La Grande Belezza – Die große Schönheit

DIE ÄSTHETIK DES NICHTS

7,5/10

 

grandebelezza© Filmladen 2013

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH 2013

REGIE: PAOLO SORRENTINO

CAST: TONI SERVILLO, CARLO VERDONE, SABRINA FERILLI, CARLO BUCCIROSSO, IAIA FORTE U. A.

 

Es ist Sommer, wir haben wieder Saison, und zwar in Salzburg, bei den Festspielen, wo Tobias Moretti die Paraderolle aus Hugo von Hofmannsthals Das Spiel vom Sterben eines reichen Mannes verkörpert – des Jedermann. Eine metaphysische Geschichte rund um das Ringen mit dem Tod, ein Rückblick auf ein Leben voller Ausschweifungen, und ein Besinnen auf das Wesentliche, Gott sei Dank noch letzten Endes. Und der Teufel, der geht wieder mal leer aus. Klaus Maria Brandauer hat das Thema Hofmannsthals, das sich wiederum auf dem Konzept spätmittelalterlicher Mysterienspiele über Schuld, Unschuld und Vergebung orientiert, in dem von Fritz Lehner inszenierten Psychodrama Jedermanns Fest adaptiert und gibt sich dort als sterbenden Modezar, der noch mal die große Party seines Lebens schmeißen will. Der Italiener Paolo Sorrentino, der sich in seinen Werken sowieso grundsätzlich den Fragen über Moral, Sinnhaftigkeit und geborgter Existenz hingibt, hat mit dem oscarprämierten Epos La Grande Belezza etwas ähnliches entworfen, eine visuell überbordende Leinwandshow, die ganz klar ihre Motivation aus den Euvre eines Federico Fellini zieht, insbesondere aus dessen Werk Roma. Was aber nicht heißt, dass der Meister seiner Zunft seinem großen Vorbild im wahrsten Sinne des Wortes die Show stehlen will. Wie für Sorrentino üblich, lässt er seinen reichen Mann, der einen runden Geburtstag feiert und die dekadente Elite zu einem rauschenden Fest mit Blick auf Roms Kolosseum lädt, zwar nicht sterben – dafür aber knapp zweieinhalb Stunden lang durch die ewige Hauptstadt flanieren, immer wieder Feste feiern, eben wie sie fallen, und sein bisheriges Leben Revue passieren lassen, das ihm, wie er es des Öfteren erwähnt, hohl und leer vorkommt. Reichtum ist natürlich keine Schande, soll doch jeder seinem Leben den Sinn geben, den er für richtig hält, und sei es der Sinn des Sinnlosen. Das aber erscheint dem allseits bekannten Journalisten plötzlich zu wenig zu sein. Die Suche nach einer gewissen Ewigkeit beginnt, nach noch mehr Zeit, um sich neu zu orientieren. Dabei spielt der Glaube und die katholische Kirche eine ebenso wichtige Rolle wie die Geschichte der Ewigen Stadt, mit all ihrer atemberaubenden Kunst, Kultur und Geschichte.

Schon in seiner Fernsehserie The Young Pope hat Sorrentino die Institution der Kirche mit all ihrem Pomp von innen heraus skizziert, dabei über religiöse Eckpfeiler wie Wunder, Dogmen und Keuschheit philosophiert. Über päpstliche Moral und dem Konservativismus einer im Bibeltext verhafteten Gemeinschaft, die als obsolet verrufen ihre verlorenen Schäfchen sucht. Die Kirche ist auch in La Grande Belezza nicht wegzudenken. In Gestalt einer uralten, als heilig verehrten Klosterschwester, die von Afrika nach Rom pilgert, mündet die Frage nach dem Wert von Glauben und göttlicher Hingabe in die metaphorische Gestalt eines grotesken Wesens, das selbst in seiner Weisheit letzten Endes nur noch hohlen Riten folgt, deren Sinn jemand anderem gehören. Dieses Leben und Feiern für die anderen, diese selbstlose Selbstsucht nach Anerkennung und das Inszenieren der anderen, in der Erwartung, selbst inszeniert zu werden – diese Weise enttarnt Sorrentino in vielen episodenhaften, traumartigen Sequenzen, serviert auf bühnenhaften Tableaus, kunstvoll beleuchtet, wie sakrale Portale, die zu namenlosen Erkenntnissen führen sollen, die sich als sprachlos entpuppen, aber dennoch wunderschön sind.

