David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

WIE DIE ANDEREN WOLLEN

7/10


davidcopperfield© 2020 Constantin Film


LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ARMANDO IANNUCCI

CAST: DEV PATEL, TILDA SWINTON, HUGH LAURIE, BEN WISHAW, PETER CAPALDI, ANEURIN BARNARD, BENEDICT WONG, JAIRAJ VARSANI, ROSALIND ELEAZAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ist es nicht so? Bei Nennung des titelgebenden Namens kommt doch sogleich der amerikanischen Zauberkünstler mit den dunklen Augenbrauen in den Sinn, der durch die Chinesische Mauer ging oder die Freiheitsstatue hat verschwinden lassen. Der wiederum hat sich allein aufgrund des lautmalerischen Wohlklangs so benannt. Und noch etwas recht Interessantes tritt zutage, setzt man sich mit Charles Dickens´semi-fiktionaler Biopic David Copperfield auseinander: Uriah Heep kommt darin vor. Natürlich nicht als Hardrock-Band, sondern als Namensquelle selbiger. Warum aber haben sich die britischen Musiker ausgerechnet nach der niederträchtigsten Figur aus Dickens´ Roman benannt? Der wiederum von Death of Stalin-Regisseur Armando Iannucci auf höchst exzentrische, aber vergnügliche Art interpretiert wurde.

Viel anders als überstilisiert, so denke ich, lässt sich dieser Stoff in dieser Zeit aber wohl kaum publikumswirksam für die Leinwand adaptieren. Entstanden ist ein kostümfundiertes Kommen und Gehen unterschiedlicher skurriler Gestalten, neurotischer Lebenskünstler, von Reichtum und Armut. Vor allem jene letztgenannten Gegensätze, die bei Charles Dickens in vielen seiner Werke Kern der Sache sind, bilden nicht nur das Alpha und Omega der Memoiren von David Copperfield – vor allem die Armut ist zwischendurch immer wieder Antrieb und Quelle der Improvisation all dieser Figuren, die durch ihre Entrücktheit ihren Existenzzustand überhaupt erst erträglich machen. Dazwischen verweilt der Zuseher zwischen den blumigen Worten einer eloquenten Gesellschaftskomödie, eines Begegnungsreigens und einer chaotischen Zettelwirtschaft. Denn Copperfield, der sich eigentlich nur selbst so nennt, weil alle anderen ihn so nennen wie sie wollen, notiert sein Leben stets auf Resten von Papier – der Zettelpoet ist geboren.

Eine solche Verfilmung wäre vielleicht zur langatmigen Angelegenheit eines Lebens geworden, das nicht wirklich tangiert – wäre Iannucci nicht auf die Idee gekommen, nebst eines ausgeschlafenen und bestens aufgelegten Star-Ensembles (Tilda Swinton, Hugh Laurie und auch Ben Wishaw als Uriah Heep agieren großartig) ethnische Merkmale vollständig zu ignorieren. Das ist, soweit ich weiß, ein gänzlich neuer Impuls: Copperfield selbst ist indischer Herkunft, wobei beide Eltern Europäer sind. Der Industrielle Wickfield ist Asiate, seine Tochter eine Schwarze, so wie die Mutter von Copperfields weißem Kommilitonen Steerforth. Wie seltsam das plötzlich klingt: schwarz, weiß, asiatisch, indisch. Iannucci beschämt das schubladisierte Denken seines Pubikums, sprengt die gesellschaftlichen Normen dahinter, schert sich nicht um ethnische Unterschiede. Das ist mutig – zwar anfangs etwas verwirrend, aber letzten Endes durchaus konsequent. Auch altern all die Figuren kein bisschen, sie sind stets das, was sie in Copperfields Erinnerung sind: unabänderbare Erscheinungen aus der ersten Begegnung, wie Fotografien oder gemalte Portraits. Vor diesen farbenfrohen, satten Pop-Up-Bildern aus Requisiten und liebevoll eingerichteten Interieurs klingelt das Charakterkarussell rotierend vor sich hin. Nicht unanstrengend, das Ganze, weil Iannucci seine Inszenierung in einem zweistündigen Stakkato an exaltierter Theatralik loszulassen gedenkt. Auf der Habenseite allerdings steht eine komplexe Kostüm-Adaption – auf den Punkt gebracht, straff und kurzweilig.

