelichen gedenkt. Denn die Ehe, die ist was fürs Herz, so die naive Sicht der Möchtegern-Regentin, die sich stets mit einer Entourage von vier Hofdamen umgibt und alles daransetzt, einen Thronfolger zu zeugen, der dann aber über die ganze Insel herrschen soll. Das zumindest hat Kalkül – die Männerwirtschaft aus Günstlingen, Gegner und militanten Rivalen ringsherum schläft allerdings auch nicht. Und plant von langer Hand, die ungeliebte Katholikin zu entthronen. Was folgt, sind fiese Intrigen, jede Menge Verrat, Mord und Totschlag. Und die ekelhafte Demonstration maskulinen Dominanzverhaltens.

Das ist Geschichte, die hochinteressant ist, spektakulär und fesselnd. Das spätere Schicksal Maria Stuarts ohnehin reichlich bekannt. Und auch ihr Tod in scharlachroter Gewandung historisch belegt. Wie es soweit also kommt, erzählt bei weitem nicht die einzige, aber neueste Verfilmung des Stoffes über Maria Stuart, Königin von Schottland, in großartig besetzter, aber lückenhafter Chronologie, die sich noch dazu ziemlich schwer tut, zwei Handlungsfäden gleichzeitig zu spinnen. Woran das liegen mag? Vielleicht am fehlenden Gespür für den richtigen Rhythmus. John Mathieson findet zwar schöne Bilder vorwiegend aus dem fahl beleuchteten Inneren von Holgrov Castle – die Schnittfolge allerdings, die sowohl Elisabeth´s als auch Maria´s Geschichte abwechseln soll, fällt sprichwörtlich mit der Tür ins Haus und verspielt ihr Timing gerade in der ersten Hälfte des Filmes, die ohnehin inhaltlich allerlei Fäden ziehen muss. Das ist alles andere als eine runde Sache, und macht es anfangs unmöglich, in das Zeitalter der Renaissance einzutauchen. Die Szenen sind zu kurz, vielleicht auch zu nichtssagend gewählt, es gibt keinen Übergang, der thematisch den Schauplatzwechsel einleitet. Es ist, als lese man ein Buch, und irgendjemand blättert die Seite um, bevor das letzte Wort gelesen ist. Später dann, als die Katze aus dem Sack, Maria Stuart isoliert und der Putsch vollendet ist, hat das Geschichtsdrama die notwendige Konzentration gefunden. Allerdings fast zu spät. Denn die Jahre im englischen Exil sowie die eigentlichen Hintergründe der Exekution spart der opulente Monarchenpoker fast zur Gänze aus.

Was das leidenschaftlichen Spiel einer wie aus Wachs modellierten Saoirse Ronan allerdings nicht bremst. Als Königin weckt sie zwar Sympathien beim Zuschauer, gibt sich allerdings auch vollends ihrer Machtgier hin. Quengeliger Trotz und ein realitätsfremdes Fairness-Ideal werden folglich zu ihrem Verhängnis – und von Ronan verbissen genug aufs Tablett gebracht. Ihr gegenüber eine Elisabeth, die, so finde ich, mit Margot Robbie sogar noch näher an der realen Figur der Königin herankommt als es Cate Blanchett vermocht hat, auch wenn die weiß gepuderte Regentin mit knallroter Perücke szenenweise Erinnerungen an Clown Pennywise wachruft. Apropos Cate Blanchett: Shekar Kapur´s Politepen Elizabeth und Elizabeth – Das goldene Konigreich sind filmisch wie dramaturgisch weitaus besser geglückt und liefern genau das, was sie sollen: Packende, ungemein sehenswerte Geschichtsstunden, die ich euch, falls ihr sie noch nicht gesehen habt, unbedingt ans Herz lege.

Geschichtsstunde, das ist Maria Stuart, Königin von Schottland natürlich auch, nur bleiben Robbie und Ronan hier zwei Konstante, die von einer selten so offensichtlichen, grobmotorischen Filmmontage leidlich souverän getragen werden. So einen Stoff wie diesen, den kann man nicht irgendwie erzählen. Aber genau das erscheint hier so. Dennoch: Kostüme, Make-up und Frisuren treiben in diesem Ringen um den Thron beeindruckende Blüten, womöglich authentisch bis in die Spitzen. Und wer sich an sowas nicht sattsehen kann, ist hier auf alle Fälle gut aufgehoben.

Kleine Anmerkung für Austro-Filmfans: Maris Dragus, Hauptdarstellerin aus Barbara Albert´s Kostümfilm Licht, spielt hier eine von Maria Stuart´s Gefährtinnen.

Maria Stuart, Königin von Schottland

Macbeth (2015)

IM NEBEL DER DICHTUNG

6/10

 

macbeth© 2015 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: MICHAEL FASSBENDER, MARION COTILLARD, DAVID THEWLIS, PADDY CONSIDINE, JACK REYNOR U. A.

