The Owners

ALTER SCHÜTZT VOR BOSHEIT NICHT

6,5/10


theowners© 2022 Polyfilm


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA, FRANKREICH 2020

REGIE: JULIUS BERG

CAST: MAISIE WILLIAMS, SYLVESTER MCCOY, RITA TUSHINGHAM, IAN KENNY, ANDREW ELLIS, JAKE CURRAN, STACHA HICKS U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Man hat das Bedürfnis, ihnen über die Straße zu helfen, den Sitzplatz anzubieten, die Einkäufe zu bringen. Gerade in Zeiten der Pandemie heißt das oberste Gebot: Schützt die Alten! Natürlich, gerne. Gerade wenn betagte Menschen nicht mehr so können, wie sie gerne wollen würden, mehr vergessen oder die Zeiten durcheinanderbringen, muss man sich schließlich kümmern – damit sich mal um einen selbst gekümmert wird, später mal, wenn wir Jungen dann die Alten sind. Hoffentlich aber werden wir nicht zu keifenden Schreckschrauben oder pöbelnden „Grantlern“, die mit ihren Gehhilfen spielenden Kindern aus lauter Neid vor juveniler Energetik das Bein stellen. Gut, die meisten sind natürlich nicht so, die meisten sind nur etwas in ihrer Zeit und in ihren Ansichten festgefahren. Doch gehässig und – wenn’s hochkommt – richtig mörderisch sind sie ja meistens nur im Kino. Mit solch gruseliger Geriatrie musste sich zuletzt Mia Goth im stilsicheren Slasher X herumschlagen. Da wurden die Alten unter der Regie von Ti West zum Feindbild erklärt, die ihren Neid vor dem Jungen und Schönen auf blutige Weise ausleben. Auch M. Night Shyamalan hat das Alter bereits in seinem Film The Visit als unheilvolles Mysterium im Found Footage-Stil betrachtet. Rentnern sollte man also nicht immer trauen, vor allem, wenn man deren Vorgeschichte nicht kennt. Und auch wenn diese bereits bekannt ist, könnte immer noch manches Geheimnis für schlaflose Nächte sorgen.

The Owners von Julius Berg (u. a. für die Serienversion von Die purpurnen Flüsse verantwortlich) bewältigt seine Angst vor den Unberechenbarkeiten des Alters – vor Demenz, Alzheimer, Gebrechlichkeit und schier alteingesessenen verstärkten faschistoidem Gedankengut – indem es die Flucht nach vorne antritt. Dafür wählt Berg drei halbkluge Looser, die ins stattliche Anwesen eines Arztes einbrechen wollen, um diesen um sein Erspartes zu erleichtern. Natürlich wollen die Burschen diesem älteren Ehepaar nicht persönlich begegnen. Sie nutzen deren Abwesenheit und machen sich daran, erstmal für Chaos zu sorgen, und zweitens den Tresor im Keller zu knacken, der aber leider analog statt elektronisch funktioniert und somit für das Team unzerstörbar scheint. Folglich wird das alte Ehepaar zwecks Zahlencode für den Tresor abgepasst. Doch die wollen diesen trotz Androhung von Gewalt nicht preisgeben. Warum nur? Was ist in dem Tresor, wofür die beiden sogar ihr eigenes Leben geben würden? Mit diesem Dilemma setzt ein Nervenkrieg an, der die Einbrecher gegeneinander aufhetzt. Die Karten werden neu gemischt, und die Alten singen bald das Lied von Mord und Totschlag.

Wie sie es singen, klingt zumindest für die schlichteren Gemüter im Film nach manipulativer Raffinesse. Erschreckend ist vor allem Rita Tushinghams bizarre Ausgeburt einer alten Schachtel. Wie das albtraumhafte Gespenst eines geistig verwirrten Pflegefalls wechselt sie zwischen zuckersüßer Herzlichkeit und brachialer Bestrafungslust, dabei diabolisch grinsend und gackernd. Sylvester McCoy (Radegast der Braune aus der Hobbit-Trilogie) trägt das Verhalten eines doppelbödigen KZ-Arztes à la Mengele zur Schau. Zuvorkommend, doch andererseits unerbittlich. Beides sind wie Figuren aus einem sarkastischen Comic. Und ja, so ist es auch. The Owners beruht auf der Graphic Novel Une nuit de pleine lune von Hermann und Yves H. Und Graphic Novels sind, wie wir wissen, meist frei im Gestalten ihrer Plots. So mag es nicht verwundern, dass der verstörende Home Invasion-Thriller fast perfider ist als Don’t breathe und sich am Ende gar zu einem hundsgemeinen Horror mausert, der keinerlei Erwartungen entsprechen will.

The Owners

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

DAS ABENTEUER DES UMSTEIGENS

5/10


thelastbus© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: GILLIES MACKINNON

CAST: TIMOTHY SPALL, PHYLLIS LOGAN, GRACE CALDER, CELYN JONES, IAIN ROBERTSON, BEN EWING, COLIN MCCREDIE U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Die wohl am tiefsten hängenden Mundwinkel der Filmgeschichte: Timothy Spall kann diesen Titel getrost an seine Fahnen heften. So muss Mann einmal dreinblicken wie der Brite in seiner Solo-Performance Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr. Im Übrigen: ein ziemlich langer Titel für einen relativ kurzen Film, dafür aber ist die Reise, der wir hier beiwohnen dürfen, lang genug, also relativiert sich das wieder. Im englischen Original heißt das Werk ohnehin nur The Last Bus, wobei dieses eine letzte öffentliche Verkehrsmittel aus ganz vielen besteht, die jeweils bis zu ihrer Endstation zuckeln und den uralten Greis aus- und umsteigen lassen. Was hat er vor, dieser Mann, der doch lieber seinen Lebensabend auf der Veranda vor seinem Haus in gemütlicher Lethargie verbringen sollte wie Brian Dennehy in Driveways?

