Der stille Berg

ÜBER ALLEN GIPFELN IST KEINE RUH

3/10

 

derstilleberg© 2014 Constantin Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2013

REGIE: ERNST GOSSNER

CAST: WILLIAM MOSELEY, EUGENIA CONSTANTINI, CLAUDIA CARDINALE, EMILY COX, FRITZ KARL, WERNER DAEHN U. A.

 

Es gibt Kriegsfilme, so wie Steiner – Das eiserne Kreuz, die wirklich keine Gefangenen machen und lieber in satter Kriegsaction mitsamt farbenfrohen Gore-Elementen im Getöse der Lafetten untergehen. Und es gibt Heimatfilme aus den 50er-Jahren, vielleicht sogar noch bis in die 60er hinein, die von wohlhabenden Wirtshausläuten erzählen, deren promiskuitiver Nachwuchs Beziehungskonstellationen wählt, die die Familienältesten nicht sehen wollen. Bei Volksfesten gibt es Schuhplattler und jeder hat über jeden die unterschiedlichsten Gerüchte, die dann zu Verwechslungen führen. Diesen Story-Twist gibt es hier zwar nicht, aber dennoch: Der stille Berg des Tiroler Filmemachers Ernst Gossner vermählt sowohl eingangs erwähnte Art des Kriegsfilmes mit erwähnter Art des familienzwistigen Heimatfilmes – und bekommt seine Komponenten einfach nicht zusammen.

Wobei diese eher unbekannte Episode aus dem Ersten Weltkrieg klarerweise vollste Aufmerksamkeit verdient hat, allerdings eine relativ späte wohlgemerkt, mehr als 100 Jahre nach den Ereignissen. Bekannt waren mir die so genannten Gebirgskriege nicht wirklich, die zwischen 1915 und 1918 die Alpen unsicher machten. Die vorliegende Koproduktion aus Österreich, Italien und den Vereinigten Staaten versucht, die erste Dolomitenoffensive zu rekonstruieren, und zwar mithilfe fiktiver Charaktere, die natürlich als Identifikationsfiguren herhalten müssen, da Regisseur Gossner garantiert keinen Dokumentarfilm drehen wollte, sondern einen klassischen Heimatfilm, eine Tragödie zwischen Gipfelkreuz und Guerilla-Taktik. Dabei konzentriert sich der Tiroler einerseits sehr stark auf authentische Details, andererseits aber gerät er mit William Moseley (Die Chroniken von Narnia) als Erstbesetzung wohl ins größte Schlamassel des Films. Keine Ahnung wieso, aber einen waschechten Tiroler mit einem Briten zu besetzen, war entweder ein Zugeständnis, um finanzielle Unterstützung für den Film zu erlangen, oder ein schwer nachvollziehbarer Freundschaftsdienst – oder überhaupt der Versuch, mit internationaler Besetzung auch international mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als es sonst der Fall gewesen wäre. So authentisch Gossner in seinem Film auch sein will – mit Moseley gelingt ihm das nicht. Und auch sonst fehlt es dem Streifen an Identität, an empfundener Emotion und Lokalkolorit. Filme wie diese sehnen sich nach Leitfiguren. Das hat bei Der Soldat James Ryan oder erst kürzlich in Sam Mendes´ 1917 wunderbar funktioniert. Apocalypse Now sowieso – niemals war der innere Weg in die Verrohung so deutlich wie bei Martin Sheen. Oder The Deer Hunter. Klassiker der Charakterzeichnung, Sternstunden einer psychologischen Reise, wohin auch immer. Durch diesen verheerenden Mix dreier Nationen, die alle beim Stillen Berg mitmischen möchten, und trotz der verbissenen Ambition, sowohl Antikriegsfilm, Actionfilm und Heimatfilm sein zu wollen, lässt die Tragödie in den Bergen erschreckend kalt. Schreie, Verstümmelungen, Wundbrand und Wahnsinn alleine irritieren zwar wie üblich bei einem Film über den Weltkrieg, die Distanz zu den Leidenden ist allerdings zu groß, um selbst das Gefühl zu verspüren, mit genagelten Bergschuhen über gefährliches Geröll zu schlittern. Die mangelnde Psychologie des Films versucht man mit noch mehr Getöse wettzumachen, und irgendwann ist es nur noch ein schales Röhren zwischen den Bergspitzen, meist in Nacht und Nebel gehüllt, wo sowieso jede Übersicht der Dinge den Almabtrieb genutzt hat.

