Ein griechischer Sommer

FERIEN WIE DAMALS

6/10

 

Ein griechischer Sommer© 2012 obs/ZDF/LAURENT THURIN NAL

 

ORIGINALTITEL: NICOSTRATOS LE PÉLICAN

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND 2012

REGIE: OLIVIER HORLAIT

CAST: EMIR KUSTURICA, THIBAULT LE GUELLEC, JADE-ROSE PARKER, FRANÇOIS-XAVIER DEMAISON U. A.

 

Die Ferien sind vorüber, die Schule hat begonnen. Kann sein, dass der sogenannte Altweibersommer zurückkehrt. Der erinnert dann noch mal an die schönen Stunden, die der mittjährliche Urlaub so mit sich brachte, abgesehen vom An- und Abreisestress, vom Ein- und Auspacken und vom Waschen der ganzen Urlaubswäsche. Aber das gehört schließlich dazu. Man würde es vermissen, hätte man nicht alle Hände voll zu tun, um durchschnittlich zwei Wochen irgendwo anders abzuhängen, ob in den Bergen oder am Meer, stets in Reichweite diverser mobiler Endgeräte. Dabei kann natürlich sein, dass, war man in den Bergen, in Balkonien oder im eigenen Land, das Meer immer noch Fokus diverser Sehnsüchte bleibt, so richtig Marke STS und im Sinne von Irgendwann bleib I dann dort, mit den Füßen im weißen Sand, eine Bottle Rotwein in der Hand und so weiter. Austropop-Kenner wissen, was ich meine, kaum ein Lied nährt mehr den Traum, auszusteigen als dieses. Bevor der Herbstalltag also einem Damoklesschwert gleich über uns hereinbricht, ließe sich unter Umständen mit vorliegendem Film der Sommer zumindest in den eigenen vier Wänden noch etwas hinauszögern. Ein griechischer Sommer ist genau das, was der Film beschreibt – eine strahlend schöne Jahreszeit irgendwo in der Ägäis, auf einer kleinen, unbekannten Insel voller pittoresker Küsten und verführerischen Lagunen, versteckt hinter strahlend blauem Meer.

Allerdings geht’s in dem französisch-griechischen Coming-of-Age-Filmchen weniger ums Urlaubmachen und Aussteigen, sondern um einen Vogel. Genauer gesagt um einen Pelikan, und der ins Deutsche übersetzte Titel Ein griechischer Sommer verbirgt im Gegensatz zum Originaltitel, was dahintersteckt. Diesen Pelikan, den findet der Halbwaise Yannis, der mit seinem griesgrämigen Fischervater irgendwo in einem einsamen Häuschen an der Küste lebt, bei einem Matrosen an Bord eines Frachtkahns. Allerdings ist der da noch ein kieliger Jungvogel – im Austausch gegen das Erbstück seiner Mutter kann er diesen aber freikaufen. Der Vater, der weiß natürlich nichts davon. Gut versteckt zieht Yannis den Vogel auf – bis die ganze Insel von der ornithologischen Sensation Wind bekommt.

