Der Vorname

DAS KIND BEIM NAMEN NENNEN

4/10

 

vorname© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: SÖNKE WORTMANN

CAST: CHRISTOPH MARIA HERBST, FLORIAN DAVID FITZ, CAROLINE PETERS, JUSTUS VON DOHNÁNYI, JANINA UHSE, IRIS BERBEN U. A.

 

Sitzen, essen, trinken, anschauen lassen: die Quintessenz der jovialen Einladung, ob mit oder ohne Familie, lässt sich auf ein paar Faustregeln herunterbrechen. Beim fröhlichen Beisammensitzen, am Besten noch nach einem anstrengenden Arbeitstag, ist so ein Geplauder ohne Alkohol ja gar nicht auszuhalten. Was man sich zu erzählen hat, ist längst schon gesagt, zu diskutieren gibt es auch nichts, denn jeder schaltet auf stur und hat prinzipiell mal Recht. Gerne lassen sich Dinge wiederholen, an die sich der oder die andere sowieso nicht mehr erinnern will, weil es ohnehin nicht wirklich relevant war. Und im Mittelpunkt, in seiner eigenen Blase, da bleibt sowieso nur jeder oder jede mit sich selber allein. Irgendwann wird aber auch das langweilig – und dann hilft nur die wortgewandte Provokation von Seiten jener, die glauben, klüger zu sein als die anderen. Zündstoff für einen feuchtfröhlichen Abend also, der lässt sich watscheneinfach entfachen, zum Beispiel damit, wie der zukünftig jüngste Sproß der Familie denn eigentlich heissen soll. Gut, das Kind wird alsbald beim Namen genannt. Und alle, die das französische Original kennen, werden wissen, zu welchen regressiven Mitteln da der werdende Papa greifen wird.

Das kommt nicht gut an, zumindest nicht beim belesenen Schwager. Die Schwester nimmt´s gelassen. Und der Hausfreund hat sowieso eigene Geheimnisse, die eigentlich nicht zur Sache stehen, aber ab da würde es eigentlich erst richtig interessant werden, wenn nämlich Unbequemes ans Tageslicht kommt. Da sich aber alle so gut kennen, können die Fetzen ja fliegen, ohne nachhaltig den Zusammenhalt zu schädigen, oder nicht? Jedenfalls ist Der Vorname ein Kammerspiel, ungefähr so eines wie Sally Potters The Party mit Kristin Scott Thomas und Timothy Spall, das im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens sämtliche Hüllen fallen lässt. Wobei doch alles nur mit einer Provokation begonnen hat, und nur, weil ein Name fällt, der stellvertretend für alle Tabus dieser westlichen Welt den Anstand mit Füßen tritt.

Der Witz, der ist in Sönke Wortmanns Remake des ungefähr genauso schwachen Originals schnell einer von der mühsamen Sorte. Na gut, zugegeben, Christoph Maria Herbst als Uni-Geistesblitz mit abfälligem Gehabe ist sehenswert, sein näselndes Timbre immer wieder gern zu hören. Mit ihm zu Tisch sitzen Florian David Fitz als stichelnder Provokateur, Gastgeberin Caroline Peters (u. a. Womit haben wir das verdient?) und Justus von Dohnány als Jugendfreund. Etwas später kommt dann noch die werdende Kindesmutter hereingeschneit, die den Stein des Anstoßes gleich sichtbar für alle vor sich herträgt. Ich für meinen Teil wäre da nach einer halben Stunde schon aufgesprungen, mit der Ausrede, morgen früh raus zu müssen. Denn was folgt, ist ein sekkantes Geplänkel, ein unentwegtes Auf-den-Schlips-treten und Polemisieren. Dieser Film lässt sich, ist man dreist genug dazu, auch im eigenen Familienkreis womöglich mit noch mehr Impact nachspielen, da hätte ich auch mehr davon, und womöglich wäre es auch nachhaltiger. In Der Vorname tut jeder, was er kann, um sich im Ton zu vergreifen, was aber irgendwie enorm aufgesetzt wirkt. Absichtlich alles in den falschen Hals zu bekommen ist aber immerhin auch eine Art kribbelnder Zeitvertreib für die gefällige Art des Wohlstandskinos.

Der Vorname

Der Affront

VOM HINHALTEN DER ANDEREN BACKE

8/10

 

affront© 2018 Filmladen

 

LAND: FRANKREICH, LIBANON 2017

REGIE: ZIAD DOUEIRI

CAST: ADEL KARAM, RITY HAYEK, KAMEL EL BASHA, CHRISTINE CHOUEIRI U. A.