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

The King of Staten Island

DAS LANGE ELEND

7/10

 

kingofstatenisland© 2020 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: JUDD APATOW

CAST: PETE DAVIDSON, MARISA TOMEI, BILL BURR, BEL POWLEY, MAUDE APATOW, STEVE BUSCEMI, MOISES ARIAS U. A. 

 

Damals, in den späten 80ern, war das lange Elend niemand geringerer als Jeff Goldblum. Jetzt gibt es einen ernsthaften Konkurrenten, nicht nur, was die schlaksige Größe betrifft, sondern auch eine gewisse polemische Weltsicht, die man eigentlich nur bei einem gepflegten Joint auf einer bequemen Couch bedingungslos unterschreiben kann. Scott nämlich, um den es hier geht, der schlägt mit seinen 24 Lenzen im Hotel Mama die Zeit tot, zelebriert den Müßiggang mit seinen besten Kumpels, hat ab und an mal Sex mit seiner besten Freundin, die wahnsinnig in den Lulatsch mit ungesundem Teint verknallt zu sein scheint. Doch der Lulatsch, der weiß selbst, dass er zu nichts zu gebrauchen ist. Außer vielleicht, um Tattoos zu applizieren, die – gelinde gesagt – gestaltungstechnisch noch ein bisschen Luft nach oben haben. Die Hirnidee schlechthin wäre für Scott ohnehin ein Tattoo-Restaurant, in dem man gleichzeitig essen und Blankostellen seiner Haut behübschen lassen kann. Gibt´s doch noch gar nicht – oder? Alle andern halten das für eine Gras-Idee, nur Scott himmelt diese Vorstellung, ein Trendsetter zu sein, geradezu an. Und wenn Scott gerade mal nicht seinen Tagträumen nachhängt, vermisst er seinen Vater. Dieser, ein Feuerwehrmann, war bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Ein Trauma, dass den ungelenken Riesen nach wie vor nicht loslässt – und der eigentliche Grund dafür ist, warum Scott in seinem Leben nichts weiterbringt.

Staten Island soll ja der langweiligste Bezirk New Yorks sein. Keine Sehenswürdigkeiten, keine Highlights, nur einige Bars. Zumindest gibt’s das Meer. Und allerlei Menschen, die sozialisieren. In dieser gesellschaftlichen Blase findet sich unsere Hauptfigur bequem zurecht. Doch die Komfortzone aus Selbstmitleid und mütterlichem Schutz zu verlassen, ist genau der Weg, den Regisseur Judd Apatow hier beschreiten will. Er macht das über zwei Stunden lang. Und über zwei Stunden lang wird geredet, diskutiert, umarmt und gestritten. Zugehört, rausgeschmissen und einquartiert. Groteske Tattoos zieren die Leiber schräger Typen, die mit kleinkriminellen Liebäugeleien ihre Lebenssituation verbessern wollen. Die verblüffende Tatsache: diese elegische Bestandaufnahme eines jungen Lebens gerät überraschenderweise keine Sekunde langweilig, wirkt niemals redundant und verdankt dem Underdog-Auftreten von Comedian Jake Davidson, dass der Zuseher ununterbrochen wissen will, welche Weisheiten wohl jetzt den Hotel-Mama-Dauerbezieher schadlos halten sollen.

Solche Filme, die leben und sterben mit ihrer zentralen Figur. Und dank des für mich bis dato relativ unbekannten Schauspielers hat The King of Staten Island nicht nur ein neues Gesicht vorzuweisen, was dem Film etwas Originöres verleiht, sondern auch eine sympathische Drama-Queen entworfen – voller Gutmütigkeit, Unsicherheit und unkanalisierter Emotionen, die erst geordnet werden müssen, bevor das Leben losgehen kann. Das ist in seinen flott geschriebenen Dialogen und längst nicht perfekten, aber charakterlich greifbar herausgearbeiteten Normalos, denen wir Zuseher tagtäglich begegnen, geradezu fesselnd. Natürlich auch, weil Pete Davidson, der sich in seinem autobiographisch angehauchten Drehbuch als Scott selbst wiederfindet, genau weiß, was er empfinden muss. Nicht viel zu künsteln hat und auch all das übrige Ensemble davon überzeugen kann, wie sich authentische Sozialbühne anfühlen kann. Jeder scheint’s verstanden zu haben, denn sie alle machen mit.