Überraschend an diesem mediterranen Jugendfilm ist der Auftritt Emir Kusturicas. Der serbische Cannes-Gewinner und Autorenfilmer so schrill-schräger Kunststücke wie Underground oder Time of the Gypsies ist, wie ich zuletzt in On the Milky Road feststellen musste, alles andere als ein guter Schauspieler. In Ein griechischer Sommer schlägt er sich so halbwegs brauchbar mit seiner Rolle herum, sein verzotteltes Aussehen sorgt für mildernde Umstände. Was sonst noch zu sehen ist, passt auf eine Freilichtbühne neben obligatorischem Ausschank, wo es logischerweise auch Ouzo geben sollte. Denn so klischeehaft, wie das kleine Hafenstädtchen und seine aus der Zeit gefallenen Bürger, so kauzig ist das Ganze auch – erst vor einigen Jahren hat sich Christoph Maria Herbst in Highway to Hellas per Esel durch den mediterranen Karst geschleppt. Ähnlich geht es auch hier zu. Außer Fische fangen, dem Ausschenken von Rebensaft und dem Improvisieren mit dem wenigen, was da ist, bleibt nur noch, aufs Meer zu schauen und nichts zu tun. Und auch nichts zu erwarten. Wären da nicht die beiden Teenies Yannis, wie schon eingangs erwähnt, und Angeliki, dem Mädel vom Festland, Nichte des einzigen Barbesitzers der Insel und bald dicke Freundin des frisch gebackenen Vogelvaters. War das Tier anfangs noch eigenartig mechatronisch, ist es als adultes Federvieh ein tatsächlich dressiertes Unikum. Und wäre der Pelikan nicht, wäre der Film ein relativ belangloser Zwischenstopp in den blauweißen Farben von Griechenland, der wenig aufgeweckte Jugenderinnerungen hervorholt. Diese wiederum erinnern an einen ganz anderen Film, nämlich an Wie Brüder im Wind, in welchem ein Junge, der ebenfalls alleine mit seinem griesgrämigen Vater im unwirtlichen Gebirge haust, ein Adlerjunges findet – und großzieht. Im Grunde ist das die gleiche narrative Basis, nur mit weniger Personal. In Ein griechischer Sommer nimmt man die Metapher des Flüggewerdens allerdings leichter, humorvoller, weniger grüblerischer, aber auch leicht hysterischer. Das ist angenehm anders, und somit irgendwie noch eine kleine, filmische Auszeit vor dem Alltag.

Ein griechischer Sommer

Mid90s

DAS LEBEN – EINE HALFPIPE

7/10

 

mid90s© 2018 Polyfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: JONAH HILL

CAST: SUNNY SULJIC, LUCAS HEDGES, OLAN PRENATT, NA-KEL SMITH, KATHERINE WATERSTON U. A.

 

Der Schauspieler Jonah Hill, der hat was. Erstens ist der Mittdreißiger aus Los Angeles ein wandlungsreicher Charakterkopf, bekannt vorwiegend für Komödien, war aber des Weiteren auch schon in viel facettenreicheren Rollen zu sehen als in Actionklamauk Marke 21 Jump Street. Jonah Hill, der hätte Leonardo Di Caprio in The Wolf of Wall Street fast die Show gestohlen. In War Dogs lieferte er Schießeisen in den Nahen Osten, und erst kürzlich wurde er so richtig nachdenklich in Gus van Sants Comiczeichner-Biopic Don´t worry, weglaufen geht nicht. Mit der Vielfalt seines Könnens changiert auch sein Aussehen. Einmal pummelig rund und kahlgeschoren, dann wieder gertenschlank, mit Hippie-Mähne und seriös. Sein Regiedebüt Mid90s, das ist nicht weniger ernstgemeint. Denn von den 90ern in Kalifornien, da kann Jonah Hill sicher einiges erzählen. Die 90er, die waren wohl auch seine Teenie-Ära, und ob er selbst Skateboard fuhr oder nicht, kann ich nicht sagen. Womöglich trägt sein Coming of Age-Film durchaus autobiographische Züge, doch so genau muss ich das nicht wissen. Vom eigenen Leben beeinflusst war auch Greta Gerwigs Debüt Lady Bird, und womöglich war Hill von der Idee, das Kolorit der eigenen Jugendzeit auf die Leinwand zu bringen, ähnlich angetan. Stoff aus dem sozialen Milieu zwischen Palmenstrand, Peripherie und Frittenbude gibt es ja jede Menge. Soweit ich mich selbst noch gut erinnern kann, war die beginnende Neunzigerdekade sogar hier in Österreich geprägt von einem ganz gewissen Passantenbild an schulfreien Nachmittagen – dem der Skateboarder. Wer eines dieser Bretter sein Eigen nennen konnte, der hatte schon Coolness-Faktor irgendwo über dem Durchschnitt. Ich selbst hatte nie so ein Teil, meine Freunde hingegen schon. Also weiß ich so ungefähr, dass das Skateboard nicht nur ein urbaner Sport-Hype war, sondern auch eine Art Lebenseinstellung. Wie bei Ray, Fuckshit und Fourth Grade – Mitglieder einer Jugendgang, die sich den vier Plastikrädern verschrieben haben, und damit Kunststücke anstellen, denen das freie Auge kaum folgen kann. Das war, bevor Parcourlaufen in diversen Videos die Mediaplattformen erobert hat. Das war, bevor überhaupt noch allerlei soziale Medienplattformen unser zwischenmenschliches Verhalten von Grund auf geändert haben. Ohne all diesen Reizen blieb dieser sträflich vernachlässigten Jugend nichts anderes übrig, als abzuhängen, Partys zu feiern und alberne Reden zu schwingen. Einfach cool zu sein ohne produktiv sein zu müssen. Den großen Chill-Faktor raushängen zu lassen, mit Zuckerwasser, Joint und Gelegenheits-Sex, der nichts bedeutet.

