Worldbreaker (2025)

WARTEN AUF MILLA JOVOVICH

1/10

 

Luke Evans und Filmtochter Billie Boullet waten in Worldbreaker auf Milla Jovovich
© 2026 Alive AG

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: BRAD ANDERSON

DREHBUCH: JOSHUA ROLLINS

KAMERA: DANIEL ARANYÓ

CAST: BILLIE BOULLET, LUKE EVANS, MILLA JOVOVICH, MILA HARRIS, KEVIN GLYNN, CHARIS AGBONLAHOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Die Guten ins Töpfchen…

Ja stimmt, es gibt zuhauf schlechte Filme, die muss man gar nicht erst sehen, um zu wissen, dass die Synopsis des einen oder anderen Machwerks schamlos von Genreperlen abkupfert oder einfach nur marktschreierisch und um Effekte haschend das schnelle Geld machen will. Ein Durchforsten der Streamingplattformen macht schwummrig, vielleicht auch ein bisschen gesättigt von all dem gleichen Schmus – es ist wie Doomscrolling mit der Fähigkeit, die Apokalypse im Hirn und in der Raumzeit des Sinnhaften nochmal abzuwenden.

Milla und ihre Apokalypsen

Was Apokalypsen betrifft, so könnte auf den ersten Blick ein Film wie Worldbreaker ganz interessant sein. Wenn man auf Milla Jovovich abfährt – und auch, wenn man das nicht tut –, zumindest aber auf Resident Evil oder In the Lost Lands mit Dave Bautista, könnte man mit dem neuen Film von Brad Anderson, der ja durchaus schon mal die eine oder andere bemerkenswerte Arbeit vom Stapel hat lassen, zwei Stunden Monster-Endzeit genießen, oder?

Seltsam nur, dass ein Titel wie Worldbreaker nur dann greifbar wird, wenn man länger auf Film-Plattformen herumstöbert, und da vorzugsweise in der Kategorie Home Cinema. Aha, denke ich mir, Milla Jovovich macht, was sie immer schon gut konnte, nämlich die Waffen erheben gegen vielbeinige Riesenspinnen oder arachnoide Zentauren.

Die Gute schwingt noch dazu ein Schwert, was das Fantasy-Herz höher schlagen lässt. Schließlich ist auch Luke Evans dabei – der hat doch vor einiger Zeit den Ober-Vampir verkörpert? Stimmt, Vlad Dracul, und zwar in Dracula Untold. Auch nicht schlecht, probieren kann man’s ja, obwohl Worldbreaker auf Wikipedia fast totgeschwiegen wird.

Leere Versprechungen

Und dann? Ja, dann passiert das: Und zwar alles, nur das nicht, was man erwartet hätte. Ein innovatives Abenteuer, zum Bersten voll mit Monster-Action, gefälligem Pathos, auf das man aufspringt und eine sich windende Spannung? Mitnichten.

Das satte Grün irischer Plateaus, die in eine spektakuläre Küstenlandschaft übergeht – a hat sich jemand als Location-Scout bewiesen, das nenne ich mal Schauplatz für mächtig Drama und mächtig Thrill. TV-Darstellerin Billie Boullet, zu sehen in der Serienversion von Man on Fire, rückt auch hier ins Bild.

Die junge Dame scheint schon viel erlebt zu haben, traumatische Veränderungen, den Reiz der Selbstverantwortung, unterdrückte Furcht. Da steht sie, zähneknirschend und mit entschlossenem Blick, während auch sie ihr Schwert zieht. Aus dem Off hören wir Luke Evans bedeutungsschwere Stimme. Der Mut dieses Mädchens wird in die ungeschrieben Annalen der Postapokalypse eingehen.

Warten hat so was Vorherhsehbares

Dann aber springt die Zeit zurück, schließlich weiß man noch nicht, wovon diese Geschichte eigentlich handelt. Doch das macht nichts. Nach ungefähr zehn Minuten ist klar, wie und wohin sich das ganze Szenario entwickeln wird. Worldbreaker hält das Zepter der Vorhersehbarkeit so hoch, als wäre es ein Leuchtturm für alle, die als Skriptautoren und Autorinnen die noch nicht verfasste eigene Story weniger trivial gestalten wollen.

Milla Jovovich, so erfahren wir bald, ist nur des Marketings wegen mit an Bord, eine Randfigur wie einst Bruce Willis in so manchem B-Movie-Thriller seiner späteren Karriere. Die meiste Zeit leben Billie Boullet und ihr Rauschebart-Daddy auf einer einsamen kleinen Insel und harren der Dinge, während Mama Jovovich auf Irland gegen Ungetüme aus dem Erdinneren kämpft. Was wir leider nicht sehen.

Der ganze Film eine Nebenhandlung

Ja, wo sind sie denn, diese Viecher? Die kommen schon noch. Oder auch nicht. Oder eben unscharf und nur ganz kurz im Hintergrund, weil Brad Andersons Film einfach kein Budget hat oder das Budget gekürzt wurde, weil Weltwirtschaftskrise und so.

Stattdessen bleibt uns eine parkourerprobende Heidi und ihr alter Herr, beide schenken sich, was seifige Dialoge angeht, wirklich nichts. Die Hoffnung und die Liebe und all die gedroschenen Phrasen lassen sich leider nicht zu Mehl verarbeiten, um etwas zu beißen zu haben. Denn bissfest ist in diesem Streifen wirklich nichts. Langeweile macht sich breit, Billie Boullets Figur schreckt vor ihrer eigenen Vorahnung zurück.

Mitunter verhübschen gefährliche Mutanten das dröge Geschehen und verpuffen so schnell wie Sternschnuppen. Brad Anderson kann keinerlei Spannung halten, lässt keinen Ehrgeiz erkennen und beschränkt sich die meiste Zeit auf belanglose Jugend-Fantasy ohne Reibung und Raffinesse, die völlig durchhängt.

Das Warten auf Milla Jovovich hat irgendwann ein Ende

Die Lore dieses Films ist so hanebüchen und unausgegoren, der finale Auftritt Jovovichs so lachhaft, die Erwartung so dermaßen unerfüllt und das Ganze so holprig performt, dass selbst das bisschen feministische Grundidee keine nennenswerte Verbesserung bringt. Worldbreaker ist tatsächlich der Tiefpunkt eines Regisseurs, der uns seinerzeit einen kafkaesken Albtraum wie Der Maschinist beschert hat. Nun aber ist der Albtraum eher ungewollt, und die zwei Stunden Lebenszeit unwiederbringlich.

Worldbreaker (2025)

Wohin der Wind uns trägt (2025)

GELEGENHEIT MACHT ZUKUNFT

7,5/10


Eya Bellagha und Slim Baccar unterwegs nach Djerba im Roadmovie Wohin der Wind uns trägt
© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: WHERE THE WIND COMES FROM

LAND / JAHR: TUNESIEN, KATAR, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: AMEL GUELLATY

KAMERA: FRIDA MARZOUK

CAST: EYA BELLAGHA, SLIM BACCAR, SONDOS BELHASSEN, MAYA BLOUZA, LOBNA NOOMENE U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



In Tunis ist es auch nicht gerade so, als hätte man dort die Zukunft verpasst oder wüsste nicht, was alles im Zeitalter der Information möglich sein kann. Nur weil es Nordafrika ist, braucht Europa nicht annehmen, dass Chancengleichheit nicht gefragt sei. Dabei war Tunesien wie fast jeder Staat an der afrikanischen Mittelmeerküste französische Kolonie – und bis heute verbindet die Kolonialmacht und ihre nun unabhängigen Gebiete zumindest das Zugeständnis Frankreichs, Menschen von dort nach Europa zu lassen.