Wunderschön ist La Grande Belezza tatsächlich, wenngleich sein Film viel Geduld erfordert. Das assoziative, irrlichternden Visionen erlegene Kaleidoskop in bunten Farben verpuffender Wohlstandswerte portraitiert eine Welt, die in ihrer verlogenen Affektiertheit für den Zuschauer unanknüpfbar scheint. Was hier abgeht, ist kommunikationsloses Theater, dessen Figuren uns Zusehern so gleichgültig gegenüberstehen, dass der Drang aufkommt, sich anderen Dingen zuzuwenden. Dazugehören will man ganz und gar nicht. Verlockend sind eher die installierten Bilder, die bis ins Detail durchkomponierten Arrangements aus Personen und Kulisse, unterlegt mit hypnotischen Klängen, dazwischen so weltfremd surreal wie antikes Maskentheater, das wir zum Beispiel auch in Fellinis Satyricon finden. Doch so ratlos die scheinbar in fremden Floskeln verlorene Seelenmesse auch anfangs macht, so sehr lässt sich die Wandlung des römischen Jedermann später verfolgen. Kann sein, dass Sorrentino zu sehr auf die Wirkung seiner visionären Bildideen setzt, und dabei in seiner Lust am Rätselhaften den Sinn seines Werkes aus den Augen verliert. Immerhin ergibt sich aber am Ende ein Gesamtbild, eine Umkehr zu neuen Werten, und die Möglichkeit eines neuen Aufbruchs. Rom jedenfalls, die ewige Stadt, die hat seit Fellini nicht mehr so intensiv ihren immer wiederkehrenden Frühling erlebt. Der Sinn dieser Metropole steckt nicht nur in, sondern auch zwischen den alten Mauern, nirgendwo lebt Geschichte so wuchtig wie hier, und das schon mehrere Jahrtausende lang. Sich hier mit seiner eigenen Geschichte nicht zurechtzufinden, ist nur verständlich. Und umso erstaunlicher, zuzusehen, wie sich die Art, im elitären Rausch zu leben, um die ewigen Zeiten hinweg gewandelt – oder gar nicht gewandelt hat. Die große Schönheit ist die, die sich eigentlich nicht darstellen lässt. Vielleicht ist es nur die Erinnerung an das Wichtige, wie bei Jedermann, der mit dem Gewissen ringt.

La Grande Belezza – Die große Schönheit

The Mule

NEVER TOO LATE FOR BREAKING BAD

6/10

 

themule© 2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, BRADLEY COOPER, DIANNE WIEST, LAURENCE FISHBURNE, ANDY GARCIA U. A.

 

Taglilien sind das halbe Leben, zumindest für Kriegsveteran Earl Stone. Und das, obwohl sie nur einen Tag lang blühen. Aber schön sind sie, geruchsintensiv und für Gartenfreaks und sonstige ein gefälliger Blickfang. Earl Stone hat sich da ein Unternehmen aufgebaut, trotz seines relativ hohen Alters. Aber wo die Leidenschaft eben hinfällt, da kann einer wie er sich nicht dagegen wehren. Als dann aber das verhasste Internet mit Onlineshops einem analogen Verfechter wie Earl Stone das Geschäft madig macht, würde nichts mehr übrigbleiben, außer sich frühzeitig ins Grab zu legen, denn die Familie, die hat ihm den Rücken gekehrt, mit Ausnahme seiner Enkelin, die Opa immer noch gernhat. Und da die Enkelin für ihr Studium dringend Geld braucht, der Alte noch nicht ins Gras beißen will und es durchaus Wege gibt, sich relativ leicht genügend Mammon zu verdienen, sattelt Earl Stone um – vom Gewächshaus ins Cockpit eines Autos – um Drogen zu transportieren, von A nach B, ganz entspannt. Ein Blick ins Transportgut – wozu denn? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, so die Devise des knorrigen Reaktionärs, der mit Smartphones genauso wenig umgehen kann wie mit Afroamerikanern oder der eigenen Tochter.