In diesen versifften Mikrokosmos aus einsamen Alltagsphilosophen gerät der 13jährige Stevie, der ohne Vater aufwächst und seiner Mutter zusehen muss, wie sie gefühlt täglich andere Männer nachhause bringt. Jonah Hill nähert sich den fast schon verstoßenen Müßiggängern mit sehr viel Verständnis, Sympathie und Zurückhaltung. Da er selbst nicht mitspielt, kann er sich ganz auf seine Arbeit als Regisseur konzentrieren – was eine kluge Entscheidung war. Überhaupt ist Mid90s ein intelligenter, konsequenter Film, weil er die Dinge neutral betrachtet, nichts schönt oder verheimlicht. Weil er den Mut hat und es auch aushalten möchte, mit dem Portrait einer fragwürdigen Subkultur auf Ablehnung zu stoßen. Seine Jungs, die hier am Fahrbahnmittelstreifen entlangrollen und ihr Heil in der Flucht vor dem Zuhause suchen, bleiben erhobenen Hauptes, fast trotzig und in autosuggestivem Pushen des eigenen Selbstwerts unermüdlich – bis irgendwann auch dieses Maß voll ist. Und den Freunden klar wird, dass diese Einbahnstraße auf Dauer auch keine Lösung ist. Denn die Macht, die Lage ihrer Existenz zu ändern, gehört ihnen dann doch nicht. Wem gehört sie dann?

Wir haben einzig einen Einblick in die familiären Verhältnisse von Stevie (eine vielversprechende Entdeckung: Sunny Suljic), dessen einfältiger, aggressiver Rapper-Bruder (unsympathisch: Lucas Hedges) den Haustyrann spielt. Das sind soziale Verhältnisse, die finden sich in jeder Großstadt, das sind ernüchternde Einblicke in eine vernachlässigte Kindheit und einer verbarrikadierten Zukunft. Ein erster Blick auf diese Jugend verleitet sehr schnell zu Vorurteilen. Dieses Abhängen und Herumvagabundieren nervt die andere, vielbeschäftigte Seite der Gesellschaft, denn, so meint diese, sind sie ja ihres Glückes eigener Schmied. Jonah Hill blickt näher hin – und entdeckt Träume, Pläne und ein völlig autark errichtetes Weltgewissen, das sich wie ein aus dem Nest geworfenes Kücken selbst auf die Beine hilft. Unter den Füßen, da rollen vier Räder. Sie sind einen Weg aus dem Mief familiärer Fahrlässigkeit. Schneller als die anderen ist man sowieso – und vielleicht früher dort, beim Ergreifen zufälliger Möglichkeiten, die sich auftun könnten. Mid90s ist also ein unverstelltes Bild einer jungen Generation, denen eigentlich nichts in die Wiege gelegt wurde. Die aber irgendwie durchkommt, vorwärtskommt – und eine Ideologie entwickelt, die wie die Zunft der Wellenreiter und Surfer eine Kommune für sich entdeckt, die innere Stärke zulässt, unabhängig davon, wie sie ausfällt. Statt Gewalt ist Geschick diese Lösung, Improvisation und Mut zur Repräsentanz. Jonah Hill huldigt dieser Welt, be- und verurteilt sie nicht, versteht sie aber voll und ganz. Ob wir Zuseher das auch tun? Vielleicht nicht ganz so schnell, vielleicht auch gar nicht. Denn Vorurteile abzubauen ist nicht immer so einfach.