Timothy Spall spielt einen Witwer, dessen Liebe seines Lebens an Krebs verstorben ist, bevor beide noch jene Reise antreten wollten, die sie immer schon geplant hatten: Nämlich wieder dorthin zurück, von wo sie nach dem plötzlichen Kindstod ihrer Tochter aufgebrochen waren, um all die schlechten Erinnerungen und dunklen Wolken hinter sich zu lassen. Um mit dem Leben und seinem Ballast aber wirklich reinen Tisch zu machen, gehört auch der Mut dazu, sich der Tragik des Lebens zu stellen. Da muss Tom nun alleine ran. Ausgerüstet mit einem kleinen Koffer und wackeligen Schrittes tourt er von Haltestelle zu Haltestelle und fällt bald zahlreichen Fahrgästen auf, die mit ihren mobilen Endgeräten das seltsame und manchmal aber auch bravouröse Verhalten des gebrechlichen Kauzes dokumentieren und veröffentlichen. Will der das denn? Zumindest fragt ihn keiner. Doch wo kein Kläger da kein Richter, und der alte Tom hat von Handys und all dem Social Media-Kram sowieso keine Ahnung. Das sind Dinge, die für ein Leben wie das seine wenig relevant sind.

Für den Film selbst hat der versteckte Ruhm des zunehmend immer gebrechlicher werdenden Tom genauso wenig Bedeutung. Ob Follower oder Fans, ob Roadmovie-Jünger oder die Willkommensgruppe am Ende des Weges – vielleicht will Regisseur Gillies MacKinnon (u. a. Marrakesch mit Kate Winslet) nur ganz klar Stellung beziehen, wenn es darum geht, im Ranking der wirklich wichtigen Dinge im Leben Social media ganz nach hinten zu reihen. Wen schert es schon, ob andere beim Aussteigen aus dem Bus Beifall klatschen, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Da ist ganz viel Trauer, die Timothy Spall mit sich herumträgt, als würde ein zenterschwerer Fels auf seinen Schultern lasten. Je weiter der Weg, desto schwerer wird die Last. Spall ächzt und stolpert und wackelt seinen Weg entlang, und wenn er nicht, vorgebeugt und verbittert, vor sich hin trottet, bleibt in der Geborgenheit öffentlicher Busse Zeit für ein Schläfchen. Bei Spall ist nicht klar, wie sehr der Zahn der Zeit an dem Mann bereits tatsächlich genagt hat und was gespielt ist: Zu glauben ist ihm alles – der arthritische Gang, das Husten und Spucken, der unendlich traurige Blick. Spall spielt nicht, er steckt bis über beide Ohren in dieser fiktiven Figur und lässt ganz vergessen, dass die meisten ihn eigentlich aus dem Harry Potter-Universum kennen, als er „Wurmschwanz“ Pete Pettigrew gegeben hat. Das ist auch schon eine Ewigkeit her, und Spall ist zumindest in diesem Film ewig älter geworden.

Der Engländer, der in einen Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr will dank seines deutschen Titels all jene ins Kino locken, die schon mit dem Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand ihre Freude hatten. Sie werden enttäuscht sein. MacKinnons Film birgt wenig Humor, keine sozialpolitischen Seitenhiebe und Leichtigkeit ist aufgrund bereits erwähnter steinerner Schulterlast etwas für Rad-, nicht aber für Busfahrer. Joe Ainsworths Drehbuch ist ein geradliniges Rührstück, das nichts sonst notwendig hat außer Timothy Spall, der genauso gut mit einem Marsch durch eine menschenleere Postapokalypse dasselbe Ziel erreicht hätte. All die peripher auftretenden Begegnungen sind für Spalls Figur so bereichernd wie Social Media. Von dieser Flüchtigkeit lässt sich auch MacKinnon anstecken. Und legt keinerlei Wert darauf, aus den alltäglichen Miniaturen, die die Straße säumen, irgendeinen Mehrwert zu ziehen.

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr

Old

GEMEINSAM ALT WERDEN

5/10


old© 2021 Universal Pictures Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: M. NIGHT SHYAMALAN, NACH DER GRAPHIC NOVEL SANDCASTLE

CAST: VICKY KRIEPS, GAEL GARCÍA BERNAL, RUFUS SEWELL, ABBEY LEE, THOMASIN MCKENZIE, ALEX WOLFF, KEN LEUNG, NIKKI AMUKA-BIRD, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Kaum, so habe ich mir sagen lassen, beginnt die Pension, spult sich das Leben viel schneller ab als vorher. Die reguläre Arbeit fällt weg, man hat plötzlich viel mehr zu tun, und Wochenenden werden auch nicht mehr so heiß herbeigesehnt wie in Zeiten des Nine to Five. Mit der Pension kommt das spürbare Alter, nichts geht mehr so schnell wie man will. Am besten die Zeit anhalten, denn die Angst vor dem Zellabbau war und ist groß. Warum wohl hat Gräfin Báthory im Blut von Jungfrauen gebadet? Warum wollten sich wohl die Pharaonen einbalsamieren lassen? Die Angst vor dem Zerfall ist auch im Kino ein gern bedachter und erörterter Themenkreis. Mal abgesehen von den Untoten-Mysterien bleiben Filme wie Der Tod steht ihr gut einfach in Erinnerung. Der Horror entsteht dann erst, wenn das Altern plötzlich rasend schnell vonstatten geht, wie zum Beispiel in Tony Scotts Horrordrama Begierde. Ja gar in Indiana Jones zerfällt man zu Staub, wird der falsche heilige Gral zum Trunk gereicht. In 2001 – Odyssee im Weltraum musste Astronaut Dave sich selbst dabei zusehen, wie er im Eiltempo senil wird, dem Monolithen sei Dank. M. Night Shyamalan dringt mit seinem jüngsten Werk Old somit in keine allzu unbekannten Regionen vor. Allerdings erklärt er einen Zustand, der anderswo womöglich nur die Moral von der Geschichte wäre, zum Main-Act eines seltsamen Strandausflugs, der sich in vielen Szenen so anfühlt wie souveränes Formeltheater des Absurden.