Was unser geschätzter Walter White alias Bryan Cranston bereits in standfestem Mannesalter durchgezogen hat, probiert der unverwüstliche Clint Eastwood erst viel später aus – und zwar mit 90 Lenzen. Denn: It´s never too late for Breaking Bad. Und Clint ist ja auch kein Giftmischer, sondern nur ein Drogenkurier. Gar nicht so schlimm, oder macht das doch keinen Unterschied? Walter White würde sich mit Earl Stone gut verstehen. Die beiden hätten kooperieren können. Eine vertane Chance. Dann zumindest diese hier nutzen. Und Clint Eastwood nutzt sie souverän.

Sein selbstinszeniertes True-Story-Drama nach den Erlebnissen von „El Tata“ Leo Sharp wagt natürlich keine allzu großen Sprünge mehr. So altersbedingt auch der ehemalige Westernheld über den Asphalt schlurft, so vorsichtig und nichts überstürzend bewegt sich auch der Film vorwärts. Eine gute Idee, Clint die meiste Zeit des Filmes hinter dem Steuer zu wissen. Obwohl – ein Bad Guy ist er trotzdem, trotz seiner eigenwilligen Auslegung einer Möglichkeit, Gutes zu tun. Die Mittel zum Zweck? Können unter dieser Zielerfassung so übel gar nicht sein. Oder was bezweckt Earl Stone wirklich? Auf der Schneespur des alten Mannes: Bradley Cooper, ungewöhnlich nichtssagend für sein Format, direkt austauschbar. Genauso Laurence Fishburne. Die beiden Rollenprofile hätten durch wen auch immer besetzt sein können – sie haben weder eine Vergangenheit noch charakterliche Skills. Ein Schwachpunkt im Drehbuch, den Breaking Bad nicht hatte. Gut, das hatte auch mehrstaffeliges Serienformat – The Mule hingegen ist da nur ein knapp zweistündiger Film, der aber den Schlendrian aus manchen Szenen durch mehr Sorgfalt auf der Gegenseite eintauschen hätte können. Clint Eastwood selbst hingegen war seit Gran Torino nicht mehr so gut. Ihm macht sein Film sichtlich Spaß. So zwischen den Grauzonen der Moral herumzueiern bietet die Möglichkeit, nicht nur verkniffen dreinzublicken, so wie er es immer tut, sondern auch eine gewisse Selbstironie mitschwingen zu lassen, eine gewisse aufmüpfige Gelassenheit, die er als Wendehals Stone den Kartell-Handlangern unter der Fuchtel von Andy Garcia entgegenpfeffert. Das ist natürlich ein Spiel mit dem Feuer, und Clint gibt angesichts waffenfuchtelnder Argumente dann auch mal klein bei – um dann letztendlich das Richtige zu tun. Ohne Rücksicht auf Verluste, in diesem Fall sogar ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben.

Wie sagte Murtaugh aus Lethal Weapon immer? „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“ Clint Eastwood sagt das nicht, und wir werden ihn ähnliches auch niemals sagen hören. Mit The Mule hat die Kinolegende eine zwar nicht unglaublich spannende, aber genussvolle Charakterstudie eines alten Draufgängers verfilmt, der mit all seinen vorgestrigen Ansichten und seinem Unwillen dem neumodischen Fortschritt gegenüber unglaublich authentisch wirkt. Um ihn herum verblasst die ganze Entourage an austauschbar schablonierten Randfiguren, die auf ihre Art schon gefühlt tausendmal besser skizziert wurden. Eastwood weiß das womöglich, aber das ist ihm genauso egal wie seiner Filmfigur, die das alles gar nicht mehr so genau wissen will, weil es sich einfach nur gut anfühlt, nochmal einen draufzumachen. So viel zu verlieren hat man mit knapp 90 nämlich nicht mehr.