Der stille Berg ist also alles andere als still, er lässt sein enervierendes Kriegsgejammer einem vielstimmigen Kanon gleich, dass seine Einsätze verpasst, über eine herrliche Landschaft rollen, die als einziger mit dem Publikum kommuniziert, während das zerpflückte Ensemble vergeblich versucht, durchs Sprachengewirr hindurch einander anzuschreien. Das klappt leider nicht, und so relevant der Gebirgskrieg auch gewesen sein mag – das vielstimmige Stückwerk erstickt unter seinem eigenen Echo.

Der stille Berg

Kaviar

GRIFFE INS KLO

6/10

 

kaviar© 2019 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: ELENA TIKHONOVA

CAST: MARGARITA BREITKREUZ, DARIA NOSIK, SABRINA REITER, GEORG FRIEDRICH, SIMON SCHWARZ U. A.

 

„A Hirnidee!“ Karli Sackbauer, der Spross des echten Wieners, der nicht untergeht, der hätte den absurden Vorschlag eines russischen Oligarchen wohl für machbar und durchaus gelungen empfunden: Eine Villa am Donaukanal! Wer Wien nicht kennt, wird diese Hirnidee wohl in ihrem gesamten Ausmaß schwer begreifen können. Die, die Wien kennen, werden lachen. Denn der Donaukanal, etwas weiter östlich vom Stadtzentrum entfernt, umgeben von verglasten Hochhäusern und denkmalgeschützten älteren Bauten, ist ein trübes Rinnsal durch die Stadt, inklusive Flanierbereich und intensiver kultureller Nutzung, mit ganz viel Graffiti und dem Startpunkt für eine Fahrt nach Bratislava per Twin Liner. Brücken gibt es auch, die dieses einbetonierte Wasser überqueren. Eine davon soll entsprechend der Ponte Vecchio in Florenz mit russischen Millionen behübscht werden. Natürlich sind da alle, die etwas mitzureden und jede Menge Beziehungen haben, Feuer und Flamme, denn ein Stück vom Kuchen, der bröselt auch auf die Macher und Buckler ab, und die können sich dann irgendwo im Ausland, wo es schön warm ist, zur Ruhe setzen. Das zieht auch allerhand kleine Fische zur Angelrute, auch den windigen Klaus, der mit Begeisterung alles in die Wege leitet und glücklicherweise auch den Stadtrat kennt, der´s übrigens schon richten wird. Doch irgendwie ist Kommunikation und das Ausräumen von Missverständnissen alles, Geldkoffer mit Barem gerne verschwunden und die Damen im Hintergrund gewiefter als sie scheinen.

Wäre Berlinale-Gewinner Georg Friedrich nicht in diesem Film, Kaviar wäre nur halb so lustig. Gut, dann hätten wir noch Simon Schwarz als windigen Anwalt in petto, der aber zu wenige Spielszenen hat, um die skurrile Klamotte eigentlich wirklich zu retten. Georg Friedrich schafft es quasi im Alleingang, in seinem unverkennbaren Slang die volkstheatralische Überheblichkeit eines Ur-Wieners genussvoll aufs Tapet zu bringen. Eines Nutznießers und sich selbst heillos überschätzenden Naivlings, der sich für den Klügsten von allen hält. Ja tatsächlich, so etwas Ähnliches wie der gute alte Karli Sackbauer, nur perfider. Oder wie eine Figur aus Nestroys Schwänken, die sich bühnentauglich im ausladenden Fettnäpfchen verirrt, dabei doch bis zur Schulter in der Klomuschel und sonst wo steckt, um den großen Gewinn zu bergen, der alles, nur nicht greifbar ist. Schadenfroher Humor ist das, aber er trifft die richtigen, welche sich mit stümperhaftem Tarnen und Täuschen zum Affen machen. Sabrina Reiter in Blau mitsamt ihren russischen Gespielinnen kann sich da nur schwer gewissen Motivationsschwierigkeiten erwehren, sie sind da eine bemühte Blaupause der Vorstadtweiber, die wohl längst mit dem Geld über alle Berge wären. Wäre interessant gewesen, was Michael Glawogger aus dem Stoff gemacht hätte – der hätte womöglich Detlev Buck als Russen besetzt. Und bewusstseinserweiternde Substanzen auch noch ins Spiel gebracht.