Wie es dort dann weitergeht, ist eine andere Sache. Doch so weit sind wir hier noch nicht, denn der Wind, der die beiden Freunde Alyssa und Mehdi weiter tragen soll als die Möglichkeiten es hergeben, hat noch nicht mal angefangen, als Südwind seine Pflicht zu tun.

Das innige Beispiel einer Freundschaft

Alyssa und Mehdi – das ist kein Liebespaar. Beide kenne sich von klein auf, sind so etwas wie Bruder und Schwester – haben also eine Beziehung, die in den 80ern Harry und Sally für unmöglich hielten. Und die so viel Gewicht hat, dass nichts beide auch nur jemals entzweien könnte.

Vielleicht aber hält die Zukunft  Schicksale bereit, die für Konflikte sorgen. Die beide in unterschiedliche Richtungen treibt. Bobachtet man Alyssa und Mehdi aber, wie sie versuchen, die trostlose Unbeweglichkeit ihres Status Quo zwischen familiärer Verpflichtung und Jobsuche hier in Tunis zu überwinden, konfrontiert Wohin der Wind uns trägt (Im Original noch treffender: Where the Wind Comes From) sein Publikum mit dem energiegeladenen Abenteuer einer Orientierungssuche.

Nach der Decke strecken? Ist nicht!

Und taucht dabei tief in die inneren Welten seiner beiden jungen Helden ab, die wissen, wie man Gelegenheiten am Schopf packt. Nur so, nur durch Improvisation, Wagemut und Dreistigkeit, scheint man als Young Adult hier in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling voranzukommen – man muss nur die Grenzen, die einem gesteckt werden, links liegen und Verantwortung für andere gegen Eigenverantwortung tauschen. Einen zielgerichteten, aufmüpfigen Egoismus entwickeln. Und nach Djerba düsen.

Also klauen Alyssa (berührend authentisch: Eya Bellagha) und Mehdi kurzerhand den nicht unauffälligen Jeep eines Bekannten, um zu einem Zeichenwettbewerb auf der Touristeninsel vor Tunesiens Küste zu gelangen. Mehdi ist schließlich hochtalentiert, entwirft surreale Bilder, versteht das Handwerk – und hat sein Werk auch schon eingereicht.

Belastungsprobe für Werte und Prinzipien

Auf dem Weg dorthin aber mag der eine oder andere Engpass beide vor Herausforderungen stellen, die sie so noch nicht kannten. Sie mögen ihre Prinzipien vielleicht manchmal verraten, die eigenen Grenzen dehnen und Erfahrungen sammeln, die sehr viel auch mit der Rolle der Frau in einem muslimischen Land zu tun hat. Und dem, was man ihr zugesteht, tun zu dürfen – oder auch nicht.

Roadmovies gibt es viele. Selbstfindungen währenddessen ebenso. Doch was Amel Guellaty ganz besonders hier gelungen ist, und wodurch sie ihre Reise zu etwas ganz Besonderem werden lässt, ist diese gnadenlos bedingungslose Freundschaft, dieses Zueinanderhalten und das tiefe Vertrauen, das beide einander schenken.

Platz für die inneren Welten

Berührende Momente wechseln mit dreistem Schicksals-Gambling – doch überzogen wird das Ganze nie. Eine gewisse verspielte Verträumtheit und eine Liebe zu ihren Figuren bringt Guellaty auch dazu, die inneren Welten von Alyssa in dezent gesetzten, surrealen Szenen zu visualisieren. Bei Mehdi muss sie das nicht tun – er hat seine Bilder, die seine Gefühlswelt zeigen.

Diese erfrischend unverkrampfte Sicht auf die Welt, verbunden mit dem empfundenen Recht junger Menschen, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken, egal wie – das trägt eine Wahrhaftigkeit in sich, die so bescheiden und virtuos daherkommt, dass sich jede Vermutung, in einem Betroffenheitsfilm nur more of the same erzählt zu bekommen, im Wüstenwind zerstreut.

Dann dreht sich der Wind

Frech und fröhlich, doch genauso mit Angst im Herzen und Wille im Verstand, fahren die beiden einer Zukunft entgegen, die so ungewiss ist, dass sich Kilometer für Kilometer nur improvisieren lässt. Irgendetwas wird passieren, hin zu Neuem oder zurück zu Altem, neu betrachtet. Eine Reise, fast schon so wie bei Paolo Coelho, nur mit dem Wind, der sich immer wieder dreht.

Wohin der Wind uns trägt (2025)

No Other Choice (2025)

AM ARBEITSMARKT DA IST WAS LOS

7,5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2025

REGIE: PARK CHAN-WOOK

DREHBUCH: PARK CHAN-WOOK, LEE KYOUNG-MI, LEE JA-HYE, DON MCKELLAR, NACH DEM ROMAN VON DONALD WESTLAKE

KAMERA: KIM WOO-HYUNG

CAST: LEE BYUNG-HUN, SON YEJIN, PARK HEE-SOON, LEE SUNG-MIN, YEOM HYE-RAN, CHA SEUNG-WON, YOO YEON-SEOK U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN



Warum nur widmet Park Chan-Wook diesen seinen neuen Film, der letztes Jahr schon auf der Viennale lief, einem Regiekapazunder wie Costa-Gavras, der seit den 70ern ausgesuchtes Politkino abliefert (stark in Erinnerung bleiben da Yves Montand in Das Geständnis und Jack Lemmon völlig untypisch als politisch Verfolgter in Vermisst)? Die Antwort: Einen Film wie No Other Choice gibt es bereits. Zumindest irgendwie. Es gibt ihn schon seit 2005 und nennt sich, unter der Regie von Costa-Gavras eben, Die Axt. Beide Filme sind keine Originaldrehbücher, sondern basieren wiederum auf Donald Westlakes schwarzhumorigem Sozialthriller aus der Arbeitswelt – ein Thema, das aktueller nicht sein kann. Und obendrein eine Story, die sich in der Umsetzung wohl so anfühlt, als hätten beide Filme, der von Costa Gavras und der von Park Chan-Wook, sowieso nichts gemeinsam.

