Official Secrets

DER STAAT BIN AUCH ICH

7/10

 

oficcialsecrets© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: GAVIN HOOD

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, RHYS IFANS, RALPH FIENNES, MATT SMITH, MARTIN BRIGHT, INDIRA VARMA, ADAM BAKRI U. A.

 

Was würde man bloß tun, wenn plötzlich klar wird, dass die Mächtigen nichts anderes im Schilde führen als uns Bürger zum Narren zu halten? Womöglich würden wir die Füße still halten, aus Angst, uns mit etwas zu Großem anzulegen. Wegsehen wäre hier das kleinere Übel, zumindest für die Person im Einzelnen, nicht aber für einen ganzen Teil der Weltbevölkerung. Würde man die Konsequenzen abwägen, hätten die Mächtigen also freie Bahn für welche Tricks auch immer. Und die Medien, die hecheln wie pawlowsche Hunde nebenher. Manchen aber war das Ausmaß des Frevels zu groß, und die Konsequenzen einer Gegenwirkung vielleicht nicht ganz so bewusst. Wie zum Beispiel bei Übersetzerin Katherine Gun, einer Whistleblowerin wider Willen.

Dass die us-amerikanische Irak-Offensive auf erstunkenen und erlogenen Beweismitteln beruht, das wissen wir längst. Womöglich auch aufgrund der Aktivitäten von Katharine Gun, die tatsächlich nur (so sagt der Film) ihrem Gewissen so manches schuldig war und dabei so ganz nebenbei Freunden von der investigativen Presse brandheißes Material zugesteckt hat. Das Memo: ein Aufruf zur Manipulation einer UN-Resolution zum Angriff auf Saddam Hussein. Wenn das bekannt werden würde, wäre das ein Stachel im Fleisch der Kriegstreiber. Wahrheiten wie diese aber müssen ans Licht. Und so kam es dann auch. Hätte Katharine Gun doch nur still gehalten; wären ihr die ständigen Verhöre Unschuldiger nicht ganz so sehr an die Substanz gegangen und wären ihre Ideale einfach militanter gewesen, wäre Katharine Gun inkognito geblieben und hätte ihr Leben als kluge, wertebewusste Bürgerin weiterhin bewahrt. Keira Knightley gibt sich im Film dann auch genau so: als junge, unbescholtene und engagierte Frau in einer liberalen Beziehung, die gut mit Sprachen kanAnecken mit den Mächtigen war wohl nicht das, was Whistleblowerin Keira Knightley eigentlich wollte – dennoch macht sie in diesem packenden True-Story-Drama eine kämpferisch gute Figur.n und dann so etwas wie dieses tückische Mail in die Finger bekommt.

Dieser Official Secrets-Act ist alleine schon eine Zumutung und läuft dem Bestreben, transparent zu regieren, völlig zuwider. Klauseln gibt’s da nämlich keine, und Aufdeckern von Machtmissbrauch sind da die Hände gebunden. Tsotsi-Regisseur Gavin Hood lässt in der Klarheit britischer News angesichts dieses Beispiels wütend machender Ohnmacht Keira Knightley wiedermal großartig aufspielen. Kein Film, indem die aparte Britin nicht ihren Rollen völlig gerecht wird. Auch hier bangt und kämpft sie, behält aber stets ihre Selbstachtung, den Kopf hoch erhoben und hat zum Glück jenen ritterlichen Trotz, der notwendig ist, diese Art von Ächtung durchzustehen. Ihr zur Seite: Jurist Ralph Fiennes, der fast ein bisschen wirkt wie Bonds M, nur spürbar sozialer. Hat sich diese True Story tatsächlich so zugetragen, dann grenzt das fast an ein Wunder, wie die Sache ausging. Bei Snowden und Assange lief die Sache anders. Knightleys Kampf für ihre Existenz ist in diesem akkurat inszenierten Aufklärungskino fesselnd dokumentiert, spannend und emotional obendrein. Irgendwann geht es nicht mehr um das Wohl der Welt, sondern darum, seinen eigenen Hintern zu retten. Official Secrets ist ein höchst sehenswertes Filmbeispiel um Selbstlosigkeit, Mut aus Angst und der Freiheit des Gewissens. Und nicht zuletzt um die Fragwürdigkeit von Staatsgeheimnissen, die uns alle angehen sollten.

Official Secrets

Das Letzte, was er wollte

AUS DEM DSCHUNGEL IN DEN DSCHUNGEL

2/10

 

thelastthinghewanted© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: DEE REES

CAST: ANNE HATHAWAY, ROSIE PEREZ, BEN AFFLECK, WILLEM DAFOE, TOBY JONES U. A.