The King of Staten Island

Die perfekte Kandidatin

ES MUSS NICHT IMMER NIQAB SEIN

6/10

 

dieperfektekandidatin© 2019 Neue Visionen

 

LAND: SAUDI-ARABIEN, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: HAIFAA AL MANSOUR

CAST: MILA ALZAHRANI, DAE AL HILALI, NOURAH AL AWAD, KHALID ABDULRHIM, SHAFI AL HARTHY U. A. 

 

Was tut sich eigentlich so in Saudi-Arabien? Neben glutheißem Asphalt glühen dortzulande schon längst die Smartphones – Social Media scheint wie überall auch auf der Welt der absolute Trend zu sein. Um das zu billigen, muss sich das Land bereits weit von einem reaktionären Mittelalter entfernt haben. Wie kommt der Islam mit diesem boomenden Fortschritt klar – und was sagt er dazu, dass seit einiger Zeit schon Frauen hinter dem Steuer eines Autos sitzen dürfen? Hat er überhaupt etwas damit zu tun? Und haben Frauen mehr mehr Rede- und sonstige Freiheiten als wir in Europa uns das immer noch vorstellen? Haifaa Al Mansour sagt: Ja. Ja das hätten sie, zumindest prinzipiell mal, würden doch mehr von ihren Rechten Gebrauch machen, ohne das ein obsoletes Gesellschaftsmuster vorgibt, alle Rechte vorzugeben. Das kann es nämlich nicht mehr, wie es Die perfekte Kandidatin begreiflich macht. Was Haifaa al Mansour (u. a. Das Mädchen Wadjda, Mary Shelley) aber erzählt, das ist nicht die beglückende Erfolgsgeschichte irgendeiner Frau aus der Mittelschicht – sondern von Maryam, Ärztin an einem kleinen Krankenhaus irgendwo in einer Kleinstadt in Saudi-Arabien (gedreht wurde der Film in dessen Hauptstadt Riad). Sie hat zwar in jungen Jahren ihre Mutter verloren, dennoch lebt sie mit zwei weiteren Geschwistern und ihrem recht liberal eingestellten Vater in einem ordentlichen Anwesen und kann sich sonst auch nicht beklagen, dass ihr irgendetwas dringend fehlt. Oh ja doch, ein Problem gibt es, doch das betrifft das ganze Krankenhaus – es ist die nicht asphaltierte Zufahrt für den Krankentransport. Das ärgert Maryam zutiefst. Mehr noch als das übertriebene männliche Getue eines älteren Herrn, der sich von einer Frau partout nicht behandeln lassen will. Hier wird Mansours Blick kritischer, aber nicht kritisch genug. Denn ihr Film ist eine sanfte Komödie, die gar nicht so sehr irritieren will. Die das Öl fürs gesellschaftspolitische Feuer lieber zum Kochen verwenden lässt und das beobachtete Frauenbild für Saudi-Arabien von devot bis aufsässig sehr breit fächert.

Die junge Maryam gerät per Zufall in die Situation, für den Gemeinderat als weibliche Kandidatin aufgestellt zu werden. Das war mal überhaupt nicht der Plan, aber warum nicht? Frau könnte sich ja dadurch betreffend Krankenhauszufahrt mehr Gehör verschaffen. Gewinnen ist gar nicht ihre Intention. Nur keine falsche Bescheidenheit, sagen die anderen, die Schwestern und Freundinnen. Der Papa gewährt seinen Töchtern sowieso alle Freiheiten, er geht derweil musizieren. Traditionelle saudi-arabische Musik – das klingt wunderbar, und von diesen Vibrations bekommt man im Laufe des Films einiges ab. Fast ist es so, als hätten wir einen Film von Tony Gatlif am Start, der diesmal den fernen Orient vertont haben will. Mansour schlendert stets gemächlich von den Schauplätzen in der Wüste wieder zurück zu ihrer Heldin, die bald schon ihren Niqab ablegt, die immer offener auftritt, sich tatsächlich auch in einen Raum voll fremder Männer begibt, was sonst nicht die feine arabische Art wäre. Klar ist: Frauen werden immer noch belächelt, ernst nimmt sie kaum jemand. Manch anderer aber schon, und die könnten einen neuen Trend bestimmen, hätten sie so viel Mut wie Maryam.

