James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

DIE EINSAMKEIT DER DOPPELNULL

5/10


notimetodie© 2021 DANJAQ, LLC AND MGM.  ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: CARY JOJI FUKUNAGA

CAST: DANIEL CRAIG, LÉA SEYDOUX, LASHANA LYNCH, RAMI MALEK, BEN WISHAW, RALPH FIENNES, NAOMI HARRIS, ANA DE ARMAS, JEFFREY WRIGHT, CHRISTOPH WALTZ, BILLY MAGNUSSEN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 43 MIN


Es ist ja fast so, als könnte man anhand lange verschobener Filmpremieren die globale Lage in Sachen Corona ablesen. Wenn Filme wie Dune oder eben James Bond 007 – No Time to Die in den Kinos starten, fühlt sich das an wie ein in der Economy-Class händeringend erwarteter Take Off ins Urlaubsland. Von da an kann es nur noch bergauf gehen. Und es ist auch fast so, als wäre der Rückstau im Kinoprogramm damit endlich durch. Von nun an könnte man vielleicht doch eher stressfrei durch die Kino-Agenda gleiten.

Was auch lange braucht, oder sagen wir: dort, wo die Nachfrage am größten ist, könnte auch wirklich Großes verborgen sein. Natürlich, schließlich geht es um nichts anderes als das James Bond-Franchise, das sein Kinopublikum seit den Sechzigerjahren bei der Stange hält. Bond ist Kult, wandelnder Zeitgeist und gleichzeitig hartgesottener Held im maßgeschneiderten Anzug und im Rahmen seiner Missionen über dem Gesetz.

Mit diesem lukrativen Garanten für volle Kinosäle kommt sich eine wie Barbara Broccoli natürlich mächtig vor. Allerdings ist sie das auch. Wie Kathleen Kennedy bei Disney ist auch Broccoli eine toughe Macherin, der man sicherlich kein X für ein U vormachen kann. Entsprechend geschäftstüchtig denkt sie auch – und legt den letzten Bond mit Daniel Craig in die Hände von Cary Joji Fukunaga, der sich längst mit anspruchsvollen Filmen wie Beasts of No Nation bewährt hat. Den Künstlern ihre Arbeit, den Wirtschafterin die ihre, möchte man meinen. Nur – so einfach ist das nicht. Wer zahlt, schafft an – und pocht auf seine Ideen im Drehbuch. Dieses wird längst nicht mehr von einem wie Dalton Trumbo geschrieben, sondern da sind viele, die das Script für eine filmische Wollmilchsau dahingehend optimieren und mit den Entwürfen anderer Besserwisser vermengen, sodass ein verhobenes Konstrukt aus Reminiszenzen, Charakterentwicklungen und bodenhaftender Standard-Action entsteht. Im Finale soll alles vorhanden sein, was Bond ausmacht.

Der Kreis schließt sich also, so wie bei Star Wars. Statt „Ich bin alle Jedi“ heißt es diesmal „Ich bin alle Bonds“. Und es scheint gar, als würde No Time to Die dieses Versprechen erfüllen. Wir sehen und hören anfangs subtile Anspielungen auf frühe Klassiker, im Aston Martin rauschen Craig und Léa Seydoux über Italiens Landstraßen. Vor dem obligatorischen und diesmal im Stil etwas unentschlossenen Intro, gesungen von Billie Eilish, die ein gehaltvolles Flüstern entfacht, allerdings keine Shirley Bassey ist, atmet der Bond-Kult aus allen Poren, verlässt sich auf sein nostalgisches Repertoire, wirkt aber dennoch zeitgemäß. Womöglich stammt der Anfang gar von Autor Fukunaga selbst. Oder aber von Purvis & Wade? Oder Phoebe Waller-Bridge? Wie auch immer, viele Köche eben.

Was so schneidig und stilsicher beginnt, verliert sich in einem unter sichtbarem Bemühen in die richtige Richtung gelotsten Kompromiss aus wenig schlüssigen Handlungsfäden, frappanten logischen Fehlern und fragwürdigen Entscheidungen. Bond selbst versinkt in Trauer und Liebeskummer, hat aber dennoch so manche an Roger Moore erinnernde, verschmitzte Bonmots auf Lager. Craig versucht dabei, seiner legendären Rolle so gut es geht treu zu bleiben. Wäre da nicht das Hineinzwängen seiner Person in ein gnadenlos in die Länge gezogenes Patchwork-Abenteuer, das mit Rami Malek wohl eine der lächerlichsten Bösewichte auf dem Ian Fleming-Planeten aus der Mottenkiste holt. Viel Geschwurbel füllt leere Minuten, aus knackig wird gedehnt, und so gut wie alles, was in diesem Eventkino zum Einsatz kommt – sei es Setting oder Action – war im eigenen Franchise einfach schon mal dagewesen, und zwar viel besser. Selbst so integre und in ihrer Rolle fast schon autark agierende Nebenrollen wie Christoph Waltz oder Lashana Lynch ziehen sich irgendwann zurück, um beim Finale fassungslos zuzusehen, was an pathetischem Kitsch eigentlich alles möglich ist.

Nachher braucht man einen Martini. Geschüttelt oder gerührt ist auch schon egal.

James Bond 007 – Keine Zeit zu sterben

Black Widow

DIE OFFENE RECHNUNG EINER POSERIN

7,5/10


blackwidow© 2021 Marvel Studios / The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CATE SHORTLAND

CAST: SCARLETT JOHANSSON, FLORENCE PUGH, DAVID HARBOUR, RACHEL WEISZ, RAY WINSTONE, OLGA KURYLENKO, WILLIAM HURT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Da sind sie alle dahin, die Superheldinnen und -helden, die uns jahrelang ans Herz gewachsen waren. Tony Stark, Captain America, Antiheld Loki und natürlich Natasha Romanoff alias Black Widow. Als schwermütiges Farewell war da Avengers: Endgame nicht nur einspieltechnisch in die Geschichte eingegangen. Wohl am rührigsten war Scarlett Johanssons Märtyrertod im Angesicht sich wiederholender Ereignisse, um Thanos‘ zynischem Entvölkerungs-Schnippchen vorab das Handwerk zu legen. Damit hatte wohl niemand gerechnet. Noch weniger als mit Lokis oder Iron Mans Dahinscheiden. Black Widow allerdings sollte nochmal ein DaCapo erhalten, eine Art Nachruf für eine ganz Große ihres Fachs.

