Die Stockholm Story – Geliebte Geisel

AUCH GEISELNEHMER HABEN WAS NETTES

4,5/10


stockholmstory© 2019 Koch Films


LAND / JAHR: USA, KANADA 2018

BUCH / REGIE: ROBERT BUDREAU

CAST: NOOMI RAPACE, ETHAN HAWKE, MARK STRONG, CHRISTOPHER HEYERDAHL, BEA SANTOS, THORBJØRN HARR U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Woher kommt eigentlich der Begriff Stockholm-Syndrom? Was er ausdrücken soll, scheint allseits bekannt: Geiseln solidarisieren sich mit den Geiselnehmern, verstehen plötzlich deren Beweggründe und bieten sich sogar an, zu helfen. Mitunter entsteht sogar so etwas wie eine richtige emotionale Bindung. Ganz klar, was da abgeht, und warum das menschliche Verhalten da verrückt spielt, trotz und gerade wegen dieser enormen Stresssituation, welche die Angst über Leib und Leben in einen Zustand transformiert, der die Bedrohung so erträglich wie möglich macht. Mit anderen Worten: Ich mache meinen Feind zum Freund.

Dieses Phänomen wurde – wie kann es anders sein – erstmals in Stockholm bemerkt, und zwar im Sommer des Jahres 1973 während einer Geiselnahme in der Schwedischen Kreditbank am Norrmalmstorg. Der Verbrecher Jan Erik Olsson wollte dabei die Freilassung eines im Gefängnis sitzenden Komplizen erzwingen – inklusive allem, was zu einer damit einhergehenden Flucht sonst noch dazugehören darf. In seiner Gewalt: vier Geiseln, und zwar über hundertdreißig Stunden lang. Ein Medienereignis sondergleichen muss das gewesen sein, zumindest stellt Regisseur Robert Budreau die damaligen Ereignisse entsprechend dar.

Zum Cast seines Films zählt die in besagter Branche momentan nicht gerade auf der faulen Haut liegende Noomi Rapace – neu frisiert, auffallend bebrillt und gleichsam widerspenstig wie devot. Aber wen wundert das schon, wenn man in die Mündung einer Waffe blickt. Die gehört Ethan Hawke mit Schnauzer und wirrer Mähne unterm Cowboyhut. Überhaupt glaubt Ethan Hawkes Figur des Jan Erik Ollson, das ihm die Welt gehört und nichts und niemand ihn aufhalten kann. Aus den Augenwinkeln könnte man fast meinen, Frank Zappa dabei zu beobachten, wie er auf die schiefe Bahn gerät. Dabei lässt sich Ethan Hawke in der Auffassung seiner Figur zu unfreiwillig komischen Einlagen hinreissen. Mit Absicht? Keine Ahnung, doch wenn ja, nimmt der Filmstar mit seinem überzogenen Spiel all die Ereignisse von damals zu sehr auf die leichte Schulter. Rapace versucht die Schräglage erst gar nicht auszugleichen – auch sie probiert’s routiniert, mit bewährten Manierismen: entsetzten Blicken, denen sympathisierender Kooperationswille folgt.

Der verhaltenspsychologische Faktor bleibt außen vor. Der Wandel von Furcht zur Solidarisierung geht recht seifig vonstatten, da findet sich keine Szene, die bereit dazu wäre, den Richtungswechsel im Täter-Opfer-Konstrukt glaubhaft zu navigieren. In Erinnerung bleibt ein aufbrausender Hampelmann Hawke in einem wenig ehrgeizigen Geiseldrama, das es nicht schafft, die beiden Stars hinter ihren Rollen zu verbergen. Somit weicht die Authentizität, die das ganze Setting rundherum und das Siebzigerkolorit unterstützend bringen sollten, einer achselzuckenden Gleichgültigkeit, die dem Phänomen innerhalb radikaler Machtverhältnisse weder ernsthaftes Interesse zollt noch die Möglichkeit einräumt, den Zuschauer damit aus psychologischer Sicht zu verblüffen.

Die Stockholm Story – Geliebte Geisel

Infidel

DIE STURHEIT DER ALLWISSENDEN

5/10


infidel© 2021 Kinostar


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE / PRODUKTION: CYRUS NOWRASTEH

CAST: JIM CAVIEZEL, CLAUDIA KARVAN, HAL OZSAN, STELIO SAVANTE, BIJAN DANESHMAND, ISABELLE ADRIANI U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Offen seine eigene Meinung zu sagen, das ist schon eine Freiheit, für die es sich zu kämpfen lohnt. Offen den eigenen Glauben zu bekennen: warum nicht? Auch das ist gelebter Liberalismus, in manchen Ländern mehr, in manchen weniger, in wenigen gar nicht. In Ländern, in denen es weniger bis gar nicht geht, verleitet das natürlich zur Provokation, sofern man tough genug ist, die eigene Verschleppung, Kasernierung oder gar Hinrichtung in Kauf zu nehmen. Vielleicht ist das ja für einen guten Zweck, und Märtyrer sind ja schließlich seit Jesus von Nazareth Trendsetter, wenn es heißt, sich selbst bis über den Tod hinaus treu zu bleiben. Aus der Geschichte lässt sich lernen, das sowas funktioniert. Also probiert es Jim Caviezel, diesmal nicht in Sandalen, sondern im schicken Anzug und noch dazu in der Gegenwart, im muslimischen Kairo. Kompliziert wird’s dann, wenn ein Pamphlet für freies Denken mit dem Ziel, ganze Kulturkreise zu missionieren, verwechselt wird.

