Extrawurst (2025)

VON EINEM INS ANDERE

7/10


© 2025 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARCUS H. ROSENMÜLLER

DREHBUCH: DIETMAR JACOBS, MORITZ NETENJAKOB, NACH DEREN BÜHNENSTÜCK

KAMERA: DANIEL GOTTSCHALK

CAST: HAPE KERKELING, ANJA KNAUER, FAHRI YARDIM, CHRISTOPH MARIA HERBST, FRIEDRICK MÜCKE, MILAN PESCHEL, ANDREAS WINDHUIS, GABY DOHM, KATRIN RÖVER, PATRICK JOSWIG, MALENE BECKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Jakobswegbegeher und Komödien-Urgestein Hape Kerkeling plagt der Ischias. Und im Laufe der auf einem Theaterstück basierenden Gesellschaftskomödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob noch viel mehr. Warum? Ursächlich sind die Befindlichkeiten sämtlicher Mitglieder, die hier, im Tennisverein von Lengenheide, ihre Meinung kundtun wollen. Meinungsfreiheit ist wichtig, keine Frage. Schließlich leben wir in einer Demokratie, und am Ende des Tages wird demokratisch entschieden, wer im nächsten Jahr wieder den Vorsitz übernimmt, welche Gerätschaften neu angeschafft werden und wo man veraltete Glaubenssätze vielleicht entstauben könnte.

Ein imaginärer Riesengrill

Meist gibt der Stein dabei den Anstoß. Oder ein anderes Objekt. In Extrawurst ist es der Grill. Oder der Zweitgrill. Jedenfalls ein zur ungesunden Vergenusszwergelung herangeschafftes Teil für Festivitäten und gemütlichem Ausklang. Fragt sich nur, wo einer wie Erol seine Halal- Knoblauchwürste drauftun soll. Eine Überlegung, die Tennis-As Melanie (Anja Knauer) am Ende der Jahreshauptversammlung kundtun möchte. Dabei lässt sie nicht locker, und will auch nicht klein beigeben, auch wenn Vereins-„Erdoğan“ Heribert, eben Hape Kerkeling, längst schon den ungezwungenen Ausklang wünscht. So steht bald nicht der Elefant, sondern der Zweitgrill im Raum. Wie das bei Befindlichkeiten nun mal so ist, und das eigene Weltverständnis wie bei jedem von uns den meisten Raum einfordert, kommt eines ins andere, die Mücke bläht sich auf und reißt einen Pulk ganz anderer, nur lose mit dem Grill verbundener Themen mit, die sich, angefangen von Religion, Gesellschaft und Beziehungen bis hin zu Rollenbildern, Rassismus und Vereinspolitiksverdrossenheit prokokativ entfalten. Es bleibt kein Auge trocken, geschimpft wird viel, und bald schon fuchteln die Männer mit den Armen, während Heribert mit den Hüften quietscht.

Polemik als Randomspirale

Der an Filmerfahrung reiche Herbert H. Rosenmüller, der es tatsächlich geschafft hat, den beliebtesten Kobold aller Zeiten, nämlich Pumuckl, aus der Stasis zu holen, sammelt ein spielfreudiges Ensemble um sich, das sich sichtlich nicht schwertut, in Fahrt zu kommen. Bevor das Publikum überhaupt in der von Emotionen aller Art aufgeladenen Tennishalle Platz nehmen kann, um mitzuverfolgen, wohin die Reise, dessen Ziel man nicht absehen kann, geht, bestimmt Kerkeling aus dem Off und anhand diverser Szenen, die aus dem Ruder laufende Konflikte darstellen, bereits die Richtung, die diese Komödie wohl nehmen wird. Es ist die der gesprochenen, viel zu schnell über die Lippen gehenden Worte, für die man sich selbst oft schämt, die man schließlich niemals so gemeint hat, die einfach nur dazu da sind, um zu polemisieren. Polemik, ungeliebtes Kind unkontrollierter Emotionen, heizt wie Sauerstoff das Feuer den großen Streit an. Wie sehr man dabei den Fokus aufs eigentliche Thema aus den Augen verliert – das zu beobachten kann einen zur Verzweiflung bringen. Je weiter der verbale Konflikt voranschreitet, um so gordischer wird der Knoten. Diesen Prozess fängt Rosenmüller genüsslich ein, und alle, wirklich alle, spielen mit.