 

Irgendwo in der Provinz Nicaraguas schleicht Anne Hathaway als relativ unerschrockene Reporterin und Teil einer Guerillagruppe durch den Dschungel. Wir befinden uns mitten in den Achtziger-Jahren. In nämlichem mittelamerikanischem Land herrscht Bürgerkrieg. Die Volksfront der Contras gegen die linksorientierten Sandinisten. Anne Hathaway muss Furchtbares mit ansehen. So wie Rosamunde Pike als Marie Colvin in A Private War. Doch sie notiert fleißig alles, was sie sieht. Gerät ins Kreuzfeuer, steht natürlich mit einem Bein im Grab, wie das bei Kriegsreportern nun mal so ist. Mit dieser wuchtigen Intensität beginnt der von Netflix veröffentlichte und vormals beim Sundance Festival vorgestellte Film mit dem recht sonderbaren Titel Das Letzte, was er wollte. Diese Intensität aber will nicht lange halten. Dem, was mit der Verfilmung des gleichnamigen Buches von Joan Didion passiert ist, muss ich für meine Begriffe ein filmisches Armutszeugnis erteilen. Und das aus mehreren Gründen.

Einer dieser Gründe ist nicht Anne Hathaway. Sie hat ihr Drehbuch aufmerksam gelesen, improvisiert auch nicht und gibt sich professionell, soweit es die Charakterzeichnung zulässt. Ein Grund ist genauso wenig Willem Dafoe, denn der ist als etwas geistig verwirrter und egozentrischer Papa stark wie immer. Womöglich könnte einer der Gründe Ben Affleck sein. Wäre die Razzie für dieses Jahr nicht schon vergeben – er wäre ihrer würdig. So ausdruckslos habe ich selten jemanden spielen sehen. Es ist, als wäre Affleck das Gesicht eingeschlafen. Der Mann ist aber ob seiner paar kurzen Auftritte nicht das eigentliche Problem. Viel schlimmer ist die völlige Ratlosigkeit, wovon Das Letzte, was er wollte eigentlich erzählen will. Klar, im Mittelpunkt steht Hathaway – und ja, sie übernimmt den recht undurchsichtigen Auftrag ihres Vaters, eine dubiose Lieferung nach Costa Rica zu bringen, die natürlich vor Ort auch noch bezahlt werden will. Die Währung ist eine andere als gedacht – es sind Drogen. Und ganz plötzlich kommt die Iran-Contra-Affäre ins Spiel, hautnah miterlebt, bis über beide Ohren darin verstrickt. Soweit so spannend. Doch etwas haut nicht hin: Regisseurin Dee Rees, die mit der Südstaatenballade Mudbound zu Recht für Aufsehen gesorgt hat (lief ebenfalls über Netflix und war 2018 gar oscarnominiert), findet keinen Fokus. Für einen Politthriller enthält ihr Film viel zu viel Geschwafel, das die Handlung nicht weiterbringt. Statt prägnanter Schlüsselszenen inszeniert Rees stets am point of interest vorbei, kann ihren filmischen Schwerpunkt nicht finden und verliert immer wieder den roten Faden, sofern es jemals einen gegeben hat. Neben dem politischen Skandal rund um die Reagan-Präsidentschaft will der Film aber auch noch ein fiktiv biographisches Charakterdrama unterbringen und das psychologische Dilemma seiner Hauptprotagonistin relevant erscheinen lassen. Irgendwie hat diese Schiene keinen Platz. Das merkt man daran, dass das persönliche Drama relativ wenig tangiert. Interessanter wäre gewesen, den ganzen Kanälen hinter der Iran-Contra-Affäre mehr auf die Spur zu kommen als die Vater-Tochter-Storyline reinzubringen. Genau dieser unglückliche Mix nimmt dem Film seine Straffheit und Relevanz.

Das Genre des Politdramas oder –thrillers hat naturgemäß stets den Hang, letztlich viele Mosaiksteine zu einem großen Ganzen zu vereinen und jede Menge Details in den Dialogen zu verstecken, die wichtig sind für das Verständnis eines solchen Films. Da braucht es ein klar strukturiertes Drehbuch, das Aussieben von unnötigem Ballast, der sonst die Geschichte zum Stocken bringt. Ist nicht leicht, so ein Schritt. Ist auch durchaus schwierig, wenn die literarische Vorlage einfach mehr Seiten hat, um alles erzählen zu können als ein Film Minuten und Stunden. Das ist bei Das Letzte, was er wollte scheinbar nicht passiert. Das letzte, was ich wohl gewollt hätte, wäre gewesen, diesen Streifen zu sehen. Aber was weiß man im Vorhinein? Nichts Genaues – so wie der Film nichts Genaues zum Besten gibt.