Dem US-Journalisten Doug Rawlins passiert das. Er verwechselt Diplomatie mit Kompromittierung und stößt im Rahmen eines Fernsehinterviews in Ägypten die muslimische Gemeinde vor den Kopf. Die Kunst der Rhetorik will gelernt sein, und man könnte davon ausgehen, Rawlins würde diese beherrschen. Dem ist aber nicht so. Er macht unmissverständlich klar, dass nur der christliche Glaube der einzig wahre sei. Feingefühl lässt sich woanders verorten. Folglich wird dem eitlen Gecken schon bald ein schwarzer Sack über den Kopf gestülpt, der Sitzplatz im Flieger zurück in die vereinigten Staaten bleibt leer. Natürlich spielen da auch noch ganz andere Faktoren mit, denn ein heikles Missverständnis zwischen Rawles und einem muslimischen Geschäftskollegen war einige Zeit vorher aus dem Ruder gelaufen. Entführt, gefoltert und eingesperrt, muss Jim Caviezel nun um seinen Lebensabend bangen, während Ehefrau Liz sämtliche Hebel in Bewegung setzt, um auf eigene Faust ihren Mann zu finden und freizubekommen.

Der christliche Glaube als einzig wahre Religion: Cyrus Nowrastehs Politdrama Infidel zweifelt nicht an seiner überlegenen Gottesgläubigkeit und legitimiert ungefragtes missionarisches Handeln. Selbstredend darf Jim Caviezel nach Die Passion Christi wieder in die Rolle eines neues Messias schlüpfen, der für das Heil der Welt dem Tod ohne weiteres ins Gesicht sieht. Seine Rolle ist die eines predigenden Jesus sehr ähnlich, nur statt auf Bergen oder öffentlichen Plätzen offenbart der von ihm dargestellte Journalist seine Weisheiten per Blog – bis eben das Fernsehen ruft, und er dort schließlich nicht anders kann, als zu seinem Glauben zu stehen. Das hausgemachte Dilemma schmeckt dann auch nicht so richtig. Und wenn, dann nach zu offensichtlicher Anbiederung an ein obsoletes Märtyrertum. Caviezel legt seine Figur viel zu gelassen an, auch dirigiert Nowrasteh, der mit dem Heiland-Biopic Der junge Messias so ziemlich durchfiel, seinen Befreiungssthriller zwar zügig und kaum langweilig, dafür aber recht routiniert und angesichts der Motive der einzelnen Figuren relativ einseitig.

Infidel

Windfall

ALL WE CAN DO IS SIT AND WAIT

4/10


windfall© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: CHARLIE MCDOWELL

SCRIPT: CHARLIE MCDOWELL, JASON SEGEL, JUSTIN LADER

CAST: JASON SEGEL, LILY COLLINS, JESSE PLEMONS, OMAR LEYVA

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Ein Bungalow wie auf Ibiza. Fehlt nur noch die Nichte des Oligarchen. Und ein paar Blaue. Aber heute gibt’s die nicht. Heute scheint es ein heißer Tag an irgendeinem Wochenende irgendwo in Kalifornien zu sein. Ich muss zugeben: ein adrettes Setting für das, was sich hier gleich abspielen wird. Nämlich Suspense der alten Schule. Das zumindest vermittelt mir das bewusst im Stile der 50er Jahre gehaltene Intro, begleitet durch einen pompösen Score, der scheinbar einen Film Noir verspricht. Vielleicht so etwas, wie es vor kurzem Guillermo del Toro fabriziert hat. Ganz klar scheint sich Windfall (was so viel bedeutet wie Glücksfall oder Fallobst – ich denke, man darf sich das aussuchen) der Versatzstücke eines mysteriösen Kammerspiels zu bedienen, das von Leidenschaften, Intrigen und verschütteten Geheimnissen handelt. Mit dabei: ein illustrer Cast. Ex-HIMYM-Knallcharge Jason Segel als Tagedieb im wahrsten Sinne des Wortes, die zarte Lily Collins und der in welchen Rollen auch immer stets souveräne und undurchschaubare Jesse Plemons. Er und Lily Collins geben ein steinreiches Ehepaar, da Plemons sowas wie den im Geld schwimmenden CEO einer einflussreichen Firma darstellt, die sich mit dem einen oder anderen Patent womöglich gesundgestoßen hat. Aus Lust und Laune und gegen ihre Agenda beschließen beide, eingangs erwähnte Villa aufzusuchen, um mal auszuspannen von dem ganzen Dasein als Kapitalsieger. Die Rosen für die Gattin hat die Dienerschaft allerdings vergessen, was den CEO bereits sauer aufstößt. Noch unangenehmer wird’s, als Collins einen Einbrecher inflagranti erwischt. Der wollte gerade gehen, doch plötzlich haben wir eine waschechte Home-Invasion mit zwei Geiseln, die nichts lieber sehen würden, als dass der lange Lulatsch von dannen zieht, von mir aus auch mit dem Geld aus der Kaffeekassa, was immerhin mehrere tausend Dollar ausmacht. Als Jason Segels Gelegenheitsbandit bereits wieder ins Auto steigt, wird ihm klar, dass er und sein fahrbarer Untersatz die ganze Zeit überwacht wurden. Also wieder zurück durch den Orangenhain, um die reichen Herrschaften dazu zu bringen, die Aufnahmen zu löschen.

Und dann sitzen sie alle drei herum. Der Täter und die Opfer, an einem glutheißen Nachmittag auf der Veranda. Und warten. Auf noch mehr Geld, damit Segel untertauchen kann. Es vergeht der Tag, es wird Nacht, dann wird es wieder Tag. Das Ensemble sitzt, steht und liegt immer noch herum, und was sie von sich geben, hat weder immens viel zu bedeuten noch bringt es die Handlung voran. Regisseur Charlie McDowell lässt den Boliden im Leerlauf tuckern – ein gurgelnder Klang, aber nichts, womit sich demnächst von A nach B kommen lässt. Sehr bald frönt das ironische Krimidrama einem Müßiggang, der, durch das Warten und Harren auf jenen Moment, in der die angespannten Sommertage zu einem Ende kommen, alles andere als erquickend ist. Wir kennen dieses Gefühl – wenn der Flieger sich verspätet oder das Computerprogramm gerade nicht hochfährt. Währenddessen lassen sich auch andere Dinge tun, nämlich Konversation betreiben oder ein Buch lesen. Doch das ist nur zu Überbrückung, weil man ja schließlich etwas ganz anderes machen möchte und alle Ambitionen auf dieses eine Ziel gerichtet sind. Insofern steckt Windfall so lange in einer enervierenden Zwischendimension, bis am Ende die Freiheit wie ein ersehnter Tropfen Wasser auf die trockenen Lippen perlt. Aus diesem Blickwinkel lässt sich der müde Krimi als Gleichnis für eine Potenzierung für etwas sehnlichst Erwünschtes betrachten, das man am Ende doppelt oder dreifach erfüllt haben will. Aber seht selbst. Oder besser: wartet bis zum Schluss.