Angesiedelt ist die wehmütige Rückschau nach den Ereignissen in The First Avenger: Civil War. Die Superhelden haben sich in alle vier Winde zerstreut, Natasha hat der Wind wohl eher Richtung Osten getragen, ins alte Europa. Als ihr eine böse Macht in ihrem norwegischen Versteck auf die Schliche kommt, in Gestalt des Taskmasters, einer Kampfmaschine zwischen Boba Fett und Daft Punk, kommen längt vergrabene Traumata wieder ans Licht. Dabei auch seltsame Ampullen mit rotem Staub. Diese wiederum führen unsere Heldin ins ausgiebig abgefilmte Budapest an der Donau, in ein Safe House, in welchem bereits Fake-Schwesterchen Yelena (sehr engagiert und ungekünstelt: Florence Pugh) über (fast) alles Bescheid weiß. Mit Ausnahme der exakten Position des sogenannten Red Rooms, dem Headquarter eines ominösen Unterweltlers namens Dreykov, der an vielem, was in der Vergangenheit so passiert war, Schuld zu sein scheint.

Nach Covid-bedingter Verschiebung ist das High-Tech-Actionabenteuer nun endlich in den Kinos gelandet. Natürlich auch auf Disney+ über VIP-Zugang, nur: Marvel-Filme sind, sofern keine Serien, auf der großen Leinwand einfach viel besser aufgehoben. Den speziellen Event-Charakter darf man Filmen wie diesen nicht nehmen. Und es kracht ganz schön, in den Karosserien diverser Boliden, in der Statik metallener Plattformen und in gestählten Körpern. Rund um eine persönliche und in Sachen Tempo recht untertourige, weil konzentrierte Familiengeschichte platziert Cate Shortland (u. a. Berlin Syndrom mit Teresa Palmer und Max Riemelt) nach taktisch klugem Dramaturgie-Konzept die heißen Eisen spektakulärer Action-Posings und flammenden Inferni. Vom Grundton her verabschiedet sich Black Widow wie erwartet vom kunterbuntenTreiben der Marvel’schen Thor– und Guardians-Fraktion und orientiert sich viel lieber an augenzwinkernden Agenten-Abenteuern eines James Bond oder Ethan Hunt. Dreykov könnte genauso gut als eine Art Blofeld die Macht auf Erden an sich reißen wollen, und statt Natasha Romanoff hält ihm der charismatische 007 die Waffe unter die Nase. Auch erinnert diese Origin-Story an Elemente aus der Amazon-Serie Hanna, bleibt aber spannunsgtechnisch weit dahinter. Doch kein problem, der Qualität des Streifens tut das keinen Abbruch. Wir wissen ja, das Johansson heil aus dieser Sache rauskommt, wir ahnen auch, dass Florence Pugh demnächst in einer der nächsten Disney-Serien mitmischen wird (sitzen bleiben bis nach dem Abspann!). Shortland gelingt mit Drehbuchautor Eric Pearson, der nach Thor: Tag der Entscheidung und Godzilla vs. Kong das neue Licht am Firmament der Blockbuster-Schreiber sein könnte, ein enorm straffes und zielgerichtetes Actiondrama mit der Nostalgie beim Durchblättern alter Fotoalben. Ein kauziger David Harbour als dominante Helden-Persiflage und unerwartet viel Platz für kernige Dialoge werden dem immer schon von den Marvel Studios angepeilten Mix aus Drama und Charakterführung abermals gerecht. Scarlett Johansson labt sich an dieser Stimmung mit ihrer üblichen leisen Ironie, einem verschmitzten Lächeln und plausibler Unnahbarkeit.

Obwohl inhaltlich klar noch Teil des ausklingenden MCUs rund um Thanos, läutet dieser rundum geschmeidige Film das nächste Zeitalter ein. Viel eher ist Black Widow aber der finale Prolog zu einer meisterhaft ausformulierten Epoche, die mehrere stilistische Ausdrucksformen so grandios vereinen konnte. Die Schwarze Witwe macht in diesem Fall als letzte das Licht aus.

Black Widow

Aus nächster Distanz

AGENTEN STERBEN ZWEISAM

3/10


ausnaechsterdistanz© 2018 NFP marketing und distribution

LAND / JAHR: ISRAEL, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2018

REGIE: ERAN RIKLIS

CAST: GOLSHIFTEH FARAHANI, NETA RISKIN, DORAID LIDDAWI, DAVID ALI HAMADE, AUGUST WITTGENSTEIN, MARK WLASCJKE, HALUK BILGINER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Gute Regie ist, wenn der Film so wirkt, als würde all das, was zu sehen ist, auf eine gewisse Weise tatsächlich passieren oder es wäre eben gut vorstellbar, dass genau das passieren könnte. Gute Regie ist, wenn es leichtfällt, sich in welche Filmwelt auch immer so einzuklinken, als wäre man zwar nur als Beobachter, aber doch, unsichtbar für die Protagonisten des Films, in das Geschehen involviert. So einen Fokus des Zusehers zu erzielen – das ist gute Regie. Natürlich auch ein gutes Drehbuch. Und letzten Endes, aber nicht zuletzt, Schauspieler, die diesen Zustand ermöglichen, weil man bei ihnen nicht das Gefühl hat, da ist wer, der eine Rolle spielt, sondern die Rolle vergessen lässt, dass sie einen Schauspieler hat.

Umso interessanter ist es, in einem Film wie Aus nächster Distanz zu beobachten, wie genau all diese Dinge nicht passieren. Das israelische Spionage-Kammerspiel mit Golshifteh Farahani ist eine Inszenierung nach Zahlen, bei der die Arbeit hinter der Kamera deutlicher wird als die davor. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch das unempfundene Spiel von Schauspielerin Neta Riskin, die als Ex-Agentin des Mossad wieder reaktiviert wird, um auf Informantin Mona aufzupassen, die in Hamburg in einem geheimen Unterschlupf des Geheimdienstes darauf wartet, dass ihre Gesichts-OP gut genug verheilt, um mit neuem Namen untertauchen zu können. Bis dahin steht sie auf der Abschussliste der Hisbollah. Der Feind könnte an jeder Ecke lauern oder ganz plötzlich auftauchen. Umso nervöser wird Naomi, umso inniger die Beziehung dieser Zweckgemeinschaft.