Niemand macht’s wie Südkorea

Niemand macht Filme wie Park Chan-Wook. Niemand macht Filme außerhalb Südkoreas wie die Südkoreaner selbst. Hier findet sich ein Filmstil, den man entweder immer schon intus hatte oder den man einfach nicht erlernen kann, so sehr man sich auch anstrengt. Das ist das radikal Schöne, das radikal Interessante an diesen Filmen: Sie überraschen immer wieder und haben keinerlei Ambition, den Erwartungen ihres Publikums zu entsprechen, es sei denn, es gibt keine. Bei No Other Choice wissen wir nur, er handelt von einem Familienvater, wohnhaft in einem rustikal-modernen Anwesen nahe der Natur, dessen Hypothek schwer auf der Geldtasche der arbeitenden Erwachsenen liegt. Dieser Man-su hadert wie wir alle derzeit mit dem Finanziellen, und wie es das Schicksal eben will, reicht der Problemkontent zur Existenzkrise nicht aus: Der mehrere Jahrzehnte in der Papierherstellung arbeitende und erfahrene Kapazunder wird dank Firmenfusion ins Aus befördert. Kein Ding für einen erfahrenen Spezialisten, möchte man meinen. In drei Monaten könnte alles wieder unter Dach und Fach sein. Doch denkste: Der Traumjob offenbart sich nicht, stattdessen wittert Man-su die Chance, beim Konkurrenten neu anzufangen. Das aber nur, wenn die Mitbewerber überschaubar bleiben, im besten Fall gibt es keine. Man müsste nur ein bisschen nachhelfen, auf die unorthodoxe Art. Was Man-su auch tut. Und sich dabei in Turbulenzen verstrickt, die sich genau auf jenem schmalen Grat grotesk entfalten können, auf dem eben nur einer wie Park Chan-Wook seine Ideen balancieren kann.

Stilistisches Freidrehen

Jeder andere wäre da schnell ausgerutscht, abgerutscht, abgestürzt. Dieser Herr hier, dem wir Oldboy und die ganze Vengeance-Trilogie zu verdanken haben, passiert sowas nicht. Obwohl – hat man schon länger kein koreanisches Filmwerk mehr am Radar gehabt, könnte der Einstieg in diesen Arbeitsplatzbeschaffungswahnsinn keine gemähte Wiese mehr sein. Sondern durchaus ein etwas härter zu erarbeitender Brocken an stilistisch völlig undefinierter Kinokunst. Worauf man sich dabei einlässt? Keine Ahnung. Eine gewisse süßlich-kitschige Verklärtheit, die aber nicht als Satire verstanden werden will, so scheint mir, lässt No Other Choice mal ordentlich Atem holen. Die von westlichem Kino Verwöhnten werden dabei keinesfalls an der Hand genommen. Sie schlittern – und so auch ich – in eine stilistisch völlig entmilitarisierte Zone. Wohl eher mühsam, denke ich mir. Da war Park Chan-Wook schon mal besser. Oder doch nicht?

Irgendwann rangeln drei Parteien am staubigen Boden eines fremden Wohnzimmers um Schießeisen und Fassung. Wie Chan-Wook die Skurrilität der Situation einfängt, ist so weltfremd wie packend. Übertrieben expressives Spiel begegnet kriminalkomödiantischem Slapstick. Der weicht irgendwann wieder ernsten Unter- und Obertönen, lässt so völlig nebenbei die eigene Tochter zu einem Mysterium erstarken, während Papierfabrikant Man-su in völliger Verzweiflung zu verstörenden Methoden greift, um sein perfides Werk zu vertuschen. Die Genialität in No Other Choice liegt mitunter auch im steten Aufgreifen narrativer Versatzstücke, die ins Wechselbad völlig konträrer Tonalitäten gelangen. Da ist der neu gepflanzte Baum, da sind die Hunde, da ist das Vorstellungsgespräch im Gegenlicht. Bizarre Lächerlichkeit trifft auf tiefschwarze Melancholie. Und letztlich auf eine traurige Zukunft, die zumindest das familiäre Glück wie ein Beatmungsgerät auf einer Intensivstation am Leben erhält.

Obwohl ich Die Axt nicht kenne, wird No Other Choice garantiert der ganz andere Film sein. Ein ambivalentes, herausforderndes Vergnügen, das keine Probleme damit hat, lieber Konventionen aufzubrechen als alles perfekt zu machen.

No Other Choice (2025)

U Are the Universe (2024)

DAS LETZTE DATE DER MENSCHHEIT

8/10


© 2025 Drop Out Cinema


ORIGINALTITEL: TI-KOSMOS

LAND / JAHR: UKRAINE, BELGIEN 2024

REGIE / DREHBUCH: PAVLO OSTRIKOV

CAST: VOLODYMYR KRAVCHUK, ALEXIA DEPICKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Nein, man verhört sich dabei nicht, wenn der Film in manchen Szenen seine Hommage an einen ganz großen, wenn nicht den größten Klassiker der Science-Fiction erhobenen Armes vor sich herträgt: Die Klänge von Also sprach Zarathustra erklingen nicht im eigenen Kopf, sondern tatsächlich – während einer ausgesucht augenzwinkernden Weltraumszene, die sich angesichts des Endes der Menschheit eines Humors bedient, der so heilend wirkt wie der Trost eines guten Freundes. Dabei wären wir, das eingeschworene Publikum des Slash ½-Festivals, fast gar nicht in den Genuss dieser Szene gekommen. U Are the Universe war noch nicht ganz fertiggestellt, als Russland über die Ukraine herfiel. Und dennoch, trotzdem sich seit damals das Land im Kriegszustand befindet und einige aus der Filmcrew an die Front mussten, vollbrachte der Filmemacher Pavlo Ostrikov das Unmögliche. Das Ergebnis ist ein handwerklich ausgefeilter, top ausgestatteter Weltraumfilm, der höher budgetierten Genrefilmen um nichts nachsteht, und der gleichermaßen eine Geschichte erzählt, die so viel Sehnsucht und Empfindung in sich trägt, dass niemals zum Pathos wird, was der einsame Kosmonaut auf dem Weg zum Jupiter alles durchmachen muss.

Diese Odyssee, die sich tief vor Stanley Kubricks 2001 verbeugt und sich Klassikern wie Lautlos im Weltraum, Dark Star oder Moon freundschaftlich anschließt, setzt sich erst nach einem im wahrsten Sinne des Wortes vernichtenden Paukenschlag in Gang. Kein geringerer Himmelskörper als die Erde setzt Ostrikov auf die Abschussliste. Wie eiternde Pusteln entzünden sich brennende Herde auf der Erdoberfläche, ein vernichtendes Feuer breitet sich aus, und dann der große Knall. Andriy Melnyk, einziges Personal auf einem Atommülltransporter in Richtung des Jupitermonds Callisto, dürfte nun, wenn man eins und eins zusammenrechnet, der letzte Mensch des gesamten bekannten Universums sein. Wie fühlt sich das an? Erstmal gar nicht, denn so ein Ereignis muss ein menschlicher Geist erst einmal akzeptieren. Zum Glück muss Andriy nicht alleine mit diesen neuen Parametern klarkommen – eine künstliche Intelligenz namens Maxim, ein klobiger Roboter mit Greifarm und Bordcomputer des Schiffes (HAL 2000 lässt grüßen) versucht, genug Empathie zu simulieren, um den Trost eines guten Freundes zu spenden. Während des Manövers, den rasend heranfliegenden Trümmern der Erde auszuweichen, bekommt Melnyk tatsächlich nochmal Post – von Catherine, die in einem Forschungsraumschiff nahe des Saturns festhängt. Auch wenn die beiden Planeten beim Aufzählen des Sonnensystems nebeneinanderliegen – der Weg von Jupiter zu Saturn ist weit, die Funkübertragung sehr lang, so geht der Dialog eher schleppend vor sich. Im Grunde aber ist es das narrative Prinzip romantischer Filme wie Schlaflos in Seattle, die wiederum die antike Sehnsucht nach Zweisamkeit zwar nicht auf so ein dramatisches Level hochschrauben wie bei Orpheus oder Odysseus, dafür aber den alltäglichen Gebrauch davon abbilden. In U Are the Universe geht es dramatisch genug einher, ohne aber das Drama aufzubauschen.