Windfall

Ambulance (2022)

MIT MILZRISS AUF DER ÜBERHOLSPUR

6,5/10


ambulance© 2022 Universal Pictures Germany


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: MICHAEL BAY

CAST: JAKE GYLLENHAAL, YAHYA ABDUL-MATEEN II, EIZA GONZÁLEZ, GARRET DILLAHUNT, KEIR O’DONNELL, JACKSON WHITE, A MARTINEZ U. A. 

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


Eins muss man Michael Bay wirklich lassen. Er weiß, wie man Hochglanzbilder macht. Das fußt mit Sicherheit auf seiner frühen Profession als Werbefilmer für Automobilmarken, die ihre fahrbaren Untersätze gerne bei niedrigstehender Sonne über den glitzernden Asphalt geschickt haben mochten. Mit der Zeit sind diese Bilder geblieben – erleichternd hinzu kommt die Arbeit mit Drohne und Kamera. Was bei Ambulance – dem Remake eines recht erfolgreichen dänischen Reißers – vorrangig ins Auge fällt und dieses auch bei manchen Sequenzen nachkullern lässt, sind die dynamischen, geradezu ungebremsten Kamerafahrten, die einem Bumerang gleich mal in eine Richtung ausholen, um dann um 360 Grad schwenken, auf den Kopf stehen und wieder zurückschnellen. Ruhende Takes waren gestern. Bei Bay ist alles in Bewegung. Und glücklicherweise trommeln diesmal nicht turmhohe Robotergiganten auf die urbane Infrastruktur ein, sondern ist gerade mal ein Krankenwagen unterwegs, der nicht daran denkt, anzuhalten. Klingt ein bisschen nach Jan de Bonts überschätzten Kassenschlager Speed? Ein bisschen schon, nur der Unterschied liegt darin, dass in Speed ein Anhalten des Busses aus rein bombentechnischen Gründen nicht ratsam gewesen wäre, während in Ambulance den flüchtenden Sani-Tätern gerade mal die halbe Polizei von LA im Nacken sitzt. Das wäre alles eine recht schnell ausgestandene Sache, hätten die Brüder Jake Gyllenhaal und Yahya Abdul-Mateen II nicht auch noch eine bildschöne Rettungsfahrerin in Gestalt von Eiza Gonzáles an Bord, die sich um einen doppelt angeschossenen Polizisten kümmern muss. Es gilt also, einige Faktoren zu berücksichtigen, will man einen glimpflichen Ausgang erwarten.

Und Jake Gyllenhaal, der ist ja längt nicht mehr der Good Guy im Filmbiz. Bewiesen hat er das mit Nightcrawler oder auch zuletzt als Drohnen-Jongleur Mysterio im vorletzten Spiderman-Streifen. Diesmal greift er in hemdsärmeliger Arroganz zu Geldsack und Maschinenpistole – dank einer schwer einschätzbaren Mimik steht ihm der Fiesling sichtlich gut. Bay hat also das richtige Ensemble für seine über zwei Stunden lange Verfolgungsjagd gefunden, die kaum dramaturgischen Leerlauf hat. Und Bay hat – wie schon damals in The Rock – Fels der Entscheidung – zu seinen Tugenden zurückgefunden, bevor das große Hasbro-Franchise eingesetzt hat. Knapp und klassisch bringt der gehetzte Werbespot-Ästhet mit der lockeren Kamera seine Parteien ins Spiel. Dann folgt ein Straßenzug dem nächsten, und sie alle glühen unter heißem Gummi. Dank des Martinshorns verkommt die Ampelschaltung in der Stadt der Engel zur peripheren Lichtorgel.

Die Qualitäten dieses unterhaltsamen, wenn auch nicht durchgehend fesselnden, weil in seinem Plot recht erwartbaren Actionfilms liegen allerdings im Mikrokosmos des Krankenwagens: wenn Gonzales mithilfe ärztlicher Zuschaltung versucht, dem durchlöcherten Cop die Kugel zu entfernen, beisst man fast schon die Zähne zusammen. Und das Machtverhältnis in diesem Dreieck aus Opfer und Täter entbehrt nicht einer gewissen wechselnden Dynamik.

Mit Ambulance hat Michael Bay fast so etwas wie einen Mix aus Stirb langsam und Emergency Room vollbracht, und das, ohne sich anschließend verstecken zu müssen. Die unsäglichen Nummern 6 Underground oder Armageddon sind ist da fast schon vergessen, und der schräge Ulk so mancher Randfigur lockert das Stück Actionkino auch nur insofern auf, da es den gespielten Ernst der Lage nicht vollends zum Narren hält.