 

So eine Witterung ist gut für die Nebenhöhlen. Morgens raus auf auf die baumlosen Ebenen des schottischen Hochlands und den dichten Bodennebel mal so richtig durchziehen lassen. Obendrein ist Feuchtigkeit auch noch gut für die Haut. Wenn man da nicht auch noch gleich in eine Schlacht verwickelt werden müsste, die Heerführer Macbeth gegen die Widersacher des schottischen Königs Duncan auszutragen hat. Da gibt die feuchtkalte Luft auch optisch einiges her, vor allem, wenn das Licht im flachen Winkel auf die in Superzeitlupe heranstürmenden Schotten trifft. Bei so viel Grazie von Mord und Totschlag fangen Anhänger der LARP-Gemeinschaft (Live Act Role Play) womöglich das Träumen an. Das ist in Szene gesetztes Mittelalter, da reicht die hauseigene Digicam, sofern man die Schlachten nachstellen will, auch nicht mehr aus. All die schmerzverzerrten Gesichter wie aus der Zeit gefallene Fotografien, fast schon bis zum Stillstand verlangsamte Leiber im diffusen Dampf, gestaffelt bis zur erahnbaren Spukerscheinung, ganz vorne der Hauptakteur dieses blutgetränkten Dramas, welches keine andere Tragödie sein kann als die des Usurpators Macbeth, auf immer verewigt von William Shakespeare. In der Hand das Schwert. Diese Waffe aus Stahl, die ist längst mehr als nur ein Werkzeug, um zu töten. Das wissen wir seit Excalibur. Seit Balmung. Seit Bilbo´s Stich. Wenn die Klinge im feuchten Boden steckt, leicht vibrierend, dann ist etwas Weltbewegendes passiert. Solche Szenen, die sind ikonisch und eignen sich bestens für ein Theater wie dieses.

Justin Kurzel, der sich später in ähnlich vergeistigter Manier an die Videospielverfilmung Assassins Creed herangewagt hat und für manche zu oft Stimmung mit packender Geschichte verwechselt hat, erarbeitete sich den Beweis seines Könnens mit einem zentnerschweren Brocken Literaturgeschichte. Macbeth inszeniert und spielt man einfach nicht nur so. Das will ins richtige Licht gerückt werden. Und am besten noch in den originalen Versen eines Shakespeare erzählt werden. Da passt die sphärische Bilderflut in den gestreuten Farben des Fegefeuers natürlich bestens dazu. Und Macbeth kann noch so klassisch und unkritisierbar sein – es ist die Geschichte eines von vielen Tyrannen, die sich an die Macht intrigiert und getötet haben, in wütender Barbarei geherrscht und dann schmählich untergegangen sind. Die blutige Tragödie aus dem sehr frühen 17. Jahrhundert lebt natürlich in erster Linie zumindest gegenwärtig von den wohlklingend ausformulierten Worthülsen, die die Chronik einer finsteren Regentschaft in eine atemberaubende Sprache kleiden. Das todessehnsüchtige Intrigenspiel als solches ist aber in Zeiten detailverliebter Mittelalterdystopien wie Game of Thrones zwar nach wie vor ein dankenswerter Einstand, auf den Filmemacher und Romanschreiber respektvoll zurückblicken – in Anbetracht der Erwartungshaltung der Genre-Fans bleibt Macbeth grob umrissen, auf die Eckpfeiler der Historie reduziert und viel zu getragen, um emotional mitzureißen. Da macht es auch keinen großen Unterschied, ob das Königsdrama rein fiktiv oder historisch fundiert ist. Das mag für eingefleischte Schotten vielleicht relevant sein, für alle anderen ist das Schicksal von König Macbeth und seiner besseren Hälfte, die Lady selbigen Namens, ungefähr genauso fern wie Westeros.

Dennoch beschert uns Regisseur Kurzel einen wuchtigen Augenschmaus zwischen Schattentheater, flackerndem Kerzenlicht und feuchtkalter Ödnis – Szenerien, die die Möglichkeiten einer Theaterbühne geschickt erweitern (es sei denn, wir haben es mit Bühnen wie jener des Wiener Burgtheaters zu tun, die eigentlich fast schon alles kann). Michael Fassbender in Kriegsbemalung und als gekröntes Haupt ist vielleicht nicht die absolut ideale Wahl für so ein irrsinniges Machtmonster wie Macbeth, da fehlt mir dann doch der Wahn des Alleinherrschers, dafür ist Fassbender zu folgsam und zu sehr verliebt in seine Verse, die er da sprechen muss. Das kann bei Schauspielern, die Shakespeare über alles stellen, relativ leicht passieren. Marion Cottilard hingegen ist erwartungsgemäß entrückt wie es die Rolle auch vorschreibt, ihr Zwiegespräch mit dem verstorbenen Nachwuchs ein schauderhaftes Highlight.

Macbeth ist also nicht ganz die unvergessliche Interpretation des Barock-Dichters mit Halskrause, wobei Sir William wohl zufrieden wäre mit all den Tänzen aus Licht und Schatten, die seine Worte zweifelsohne effektiv verstärken.