Spannend ist dabei natürlich, zu beobachten, was Shyamalan aus dem leidigen Dilemma mit dem Älterwerden alles anstellt. An diesem Strand, der mich ob seiner kargen Felswände wirklich nicht von den Socken haut; der an sich schon etwas Bedrohliches aufweist und gegen die Felsbucht auf Zakynthos inklusive Schmuggler-Schiffswrack sowas von überhaupt nicht ankommt, sammeln sich wie bei Agatha Christie von jung bis alt unterschiedliche Ausflügler – zwei Familien und ein bekannter Rapper, der sich abseits hält –, um dem Bösen unter der Sonne die Stirn zu bieten. Doch als Hercule Poirot wird sich im Laufe der bizarren Begebenheiten keiner so wirklich aufspielen wollen. Stattdessen wundern sich Vicky Krieps (die bald als Sisi in Marie Kreutzers Corsage zu sehen sein wird), Gabriel García Bernal oder Thomasin Mackenzie über Wachstumsschübe und Sinnesdefizite, über plötzliche Schwangerschaften und wuchernde Krankheiten. Zurück zum Hotel kann das Grüppchen Sonnenbadender auch nicht, eine seltsame Kraft hindert sie daran. So hadern sie und akzeptieren ihr Schicksal, während der Nachwuchs kaum mehr wiederzuerkennen ist und die Zeit in Form von Zellzerfall allen davonläuft.

Natürlich ist das Gleichnis einer nicht aufhaltbaren Entropie wert genug, damit herumzuspielen. Shyamalan gefällt aber nicht nur der philosophische Ansatz daran. Der meist von älteren und ferneren Familienmitgliedern zu entsprechenden Zusammenkünften staunend herausposaunten Phrase „Groß bist du aber geworden“ zeigt der kreative Inder die lange Zunge. Schließlich impliziert das ja, dass der oder die Feststellende um genauso viel älter geworden sein muss. Doch es bleibt nicht beim Arrangement einer resignierenden Zwangsgemeinde, die sich der Dynamik des Alterns unterwirft – womit Old als surreales Statement sich selbst genügen könnte.

Shyamalan kann oder will jedoch nicht den Erwartungshaltungen seines Publikums zuwiderhandeln, erwartet dieses doch wieder den obligaten Story-Twist, vielleicht gar vom Kaliber wie in The Sixth Sense. Gut, sowas gelingt nur einmal, alle anderen Twists funktionieren als erfrischendes Storytelling aber doch noch. Um dieser Konvention treu zu bleiben, arbeitet Old auch im Bereich des Mystery-Abenteuerfilms, was sich nur holprig mit der gekünstelten, fast schon installationsartigen Zurschaustellung einer menschlichen Urangst vereinbaren lässt. Als Thriller bleibt Old auf der Strecke, als absurde Parabel mag der Film seine Stärken haben. Mit beidem aber akzeptiert Shyamalan während seiner unentschlossenen Strandwanderung halbherzige Kompromisse.

Old

X

DIE ALTEN ALS FEINDBILD

6/10


x© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: TI WEST

CAST: MIA GOTH, JENNA ORTEGA, BRITTANY SNOW, KID CUDI, MARTIN HENDERSON, STEPHEN URE, OWEN CAMPBELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Gegen diesen alten Griesgram ist Hogwarts Hausmeister Filch aus dem Harry Potter-Universum geradezu die Freundlichkeit in Person: Wie der knorrige Greis mit der Flinte auf den jungen Herren da zielt, die Mundwinkel gleich einer bissigen Karikatur böse heruntergezogen, und bei den wenigen Worten, die der Alte da von sich gibt, blitzt ein einzelner Zahn in einem Gebiss, das dringend Dritte benötigt – spätestens nach dieser Begegnung wird klar: Hier lässt sich wohl kaum etwas von der älteren Generation lernen, denn diese sinistre Gestalt führt sicher nichts Gutes im Schilde.

Wie jetzt? Vor den Alten braucht sich von den Jungen doch niemand zu fürchten, oder? Einfach den Sitzplatz in den Öffis überlassen, über die Straße geleiten oder die schweren Einkaufstaschen abnehmen – das ist schon die halbe Miete, um die Brücke zu schlagen zwischen Gestern und Heute. Falsch gedacht. Die Älteren werden oft unterschätzt, da sitzt der Griesgram, der Neid und die entbehrlichen Erfahrungen aus Kriegen und Notzeiten manchmal ganz tief. Die eigene Erziehung, die durchaus mit Gewalt und militanter Prüderie einhergegangen sein mag, prägt das Handeln. Und dann das: ein junges Filmteam macht sich auf dem Anwesen des zahnlosen Alten mitsamt seiner gespenstisch erscheinenden Gattin breit. Es will einen Film drehen, und zwar nicht irgendeinen, sondern den womöglich besten Pornofilm aller Zeiten. Zumindest ist die Begeisterung groß bei den jeweils drei Männern und Frauen, die sich auch nicht wirklich die Mühe geben, die Bauersleut‘ über die pikanten Umstände aufzuklären.

Da gehört schon ein ordentliches Quantum an Respektlosigkeit dazu, allerdings auch ein gesundes Revolutionsbewusstsein, das in heller Koitusfreude die katholizistische Prüderie der amerikanischen Predigergesellschaft aufzubrechen gedenkt. Nicht mit den Alten, lautet in Ti Wests blutigem Psychothriller die Devise. Denn die sind immer noch da und gefälligst ernst zu nehmen. Auch wenn sie den Eindruck vermitteln, längst im Morast der Demenz zu versinken.