Ambulance (2022)

Monos

CHILDREN FOR THE REVOLUTION

7,5/10 


monos© 2020 DCM


LAND / JAHR: KOLUMBIEN, ARGENTINIEN, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND, URUGUAY, SCHWEDEN 2019

REGIE: ALEXIS DOS SANTOS & ALEJANDRO LANDES

CAST: JULIANNE NICHOLSON, MOISES ARIAS, SOFIA BUENAVENTURA, JULIÁN GIRALDO, KAREN QUINTERO, DEIBY RUEDA, SNEIDER CASTRO, PAUL CUBIDES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Wohl eines der erschütterndsten und spannendsten Bücher, die ich je gelesen habe, ist die Leidensgeschichte der Politikerin Ingrid Betancourt, die als Geisel der kolumbianischen FARC jahrelang als wertvollster Besitz galt. Mit Geiseln, so die Rebellen, lässt sich politisch am meisten bewegen. Was das für Leute sind, beschreibt Betancourt mit fast schon sachlicher Genauigkeit. Der Film Monos von Alexis Dos Santos und Alejandro Landes nimmt so einen wilden Haufen junger Hunde ebenfalls unter die Lupe. Dafür steigt er hoch auf die unwirtlichen Hochebenen des südamerikanischen Landes, dort, wo man bereits über den Wolken weilt und auf ein Panorama blickt, dass erstens den Atem raubt und zweitens das unbändige Gefühl von Freiheit vermittelt.

Von dieser Freiheit hat die aus den USA stammende Journalistin, die als Geisel genommen wurde, leider überhaupt nichts. Sie dämmert hier oben, zwischen Gebirgssteppe und verfallenem Bunker (eine fast surreale Kulisse) mehr oder weniger vor sich hin, ohne Aussicht darauf, ersonnene Fluchtpläne in die Tat umzusetzen. Doch diese Doctora, wie sie genannt wird, ist an sich nur die Protagonistin im Hintergrund. Ganz vorne mit dabei, kalaschnikowschwingend und ständig am Feiern: eine achtköpfige Gang, die sich Monos nennt und die einer nicht näher benannten Rebellengruppierung angehört. Anführer dieser Soldaten ist ein muskelbepackter Zwerg, der den Greenhorns immer wieder die Leviten liest – und dann wieder verschwindet. Die Burschen und Mädchen müssen sich also allein organisieren und überdies auf eine Milchkuh achten, die ihnen zum Geschenk gemacht wird. Dass das schiefgeht, ist nur eine Frage der Zeit. Und irgendwann muss die Gruppe weiterziehen, runter ins Tal – in den tropischen Dschungel.

Monos war für mich einer der Filme, die letztes Jahr coronabedingt keine Kinoauswertung hatten. Glücklicherweise gab es dafür das Sommerkino, doch selbst diesen einen Termin konnte ich nicht wahrnehmen. Dabei wäre die große Leinwand für ein Werk wie dieses hervorragend geeignet gewesen, vor allem, weil das Rebellendrama so sehr mit der Opulenz und der Üppigkeit seiner Umgebung spielt. Monos ist allerdings kein klassischer Thriller, und folgt auch keiner gewöhnlichen Erzählweise. Lange Zeit bleibt vieles im Dunkeln, die einzelnen, teils clownesk agierenden Gestalten werden nach und nach bekannt, auch ihre Beziehungen zueinander. Ob hoch oben oder tief unten im stickigen Blätterwald – der spannungsgeladene Mikrokosmos zwischen den acht jungen Menschen und ihrer Geisel gebärdet sich als Psychostudie zwischen Herr der Fliegen und Coppolas Apocalypse Now, wenn man vom Aspekt der Geiselnahme absieht. Jeder einzelne, kaum Herr seiner Lage, versucht sich an die Macht zu boxen oder versucht, eine Lücke für seine eigene Macht zu finden. Nur die Zähen überleben hier, in diesem gesetzlosen Vakuum, in dieser schwül-düsteren Anarchie aus Ehrenkodex, Anbiederung und langsam übergreifenden Wahnsinn. Mensch und die Natur verschmelzen. Archaische Tänze ums Feuer, Gesichter hinter Schlamm- und Erdmasken, sei es zur Tarnung, sei es, um den eigenen erdachten Kult von jeder sonstigen bestimmenden Institution loszulösen.

Monos ist ein rauer, wilder Film ohne Sanftmut und Bedächtigkeit. Mag sein, dass diese unorthodoxe kleine Geschichte über das Wesen des Menschseins für manche schwer zugänglich ist. Mir ging’s anfangs ähnlich, doch mit der Zeit, wenn die Rolle der Doctora sich aus dem sozialen Gefüge herauszuschälen versucht, wird aus dem Gruppenportrait ein spannender Survivalthriller, der die Wildheit Kolumbiens in satten, schweren Bildern anhimmelt und das Ganze noch mit einem hypnotischen, kunstvoll verzerrten Folklore-Score ergänzt. Dieser Trip ins Herz der Finsternis und wieder hinaus lohnt sich.

Monos

Becky

KÄMPFEN WIE EIN MÄDCHEN

5/10


becky© 2020 Splendid Film


LAND: USA 2020

REGIE: JONATHAN MILOTT & CARY MURNION

CAST: KEVIN JAMES, LULU WILSON, ROBERT MAILLET, JOEL MCHALE, AMANDA BRUGEL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Rotkäppchen hat am Ende des Tages das Unmögliche geschafft: die Naturgewalt eines großen bösen Wolfes gebändigt, trotz anfangs schlecht gemischter Karten. Obwohl in Grimms Märchen kinderfreundlich abstrahiert, war Rotkäppchen mit der Wahl ihrer Mittel aber genauso wenig zimperlich wie ihre jenseits der Märchenwelt befindliche Schwester im Geiste, genannt Becky. Die hat nämlich mit ganz anderen Problemen zu kämpfen als nur Großmutter einen Besuch abzustatten. Becky betrauert ihre an Krebs verstorbene Mutter und verbringt das kommende Wochenende im familiären Landhaus mitten im Wald. Großer Wermutstropfen: Papa überrascht mit seiner neuer Liaison und dessen Nachwuchs. Für Becky ein schlechter Scherz.

Mit ähnlich holpriger Pointe bahnt sich eine weitere Wochenendattraktion an: eine Handvoll aus dem Knast entflohener Neonazis stören die patchworkfamiliäre Idylle, wobei hier nicht von Zufall die Rede sein kann. Ein Artefakt soll hier versteckt sein, welches der Rädelsführer – ein gedrungener Glatzkopf mit Rauschebart und Hakenkreuz-Tattoo, damit auch Quereinsteiger im Bilde sind – unbedingt haben will. Pech für ihn: das Objekt der Begierde trägt Becky um den Hals. Und die ist gerade im Wald, als die bösen Buben ihre Home Invasion starten.