Macbeth (2015)

Die Verführten

HAHN IM KORB

6/10

 

verfuehrt

REGIE: SOFIA COPPOLA
MIT NICOLE KIDMAN, ELLE FANNING, COLIN FARRELL, KIRSTEN DUNST

 

Während es um Francis Ford Coppola, einen der Veteranen des New Hollywood, langsam leiser wird – oder bereits sehr leise geworden ist – hält nun dessen mittlerweile allseits bekannte Tochter Sofia Coppola das künstlerische Familienzepter hoch. Nach einem kurzen und wenig erfolgreichen Filmauftritt in Papa Francis´ Spätwerk Der Pate III hat die aparte junge Künstlerin ihre Leidenschaft wohl eher hinter der Kamera entdeckt – als eigenständige, aber auch sehr eigenwillige Regisseurin, die gesellschaftlichen Stillstand und die Vereinsamung des Selbst in augenzwinkernde Filmlyrik umsetzt und genau zu beobachten weiß. Mit den The Virgin Suicides war kollektiver Selbstmord als romantisches Ideal ihr erstes Thema, in Lost in Translation machte sie Scarlett Johansson weltberühmt – und Bill Murray zum Charakterdarsteller. Wobei manch ihrer Filme tatsächlich nichts zu sagen haben, etwa wie The Bling Ring, der eher wie eine grob skizzierte Schnapsidee daherkam.

Auffallend bei Coppola´s Filmen ist, dass sie zumeist alle auf Originaldrehbüchern basieren. Zu Remakes hatte sich die Dame bislang auch nicht hinreißen lassen – bis jetzt. Und das hat ihr aber, wie wir in Cannes gesehen haben, alles andere als geschadet. Coppola ist im Olymp der Besten angekommen. Was man von ihrem elegischen Südstaatenthriller nicht ganz so behaupten kann. Die Verführten ist tatsächlich ein Remake von Don Siegels Machoabgesang Betrogen mit Clint Eastwood in der Hauptrolle. Da der weit über 80jährige diese Rolle des verwundeten und von scheinbar keuschen Mädels gesund gepflegten Soldaten beim besten Willen nicht mehr darstellen kann, schlüpft nun Colin Farrell in die Rolle des Hahns im Korb. Und entfacht bei der einen oder anderen jungen Dame das Feuer. Natürlich kann das nicht gut gehen. Und damit ist die Geschichte auch schon erzählt. So inhaltlich dünn ist wohl kein anderer Film aus Coppolas Oeuvre. Na gut, mit Ausnahme von The Bling Ring. Oder Somewhere, obwohl die Egostudie mit Stephen Dorff eher Stimmungsbild als Handlungsfilm ist. Die Verführten kann sich nicht entscheiden, was es sein will. Thriller, Sittenbild, Historiendrama? Und eignet sich durch diese Unentschlossenheit eine gewisse schadenfroh kindliche Extravaganz an, die mitunter schmunzeln und staunen lässt. Vor allem zu Beginn entfaltet Die Verführten eine bildnerische Sogwirkung. Die Kamera von Philipp Le Sourd ist atmosphärisches Kunstkino zwischen David Hamilton und Peter Weir´s Picknick am Valentinstag. Die impressionistischen Lichtspiele entstehen vor allem durch das Nichtvorhandensein von künstlichem Licht. Die im Halbdunkel liegenden Innenräume des Mädchenpensionats bleiben düster, das Weiß der Wände, das Blassrosa der gerüschten Röcke nuanciert im natürlichen Licht. Selbst die Sonne, die durch flechtenbehangene Bäume bricht, kündigt Unheilvolles an. Man denkt da an den Geisterkult rund um die Sümpfe Louisianas. Die Kompositionen aus Licht und Grobkörnigkeit betritt ein erlesenes Schauspielensemble, dass sich schwärmerisch gibt wie die Virgin Suicides und eine verspielte Koketterie an den Tag legt. Da fällt Elle Fanning sehr stark auf, aber auch Nicole Kidman als Grand Dame des Hauses zeigt nach Lion wieder, was eigentlich in ihr steckt. Gemeinsam scheinen sie einen sommerlichen Totentanz rund um Macho Colin Farrell zu vollführen, während im Hintergrund die Kanonen donnern. 

Die Verführten tänzelt aus der Reihe klassischer Genres, verlässt sich aber zu stark auf seine Galerie natürlicher Stimmungen und rastloser Blicke. Der Plot des tragikomischen Dramas ist zu schal, um ganze 93 Minuten lang das reizvolle Korsett zu füllen. Das war zwar schon bei Marie Antoinette so, allerdings verlieh die Französische Revolution der zuckersüßen Biografie mehr Drive als der Amerikanische Bürgerkrieg dies bei den Verführten vermocht hat. Hier verlässt man den Kinosaal beeindruckt, aber gleichzeitig enttäuscht. Als wäre da noch etwas gewesen, was nicht erzählt wurde.   

Die Verführten