Smoking Gun

SCHÖNES FRÄULEIN, DARF ICH´S WAGEN?

7,5/10

 

damsel_pHcHoj© 2018 Universal Pictures

 

ORIGINALTITEL: DAMSEL

REGIE: DAVID & NATHAN ZELLNER

CAST: ROBERT PATTINSON, MIA WASIKOWSKA, DAVID ZELLNER, NATHAN ZELLNER, JOSEPH BILLINGIERE, ROBERT FORSTER U. A.

 

Edward Cullen ist zurück! Für jene, die Twilight nicht kennen: es ist der Vampir, der tagsüber funkelt wie ein Swarovski-Kristall, auf Debussy steht und überhaupt auf sterbliche Oberstufenschülerinnen wie Kristen Stewart eine war. Bevor nun aber falsche Hoffnungen aufkommen: nicht Cullen selbst ist zurück, sondern der, der ihn so erfolgreich und Hype-anfällig gespielt hat – nämlich Robert Pattinson. Wie wir Filmfreunde natürlich alle gelesen haben, wird Pattinson als möglicher neuer Batman gehandelt (mittlerweile ist es fix!). Geht denn das? Nun, ich meine: Ja, sehr gut sogar. Auch Pattinson wird älter, reifer und differenzierter in seinem Schauspiel. Ist zwischen eingangs erwähnter Blockbuster-Reihe und aktuellem Stand Gefahr gelaufen, im natürlich nicht zu verachtenden Low-Budget-Arthousekino zu stranden. Und gerade eben ist der ehemalige oder Immer-noch-Mädchenschwarm im Science-Fiction-Film High Life zu sehen, an der Seite von Juliette Binoche. Vom Raumanzug ist es kein weiter Sprung mehr ins Bat-Suit. Zwischendurch kann er ja mal halt machen und sich das Schießeisen umschnallen. Was er mittlerweile auch schon getan hat. Und zwar in einem Western, der so abseits des Mainstreams vor sich hin flaniert, dass ihn wohl kaum einer bislang bemerkt haben wird. Was aber ein Fehler ist. Denn der Film mit dem sträflich kaputtgedeutschenglischten Titel Smoking Gun ist ein – und das wage ich zu behaupten – so kleiner wie feiner Geheimtipp, der den unorthodoxen Geist eines Jim Jarmusch atmet und die Westernanthologie von Joel & Ethan Coen, nämlich The Ballad of Buster Scruggs elegant bei sich einhaken lässt.

Gut, im Original heißt das seltsame Stelldichein zwischen Birkenwäldern und freakigen Saloons Damsel – ein Wort, dass wohl kaum mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit im täglichen Sprachgebrauch zu finden sein wird. Damsel steht umgangssprachlich für ein Fräulein nach altem Geschlechterbild, das unbedingt von einem starken männlichen Helden vor was auch immer gerettet werden muss. Diese Damsel spielt Mia Wasikowska – bewährte Alice unter der Fuchtel von Tim Burton und tougher Stiefvaterschreck in Park Chan Woks Stoker. Das angeblich zartbesaitete Fräulein ist entführt worden – und der liebestrunkene Vagabund Samuel (eben Pattinson) will sie befreien, sind doch beide längstens verlobt und füreinander bestimmt. Dem prärietauglichen Minnesänger zur Seite: auch so ein Loser, ein falscher Prediger unter dem Herrn, der die beiden nach geglücktem Heldenakt stante pede trauen soll. Das Problem dabei: nichts passiert, wie es passieren soll. Und die Karten werden im Viertelstundentakt neu gemischt. Und niemand, der auch nur glaubt, die Handlung dieses Films im Voraus erahnen zu können, wird diese Wette gewinnen. Smoking Gun ist wie ein Taschenspielertrick am Straßenrand, wie das obligate Hütchenspiel, wo seltsamerweise die Murmel immer dort ist, wo sie nicht sein kann. Das ist verblüffend. Und in ungefähr so ähnliche schenkelklopfend staunende Zwischenwelten tauchen die Gebrüder Zellner ihren skurrilen Schwank, der mit seltsam verträumten Bildimpressionen aufwartet, um dann wieder in clownesker Italowestern-Manier a la Sergio Corbucci Heldenapotheosen vom Himmel zu holen und Männer- wie Frauenrollen zu karikieren.