So wie Busenfreund Adam Sandler versucht, seinem Image als trivialer Pausenclown gegenzusteuern, probiert es diesmal auch King of Queens-Paketbote Kevin James. Er tut zumindest äußerlich alles, um als böser Bube wirklich zu funktionieren. Das Problem dabei: es will ihm nicht gelingen. Kevin James ist ein waschechter Sitcom-Buddy, ein talentierter Comedian, ein bequemer Zeitgenosse, der vorrangig nichts Böses im Schilde führt, der vielleicht manchmal ein bisschen auf Eigennutz unterwegs ist, aber es sei ihm verziehen, so schrullig wie er ist. Ein Neonazi? Beim besten Willen nicht. Er tötet, er quält, er blutet – doch er bleibt seltsam phlegmatisch dabei, fast schon gemütlich. Im Gegensatz dazu ist Problemkind Becky fast schon so ein Systemsprenger wie Helena Zengel in gleichnamigem Film, nur natürlich um mehrere Ticks brutaler. Lulu Wilson, manchen vielleicht bekannt aus Ouija 2, ist da mehr die planende Furie mit Buntstiften, Schiffsschrauben und Rasenmähern als Waffe ­– entsprechend tief greift das Regieduo Jonathan Milott und Cary Murnion in die Hämoglobin-Trickkiste. Splatter- und Gorespitzen verteilen sich über die zweite Hälfte des Films wie Pilze im Forst, und klar – man ist auf Beckys Seite, wenn die asozialen Radaubrüder ihre Sünden abbüßen. Zwischendurch aber gibt’s jede Menge Leerlauf, auch schauspielerisch können Lulu Wilsons Co-Stars nicht so recht überzeugen. Etwas Besonderes ist Becky kaum, allenfalls ein überspitztes Mädchen-sieht-Rot-Szenario mit Strickmütze, nach dessen Release Kevin James vielleicht doch überlegt, lieber wieder in gewohnten Gewässern zu witzeln.

Becky

7500

IM COCKPIT HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10

 

7500© 2019 Universum

 

LAND: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2019

REGIE: PATRICK VOLLRATH

CAST: JOSEPH GORDON-LEVITT, OMID MEMAR, AYLIN TEZEL, MURATHAN MUSLU, CARLO KITZLINGER, PAUL WOLLIN U. A. 

 

Ungefähr so könnte es gewesen sein: Mohammed Atta und seine Begleiter könnten vielleicht auf diese Art ins Cockpit der American Airlines-Maschine gelangt sein. Ist die Tür mal auf, stürmen wildgewordene Wüteriche, mit klebebandumwickelten Glasscherben bewaffnet, ins Allerheiligste des Fliegers und nutzen den Überraschungsmoment zu ihren Gunsten. Sie erlangen Kontrolle über ein Flugzeug, dass zum Beispiel ins World Trade Center donnern wird. Bei einem anderen dieser Flugzeuge am Morgen des 11. September konnten die Passagiere zumindest so viel Widerstand leisten, um den Vogel zumindest nicht auf dicht besiedeltem Gebiet abstürzen zu lassen. Paul Greengrass hat mit Flug 93 die Geschehnisse innerhalb dieses Flugzeugs rekonstruiert.

Patrick Vollrath, deutscher Kurzfilmregisseur und Schüler Michael Hanekes, der mit seiner Abschlussarbeit Alles wird gut sogar für einen Oscar nominiert wurde, hat sich so seine Gedanken gemacht, wie eine solche Situation auch ganz anders ausgehen hätte können. Dabei nimmt er eine radikale Reduktion vor, die in so einem extremen Fokus überhaupt noch nicht zu sehen war: sein Film spielt einzig und allein auf den wenigen Quadratmetern eines Cockpits. Stirb langsam auf engstem Raum, der Heimvorteil liegt beim Piloten, die Terroristen sind aggressiver als es der ominöse Hans Gruber jemals war, und es ist vorne wie hinten kaum Platz, um zu agieren. Gut, wir kennen Filme, die in stark begrenzten Räumen spielen, aber meist sind das Ein-Personen-Dramen, in denen hauptsächlich gesprochen wird. 7500, der sich mit dieser vierstelligen Kennzahl auf den Code für eine Flugzeugentführung bezieht, lässt aber gleich mehrere Personen aufeinander los. Im Mittelpunkt steht Joseph Gordon-Levitt als US-Pilot Tobias, der in Berlin lebt, und der gemeinsam mit seiner türkischstämmigen jungen Frau, eine Stewardess, während des Fluges Berlin-Paris Dienst schiebt (beide haben einen Sohn, das macht das Drama später noch unerträglicher). Alles sieht nach Business as usual aus. Bis das Flugzeug in der Luft ist, die Anschnallzeichen ausgeblendet sind und das Bordpersonal den Piloten das Sandwich serviert. Ab da bricht die Hölle los. Und ich meine Hölle, denn dieses Kammerspiel ist nichts für schwache Nerven.