Immer wieder Öl ins Feuer

Gesprochen wird viel, unentwegt hat jemand seinen Senf dazuzugeben, während es zusehends um die Wurst geht. Und dennoch bleibt allem ein gewisser jovialer Charme haften, Zynismus kommt hier selten vor, Bösartigkeit auch nicht, denn jeder meint es letztlich gut und auch nicht so, wie er oder sie es gesagt hat. Die Debattenkultur bleibt eine verbale, letztendlich liegt die Sehnsucht nach Konsens in der Mentalität dieser Komödie, die die richtig heißen Eisen zwar nicht anpackt, aber im Austeilen von Seitenhieben fit genug ist. Zwischendurch – und so ist es auch in natura – erschöpft sich die Diskussion, tritt auf der Stelle, sucht dringend nach dem Öltropfen, den Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim oder Anja Knauer ins Feuer gießen. Das wirkt manchmal zu gewollt oder aufgesetzt, doch andererseits kennt man das ja schließlich selbst: Man lässt so lange nicht locker, bis das eigene Ego befriedigt ist. Bis der Konsens zu den eigenen Gunsten ausfällt. Oder höhere Mächte die Prioritäten neu ordnen.

Rosenmüllers redselige, warmherzig-unfreundliche Konfliktstudie zeigt auf versöhnliche Art und Weise, wie schwer es ist, Meinungen aufeinanderprallen zu lassen und das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt zu sagen. Kommunikation ist alles, der Rest dabei ziemlich wurst.

Extrawurst (2025)

Yannick (2023)

KUNSTGENUSS ALS GEISEL-WORKSHOP

6,5/10


Yannick© 2023 MUBI


LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: QUENTIN DUPIEUX

CAST: RAPHAËL QUENARD, PIO MARMAÏ, BLANCHE GARDIN, SÉBASTIEN CHASSAGNE, FÉLIX BOSSUET U. A.

LÄNGE: 1 STD 7 MIN


Es kann der Frömmste nicht in Frieden den Theaterabend genießen, wenn’s dem Nörgler aus der zehnten Reihe nicht gefällt. Was also tun, wenn sich so mancher Soziopath, der sich unters Publikum gemischt hat, dazu erdreistet, allen anderen im Saal die eigene Auffassung von gutem Geschmack aufzuzwingen? Oder, anders – und etwas kulturphilosophischer formuliert: Befindet sich das zahlende Publikum eines Bühnenabends denn eigentlich in Geiselhaft des Stücks und seiner darstellenden Künstler? Sieht sich dieses vielleicht nicht doch dazu gezwungen, einen ganzen Abend, der schlimmstenfalls nicht mal gefällt, einfach abzusitzen, denn sonst verlöre es ja den Wert dessen, was gegen Bezahlung aufgewogen wurde? Es braucht schon ein gewisses autorevolutionäres Durchsetzungsvermögen, dem eigenen inneren Schweinehund, der andauernd der Meinung ist, dass nichts umsonst sein darf, Paroli zu bieten und während der Vorstellung das Auditorium um die eigene Wenigkeit zu erleichtern. Richtig radikal wird’s dann, wenn das nicht heimlich passiert. Und zu absurdem Theater wird’s dann, wenn Surrealist Quentin Dupieux, die dem großen Salvador Dali verwandte Seele, einen völlig verpeilten Klugscheißer namens Yannick aus seinem Sitz erheben lässt, um allen durch die Parade zu fahren. Denn an diesem gerade mal etwas über eine Stunde laufenden Abend gibt man in einem kleinen Pariser Stadttheater den klassisch-frivol-witzigen Content einer Boulevardkomödie, die sich natürlich um Liebeleien, Liebschaften und Beziehungen dreht. Es ist ein verbales Hickhack, vollgepackt mit leidlich treffsicherem Humor, doch im Wesentlichen Routine. Diese an der Laune Yannicks nagende Langeweile findet sein Ventil darin, den Fortgang eines womöglich lauen Bühnenevents gründlich zu stören. Und da steht er nun, mitten am Parkett und schwadroniert über seine Sicht der Dinge, über seine Meinung, die plötzlich die gewichtigste der ganzen Welt ist, während ihn das Schauspieltrio nur verdutzt anblickt. Als es dann zumindest gelingt, den Störenfried aus dem Saal zu treiben, ist das erst der Anfang. Yannick wird zurückkehren, doch diesmal bewaffnet.