Das Letzte, was er wollte

J’accuse – Intrige

DIE OPFER DER UNFEHLBARKEIT

8/10

 

intrige© 2020 Filmladen

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: ROMAN POLANSKI

CAST: JEAN DUJARDIN, LOUIS GARREL, EMMANUELLE SEIGNER, MATHIEU AMALRIC, DAMIEN BONNARD U. A. 

 

Nicht nur Knastbruder Papillon verweilte eine Zeit lang auf der Teufelsinsel vor Guyana. Dort harrte seinerzeit auch ein gewisser Dreyfus aus, vom Militärgericht für schuldig befunden, degradiert und abgeschoben. Warum? Der pflichtbewusste Artillerie-Hauptmann wurde der Spionage beschuldigt, genauer gesagt der Weitergabe diverser Rüstungsdetails an die Deutschen. Beweis dafür sollte eine abgefangene Mitschrift sein, graphologisch gesehen haargenau die Handschrift des Beschuldigten. Allein: Dreyfus hatte, wie wir heute längst wissen, mit der ganzen Sache nichts zu tun. Grund für seine Festnahme war einzig und allein die Tatsache, dass Dreyfus ein Jude war. Und das Militär sowie gefühlt fast ganz Frankreich zum Ende des 19ten Jahrhunderts bis unter die Hutkrempe antisemitisch. Natürlich hat das damals, ganz oben in der Hierarchie, niemand zugegeben, und natürlich war das französische Militär auch nicht daran interessiert, nach Aufdeckung des Justizirrtums klein beizugeben, um damit ihre eigene Unfehlbarkeit zu untergraben. Das Ganze wäre auch vermutlich nicht ans Licht gekommen, wäre nicht ein gewisser Georges Picquart zum Chef der Spionageabwehr ernannt worden und hätte dieser nicht gerochen, dass bei Dreyfus im Staate so einiges faul sein muss.

Angesichts der Missbrauchs-Causa kann man von Polanski natürlich halten, was man will (unter anderem lässt sich die Frage, ob ein Künstler gleichzeitig seine Kunst ist oder ob sich Werk und Schöpfer trennen lassen, schwer beantworten), eines ist jedenfalls klar: aus der Geschichte des Films ist der Pole längst nicht mehr wegzudenken. Seine Regiearbeiten sind wegweisend und unverwechselbar. Und auch sein neuestes Werk zeigt noch viel von seinem Können, motiviert ihn regietechnisch gar zur Höchstleistung. J’accuse – Intrige ist ein astreiner, packender und dichter Historienfilm, akribisch aufbereitet, bestens recherchiert und fürs Kino auf wesentliche Fakten reduziert, wobei aber immer noch eine derart narrative Dichte geblieben ist, die höchste Aufmerksamkeit erfordert. Leute, die mit Militärgeschichte nicht wirklich viel anfangen können, mögen vielleicht anfangs etwas irritiert, vielleicht gar gelangweilt sein. Und ja, dieser Mikrokosmos der Ehre, der Etikette und des Zeremoniells innerhalb der ganzen Ränge rauf und runter ist schon durchaus seltsam, voller Distanz zum Normalo und extrem obsolet. Aber dennoch – dieses starre Korsett von Pflicht und Ehre hat sich über Jahrhunderte anscheinend wunderbar bewährt. Intrige spielt in der Zeit des Säbelrasselns vor dem Ersten Weltkrieg, der rund 20 Jahre später über Europa hereinbrechen wird. Diese militärische Anspannung ist jetzt schon spürbar, die Bedeutung des gewährleisteten Schutzes von Volk und Vaterland größer denn je. Kennt man die Werke von Joseph Roth, unter anderem Radetzkymarsch oder Kapuzinergruft, dann lässt sich ungefähr vorstellen, in welchem Dunstkreis und mit welchen Personen wir es ungefähr zu tun haben. Es sind Menschen, die entweder Befehle erteilen, Befehle empfangen ohne nachzudenken und ganz wenige, die diese hinterfragen. Jean Dujardin spielt so einen Menschen, und zwar einen der ganz wenigen, und es ist faszinierend, der schnauzbärtigen Gewissenhaftigkeit in Person über zwei Stunden lang zuzusehen, wie sich um sie herum ein Sumpf aus Falschheit und Vertuschung auftut, während sich die Schlinge um ihren Hals gleichermaßen zusammenzieht. Dujardins oscarwürdige Darstellung ist präzise nuanciert, meist ist er Meister seiner Pflicht, dann wieder Held seiner inneren Werte und irgendwann verlässt auch ihn die Countenance. Eine wunderbare Entwicklung, die er darstellt, in einem recht düsteren Kosmos aus alten Kasernen, muffigen Archiven und steif gewaschenen Uniformen. Was Polanski und sein Team ganz erstaunlich hinbekommen ist die intensive, mehrsinnige Erfahrbarkeit des Interieurs aus Aktenschränken voller penibel sortierter Inhalte, knarrenden Fußböden und dem Knittern papierener Depeschen. Unzählige Male werden Kuverts geöffnet, Briefe aufgefaltet, von einer Hand in die andere gereicht, Ledermappen auf und zu geklappt, dazwischen das Zusammenschlagen der Haken und die Hand zum Salut an der Schläfe. Eine Kakophonie analoger Berichterstattung, eine Inferno an Nachrichten aus einer Zeit weit vor der Digitalisierung des Alltags. Wie so ein Film wohl heute aussehen würde, mit all der Big Brother-Technik, die NSA & Co zur Verfügung haben?