Jene, die Kinoromantik eher skeptisch gegenüberstehen, seien aber entwarnt. Dieser entschleunigte und gleichsam beschleunigende Solo-Trip in die Ewigkeit eruiert zwar das Grundbedürfnis des Menschen, seiner Einsamkeit zu entgehen, füttert den Plot aber mit geschickt platzierten Wendungen, die den geradlinigen Trip durchs Dunkel zumindest im Kopf mäandern lassen. Mit viel Mut zur Stille, zur Reduktion und zu einer Ironie, die angesichts einer Endzeit so rettend wie wohltuend erscheint, verlässt sich Ostrikov im sicheren Vertrauen auf seinen Hauptdarsteller, der wahrscheinlich nur rein zufällig dem leidgeprüften Präsidenten Selenskyj ein bisschen ähnlich sieht. Fast könnte man in manchen Szenen meinen, er selbst wäre isoliert von allem, stets unterwegs, ein Ziel zu finden, dass nicht mehr sein kann als ein schicksalsentscheidendes Blind Date, weil es das letzte ist, das die Menschheit jemals eingehen wird.

Europäisches Kino wie dieses, das obendrein atemberaubende Bilder liefert und sich in stilsicherem Setting wie daheim fühlt, wagt auch die geschwungenen Drehbuchzeilen einer tief empfundenen, tragisch-schönen Poesie, die sich das US-Kino wohl kaum getraut hätte und wenn doch, auf der eigenen Seife ausgerutscht wäre. Bei U Are the Universe ist es das aufrichtige Statement eines Versprechens, einer Vision, geformt mit Lehm, als Botschaft gegen den technologischen Fortschritt, die besagt, dass man nur mit den eigenen Händen wirklich begreifen kann, worauf es ankommt. Nach all der Technik, den Errungenschaften, der Dystopie, bleibt am Ende immer und irgendwo der Mensch, im Kreis des Leonardo Da Vinci, allein und sich selbst einem uneigennützigen Zweck empfehlend.

U Are the Universe (2024)

Here (2024)

RAUMZEIT IN EINEM ZEITRAUM

6,5/10


here© 2024 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

DREHBUCH: ERIC ROTH, ROBERT ZEMECKIS, NACH EINER GRAPHIC NOVEL VON RICHARD MCGUIRE

CAST: TOM HANKS, ROBIN WRIGHT, PAUL BETTANY, KELLY REILLY, MICHELLE DOCKERY, GWILYM LEE, DAVID FYNN, OPHELIA LOVIBOND, NICHOLAS PINNOCK, NIKKI AMUKA-BIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Der DeLorean, ausgestattet mit dem Flux-Kompensator, steht in diesem Film hier nicht in der Einfahrt zur Garage neben dem Haus. Das Haus selbst bietet auch kein Portal auf andere temporäre Ebenen. Und Rod Taylor sitzt ebenfalls nicht in seinem mit Samt ausgekleideten Steampunk-Vehikel, um in die Vergangenheit oder weit in die Zukunft zu reisen. Robert Zemeckis schafft es dennoch, die vierte Dimension zu durchbrechen, das gelingt ihm ganz ohne Science-Fiction, Gewittern am Himmel oder der abenteuerlichen Erzählung eines gewissen Mannes, der auf einer Parkbank sitzt und Pralinen verteilt. Von Forrest Gump zu Here ist es im Grunde ein kurzer Weg, beide verbindet nicht nur Alan Silvestris unverkennbarer Score, sondern auch die Hauptdarsteller: Robin Wright und Tom Hanks. Seit den Neunzigern stehen sie erstmals wieder gemeinsam vor der Kamera, und dank innovativer Technik sehen sie jünger aus als im Oscar-Hit um einen Tausendsassa von schlichtem Gemüt, der findet, das nur der dumm ist, der Dummes tut.

Diesmal ist von der epischen Breite eines ganzen Lebens nicht allzu viel zu sehen, da Zemeckis so gut wie niemals die vier Wände eines um die Jahrhundertwende erbauten Hauses verlässt – genauer gesagt die vier Wände eines Wohnzimmers, das sich, in einer zeitlosen Stasis befindend, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einen eigenen Reim macht. Wenn Mauern, wenn Räume reden könnten, was wäre dann? Was empfängt die Aura eines Ortes an Vergänglichkeit, Werden und Vergehen? Der Begriff Kammerspiel bekommt in Here eine neue Bedeutung und bewegt sich lediglich in der vierten Dimension fort. Die Kamera bleibt starr und blickt, wie ein an Ort und Stelle gebanntes Gespenst, auf auf Familien, Freunde, auf Fortschritt, Kreativität, Liebe, Trauer und Zuversicht. Vorallem auch auf reichlich Humanismus. Denn wohin Zemeckis uns führt, ist ein Ort frei von Gewalt.

Im Zentrum stehen dabei Robin Wright und Tom Hanks. Mit ausgereiftem De-Aging schaffen die beiden einen Präzedenzfall für so manches Franchise, das seine Stars von früher vermisst. Auch Paul Bettany darf sich einem digital vollendeten Alterungsprozess unterwerfen, alle drei sind gemeinsam mit Kelly Reilly die Kernfamilie des Films, flankiert von anderen wohnhaften Parteien aus dem Damals und aus der Zukunft – sie alle sind jedoch nur kleine Anekdoten, vernachlässigbare Miniaturen in sattem Interieur, dass den Zeitgeist widerspiegelt. Mit Tom Hanks erleben wir den amerikanischen Kitsch einer Familie, Hoch und Tiefs erlebend in üppig ausgestatteter Einrichtung, als würden wir ins das Zimmer eines Puppenhauses blicken. So puppenhausartig auch all die Figuren, all diese Menschen, die so seltsam fern wirken, die alles erleben, was eine Familie, die rechtschaffen lebt, eben aushalten, genießen und betrauern muss.

Es wäre Biedermannkino mit Taschentuchalarm ob der wehmütigen Vergänglichkeit von allem, gäbe es hier nicht die experimentelle Komponente, die kühne Überlegung, die Bilder eines Films wie Here zu zerschnipseln und übereinanderzulegen, die Zeit auszuhebeln und immer mal wieder ein Fenster zu öffnen, ein lineares Geviert im Bild und auf der Leinwand, durch welches der Zuseher hindurchsteigt in eine andere Ebene. Das Experiment gelingt. Erstaunlich, wie konsequent Zemeckis an seiner Prämisse dranbleibt. Die sentimentale Lieblichkeit der Bilder und Panels, das hausbackene, ich will nicht sagen pseudophilosophische, aber bemüht lebensweise Exempel mehrerer Familienleben verfängt sich zum Glück richtig heillos in einer avantgardistischen Vision des Geschichtenerzählens, um als denkwürdiges Unikum über Raum und Zeit das eigenen Hier und Jetzt mal nicht mit eigenen Augen neu zu betrachten, sondern mit den abstrakten Sensoren eines Ortes, an welchem man lange gelebt hat. Ein Hoch auf die eigenen vier Wände. Und den Boden unter den Füßen.