Kaviar

Die Einsiedler

MACH MIR DEN HOF

7/10

 

einsiedler© 2016 filmdelights Film

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, ITALIEN 2016

BUCH & EGIE: RONNY TROCKER

CAST: ANDREAS LUST, INGRID BURKHARD, ORSI TÓTH, HANNES PERKMANN, PETER MITTERRUTZNER U. A.

 

Ein Urlaub in den Bergen ist etwas ganz anderes als in den Bergen zu leben. Oder anders gesagt: Urlaub am Bauernhof ist nicht das, was Bauernhof aus einem macht. Einen Blick in die nähere Frühzeit der Lebensweise bäuerlicher Selbstversorger, den hat uns schon Franz Innerhofer in seinen Schönen Tagen gewährt. Oder aber auch die Bayerin Anna Wimschneider in ihren Memoiren Herbstmilch, die später dann Ende der 80er von Joseph Vilsmaier verfilmt wurden. Dort, wo noch ein bisschen rustikaler Charme oder die Nostalgie des Vergangenen Einzug gehalten hat – das könnte man jetzt in Ronnie Trockers Scheunen-Abgesang Die Einsiedler schmerzlich vermissen. Seine Bestandsaufnahme aus den Südtiroler Bergen lädt erstens einmal überhaupt nicht zum entspannten Verweilen zwischen Kuhmist und Apfelbäumen ein, und zweitens drückt die Ödnis dieser Einschicht durchaus aufs Gemüt. Doch wenn einer Einsamkeit sucht, dann ist er dort allerdings richtig aufgehoben. Zu tun gibt’s halt einiges, auf die faule Haut legen ist nicht. Vom Melken, Ausmisten bis zum andauernden Warten der feuchtwandigen Gemäuer hier oben in dieser Nebelsuppe fällt man, wenn’s finster wird, ins Bett, um sich beim ersten Hahnenschrei wieder aufzurappeln.

In Zeiten wie diesen, wo Dörfer regelrecht aussterben und die Jungen abwandern in urbane Gefilde, da mutiert auch ein Südtiroler Bauernhof wie jener von Burgschauspielerin Ingrid Burkhard zur feuchtkalten Gruft. Sohnemann Albert versucht sein Glück im Tale als Arbeiter in einem Marmorsteinbruch. Die Eltern altern vor sich hin und tun was sie tun müssen. Wer erbt den Hof? Es wäre kein Abgesang auf das Bauernleben, käme nicht ein Schicksalsschlag aus fast heiterem Himmel – und Bäuerin Marianne steht alleine da, in der unverputzten Finsternis der alten, verfluchten vier Wände. Was tun in dieser Einsiedelei? Und hat Sohnemann Albert Ambitionen, das Erbe der Eltern weiterzuführen?

Ronny Trockers „Die Einsiedler“ wurde laut Standard-Edition mit einem „Michael Haneke in den Bergen“ verglichen. Nun, die karge, schweigsame Rationalität menschlichen Verhaltes in einem archaischen Mikrokosmos, die sich mit steinzeitlichem Affekt aus dem zivilisierten Korsett des 21. Jahrhunderts katapultiert, hat tatsächlich etwas von Haneke. Ist aber längst nicht so beseelt von klirrender Grausamkeit, sondern viel eher durchdrungen von einer bitteren Erkenntnis. Ingrid Burkhard lebt diese ernüchternde Resignation mit jeder Falte ihres zerfurchten, traurigen Antlitzes. Von Mundls volkstümlich-guter Seele Toni Sackbauer ist nichts mehr übrig, Burkhards fulminante Altersrolle ist gleichzusetzen mit Fritz Muliars grotesker Monologfigur aus Felix Mitterers Sibirien. Beide Gestalten stehen am Ende ihres Lebens, und sie können den Verfall nicht aufhalten. Und das Schlimmste ist: Sie können ihr Vermächtnis niemandem weitergeben. Denn die Zeit, die sie verkörpern, erfährt mit ihrem Tod einen Bruch, der einen ganz anderen Neuanfang einplant. Mitterer hätte auch für diesen Film ein Drehbuch verfassen können, nur die Satire einer Piefke-Saga bleibt hier so fern wie das Meer. Und irgendwann schweigt auch das Blöken der Ziegen und das Muhen der Wiederkäuer. Irgendwann werden die Alten mitsamt den Grundmauern ihrer Existenz begraben, weil die Zeit einfach irgendwann vorbei ist. Heast as net, wia die Zeit vergeht, singt Hubert von Goisern. In Die Einsiedler hört man es, sieht man es. Und muss ihr nicht zwingend nachweinen.