Cockpit-Horror könnte man sagen. Und Vollrath, bei diesem Film fast schon ein Regie-Genie, nutzt innerhalb dieses vor Ecken, Kanten, Armaturen und Blicklichtern nur so strotzenden Raumes alle möglichen Quellen, um den Horizont auch nach außen hin zu erweitern. Niemals jedoch sieht man das Flugzeug als solches. Es gibt keine Pyrotechnik, keine großen Stunts, auch kein einziges Mal blickt Vollrath ins Hintere des Flugzeugs. Was man sieht, ist das, was vor verschlossener Tür passiert. Was man hört, ist das dumpfe Schreien, das Rangeln und Wimmern hinter dem Vorhang. 7500 reduziert alles, aber nur auf das Wesentliche, und lässt uns zum ratlosen Piloten werden. Die Essenz, die zurückbleibt, hat durch die wenigen akustischen wie visuellen Akzente einen stärkeren Impact als es herkömmliche Action meist je hätte. Vieles entsteht im Kopf, die Psychologie des Films triezt die Ungeduld bis zur Entwarnung und das Cockpit wird zum Panic Room. Fast scheint es, als müsste der Zuschauer interagieren, als müsste er, statt sich von üppigem Zinnober plätten zu lassen, den Film vor seinem geistigen Auge räumlich weiterdenken. Die Tür, die über Leben und Tod vieler entscheidet, die muss halten. Was auch immer da draußen passiert – lass keinen hinein! Ob es das Leid Unschuldiger ist, die als Druckmittel getötet werden oder das immerwährende, zermürbende Anlaufen wie mit einem Rammbock gegen die Macht über das Flugzeug. Es ist in jedem Fall ein Kampf um die Burg.

Gordon-Levitt (u. a. The Walk, The Dark Knight Rises) gibt alles. Er schreit, er heult, er fasst neuen Mut, er versucht, rational zu denken – bislang seine stärkste Performance. Vorstadtweiber-Star Murathan Muslu als stiernackiger Grimm und vor allem Omid Memar als völlig unberechenbarer, psychisch labiler Hysteriker geben dem Nervenkrieg noch mehr Zunder, und selbst hat man bald das Gefühl, sich ebenfalls anschnallen zu müssen, um nicht panisch irgendwo hinzurennen.

Action muss längst nicht mehr Kawumm sein, Action kann auch assoziativ sein oder einfach in der Ungewissheit über das unmittelbar Bevorstehende liegen. Das Ganze so zu implementieren ist Vollrath gelungen, nämlich mit den wenigsten Mitteln das Bestmögliche herauszuholen. Lange schon war ein Film nicht mehr so spannend und nervenaufreibend wie dieser.

7500

Tyler Rake: Extraction

ICH HAU´ DICH DA RAUS

6,5/10

 

extraction© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: SAM HARGRAVE

DREHBUCH: JOE RUSSO

CAST: CHRIS HEMSWORTH, RUDHRAKSH JAISWAL, RANDEEP HOODA, GOLSHIFTEH FARAHANI, DAVID HARBOUR U. A. 

 

Über Chris Hemsworth kann man sich durchaus amüsieren, wenn er sich als schmerbäuchige Dude-Version des Donnergottes aufrappelt, um mit den übrigen Avengers die Welt zu retten. Klar, seine Einlagen waren das Highlight von Marvels Grande Finale schlechthin. Aber: Chris Hemsworth gibt es auch auf ernst. Auf etwas zu ernst zwar, aber auf rambomäßig ernst, traumatisiert und todesmutig, wie seinerzeit der zur Ikone gewordene Vietnamveteran, dessen Heimkehr ins Amiland auf Widerstand stieß. Hemsworth gibt in Tyler Rake: Extraction einen Helden, der genauso wenig zu verlieren hat.

Das sind die besten. Damit lässt sich auch relativ plausibel etwas ins Drehbuch klopfen, das als recht ordentlich verschweißtes Grundgerüst für einen Actionfilm herhalten muss, der bis auf einen keine Gefangenen machen soll, und Stückchen zu spielen bereit ist, die Fans der kinematographischen Gewaltbühne in die erste Reihe drängen lassen. Die Gebrüder Russo, die ihr Talent für detailreiche Götterdämmerungen unter Beweis gestellt hatten, warten nun mit einem deutlich schlichteren, wenn nicht gar eindimensionalen Drehbuch auf, dass aber seine Plot-Points nach bestehendem Know-How erwähnter Schreiberlinge richtig gesetzt hat. Eine schwere Aufgabe? Womöglich nicht. Viel schwieriger könnte es gewesen sein, für die relativ abgedroschene Problematik rund um einen entführten Gangstersohn und dessen darauffolgende Befreiung, die natürlich nicht glatt verläuft, sonst hätten wir einen Kurzfilm, neues oder bewährtes, aber anspruchsvoll aufbereitetes Bildmaterial zu finden. Mit Newton Thomas Sigel als Kameramann (siehe Bohemian Raphsody, einige X-Men-Filme) dürfte das gelungen sein. Tyler Rake: Extraction (oder im Original nur Extraction, weil Tyler Rake hilft mir im Titel auch nicht viel weiter, es sei denn, daraus soll eine Filmreihe wie bei Jack Reacher werden) ist ein klassischer Actionreißer vor exotischer Kulisse, der vor allem durch die klare, energetische Aufdröselung martialischen Kräftemessens und Entledigens böser Buben besticht. Das macht der Film immerhin ausgezeichnet.

Dhaka, die Hauptstadt Bangladeschs, die schwülheißen Tropen und ein verschimmelt-schmutziger Moloch als Kulisse für eine Befreiungsaktion zu wählen, ist für die Sache schon mal gewinnbringend. Worin Chris Hemsworth eintaucht, das ist ein Ballungszentrum an Armut, Improvisation und hepatitischer Sonne, die da stechend vom Himmel scheint und meist aber am Horizont verweilt, da das fiebrige Licht die Action besser ausleuchten kann und der ganzen Szenerie ganz einfach einen theatralischen Touch verleiht. Alte Schule, wohl klar. Aber immer noch wirksam. Tyler Rake also taucht ein in diesen Sumpf und muss diesen Jungen befreien, hat ihn natürlich bald unter seinen Fittichen, muss sich aber durchkämpfen wie seinerzeit Kurt Russel als Klapperschlange durch ein zum Gefängnis umfunktioniertes L.A., um den Präsidenten rauszuboxen. In manchen, vor allem in den nächtlichen Szenen, kokettiert der Film mit John Carpenter, in anderen Szenen dann wieder wie Rambo – und wenn es so wirklich heiß hergeht, könnte Black Hawk Down von Ridley Scott nicht weit sein.