Mid90s

Leave No Trace

MIT DEM RÜCKEN ZUM SYSTEM

8,5/10

 

leavenotrace© 2018 Sony Pictures

 

LAND: USA 2018

REGIE: DEBRA GRANIK

CAST: BEN FOSTER, THOMASIN MCKENZIE, JEFF KOBER, DALE DICKEY U. A.

 

Wir stehen morgens auf für sie. Wir arbeiten für sie. Wir wohnen, leben und essen so, wie sie es wollen. Doch wer sind „sie“? Die anderen? Die, die hinter allem stehen? Also im Grunde das sogenannte „System“? Könnte sein, ist es wahrscheinlich auch, näher geht der lakonische Witwer Will auf die Umstände, die ihn eigentlich zur Flucht antreiben, nicht ein. Seine Flucht, die ist eine Abkehr von einer Welt, so wie die meisten von uns sie wahrscheinlich kennen. Das Ziel? Niemals endgültig, meist vorübergehend, eine Lichtung im Wald, tief in der weglosen Wildnis Amerikas, abseits aller Pfade. Dort lebt Will mit seiner 13jährigen Tochter, gerade mal ein Teenager. Aber die ist belesen, klug, und mittlerweile schon sehr gut darin, ihre Spuren zu verwischen. Sich unsichtbar zu machen, unter all dem Farn, zwischen all den Moosen und morschem Totholz. Will und Tom sind also dort, wo der Wohlstand nicht hinfindet, wo Besitz und Kapitalismus dem Chlorophyll der Blätter und dem Geruch von feuchter Erde weichen muss. Wo die Kunst des Weglassens geschult wird, und der Verzicht des Konsums und all der Dinge, die man eigentlich nicht braucht, der Existenz auf Augenhöhe begegnen lässt. Die Natur ermöglicht uns glasklare Sicht. Sie führt uns näher an das Wesentliche heran. An die Dinge, auf die es ankommt. Ist es das, was Will anstrebt? Und will das seine Tochter auch?

Natürlich. Zumindest denkt sie das. Sie liebt ihren Vater. Schätzt das Leben unter Zeltplanen und zwischen Baumstämmen. Sammelt Pilze und Beeren. Jagd ist kein Thema, also ist der Weg in die Stadt, zumindest ab und an, unabdingbar. Ganz entziehen können sich die beiden Aussteiger den Bequemlichkeiten der Zivilisation dann doch nicht. Denn auch sie ist Teil dieser Welt, so wie das System, die Ordnung, die eine Gesellschaft erst zum Miteinander erzieht, als Gegenentwurf zum Recht des Stärkeren. Und es kommt, wie es kommen muss – der sich verweigernde Lebensstil der beiden bleibt nicht auf Dauer unentdeckt, und das Leben im Wald ist vorläufig zu Ende. Vorläufig, wenn es nach Will geht. Der nicht ruhen kann, sondern wieder nur flüchten will.

Ist es wirklich diese sozialpolitische Ablehnung, die den Eremiten antreibt? Oder ist es ein undefinierter innerer Schmerz? Das lässt sich nicht genau sagen. Viel klarer werden die Dinge aus Sicht des Mädchens erörtert, das zwischen Erwachsenwerden, Existenzangst und Selbstbestimmung umherirrt, bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. Aber ist das nicht Teil des Menschseins? Das sind viele Fragen, die das Außenseiterdrama während des Sehens unweigerlich aufwirft. Und nachhaltig wirken lässt. Wie bei Aufbruch zum Mond. Beides Filme, die tief in ihre Figuren eintauchen, ohne sie aber radikal analysieren zu wollen. Debra Granik, sie bleibt stets Beobachterin, versucht auch nicht, für uns zu antworten. Zeigt Optionen, die nicht unbedingt richtig sein müssen. Verurteilt weder das System noch die Flucht davor. Wie frei sind wir wirklich? Und lässt sich die äußere wie innere Freiheit über den Einzelnen hinaus umsetzen? Das ist es, was als große Frage über allem steht.