Die Einsiedler

Empire Me

GALLISCHE DÖRFER

6,5/10

 

empireme

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, LUXEMBURG 2011

REGIE: PAUL POET

MIT DEN BEWOHNERN VON SEALAND, HUTT RIVER, DAMANHUR, ZEGG, FREESTATE CHRISTIANIA UND DEN SWIMMING CITIES OF SERENISSIMA

 

Sie leisten keinen Widerstand. Oder, sagen wir, nicht mehr. Sie bleiben für sich, haben nichts am Hut mit den Regelungen der anderen da draußen. Diese Grenzen rundherum sind oft sehr eng gesteckt. Die gallischen Dörfer, egal wie groß sie sind, sind sich aber selbst genug. Wie das möglich ist, dass Mikrostaaten in anerkannten Staatsgebilden existieren dürfen, ohne zertreten zu werden – das ist ein Aspekt, den ich gerne näher erläutert bekommen hätte, dem der österreichische Dokufilmer Paul Poet aber nicht vorrangig nachgeht. Diese autarken Gebiete, von der Größe eines Floßes bis über mehrere Quadratkilometer hinweg, sind die bunte Auswahl eines Streifzuges durch die Absonderlichkeiten menschlicher Verwirklichung. Eine gesellschaftliche Freakshow, ein Lampenstrahl auf groteske Nischen von Selbstbestimmung, Trotz und Traumerfüllung um jeden Preis. Da reicht manch einem schon ein versiffter Flakturm, der im Niemandsland vor der Küste Großbritanniens nicht wirklich zum Urlaubmachen einlädt. Sealand nennt sich dieses Territorium, Bewohner: gerade mal 2, einer davon ein König. Papierkram zur Ein- und Ausreise gibt es genauso wie anderswo. Nur ist Anderswo eben nicht dort. Dort ist ein seltsamer Ort, un- und nicht anerkannt, vielleicht geduldet. Akzeptiert wird das bisschen Anarchie als Ausgleich zu den fugenlosen Gebilden der Nationen vielleicht genau deshalb. Die Narretei, die scheinbar über den Dingen steht, ist an Spinnerei kaum zu überbieten.

Die seltsamsten Orte der Welt, so heißt ein Buch von Alastair Bonnett. Ergänzend dazu ist Paul Poet´s Reise in die Absurdität ein Sammelsurium unnützen Wissens, aber bewusstseinserweiternd, wie das ZeGG – der kommunale Hort der freien Liebe, oder Damanhur, der Nabel aller esoterischen Durcheinandertäler im Norden Italiens. Ein Hereinspaziert für Journalisten, für Besucher, die gefälligst staunen sollen. Ich staune tatsächlich, und muss dort nicht mal hin. Raten würde ich es mir auch nicht, zu sehr wäre ich gezwungen, mich über den naiven Schmarrn der transzendenten Welten lustig zu machen. Metaphysik ist eine Sache, Lebensberatung auch – die krasse Kaltpressung aus kulturellem Erbe, Versatzstücken aus diversen Epochen und wüster Fabulierungskunst kann niemals von mir verlangen, sie ernst nehmen zu müssen. Den Respekt bewahre ich mir als Zuseher vor dem Bildschirm. Pofessionisten wie Poet sind demnach zu bewundern, müssen sie doch als neutrale Beobachter die eigene Meinung zu den Dingen außen vorlassen. Müssen Objektivität bewahren und dokumentieren, statt beurteilen.

Empire Me ist Information aus erster Hand, ein abendfüllendes Am Schauplatz, mitten im Herz aller Seltsamkeiten. Es kommen Menschen zu Wort, die dem Mainstream längst Lebewohl gesagt haben. Die sich einer vorgeschriebenen Ordnung nicht unterwerfen wollen, sondern selbst neue Ordnungen festlegen. Dazu braucht es Beharrlichkeit, eine Vision. Manche dieser Mikrokosmen scheinen allerdings einfach passiert zu sein – auch sie sind einer Wandlung unterworfen, ständig im Begriff, Upgrades zu verarbeiten und vielleicht mal den selben Mustern zu folgen, denen sie eigentlich entkommen wollen.