Als Abschlussfilm der letztjährigen Viennale ist Dupieux‘ geradezu harmlose Fingerübung der ideale Digestiv nach allerlei anspruchsvollen Happen. Nicht hochprozentig, die Verdauung anregend, doch im Vergleich zu anderen Filmen, die Dupieux im Alleingang vom Stapel lässt, so einlullend wie ein flauschiges Kissen. Yannick macht keinerlei Anstalten, die erschaffene Realität seiner Geschichte zu stören, wie einst in seinem surrealen Polizeifilm Die Wache. Ernüchternd konstant bleibt die boulevardeske Geiselkomödie dramaturgischen Konventionen treu, und einzig die bizarre Situation, die allerlei Fragen zu Kunst- und Kulturakzeptanz aufwirft, nähert sich eher zaghaft der wilden Experimentierfreudigkeit des Franzosen, der bereits killende Autoreifen und Lederjacken auf die Menschheit losgelassen hat. Yannick ist da trotz Herumfuchtelns mit einer Waffe keine Nemesis, allerdings aber eine im Kosmos des Theaters mächtige Instanz, die die Freiheit der Kunst der eigenen Gefälligkeit opfert. Übertragen lässt sich dieses Spiel mit Zensur, Gehorsam und willkürlichem Regelterror auch auf eine gesellschaftspolitische Ebene. Die Freiheit der Kunst kann nur mittragen, wer ganz gut damit leben kann, dass diese auch nicht gefällt. Sie deshalb abzuschaffen oder gar umzuändern, wird zur Diktatur des Volkes. Doch was heisst des Volkes: Des einzelnen, denn nur ein einzelner, nämlich Yannick, hat einen Abend lang die Macht, alles zu verändern. Da ist es egal, wie intellektuell, dumm oder sonst wie er auch sein mag. Es ist die Überschätzung der eigenen Wichtigkeit.

Am Wortwitz, der Liebe zum Absurden Theater eines Eugene Ionesco und an den straff gesetzten Dialogen lässt Quentin Dupieux nichts zu wünschen übrig. Seine Freude daran, Chaos zu stiften und aus der überschwappenden Anarchie auf viel zu selten hinterfragte Theaterdogmen erwächst ein ganz eigenes Bühnenexperiment, dem man mit einer ähnlich verstört-belustigten Vorsicht folgt, als wäre man selbst einer der Zuschauer, und wüsste nicht, ob, das, was da abgeht, nicht Teil des Stückes selbst ist. Mit diesen Dimensionen legt sich Dupieux aber nicht an. Vielleicht hat er das schon zu oft getan, um nochmal darauf zurückzugreifen. Viel lieber ist ihm diesmal die Extremsituation eines verheerenden Ex temporae, hervorgerufen durch den Ungehorsam eines Einzelnen.

Ist es also unerhört, die eigene Meinung zu sagen? Ganz richtig – vor allem dann, wenn sie keiner hören will. Yannick dient dabei als kurze, knappe, fix auf einer Metaebene befindliche Aufforderung, die wahre Not der eigenen Befindlichkeit zu reflektieren. Wo gelingt das besser als dort, wo subjektive Wahrnehmung alles ist.

Yannick (2023)