Frühstück bei Monsieur Henri

GRUMPY OLD MONSIEUR

* * * * * * * * * *

henri

Walter Matthau und Jack Lemmon waren es. Clint Eastwood war es. Auch Bill Murray und Ein Mann namens Ove waren es. Grantige, alte Männer. Mitunter aggressiv, sekkant, eigensüchtig und genauso brötlerisch. Seltsam verschroben und unnahbar. Aber tief drin im Herzen, jenseits der harten Schale, fast schon Mutter Teresa. Genauso ein Grumpy old Man ist der französische Witwer Monsieur Henri, der eine junge, erfolglose Studentin zuerst widerwillig, dann mit unlauterem Hintergedanken, bei sich als Untermieterin einquartiert.

Warum aber werden alte Menschen so unleidlich, dass man es in ihrer Nähe einfach nicht mehr aushalten kann? Oft sind es Vorboten beginnender Demenz, doch meistens ist es Frust und Trauer, die nicht mehr oder nur schlecht abgebaut werden kann. Verzweiflung, dass nichts mehr so geschmeidig geht wie früher. Selbsthass und Minderwertigkeitskomplexe. Dann schützt man sich mit Zorn. Und Feindseligkeit seiner Umwelt gegenüber. Und da durchzudringen, ohne vorher selbst die Nerven zu verlieren, ist meist ein Ding der Unmöglichkeit.

Die junge Constance, mit aufreizender Koketterie dargeboten von der jungen Schauspielerin Noémie Schmidt, bietet dem alten, knurrigen Grantler, verkörpert von Altstar Claude Brasseur, so gut es geht die Stirn. Der Film von Ivan Calberac ist aber weniger eine Screwballkomödie oder ein ähnlicher verbaler Schlagabtausch, wie man es vielleicht gerne gewollt hätte, sondern eine leise, boulevardeske Tragikomödie rund um Lebensfrust, Überdruss und Neubeginn. Brasseur schafft es, sich schleichend und fast unmerklich zu verändern, und verleiht dadurch seiner Figur Glaubwürdigkeit. Auch dessen Sohn und Schwiegertochter komplettieren das Ensemble des kammerspielartigen Filmes auf stimmige Weise. Überrascht wird man in Frühstück bei Monsieur Henri allerdings nicht. Die Geschichten um die Läuterung eines lebensüberdrüssigen alten Menschen gibt es schon zu oft, um über die Tatsache wirklich erstaunt zu sein. Auch die Reibungsfläche zwischen junger und alter Generation ist zumindest in dieser Komödie zu glattpoliert, um der Thematik neue Facetten abzuringen.

Was bleibt, ist eine leichte, mitunter nachdenklich stimmende Familienunterhaltung im typisch französischen, charmanten Komödienstil, die zum Teil an die Coming of Age-Dramödie Verstehen Sie die Béliers? erinnert. Auch in diesem Film geht es um eine junge Frau, die beginnt, Verantwortung für sich selbst und ihr Leben zu übernehmen und ihre Zukunft mit Musik definiert. Allerdings sind die Béliers weitaus besser geglückt. Das mag vielleicht an der Figurenkonstellation und an der skurril anmutenden Geschichte liegen. Beides ist bei Monsieur Henri vorhersehbar und nicht neu. Trotzdem – sehenswert ist die Läuterung eines Griesgrams aber dennoch, vor allem dank der Darsteller und dem Wohlfühlfaktor, der zur Grundausstattung französischer Alltagskomödien gehört. Und wer die Atmosphäre von Pariser Altbauwohnungen liebt, kann sich hier zumindest für knappe zwei Stunden kostenlos einquartieren, ohne delogiert zu werden.

 

Frühstück bei Monsieur Henri

Verstehen Sie die Béliers?

WER NICHT HÖREN KANN MUSS FÜHLEN

* * * * * * * * * *

beliers

Was für ein Lebenszeichen des französischen Filmes – obwohl es die meisten der in dieser herrlichen Familienkomödie agierenden Charaktere nicht hören können. Seit Sophie Marceau in den 80er Jahren in La Boum das Leben ihrer Familie und ihrer Mitschüler gehörig auf den Kopf stellen durfte, hat es kaum mehr Kinogeschichten gegeben, die in ihrer Natürlichkeit und ihrem Charme das Erwachsenwerden dermaßen einfühlsam erzählen konnten. Die Ausgangssituation in diesem Film ist alleine schon ungewöhnlich – als einzig hörende Tochter einer vierköpfigen, sonst gehörlosen Familie, versucht das 16jährige Mädchen Paula, aus der zwangsläufigen Abhängigkeit vor allem ihrer Eltern auszubrechen und ihre eigene Identität zu finden. Und wann bitteschön ist die Definition der eigenen Person notwendiger als auf dem Weg ins Erwachsenenleben?

Die Schauspielerin Louane Emera legt ihre Rolle der Paula dermaßen ungekünstelt und bodenständig an, dass man sie einfach lieb gewinnen muss. Die junge Schauspielerin ist wahrlich eine Entdeckung und steht Konkurrentinnen wie Sophie Marceau aus La Boum um nichts nach. Im Gegensatz zu dem Teenagerklassiker von damals dringt Verstehen Sie die Béliers  noch tiefer in das Seelenleben des Teenagers vor, ohne dieses jedoch krampfhaft zu sezieren. Das gelingt vor allem aufgrund der Tatsache, dass die besonderen Bedürfnisse ihrer Familie den Kontrast zwischen Individualität und familiärer Verpflichtung noch verstärken.