Wie so oft bei solchen Episoden-Dokus erzeugt nicht jeder Beitrag für die entsprechende Verblüffung. Die Freistadt Christiania, ein Nowhere inmitten von Kopenhagen ist gesetzloses Pflaster, dahinter kein Konzept. Das geringere Übel ist hier die Duldung. Womöglich wie bei allen dieser Enklaven. Visionen verschwinden rasch, meist bleibt als Erkenntnis die Existenzberechtigung einer Seifenblase wie die Löcher im Käse. Heiße Luft, die sich ausbreitet, wie eine Ego-Flatulenz. Unterm Strich zeigt Empire Me drei Aspekte dieser gallischen Dörfer – jenen einer Monokratie, jenen einer Anarchie und jenen der sozialen Utopien, die eine Vision verfolgen, Zielort ungewiss.

Was in Empire Me fehlt, ist, wie schon eingangs erwähnt, die Frage der Duldung, die Reaktion von außen, das Feedback der Staaten auf den Appendix neopatriotischer Laborversuche. Alle sechs Modelle sind grundverschieden, funktionieren anders. Die Auswahl ist gut, Empire Me ist hochinteressant, wenngleich auch jede Menge Fragen offenbleiben. Dennoch – der Aspekt einer Alles-ist-möglich-Welt und die Freiheit, sich seine eigene Freiheit zu machen, macht unseren Planeten der Menschen wieder um eine Spur größer – und transzendenter.

Empire Me

Nobadi

WER ANDEREN EINE GRUBE GRÄBT

7/10

 

nobadi© 2019 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: KARL MARKOVICS

CAST: HEINZ TRIXNER, BORHAN HASSAN ZADEH, JULIA SCHRANZ, MARIA FLIRI U. A.

 

Mit dem preisgekrönten Film Atmen hat der österreichische Schauspieler Karl Markovics ein bemerkenswertes Regiedebüt hingelegt. Selten war das Thema Tod so ein Hingucker, selten so sensibel und gleichzeitig so rüschenlos betrachtet worden. Markovics ist ein Künstler. Wenn er Regie führt, so schreibt er sein Projekt auch selbst. Und das sind Themen, die nicht unbedingt die Säle füllen. Markovics bezweckt das gar nicht. Er tut, was ihn in erster Linie selbst bereichert, und er scheut sich davor, sich dem Geschmack des Publikums anzubiedern. Das geht vielen österreichischen Filmemachern so, aber Markovics fällt mehr auf als andere, vielleicht, weil er anders an das Erzählenwollende herangeht, weil er analytisch vorgeht, besonnen und nicht übereilt. Weil er Dinge erzählt, die meines Erachtens relevant sind. Wie zum Beispiel das Mysterium des Todes aus psychosozialer Sicht. Oder das Göttliche, das sich äußert wie ein schizophrener Schub, so gesehen in Superwelt mit Ulrike Beimpold als völlig verpeilte Hausfrau. Mit Superwelt hat sich Markovics deutlich schwerer getan – sein zweiter Film ist fast schon missglückt, vielleicht weil er sich dazu verleiten ließ, mehr ins Esoterische abzugleiten als beabsichtigt. In Nobadi findet er wieder zurück zu seinen Skills, die er beherrscht, nämlich nicht nur die monologisierende, sondern auch die zwischenmenschliche Extremsituation im wahrsten Sinne des Wortes herauszusezieren. Das schmeckt nicht unbedingt, ist aber wirklich sehenswert.

Der Name des Flüchtlings: Nobadi, also Nobody – Niemand. Das jemand so genannt wird, wissen wir seit Homer. Während seiner Irrfahrt durch das Mittelmeer entschied der kluge Odysseus im Angesicht des menschenfressenden Zyklopen Polyphem, sich selbst lieber keinen Namen zu geben. Ein weiser Schachzug, wie die Legende beweist. So wie der Grieche aus Ithaka heimatlos durch sämtliche Abenteuer schippert, so schippert der junge Afghane nach Wien – zuerst auf den Arbeiterstrich, dann in den 15. Wiener Gemeindebezirk, in die Kleingartenanlage Zukunft – was für ein Omen. Die Suche nach einem Job treibt ihn geradewegs in die altersfleckigen Hände des Witwers Senft, der wiederum den Tod seines Hundes betrauert, über Tierärzte schimpft und lieber hinterm Haus ein Loch puddelt, um den Pudel zur letzten Ruhe zu betten. Der namenlose Flüchtling geht ihm für 3 Euro die Stunde zur Hand – und weiß gar nicht, welche Wendung sein Leben nehmen wird.