J’accuse – Intrige ist ein erstaunlich präziser Film in dunstigem, kalten Grau, ein fesselndes Beispiel für die Gefährlichkeit des Scheins, für eine Message Control, die bereit ist, über Leichen zu gehen und weiße Westen, die innen vor Schmutz nur so strotzen. Vielleicht wäre Picquart heutzutage einer wie Assange oder Snowden, einer, der sich nicht beugen lässt und seine Prinzipien nicht verrät, wie ungemütlich es auch werden mag. Polanski schenkt diesem integren Menschen einen Film, und mahnt auch vor Machtmissbrauch und falscher Ehre. Dabei ist der nationale Fremdenhass wiederum eine ganz eigene Metaebene des Films. Szenen wie die, in denen die Zeitungen mit dem Manifest Émile Zolas brennen, sind Gänsehaut pur und Szenen wie die im Gerichtssaal, in denen Picquart gegen die stolzen Militärbonzen wettert, nicht weniger intensiv als seinerzeit das Finale von Eine Frage der Ehre. Nur die rekapitulierte Realität endet anders, und der Moment der Befreiung liegt in den Sternen. Dennoch: wäre die Dreyfus-Affäre nicht tatsächlich staatskrisengleich über Frankreich hereingebrochen, wäre Intrige ja fast nicht zu glauben, schon gar nicht das letztendliche Schicksal von Picquart und Dreyfus. Doch so wird es gewesen sein, und Polanski hat dabei keine halben Sachen gemacht. Mit J’accuse – Intrige hat das französische Kino wohl einen seiner stärksten Filme seit langem auf die Leinwand gewuchtet.

J’accuse – Intrige

A Private War

DEN BLICK DORTHIN, WO´S WEHTUT

6/10

 

privatewar© 2018 Ascot Elite

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: MATTHEW HEINEMAN

CAST: ROSAMUNDE PIKE, JAMIE DORNAN, STANLEY TUCCI, TOM HOLLANDER, GREG WISE U. A.

 

Einem Schulkollegen aus der gymnasialen Unterstufe bin ich vor Jahren zufällig mal auf Facebook begegnet. Beeindruckt hat mich, was aus ihm geworden ist – nämlich Journalist. Das wäre auch für mich eine Alternative gewesen, und zumindest als Blogger kann ich gegenwärtig der Freude am Schreiben ein bisschen nachgehen. Was aber besagter Kollege aus seiner Profession letzten Endes gemacht hat, das würde ich nie tun, schon allein aus einer gewissen Grundverantwortung heraus: mich beruflich in Gefahr begeben. Den Schreibtisch hat der Ex-Kollege schon mal gegen Schussweste und Helm getauscht, zum Beispiel auf seinen Recherchen nach Afghanistan. Sichere Wege sind das keine mehr, aber den Blick dorthin zu richten, wo es weh tut, das machen nur wenige. Wie sonst könnte man erfahren, was in Regionen wie diesen alles abgeht. Unerfreuliches, Bitteres, humanitär höchst Bedenkliches. Das wird, da man nur einer oder eine von wenigen ist, zu einer Berufung, zu einer ganz anderen Verantwortung, der man sich schwer entziehen kann, die sich schon fast damit vergleichen lässt, auserwählt zu sein. Mit so einem Umstand musste zum Beispiel die amerikanische Journalistin Marie Colvin klarkommen. Und die hat, was Krieg und Krisen betrifft, wirklich keine halben Sachen gemacht. Hat dabei sogar ein Auge verloren. Und ist auch sonst wie dem Tode entkommen, bist dieser dann doch zugeschlagen hat, im syrischen Homs, so geschehen im Februar des Jahres 2012.

