Oppenheimer (2023)

IM LICHTE DER SPALTUNG

6,5/10


oppenheimer© 2023 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, AUF BASIS DER BIOGRAFIE VON KAI BIRD U. MARTIN J. SHERWIN

CAST: CILLIAN MURPHY, EMILY BLUNT, ROBERT DOWNEY JR., MATT DAMON, FLORENCE PUGH, JOSH HARTNETT, GUSTAF SKARSGÅRD, KENNETH BRANAGH, BENNY SAFDIE, DYLAN ARNOLD, ALDEN EHRENREICH, DANE DEHAAN, JASON CLARKE, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER U. A. 

LÄNGE: 3 STD


Er ist der Experimentalphysiker unter den Filmemachern, denn reine Theorie ist ihm zu wenig. Christopher Nolan jongliert seit Memento mit Zeit, Raum und der Chronologie von Ereignissen. Lässt den Anfang das Ende sein und umgekehrt, blickt hinter Superstrings und geht baden am Ereignishorizont, wenn das Meer seine steinernen Wellen an die Küste wirft. Geht in Tenet rückwärts und will so Geschehenes ungeschehen machen. Oder lässt in Inception mit seiner berühmt-berüchtigten Schlussszene bis heute offen, ob nicht alles, was wir da gesehen haben, nur ein Traum von vielen sein könnte. Selbst sein Kriegsdrama Dunkirk, womit er meiner Meinung nach sein Opus Magnum definiert hat, spielt gekonnt mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und führt letzten Endes diese temporäre Dreifaltigkeit kongenial zusammen. Dabei kommt Dunkirk zugute, dass dieser trotz seiner drei Erzählebenen so kompakt anmutet wie ein Kammerspiel.

Dieses Dreiecks des Storytellings nutzt Nolan auch in seinem brandneuen Kino-Blockbuster, der trotz der Anmutung einer körnigen Biografie mit der Verheißung verheerender Feuersbrünste die Scharen nur so ins Kino lockt. Wer will nicht gern den Atompilz sehen, wie er auf den Ebenen von Los Alamos in den Himmel steigt, noch dazu so ganz ohne Brille und Augenschutz, erste Reihe fußfrei? Nolan-Afficionados dürfte das egal sein, die lieben seine Filme ohnehin, weil sie wissen, dass die Ballade auf den theoretischen Physiker sicher wieder zur labyrinthartigen Spielwiese gerät, auf welcher der surreale Impressionismus eines Rene Magritte auf den reportagehaften Faktensturm eines Oliver Stone trifft, der an sein Meisterwerk JFK erinnert, ebenfalls namhaft besetzt bis in die kleinsten Nebenrollen und inhaltlich aufgedröselt bis zum Gehtnichtmehr, in Fakten, Fiktion und Vermutungen.

Dabei warten wir alle gespannt auf den einen Moment. Wir im knallvoll besetzten Auditorium und halb Hollywood im Film. Wir warten auf den einen Moment, wenn die Bombe endlich explodiert. Es ist der Höhepunkt des Schaffens eines J. Robert Oppenheimer, es ist der Höhepunkt des gleichnamigen Mammutwerks von drei Stunden Länge. Dann, wenn der Himmel erstrahlt, als wären Spielbergs Außerirdische wieder gelandet – in aller Stille und in allem Staunen – kriecht selbst beim größten Pazifisten auf dieser Erde die Gänsehaut über den Arm. Was für eine Show! Doch beeindruckend finden lässt sich das moralisch gesehen nur aus der Perspektive der Wissenschaft, die es wohl in Rekordzeit (naja, in knapp drei Jahren) geschafft hat, unsere Mutter Erde keinem Weltenbrand auszusetzen, sondern die Kernspaltung zu bündeln, sodass die Elementarteilchen wussten: bis hierhin und nicht weiter. Der fachsimpelnde Diskurs, das ist nur einer der trimagischen Elemente in Nolans Film. Hinzu kommt die Biografie eines Masterminds, der sich schwer fassen und als Schubladencharakter definieren lässt. Hinzu kommt auch die Politik hinter Glück und Niederlage eines American Prometheus, wie es schon im Titel der Buchvorlage heißt. Damit verbunden ist ein Mann namens Lewis Strauss, Schuhverkäufer und Politiker sowie Vorsitzender der Atomenergiebehörde, furchtbar wehleidig und rachsüchtig. Einer, der Oppenheimer nach dem Urknall das Leben schwer machen wird. Und dessen Ungemach Christopher Nolan die meiste Zeit seines Films schenkt.