Diese Gebrüder Zellner, mir bis dato völlig unbekannt, werde ich zukünftig genauer verfolgen. Im Grunde hecken sie ähnliche Dinge aus wie die Coens, schreiben selbst, inszenieren selbst, doch was sie von den anderen unterscheidet, ist, dass sie sogar selbst mitspielen. Und wäre das nicht der Fall gewesen, wäre die ganze schlendernde Westerngroteske, die vor allem anfangs an Szenen absurder Theaterstücke eines Ionesco oder Beckett erinnern, nur halb so süffisant gewesen. David Zellner als Pastor wider Willen spielt das Häufchen Elend mit selbstverachtender Inbrunst, weiß sich weder da noch dort zu helfen und erbittet händeringend beim großen Manitu um das Glück, das man doch zur Zeit der großen Treks doch im Westen finden kann, oder etwa nicht? Ja, so ist das mit den Mythen. Da wird ordentlich aufgeräumt, in Smoking Gun. Melancholische Bitternis wie bei Buster Scruggs sucht man allerdings vergebens – das ist aber auch nicht weiter schlimm. Schlimm genug sind all die Wendungen, die aus völlig verklärter Liebe völlig außer Kontrolle geraten. Smoking Gun ist ein ungewöhnlicher, leichtfüßiger Spaß, der die Kugeln aus verbogenen Gewehrläufen niemals gerade fliegen lässt und neugierig macht auf das bisherige Repertoire der Zellners. Howdy, kann ich da nur sagen. Und wer kann, der greife zur Gitarre und schrummt mal ein bisschen mit.

Smoking Gun

Colossal

MONSTERMÄSSIG DANEBEN BENOMMEN

7/10

 

colossal© 2017 Universum Film

 

LAND: SPANIEN, KANADA, USA, SÜDKOREA 2017

REGIE: NACHO VIGALONDO

MIT ANNE HATHAWAY, JASON SUDEIKIS, DAN STEVENS, TIM BLAKE NELSON U. A.

 

Wirklich mal so richtig die Sau rauslassen. Sich einfach gehen lassen. Wer würde das nicht gern? Vor allem dann, wenn vieles einfach nur stinkt. Und sich das Leben gerade von seiner abstoßendsten Seite zeigt. Da würde man gerne mal so wie Michael Douglas als D-Fens in Falling Down den Alltag einer Großstadt unsicher machen. Aber bei den meisten von uns sind das lediglich zollfreie Gedanken, die sich davor hüten, Wirklichkeit zu werden. Ausnahmen gibt es leider. Amok an Schulen, Amok auf Brücken, Weihnachtsmärkten, bevorzugt zu touristischen Stoßzeiten. Diese Individuen, sie kotzen sich aus, auf Kosten der anderen. In vollem irrationalen Bewusstsein entfesseln sie ein Monster, das alles zerstört, was ihm in den Weg kommt. Wie ein Golem, ein Frankenstein, der ausbricht und eine Spur der Verwüstung durch die urbane Landschaft zieht. Und dann gibt es aber Leute, deren Leben sich zwar auch auf Talfahrt befindet, die aber nicht merken, dass ihr entfesseltes Monster nicht weniger gebärdungsfreudig durch die Straßen strolcht und das Leben anderer beeinflusst. Man kann sich also nicht so einfach gehen lassen. Nicht, wenn es die Freiheit des anderen einschränkt. Und genau das wäre meine Prämisse für eines der kuriosesten Filmerlebnisse der letzten Zeit.