Für die Lebens- und Leidensgeschichte dieser Reporterin ohne Grenzen hat sich Rosamunde Pike verpflichten lassen. Und sie entfesselt diesen diffizilen Charakter mit einer grimmigen Hartnäckigkeit, die preisverdächtig erscheint. Pike war schon immer für alle Rollen zu haben, doch meist waren es solche, die sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen lassen, die gerne eine dunkelgraue Seite haben, die anecken und provozieren. Provokant ist ihre Marie Colvin in jedem Fall, denn das Bild, dass sie zeichnet, ist weder das einer furchtlosen Heldin, die den Adrenalinkick zum Eigennutz braucht, noch das einer schillernden Ikone des Kriegsjournalismus. Es ist die Studie einer Psyche mit massiver posttraumatischer Belastungsstörung, und viel weniger die Sucht nach dem Kick, den manchen Kriegsreportern nachgesagt wird. Regisseur Matthew Heineman differenziert die Stereotype einer manisch-selbstlosen Reporterin, die vielleicht nur auf den ersten Blick so wirkt, als wäre sie eine todesverachtende, fast schon mythologische Heldin, die in den Tartaros menschengemachter Zwistigkeiten eindringt. Auf den zweiten Blick ist Colvin eine ruinierte Seele, die ohne den Level der Anspannung in sich zusammensackt, die ein normales Leben nie wieder führen kann, die sich mit Haut und Haaren einer Wahrheitsfindung geopfert hat, die wir in den täglichen News konsumieren, nichts oder nur peripher ahnend, was dahintersteckt. In A Private War, wie der Titel schon sagt, blicken wir hinter und unter die Trümmer nicht nur ganzer Minderheiten, sondern auch eines Individuums, das seinen ganz privaten, inneren Krieg führt. Das ist etwas, was dem Film gelingt, wenngleich er aufgrund seines Fokus auf Rosamunde Pike das dramaturgische Grundgerüst etwas vernachlässigt. Was heissen soll, dass Marie Colvins letzte Lebensjahre wie von ihr besuchte Niemandsländer aneinandergereiht sind. Diese fragmentarische Erzählweise kann man machen, wenn man es kann. Heineman verlässt sich zu sehr auf seine Hauptdarstellerin, worauf man sich prinzipiell auch problemlos verlassen könnte. Nur ist der Unterbau unterkühltes Sückwerk ohne Raffinesse. Die Bilder aber, die sprechen für sich, und es ist ein besonderer Kniff dabei, A Private War mit demselben Bild beginnen und enden zu lassen: Mit dem Blick dorthin, wo nichts mehr wehtut, weil alles vernichtet ist.

A Private War

Die Erfindung der Wahrheit

LOBBYISMUS AUF SPEED

7,5/10

 

erfindungderwahrheit© 2016 Universum Film

 

ORIGINALTITEL: MISS SLOANE

LAND: USA 2016

REGIE: JOHN MADDEN

CAST: JESSICA CHASTAIN, MARK STRONG, GUGU MBATHA-RAW, SAM WATERSTON, ALISON PILL, JOHN LITHGOW, MICHAEL STUHLBARG U. A.

 

Wie bitte? Könnten Sie das nochmal wiederholen, einfach zum Mitschreiben? Wenn der Film beginnt, und Miss Sloane – so der Originaltitel desselbigen – im Stechschritt die Büroräume stürmt, fährt das noch frühstücksmüde Tagesgeschäft von Null auf Hundert, brechen Worte sintflutartig über modernes Büromöbel-Interieur und all die Glasfassaden sämtlicher Meetingrooms rutschen aus dem Fensterkitt. Mittendrin Jessica Chastain, tough wie Wonder Woman, hartgesotten wie jemand der nichts mehr zu verlieren hat, wenn man so will der Chuck Norris unter den Lobbyisten. Was hier in den ersten Minuten an Dialog fällt, fällt in manchen Filmen die ganze Laufzeit nicht – das erinnert an die Filme David Mamets. Da wie dort reicht es nicht, nur zuzuhören, da muss das Hirn auch gleich mit, und es kann leicht sein, dass man hinterherhinkt, Gesagtes erst sickern muss, während Miss Sloane schon ganz woanders ist und über Taktiken philosophiert, die unsereins erst in den Kontext bringen muss.

Fasziniert von diesem Charisma und dieser überheblichen Klugheit, stellt sich nach dem Downflow der Emotionen die Frage: Wer ist diese rothaarige Lady, die im perfekt sitzenden Damenanzug niemandem auf Augenhöhe begegnet? Die über allen Dingen steht, alles im Griff hat und ihr Fußvolk herumdirigiert wie ein Wahlkampfmanager, dessen Partei viel zu verlieren hat. Ist sie so jemand wie Miranda Priestly aus Der Teufel trägt Prada, die Meryl Streep so menschenverachtend gut interpretiert hat? Nein, dafür ist sie viel zu hemdsärmelig. Miss Sloane packt an wo andere loslassen. Delegiert eigentlich nicht, sondern, wenn man so will, reitet an vorderster Front dem Feind entgegen. Und gewinnt Kriege, die unmöglich scheinen.