Vier Jahre nach ihrem hochgelobten und oscarnominierten Sozialdrama Winter´s Bone leiht die Filmemacherin erneut jener Gesellschaft ein Ohr, die als soziale Minderheit abseits der Masse gegen den Strom zu existieren versucht. Die verkümmert, sich verliert, wiederfindet oder vielleicht sogar zufrieden mit dem ist, was sie ist – nämlich eine kleine Welt, die sich einer Enklave gleich rundherum abgrenzt. Nonkonformismus ist hier Granik´s großes Thema, sowie die Mikrokosmen eines Miteinanders, die funktionieren können oder auch nicht. So beschreibt Granik sowohl den Alltag in der Wildnis als auch die Grauzone der Resozialisierung oder die autarke Gemeinschaft einer Wohnwagensiedlung fernab staatlicher Pflichten. Leben geht auch ganz anders.

Leave No Trace basiert auf dem Buch von Peter Rock, und dieses wiederum auf wahren Begebenheiten. Der Film ist beeindruckend und tiefgründig, und hat eine ganz eigene Aura. Ruhig und introvertiert, niemals aufdringlich oder allzu elegisch. Die Gefahr, ihre Protagonisten unnahbar erscheinen zu lassen, umgeht Granik mit dem Geschick einer Dokumentarfilmerin, die respektiert und fasziniert, was sie sieht, ihre eigene Meinung aber zurücknimmt, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, näherzutreten. Und dann bin ich nah genug dran, und Will und Tom sind greifbar, von allen Seiten. Natürlich verdanken wir diesen Umstand nicht nur der Regie – Ben Foster lässt den getriebenen Einsiedler Will zwischen Weltekel und Soziophobie mit dem unerfüllbaren Wunsch ringen, doch Teil von etwas Ganzem zu sein. Thomasin McKenzie als dessen Tochter ist die Entdeckung des Jahres – ihr scheuer Blick, die Bereitschaft, sich Neuem zu nähern und die Sehnsucht nach Beständigkeit ist in jeder Szene fühlbar, bishin zu unterdrückten Tränen. Die Wegscheide zwischen Vaterliebe und eigenen Perspektiven schmerzlich klar umrissen. Dass die 19jährige Neuseeländerin für ihr nuanciertes Spiel neben Granik´s Regie nicht für den Oscar 2019 nominiert ist, enttäuscht mich dann doch.

Leave No Trace erreicht seine filmische Größe durch eine wohl komponierte Kunst des Verzichts, des Fokus aufs Wesentliche und einer Kraft, die in seiner Ruhe innewohnt. Und den scheinbar assoziativ gestellten Fragen, die uns Lebensentwürfe neu überdenken lassen.

Leave No Trace

Am Strand

GESTERN, HEUTE, MORGEN

7,5/10

 

amstrand© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DOMINIC COOKE

CAST: SAOIRSE RONAN, BILLY HOWLE, EMILY WATSON, ANNE-MARIE DUFF U. A.

 

Harry & Sally haben schon in den 80ern versucht, zu beweisen, dass nicht gleichgeschlechtliche Freundschaften ohne sexuelle Komponente einfach nicht möglich sind. Da gab es damals noch genug zu schmunzeln. Das gibt es 2018 mit der Verfilmung der 2007 entstandenen Novelle Am Strand von Autor Ian McEwan nicht mehr. Wobei die Geschichte zweier Liebender eine ganz andere ist. Aber doch sehr viel mit Freundschaft, Partnerschaft und letztendlich Sex zu tun hat. Und dieser Sex, dieses große Tabuthema, dieses Etwas, worüber Mann und Frau nicht spricht, schon gar nicht Anfang der 60er Jahre – der kann vielmehr oder alles ruinieren anstatt auch nur irgendetwas zu richten. Und das, bevor er überhaupt jemals Teil einer Beziehung wird. Denn eine Beziehung, keine freundschaftliche, sondern eine eheliche – die will natürlich vollzogen werden. Das langjährige Partnerschaften irgendwann fast oder ganz ohne Intimitäten auskommen können, ist sicherlich, so wage ich zu behaupten, keine Seltenheit. Deshalb muss eine solche nicht gleich vor der Kippe stehen, sondern, ganz im Gegenteil, beständiger sein als andere. Das Partnerschaften gleich anfangs Probleme damit haben, Intimitäten zu leben, ist dann doch eher selten. Und vielleicht auch ein Grund zur Trennung. Denn ganz so nebensächlich ist Lust und körperliche Liebe ganz sicher nicht. Vor allem auch, wenn Nachwuchs geplant werden will. Da aber in den prüden frühen 60ern Sex so gut wie unkommentiert bleibt, führen unterschiedliche Erwartungshaltungen zu schwerwiegenden Missverständnissen, die sogar taufrische Bündnisse fürs Leben nach nur wenigen Stunden bereits in den Abgrund stürzen.