Der spanische Regisseur Nacho Vigalondo muss womöglich Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, die in ihrer egomanischen Ignoranz nicht nur sich selbst, sondern auch andere ruiniert haben. Die in ihrem andauernden Kreisen um ihre eigene Person vergessen, dass das Menschsein vor allem eines ist – Leben in der Gemeinschaft. Das beginnt bei der Partnerschaft und reicht bis zum Miteinander aus Sicht der Weltbevölkerung. Es wäre wirklich wünschenswert, die Selbstreflexion bei all diesen Mitmenschen, die uns umgeben, als selbstverständlich zu erachten. Doch was nicht ist, wird zumindest nicht in absehbarer Zeit besser. Besser wird’s auch nicht im Leben von Anne Hathaway, die sich als arbeitslose Mittdreißigerin so ziemlich hängen und das Chaos walten lässt. Geregeltes Leben – Können vor Lachen. Und weil sie die Geduld ihres Lebenspartners über die Maßen strapaziert, fliegt sie auch in hohem Bogen aus der Wohnung – und kehrt ins verlassene Familienheim ihrer Kindheit zurück. Der Rezession nicht genug, trifft sie auch noch ihren alten Schulfreund, mit dem sie fortan abhängt und maximal als Teilzeitkraft in dessen Bar zu kellnern beginnt. Von da an wird’s skurril. Und es wäre zu vermuten, Drehbuch-Extremist Charlie Kaufman hätte wiedermal ordentlich in die Tastatur gehauen. Denn ein gigantisches Monster, ein Kaiju quasi, erscheint wie aus dem Nichts in der südkoreanischen Stadt Seoul. Das Phänomen ist weltweites Tagesthema Nr. 1 und dominiert die Schlagzeilen rauf und runter. Unglaublich, das sowas passiert, denkt sich Hathaway. Denken sich alle. Bis die verantwortungslose Dame erkennt, dass zwischen ihr und dem gigantischen Wesen eine Verbindung besteht.

Das klingt schrecklich bizarr, fast so abstrus wie Being John Malkovich. Jedenfalls gelingt es diesem Werk, zwei Filmgattungen zu kombinieren, die im Grunde überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Ein gewagter Mix, muss man schon sagen. Als würde die Monsterschau Pacific Rim die Verträglichkeitsprüfung für ein Young Adult-Psychodrama bestehen. Zugegeben, Action-Nerds werden sich ziemlich wundern – und enttäuscht von dannen ziehen. Der Pacific-Rim-Part hat schon seine Wucht, dient aber nur dazu, die Irrationalität menschlichen Verhaltens und der Bezwingung kenternder Lebensumstände Gestalt zu verleihen. Jason Sudeikis als unberechenbarer Sonderling fernab jeglichen Brachialhumors bietet einer entzückend konfusen Hathaway ordentlich Paroli – und auf welchem Wege und wie unerwartet sich die Sache weiterspinnt, ist faszinierend, wenn auch teilweise genauso konfus wie die Welt der beiden Freunde aus Kindertagen.

Colossal ist dennoch so versponnen wie erlebenswert. Nichts, was man schon gesehen hat. So einzigartig wie die Filme von Spike Jonze und so irritierend wie ein lebhafter Traum, dessen Stimmung man in den nächsten Tag mit hineinnimmt. Mag sein, dass meine Prämisse gar nicht das ist, was Vilagondo bezwecken wollte. Doch wie bei surrealen Gemälden oder dem Kino von David Lynch und ähnlich gelagerten Konsorten kann keine Interpretation wirklich falsch sein, vorausgesetzt man findet eine.

Colossal

Swiss Army Man

ZOMBIE FÜR ALLES

6,5/10

 

swissarmy

LAND: USA 2016
REGIE: DANIEL KWAN, DANIEL SCHEINERT
MIT PAUL DANO, DANIEL RADCLIFFE

 