The Mule

Kaffee mit Milch und Stress

WIE DIE ALTEN SUNGEN

6/10

 

kaffeemilchstress© 2017 Filmladen Filmverleih

 

LAND: FINNLAND 2017

REGIE: DOME KARUKOSKI

MIT ANTTI LITJA, PETRA FREY, MARI PERANKOSKI, LIKKA FORSS U. A.

 

Entweder die Alten flüchten aus dem Altersheim, und zwar nicht durch die Hintertür, sondern durch das Fenster. Oder sie grummeln herum und werden nur langsam zu Verbündeten. Oder sie isolieren sich tief in den Wäldern und hacken noch das Kleinholz wie anno dazumal. Blöd nur, wenn der alte Aussteiger dann über die Kellertreppe stürzt – dann gibt es nämlich kein Entkommen mehr aus der Gegenwart, da lässt sich die Zeit auch nicht mehr zurückdrehen. Da muss der alte Mann der Realität ins Auge sehen: die Konservierung vor dem Verfall funktioniert so nicht ganz, und wenn dann der Nachwuchs noch alles besser weiß, gibt’s ordentlich Zündstoff. Was ich damit sagen will – Das Kino Nordeuropas gibt seinen Senioren zumindest filmtechnisch genügend Sendezeit. Mit diebischer Freude dürfen sie gesellschaftliche Dogmen über Bord werfen, radikales Entkommen wählen oder einfach nur sagen, was Sache ist. Das nämlich früher alles besser war. Das meint der alte Hinterwäldler, und hört nicht auf, es wieder und wieder zu betonen, vor allem wenn ihm die Schwiegertochter Mate Tee statt Kaffee vorsetzt. Da könnte ich aber mit meinen jungen Jahren auch schon die Nerven schmeißen. Nichts geht über Kaffee. Wie erschreckend, wenn der Haushalt seines Filius nicht mal mehr den Frischgemahlenen verarbeiten kann. Und Sojakost zum Nachtmahl – Nein, Danke. In vielen Dingen hat der alte Besserwisser so ziemlich recht. Und er lässt keinen Moment verstreichen, seine Ansichten kundzutun. Aber, was wir natürlich schon im Vorfeld wissen – er hat nicht in allem Recht.

Kaffee mit Milch und Stress ist eine zerknautschte Tragikomödie über die Verklärung der guten alten Zeit und über die mangelnde Reflexion der Neuzeit. Mittendrin ein alter Mann, der nicht so griesgrämig ist wie ein Mann namens Ove, der aber als Verfechter von Bewährtem in einer Zeitkapsel existiert und so lebt, als dürften die kommenden Tage nur Variationen der besten Momente von damals sein. Viel zu schmerzhaft ist die Vergänglichkeit, das Gewesene, das niemals Wiederkehrende. Filme über das Alter sind selten nur frohgemute Komödien mit allerlei skurrilen Anteilen – Filme dieser Art sind oft traurig, wehmütig, und bieten genug Anknüpfungspunkte an die eigene Familiengeschichte – was sie nur noch er- und begreifbarer macht. Regisseur Dome Karukoski (Helden des Polarkreises) lässt seinen stets mit einer ausladenden Bärenfellmütze geschmückten Eigenbrötler im Grunde längst nicht resignierend daherkommen – viel zu viel von all dem Alten wurde lange Zeit erfolgreich gehütet, so wie der kleine rote Ford Escort – für die nötige Wehmut sorgt die musikalische Untermalung der ganzen Familiendramödie, die vielleicht um einiges zu dick aufträgt und eigentlich situationskomische Szenen in verheißungsvoller Melancholie missinterpretiert. Das mag bei den wie alten Postkarten eingefärbten Rückblenden passend sein, nicht aber den ganzen Film hindurch. Ein Beispiel, wie sehr der Soundtrack Filmszenen umfärben kann, die im Grunde gar nicht so gemeint sind. Oder doch? Schön und stimmungsvoll ist sie ja.