Selten hat man die Generation der 80 plus so sehr der Hilfsbedürftigkeit entledigt gesehen wie in X, abgeleitet vom X-Faktor, dem gewissen Etwas. Altwerden geht hier einher mit Missgunst, Frust und Manie. Anders Houchang Allahyaris generationenübergreifender Liebesfilm Der letzte Tanz. Hier haben wir Erni Mangold als innerlich junggebliebene Tänzerin, die im Altersheim eine Beziehung mit einem Pfleger eingeht, der ihr Enkel hätte sein können. Auch so lassen sich die Bedürfnisse des Alters darstellen. In Don’t Breathe ist der mit Vorurteilen getarnte Mythos der Senilität das letzte Überbleibsel einer wehrhaften Elite, die der Ignoranz der heutigen Jugend effektiv die Stirn bietet. Anders bei Ti West: Dort ist das Alter das marode Ergebnis einer Gleichung aus Moraldiktatur und vorenthaltener Freiheiten. Da es sich bei X natürlich um Entertainment-Horror handelt, werden auch entsprechend und auf vielfältige Art und Weise brutal die Leviten gelesen. Dabei greift West in den stilistischen Zitatenschatz der italienischen Giallo aus den Siebzigern, verbunden mit Elementen des Haunted House-Horrors und amerikanischer Grindhouse-Slasher. Mittendrin Mia Goth als zukünftiges Porno-Starlet, die wohl mit Simon Rex aus Red Rocket eine Freude gehabt hätte, gefolgt von einer bestens auf Siebziger getrimmten Gefolgschaft, die nach und nach dezimiert wird.

Das beinhaltet nun nicht die große Palette an Überraschungen, die auf einen zukommt. Überraschend sind wohl eher einige Ungereimtheiten im Skript, die verhindern, dass der Film seine logischen Parameter hat. Oder wie lässt sich sonst erklären, dass ein seniles Ehepaar wie dieses einen ganzen Bauernhof führt? Plausibilitätsferne Symbolik ist in X vermehrt zu finden, darunter auch der ganz besonders inszenierte Ekel vor dem Altwerden, das mit dem Rühren an Tabuthemen auch sein Publikum verschrecken will. Ob das gelingt? Kommt ganz auf die Toleranz der Zuseher an.

X

Cry Macho

VOM COWBOY UND DEM SONNENUNTERGANG

3/10


crymacho© 2021 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, EDUARDO MINETT, NATALIA TRAVEN, FERNANDA URREJOLA, DWIGHT YOAKAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wenn ein Drehbuch lange im Umlauf ist, wird das schon seine Gründe haben. Bereits vor 46 Jahren verfasste der amerikanische Schriftsteller Richard E. Nash ein Script mit dem Titel Macho – und blieb darauf sitzen. Was nun tun mit dieser Idee für einen Film? Am besten einen Roman schreiben, was er auch getan hat. Aus Macho wurde Cry Macho und einige Zeit später wurde der Stoff für eine Verfilmung wieder interessant. Vom Script zum Roman zum Script – kurios, wohin die Wege zum Erfolg letztlich führen. Cry Macho hätte gar mit Roy Scheider oder – haltet auch fest – Arnold Schwarzenegger verfilmt werden sollen, der wiederum hätte Spaß daran gehabt, die Sache selbst zu inszenieren, und zwar mit Robert Mitchum. Was also lange liegt, gerät schlussendlich in die Hände von Regieveteran Clint Eastwood, der sich dann auch gleich selbst besetzt hat, und das mit 91 Jahren. Hut ab vor so viel Tatendrang und Energie. Und Hut ab vor so viel Leidenschaft fürs Filmemachen. Allerdings bleibt einem angesichts eines hohen Alters irgendwann nichts mehr anderes übrig, als sich nach der Decke zu strecken, das Bestmögliche auszuloten und vielleicht den einen oder anderen Kompromiss einzugehen. Schließlich geht’s hier um einen Film, der weltweit vermarktet wird. Und da hätte der gute alte Clint, der eine phänomenale Filmografie aufzuweisen hat, gut daran getan, einfach nur Regie zu führen. Denn als Schauspieler tut sich die Legende mittlerweile so dermaßen schwer, dass Cry Macho dadurch ordentlich ins Stocken gerät.

Wer sich noch an den letzten Auftritt von Maxim-Virtuose Johannes Heesters erinnern kann, wie er in Wetten dass? mit 105 Jahren ans Klavier gelehnt den Gigolo gegeben hat, und wer noch weiß, was er bei dessen Anblick damals wohl empfunden hat, wird ähnliche Gefühle auch bei Clint Eastwood hegen. Es ist eine Mischung aus Mitleid und sympathisierendem Wohlwollen. Ein Umstand, der den Mexiko-Neo-Western auch nicht retten kann. Dabei geht’s hier, in diesem Film, um nichts anderes: um eine Rettungsaktion. Der alternde Rodeo-Veteran und Cowboy Mike Milo wird von seinem Geldgeber angeheuert, dessen Sohn aus Mexiko und weg von seiner Mutter zurück in die Vereinigten Staaten zu holen. Milo steht in der Schuld des anderen, also wird er diese Bitte wohl nicht ausschlagen können. Also brettert dieser in den wüstenhaften mexikanischen Norden und hat bald einen Teenager samt Kampfhahn Macho an der Backe. Verfolgt werden beide von den Schlägertypen der windigen Mutter, und so suchen sie Unterschlupf in einem Kaff irgendwo im Nirgendwo, das einige Überraschungen bereit hält.