Den Mut, den musste Haifaa Al Mansour nie finden – ihr Film ist nicht darauf aus, kraftvoll mit dem Fuß zu stampfen. Die Polit- und Gesellschaftskomödie ist von einer gefälligen Balance, die niemanden kompromittieren dürfte. Man könnte das auch kluge Vorsicht nennen, oder respektvoller Umgang mit noch so altertümlichen Ansichten und verknöcherten Weltbildern. Der Islam ist hier ein gänzlich moderater, spiritueller Teil eines Alltags, wirkt niemals wie etwas, dass einer Reform bedarf. Die Ansichten des Patriarchats schon, doch hier werden ganz augenzwinkernd maximal ein paar Seitenhiebe verteilt, die eher um- als verstimmen. Die ein gewisses Schmunzeln provozieren, vor allem bei einem Publikum, das dem saudischen „Battle of the Sexes“ ohnehin aufgeschlossener gegenübersteht. Mansour setzt Fingerspitzen ein, und bleibt dadurch vielleicht zu harmlos. Eine ähnliche kompromissvolle Inszenierung ob eines heiklen Themas lässt sich in dem österreichischen Film Womit haben wir das verdient? verorten. Auch hier wollte Eva Spreitzhofer längst keine Meinung skandieren, sondern behutsam, aber zögerlich kuriose Anomalien nicht nur der muslimischen Kultur sich selbst überlassen. Die perfekte Kandidatin überlegt Ähnliches – bleibt dabei sehr gemächlich, locker und, weil viele Umstände berücksichtigt werden wollen, auch recht ausgebremst.

Die perfekte Kandidatin

Emma (2020)

LIEBELEI IN HELLEN TÖNEN

8/10

 

emma© Universal Pictures Int. Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: AUTUMN DE WILDE

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, BILL NIGHY, MIA GOTH, JOSH O´CONNOR, JOHNNY FLYNN, GEMMA WHELAN U. A. 

 

Diese Blicke sagen mehr als tausend Worte. Wenn Anya Taylor-Joy als literarische Establishment-Kupplerin Emma ihr Gegenüber beobachtet, wenn sie neue „Opfer“ für ihre harmlos intriganten Gesellschaftsspielchen findet oder wenn sie plötzlich selber merkt, dass ihr Herz schneller schlägt, dann sind das garantiert bezaubernde Filmmomente in einer gelungenen Neuinterpretation von Jane Austens Klassiker. Dieser handelt von einer intellektuellen jungen Dame, die eigentlich nicht viel mehr zu tun hat außer sich die Zeit damit zu vertreiben, jungen Männern schöne Augen zu machen und junge Damen für ihre Liebesrochaden auf wohlwollende Art zu manipulieren. Das klingt jetzt nicht wahnsinnig nett, aber Emma ist es die meiste Zeit trotzdem. Keiner merkt wirklich, was sie vorhat. Der, der es merken könnte, ist ihr Vater – der einzige, mit dem Emma in ihrem stattlichen Anwesen zusammenlebt – die Mutter verstorben, die Schwester verheiratet und ausgezogen. Der Vater aber: ein unheilbarer Hypochonder, den jeder Luftzug mutmaßlich ins Grab bringen könnte – sehr zurückhaltend und lustvoll dargeboten von Bill Nighy, der in so klassischen Stoffen einfach seine Rolle haben muss, es geht gar nicht anders. Und es geht auch gar nicht anders, Jane Austens lustvolle Sezierung der Hautevolee des beginnenden 19. Jahrhunderts nicht als Kostümorgie zu inszenieren.