Here (2024)

Der wilde Roboter (2024)

AUF NÄCHSTENLIEBE PROGRAMMIERT

6/10


derwilderoboter© 2024 DreamWorks


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: CHRIS SANDERS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): LUPITA NYONG’O, PEDRO PASCAL, CATHERINE O’HARA, BILL NIGHY, STEPHANIE HSU, KIT CONNOR, ALEXANDRA NOVELLE, MATT BERRY, VING RHAMES U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (SYNCHRO): JUDITH RAKERS, AXEL MALZACHER, MADELEINE STOLZE, SEBASTIAN FITZNER, JOACHIM TENNSTEDT, ALICE BAUER, HANNS-JÖRG KRUMPHOLZ, BERND EGGER, JAN:MARTEN BLOCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Alles beginnt fast so wie in Robert Zemeckis Robinsonade Castaway: Durch ein Unwetter gelangt die Fracht eines verunglückten Transportschiffs an die unbewohnte Küste einer Insel. In den Kisten verpackt: Behende Haushaltsroboter für den guten Zweck, dafür programmiert, Aufgaben anzunehmen und diese auch auszuführen – wenn es denn jemanden gäbe, der diese Maschinen auch einsetzt. An diesem paradiesischen Ort, an welchem die Natur in Hülle und Fülle gedeiht, scheint ein Roboter anfangs so ziemlich fehl am Platz. Die Einheit Rozim 7134, kurz Roz, welche durch die unverhohlene Neugier einer Fischotterfamilie aktiviert wird, begegnet, als er durch den Wald streift, einer scheuen, verängstigten und aggressiven Fauna. Einem Wesen wie Roz ist hier noch niemand begegnet, und es scheint, als wären künstliche Intelligenzen wie diese inmitten eines intakten Ökosystems aus Fressen und Gefressenwerden, inmitten harscher Jahreszeiten und wenig Nächstenliebe, völlig fehl am Platz. Wäre da nicht ein verwaistes Gänseküken, für dessen Wohlbefinden die empathische, Behelfsroboterdame nun endlich eine Agenda hat. Ihr Ziel: Den rotschopfigen Vogel in die große weite Welt hinauszuschicken, oder ihn zumindest dafür fit zu bekommen. Unterstützung hierfür bekommt er dabei nicht mal von seinen Artgenossen, lediglich der Fuchs Fink, den auch kein anderer will, wird zu einem guten Freund. Anfangs eigennützig, doch dann zunehmend altruistisch.

Das Gefühl, sich um andere zu kümmern, die weniger resilient und deutlich vulnerabler als andere Individuen sind, wird in Der wilde Roboter zum ritterlichen Ehrenkodex, zum beharrlichen Projekt – anfangs aus Pflicht, dann nur mehr aus Liebe. Chris Sanders (u. a. Drachenzähmen leicht gemacht) sendet wichtige Botschaften aus, in denen das friedliche Miteinander zum obersten Gebot wird, verabschiedet sich dabei aber von einer unerbittlichen Natur, die Leben, Überleben und Tod als notwendigen und völlig wertfreien Zyklus versteht. Ein Idealismus setzt ein, der unter Menschen vielleicht genauso funktionieren würde, jedoch nicht unter Tieren der unterschiedlichsten Spezies. Das ist ein wiederkehrendes Dilemma bei Tierfabeln dieser Art, die von vegetarischen Löwen erzählen oder in denen Fische als minderwertige Lebewesen angesehen werden, nur weil sie vielleicht Schuppen statt Fell besitzen. Anfangs reißt Sanders Krähen noch den Kopf ab (eine für kleine Kinder irritierende Szene) oder zerlegt stieläugige Krabben, im weiteren Verlauf entfernt sich der Film aber zusehends von diesem natürlichen Verständnis. Man könnte sich fragen, ob das angestrebte Miteinander nicht die eigene Natur verrät? Versucht man, nicht zuviel in den Film hineinzuinterpretieren oder ihn gar zu analysieren – was bei Filmen dieser Art vielleicht gar nicht erbeten wird – genießt man zumindest ein farbintensives Animationsspektakel mit dem Herzen am rechten Fleck und dem Streben nach Versöhnung zwischen Fortschritt, Technik und Natur.

Wodurch man allerdings merkt, dass Sanders sich nicht damit begnügen will, nur ein Gleichnis über Nächstenliebe und Zusammenhalt auf den Punkt zu bringen, und zwar auf eine Weise, die für alle Altersklassen leicht verständlich scheint, die Älteren aber vielleicht etwas unterfordert, ist, sich auch dem Spektakel zu bedienen. So gesehen hat Der wilde Roboter, der so sein hätte können wie eine Variation von Selma Lagerlöfs impressionistischem Epos Nils Holgersson, drei mögliche Enden. Sanders nutzt aber keines davon und auch nicht jenes, womit er vielleicht nahe am Meisterwerk wäre. Letztlich gibt er sich einem Showdown hin, der fast schon an Overkill grenzt und der mitnichten notwendig gewesen wäre, um diese Geschichte auszuerzählen. Womöglich mag Dreamworks daran schuld sein, womöglich hätte Saunders gar viel früher seine Fabel beendet, doch Action muss sein, aus Angst, ein durch Social Media überreiztes Publikum vielleicht zu langweilen. Das wäre, mit Verlaub, niemals passiert. Dafür ist vieles in diesem Familienfilm viel zu liebevoll gestaltet, um auch ohne Rambazamba den Tieren, dem Roboter und jenen, die den Film sehen, Mitgefühl und Wärme entgegenzubringen.

Der wilde Roboter (2024)

The End We Start From (2023)

HINTER MIR DIE SINTFLUT

5/10


the-end-we-start-from© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: MAHALIA BELO

DREHBUCH: ALICE BIRCH, NACH DEM ROMAN VON MEGAN HUNTER

CAST: JODIE COMER, JOEL FRY, KATHERINE WATERSTON, GINA MCKEE, NINA SOSANYA, MARK STRONG, BENEDICT CUMBERBATCH, SOPHIE DUVAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese Woche soll es endlich wieder mal ordentlich regnen. Zumindest hier, im staubtrockenen, glutheissen Wiener Becken, waren all die verzweifelten Regentänze für die Fische. Unter solchen Umständen wandern Filme, die sich mit Klimawandel und noch dazu mit dem heiß ersehnten Niederschlag auseinandersetzen, die Watchlist höher. Eines dieser neuen Werke ist jener Streifen, der Jodie Comer als frischgebackene Mutter durch ein teilweise überflutetes und vollends dem Ausnahmezustand anheimgefallenes Großbritannien schickt. Durch das London an der Themse lässt sich nur noch per Boot manövrieren, zum Glück haben eine Frau ohne Namen und ihr Mann rechtzeitig Haus und Heim hinter sich gelassen, zum Glück hat diese Frau auch rechtzeitig ihr Baby zur Welt gebracht. Es scheint, als wäre das Schicksal dieser frischgebackenen Familie gewogen, denn Papas Eltern leben überdies in höhergelegenen Gefilden am Land, mit jeder Menge Vorrat, um gut durch die Krise zu kommen. Diese dauert aber länger als gedacht, es scheint, als wäre die Flutkatastrophe sowas wie einer Zombieapokalypse gewichen, nirgendwo gibt es mehr Nahrung, und selbst im Haus der Großeltern leert sich der Keller. Das Schicksal meint es also doch nicht gut, als ein Unglücksfall dem anderen folgt und Jodie Comers Charakter plötzlich ganz allein dastehen muss, den Säugling vor die Brust geschnallt und ums Überleben kämpfend. Die Suche nach Papa muss verschoben werden. Die Zukunft ist ungewiss.