Spüren lässt sich diese Verschwisterung allerdings nicht. Eben, weil Neta Riskin so performt, als wäre sie jemand, der sich nichts darunter vorstellen kann, wie Agenten eigentlich ticken. Ihre Version einer solchen jedenfalls scheint keinerlei Erfahrung gesammelt zu haben und agiert wie eine unbescholtene Bürgerin, die wie Jamie Lee Curtis in True Lies ganz plötzlich in ein Spionageabenteuer verwickelt wird – nur ohne humoristischer Note. Durch dieses Spiel und auch durch das laienhaft wirkende Abdrehen einer herbemühten Story gerät Aus nächster Distanz zu einer uninspirierten Arbeit, die sich auf ungelenke Art durch die Szenen quält, bei denen Regisseur Eran Riklis jedesmal froh gewesen sein muss, sie hinter sich zu haben. Denn leicht ist ihm dieser Film im Gegensatz zu einem anderen seiner Werke, nämlich dem weitaus professionelleren Lemon Tree, scheinbar nicht gefallen.

Aus nächster Distanz

Tenet

BE KIND REWIND

7/10

 

tenet© 2020 Warner Bros. GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ROBERT PATTINSON, ELIZABETH DEBICKI, KENNETH BRANAGH, MICHAEL CAINE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 30 MIN

 

Time is on his side: wenn Christopher Nolan über die Zeit nachdenkt, dann ist das garantiert nicht so, als würden Marty McFly und sein väterlicher Freund Doc Brown darüber nachdenken. Nein, es mag schon, gelinde gesagt, einen Tick komplizierter sein. Nolan, der denkt nicht nur darüber nach, er brütet vor sich hin. Sinniert, philosophiert. Jedenfalls versucht er, wie viele andere auch (die womöglich daran gescheitert sind), diesem Mysterium Zeit mithilfe eines logisch scheinenden Testversuchs auf die Spur zu kommen. Sorry, lieber Akribiker, du wirst letzten Endes scheitern. Denn die Zeit, die mag zwar in deinen Filmen stets auf deiner Seite sein – sobald man ihr ernsthaft auf den Grund kommen will, ist sie dein einziger Feind. Und ja, in Tenet (lat. für Grund- oder Glaubenssatz) ist sie das wirklich, sowohl storytechnisch als auch letzten Endes als Stich in die gedankliche Zeitblase.

Egal ob Memento, Inception, Interstellar, ja sogar in Dunkirk – das temporäre Gefüge, die linear ausgerichtete Entropie, ist für Nolan stets der gordische Knoten, den er nicht, wie Alexander der Große, einfach zerschneiden will. Er will ihn auseinanderfriemeln. Jedes Mal versucht er es aufs Neue, und jedes Mal sind es andere Ansätze. In Tenet findet er wieder einen komplett neuen Zugang, wie aus dem Ei gepellt. In seinem bereits vom Covid-müden Kinopublikum heiß ersehnten Science-Fiction-Thriller bekommen Dinge und Personen nämlich die Möglichkeit, zu invertieren. Das heißt, sie und ihre freigesetzte Energie werden zeitlich umgekehrt, laufen rückwärts. Der Zeitstrahl dürfte bei Tenet dabei linear verlaufen – von Paralleluniversen, die das Großvater-Paradoxon aushebeln könnten, ist eigentlich keine Rede. In diesem linear verlaufenden, entropischen Zeitstrahl also kann man sich selbst zurückspulen. Das heißt – man schafft keine andere Vergangenheit oder Zukunft, diese bleiben konstant. Verändert wird nicht das große Ganze, wie eben in Zurück in die Zukunft oder The Butterfly Effect. Die Zeit wird in Tenet erstmals in der Geschichte des Films zu einem – sagen wir mal so – nutzbaren Gegenstand, wie eine Waffe oder ein Werkzeug. Und verblüfft dabei das Publikum mit einem der ältesten Tricks des Kinos. Noch dazu spricht im global umherhetzenden Tenet einiges dafür, das Agenten-Franchise eines James Bond jemand ganz anderem zu vererben: einem Protagonisten namens John David Washington, der eine ausgesprochen charismatische Figur macht. Blöd nur, dass Nolan ihn vorweggenommen hat, sonst wäre er nach Daniel Craig der ideale Kandidat.

Der Geheimagent aus Tenet jedenfalls packt die Sache enorm integer an, nimmt die Möglichkeit einer Zeitumkehr gebührlich ernst, ohne aber aufs Augenzwinkern zu vergessen. Vergessen sollte man auch nicht, dass das Mindfuck-Kino mit Tenet auch seinen Zenit erreicht hat. Darüber hinaus wird’s dann nur noch verschwurbelt und das Publikum könnte verärgert den Hut draufhauen, weil es von Anfang bis Ende nicht mehr mitkommt. Tenet ist inhaltlich entsprechend herausfordernd, die Parameter der Zeit bieten ordentlich viele Leos für Logikhürden, die nicht gemeistert werden können, fallen aber wenig ins Gewicht. Kann sein, dass man hin und wieder den Faden verliert, dass man auf Details am Rande, die untergehen, zufrieden pfeift, weil die ausgearbeitete Strenge des Films mit all seinem typisch erdfarbenen Nolan-Kolorit und dem Rohbau-Kubismus ohnehin fasziniert. Ganz verstehen wird Tenet ohnehin niemand, man kann die Komplexität, die vielleicht auch nur vorgibt, eine solche zu sein, ohnehin nicht ergründen. Und vielleicht soll das auch gar nicht der Fall sein, da der Mystizismus um die vierte Dimension in diesem Film ein stilvoll servierter Appetizer ist, der als Spielwiese obskurer Gedankengänge voller verbogener Logik Gusto aufs Grübeln macht.

Tenet

Anna

BESSONS NEXT TOP MODEL

7/10

 

ANNA© 2019 Studiocanal GmbH

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: LUC BESSON

CAST: SASHA LUSS, HELEN MIRREN, LUKE EVANS, CILLIAN MURPHY U. A.