Diese Ein-Mann-Armee Hemsworth, die bietet gehörig Paroli, dabei entfesselt selbige Haudrauf- und Balleraction wie aus einem Kriegsfilm. Nebenbei leidet der Mann bis knapp vor dem Selbstmitleid. Und dann wird’s auch schon bravourös pathetisch, wenn der Klimax des Kawumm-Abenteuers in heroischer Selbstlosigkeit, Zeitlupe und Tränen gipfelt. Das klingt nach Peter Berg, es fehlt aber Mark Wahlberg. Den gibt’s auch im Netflix-Bauchladen, als Spenser Confidential. Aber konzentrieren wir uns lieber auf Tyler Rake, der nichts, oder doch plötzlich wieder was zu verlieren hat, und einen gesichtslosen Leichenberg hinter sich herzieht, der Moral mit Genugtuung wieder zum Verwechseln ähnlich sehen lässt. Klar ist es Action, die nicht differenziert, den Helden Blut schwitzen lässt. Das ist ein bewährtes Konzept, allerdings klasse choreographiert, photographiert und bis zuletzt ohne Seitenstechen.

Tyler Rake: Extraction

Sweethearts

GERMANY´S NEXT SCREAM QUEEN

5/10

 

sweethearts© 2019 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: KAROLINE HERFURTH

CAST: KAROLINE HERFURTH, HANNAH HERZSPRUNG, FREDERICK LAU, ANNEKE KIM SARNAU, CORDULA STRATMANN U. A.

 

Sie haben es schon wieder getan – diese Handvoll smarter Filmschaffender, die schon seit geraumer Zeit das deutsche Kino verwöhnen. Begonnen hat das damals alles mit Til Schweiger, dem das Schauspielen nicht mehr genug war – und der jetzt auch schon – allerdings fast vergeblich und zum Leidwesen der Filmpresse – versucht, in Hollywood mit Stars wie Nick Nolte Fuß zu fassen. Nach ihm kamen dann Matthias Schweighöfer, stiltechnisch ganz im Fahrwasser von Vorbild Schweiger. Dann kam Florian David Fitz. Und dann – ja, dann Karoline Herfurth. Weil Schauspielen allein, das reicht nicht – oder doch? Vielleicht ergänzt das die Sicht auf die eigene Profession ja so dermaßen, dass man das einfach einmal gemacht haben muss. Doch was sagte Brad Pitt kürzlich bei einem Interview zu Ad Astra? „Dort draußen gibt es so viele großartige Regisseure, dass ich nicht wüsste, warum es da auch noch mich bräuchte“. Wahre Wörter. Ohnehin hat Pitt genug damit zu tun, seine Produktionsfirma Plan B auch noch zu hosten. Also ein Muss ist der Sprung ins Regiefach nicht wirklich, es sei denn, man will als Schauspieler mal so richtig so sein dürfen, wie man gerne wollen würde. Das heißt: niemand sagt dir, wann du deine Figur, die du dir vielleicht sogar selbst an den Leib geschrieben hast (wie hier der Fall) wie anzulegen hast. Karoline Herfurth kann also herumschreien wie sie will, und auch noch so allerhand schräges Verhalten an den Tag legen. Und sich selbst so richtig in den Mittelpunkt stellen. Das hat seinen Reiz, macht einen zum Wiederholungstäter. Und das Ego dankt.

Wobei das am besten mit Neurotikern funktioniert. Neurotiker und psychisch labile Zeitgenossen sind im deutschen Dramödienfach im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig beliebt. Da lässt sich so herrlich überzeichnen, aber nicht so weit, dass der Eindruck entsteht, sich über soziale Defizite lustig zu machen. Nein, bei Filmen wie Sweethearts ist das Hadern mit der Neurose ein sympathischer Zug, etwas Skurril-Harmloses, vielleicht Nerviges, aber niemals etwas, dem man die Integration verwehrt. Herfurth setzt also in ihrer zweiten Regiearbeit nach SMS für Dich auf das Motto Scream Queen, und sie kreischt nicht nur ihrem Co-Star Hannah Herzsprung die Ohren voll. Sie quietscht und meckert auch so in der Gegend herum, natürlich zu Recht, denn sie wird entführt, muss eine Zeitlang trotz klaustrophobischer Schübe im Kofferraum ausharren und bekommt Knarren vorgehalten. Und das nur, weil sie ganz zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war. Immer wieder lustig, solche Zufallsbekanntschaften, wo sich zwei, die gegensätzlicher nicht sein können, zusammenraufen und letzten Endes füreinander da sind, koste es was es wolle – Lemmon und Matthau lassen grüßen. Das Grundprinzip solcher Buddy-Movies nutzt auch Herfurth nach Strich und Faden, und so wie bei den meisten Filmen von Schweiger, Schweighöfer und Fitz kann sie die konveniente und oft probierte Balance zwischen Situationskomik und Tragik halten, noch dazu in gefälliger, wenn auch routinierter Optik. Weh tut hier gar nichts, und all diese Filme fühlen sich unglaublich gleich an. Die, die als sympathische Identifikationsfiguren herhalten sollen, überraschen mitnichten mit keinerlei konterkarierten Wendungen.

Dennoch oder eben deshalb ist Sweethearts im Einheitsbrei der trendigen Schauspielregisseure relativ austauschbar, auch ziemlich vorhersehbar und eigentlich einzig durch das quirlige Spiel seiner rothaarigen Leading Woman einen Blick wert. Jedenfalls kann ich abschließend feststellen, dass, um es mit den Worten von Brad Bitt zu sagen, da draußen weitaus bessere Regisseure längst darauf warten, coole Stoffe zu verfilmen, die sich nicht zwingend um die eigene Person drehen müssen.