Aus gefühlt jedem Katastrophenzustand wird im Kino gerne eine Endzeit generiert. Auf ein zivilisiertes Danach lässt sich in vielen Fällen einfach nicht mehr hoffen. Meist ist das Elysium ein am Horizont vage manifestierter Lichtblick, ein Ideal, ein Hoffnungsschimmer oder Motivator, der die hartnäckig Suchenden nicht resignieren lässt. The End We Start From ist nicht viel anders und fühlt sich an wie ein Spin Off von The Last of Us, nur ohne den toxischen Pilzsporen anheimgefallene Mutanten. Hier ist das Hochwasser schlimm genug, um die gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln zu heben. Dass man in Zeiten wie diesen dann doch noch eine neue Generation in eine ungewisse, äußerst instabile Zukunft schicken soll, versucht der nach einem Roman von Megan Hunter inszenierte melodramatische Streifen zu illustrieren. Und lässt sich dabei zu einem mitunter elegischen Kaffeekränzchen für Mamas hinreissen, das mit einer Engelsgeduld, die der Zuseher vielleicht nicht hat, den pflegetechnischen Alltag von Jodie Comer und dann auch noch Katherine Waterston, die sich ebenfalls um ihr Kleinkind bemüht, in den Fokus nimmt. Das mutet in jedem Fall recht empathisch und gefühlvoll an, reizt die Thematik aber zu sehr aus, während sich der rote Faden in den Wirren der nicht näher beleuchteten Katastrophe verliert, die überdies das Gefühl vermittelt, nicht ganz schlüssig zu sein. Geht’s mal nicht um das Erfüllen mütterlicher Pflichten, setzt Mahalia Belo Jodie Comers Konterfei breitenwirksam in Szene – nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig. Und dann nochmal: nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig, vielleicht gar schwelgend in Erinnerungen mit Partner Joel Fry, der stets so aussieht, als würde er nicht nur in den Fluten, sondern auch im Selbstmitleid ertrinken.

Es ist schon gut erkennbar, worum es der Story um Mutterschaft angesichts extremer Umstände wohl gehen mag: Um den Verlust gesicherter Existenzgrundlagen und die Erschaffung neuer Parameter. Was es dafür braucht, ist letztlich die gesamte leidgeprüfte Familie. Mahalia Belo lässt sich mit dieser redundanten Erkenntnissuche aber viel zu viel Zeit, The End We Start From hat mitunter ermüdenden Leerlauf und fühlt sich dem Melodramatischen sehr zugetan. Ein Endzeitdrama light mag hier gelungen sein, für all jene, die The Road mit Viggo Mortensen als unzumutbar erachten, derweil ist dieser düstere Streifen einer der „schönsten“ und aufrichtigsten Filme um das Ende der Welt, die bisher gedreht wurden. The End We Start From weiß nicht so recht, wieviel es seinen Figuren zumuten will. Als Schonprogramm zwischen Krabbelstube und Existenzanalyse mag dieser gemächliche Paradigmenwechsel wie weichgespült wirken, auch wenn, wie es scheint, die Insel sich mutwillig selbst aufgibt.

The End We Start From (2023)

Alien: Romulus (2024)

IN DER KOMFORTZONE DES MONSTERS

7/10


ALIEN: ROMULUS© 2024 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: FEDE ALVAREZ

DREHBUCH: RODO SAYAGUES, FEDE ALVAREZ

CAST: CAILEE SPAENY, DAVID JONSSON, ISABELA MERCED, ARCHIE RENAUX, SPIKE FEARN, AILEEN WU, DANIEL BETTS U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Aus dem Filmuniversum rund um den Terminator lässt sich nicht viel mehr lukrieren als jenen Content, den wir bereits aus James Camerons beiden Teilen kennen. In jener Welt, in welcher der Xenomorph sein Unwesen treibt, sieht das ganz anders aus. Das mag wohl daran liegen, dass selbst in Ridley Scotts Original nicht nur ein Monster die Besatzung eines Raumfrachters dezimiert, sondern gewisse Metaebenen wie jene eines dystopischen Konzerntotalitarismus als ungreifbare Zweitbedrohung für Unwohlsein sorgen. Exekutiert hat diesen evolutionären Kapitalismus ein Android namens Ash, der anfangs so schien, als würde er für das Gemeinwohl der Besatzung handeln, letztlich aber dafür verantwortlich war, dass alles so weit kam, wie es kommen musste, um jenen Horrorthriller in den Annalen des SciFi-Genres zu verankern, der dank des Scheiterns von Jodorowsky’s Dune sein Potenzial zu nutzen wusste. Der Schweizer H. R. Giger hatte dazu gleich ein künstlerisch hochwertiges Wesen geschaffen, daraus und in diesem Stil hunderte Spielarten einer gattungsgleichen Biologie in den Weltraum geschossen – immer auf Augenhöhe mit einer künstlichen Intelligenz, die stets eine Affinität für diesen gewissenlosen Organismus entwickelt, die voll und ganz dem darwin’schen Credo Survival of the Fittest folgt. Wer als größter Egoist im Universum keinerlei Skrupel hat, auf Kosten anderer Arten an die Spitze der Nahrungskette zu gelangen, hat gewonnen. Roboter helfen dabei. Konzerne wie Weyland-Yutami genauso. Das alles und noch viel mehr spielt in Alien eine große Rolle – und jene, die aufgrund dieser Tatsache ins Gras beißen müssen, sind nur der schnöde Beweis dafür, dass es funktioniert. Immer und immer wieder.

All diese Komponenten erneut zusammenzubringen, dafür hat Fede Alvarez (Don’t breathe, Evil Dead) einen Spagat gewagt, der auf verblüffende und wenig aufdringliche Weise so gut wie alles, was bisher im Dunstkreis der Aliens entstanden war, unter einen Hut bringt – oder anders formuliert: in eine verlassene Raumstation packt, wo Furchtbares passiert. Eine schönere Spielwiese im SciFi-Horrorgenre gibt es kaum. Wenn man aber vermutet, dass Alvarez gar Ridley Scotts beide Prequels einfach so ignoriert, um das Monster auf seine Essenz zurückzuwerfen, hat nicht verstanden, dass sich der perfekte Killer niemals mit sich selbst begnügt. Das wäre zu wenig. Die Symbiose mit Geburt, Fortschritt und Untergang der Menschheit wird dieses als Testimonial für Weltenumspannendes zu sehendes Ungetüm stets eingehen – das macht es so interessant, so faszinierend, ohne dass es dabei das rätselhaft Mythologische verliert, was ihm anhaftet.