 

Kultregisseur Luc Besson (wir schätzen Ihn, so denke ich, alle für Im Rausch der Tiefe, Leon der Profi, Nikita und Das fünfte Element) hat eindeutig ein Faible für Frauen eines ganz speziellen Schlages. Diese Damen können kämpfen, sind tough, überaus intelligent, draufgängerisch, bildschön und verführerisch. Haben gelitten, und lassen jene zahlen, die sie misshandelt haben. Die Liste von Bessons Top-Models ist lang – Anne Parillaud, Milla Jovovich, Rie Rasmussen, Scarlett Johansson, Cara Delevingne – und aktuell: Sasha Luss. Bis auf Parillaud und Johansson kamen alle vom Catwalk zum Set, die Brücke vom Model zur Schauspielerin ist in vielen Fällen keine schwer zu überwindende, denn als Model braucht man schon ein gewisses Gespür für Selbstinszenierung. Das hat Besson bemerkt, und sein Stil ist nun mal, atemberaubende Weiblichkeit waffenbewehrt in Szene zu setzen, wenn möglich mit Strumpfband und knappen Kostümen. Das hat schon wieder etwas von Manga, und, was wir auch wissen: Besson ist ein leidenschaftlicher Comic-Fan – so gesehen zum Beispiel in Valerian – Die Stadt der tausend Planeten. Seine ikonischen Ladies sind zu Überwesen stilisiert, zu einsamen Assassininnen oder mythischen Geschöpfen, feuern gerne mit zwei Pistolen in unterschiedliche Richtungen, während sie Gänge entlangspazieren als wären sie am Laufsteg. Sie sind längst nicht mehr das schwache Geschlecht und mindestens so brutal wie das siegesverwöhnte Patriarchat. Die Männer, die sind in diesen kontrastierenden Frauen-Filmen meist schwaches Beiwerk, das den Reizen der göttlichen, schier unverwundbaren Anmut der Weiblichkeit erliegt. Und gar nicht anders kann als ihr hörig zu sein.

Anna ist genauso eine Gestalt – anfangs ein Junkie aus der Gosse, fast schon gebrochen, und dann so tödlich wie das schärfste Sushi-Messer. Warum diese Wandlung? Ganz einfach: Anna ist eine Russin, und natürlich wird sie vom KGB rekrutiert, denn viele Alternativen bieten sich ihr nicht. Einmal KGB, immer KGB, das soll sich dann später als determinierte Zukunft erweisen, obwohl Anna schon fest damit gerechnet hat, nach 5 Jahren „frei“ zu sein. Frei ist die gertenschlanke Blondine nämlich noch nie gewesen – und umso mehr ist der Drang nach Selbstbestimmung a la longue ein kaum zu unterdrückender. Und nachdem sie auftragskillend und durchaus blutig durch Paris zieht, sind die späteren Leichen, die ihren Weg pflastern, unwillkommene Hindernisse, die ihren Ambitionen im Weg stehen. Und außerdem gibt es da noch Liebhaber sowohl beim amerikanischen als auch russischen Geheimdienst.

Was Luc Besson schon des Öfteren erzählt hat, wärmt er neu auf: die eingangs erwähnte Mär der Femme fatale gegen die tumbe, sinistere Männerwelt. Was Luc Besson aber neu erzählt, ist der Connex zum fast schon autobiographischen Ursprung seiner Hauptfigur – die Welt des Model-Biz. Schon wähnt man sich in einer Ausgabe von Germanys Next Top-Model und rechnet damit, dass Heidi Klum jeden Moment um die Ecke stakst. Die Fotografen sind allesamt die größten Arschlöcher unter dem Blitzlicht, und die Mädels leben alle zusammengepfercht in einer heruntergekommenen WG als wären sie Opfer ruchloser Menschenhändler. Natürlich trägt Luc Besson dick auf, hat nicht die geringste Lust zu differenzieren und kleistert seinen Film mit ordentlich deckenden Fingerfarben zu. Nichtsdestotrotz: Anna ist dennoch gelungen. Ein Thriller auf Zug, der keine Gefangenen macht und mich mehr besticht als David Leitchs Killerthriller Atomic Blonde mit Charlize Theron. Musikalische Ohrwürmer sind bestens platziert und Sasha Luss kann man schauspieltechnisch überhaupt nichts vorwerfen – ganz im Gegenteil. Keine Frage, vieles war bereits in unzähligen anderen Filmen Thema, doch wie gesagt: Der Aspekt des metzelnden Models und die alles andere als chronologische, zersplitterte Erzählweise, die zwischen den Zeiten hin und her pendelt wie die wechselnden Fronten in diesem Projektil-Märchen und dabei einfach nicht erlaubt, dass sich der Plot erraten lässt, lassen Bessons aktuelle Lustwandelei rund um Kreml und Eiffelturm zielgenau punkten.

Anna

Men in Black: International

I WANT TO BELIEVE!

6,5/10

 

1233076 - MEN IN BLACK: INTERNATIONAL© 2019 Columbia Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: F. GARY GRAY

CAST: CHRIS HEMSWORTH, TESSA THOMPSON, LIAM NEESON, REBECCA FERGUSON, EMMA THOMPSON U. A.

 

Es ist wie es ist und man muss der Wahrheit, die irgendwo da draußen ist, einfach ins Auge sehen: Die Men in Black haben ausgedient. Will Smith und Tommy Lee Jones als Agenten J und K waren immerhin integre Agenten frei von jeglicher Befangenheit anderen extraterrestrischen Rassen gegenüber, aber auch in der streng geheimen Organisation, von der wir alle nichts wissen, geht die Zeit nicht spurlos vorüber. Die Men werden endlich auch zu Women, und dass das dritte Sequel des relativ gelungenen Originals immer noch nicht gegendert wurde, ist der gelernten Marke geschuldet. Sonst aber weiß selbst Emma Thompson keine wirklich schlüssige Antwort darauf. Doch warum sollte sie auch – die ehrgeizige Molly ist ja schließlich noch im Probemonat, sofern das alles klappt, könnte man der Obrigkeit ja nochmal ein Gesuch unter die Nase reiben. Denn die Women, insbesondere Tessa Thompson, retten die routinierten Spezialisten vor einem redundanten Trott, der sich trotz farbenfroher Diversität, die den Völkern diverser Weltraumsagas alle Ehre macht, nicht erst seit dem letzten Teil breitgemacht hat.