Zwischen den inszenatorischen Qualitäten seines vorletzten Films – Der Fall Richard Jewell, den man durchaus als Meisterwerk bezeichnen kann – und diesem trockenen Roadmovie liegen tatsächlich Welten. Durch Clint Eastwoods mittlerweile stocksteifes Spiel und der ratlosen Fahrigkeit von Jung- und Co-Star Eduardo Minett wirkt Cry Macho wie das Freizeitmachwerk eines wenig erfahrenen Amateurs: undynamisch, holprig und die physischen Grenzen eines Altstars ignorierend. Hier stiehlt ein Hahn namens Macho so gut wie allen die Show, und der Vogel ist der einzige, der das richtige Timing hat.

Cry Macho

Astronaut

OPA IM ALL

6,5/10


astronaut© 2020 Jets Filmverleih & Vertrieb


LAND / JAHR: KANADA 2019

BUCH / REGIE: SHELAG MCLEOD

CAST: RICHARD DREYFUS, KRISTA BRIDGES, LYRIQ BENT, COLM FEORE, GRAHAM GREENE, RICHIE LAWRENCE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Star Trek-Fans haben diesen Tag wohl schon lange Zeit vorher im Kalender rot angestrichen: Captain James T. Kirk fliegt wieder ins All, und zwar inkognito als William Shatner, noch dazu mit stattlichen 90 Jahren. Damit wird er wohl als bislang ältester Mensch in die Geschichte der Raumfahrt eingehen. Und gleich auch beweisen, dass Raumfahrt mittlerweile wirklich jeder machen kann, es sei denn er hat das nötige Kleingeld dazu. Wohlgemerkt beschränkt sich das Vergnügen aber lediglich auf einen zehnminütigen Ausflug in den Orbit, Schwerelosigkeit inbegriffen. Dass man sich dann aber selbst von der Kugelform unserer Erde überzeugen kann, dürfte all die Millionen wert sein. Shatner hingegen hat dafür nichts bezahlt. Den Captain will man schließlich ehren.

Leute wie Richard Dreyfus, mittlerweile über 70 und im Vergleich zu Shatner fast noch blutjung, könnten sich dieses Vergnügen ebenfalls geben. Doch Dreyfus will lieber bezahlt werden als dafür zahlen – also macht er einen Film, der sich zur Einstimmung für Shatners orbitales Ereignis wohl nicht besser eignen könnte. Unter dem schlichten Arbeitstitel Astronaut ist der Star aus Der weiße Hai und Oscarpreisträger 1977 für Der Untermieter ein kauziger, kleiner Witwer, mit Wehwehchen da und dort, weshalb er auch im Haus seiner Tochter wohnt. Erinnert ein bisschen an The Father mit Anthony Hopkins – nur Dreyfus hat keine Demenz und ist so klar im Kopf wie der Sternenhimmel, den er tagtäglich und gemeinsam mit seinem Enkel beobachtet. Ein fast schon paradiesischer Lebensabend – wenn da nicht die Familie den Opa aus Kapazitätsgründen ins Seniorenheim auslagert. Von wegen auslagern: Dreyfus macht‘s wie Dieter Hallervorden in Sein letztes Rennen und wird der Welt zeigen, dass die Reise ins All immer noch auf der Bucket List steht. Und wie es der Zufall will, wird Opa, der vorgaukelt, jünger zu sein als er ist, für den ersten touristischen Flug zu den Sternen auserwählt.

Wer noch weiß, wie sich der Science-Fiction-Film Cocoon aus den Achtzigern angefühlt hat, kann Astronaut von Shelag McLeod ungefähr in dieser Richtung verorten. Nur diesmal schwimmt kein außerirdischer Kokon im Pool des Seniorenheims, sondern der Jungbrunnen hier ist einzig und allein der Wille, Wunsch und Weg für etwas undenkbar Machbares. Regisseurin McLeod ist allerdings Optimistin, und will natürlich, dass die Figur ihres Angus Stewart einer auf idealstem Wege leicht komplizierten Welt begegnet, mit bewältigbaren Hindernissen und der Fairness, die ein gutes Leben verdient hat. Wie in Cocoon ist auch hier das Bild der pflegebedürftigen Generation zumindest eines, das nichts mit sozialpornographischen Missständen beim Altwerden zu tun haben will. Die betagte Entourage, die Dreyfus umgibt, hätte gerne noch Jessica Tandy (Oscar für Miss Daisy und ihr Chauffeur) in ihrer Mitte. Am liebsten, so scheint es, hätte vielleicht sie ins All fliegen sollen, doch der eigentliche Star des Films entzückt mit nachdenklichen Blicken, erfahrenem Charme und einer nimmermüden Leidenschaft für Neues. Die routinierte, teils sehr konventionelle Inszenierung wirkt da gar nicht mal so vorgestrig, vielleicht, weil eben die Erinnerung an Cocoon, so wie die an Captain Kirk, eine nostalgische ist. Zwischen Fiktion und tatsächlicher Himmelfahrt liegt also dieser kleine, warmherzige Film, der die Brücke schlägt zwischen Weltenraum und leistbarem Lebenstraum.

Astronaut

The Father

IM LABYRINTH DES ALTERNS

8/10


thefather© 2020 Tobis Film


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: FLORIAN ZELLER

DREHBUCH: FLORIAN ZELLER, CHRISTOPHER HAMPTON

CAST: ANTHONY HOPKINS, OLIVIA COLMAN, IMOGEN POOTS, OLIVIA WILLIAMS, MARK GATISS, RUFUS SEWELL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Da hat der Grand Seigneur der britischen Schauspielkunst wohl große Augen gemacht: Anthony Hopkins hat seinen zweiten Oscar gewonnen, und zwar für eine Rolle, die von einem kannibalischen Akademiker namens Hannibal Lecter kaum weiter entfernt sein kann. In The Father ist er nur das, was das ganz normale Leben aus einem macht, irgendwann, wenn ein gewisses Alter erreicht ist. Irgendwann, da ist die Gegenwart gleich Vergangenheit, und das Vergessen von Dingen, die erst passiert sind, ein treuer, aber lästiger Gefährte. Florian Zeller (u. a. Nur eine Stunde Ruhe!), bislang mehr Schreiberling als Regisseur, hat sein eigenes Theaterstück adaptiert und verfilmt – und damit eine Kehrtwende in der Darstellung dramatischer Umstände eingeleitet.