Dass Alvarez dem Original in vielerlei Hinsicht huldigt, ohne es zu kopieren, ist offensichtlich. Ganz zu Beginn, in der Epilog-Szene des Films, könnten Puristen des Franchise feuchte Augen bekommen. Nahtlos knüpft Alien: Romulus am Ursprung an, ohne ihn zu verwässern. Sound, Setting, die Komposition aus Licht, Schatten und mit alarmierenden Countdowns einhergehende, blinkende Farb- und Lichtspiele – stilsicher schenkt Alvarez dem Alien seine Convenience-Zone und verlässt sie nur am Ende, um ganz andere Erzählfäden aufzugreifen, die man längst lose herumhängen gesehen hat. Diese Fäden zieht Alvarez straff – und schickt diesmal keine desillusionierte Arbeiterklasse oder abgestumpfte Soldaten ins Rennen, sondern Mittzwanziger-Kolonisten, deren Zukunft noch bevorstehen könnte, sofern sich die Parameter ändern lassen. Eine verlassene Raumstation im Orbit soll all das noch in petto haben, was fünf Freunde und ein Android benötigen würden, um das triste Leben auf ihrem Arbeiterplaneten hinter sich zu lassen. Nichts ahnend, dass dieser schmucke Kreisel, der alsbald mit den Ringen des Planeten kollidieren wird, darüber hinaus eine Forschungsstation für sonderbare Lebensformen gewesen sein mag, werden Caley Spaeney (Priscilla), Isabela Merced und Co alsbald mit den uns bekannten und beliebten Facehuggern konfrontiert, die nur der Anfang einer Metamorphose darstellen, die letztlich das Alien freisetzt.

Der Plot ist schnell umrissen, die Komplexität desselbigen entsteht aber durch eine Vielzahl grimmiger Hürden, die diese simple Struktur zu einem Survivalthriller aufmotzen, der allerlei technisch-physikalischen Herausforderungen unterliegt. Das Alien mag der Auslöser sein, doch ist es längst nicht alles. David Jonsson als ambivalenter Android legt eine exzellente Performance hin, die Ian Holm ebenbürtig scheint – sein Handeln beeinflusst vieles in diesem Film. Das Xenomorph selbst mag fast schon selbst mit dem technischen Wahnsinn dieser Raumstation zu hadern – frei nach dem Motto: Mitgehangen, mitgefangen. Womit Fede Alvarez aber überfordert zu sein scheint, ist die Wahrnehmung von Zeit – womit manche Logiklöcher entstehen, die man nicht näher hinterfragen sollte, will man sich die Laune an dieser bereichernden Episode nicht nehmen. Uncanny Valley-Effekte, die aufgrund dessen, ein altbekanntes Gesicht zurückholen zu wollen, in gruseliger Deutlichkeit etwas befremden – auch darüber lässt sich hinwegsehen. Der Brückenschlag zur Vorgeschichte eines Phänomens gelingt jedoch vorzüglich. Und so unterfüttert und festigt Alvarez mit künstlerischem Mehrwert und albtraumartig-fantastischen Bildern, die einen Zeichner wie Alfred Kubin mit Lovecraft’scher Leidenschaft ins Weltall katapultiert, in vielleicht gar nicht beabsichtigter Intensität das ganze Universum, in welchem noch so einiges zu holen ist.

Alien: Romulus (2024)

Atlas (2024)

J.LO IM CGI-GEWITTER

6/10


atlas© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BRAD PEYTON

DREHBUCH: LEO SARDARIAN, ARON ELI COLEITE

CAST: JENNIFER LOPEZ, SIMU LIU, STERLING K. BROWN, MARK STRONG, LANA PARRILLA, GREGORY JAMES COHAN, ABRAHAM POPOOLA, ZOE BOYLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Eine Zeitenwende wie diese, in der wir uns gerade befinden, kommt niemals ohne Skepsis aus. Die Etablierung der KI ist dabei nur eine Frage der Zeit, und die Frage, ob gut oder schlecht für die Menschheit, eine offene. Vor Jahrzehnten schon hatte James Cameron diese seine Fiebervision von einem Killerroboter, der Menschen jagt, genannt der Terminator. Ausgebaut zu einem eigenen Filmuniversum mit wenig fruchtbaren Boden enthält dieses allerdings die Prämisse einer autarken, künstlichen Intelligenz, die sich gegen ihre Schöpfer auflehnt – genannt Skynet. Ja, so könnte es enden, dem Planeten an sich wäre es egal, weil Homo sapiens ohnehin am Ende der Nahrungskette steht oder irgendwo außerhalb selbiger. Uns selbst bereitet so ein Horrorszenario Kopfzerbrechen, und deswegen gibt es auch jenseits des Cameron-Franchise jede Menge Hightech-Grusel, die Roboter-Egomanen beinhalten, die sich nicht an Asimovs Regelwerk halten. Neuester Beitrag ist der auf Netflix erschienene Science-Fiction Film Atlas, wobei sich der Titel natürlich nicht auf die griechische Mythologie bezieht, sondern auf Jennifer Lopez, die im Film zwar nicht das ganze Firmement, aber immerhin genug Verantwortung tragen wird, was das Fortkommen der Menschheit betrifft. Atlas ist eine Koryphäe auf dem Gebiet Künstlicher Intelligenz, hält dieser aber weder für vertrauenswürdg noch berechenbar. Mit dieser Ablehnung dem Fortschritt gegenüber finden Jennifer Lopez und Regisseur Brad Peyton vor dem Bildschirm sicherlich jede Menge Gesinnungsgenossen, mehr noch als damals in den Achtzigern und frühen Neunziger. Skynet wurde damals noch belächelt, der neue Heerführer der Apokalypse, eine KI namens Harlan (Simu Liu), wird da schon anders betrachtet.

Dieser Schaltkreis-Schurke hat in einer nicht ganz so weit entfernten, aber doch in Anbetracht unseres tatsächlichen Status Quos völlig in den Sternen stehenden Zukunft einen globalen Vernichtungskrieg auf dem Gewissen. Nach dessen Niederlage zieht sich der Finsterling auf einen fremden Planeten zurück, um sich neu zu formieren. Wie er das bewerkstelligt hat, wird nicht näher erläutert, denn in dieser Zukunft ist selbst das Reisen in den Andromeda-Nebel, sprich in eine andere Galaxie, so einfach wie das Busfahren quer durch den Heimatbezirk. Die Ausgangssituation ist also alles andere als plausibel, da haben sich die Skriptautoren in kindlicher Fabulierlust allerlei Motive bedient, die ja ganz nett zusammenpassen und die vielleicht die angsterfüllte Skepsis jener aufgreifen, die in ganz anderen Dekaden hineingeboren wurden und schon beim Verlust des Wählscheibentelefons Wehmutsgefühle verspüren.