 

Ich wäre dankbar dafür, würden Bauarbeiter an meiner Haustür läuten und mich darauf aufmerksam machen, dass mein Abfluss defekt ist. Wenn sie sich noch dazu bereit erklären würden, diesen zu reparieren, würde ich ihnen, und das wäre das mindeste, sogar einen Kaffee spendieren, vom Trinkgeld im Nachhinein mal abgesehen. Allerdings läuft sowas nicht ganz so geschmeidig ab, wenn wir uns im Libanon befinden, genauer gesagt in Beirut. Um zu verstehen, warum eine Hilfestellung wie diese zu einem handfesten Affront wird, wäre es natürlich nicht schlecht, die politische Geschichte des Landes zumindest rudimentär zu kennen. Falls dem nicht so ist, macht das auch nichts, es wäre nur eine Fleißaufgabe vorab, um noch leichter in die Tragödie hineinzufinden, die sich scheinbar im Zeitraffer hochschraubt wie ein Kettenkarussell. In Beirut also lässt der libanesische Christ Toni den Palästinenser Yasser natürlich nicht in die Wohnung. Einfach, weil er ein muslimischer Flüchtling ist, in diesem Land nichts verloren hat und schon gar nicht Hand anlegen darf an etwas, dass einem patriotischen Christen gehört. Yasser muss das Problem mit dem illegalen Abfluss aber im Rahmen seiner Arbeit trotzdem irgendwie lösen – und wird daraufhin von Toni beschimpft. Der schimpft natürlich zurück – und die Wogen schaukeln sich hoch. Eine verbale Ohrfeige folgt der anderen, keiner ist bereit, klein beizugeben. Weder der Palästinenser noch der Christ. Der Streit ist natürlich ein Sinnbild für etwas viel größeres, das hinter der Fassade augenscheinlicher Toleranz schwelt. Nämlich der Hass auf Einwanderer aus dem Süden, die allesamt verantwortlich gemacht werden für einen Krieg, der noch viel weiter zurückliegt, und der aus Flüchtlingen automatisch verdächtige Terroristen macht.

Der Libanese Ziad Doueiri, langjähriger Kameraassistent bei Quentin Tarantino, hat mit Der Affront ein bemerkenswertes Politdrama entworfen. Nicht nur eben inszeniert, sondern auch geschrieben. Die Idee, das Misstrauen zweier Völker auf dem Rücken zweier Männer austragen zu lassen, die in ihrer Überzeugung, das Recht auf ihrer Seite zu haben, sogar bis vors Gericht gehen, damit lässt sich nicht nur die sensible Lage im Nahen Osten sezieren. Was als bürgerliche Miniatur aus dem Randbezirk beginnt, mutiert zu flächendeckender Unruhe. Damit lässt sich generell, und zwar auf einer übergeordneten Metaebene, die Mechanismen eines ethnisch bedingten Konfliktes analysieren, wenn nicht gar die Mechanismen von Streit an sich. Dass der Klügere nachgibt, wie es so schön heißt, das reduziert sich auf eine wohlmeinende Floskel, die vergisst, mit Emotionen zu kalkulieren. Emotionen, die lassen nicht mehr klar denken, geschweige denn klug. Denn wer klug ist, sollte erstmal gelassen sein. Angesichts finsterer Erinnerungen, die den Christen Toni plagen, ein Ding der Unmöglichkeit. Wobei gerade da die größte Herausforderung jene ist, trotz allem einen Schritt zurück zumachen und die Situation aus konfliktberuhigter Lage zu betrachten. Um dann auch noch die andere Backe hinzuhalten, die Hand zum Friedensschluss zu reichen. Den Kreislauf der Fehde zu unterbrechen und Schwammdrüber zu machen, über alles was war. Im Nahen Osten aber, da herrscht noch vehementer als bei uns das Bewusstsein, einem Volk anzugehören. Diese Zwangsgemeinschaft großer Weltreligionen, die sich noch dazu ethnisch unterscheiden, können im Kampf für ihre Grundrechte jeden gebrauchen. Das weiß der Einzelne, das weiß auch Toni und Yasser. Aber wann ist das Wettrüsten zum eigenen Stolz am Ende? Wann wird aus Stolz kindischer Trotz? Und kann man irgendwann, wenn es schon so heiß köchelt, nochmal umkehren und die Wurzeln der Diskrepanz in neue Erde setzen?