Karl Markovics´ überaus dicht inszeniertes Kammerspiel geht wortwörtlich an die Substanz. Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass ein Film wie Nobadi den Österreichischen Filmfond begeistert hat, findet sich darin doch einiges aus dem War- und Ist-Zustand gesellschaftspolitischer Befindlichkeiten wieder. Doch es scheint nicht so, als wäre die Thematik in Nobadi ein den Förderchancen angepasstes Szenario gewesen, auch wenn der völlig selbstmitleidlose Streifen sowohl an die Verfolgung ethnischer Minderheiten in der NS-Zeit als auch an die Flüchtlingskrise vor ein paar Jahren erinnert, an den fatalen Um- und Notstand also, vertrieben worden zu sein. Für einen knapp 90minütigen Film würde das schon reichen, aber Nobadi geht tiefer, will gar etwas Basaleres. Was der alte Herr Senft vorhat, kommt unerwartet und wie mit dem Stellwagen ins Gesicht. Seine traumatische Besessenheit – aus Reue, Wiedergutmachung oder einfach nur aus Prinzip, das bleibt unklar – folgt einem geradezu wienerisch-morbiden Amoklauf zwischen Macht-Ohnmacht-Balance und einem verstörenden Notfallplan, um Nobadi nicht dem Vergessen zu opfern. Das ist eine düstere, durchaus blutige und hingebungsvoll nihilistische Miniatur, die einem aber seltsamerweise nicht  den Boden unter den Füßen wegzieht, weil Markovics eine durchdachte, wunderschön abgerundete Kleingartenallegorie geschaffen hat, die eine Nacht lang altruistische Werte neu und durchaus radikal, wenn nicht gar auf paradoxe Weise, hinterfragt. Das ist manchmal vielleicht zu dick aufgetragen, zu sehr mit der Gartentür ins Haus, aber unterm Strich gelingt dem ehemaligen Stockinger ein seufzendes Requiem auf einen völlig von den Göttern verlassenen Odysseus, der Polyphem als einzigen Freund hat.

Nobadi

Die Wunderübung

SCHLIMMER GEHT IMMER

7,5/10

 

wunderuebung© 2018 Luna Filmverleih

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: MICHAEL KREIHSL

CAST: AGLAIA SZYSZKOWITZ, DEVID STRIESOW, ERWIN STEINHAUER

 

Demnächst kommt Daniel Glattauers Email-Roman Gut gegen Nordwind in die Kinos. Wie bitte soll das gehen, einen digitalen Briefroman für die Leinwand zu adaptieren? Anscheinend hat´s geklappt, das Feedback des interessierten Publikums ist noch ausstehend, immerhin war Gut gegen Nordwind auch schon auf der Bühne, was aber nichts heißen mag, denn Lesungen gibt’s da genug, Zuhören ist im Theater noch mehr die Devise als im Kino, wo man auch visuell gerne verwöhnt wird. Bei Glattauers Bühnenstück Die Wunderübung hatte ich allerdings ähnliche Bedenken. Ein Drei-Personen-Stück von relativ kurzer Dauer, Schauplatz eine therapeutische Praxis für Eheprobleme. Wie packend kann das sein? Und wie sehr erfreue ich mich dabei am Beziehungsleid anderer, die sich in sittsamem Abstand von einer Sesselbreite Gemeinheiten an den Kopf werfen? Die Wunderübung allerdings war ein Bühnenerfolg. Und 3-Personen-Stücke gibt es auch jede Menge im Kino, so zum Beispiel Ariel Dorfmanns Bühnenstück Der Tod und das Mädchen, adaptiert von Roman Polanski. Dennoch habe ich bei Erscheinen im Kino die Ehekomödie nicht vorrangig auf meine Watchlist gesetzt. Umso willkommener war es, Michael Kreihsls (u. a. Heimkehr der Jäger) Kinoadaption später dann als zerstreuendes Zuckerl im Streaming-Portal meines Vertrauens zu finden. Man kann´s ja mal probieren, auch wenn der Abend schon recht vorgeschritten ist, man nächsten Morgen früh raus muss oder die Stimmung für üppiges Ausstattungskino gerade mal nicht die Heimkinoatmosphäre dominiert. Problemfilme sollen es auch nicht sein, nicht im klassischen Sinn. Dann lieber eine Problemkomödie, denn um irgendwas etwas muss sich ja schließlich das Ganze drehen, wenn es kein Bildessay a la Geyrhalter sein will, das auf meditativem Wege das Oberstübchen durchbläst.