Dabei beginnt alles so normal, wie man es selbst kennt, wenn man seine Großeltern oder Eltern besucht, und diese schon, hochbetagt und in der eigenen fernen Vergangenheit verweilend, über die Pflegekraft wettern und am Liebsten in Ruhe gelassen werden wollen, weil sie sowieso alles besser wissen oder durchaus alles alleine machen können. Der Nachwuchs, voller Sorgen, sieht das natürlich anders. So wie Tochter Anne, gespielt von „Queen Anne“ Olivia Colman. Sie ist einziger Bezugspunkt des alten Mannes, der damit klarkommen muss, dass seine Tochter nach Paris ziehen wird. Oder doch nicht? Am nächsten Tag behauptet sie nämlich etwas ganz anderes. Und plötzlich ist da ein fremder Mann, der meint, dass er hier wohne und Annes Gatte sei, ist sie doch schon seit fünf Jahren geschieden. Und dann die verflixte Sache mit der Uhr. Die Heimhilfe scheint sie gestohlen zu haben, deshalb habe er sie rausgeekelt. Eine neue soll kommen, die so aussieht wie seine andere Tochter, die sich aber seltsamerweise nie blicken lässt. Was genau geht hier vor, denkt sich Anthony Hopkins zwischen resoluter Gesinnung und verlorenen Blicken, während er am Bettrand sitzt und die Welt nicht mehr versteht.

Es ist, als tauche man in ein Mysterydrama, in dem nichts so ist, wie es scheint – und umgekehrt. Das ist höchst irritierend, hochgradig verwirrend, und man versucht als Zuseher selbst, diese obskure Wahrnehmung zu entwirren und eine Ordnung hineinzubringen in ein zeitweiliges Durcheinander aus permanent wechselnden Gestalten und Gesichtern. Was Florian Zeller aber tut, ist, uns zu ermöglichen, genau das wahrzunehmen, was ein alternder Mensch wahrnimmt, wenn er anfängt, dement zu werden. Filme darüber gibt es viele, stets aus der Sicht der betroffenen Restfamilie, die sich sorgenvoll berät. Dieses Werk hier ist anders. Es lässt zwar die nahen Verwandten und Beteiligten ebenfalls zu Wort kommen, doch das wahre Kunststück dieser Odyssee durch den Geist ist jenes, dass man selbst, genau wie Hopkins, die Kontrolle verliert. Um dann, aus dieser Konfusion heraus, einen Geisteszustand wie diesen besser verstehen zu können. The Father ist ein Labyrinth, dessen Muster im Laufe des Films klarer werden und den eigenen Horizont erweitern. Wie Zeller seine sich stets wiederholenden, kurzen Szenen, die immer wieder in anderem Kontext erscheinen, koordiniert, zeugt von dramaturgischer Raffinesse. Dabei stellt er sich diesem akkurat entworfenen Chaos mit gewissenhafter Neugier und zeichnet mit einem nuanciert aufspielenden und niemals in pathetischen Manierismen abdriftenden Hopkins den Prozess eines zerbröckelnden Geistes, dem die Gegenwart abhanden kommt und dem inmitten all des Verlustes nur die eigene Erinnerung ans Jungsein bleibt.

The Father

Du hast das Leben vor dir

LERNEN VON DER DIVA

5/10


lebennochvordir© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: EDOARDO PONTI

CAST: SOPHIA LOREN, IBRAHIMA GUEYE, RENATO CARPENTIERI, ABRIL ZAMORA, IOSIF DIEGO PURVU, BABAK KARIMI, MASSIMILIANO ROSSI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Da haben wohl die Wände der Cinecitta-Studios in Rom gewackeltt, wenn Sophia Loren mit ihrem unvergleichlichen Stimmorgan durch die Gegend wetterte. Nach Sandalenfilmen noch und nöcher – darunter auch Quo Vadis – brillierte sie in Filmen von Vittorio de Sica, spielte mit allen nur erdenklichen Größen des Films, war sogar – Celebrity-Kenner aus Österreich wissen – mit Baumeister Lugner am Opernball. Die Loren – das ist schon mehr eine Institution als nur eine Künstlerin. Jetzt, im Alter von stolzen 86 Jahren, ist die resolute Römerin nach fast elfjähriger Kinopause zwar nicht wieder auf der Leinwand zu sehen, dafür aber im Repertoire von Netflix zu finden. Wer, wenn nicht ihr eigener Sohn Edoardo Ponti (Papa ist der große, 2007 verstorbene Produzent Carlo Ponti) konnte die Grande Dame wohl am ehesten davon überzeugen, nochmal vorzutreten. Mit stattlicher, steingrauer Haarpracht, immer noch energisch im Auftreten, immer noch lautstark, aber letzten Endes ein Schatten dessen, was die Loren einmal war. Und es ist immer noch genug geblieben. Als ehemaliges Mädchen von der Straße ist die Monsignorina nun Aufpasserin diverser Bälger noch im Dienst befindlicher Arbeitskolleginnen. Eine Gemeinschaftspflicht, der Madame Rosa, wie sie sich nennt, durchaus nachkommen kann. Zeit und Muße sind ja vorhanden, was hat Frau sonst noch zu tun. Nicht ganz in den Kram passt ihr dann natürlich die Bitte einer ihrer Bekannten, den zwölfjährigen senegalesischen Jungen namens Momo bei sich aufzunehmen. Warum gerade dieser Bengel, hat der doch am Markt ihre Einkaufstasche geklaut? Der Junge entschuldigt sich, mehr dazu gezwungen als einsichtig. Mit Murren nimmt Rosa ihn auf, nichts ahnend, dass dieser noch ein ganz anderes Süppchen am Kochen hat, nämlich das Dealen von Drogen auf der Straße. Aus der Sicht des Jungen bleibt seine Unterkunftgeberin aber auch einige Erklärungen schuldig: Erstens die seltsamen, eintätowierten Zahlen auf ihrem Handgelenk, zweitens ihr immer wiederkehrendes Verschwinden im Keller des Hauses, und drittens ihre gespenstischen Blackouts.