Der Affront will den Versuch wagen. Doueiris Film denkt sein Szenario konsequent und diszipliniert zu Ende, während die urbanen Massen kurz davor sind, ihre Disziplin zu verlieren. Dabei erinnert Doueiris Herangehensweise an jener des Iraners Ashgar Farhadi, der zum Beispiel mit Werken wie The Salesman ähnlich gesellschaftskritische Beobachtungen liefert. Das gleichnishafte Drama bringt den Konflikt vor Gericht, versucht dabei, nicht Partei zu beziehen. Lässt festgefahrene Blindwütigkeit und eitle Sturheit auseinandernehmen, bis der Kern des Problems ans Licht tritt. Das ist spannend, höchst brisant und aufwühlend, weil es eben nicht nur um den Nahen Osten geht, sondern um Vorbehalte an sich, die sich unter Warum-Fragen in blasser Transparenz verflüchtigen sollen. Was bleibt, ist ratlose Scham und gegenseitiges Verständnis. Bis es mal tatsächlich so weit kommt, braucht es natürlich mehr als einen Film wie diesen, der viel will, aber auch viel erreicht. Der Affront ist ein guter Anfang. Und ein zeitlos relevantes Werk, dass, gäbe es einen Friedensnobelpreis für Filme, diesen verdient hätte.

Der Affront

Am Strand

GESTERN, HEUTE, MORGEN

7,5/10

 

amstrand© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DOMINIC COOKE

CAST: SAOIRSE RONAN, BILLY HOWLE, EMILY WATSON, ANNE-MARIE DUFF U. A.

 

Harry & Sally haben schon in den 80ern versucht, zu beweisen, dass nicht gleichgeschlechtliche Freundschaften ohne sexuelle Komponente einfach nicht möglich sind. Da gab es damals noch genug zu schmunzeln. Das gibt es 2018 mit der Verfilmung der 2007 entstandenen Novelle Am Strand von Autor Ian McEwan nicht mehr. Wobei die Geschichte zweier Liebender eine ganz andere ist. Aber doch sehr viel mit Freundschaft, Partnerschaft und letztendlich Sex zu tun hat. Und dieser Sex, dieses große Tabuthema, dieses Etwas, worüber Mann und Frau nicht spricht, schon gar nicht Anfang der 60er Jahre – der kann vielmehr oder alles ruinieren anstatt auch nur irgendetwas zu richten. Und das, bevor er überhaupt jemals Teil einer Beziehung wird. Denn eine Beziehung, keine freundschaftliche, sondern eine eheliche – die will natürlich vollzogen werden. Das langjährige Partnerschaften irgendwann fast oder ganz ohne Intimitäten auskommen können, ist sicherlich, so wage ich zu behaupten, keine Seltenheit. Deshalb muss eine solche nicht gleich vor der Kippe stehen, sondern, ganz im Gegenteil, beständiger sein als andere. Das Partnerschaften gleich anfangs Probleme damit haben, Intimitäten zu leben, ist dann doch eher selten. Und vielleicht auch ein Grund zur Trennung. Denn ganz so nebensächlich ist Lust und körperliche Liebe ganz sicher nicht. Vor allem auch, wenn Nachwuchs geplant werden will. Da aber in den prüden frühen 60ern Sex so gut wie unkommentiert bleibt, führen unterschiedliche Erwartungshaltungen zu schwerwiegenden Missverständnissen, die sogar taufrische Bündnisse fürs Leben nach nur wenigen Stunden bereits in den Abgrund stürzen.

Dieses Dilemma aus Erwartung, Angst und ehelichen Pflichten ist dann auch das Fallbeil, dass auf die kokette Florence und ihren angetrauten, selbstzweifelnden Edward niedersaust. Die Zukunft, die sich beide wohl in ihrer ungestümen, jugendlichen Phase des Kennen- und Liebenlernens wohl ausgemalt haben, wird urplötzlich schwarz überpinselt, als in einem Hotel am Chesil Beach die innersten Befürchtungen der beiden nach außen gekehrt werden. Nämlich, dass Zuneigung und Vertrauen eine Sache sind, sexuelles Begehren eine andere. Und dann kommt der point of no return, wenn das flitterwöchentliche Himmelbett nur darauf wartet, eingeweiht zu werden. Plötzlich sind sich die beiden Turteltauben fremder denn je. Der Druck, alles richtig zu machen, trifft auf die Furcht vor dem Koitus an sich, und nichts ist mehr so, wie es am Tage zuvor noch war. Dem Versagen von beiden Seiten folgt die Erkenntnis eines verheerenden Scheiterns, sowohl auf kommunikativer als auch auf emotionaler Ebene.