Dieses Dilemma aus Erwartung, Angst und ehelichen Pflichten ist dann auch das Fallbeil, dass auf die kokette Florence und ihren angetrauten, selbstzweifelnden Edward niedersaust. Die Zukunft, die sich beide wohl in ihrer ungestümen, jugendlichen Phase des Kennen- und Liebenlernens wohl ausgemalt haben, wird urplötzlich schwarz überpinselt, als in einem Hotel am Chesil Beach die innersten Befürchtungen der beiden nach außen gekehrt werden. Nämlich, dass Zuneigung und Vertrauen eine Sache sind, sexuelles Begehren eine andere. Und dann kommt der point of no return, wenn das flitterwöchentliche Himmelbett nur darauf wartet, eingeweiht zu werden. Plötzlich sind sich die beiden Turteltauben fremder denn je. Der Druck, alles richtig zu machen, trifft auf die Furcht vor dem Koitus an sich, und nichts ist mehr so, wie es am Tage zuvor noch war. Dem Versagen von beiden Seiten folgt die Erkenntnis eines verheerenden Scheiterns, sowohl auf kommunikativer als auch auf emotionaler Ebene.

Regisseur Dominic Cooke findet für seine so behutsame wie ansprechende Verfilmung von McEwan´s Novelle berührend anmutige, expressive Bilder. Ganz besonders die Schlüsselszenen am Strand vor regenschwerer Wolkenbank, davor ein Boot und Saoirse Ronan in blauem Kleid. Es sind Stimmungen wie aus den Bildern eines Edward Hopper, Neue Sachlichkeit trifft auf reduktionistische Poesie. Billy Howle als der entrüstete Bräutigam Edward sagt Worte, die irreparablen Schaden anrichten, bis er gar nichts mehr sagt. Und Kompromisse für ein Lebensglück kein Thema sind. Ronan, zuletzt in Lady Bird wirklich überzeugend resolut und verträumt, verleiht ihrer jungen Florence, die mit einer dunklen Vergangenheit hadert und sich nach bedingungsloser Nähe sehnt, so etwas wie verzweifelte Zuversicht, sofern es so etwas gibt. Bis diese im Sand verläuft und bitterer Enttäuschung weicht. Beide Protagonisten meistern trotz ihrer Verantwortung für das Gelingen dieses Filmes ihre Rollen mit zielsicherem Gespür für Situationen und dem gesellschaftlichen Umfeld einer Zeit lange vor deren Geburt. Am Strand hat fast schon epischen Charakter, erzählt in stetem Wechsel von vergangenen Momenten und der Zukunft eines versäumten Lebens. Und von einer Chance, die niemals wiederkehrt und einem gemeinsamem Glück, das womöglich funktioniert hätte, hätten beide einander zugehört. Am Strand ist die Schilderung eines Lebens, in der zwei Liebende irgendwann nichts mehr voneinander wussten und zugeschlagene Türen nicht mehr zu öffnen sind. Ein schöner, schmerzlicher, faszinierender Film über Erwartung und Enttäuschung. Nicht wirklich erbaulich, dafür aber sehnsüchtig, wie der Blick aufs Meer, vom Strand aus.

Am Strand

Astrid

DIE WELT, WIDDEWIDDE WIE SIE MIR GEFÄLLT

7/10

 

astrid© 2018 DCM

 

LAND: SCHWEDEN, DÄNEMARK 2018

REGIE: PERNILLE FISCHER CHRISTENSEN

CAST: ALBA AUGUST, TRINE DYRHOLM, HENRIK RAFAELSEN, MAGNUS KREPPER U. A.