Du hast das Leben vor dir beruht auf dem Roman des Franzosen Romain Gary. Eine erste Verfilmung in den Siebzigerjahren hatte damals gar den Oscar als besten fremdsprachigen Film gewonnen, Simone Signoret erhielt obendrein noch den Cesar. Madame Rosa muss für Sophia Loren eine Traumrolle gewesen sein. Die körperlichen und geistigen Tücken des Alters, kombiniert mit traumatischen Erinnerungen an den Holocaust und das ganze wieder verknüpft mit der aktuellen und akuten Problematik verwaister Flüchtlingskinder – eine Menge Stoff, um sich schauspielerisch ordentlich austoben zu können. Das tut die Loren dann auch. Lässt es teils ironisch derb, teils melancholisch, teils wahrhaftig werden. Edoardo Ponti muss begeistert gewesen sein von seiner immer noch stolzen Mama. So begeistert, dass er den Rest des Films irgendwie nebenher mitgedreht hat. Denn so richtig großes Kino ist sein Film nicht geworden. Immer dann, wenn Sophia Loren mal nicht im Bild ist, ruht der Streifen in konventioneller Problemwälzung, die nicht sonderlich engagiert wirkt. Die eben sein muss, denn sonst gäbe es keine Story rund um die sympathische Diva, die noch einmal zeigen will, was sie kann. Zu oberflächlich überfliegt Ponti seine existenzialistischen Themen, zu wenig verstehen will er das große Politikum zum Thema Immigration. Jungschauspieler Ibrahima Gueye macht auch nicht den Eindruck, irgendetwas an seinem Ist-Zustand verändern zu wollen. Erst ganz am Schluss brodeln lange erwartete Synergien zwischen Jung und Alt an die Oberfläche, ab dann wird’s tatsächlich packend, rührselig vielleicht auch, ja – allerdings nur kurz, weil Ponti sich viel zu viel Zeit gelassen hat, um den Plot voranzubringen, und um dort hinzukommen, wo die Essenz der Geschichte angezapft werden kann. Zu wichtig war ihm die Inszenierung seines ganz persönlichen Stars, um dramaturgische Prioritäten gerne außer Acht zu lassen.

Du hast das Leben vor dir

Der Flohmarkt von Madame Claire

NACHLASS ZU LEBZEITEN

5/10

k

flohmarktmadameclaire© 2019 Neue Visionen

k

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: JULIE BERTUCCELLI

CAST: CATHERINE DENEUVE, CHIARA MASTROIANNI, SAMIR GUESMI, LAURE CALAMY, OLIVIER RABOURDIN U. A.

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Ich kannte mal einen Nachbarn, der hatte bereits zu Lebzeiten noch damit begonnen, sein Hab und Gut in Bananenkisten zu schlichten – um den Erben die ganze Arbeit zu ersparen. Da saß er, inmitten seines Wohnzimmers in einem Fauteuil, umringt von Chiquita und Jaffa, darin all sein Besitz. Irgendwann ist´s gut, so meinte er. Irgendwann ist alles Materielle nur noch eine Last, die den Abschied schwieriger macht. Je weniger man im Alter besitzt, umso leichtfüßiger wird das Sterben?

Das denkt sich zumindest Madame Claire, die eines Nachts die Erkenntnis erlangt, nur noch einen Tag zu leben. Den Morgen danach stampft sie einen Flohmarkt vor ihrem Haus aus dem Boden und verkauft ihr gesamtes Interieur, das nicht aus irgendwelchem Ramsch besteht, sondern bemerkenswerten Antiquitäten, von mechanischen Puppen bis zu Kommoden aus der Gründerzeit. Ein fröhliches Fressen für Händler und Sammler, die dann auch alsbald eintrudeln, um der scheinber leicht verwirrten Dame zum Spottpreis schillernde Schätze abzuringen. Madame Claire ist das nur recht – der Preis ist symbolisch. Loswerden ist die Devise. Das sieht ihre Tochter allerdings mit anderen Augen, die ihrer Mutter der Prophezeiung vom plötzlichen Ableben natürlich keinen Glauben schenkt – und das eine oder andere Andenken aus der elterlichen Wohnung selbst gerne hätte.

Catherine Deneuve ist im Gegensatz zu Kolleginnen wie Brigitte Bardot, die ihre Filmkarriere Anfang der 70er bereits beendet hat, noch lange nicht filmmüde, und das nach über 70 Jahren. Mit 77 Jahren muss man als Künstlerin natürlich noch längst nicht leisetreten, da ist noch einiges drin. So richtig anstrengen muss sie sich aber auch nicht mehr, und leben davon schon gar nicht. Das merkt man. Es reicht, wenn „die Deneuve“ das Set betritt, in fast jeder Szene genüsslich am Glimmstengel zieht und verloren in die Ferne blickt. Da hat das französische Kino schon einiges auf der Habenseite. Schauspielerisches Engagement ist da fast nicht mehr erforderlich. Das übernimmt dann Filmtochter Chiara Mastroianni, die interessanterweise auch im tatsächlichen Leben Deneuves leibliche Tochter ist. Ihrem Vater Marcello ist sie dabei wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie umkreist also Madame Claire sorgenvoll und gleichsam nahvollziehbar entrüstet.  Und holt so manches verschüttete Trauma ihrer Familie wieder ans Licht.