Regisseur Dominic Cooke findet für seine so behutsame wie ansprechende Verfilmung von McEwan´s Novelle berührend anmutige, expressive Bilder. Ganz besonders die Schlüsselszenen am Strand vor regenschwerer Wolkenbank, davor ein Boot und Saoirse Ronan in blauem Kleid. Es sind Stimmungen wie aus den Bildern eines Edward Hopper, Neue Sachlichkeit trifft auf reduktionistische Poesie. Billy Howle als der entrüstete Bräutigam Edward sagt Worte, die irreparablen Schaden anrichten, bis er gar nichts mehr sagt. Und Kompromisse für ein Lebensglück kein Thema sind. Ronan, zuletzt in Lady Bird wirklich überzeugend resolut und verträumt, verleiht ihrer jungen Florence, die mit einer dunklen Vergangenheit hadert und sich nach bedingungsloser Nähe sehnt, so etwas wie verzweifelte Zuversicht, sofern es so etwas gibt. Bis diese im Sand verläuft und bitterer Enttäuschung weicht. Beide Protagonisten meistern trotz ihrer Verantwortung für das Gelingen dieses Filmes ihre Rollen mit zielsicherem Gespür für Situationen und dem gesellschaftlichen Umfeld einer Zeit lange vor deren Geburt. Am Strand hat fast schon epischen Charakter, erzählt in stetem Wechsel von vergangenen Momenten und der Zukunft eines versäumten Lebens. Und von einer Chance, die niemals wiederkehrt und einem gemeinsamem Glück, das womöglich funktioniert hätte, hätten beide einander zugehört. Am Strand ist die Schilderung eines Lebens, in der zwei Liebende irgendwann nichts mehr voneinander wussten und zugeschlagene Türen nicht mehr zu öffnen sind. Ein schöner, schmerzlicher, faszinierender Film über Erwartung und Enttäuschung. Nicht wirklich erbaulich, dafür aber sehnsüchtig, wie der Blick aufs Meer, vom Strand aus.

Am Strand

Mit dem Herz durch die Wand

GEGEN DIE WAND GEREDET

7/10

 

herzwand

LAND: FRANKREICH 2014
REGIE: CLOVIS CORNILLAC
MIT CLOVIS CORNILLAC, MÉLANIE BERNIER, PHILIPPE DUQUESNE U.A.

 

Was wäre das doch für ein Boulevardstück, geeignet für die Unterhaltungsbühne. Kokettes Theater, das sich großer Beliebtheit erfreut. Am Liebsten um Silvester herum. Zwei Wohnungen, leicht darzustellen. In der Mitte eine Wand. Und um diese Wand, um die geht’s. Links lebt ein kreativer Misanthrop, der seine Zeit damit zubringt, haarsträubend komplizierte Gesellschaftsspiele zu erfinden und dazu absolute Ruhe braucht. Rechts zieht eine Musikerin ein. Und das geht einmal gar nicht. Die Wände sind zu dünn, und da man links jeden Pupser hört, sollte rechts besser niemand wohnen.

Ruhestörungen am laufenden Band, und die Retourkutsche folgt stets auf dem Fuß. Eine witzige Idee, Kurzweil ist hier Programm. Nicht nur im Genre der französischen Romantikkomödie heißt die Devise: Was sich liebt, das neckt sich. Doch von Liebe ist zunächst mal keine Spur. Der Hass lässt sich hier häuslich nieder. Und Gemeinheiten sorgen für Lacher aus dem Auditorium. Sofern es ein Boulevardstück ist. Mit dem Herz durch die Wand ist aber eine Filmkomödie. Besser gesagt das Regiedebüt von „Asterix“ Clovis Cornillac, an dem der Franzose selber mitgeschrieben hat. Entstanden ist ein Liebesfilm voller Esprit. Die sich zankenden Nachbarn agieren aufgeweckt, schlagfertig und alles andere als schwermütig. Wieder einmal schafft es der französische Film, eine weitere kleine, luftig leichte Komödie gewohnt bezaubernd auf die Leinwand zu pinseln. Und kein anderes Filmland kann in diesem Genre auch nur annähernd ähnliche Stärken entwickeln.