Eine Art Krieg ist der Lobbyismus allerdings schon, ein Krieg um Stimmen und Meinungen, bei denen, die etwas zu sagen haben im Land. Ein Anbiedern, Überreden und Manipulieren, und das in großem Stil. Und dabei kann es im Eifer des Gefechts vorkommen, dass manche mit unlauteren Mitteln arbeiten. Denn worum geht es also? Um die Etablierung von Macht, um das Exekutieren von Interessen. Unterm Strich: Illusionskunst auf politischer Bühne. Miss Sloane eignet sich für so etwas am Besten, und am Besten für Miss Sloane eignet sich Jessica Chastain. Die Schauspielerin hatte schon Osama bin Laden im Sucher (Zero Dark Thirty), und als Glücksspiel-Queen sämtliche Millionen im Sack (Molly´s Game). Chastain ist niemand zum Kuscheln, sie ist die eiserne Lady Hollywoods. Apart in jeder Hinsicht, auf keinen Fall sympathisch, aber in ihrem resoluten Auftreten auf sinnliche Weise faszinierend. Anlegen würde ich mich nicht mit ihr, ihr Intellekt zwingt jeden Widersacher in die Knie. Und ich wäre hier nicht mal ansatzweise ein solcher.

John Madden, seinerzeit hoch gelobt für die barocke Romanze Shakespeare in Love (meines Erachtens völlig überbewertet), lässt seine forsche heilige Johanna in zermürbender Eloquenz das Banner hissen. Das so ein Alltag auf Speed dauerhaft der Gesundheit schadet, weiß die Rhetorik-Queen zumindest rein theoretisch, doch für Theorie ist kein Platz in diesem Leben, das so einsam ist wie eine Marsmission, das statt einer Biographie nur beruflichen Lebenslauf kennt und schon gar kein soziales Umfeld. Die großen Momente dieses faszinierenden Politdramas finden sich daher weniger in den taktischen Methoden, mit denen sich Lobbyisten an den Kragen gehen, sondern im Porträt einer Besessenen, die die Sucht nach Erfolg und Effizienz an moralische Grenzen bringt. Das ist eine famose One-Woman-Show, ein Schachspiel, bei dem eine Menge Bauern das Feld räumen müssen, und die Königin in einem Zug ans andere Ende prescht. Miss Sloane ist so akkurat und berechnend wie die stärkste Figur in so einem Spiel, und läuft stets Gefahr, besiegt zu werden, solange sie nicht die Züge des Gegners voraussieht. Das fordert, und wenn zwischen all der ZackZackZack-Methodik Chastains Blick vor Erschöpfung ins Leere geht, in sich gekehrt und verharrend, und das nur für einen verschwindenden Moment, den sonst niemand merkt, dann hat dieser Charakter etwas bemitleidenswert Menschliches, aber auch Bewundernswertes angesichts dieser durchgetakteten, zielorientierten Lebenskunst.

Die Erfindung der Wahrheit

Gegen den Strom

AND THE BAND PLAYED ON

6/10

 

gegendenstrom© 2018 Pandora Filmverleih

 

LAND: ISLAND, FRANKREICH, UKRAINE 2018

REGIE: BENEDIKT ERLINGSSON

CAST: HALLDORA GEIRHARDSDOTTIR, JÓHANN SIGURÐARSON, JUAN CAMILLO ROMAN ESTRADA U. A.

 

Solange die Musik spielt, ist nicht alles verloren. Das hat man sich auf der Titanic auch gedacht. Also fidelten die Streicher bis zum bitteren Ende, und zwar immer noch, als alles bereits in den Fluten versank. Wer das sonst nirgendwo nachgelesen hat, weiß das seit James Camerons Filmwunder von 1997. Wenn also die Stille nach wohlkomponierten Klängen folgt, wird wohl schon alles so richtig im Argen sein. In der isländischen Tragikomödie, die ich eigentlich gar nicht in das Genre einer Tragikomödie einsortieren will, ist das Schlimmste noch nicht eingetreten. Obwohl die Lage schlimm genug ist. Denn die Combo, die spielt den ganzen Film hindurch. Was nun, das wird sich so mancher Leser denken, in den meisten Filmen sowieso der Fall ist, denn in gefühlt jeder Produktion bis auf die Filme von Michael Haneke oder dem Dogma 95 gibt es einen eigenen Score. In Gegen den Strom zwar auch, nur musizieren die Artisten live im Film, sind also Teil der Kulisse und begleiten unsere Protagonistin Halla im Grunde auf Schritt und Tritt. Auf offenem Felde, in der unwirtlichen Einöde Islands oder in ihren eigenen vier Wänden. Das ist ein interessantes Stilmittel, das habe ich ehrlich so noch nicht gesehen. Die Musik ist also ein weitaus wichtigerer Teil in Hallas Geschichte, um nur als Score eingespielt zu werden. Solange also die Musik läuft, kann Halla noch einiges riskieren. Und das tut sie.