Men in Black: International ist – oh Wunder aller Wunder – der wohl letzte Notstopp vor dem unausgeschilderten Dead End einer Straße ohne Überholspur, auf der aber Smith, Jones und Josh Brolin noch ordentlich Gas geben wollten. Selbst überholen geht aber nicht, da muss jemand anderes die älteren Herren aufs Parkett drängen. Die uns Marvel-Nerds längst bekannte Tessa Thompson tigert sich in ihre Rolle als aufgeregt engagierte Bewerberin mit einer Begeisterung hinein, die wahrscheinlich Scully zu Beginn ihrer Laufbahn auch gehabt haben muss. Tessa als spätere Agentin M „wants to believe“, und das glaube ich ihr jede Sekunde. Diese schätzenswerte Spielfreude aber schwappt nur teilweise auf ihren Arbeitskollegen über, nämlich auf Chris Hemsworth, der ja mit seinem weiblichen Buddy schon früher Bekanntschaft gemacht hat. In Takia Waititis Thor: Tag der Entscheidung war das Duo schon so dermaßen eingespielt, als hätte es eine ganze gemeinsame Sitcom hinter sich. Eingespielt sind sie auch in Men in Black: International, nur Hemsworth, der eigentlich einfach nur Thor sein will, weiß nicht so recht wie er seine Rolle anlegen soll. Ist er ein draufgängerischer Bond? Oder nur das Testimonial für einen Herrenduft? Oder beides? Und passt das überhaupt ins Profil eines Alien-Diplomaten mit Zugang zu einem Waffenarsenal, das zu kuriosem Gigantismus neigt? Das ist so eine unentschlossene Sache, währenddessen Thompson bereits alle Sympathien auf sich gezogen hat.

Regisseur F. Gary Gray hat es geschafft, die Essenz dieses freilich anspruchslosen Akte X-Panoptikums neu zu erden, und mit all seinen charmanten Extras auf den Boden der verschleierten Tatsachen zurückzuholen, Zitate aus dem Erstling inklusive. Men in Black: International gleicht dem elegant durchgegliederten Produkt einer Rechnung, wenn Star Wars mit James Bond multipliziert wird. Size does matter, diese Devise gilt zwar bei den Waffen, aber nicht bei der liebevollen Selektion diverser Aliens, die, je kleiner und detaillierter sie sind, dem Geklotze gigantischer Riesen wie unlängst in Godzilla: King of the Monsters um Lichtjahre voraus sind. Das ist einer der Stärken beim Men in Black-Franchise, nämlich Aliens in der uns umgebenden, gewohnten Realität so zu verstecken, als gäbe es sie gar nicht. Da kann es schon sein, dass Rauschebärte und Schachfiguren ganz anders gesehen werden und mit Planen verdeckte Boliden irgendwas im Deflektorschilde führen. Dass nun quer um den Erdball ermittelt wird, tut dem verspielten Konzept ebenfalls ganz gut, da kann es schon sein, dass unsere gendergemixten Agenten demnächst auch mal in Berlin oder Wien einfallen. Unerklärliches gibt’s da nämlich genug 😉 Doch angesichts des traurigen Einspiels steht das wohl noch in den Sternen.

Men in Black: International

Johnny English – Man lebt nur dreimal

STOLPERN MIT STIL

6/10

 

Johnny English 3© 2018 Universal Pictures Germany GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID KERR

CAST: ROWAN ATKINSON, EMMA THOMPSON, OLGA KURYLENKO, BEN MILLER U. A.

 

Niemand kann sich so exorbitant komisch fürchten wie Mr. Bean während der Betrachtung eines Horrorfilms. Und niemand bereitet sich so ekelhaft geschmackvoll ein Sandwich zu. Natürlich kann auch niemand seinen Vierräder so zielgenau in die Parklücke manövrieren. Die urbritische Kultfigur von jenseits des Ärmelkanals ist zeitloser Slapstick an der Grenze zum guten Geschmack, brüllend komisch und eine perfide Karikatur auf das urbane Kleinbürgertum und die Tücken des Alltags.  Dabei waren die Fernseh-Sketches weitaus besser als die beiden Kinofilme, denn spätestens, wenn Mr. Bean anfängt zu sprechen, ist der skurrile Charme des Lucky Losers so gut wie verloren. Gerade das nonverbale Spiel hat den Szenen feinsten Brit-Humors diesen bizarren Touch verliehen. Rowan Atkinson allerdings, der sich privat wie so viele andere Komiker eigentlich gar nie wirklich zum Possenreißer hinreißen lässt, kann auch anders. Wobei – gar nicht mal so sehr anders. Im Grunde bleibt er seinem Alter Ego des Mr. Bean weitestgehend treu. In seiner Rolle als Geheimagent Johnny English ergänzt er seine körperbetonten Eskapaden mit überheblichem Geschwafel und kreiert so einen entfernten Verwandten des braun gekleideten TV-Egozentrikers, der noch dazu dort mitmischt, wo es brenzlig wird – das hätte Mr. Bean wiederum nie getan. English allerdings schon. Und der hatte 2003 seinen Einstand. Ja, das war schon ganz witzig, wenn auch etwas bemüht. Bonuspunkte gab’s immer dann, wenn Atkinson mit den Glupschern rollt oder in seltsamen Verbiegungen das Tanzbein schwingt. Das ist schon komisch, kann aber nicht einen ganzen Film tragen, auch wenn John Malkovich zum Cast gehört. Ähnliche Austauschbarkeit muss da das Sequel mit dem Untertitel Jetzt erst recht erleiden. Ich habe die Komödie zwar gesehen, kann mich aber nicht mal mehr erinnern, dass hier tatsächlich Gilian Anderson oder Rosamunde Pike mitgespielt hätten, so sang- und klanglos hat dieses Werk ihren Eindruck hinterlassen.

Der nun vorläufig letzte dritte Teil besinnt sich konsequenter und akkurater auf  hemdsärmelige Späße weit vor der Bequemlichkeit des Informationszeitalters und nimmt sich das filmische Komödien-Euvre eines Peter Sellers zur Brust, genauer gesagt die Filmreihe rund um den Rosaroten Panther. Johnny English – Man lebt nur dreimal blickt zurück nach vorn auf die analogen Katastrophen eines Inspektor Clouseau – und verbeugt sich vor dem sich unendlich selbst überschätzenden, schnauzbärtigen Trenchcoatträger mit einem Repertoire feinster Retro-Fettnäpfchen, die man heutzutage, wie ich finde, gerne als obsolet betrachtet.