Sweethearts

Offenes Geheimnis

NICHT OHNE MEINE TOCHTER

4,5/10

 

offenesgeheimnis© 2018 Thimfilm

 

ORIGINALTITEL: TODOS LO SABEN (EVERYBODY KNOWS)

LAND: SPANIEN, FRANKREICH, ITALIEN 2018

REGIE: ASGHAR FARHADI

CAST: PENELOPE CRUZ, JAVIER BARDEM, RICARDO DARÍN, BÁRBARA LENNIE U. A.

 

In Fluch der Karibik haben sie es ganz knapp nicht geschafft, gemeinsam über die reling zu hechten. Penelope Cruz war in Fremde Gezeiten an der Seite von Jack Sparrow ein rassiger Sidekick, Javier Bardem eine Episode drauf die hinkende Wasserleiche Salazar. In Asghar Farhadis Kriminaldrama haben sie es dann doch geschafft. Oder wieder einmal. Denn kennen und lieben gelernt hatten sie sich eigentlich schon in Woody Allens Vicky Christina Barcelona. Und die beiden Filme sind nicht die einzigen, in denen sie Seite an Seite aus vollen Emotionen schöpfen konnten. Irgend so einen Film über Pablo Escobar gibt es da auch noch, der ist aber seltsam untergegangen. Asghar Farhadi aber übersehen Filmkenner natürlich nicht. Mit The Salesman hat sich der Iraner sogar den Goldjungen aus Los Angeles geholt. Sein Nachfolger zwei Jahre danach ist allerdings nicht ganz so vielschichtig geworden wie der frei nach Motiven von Arthur Millers Stück erzählte Diskurs über Genugtuung und Gerechtigkeit. In Offenes Geheimnis – oder viel griffiger im Original: Todos Lo Saben (was soviel heisst wie: Jeder weiß es) – nimmt das Schicksal mit einer üppigen Hochzeitsfeierlichkeit seinen Lauf. Die ganze unübersichtliche Familie kommt zusammen, irgendwo in Spanien in einer übersichtlichen Kleinstadt, schön rustikal und wo die Nachbarn auch nicht gleich die Polizei rufen, wenn bis spät in die Nacht feuchtfröhlich die Sau rausgelassen wird.
So ganze Familien haben da auch den oder die eine im Schlepptau, der den oder die andere schon lange nicht mehr gesehen hat. Und das vielleicht aus gutem Grund. Denn war man jung und neugierig, gab’s da schon pikante Liaisonen, die dann versandet sind – und vielleicht wieder nachhaltig an die Oberfläche schwappen, wenn genug getrunken wurde. Oder anderes im Argen liegt.

Bevor es aber so weit kommt, verschwindet die halbwüchsige Tochter von Filmmutter Penelope Cruz aus ihrem Zimmer, wohin sie sich mangels Wohlbefinden zurückgezogen hat. Klar, man kann ja nochmal eine Runde drehen und frische Luft schnappen, aber der Teenie ist wie vom Erdboden verschluckt. Weiterfeiern ist nicht, und plötzlich liegt das Wort Entführung in der Luft. Oder ist sie einfach nur abgehauen? Nichts Genaues weiß man nicht, nur, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Was folgt, ist ein Drama voll des Wartens, Harrens und Bangens. Natürlich auch des Suchens, doch das eher vergeblich. Die Familie hält natürlich zusammen, und auch all die alten Bekannten aus der guten alten Zeit zeigen sich motiviert. Das bringt Bardem und Cruz wieder auf Augenhöhe, und im Laufe der Ver- und Entwicklungen dieser undurchsichtigen Tragödie treten Geheimnisse zutage, die sowieso schon jeder geahnt hat. Das ist also das Offensichtliche, und für manche, oder gerade für jene, die es am meisten trifft, dann doch wieder eine erschütternd neue Erkenntnis.

Dabei ist die wirklich spannende Geschichte daran jene, die anfangs mit dem Fokus auf das nonkonforme Denken besagten verschwundenen Mädchens bereits schon drauf und dran war, eine Richtung einzuschlagen, die wohl mehr Gewicht gehabt hätte als das, was letzten Endes dabei herausgekommen ist. Asghar Farhadi ist wohl einer, der eher wenig mit taktisch wohlplatzierten Twists, die den Zuseher trotz einer recht tristen Geschichte bei Laune hält, anfangen kann. In Offenes Geheimnis bleibt die Hoffnung auf die Untergrabung der Erwartungen unerfüllt. Es kommt, was kommen muss, es bleibt alles auf mehr oder weniger geraden Bahnen, mit wenigen Kreuzungspunkten, die aber eigentlich auf der Hand gelegen wären. Nur – Farhadi ergreift sie nicht. Macht daraus keinen Konflikt der Generationen oder auch kein Geheimnis, dessen Lüftung erst so richtig die Katze aus dem Sack lassen würde. Nein, alles ist erahn- und erwartbar. Gedankenspiele vorab vergebene Liebesmüh. Immerhin ist Penelope Cruz verzweifelt genug, und Javier Bardem entsprechend erstaunt darüber, was ohnehin schon alle wissen. Ja, manchmal gneisst man es nicht gleich. Und ich weiß nicht, warum Farhadi es auch nicht gleich begriffen hat, dass sein Drehbuch, hätte es eine andere Wendung genommen, viel mehr Möglichkeiten gehabt hätte, so richtig genüsslich gesellschaftliche Dogmen vor sich herzutreiben anstatt diese nur mit sorgenvollen Blicken zu begleiten. Der ganze Film ist also auch für den Zuseher ein offenes Geheimnis, und ich weiß nicht welchen Reiz das ganze Dilemma dann noch hat, wenn der Unterschied zur finalen Episode einer breitgetretenen Soap nur mehr der ist, mit der spanischen Ausgabe von Brangelina auf Sieg zu setzen. Ein durchaus schwülstiges, eher uninspiriertes Drama also, das an die große Glocke hängt, was eigentlich niemand erwarten will, und im Endeffekt auch nicht sonderlich tangiert, sobald man es endlich weiß.

Offenes Geheimnis