Die Neuverfilmung, die macht hier alles andere als einen großen Bogen um stilvolle Meisterwerke historischer Schneiderskunst: Was die Herr- und Damenschaften hier alles an schicker Mode zur Schau tragen, wird vielleicht nur noch getoppt von einer sagenhaft penibel arrangierten und akkurat fotografierten Ausstattung, vorzugsweise in pastelligem Setting aus Lavendel- und Rosatönen, aus hellem Orange und überhaupt einer ganzen Palette verdünnter Farben, die nur so von der Leinwand fließen. Emma ist filmgewordenes Aquarell, eine Bilderflut aus der Romantik und stark verwandt mit dem deutschen Biedermeier. Heller, strahlender, aber längst kein bunter Kitsch, sondern wohlgesetzte Farbgebung, meist in der Kombination zweier ausgesuchter Komplementen. Berauschend, was hier zu sehen ist. Geschmackvoll, wenn Emma unter einer blühenden Kastanie steht, und dabei ein Kleid trägt mit derselben Farbe der Blüten. Wenn über weite, parkähnliche Wiesen mit vereinzelten Baumriesen in roten Umhängen die Schülerinnen des Mädchenpensionats eilen. Wenn der Zylinder der Herren passend zur Verbeugung vor den Damen nobel vom Haupt genommen wird. Ein Augenschmaus, diese Zeit, unbekümmert und entrückt. Der Wohlstand als gesellschaftliche Blase, die von den Erinnerungen der Revolution gänzlich unberührt bleibt.

In all diesem schwelgerischen Zuckerbäckerstil – auf Silbertellern Makronen in allen Farben und der Tee in edlem Porzellangeschirr – wirft eben Anya Taylor-Joy ihre unwiderstehlichen koketten Blicke. Vortrefflich, wie sie Emmas Stil, ihre Anmut, aber auch ihre manchmal soziale Unbeholfenheit in die gefilmte Epoche hinausträgt. Wie sie fähig ist, einzutauchen in eine Zeit, die schon so wahnsinnig lange zurückliegt. Wo Heiratsanträge brieflich hereinflattern. Oder Gesellschaftstänze als Auslöser für eine Leidenschaft bedeutender waren denn je. Die junge Britin, ehemals Hexe (The Witch) und an der Seite von James McAvoy in Split, verleiht ihrer Emma wirklich alles, was man sich von dieser klassischen Figur nur wünschen kann. Klugheit, Eloquenz, Witz und letzten Endes wie bei allen jungen Damen auch: die große Liebe, die sich erstmal wie etwas Fremdes anfühlt, bevor sie ihre Bestimmung findet. Mia Goth als Emmas Schützling Harriet ist da nicht weniger bezaubernd.

Autumn De Wilde, eigentlich Fotografin, hat mit ihrem ersten Film die romantische Literatur für das Kino des 21. Jahrhundert aufbereitet, mit akzentuierter, klassischer Musik unterlegt und dem sonst subjektiven Begriff des Schönen und Geschmackvollen durchaus wieder mal alle Ehre erwiesen.

Emma (2020)

Die Addams Family (2019)

FINGERSCHNIPPEND GEGEN DIE NORM

6/10

 

THE ADDAMS FAMILY© 2019 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: CONRAD VERNON, GREG TIERNAN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): OSCAR ISAAC, CHARLIZE THERON, CHLOË GRACE MORETZ, FINN WOLFHARD, ALLISON JANNEY, BETTE MIDLER U. A.

 

Dass seine Cartoon-Serie im New Yorker dermaßen populär werden würde, dass diese bizarren Nonkonformisten genug Ausdauer für eine Fernsehserie und drei Kinofilme haben würden, das hätte Charles Addams wohl nicht ganz so vermutet. Mittlerweile kennt sie eine jede und ein jeder: die Antithese zur Normalo-Familie, zum angepassten Bürgertum und zur verträglichen Gleichheit. Die Addams lieben, was andere verabscheuen. Und lehnen ab, was andere in ihrer gefälligen Bequemlichkeit so sehr lieben. Sie sind Außenseiter, aber dazu stehen sie. Vielleicht sind die Addams deswegen so populär, weil sie einen Mut nach außen tragen, den andere wohl gerne hätten. „Bekenne dich zu deiner Merkwürdigkeit“, heißt es in Andre Hellers Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein. Das tun die Addams, und nicht, um bewusst aufzufallen, sondern weil sie einfach sind wie sie sein wollen. Müssen auch niemandem bekehren, wollen nur Teil des Ganzen sein. Dass die Addams irgend etwas Sinistres im Schilde führen? Woher denn, ganz im Gegenteil.