Ein Furz geht um die Welt. Na gut, nicht um die Welt, dafür aber legt er eine ganz schöne Strecke zurück. Und dazu noch übers Meer. Welch ein Glück, dass der auf einer einsamen Insel gestrandete Schiffbrüchige namens Hank noch Zeichen und Wunder erlebt. Dieses Wunder erscheint in Gestalt einer Leiche, die über unerhört und unüberhörbar kraftvolle Flatulenzen verfügt. Wer nicht schon jetzt den Kinosaal verlassen oder den Film im Heimkino abgebrochen hat, wird vermutlich wissen wollen, was es mit diesem Phänomen auf sich hat. Eines kann ich gleich vorwegnehmen: Schlau wird keiner daraus. Dabei ist dieser bizarre Auftakt eines der wohl bizarrsten Filme der letzten Zeit erst der Anfang von noch mehr surrealen Begebenheiten, die zwischen Vorstellung und Realität, sofern es denn eine gibt, lange keine Grenze ziehen.

Für all jene, die irgendwann mal gerne ins Theater gegangen sind oder immer noch gehen, und Freunde des absurden Theaters sind, werden mit Sicherheit an Swiss Army Man Gefallen finden. Oder sich zumindest interessiert zeigen. Absurdes Theater – das ist so was wie Warten auf Godot oder Endspiel von Samuel Beckett. Zwei-Personen-Stücke, die eine seltsame Welt jenseits nachvollziehbarer Ordnung zeigen. Meist warten diese Personen – gescheiterte, gestrandete, devote Seelen – auf den Moment der Erlösung. Auf den Tod, auf das Paradies, auf jemanden, der da kommen mag. Und während sie warten, entspinnen sich Rollenspiele, wechselt Erniedrigung und Hass mit Hoffnung und Zuversicht. Schlussendlich bleibt aber der Stillstand. In der absurden Groteske von Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die sich als Duo einfach nur Daniels nennen, sind es nicht Hamm & Clov oder Vladimir & Estragon, sondern Hank und Manny. Wobei Manny, gespielt vom äußerst talentierten Daniel Radcliffe, so was wie ein Zombie zu sein scheint. Immerhin ein Zombie, der keinen Hunger leidet und so funktioniert wie ein Schweizer Taschenmesser – daher auch der Titel des Films. Die Leiche, die der Überlebende Hank fortan mit sich durch die Wildnis schleppt, entwickelt im Laufe des Films immer mehr Extras. Waren es zu Beginn nur Darmwinde, taugt der blasse Kompagnon als Axt, Wasserspender, Kompass und Gesprächspartner. Denn ja – sprechen kann er dann auch noch.

Zuerst ergibt Swiss Army Man überhaupt keinen Sinn. Schwierig, in die Gedankenwelt der lebenden und der halbtoten Person einzudringen. Schwierig auch, sich den Eskapaden der beiden zu entziehen. Und das, obwohl verdammt viel philosophiert wird. Natürlich über Leben, natürlich über den Tod, und vor allem über die Hoffnung auf Zweisamkeit. Wie bei Beckett verbirgt sich hinter dem phantastischen Zynismus der Mensch in seiner verletzlichen Nacktheit und seiner einzigen und immerwährenden Suche nach Nähe und Erfüllung des Daseins. Nach Anerkennung und Geborgenheit. Mit Manny, dem Zombie für alles, schafft er sich zumindest inmitten von Zivilisationsmüll eine Illusion der erfüllten Sehnsüchte. Aber ist Manny nicht im Endeffekt der Glücklichere? Ist nicht der Tod das bessere Leben?

Swiss Army Man ist eine beherzte, zum Fremdschämen überzeichnete Allegorie über Sein und Nicht-Sein und ein kruder Diskurs über den Willen zu einem erfüllten Leben, am Besten ganz allein. Das klingt jetzt feingeistig, stellt sich aber in den Bildern, die uns die beiden Daniels bescheren, bei Weitem nicht so da. Da ist der Existenzialismus auf der Bühne schon eleganter definiert – im Kino, und vor allem hier, zwischen Nirgendwo und Irgendwo, erfüllt die plumpe, oft derbe Clownerie nur bedingt seine Aufgaben. Dennoch – Paul Dano und Daniel Radcliffe dürfte es egal sein, ob im Theater oder auf der Leinwand – ihre Welt ist sowohl da als auch dort eine andere.

Swiss Army Man