Den wahren Knalleffekt in der locker flockigen, angenehm humorvollen Geschichte gibt es aber dann, als das junge Mädchen sich entschließt, Gesangsunterricht zu nehmen. Einfach großartig, wie Regisseur Eric Lartigau das Loslösen aus dem gemachten Nest namens Familie darzustellen weiß. Ist es in Ordnung, dass sich das eigene Kind im Zuge seines Älterwerdens dazu entschließt, etwas zu tun, wovon die eigenen Eltern nicht profitieren können? Ist man seinen Erzeugern Rechenschaft schuldig für das, was man tun oder sein möchte. Laut der Familie Béliers, und auch meiner Meinung nach, ist man das nicht. Dieser Anspruch kann die Familie bei ihrem Nachwuchs leider nicht geltend machen. Bedingungen, die vielleicht früher einmal, allerdings vor gar nicht allzu langer Zeit, eine gesellschaftliche, selbstverständliche Bürde waren. Lartigaus Film ist ein Loblied an die Selbstbestimmung und die jugendliche Freiheit. An die Leidenschaft des Lebens, des Loslassens und an die bedingungslose Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Dabei schildert Verstehen Sie die Béliers seine berührende Story mit einer sommerlichen Leichtigkeit, wie es nur französische Filme können.

Nach wie vor kann Frankreich die besten Komödien erzählen. Vor allem welche mit Weisheit, jeder Menge kluger Gedanken und niveauvollen Anekdoten, ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren. Und die Musik, hier in akustischer Gestalt typisch französischer Chansons, macht das kleine Meisterwerk noch erlesener.

 

Verstehen Sie die Béliers?

Arlo & Spot

FRESSEN UND GEFRESSEN WERDEN

* * * * * * * * * *

arlospot

Wovon ernährt sich eigentlich der Säbelzahntiger Diego aus Ice Age? Was frisst der Löwe aus König der Löwen? Und was hat eigentlich Bagheera aus dem Dschungelbuch auf seiner Speisekarte? Details, die Kinder nicht zu wissen brauchen – oder doch? Seit jeher haben Fleischfresser oder Karnivoren, wie der Fachmann sagt, in Disneys und anderen Animationsfilmen den schwarzen Peter gezogen. Entweder man sieht nie, wie sie sich ernähren und was sie fressen, oder sie werden völlig grundlos zum Vegetarier. Was andererseits wieder vollkommen widernatürlich ist. Dass sich  aber das Leben auf unserem Planeten in die berühmte Nahrungskette eingegliedert hat, wird meist tunlichst ignoriert. Und könnte ja den Nachwuchs verstören. Obwohl dieser mitunter gerne Fleisch ist. Und Fleisch braucht, um sich zu entwickeln.

Für das fiktive Dinomärchen haben es sich diesmal Disney und Pixar anders überlegt. Flugsaurier verspeisen mir nichts dir nichts knuffige Fellsäuger und der wortlose Spot, das Menschenbaby, das aus Jean Jaques Annaud´s Am Anfang war das Feuer herübergekrochen zu sein scheint, reißt einem hilflosen Käfer den Kopf ab. Auch die Natur schenkt den Figuren aus The Good Dinosaur – so der Originaltitel – nichts. Neben der Berücksichtigung dieser und ähnlicher Naturgesetze haben die Macher gleich noch ein Szenario entworfen, das eine mögliche prähistorische Parallelwelt zeigt, in welcher der Kelch des aufschlagenden Asteroiden 65 Millionen Jahre vor unserer Zeit an den schrecklichen Echsen vorübergegangen ist. So ist auch die Einleitung des Filmes ein auf die Erde stürzender glühender Felsbrocken – der aber haarscharf an unserem blauen Planeten vorbeizieht. Knapp daneben ist auch vorbei bekommt hier eine gänzlich andere Bedeutung.

Oder besser gesagt: Knapp daneben ist nicht vorbei – was die Existenz der Saurier betrifft. So spielt Arlo & Spot einen Ist-Zustand durch, in welchem die Nischen für den Siegeszug der Säuger leider nicht frei geworden sind. Die Dinos werden intelligenter, und übernehmen das, was des Steinzeitmenschen Aufgabe gewesen wäre – Ackerbau und Viehzucht. Auf den ersten Blick ist die What if-Überlegung absurd. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wahrscheinlich eine alberne Vision. Für den Film aber passt es und hat sogar einen gewissen Reiz. Er erinnert mitunter an die Gummipuppen-Serie Die Dinos, die in den 90ern im Fernsehen lief. Nur sind es keine Gummipuppen, sondern im Verhältnis zu ihrer Umgebung relativ stark abstrahierte Sauropoden, die so gar nicht wirklich in den naturalistischen Kontext der Landschaft passen. Natürlich, der Kontrast hat was Witziges, ziemlich Eigenes. Doch Arlo und seine Gefährten sind mir in diesem Fall etwas zu simpel geraten. Ihre Knubbelnasen passen eher ins Universum des Drachen Kokosnuss als in einen Pixar-Film, der neben ausgetretener Coming of Age-Philosophie abermals das Thema Familie variiert und sich auch in punkto Story wenig Neues einfallen lässt.

Somit ist Arlo & Spot zwar ungewöhnlich anzusehen und hat auch die eine oder andere unerwartete Szene in petto – unter Pixars Top Ten schafft er es aber nicht.

 

Arlo & Spot