Wobei die besten Szenen eben jene sind, in der die erfolgreiche Businessfrau und Schwiegertochter Liisa den alten Hinterwäldler während eines Geschäftsabschlusses mit russischen Interessenten an der Backe hat. Die skurrile Konstellation erinnert nicht nur ungefähr an die österreichisch-deutsche Tragikomödie Toni Erdmann, wo Papa Simonischek nicht von der Tochter Seite rückt, nur, um ihr zu zeigen, dass das Leben durchaus eine Portion ungezwungenen Spaß vertragen kann. Bärenfell-Opa will ähnliches, allerdings längst nicht so von langer Hand geplant. In diese Schiene hinein hätte noch mehr passieren können. Stattdessen schlägt der Film eine für finnische Verhältnisse fast schon konventionelle Richtung ein, die sicherlich aufrichtig gemeint und in sich stimmig ist, im Endeffekt aber in der Art und Weise, wie er den unausweichlichen Generationen-Clash interpretiert, auf bewährte Messages zurückgreift. Kaffee mit Milch und Stress lässt Älterwerden nur dann zu, wenn auch sonst alles beim Alten bleibt. Das hat natürlich Witz und gewährt Einsicht, für die geistige Frischzellenkur von Vater und Sohn, die beide mit Gewohntem brechen müssen, fehlt fast ein bisschen das gewisse Radikale, auch wenn der Ford Escort auf dem Autofriedhof landet.

Kaffee mit Milch und Stress

Lucky

KEINER KOMMT HIER LEBEND RAUS

6/10

 

lucky© 2017 Alamodefilm

 

LAND: USA 2017

REGIE: JOHN CARROLL LYNCH

MIT HARRY DEAN STANTON, DAVID LYNCH, RON LIVINGSTON, TOM SKERRITT U. A.

 

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie was man bekommt. Das hat vor vielen vielen Jahren mal Forrest Gump gesagt. Zu einer Zeit, da war Harry Dean Stanton womöglich noch fit wie ein Turnschuh. Das Leben kann aber auch so sein wie der Fluchtversuch einer Schildkröte, genauer gesagt einer Landschildkröte. So sehr sie auch ihrem Schicksal zu entkommen versucht, den sprichwörtlichen Holzpyjama trägt sie immer mit sich herum. Zu Lebzeiten ihr trautes Heim, wird ihr Panzer irgendwann zur Gruft. Dem Tod, dem Ende allen organischen Lebens, lässt sich nicht von der Schippe springen. Diese Erkenntnis fährt dem steinalten Cowboy nach einem im wahrsten Sinne des Wortes niederschmetternden Aha-Moment bis in die arthritischen Knochen. Auch das Leben eines Einzelgängers wie Lucky wird bald ein Ende haben. Die Ungewissheit, wie lange noch, das Bangen vor dem finsteren Nichts, der absoluten Leere, macht den vermeintlichen Atheisten plötzlich schwer zu schaffen. Eine Scheiß-Angst hat er plötzlich. Da kann man noch so gesund sein, irgendwann gibt die Maschine Mensch seinen Geist auf. So alt wie ein Kaktus zu werden, oder eben gar so alt wie eine Landschildkröte, das wäre schon was. Und das dürre Männlein, das sich jeden Morgen vor dem Aufstehen einen Sargnagel anheizt, sich schnäuzt, kämmt, brav seine Yoga-Übungen absolviert und zu seinem Lieblings-Café mehr stapft als schlendert, um das Wort des Tages beim Kreuzworträtseln zu lösen, blickt erst sehr spät, aber doch, auf ein viel zu schnell vergangenes Leben zurück.