Zugegeben, es funktioniert. Trotz und vielleicht gerade wegen Superstar Jennifer Lopez, die ich wohl wirklich nicht als jemanden gesehen hätte, der sich in die Miniaturausgabe eines Pacific Rim-Kamproboters zwängt, um als Möchtegern-Actionheldin einem Overkill zu frönen, der sich von der Schwemme mäßig animierter Future-Action-Billigfilme mitreißen lässt. Es stellt sich die Frage, warum J.Lo diese Art Genrefilm denn nötig hat. Netflix und gutes Geld könnten die Antwort sein, auch, weil ihr Streaming-Eventfilm The Mother trotz durchwachsener Kritiken unschlagbar gute Zugriffszahlen aufwies. Ob Lopez in diesem Effektgewitter einen anderen Mehrwert sieht als nur den, als Superstar in der Spur zu bleiben? Dass die Sängerin, die gerne loud wird, auch schauspielern kann, hat sie vor Jahrzehnten schon in Steven Soderberghs Out of Sight bewiesen – immer noch ihre beste Rolle. Interessant ist, zu beobachten, wie sich die mittlerweile 54jährige Künstlerin bei einem Film ins Zeug legt, der in moralisch integrer Vorhersehbarkeit eigentlich jemanden wie sie nur als Lockvogel benötigt, um gut abzuschneiden.

Es scheint, als sähe J.Lo in ihrem Engagement mehr als nur das. Anfangs scheint es noch so, als wäre sie fehl am Platz. Mit verstrubbelter Montagmorgen-Frisur und asozialem, bisweilen als hölzern durchgehenden Gebaren ihren CO-Stars gegenüber könnte man gar einen Film vermuten, der irgendwann zu trivial wird. Als Expertin, die sich an einer Mission beteiligt, um Harlan dingfest zu machen, mag sie nur bedingt glaubwürdig sein. Wenn sie dann aber auf einem wilden Planeten landet und auf Gedeih und Verderb mit einer KI namens Smith paktieren muss, die vorgibt, dass das Vertrauen in diese keine verlorene Liebesmüh darstellt, überzeugt die Dame dann doch mit situationsadäquater Verzweiflung, mit Wut und Verlustangst.

Atlas (2024)

LOLA (2022)

DAS VERSCHWINDEN DES DAVID BOWIE

7,5/10


LOLA© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2022

REGIE: ANDREW LEGGE

DREHBUCH: ANDREW LEGGE, ANGELI MACFARLANE

CAST: STEFANIE MARTINI, EMMA APPLETON, RORY FLECK-BYRNE, HUGH O’CONOR, AYVIANNA SNOW, AARON MONAGHAN, NICK DUNNING U. A.

LÄNGE: 1 STD 19 MIN


Gerade sieht es so aus, als würde sich die Geschichte wiederholen. Überall auf dem Planeten erstarren die rechten Lager, in Spanien wird bereits Kunst und Kultur zensiert, Europas Möchtegern-Faschisten werfen mit Begriffen wie Remigration um sich und nutzen die beschränkte Weltsicht der Bevölkerung, um diese mit Schlüsselwörtern zu ködern. Sind sie mal an der Macht, ist es zu spät. Die Anzeichen will keiner so recht bemerken, also währet den Anfängen, kann man an dieser Stelle nur sagen, wenn Freiheit und Menschenrechte die eigenen Werte anführen.

Wie immer bleibt zu wundern, wie sehr man sich täuschen kann. Und was alles möglich ist. Um Freiheit geht es im Ringen ums Dasein immer, und wären die Parameter nicht so gesetzt gewesen, wie sie letztlich zum Einsatz kamen, hätten wir eine Welt, die sich einer wie Phillip K. Dick bereits in seinem als Serie verfilmten Roman Das Orakel vom Berge zwischen Drogen und Paranoia ausgemalt hat: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten rund um den Erdball, insbesondere der Vereinigten Staaten. Eine Horrorvorstellung, die beklemmender nicht sein könnte. Ist die USA einmal unter der Fuchtel faschistoider Regenten, wäre Europa dies ebenso. Das Gefühl, jene Orte, an denen noch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit praktische Anwendung finden, immer mehr zusammenschrumpfen zu sehen, wird durch das irisch-britische Was-wäre-wenn-Szenario LOLA noch extra unterstützt. Als ob dies dringend nötig wäre, um die Hände vors Gesicht zu schlagen. Andererseits ist Andrew Legges Found Footage-Juwel eine deutliche Warnung davor, die entsprechenden Signale zu übersehen. Und die Aufforderung, sich selbst mal zu fragen, ob eine totalitäre Welt aus Strafen, Zensur und Unterdrückung wirklich das ist, was es zu wählen gilt.

Einen Film wie LOLA, den haben leider Gottes ohnehin nur Zuseher auf dem Radar, die bereits aufgeschlossen und tolerant genug sind für alles, was sie umgibt. Die innovative Zugänge zu brisanten Themen ebenso schätzen wie Nonkonformismus. Und die mit Philipp K. Dick, Science-Fiction und alternativen Realitäten so einiges anfangen können. Als Zeitreisefilm geht LOLA nur bedingt durch – viel mehr gewährt das nach der Mutter der beiden Schwestern Martha und Thomasina Hanbury benannte Orakel einen Blick in die mediale Zukunft der Welt. Mit diesem obskuren Konstrukt, das beide für den guten Zweck einzusetzen gedenken, lässt sich während des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1941, als die deutsche Luftwaffe England heimsucht, etliche Leben retten. Als Engel von Portobello gehen die Schwestern in die alternative Geschichte ein. Und die Geschichte selbst erfährt ihre Veränderung, weicht ab von dem, so wie wir es kennen. Und führt dazu, dass das britische Militär Wind davon bekommt.

Klar lässt sich so ein Ding wie LOLA dazu nutzen, dem Feind immer einen Schritt voraus zu sein. All die Offiziere, Generäle und sonstigen Rangträger hätten wohl gut daran getan, sich zuallererst den Ausgang des Krieges vorhersagen zu lassen. Dann hätten sie gewusst, dass sich der Widerstand gelohnt haben, dass die Welt nicht dem Faschismus anheimfallen und eine liberale Ordnung Einzug halten wird. Doch der Wille, den Krieg gewinnbringend im Fokus zu behalten, führt letztlich zum Gegenteil. Was dann passiert, schnürt einem die Kehle zu. Wenn über den Dächern Londons  Hakenkreuzfahnen wehen und Hitler durch die Straßen der Stadt fährt. Wenn plötzlich David Bowie nicht mehr existiert, kein Bob Dylan oder Stanley Kubrick die Musik- und Filmwelt der kommenden Dekaden bereichern, stattdessen aber faschistoide Popmusik wummert, die so klingt, als wäre sie doch irgendwie von Bowie oder Elton John, es aber nicht ist, und wenn man genauer hinhört, in ihren Lyrics das Grauen heraufbeschwört, ist der Orwell‘sche Albtraum komplett.

Andrew Legge nutzt dabei die bereits etwas abgenutzte Stilmittel des Found Footage und schafft etwas vollkommen Neues. Das genreübergreifende, experimentelle Stückwerk aus Super 8-Tonfilmfragmenten, Standbildern und Archivmaterial, das eine alternative Wahrheit täuschend echt nachahmt, ist längst nicht nur eine Mockumentary, die das Spiel mit dem Determinismus variiert, sondern dazu noch eine glaubhaft dargebotene Dreiecksgeschichte mit einbezieht – und das, obwohl LOLA nur knappe 80 Minuten dauert. Trotz dieser Laufzeit entfaltet sich ein geradezu episches Drama voller Wendungen und lässt als prophetischer Thriller das Prinzip Verantwortung als Schlüssel zum Guten erkennen.

LOLA (2022)