In Die Wunderübung sammelt das in die Jahre gekommene Ehepaar Dorek alle seine Countenance zusammen, um einen Therapeuten aufzusuchen, der den letzten Rest an Zuneigung aus 17 Jahren Zweisamkeit und Familie ähnlich einem Archäologen aus dem Sand der Zeit kratzen muss. Der Therapeut ist Erwin Steinhauer – ich liebe diesen Mann! Egal, welche Rolle er verkörpert. ganz so wie Peter Simonischek besitzt Steinhauer ein unvergleichlich angenehme wie gehaltvolle Erzähl- und Sprechstimme, seine Mimik ist grandios, die natürliche Beiläufigkeit, in der seine Figuren Gestalt annehmen, schwer nachzuahmen. Steinhauer spielt den wortkargen Polt genauso mit Charisma wie den schmierigen Bezirkspolitiker aus Thomas Roths erlesenen Trautmann-Filmen. Unvergessen seine Rolle als Benedikt Höllrigl in Felix Mittlerers NS-Satire In der Löwengrube. Die Rolle des Therapeuten ist zwar weniger anspruchsvoll, aber bietet genug Fläche für eine einstudierte Sozialkompetenz am Rande der Überheblichkeit, verständnisvoll nickend und innerlich resignierend. Denn die beiden – Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz, sind ein hoffnungsloser Fall, wie es scheint. Schenken tun sie sich nichts, womöglich hassen sie sich gar. Wie diese verstockte Riesenkrise befrieden? Vielleicht mit einem Wunder? Aber wie, wenn gar das eigene beziehungstechnische Kartenhaus in sich zusammenstürzt?

Das Wunder haben bei dieser Adaption eigentlich Michael Kreihsl und Dichter Glattauer vollbracht, der nebst dem eigentlichen Drama auch die Screenfassung schrieb. Die Wunderübung ist eine der souveränsten Überraschungen des österreichischen Films, unerwartet sehenswert und sehr gewitzt. Langeweile kommt keine auf, das Problem ist schwerwiegend, aber nicht unlösbar, je nachdem, in welche Relation man es bringt. Glattauer hievt die Sicht der Dinge auf einen ganz eigenen Blickpunkt, entlarvt menschliches Wohlbefinden als ein Aufraffen im Schatten der Krisen anderer und lässt Beziehungen einfach niemals seiner launenhaften Schwingungen entkommen. Kennt man das Bühnenstück nicht, ist der Story-Twist am Ende ein tatsächlich kaum vermutbarer, vielleicht einer, bei welchem sich denken lässt, es wäre zu schön, um wahr zu sein, ginge die etwas mehr als 90minütige Sitzung am Ende wirklich diesen Weg der geschickten Manipulation. Doch was zu schön ist, kann auch wirklich wahr sein, und das zugunsten eines humorvollen Dreiers voller spitzer Bemerkungen, versteckter Finten und relativer Wahrnehmungen. Ein Film, in seiner inszenatorischen Schlichtheit und seiner schauspielerischen Spielfreude gerade richtig, um wiedermal klug unterhalten zu werden.

Die Wunderübung

Cops

MIT KANONEN AUF SPATZEN

6/10

 

cops© 2018 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: STEFAN A. LUKACS

CAST: LAURENCE RUPP, ANTON NOORI, ANNA SUK, MIRIAM FUSSENEGGER, ROLAND DÜRINGER, MARIA HOFSTÄDTER, MICHAEL FUITH U. A.