Das Leben ist nichts ohne den Tod. Debütregisseur John Carroll Lynch orientiert sich an lebensphilosophischen Roadmovies wie About Schmidt oder Nebraska und skizziert einen kleinen, feinen One-Man-Spätwestern, der in einer Aneinanderreihung kleiner Lokalszenen und Gesprächsfragmente vor sich hin sinniert wie ein Friedhofsbesucher, der unter dem Grabmal ehemals verwandter Seelen eine Rast einlegt und im Dämmerschlaf den Geheimnissen des Universums näher rückt, der Entropie und dem Zustand des Nicht-Seins. Harry Dean Stanton hat die richtige Visage dafür. Mit seinem eingefallenen Resting-Asshole-Face zeigt er nach außen hin dem Unvermeidbaren den Stinkefinger, im Inneren aber rollt er sich des Nächtens unter seiner Decke zusammen, verletzlich wie ein Kind und fürchtet sich vor der Einsamkeit. Doch Alleinsein muss nicht zwingend einsam sein. Aber was, wenn doch? Die kauzige Odyssee in die Gedankenwelt eines Menschen, der am Ende seines Weges ankommt und nicht weiß, wer oder was ihn überhaupt abholt, ist angereichert mit allerlei Symbolik und geradezu metaphysischen Einsprengseln wie das dubiose rote Telefon oder das Mysterium des rot beleuchteten Kellers (kann natürlich von der Lichtdeutung her klarerweise ein Laufhaus sein, aber sicher weiß man es nicht). Überhaupt zieht sich die Farbe Rot bedeutungsschwer durch den Film. Farbe überhaupt spielt eine Rolle. Sogar Lucky´s heißgeliebte Bloody Mary setzt bewusste Akzente. Aki Kaurismäki macht es gelegentlich ähnlich. In seinem Film Le Havre stiehlt sich die Farbe Türkis in fast jede Szene.

Kann sein, dass der Meister des Surrealen, David Lynch, seinen Einfluss geltend gemacht hat. Nicht nur, dass Dean Stanton immer ein gern gesehener Gast in Lynch´s Filmalbträumen war – privat war da sicher sowas wie Freundschaft. In der Stammbar von Lucky treffen beide nun als fiktive Gestalten aufeinander. Der knorrige Stanton und der stets zertreute David Lynch als die verblüffende Erscheinung eines in die Jahre gekommenen James Stewart. Mit Hut und Anzug und auf der Suche nach seinem Lebenstier, der Schildkröte Präsident Roosevelt, postuliert er mit verhaltener Stimme und melancholischer Traurigkeit die Metaphorik eines Reptils wie diesem und entzündet scheinbar ganz unbeabsichtigt einen Diskurs nicht nur über die Verbrüderung mit dem Tod als auch mit der Akzeptanz des Verlustes. Doch weder Lucky noch Lynch resignieren oder huldigen einem fatalistischen Weltbild. Das Leben ist ein andauerndes Klarkommen. Mit oder ohne Yoga, mit Wut im Bauch oder einem Lächeln. Das unausweichlich Tröstende kommt bestimmt. Und hat auch Harry Dean Stanton kurz nach den Dreharbeiten ereilt. Als ob er es gewusst hätte, so lässt sein letzter Blick direkt in die Kamera eine gewisse Ahnung aufblitzen. Carroll Lynch´s Lucky ist wie eine Graphic Novel, skurril und plakativ. Gleichzeitig aber auch anekdotenhaft, manchmal sehr bürgerlich und in unerwarteten Momenten dort sperrig, wo das Erzählen gerade seinen Fluss hat. So gesehen und mit Nachsicht betrachtet ist Lucky filmgewordener sozialer Besuchsdienst. Ignoriert man eigenbrötlerisch unsympathische Gemeinheiten, zahlt sich Zuhören jedenfalls aus. Denn eine anteilnehmende Begegnung mit dem Alter ist oft auch eine Begegnung mit dem eigenen Status Quo des Lebens.