Schön, dass es für Morticia, Gomez und Onkel Fester endlich auch ein Best Of als Animationsfilm gibt. Shrek 2 und Sausage Party-Regisseur Conrad Vernon hat gemeinsam mit dem Animator Greg Tiernan die schrägen Figuren auf extreme Weise stilisiert. Grand Dame Morticia ist so schlank wie ein Zahnstocher, Gomez leicht korpulent geraten und Tochter Wednesday erstrahlt in birnenförmiger Leichenblässe – mit Zöpfen wie Galgenstricke. Womit wir schon bei den Stärken des Films wären. Die Addams Family geizt nicht mit unglaublich vielen Details, vom Interieur des viktorianischen Irrenhauses bis hin zur familiären Gefolgschaft, die im Rahmen des Mazurka-Festes für Filius Pugsley allesamt antanzen. Eine Freakshow sondergleich ist das, lauter seltsame Geschöpfe, allen voran der knuffige Vetter It oder Morticias Tante, die im wahrsten Sinne des Wortes falsche Größe zeigt. In diesem Punkt haben Vernon und Tiernan kein Auge trocken gelassen. Inhaltlich aber schon. Die Details rund um die Anfänge der Addams mitsamt ihres Einzuges in gruftige Gemäuer und dem Anwerben des schlurfenden Frankenstein-Butlers Lurch sind ja für Fans, egal ob der ersten oder späteren Stunde, noch erhellend – das Dilemma rund um Assimilierung oder Akzeptanz des Fremdartigen ist das, womit sich die spooky family immer mal wieder herumschlagen muss. Letzten Endes stehen sie zu ihrem Auftreten, was als einziges Fazit nun nicht wirklich überraschend kommt und vielleicht dadurch etwas langweilt. Und auch sonst lässt sich der Film sehr stark von seiner digitalen Ausstattung ablenken. Ein Prioritätenfehler? Nur bedingt, denn der Film ist alleine dadurch durchaus sehenswert geworden, und selbst so verdrehte Floskeln wie „Kommt herein, macht es auch unbequem“ bzw. „Die Familie hat gedroht zu kommen“ lassen schmunzeln, denn womöglich wäre man selbst gerne in der Lage, Gewohntes gegen den Strich zu bürsten. Denn nichts ist so schrecklich wie das Normale.

Die Addams Family (2019)

Womit haben wir das verdient?

BEKENNTNISSE EINES TEENIES

6,5/10

 

womithabenwirdasverdient© 2018 Neue Visionen

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: EVA SPREITZHOFER

CAST: CAROLINE PETERS, CHANTAL ZITZENBACHER, SIMON SCHWARZ, HILDE DALIK, PIA HIERZEGGER U. A.

 

Cat Stevens hat es getan. Und vor Kurzem Sinéad O’Connor. Beide sind zum Islam übergetreten, beide haben in dieser Weltreligion das gefunden, was ihr Leben bereichert. Die Namen, die beide berühmt gemacht haben, gibt es nicht mehr. Der eine heißt Yusuf Islam, die andere Shuhada Davitt. Der natürliche Endpunkt eines jeden Theologen, meint die irische Sängerin. Soll so sein, so etwas will und kann ich nicht beurteilen. Ich habe mit meinem eigenen Glauben genug zu tun. Und Missionierung geht gar nicht. Missionieren steht den Eltern der 16jährigen Nina allerdings auch nicht im Sinn, da sie selbst nicht wirklich an etwas glauben. Aber der Mund bleibt ihnen dennoch offenstehen. Nina trägt von heute auf morgen einen Hidschab und konfrontiert ihren Vormund im Rahmen einer therapeutischen Familiensitzung. Papa nimmt’s gelassen, die Mama tut sich schwer, das Ganze ernst zu nehmen und hofft auf eine temporäre Provokation ihres pubertierenden Kindes. Falsch gedacht, der Hidschab bleibt am Kopf, und aus Nina wird Fatima. Halal und Haram werden zu Modewörtern in den eigenen vier Wänden, und zur Geburtstagsfeier von Mama Wanda fallen vom Faschingsscherz bis zum gekünstelten Verständnis alle möglichen Meinungen zu einem Umstand, den man getrost Religionsfindung nennen kann.