Natürlich, der dritte Film um die Wirrungen und Irrungen eines Johnny English ist jetzt mal nichts, was vom Plot her länger in Erinnerung bleibt als ein Durchschnitts-James-Bond. Auch angelt sich Supernase Atkinson seine bewährten Kalauer aus der eigenen Klamottenkiste, verbiegt sich auch hier wieder unter Disco-Rhythmen, macht augentechnisch Marty Feldman wieder alle Ehre und haspelt mit Hängelippe teils ratlos und ob seines Ungeschicks peinlich berührt und frei von jeglicher Selbstreflexion die Cote d´Azur Frankreichs entlang. Ich will gar nicht näher auf den Inhalt des Filmes eingehen, denn der ist nach wie vor austauschbar. Dafür aber unterhalten eben diese liebevoll platzierten Szenen entschleunigter Situationskomik, zum Beispiel wenn English das Smartphone verweigert – das hätte Clouseau auch getan – und stattdessen in der womöglich einzig verfügbaren Telefonzelle am europäischen Kontinent mit jeder Menge Kleingeld versucht, ein R-Gespräch zu führen. Launig auch die Possen mit der Rüstung – auch hier ahnt man fast Peter Sellers wieder auferstanden – einzig Herbert Lom als in den Wahnsinn getriebener Chefinspektor Dreyfus fehlt, aber dafür macht Emma Thompson, eben noch als Jurorin im Drama Kindeswohl auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, als fahrige Premierministerin eine gute Figur, mit eleganter Tendenz zur Hysterie.

Johnny English – Man lebt nur dreimal ist distinguierte Turbulenz auf manierlichem Niveau, angenehm bieder und vielleicht gerade deshalb überraschend zum Auflachen, weil dieser Humor ebenso seltsam vor sich hin stakst wie ein Akrobat auf Stelzen – was man vermutlich auch nicht alle Tage sieht. Und Atkinson in seiner expressiven Performance bleibt vermutlich wirklich irgendwie zeitlos – wie der ganze Film, der weitgehend dem Zeitgeist den Rücken kehrt, auf Schnurtelefon setzt und so sehr Old School ist, dass man sich die Wählscheibe wieder zurückwünscht.

Johnny English – Man lebt nur dreimal

Mission: Impossible – Fallout

EIN TOM FÜR ALLE FÄLLE

7/10

 

null© 2018 Paramount

 

LAND: USA 2018

REGIE: CHRISTOPHER MCQUARRIE

CAST: TOM CRUISE, SIMON PEGG, VING RHAMES, REBECCA FERGUSON, HENRY CAVILL, VANESSA KIRBY, ANGELA BASSETT, ALEC BALDWIN U. A.

 

Wenn die Welt Gefahr läuft, vernichtet zu werden, war früher einmal keiner der Regierenden zweimal überlegt, das rote Telefon anzuwählen und James Bond anzurufen. Neuerdings wäre es nicht verwunderlich, wenn der nervös zitternde Finger kurz mal über den Tasten des Fernsprechgeräts innehält, um nicht vielleicht doch im Register des Telefonbuchs weiterzugehen und 007 dort zu belassen, wo er gerade ist. Besser wäre es vielleicht, die Nummer von Ethan Hunt anzuwählen – dieser Mann nämlich scheint noch unermüdlicher zu sein als der legendäre britische Gentleman-Agent, darüber hinaus noch zeitgeistiger, mehr risikogefährdet und irgendwie gewinnbringend verbissener. Hunt, gemeinsam mit seinen beiden Sidekicks Luther und Benji (in herrlich entspannter, serientauglicher Selbstironie: Simon Pegg und Ving Rhames), ist sozusagen das Bermudadreieck für alle Weltenvernichter, Terroristen und psychopathische Besserwisser, die  nach dem Homöopathie-Prinzip „Bevor es besser wird, soll es noch mal so richtig schlimmer werden“ vorgehen wollen. Eine Herangehensweise, die der Superagent mit der schier unerschöpflichen Energie wie ein Duracell-Hase nicht ganz so sehr zu schätzen weiß – und den finsteren Gesellen, die gerne mit Atombomben jonglieren, ein A für ein U vormacht. Und wenn das nicht klappt, einfach drauflos rennt, boxt, feuert und fahrbare Untersätze bis an die Grenze der Belastbarkeit malträtiert.

Jede Episode – mittlerweile sind wir bei Nummer 6 – hat so seine Schauplätze. Meist Städte, die fremdenverkehrstauglich und stets das kulturelle Erbe wertschätzend in Tages- und Nachtlicht gerückt werden. In den Gassen und allseits bekannten Gebäuden dann Action der guten alten Schule, hemdsärmelig und angestrengt. Theoretisch ist uns Zusehern natürlich klar, wie das Gerangel ausgehen wird, doch das Kino der Franchise-Agenten wäre nicht das Kino der Franchise-Agenten, laden nicht all die handwerklich perfekt inszenierten Event-Kapitel zum Mitfiebern ein. Nicht zuletzt ein großes Verdienst von Mr. Cruise höchstpersönlich, welchem sein gewieftes, scheinbar niemals alterndes Alter Ego ein echtes Anliegen zu sein scheint. Klar, die Mission: Impossible-Reihe ist mittlerweile Cruises Brotjob geworden, damit verdient er die meiste Kohle, und da hinein buttert er auch säckeweise eigenes Geld im Rahmen seiner Produktionsfirma. Einige Faktoren also, die den energischen Zappelphilipp und scheinbaren Jungspund die Sache nicht ganz egal sein lassen.