Lucky

Frühstück bei Monsieur Henri

GRUMPY OLD MONSIEUR

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henri

Walter Matthau und Jack Lemmon waren es. Clint Eastwood war es. Auch Bill Murray und Ein Mann namens Ove waren es. Grantige, alte Männer. Mitunter aggressiv, sekkant, eigensüchtig und genauso brötlerisch. Seltsam verschroben und unnahbar. Aber tief drin im Herzen, jenseits der harten Schale, fast schon Mutter Teresa. Genauso ein Grumpy old Man ist der französische Witwer Monsieur Henri, der eine junge, erfolglose Studentin zuerst widerwillig, dann mit unlauterem Hintergedanken, bei sich als Untermieterin einquartiert.

Warum aber werden alte Menschen so unleidlich, dass man es in ihrer Nähe einfach nicht mehr aushalten kann? Oft sind es Vorboten beginnender Demenz, doch meistens ist es Frust und Trauer, die nicht mehr oder nur schlecht abgebaut werden kann. Verzweiflung, dass nichts mehr so geschmeidig geht wie früher. Selbsthass und Minderwertigkeitskomplexe. Dann schützt man sich mit Zorn. Und Feindseligkeit seiner Umwelt gegenüber. Und da durchzudringen, ohne vorher selbst die Nerven zu verlieren, ist meist ein Ding der Unmöglichkeit.

Die junge Constance, mit aufreizender Koketterie dargeboten von der jungen Schauspielerin Noémie Schmidt, bietet dem alten, knurrigen Grantler, verkörpert von Altstar Claude Brasseur, so gut es geht die Stirn. Der Film von Ivan Calberac ist aber weniger eine Screwballkomödie oder ein ähnlicher verbaler Schlagabtausch, wie man es vielleicht gerne gewollt hätte, sondern eine leise, boulevardeske Tragikomödie rund um Lebensfrust, Überdruss und Neubeginn. Brasseur schafft es, sich schleichend und fast unmerklich zu verändern, und verleiht dadurch seiner Figur Glaubwürdigkeit. Auch dessen Sohn und Schwiegertochter komplettieren das Ensemble des kammerspielartigen Filmes auf stimmige Weise. Überrascht wird man in Frühstück bei Monsieur Henri allerdings nicht. Die Geschichten um die Läuterung eines lebensüberdrüssigen alten Menschen gibt es schon zu oft, um über die Tatsache wirklich erstaunt zu sein. Auch die Reibungsfläche zwischen junger und alter Generation ist zumindest in dieser Komödie zu glattpoliert, um der Thematik neue Facetten abzuringen.

Was bleibt, ist eine leichte, mitunter nachdenklich stimmende Familienunterhaltung im typisch französischen, charmanten Komödienstil, die zum Teil an die Coming of Age-Dramödie Verstehen Sie die Béliers? erinnert. Auch in diesem Film geht es um eine junge Frau, die beginnt, Verantwortung für sich selbst und ihr Leben zu übernehmen und ihre Zukunft mit Musik definiert. Allerdings sind die Béliers weitaus besser geglückt. Das mag vielleicht an der Figurenkonstellation und an der skurril anmutenden Geschichte liegen. Beides ist bei Monsieur Henri vorhersehbar und nicht neu. Trotzdem – sehenswert ist die Läuterung eines Griesgrams aber dennoch, vor allem dank der Darsteller und dem Wohlfühlfaktor, der zur Grundausstattung französischer Alltagskomödien gehört. Und wer die Atmosphäre von Pariser Altbauwohnungen liebt, kann sich hier zumindest für knappe zwei Stunden kostenlos einquartieren, ohne delogiert zu werden.

 

Frühstück bei Monsieur Henri