Eine gute Entscheidung? Für jene, die immer schon wissen wollten, wie Oppenheimers Werdegang in Wechselwirkung mit der amerikanischen Politik so ablief, ein cineastischer Triumph. Für jene, denen die Fragen nach dem Warum und dem Wieso des atomaren Zeitalters längst unter den Nägeln brennen, vielleicht gar etwas dürftig. Mit einfachen Worten: Die Balance im Dreiklang gelingt Nolan längst nicht mehr so gut wie in Dunkirk. Während der verzweifelte Versuch, als Dr. Seltsam die Bombe lieben zu lernen, immer mehr in den Hintergrund tritt und sich nach zwei Stunden relativ gänzlich aufgezehrt hat, bleibt das frohlockende Kammerspiel einer Anhörung in charakteristisch für Nolan kühl komponierten Bildern. Der hagere Mann mit Hut als Heilsbringer und unfreiwillige Geißel der Menschheit zugleich geht die Via Dolorosa entlang, während das Interieur hinter ihm zu beben scheint. Als ikonischer Paulus erduldet ein intensiv aufspielender Cillian Murphy das geplagte Gewissen – ganz im Gegensatz zu einem zynischen Amerika der Uneinsichtigkeit, das Nolan mit diabolischem Pragmatismus den Welt-Alltag bestreiten lässt.

Das ist vielleicht nicht das, was man erwarten würde. Doch was soll man erwarten bei einem Film, der sich Oppenheimer nennt? Viele Perspektiven in Schwarzweiß und entsättigter Farbe, Bilder vom Teilchenkrieg als Intermezzi. Vieles mag zwar in Nolans Film beeindrucken, von manchem aber bekommt der Virtuose nicht genug. Das hat zur Folge, dass Oppenheimer überlang wirkt und zu keinem Ende kommen will. Am Ende dominieren zu viele Fragen und Antworten, obendrein ein überrumpelter Robert Downey jr., der plötzlich zum Main Act wird, während Murphy zunehmend verblasst. Mit mehr Fokus aufs Wesentliche, auf die wirklich wichtigen Fragen, hätte der sehnlichst erwartete Sommerhit aufgrund seiner Druckwelle das interessierte Publikum von den Stühlen geblasen. Der Wind of Change ist dann nur noch die Brise nach dem Sturm, Hiroshima ein anderes Thema. Und die amerikanische Truman-Politik irgendwie entbehrlich.

Dennoch ist Oppenheimer ein sehenswertes Stück Arthousekino, das sich verblüffenderweise zum Blockbuster aufgeschwungen hat – vielleicht, weil es keine Erwartungen bedient und kein Fan- Service bietet. Weil es das Grauen nicht explizit zeigt, sondern in den Köpfen entstehen lässt. Weil die Freude beim Knall der Bombe alle beschämt. Oder vielleicht auch nur, weil Nolan mit seinem Image als unbezwingbarer Freund des Corona-Kinos abermals eine so heile wie unheilvolle Anderswelt verspricht.

Oppenheimer (2023)

Tenet

BE KIND REWIND

7/10

 

tenet© 2020 Warner Bros. GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ROBERT PATTINSON, ELIZABETH DEBICKI, KENNETH BRANAGH, MICHAEL CAINE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 30 MIN

 