Mit dem Herz durch die Wand hat Charme, dort wo andere Filme in plumpen Kalauern unter der Gürtellinie bruchlanden. Es hat dort Witz, wo andere ihre Figuren zum Fremdschämen überreagieren lassen. Und es überrascht, wo andere vorhersehbar werden. Zugegeben, Cornillac´s Film überrascht am Ende auch nicht. Doch der Weg zur Eintracht ist jenseits jeden Mietrechts mit pfiffigen Streichen und smarten Dialogen gepflastert.

Ja, so klappt´s auch mit dem Nachbarn.

Mit dem Herz durch die Wand

Sture Böcke

BRÜDER IN DER NOT

7/10

 

stureboecke

LAND: ISLAND 2015
REGIE: GRIMUR HAKORNASON
MIT SIGURDUR SIGURJONNSON, THEODOR JULIUSSON 

 

Ein Leben ohne Schafe ist doof. Ein Leben in der Einsamkeit, irgendwo zwischen den unwirtlichen Hügel Islands ebenso. Dabei wäre diese Tristesse gar nicht notwendig. Wäre da nicht dieser Bruderzwist. Aber den kann Mann jahrzehntelang hinnehmen, solange Mann seine Schafe hat. Die Schafe, die sind das um und auf hier draußen im Norden. Mit den Schafen steht man morgens auf und legt sich abends ins Bett. Da kräht kein Hahn mehr. Da blöken Schafe. Und die übertönen die zum Himmel schreiende Ignoranz zwischen den benachbarten Brüdern. Bis es soweit kommen muss – bis eines der Schafe an Scrapie erkrankt, einer dem BSE ähnlichen Gehirnkrankheit, die sich womöglich auch auf den Menschen übertragen kann. Aus ist’s mit dem Schäfchenzählen. Die beiden rauschebärtigen Brummbären sind von nun an auf sich allein gestellt – und, wie es der Zufall oder sogar das Schicksal will – plötzlich aufeinander angewiesen.

So unwirtlich, rau und spröde der Menschenschlag, die Gegend und das Austauschen von Höflichkeiten, so unwirtlich, rau und spröde ist Grimur Hakornason´s Film geworden. Ein typisch isländischer, gnadenlos lakonischer Heimatfilm. Skurril zwar, aber keinstenfalls gewollt humorvoll, sondern vielmehr tragisch und bitter. Es ist ein Film, der Liebhabern von Shaun, dem Schaf oder verloren dreinblickendem Wollvieh aller Art die Tränen in die Augen treiben wird. Dabei gibt es, wenn ich mir die Neugründung eines kinematographischen Subgenres erlauben darf, unter den Schaf-Filmen gar nicht mal so wenige Kandidaten. Ich brauche zwar keine zwei Hände dafür, aber eine alleine wird schon knapp. Von Sheridan´s Das Feld über Ein Schweinchen namens Babe bis zu dem Horrortrash Black Sheep erfreuen sich die streichelfreudigen Wiederkäuer einer gewissen schrägen Beliebtheit. Und man muss diese Tiere einfach gerne haben, mit oder ohne Hörner. Als Lamm oder Bock. Als Weste oder Feta. Genauso geht es den beiden älteren Herren, die in der Not wieder zueinander finden, obwohl man im Laufe des Films nie so genau weiß, auf welcher enttäuschenden Erfahrung das frostige Verhältnis der beiden überhaupt beruht. Doch wie das bei innerfamiliären Zwistigkeiten meist so ist, will keiner der beteiligten Parteien der Klügere sein und nachgeben. So eine Sturheit bleibt nur noch zum Selbstzweck aufrecht, die Gründe dafür sind dann meist vergessen.

So fällt auch in Sture Böcke kaum ein Wort darüber, was gewesen ist. Und es fallen auch sonst keine vielen Worte zwischen den beiden Männern. Ihr Sprachschatz ist von gebärdender Natur, ihr Tun spricht Bände. Wenn es um die gemeinsame Existenz geht, gehen die Brüder aufs Ganze. Und am Ende, da zeigt das isländische Kino wieder einmal, wie unkonventionell anders es sein kann – und darf. Nicht umsonst beweisen Werke wie Virgin Mountain oder Noi Albinoi eine gewisse gesunde Ignoranz gegen gefällige Sehgewohnheiten. Diese Filme bleiben sich selbst treu und sind meist bereichernd. Und Sture Böcke, der gehört fortan auch dazu.

Sture Böcke