Mission: Impossible – Fallout ist ein dankbarer Knochenjob mit nur wenigen Überraschungen – und das ist gut so. Bei Mission: Impossible – Fallout ist der rote Teppich der Erwartungshaltung bereits gelegt, und wird weder untergraben noch gestört. Der episodenverwöhnte Zuschauer bekommt, was er erwartet, und unterhält sich zweieinhalb Stunden geradezu prächtig, während der Stakkato-Zickzackkurs der Handlung zwischen lässigem Understatement-Management der Gefahrenlage und verzweifelten Hetzjagden hin und herpendelt. Handwerklich staubfrei geschnitztes Agentenkino, das in gewohnt straffer Dramaturgie von einer ausweglosen Situation zur nächsten sprintet. Hinterfragen darf man den Plot aber lieber nicht, die Notwendigkeit des engmaschigen Konzepts von Tarnen und Täuschen, um zum Ziel der Geschichte zu gelangen, ziehe ich mal vorsichtig in Zweifel, um nicht das ganze Kartenkonstrukt an bemühter Verstrickung zum Einsturz zu bringen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Womöglich unterlag Mission: Impossible – Fallout der gleichen mathematischen Formel wie Brian de Palma´s Erstling: Wie lassen wir es krachen, wohin sollen wir reisen, und wie bauen wie die Geschichte drumherum? Die Stunts, die waren sicher als erste da – und Tom Cruise als Selfmade-Gefahrenjunkie ganz vorne mit dabei. Dabei freut er sich wie ein kleiner Junge, der Räuber und Gendarm spielen darf, nach- und wegläuft, aus Flugzeugen fällt und keine Ahnung vom Fliegen eines Hubschraubers hat, was ihn letzten Endes bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Dem smarten Scientologen (geht das überhaupt?) dabei zuzusehen, wie er sich abstrampelt, hat etwas Mitreißendes. Immer noch hat er’s drauf, und die lausbübische kindliche Gerechtigkeit in uns will so gerne mit dabei sein, wenn Unmögliches möglich wird – so vibriert und blinkt der Notfallbutton für alters- und zynisch befreites spannendes Eventkino, dass sich glücklicherweise nicht schon nach 5 Sekunden selbst zerstört, sondern zweieinhalb Stunden erstklassig routiniertes Retro-Hunting liefert, eingebettet in den ohrenbetörenden Klängen Lalo Schifrins, die Tom Cruise´s Steckenpferd zu einem wohltrainierten Wildpferd striegeln.

Mission: Impossible – Fallout

RED SPARROW

DEN SPATZ IN DER HAND

5,5/10

 

redsparrow© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: FRANCIS LAWRENCE

MIT JENNIFER LAWRENCE, JOEL EDGERTON, MATTHIAS SCHOENAERTS, JEREMY IRONS, CHARLOTTE RAMPLING U. A.

 

Wenn ich als feierabendlicher TV-Channelsurfer an den SWR denke, dann fällt mir erstmal unweigerlich der Südwestrundfunk ein. Dass mit diesem Kürzel aber auch der russische Auslandsnachrichtendienst gemeint ist, erschließt sich mir erst nach Sichtung des neuen Films von Panem-Macher Francis Lawrence. Red Sparrow heißt sein Agententhriller, und natürlich hat Namensvetterin Jennifer womöglich schon vor Vorlage des Drehbuchs zum Film ihre Rolle als fix in ihrer Agenda gehabt. Francis hätte aber auch Charlize Theron besetzen können – die hat aber bereits für Atomic Blonde zugesagt. Mit seiner ehemaligen Darstellerin der Katniss Everdeen ist Francis Lawrence aber sowieso auf der publikumswirksameren Seite. Lawrence zählt zu den bestverdienenden Stars und hat auch weit über ihr schauspielerisches Können hinaus im weltweiten Celebrity-Pool ihre Hände mit im Spiel. Red Sparrow wird also wohl vor allem wegen Jennifer Lawrence sein Geld einspielen, keine Frage. Noch dazu, wenn bei Erwartung einer im Vorfeld angekündigten ungezügelten Nabelschau Erinnerungen an Sharon Stone wach werden. Dass zumindest zeitweilig die Zugriffe auf die unwillkommenen Nacktfotos der jungen Dame weniger werden, kann auf taktisches Kalkül zurückzuführen sein.

In Red Sparrow, nach dem Roman des Ex-CIA-Agenten Jason Matthews, der sicher mit reichlich Erfahrungen aus der Branche authentisches Gebaren hinter den Kulissen illustriert, führt der SWR also so etwas Ähnliches wie ein Bootcamp für reizorientierte Kampfmätressen, genannt die Spatzenschule, unter der Fuchtel einer steingesichtigen Charlotte Rampling, die einen seltsamen Haufen junger Russinnen und Russen zur Schamlosigkeit erzieht. In dieses zweifelhafte Etablissement wird die Ex-Ballerina Dominika Egorova von ihrem zwielichtigen Onkel Wanja – da war wohl Matthews ein Liebhaber Anton Tschechows – gekarrt. Doch wenn ich Dominika Egorova wäre, würde ich, sofern ich die Wahl hätte, absichtlich aus der Schule fliegen wollen. So elitär und effektiv, wie angekündigt, ist diese knochentrockene Erziehungseinrichtung, die irgendwie an das Internat Romy Schneiders aus Mädchen in Uniform erinnert, längst nicht. Zumindest gelingt es Francis Lawrence kaum, die angebliche Relevanz der Vorgeschichte unseres roten Spatzen zu rechtfertigen. Die sogenannten Geheimnisse der Verführung und Manipulation, die dort weit jenseits des Kamasutras beigebracht werden, scheinen auch als Online-Tutorial auf Youporn seinen Zweck erfüllen zu können. Und die Erkenntnis von Jennifer Lawrence, dass sexuelle Nötigung meist mit Machtgehabe zu tun hat – das ist jetzt nicht so die Aha-Erkenntnis, die sie wohl meint erlangt zu haben.

Hat man die zumindest in der Synchronisation im unfreiwillig komischen, russischen Dauerakzent sprechende Meisterin aller Klassen in die freie Wildbahn der Agenten und Spione entlassen, beginnt das Spiel um Information, Täuschung und Taktik überhaupt erst interessant zu werden. Da ist aber schon rund die Hälfte des Filmes um. Sei´s drum, das war bei Atomic Blonde auch so. Da hat das Genre des Agentenfilms generell das Problem, die Gesamtsituation für das Publikum in viel zu langen Erklärungen überhaupt erst erfassbar werden zu lassen. Bei Atomic Blonde und Red Sparrow zeigt das Drehbuch zur ersten Halbzeit deutliche Schwächen – leicht zu dramatisieren ist so eine Romanvorlage sicher nicht. Hut ab, wenn es zumindest halbwegs gelingt. Dann aber wird das Gefühl, schon viel zu viel Zeit in Red Sparrow investiert zu haben, deutlich schwächer. Jennifer „Dominika“ Lawrence, die trotz ihres barbusigen, aber dennoch verhaltenen Teasings wie kaum eine andere junge Filmdiva so sehr ihre Keuschheit an die vorderste Front schickt, hat in Joel Edgerton zumindest einen Filmpartner gefunden, der seine Reize zum Glück nicht vortäuschen muss. Der stets verkniffen dreinblickende, gestandene Charaktermime hat schon Charisma, während Matthias Schoenaerts wie der jüngere Bruder von Vladimir Putin Todesdrohungen wie Tombolapreise verhökert.