Wenn sie nicht gerade ihre Chorgruppe leitet, rüstet sie „gegen den Strom“. Da haben wir ihn wieder, den doppelten Wortsinn. Denn Halla gelingt es mehrere Male, ohne entdeckt zu werden, mittels Pfeil und Bogen die Spannungsleitungen für die lokale Aluminiumfabrik zu kappen. Denn die ist schlecht für die Umwelt. Durch ihr Tun schreckt sie jede Menge Investoren ab, die da vielleicht mehr im Sinn haben als nur die Fabrik zu übernehmen. Eine Aktivistin also, durch und durch. Gleichzeitig aber auch bereit, ein Flüchtlingskind zu adoptieren, falls sie denn an die Reihe kommt. Da ist also einiges am Köcheln, und klingt nach stressigem Alltag. Den Idealismus, den Mut und die Überzeugung für eine Sache, den hat Regisseur Benedikt Erlingsson in seinem Frauenportrait so richtig groß geschrieben. Die Welt, die will er mit seiner Figur Halla besser machen, es scheint, als würde er sich wünschen, dass mehr Menschen so denken und handeln wie sie, gegen alle Konformität und eigentlich gegen jede Vernunft. Denn die, die kommt später. Wenn das verursachte Chaos Früchte trägt. Wenn der Plan aufgeht.

Vom isländischen Kino bin ich schon einiges gewohnt. Vor allem lakonisches, schwarzhumoriges. Sehr schräges aber auch wuchtiges. Gegen den Strom kann sich da nirgendwo wirklich einordnen. Das kaum bis gar nicht humorvolle Drama ist trotz seiner außergewöhnlichen Heldin ernüchternd normal, immer auf der Spur, selten versponnen. Halldóra Geirharðsdóttir verkörpert die Rolle der Kämpferin mit nüchterner Verbissenheit, die vollends überzeugt ist von ihrem Tun. Eine Hardlinerin, die all die Risiken, die sie beschwört, womöglich nicht abschätzen kann. Das ist nicht wirklich isländisch gefärbt, auch wenn so manche Szene ansatzweise skurril wirkt. Im Endeffekt ist es das aber nicht. Gegen den Strom ist trotz all seiner Aufregung ein unaufgeregter Film, vor allem durch das kontrollierte Spiel der Hauptdarstellerin. Die Welt zu verändern, so die Prämisse des Filmes, ist nichts, was per Multitasking erfüllt werden kann, bei all der Liebe zu den Ambitionen, die das Drama hat. Das mag klarsichtig sein, aufrichtig sein, aber letzten Endes ein Kampf gegen Windmühlen, der vielleicht erwirkt, dass sich die Windmühle weiterdreht, aber kein Monster mehr ist. Weil das eigene Leben immer noch oberste Priorität haben soll. Der Storytwist am Ende macht dann das Unmögliche möglich, erwartbar war er nicht. Ein bisschen bemüht zusammenkonstruiert, aber warum nicht, wenn es doch der guten Sache dient, und sich die Rettung der Welt auf die eines einzelnen herunterbrechen lässt.

Gegen den Strom

Styx

SCHIFFE VERSENKEN FÜR ALTRUISTEN

7/10

 

styx© 2018 Benedict Neuenfels, Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WOLFGANG FISCHER

CAST: SUSANNE WOLFF, GEDION WESEKA ODUOR U. A.