 

Es herrscht Krieg im Grätzel. Gewalt in den eigenen vier Wänden, und da sind Parteien, die den Hausfrieden stören. Schießt mal jemand scharf aus dem Fenster oder raubt die laute Musik des Nachbarn den Schlaf der anderen, ist die WEGA zur Stelle. Wiens Spezialeinheit für besonders hartnäckige Fälle, und die decken das ganze Spektrum an ungebührlichem Verhalten ab, bis hin zu den wohlgekannten Ausschreitungen beim Fußball. Vor allem da zählt die Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung, von welcher sich die Abkürzung auch ableitet, mehrere Mann hoch, bewaffnet mit Schild und Automatik, mit Schlagstock und Helm. Fast wie Ritter, wie die Wächter einer Festung. Das hat was Martialisches, starkes, mächtiges. So ausgebildet, gestählt und durchtrainiert, könnte Mann es mit Drachen oder Horden Untoter aufnehmen, wie zurzeit in Westeros. Da braucht es Männer mit Ehrenkodex, und mit der Gewissheit, für gefährliche Unterfangen auserwählt worden zu sein. Da braucht es belastbare Ideale und nicht totzukriegende Loyalität einem gerechten Zorn gegenüber. Das Dumme nur – manchmal fühlen sich jene bestimmt, hier mitzumischen, die mit ihrem Ego so ihre Probleme haben. Und die trotz Muckis und Schrankgröße vom Scheitel bis zur Sohle innen drin ganz klein sind, wie eine Kirchenmaus. Die gekränkt wurden, und das moderne Wächtertum dafür nutzen, um wieder größer zu werden.

Im österreichischen Copdrama von Stefan A. Lukacs tritt Burschi in die Fußstapfen seines Altvorderen Roland Düringer, der selbst bei der Polizei Dienst verrichtet und schon längst Schild und Helm gegen Diplomatie und psychologischer Kriegsführung eingetauscht hat. Gegengewalt durch physische Stärke oder gar präventives Gerangel mit verdächtigen Subjekten geht gar nicht mehr. Das sieht Bursche etwas anders. Und er trainiert, beweist sich und anderen, dass es zum harten Kerl reicht, und schafft die Prüfung zur exekutiven Elite, nur um im ersten Einsatz seiner Karriere an die Grenzen von Leben, Tod und Verantwortung zu stoßen. Burschi greift zur Waffe, um seinen Vorgesetzten zu retten – und tötet einen Menschen. Natürlich ist der Frischling erstmal ein Held, ein Beschützer. Doch war der fatale Eingriff wirklich notwendig? Das Leben eines anderen zu nehmen ist nichts, was sich zu einem Heldenmythos romantisieren lässt. Nichts dass sich durch entsprechende Rechtfertigung mildern lässt. Nach dieser unerwarteten Wendung wird alles anders für den Muskelprotz und aufgeräumten Krieger, für den geschäftigen Verteidiger der Freiheit und des Friedens. Vor allem ändert sich die Sicht der Dinge.

Cops ist bei weitem kein Actionfilm, nicht mal wirklich ein Thriller, obwohl er Anleihen hat. Cops ist ein hemdsärmeliges Psychodrama, welches das stereotype Soll eines harten Kerls hinterfragt. Und dabei herauszufinden versucht, was die Rambos, Bishops und Triple X´s im echten Leben zu dem macht, was sie sind. Und wie es hinter ihren meist tätowierten Muskeln eigentlich aussieht, ganz tief drin. Und wer dieses Männerbild eigentlich verlangt. Lukacs legt in manchen Momenten wirklich dort den Finger drauf, wo es wehtut. Lässt Laurence Rupp zwischen Panik und Absolution in den Spiegel blicken und ziemlich straucheln. Allerdings fehlt der Story etwas der Mut, wirklich zu differenzieren. Denn die Männer der WEGA, die sind hier, sofern sie nicht namenlos bleiben, Mitläufer, Vorspieler und von Minderwertigkeit zerfressene Gestalten, die sich entweder in einer Obsession verlieren oder so tun, als wären sie halbstarke Burschen, die den fiktiven Action-Unsinn aus dem Fernsehen leben wollen, wie schulpflichtige Buben an freien Nachmittagen. Mit Sicherheit lassen sich diese Psychogramme nicht über einen Kamm scheren. Hätte die WEGA Leute rekrutiert, die psychisch labil sind, würde das Konzept dahinter gar nicht funktionieren. Ich denke auch nicht, dass Cops Rekruten besagter Einheit, sofern sie den Film gesehen haben, überhaupt kompromittiert hat. Profis, die sich den urbanen Gefahren einer Großstadt stellen, wären fehl am Platz, würde sie das Bild, das Lukacs hier gezeichnet hat, in irgendeiner Weise stören. Die Männer der WEGA, die stehen da drüber, anders kann das gar nicht sein. Dann sonst hätten wir es mit Ego-Problemen zu tun, wie Burschi sie hat.

Cops