Die österreichische Drehbuchautorin und Schauspielerin Eva Spreitzhofer hat, das muss ich wirklich sagen, Mut bewiesen, eine Komödie über den Islam zu drehen. Ein heißes Eisen, vor allem im Zeitalter des islamistischen Terrors und der Flucht aus dem Nahen Osten, der das gesellschaftspolitische Gefüge in Europa gehörig erschüttert hat. Brisant ist gar kein Ausdruck. Die Vielzahl der Meinungen unübersehbar. Die Sitten des Islam und die Stellung der Frau im kulturellen Kontext oftmals Gegenstand nicht enden wollender und oftmals hitziger Debatten. Wäre ich Filmemacher, wäre mir das Thema viel zu riskant, obwohl es mich allemal reizen würde. An der eigenen Meinung festzuhalten und trotzdem nicht die Balance zwischen Kritik und Anbiederung zu verlieren – das ist ein Umstand, der Fingerspitzengefühl erfordert. Ein durchdachtes Drehbuch, ein kluger Plot. Spreitzhofer, die ihren Film auch geschrieben hat, versucht merkbar diplomatisch, sich durch das Chaos eines Culture-Clash zu winden, ohne irgendwo anzuecken. Das Ausbleiben des Unbequemen mag in anderen Filmen langweilig wirken, in Womit haben wir das verdient? gerät es zu einem versöhnlichen Alltagslustspiel, das nichts weniger will als zu diffamieren. Die Religion an sich bleibt unangetastet, blasphemisch ist hier gar nichts. Das war es allerdings bei Das Leben des Brian der Monty Pythons genauso wenig, und doch hagelte es Proteste. Vielleicht, weil manche gewisse Details übersehen haben. Das kann bei Spreitzhofer´s Film nicht passieren. Behutsam wie beim Errichten eines Kartenhauses erklärt sich die gut besuchte, österreichische Erfolgskomödie mit fast jeder Szene als Botschafterin eines repsektorientierten Miteinanders, und zieht einzig und allein die stets widersprüchliche Auslegung verfasster Dogmen durch den Kakao. Dabei geht es viel weniger um Religion als um die individuellen Befindlichkeiten gesellschaftlicher Eitelkeiten, für die Selbstreflexion ein Fremdwort ist. Im Zeitalter der Sozialen Medien überbrückt das Ereifern im Glauben persönliche Defizite, und deklariert seine eigene Unzulänglichkeit, mit sich und der Welt gelassen klarzukommen. Womit haben wir das verdient? provoziert nicht, und entlässt das Publikum auch nicht mit gemischten Gefühlen. Mit gehörig Understatement gelingen die besten satirische Spitzen in unaufgeregten Nebensätzen, welche Widersprüche in bigottem Verhalten so manche Konformität hinfällig werden lassen. Das ist erhellend, vollkommen logisch und nichts was es zu diskutieren gilt. Das sieht ein jeder, egal ob und wenn ja welchem Glauben er anhängt. Das macht den Film auch so richtig zu einem gewieften Feel Good Movie, das sich nicht lustig macht, sondern abendfüllend zum Schmunzeln einlädt, obwohl mit mehr Reibung und weniger Rücksicht auf Befindlichkeiten das ganze verdientermaßen nachhaltiger und griffiger geworden wäre.

Schauspielerisch ist hier einiges an Luft nach oben, vor allem Chantal Zitzenbacher als Teenager auf konfessionellem Egotrip ist manchmal zu aufgesetzt genervt von allem, was ihre Figur auch anfangs unsympathisch macht. Caroline Peters hingegen ist ideal besetzt und leidenschaftlich genug in ihrer selbstlosen Mutterliebe, Simon Schwarz in einer Nebenrolle hat vor allem in der jetzt schon kultigen Niqab-Szene die meisten Lacher auf seiner Seite. Trotz der wechselnden Schauspielqualitäten und der schaumgebremsten Ambitionen ist Womit haben wir das verdient? pfiffige Unterhaltung mit liberalen Einsichten und dialogfähigen Aussichten, mit oder ohne Hidschab. Am liebsten aber ohne.

Womit haben wir das verdient?