 

Willkommen in der Unterwelt. Bevor wir in den Hades vordringen können, müssen wir einen Fluss überqueren, der das Totenreich neunmal umfließt. Schwimmend geht das nicht, dazu braucht es einen Fährmann. Charon heißt er, und er will einen Obulus, eine Münze. Die legten die alten Griechen auf die Zunge des Toten, damit er eingeht in das Reich der Finsternis, in welchem schon Orpheus und Eurydike vorgedrungen und niemals wieder zurückgekehrt waren. Der Fluss, dessen Name ist Styx, übersetzt Wasser des Grauens. Styx ist auch der Name einer Göttin, der Tochter von Okeanos. Abgeleitet davon: Ozean. Auf solchem kurvt der Segler Asa Gray, unterwegs von Gibraltar nach Asuncion, einer kleinen Insel südlich von Sankt Helena, unberührtes Paradies und schon seinerzeit Faszinosum von Charles Darwin, der hier angelegt hat. Die Ärztin Rike, die macht sich alleine auf den Weg, wie vor einigen Jahren Robert Redford in All is Lost. Doch Redford, der konnte dem Sturm auf offener See nicht standhalten. Rike, gespielt von Theaterschauspielerin Susanne Wolff, schafft es zwar, Wind und Wetter zu trotzen, ist aber ungefähr auf der Höhe der Kapverdischen Inseln einer ganz anderen Katastrophe ausgesetzt, die nicht weniger verheerend ist. Und für die es eigentlich keine Lösung gibt, zumindest nicht für das kleine Boot, konzipiert für maximal zwei Personen.
Dieses Unglück ist ein havarierter Fischkutter, bis über die Grenze der Belastbarkeit vollbeladen mit Flüchtlingen, die, dehydriert und am Ende ihrer Kräfte, verzweifelt rufen und winken, ins Wasser stürzen, untergehen. Das ist ein menschliches Desaster, das können wir uns nicht vorstellen. Das kann sich Ärztin Rike genauso wenig vorstellen. Besonnen, wie sie ist, funkt sie die Küstenwache an. Mayday Mayday, heißt es. Der Notruf wird gehört, Hilfe ist am Weg. Doch das rettende Schiff, das kommt nicht. Und die junge Nautikerin muss eine Entscheidung treffen, der sie nicht entkommen kann. Denn was sie erst später merkt: Das Gewässer des Styx, das liegt unter ihr, gluckert in kleinen Wellen um den Bootskiel herum. Chiron fragt nach dem Obulus. Doch den gibt es nicht. Nicht für alle.

Der Österreicher Wolfgang Fischer hat ein konzentriertes, und doch episch weites Kammerspiel entworfen, selbst verfasst und gedreht. Gesprochen wird wenig, fast ausnahmslos über Funk. Sein Film Styx ist in Zeiten wie diesen höchst brisant, vermeidet es aber, was bei Filmen wie solchen leicht passieren kann, den Moralapostel zu spielen oder gar auf zu simple Art und Weise den erhobenen Zeigefinger zu recken. Was Fischer will, ist ein Gleichnis errichten, auf instabilem Grund. Eine Parabel über Ignoranz und Zivilcourage. Über die Selbstlosigkeit des Einzelnen im Angesicht einer humanitären Katastrophe und der eiskalten Erbarmungslosigkeit vieler, nämlich jener, die eine Nation erst ausmachen, die wiederum von einer dem Fremden ablehnenden Politik geprägt wird, unter dem Vorwand, erstmal auf sich selbst schauen zu müssen. Es sind die Flüchtlinge, die keiner will, für die niemand verantwortlich ist, da wir schließlich nicht als Weltenbürger auf die Welt gekommen sind, sondern als Patriot eines Staates, der sich künstlich abgrenzt. Dass unser Planet im Grunde gar keine Grenzen hat, sieht niemand mehr. Das sehen vielleicht nur die, die über die Weite segeln, wie einst Odysseus, wie einst Christoph Kolumbus oder Magellan. Der Mensch ist in Fischers Styx längst nicht mehr von gleicher Wichtigkeit. Flüchtlinge werden zu Untermenschen, sie werden wieder zu Sklaven eines Ungleichgewichts. Mittendrin eine wohlhabende Weiße, die als einzige den Obulus hat, um in die Unterwelt vorzudringen. Aber will sie das denn? Das ist nicht die Frage. Sie muss. Weil es menschlich ist. Weil genau das uns besonders macht.

Styx führt zu einem völlig anderen Umkehrschluss als das thematisch sehr ähnliche, französische Seglerdrama Turning Tide mit François Cluzet. Weil Sytx mehr erzählen will. Fischer sucht einen gemeinsamen Nenner der Beschützenden und zu Schützenden, und dabei wagt er sich durchaus vor in den Versuch einer metaphorischen Darstellung, die auf den ersten Blick ratlos zurücklassen könnte, mit ein bisschen Abstand aber den Eindruck erweckt, zu Ende gedacht zu sein. Styx ist kein filmisches Mahnmal, vielmehr eine Reinigung des Blickes und ein Wiederfinden des Anstands. Ein kluger Film, der sich zwischen den Bildern liest. Und der die Segel so setzt, um am Weltproblem nicht vorbeizuschippern.

Styx