Man bemerkt mitleidig, dass der rote Spatz immer noch gerne Ballerina hätte sein wollen. Von Professionalität keine Spur, vielmehr fallen die scheinbar unerwarteten Umstände in der Agentin aufreizenden Schoß. Improvisation ist wohl mehr ihr Ding  – oder ist alles nur Fassade? Spätestens jetzt sollte ich damit das Interesse meiner Leser wecken, denn je näher wir zum Ende kommen, umso mehr schlägt der Thriller seine notwendigen Kaninchenhaken, um als durchaus spannender Geheimtrip – nicht Tipp – zwischen Moskau, Budapest und Wien in Erinnerung zu bleiben. Und der Wiener Michaelaplatz könnte zumindest für Fans, die sich getrost wieder JLa´s Nacktfotos widmen, eine völlig neue Bedeutung erlangen.

RED SPARROW

Atomic Blonde

DIE NOSTALGIE DER EIGHTIES

6/10

 

atomicblonde

LAND: USA 2017
REGIE: DAVID LEITCH
MIT CHARLIZE THERON, JAMES MCAVOY, SOFIA BOUTELLA, JOHN GOODMAN, EDDIE MARSAN

 

Begleitet von den Elektrobeats aus Tom Schilling´s Major Tom teilt eine wunderschöne, wasserstoffblonde Frau am Rücksitz eines Autos mit einem ihrer High Heels gehörige Portionen Backpfeifen aus, bevor das Auto ein Hindernis rammt und sich überschlägt. So in etwa beginnt David Leitch´s Verfilmung einer Graphic Novel mit dem Titel The Coldest City von Anthony Johnston – einem enorm stylischen Agententhriller aus Verrat, Bespitzelung und Verfolgung. Schauplatz ist ein tristes, versifftes Berlin, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer. Mittendrin eine kühle Blonde, gekleidet in allem, was die Achtziger auf gefühlt allen Laufstegen der Jetset-Welt damals zu bieten hatten. Von schillerndem Lederschuhwerk, Netzstrümpfen, schulterfreien Pullis und gewagten Minis darf Charlize Theron womöglich alles tragen, was ihr gefällt. Und dabei verdammt cool aussehen. Das Model mit ihren knapp über vierzig Jahren ist immer noch eine enorm aparte Gestalt. Gefühlsduselei sind der Blondine fremd. Ihre zynische Ernsthaftigkeit dürfte sie sich unter anderem von Anne Parillaud aus Bessons Nikita abgeguckt haben – die Frisur in seiner stechenden Intensität von Christopher Lambert aus Subway, ebenfalls ein Klassiker aus den Achtzigern. Und das martialische Know-How vom aktuellen James Bond. Lorraine Braughton ist somit eine bis zur Überzeichnung gestählte Geheimwaffe, die man besser nicht hinters Licht führen sollte. Da dies in der Welt der verdeckten Ermittler und Spione aber gang und gäbe ist, kann sich der Zuseher wohl vorstellen, wohin das führt. Doch bis es einmal so weit kommt, heißt es quälend lange warten. Denn die erste Hälfte von Atomic Blonde hält sich nur allzu gern damit auf, den Agentenfilm von der Stange ins Laufen zu bringen.

Nichts ist hier anders als in vielen anderen thematisch verwandten Spannungsszenarien, die wir alle schon zur Genüge kennen. Eine besagte Liste, die so wertvolle wie entlarvende Daten über die Spione des MI6 enthält, ist ein Objekt der Begierde, das für den Zuseher über keinerlei Relevanz verfügt. Ob Liste, Kapsel, Dokument A oder Dokument B, ob Atomsprengkopf oder die Kronjuwelen der Königin – worum es geht, scheint für Leitch zumindest anfangs zweitrangig zu sein. Er konzentriert sich voll und ganz auf Charlize Theron. Ihr Kommen, ihr Gehen, ihr Zug an der Zigarette und ihr eiskaltes Wannenbad on the rocks – die Dame ist das Zugpferd des Films, der so wirkt wie eine Musikvideo. In pink-türkisen Neonlichtern, vor rebellischen Graffiti-Wänden und im Sound der Achtziger. Die gestalterischen Aspekte des Thrillers, die den Zeitgeist der späten 80er unterstreichen und das nostalgische Gefühl vermitteln sollen, mit Wurlitzer und X-Large nochmal in die Vergangenheit gereist zu sein, sind wie Asse im Ärmel zielsicher ausgespielt. Die Betrachtung kühl-ästhetischer Fassade macht Spaß. Und der eiskalte Engel ebenso. Dass Theron schauspielern kann, wissen wir. Das macht sie auch in diesem Streifen äußerst gut. Der Männer verprügelnde Vamp, der mit Stiefelabsätzen, Herdplatten und Pistolengriffen das Blut spritzen lässt ist allerdings neu. Die völlig klangbefreite, auf Schreie und Keuchen reduzierte Kampfszene in einem Berliner Altbau ist in seiner Intensität fast schon ein bisschen David Cronenberg. Choreographisch perfekt und von enorm physischer Intensität. Und sobald es ums Ganze geht, und Leben auf dem Spiel steht, wird der Film auch richtig spannend. Da läuft Atomic Blonde zur Höchstform an. Die Liste ist bald vergessen, das nackte Überleben und das Herausfinden aus dem Sumpf des Betrügens, Betrügen Werdens und Beschattens hat nun keine Langeweile mehr. Schmerz wird zum Lehrmeister, der Tod hat plötzlich viel zu tun.

Atomic Blonde ist eine visuell sinnliche Reise in die Zeit von Nena, Falco, Neon und Punks. Es ist zu vermuten, dass einige Szenen den Panels aus dem Comic entsprechen. Was den Film in seinem Design noch kunstvoller werden lässt. Die Agentenstory dahinter ist zwar zu banal, um im Gedächtnis zu bleiben. Doch die Plakativität, die anderen Filmen vielleicht vorzuwerfen wäre, rettet den Geheimdienstreißer über den Durchschnitt.

Atomic Blonde