Time is on his side: wenn Christopher Nolan über die Zeit nachdenkt, dann ist das garantiert nicht so, als würden Marty McFly und sein väterlicher Freund Doc Brown darüber nachdenken. Nein, es mag schon, gelinde gesagt, einen Tick komplizierter sein. Nolan, der denkt nicht nur darüber nach, er brütet vor sich hin. Sinniert, philosophiert. Jedenfalls versucht er, wie viele andere auch (die womöglich daran gescheitert sind), diesem Mysterium Zeit mithilfe eines logisch scheinenden Testversuchs auf die Spur zu kommen. Sorry, lieber Akribiker, du wirst letzten Endes scheitern. Denn die Zeit, die mag zwar in deinen Filmen stets auf deiner Seite sein – sobald man ihr ernsthaft auf den Grund kommen will, ist sie dein einziger Feind. Und ja, in Tenet (lat. für Grund- oder Glaubenssatz) ist sie das wirklich, sowohl storytechnisch als auch letzten Endes als Stich in die gedankliche Zeitblase.

Egal ob Memento, Inception, Interstellar, ja sogar in Dunkirk – das temporäre Gefüge, die linear ausgerichtete Entropie, ist für Nolan stets der gordische Knoten, den er nicht, wie Alexander der Große, einfach zerschneiden will. Er will ihn auseinanderfriemeln. Jedes Mal versucht er es aufs Neue, und jedes Mal sind es andere Ansätze. In Tenet findet er wieder einen komplett neuen Zugang, wie aus dem Ei gepellt. In seinem bereits vom Covid-müden Kinopublikum heiß ersehnten Science-Fiction-Thriller bekommen Dinge und Personen nämlich die Möglichkeit, zu invertieren. Das heißt, sie und ihre freigesetzte Energie werden zeitlich umgekehrt, laufen rückwärts. Der Zeitstrahl dürfte bei Tenet dabei linear verlaufen – von Paralleluniversen, die das Großvater-Paradoxon aushebeln könnten, ist eigentlich keine Rede. In diesem linear verlaufenden, entropischen Zeitstrahl also kann man sich selbst zurückspulen. Das heißt – man schafft keine andere Vergangenheit oder Zukunft, diese bleiben konstant. Verändert wird nicht das große Ganze, wie eben in Zurück in die Zukunft oder The Butterfly Effect. Die Zeit wird in Tenet erstmals in der Geschichte des Films zu einem – sagen wir mal so – nutzbaren Gegenstand, wie eine Waffe oder ein Werkzeug. Und verblüfft dabei das Publikum mit einem der ältesten Tricks des Kinos. Noch dazu spricht im global umherhetzenden Tenet einiges dafür, das Agenten-Franchise eines James Bond jemand ganz anderem zu vererben: einem Protagonisten namens John David Washington, der eine ausgesprochen charismatische Figur macht. Blöd nur, dass Nolan ihn vorweggenommen hat, sonst wäre er nach Daniel Craig der ideale Kandidat.

Der Geheimagent aus Tenet jedenfalls packt die Sache enorm integer an, nimmt die Möglichkeit einer Zeitumkehr gebührlich ernst, ohne aber aufs Augenzwinkern zu vergessen. Vergessen sollte man auch nicht, dass das Mindfuck-Kino mit Tenet auch seinen Zenit erreicht hat. Darüber hinaus wird’s dann nur noch verschwurbelt und das Publikum könnte verärgert den Hut draufhauen, weil es von Anfang bis Ende nicht mehr mitkommt. Tenet ist inhaltlich entsprechend herausfordernd, die Parameter der Zeit bieten ordentlich viele Leos für Logikhürden, die nicht gemeistert werden können, fallen aber wenig ins Gewicht. Kann sein, dass man hin und wieder den Faden verliert, dass man auf Details am Rande, die untergehen, zufrieden pfeift, weil die ausgearbeitete Strenge des Films mit all seinem typisch erdfarbenen Nolan-Kolorit und dem Rohbau-Kubismus ohnehin fasziniert. Ganz verstehen wird Tenet ohnehin niemand, man kann die Komplexität, die vielleicht auch nur vorgibt, eine solche zu sein, ohnehin nicht ergründen. Und vielleicht soll das auch gar nicht der Fall sein, da der Mystizismus um die vierte Dimension in diesem Film ein stilvoll servierter Appetizer ist, der als Spielwiese obskurer Gedankengänge voller verbogener Logik Gusto aufs Grübeln macht.

Tenet