Der Flohmarkt von Madame Claire ist, man kanns nicht schönreden und ich will es auch nicht, ein Film über das Sterben. Über die letzten Dinge, über das Unausgeprochene, das oftmals unfreiwillig mit ins Grab genommen wird. Wie schön wäre es für manche noch gewesen, in solchen Angelegenheiten reinen Tisch zu machen. Den reinen Tisch nimmt Regisseurin Jurie Bertucelli  wörtlich – und bringt mit all den alten, verstaubten Dingen, die vieles in den vier Wänden gesehen haben, die To do-Liste sämtlicher emotionaler Versäumnisse mit ans Tageslicht. Das ist gediegenes Antiquitätenkino, ein bisschen arg konstruiert und zu sehr verlassend auf Deneuves Kultstatus, die damit wie ein Denkmal aus ihrem eigenen Besitz inmitten einer bemühten Entourage thront, die versucht, dem Film ein bisschen mehr Lebendigkeit zu verleihen. Deneuve selbst jedenfalls tut sich sichtlich schwer, Emotionen zu zeigen. Dadurch gerät das ganze Szenario eines Abschieds zur wohnungsmuffigen Entrümpelung eines monoton traurigen Lebens zu Lebzeiten.

Der Flohmarkt von Madame Claire

Die Einsiedler

MACH MIR DEN HOF

7/10

 

einsiedler© 2016 filmdelights Film

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, ITALIEN 2016

BUCH & EGIE: RONNY TROCKER

CAST: ANDREAS LUST, INGRID BURKHARD, ORSI TÓTH, HANNES PERKMANN, PETER MITTERRUTZNER U. A.

 

Ein Urlaub in den Bergen ist etwas ganz anderes als in den Bergen zu leben. Oder anders gesagt: Urlaub am Bauernhof ist nicht das, was Bauernhof aus einem macht. Einen Blick in die nähere Frühzeit der Lebensweise bäuerlicher Selbstversorger, den hat uns schon Franz Innerhofer in seinen Schönen Tagen gewährt. Oder aber auch die Bayerin Anna Wimschneider in ihren Memoiren Herbstmilch, die später dann Ende der 80er von Joseph Vilsmaier verfilmt wurden. Dort, wo noch ein bisschen rustikaler Charme oder die Nostalgie des Vergangenen Einzug gehalten hat – das könnte man jetzt in Ronnie Trockers Scheunen-Abgesang Die Einsiedler schmerzlich vermissen. Seine Bestandsaufnahme aus den Südtiroler Bergen lädt erstens einmal überhaupt nicht zum entspannten Verweilen zwischen Kuhmist und Apfelbäumen ein, und zweitens drückt die Ödnis dieser Einschicht durchaus aufs Gemüt. Doch wenn einer Einsamkeit sucht, dann ist er dort allerdings richtig aufgehoben. Zu tun gibt’s halt einiges, auf die faule Haut legen ist nicht. Vom Melken, Ausmisten bis zum andauernden Warten der feuchtwandigen Gemäuer hier oben in dieser Nebelsuppe fällt man, wenn’s finster wird, ins Bett, um sich beim ersten Hahnenschrei wieder aufzurappeln.

In Zeiten wie diesen, wo Dörfer regelrecht aussterben und die Jungen abwandern in urbane Gefilde, da mutiert auch ein Südtiroler Bauernhof wie jener von Burgschauspielerin Ingrid Burkhard zur feuchtkalten Gruft. Sohnemann Albert versucht sein Glück im Tale als Arbeiter in einem Marmorsteinbruch. Die Eltern altern vor sich hin und tun was sie tun müssen. Wer erbt den Hof? Es wäre kein Abgesang auf das Bauernleben, käme nicht ein Schicksalsschlag aus fast heiterem Himmel – und Bäuerin Marianne steht alleine da, in der unverputzten Finsternis der alten, verfluchten vier Wände. Was tun in dieser Einsiedelei? Und hat Sohnemann Albert Ambitionen, das Erbe der Eltern weiterzuführen?

Ronny Trockers „Die Einsiedler“ wurde laut Standard-Edition mit einem „Michael Haneke in den Bergen“ verglichen. Nun, die karge, schweigsame Rationalität menschlichen Verhaltes in einem archaischen Mikrokosmos, die sich mit steinzeitlichem Affekt aus dem zivilisierten Korsett des 21. Jahrhunderts katapultiert, hat tatsächlich etwas von Haneke. Ist aber längst nicht so beseelt von klirrender Grausamkeit, sondern viel eher durchdrungen von einer bitteren Erkenntnis. Ingrid Burkhard lebt diese ernüchternde Resignation mit jeder Falte ihres zerfurchten, traurigen Antlitzes. Von Mundls volkstümlich-guter Seele Toni Sackbauer ist nichts mehr übrig, Burkhards fulminante Altersrolle ist gleichzusetzen mit Fritz Muliars grotesker Monologfigur aus Felix Mitterers Sibirien. Beide Gestalten stehen am Ende ihres Lebens, und sie können den Verfall nicht aufhalten. Und das Schlimmste ist: Sie können ihr Vermächtnis niemandem weitergeben. Denn die Zeit, die sie verkörpern, erfährt mit ihrem Tod einen Bruch, der einen ganz anderen Neuanfang einplant. Mitterer hätte auch für diesen Film ein Drehbuch verfassen können, nur die Satire einer Piefke-Saga bleibt hier so fern wie das Meer. Und irgendwann schweigt auch das Blöken der Ziegen und das Muhen der Wiederkäuer. Irgendwann werden die Alten mitsamt den Grundmauern ihrer Existenz begraben, weil die Zeit einfach irgendwann vorbei ist. Heast as net, wia die Zeit vergeht, singt Hubert von Goisern. In Die Einsiedler hört man es, sieht man es. Und muss ihr nicht zwingend nachweinen.

Die Einsiedler