 

Erst vor ein paar Wochen durfte ich gemeinsam mit meinem Filius einer Bühnenadaption des märchenhaften Abenteuers Ronja Räubertochter beiwohnen. Den DramaturgInnen ist die Aufbereitung fürs Theater fabelhaft gelungen. Die Mattisburg, der Wald und all die Rumpelwichte und Wiltruden sind mit wenigen Kniffen gleich einem Pop-up-Buch überzeugend arrangiert und zum Leben erweckt. Zwischen den Fronten der Mattisbande und der Borkasbande: ein aufgewecktes elfjähriges Mädchen, das Traditionen, die Moral ihrer Eltern und gesellschaftliche Dogmen hinterfragt. Alles ganz anders machen will, und mit dem angeblichen Feind ganz einfach lieb Freund ist. Weil Dinge hinterfragt werden müssen – oder Erfahrungen einfach selber gemacht. Denn wie sonst kann ein Mädchen sich seine eigene Meinung bilden? Ronja Räubertochter ist nur eine von ganz vielen Geschichten, die die schwedische Autorin Astrid Lindgren Zeit ihres Lebens niedergeschrieben hat. Zu größter Berühmtheit gelangte natürlich Pippi Langstrumpf – das kindliche Aufbegehren schlechthin. Ein Leben jenseits aller Regeln, die erste Superheldin zwischen Clownerie und Selbstbestimmung. Inger Nilsson hat dieser Ikone der Kinderliteratur im Fernsehen ein zeitloses Gesicht gegeben. Doch wie und warum hat sich Astrid Lindgren so sehr auf Jugendbücher spezialisiert? Warum haben Kinder vor allem literarisch so sehr ihr Leben dominiert?

Dieser Frage ist die schwedische Regisseurin Pernille Fischer Christensen nachgegangen. Ihr Film mit dem schlichten Titel Astrid ist eine unprätentiöse Annäherung an eine biographische Episode aus dem Leben der weltberühmten Autorin und gleichzeitig eine behutsam gesponnene Hymne auf eine weltbewegende Künstlerin, die das Aufwachsen so vieler Kinder mitgeprägt hat. Eine berührende Idee, während des Filmes immer wieder mal Leserbriefe aus dem Off mit den Stimmen von Kindern rezitieren zu lassen, um einen Ausblick auf das zu geben, was die junge Astrid Ericsson zukünftig erreichen wird. Davon aber hat sie im jugendlichen Alter von 16 Jahren eigentlich noch überhaupt keinen blassen Schimmer. Schreiben, das kann sie, das durfte sie schon unter Beweis stellen. Ein kreativer Kopf ist sie auch. Und jemand, der sich gerne über gesellschaftliches Regelwerk hinwegsetzt. Ein bisschen Pippi schimmert da schon durch. Und dann die Sache mit dem Zeitungsverleger Blomberg. Der viel ältere, getrenntlebende Vater zweier Kinder fängt mit dem jungen Mädchen eine Liaison an, die den kleinen Lasse das Licht der Welt erblicken lässt. Allerdings inkognito, denn in einer Zeit wie dieser war die kirchliche Gemeinde alles und ein uneheliches Kind gar nichts. Astrid muss also ihren Erstgeborenen vor übler Nachrede verstecken und ziemlich viele Entbehrungen auf sich nehmen, bis sie endlich zu sich selbst steht – und ihr Aufbegehren einen Sinn bekommt.

Es schnürt einem das Herz zusammen, wenn die eigene Mutter den kleinen Blondschopf zurücklassen muss. Wenn das Kleinkind das eigene Fleisch und Blut ablehnt. Wenn das Muttersein so abgestraft wird, dass es wehtut. Alba August bleibt in dieser prominenten Coming of Age-True Story nachhaltig im Gedächtnis. Vom Zöpfe tragenden, quirligen Teenie zur verantwortungsbewussten Frau weiß die 25jährige Schwedin, die erstmals in der Netflix-Serie The Rain in Erscheinung tritt, ihre Rolle glaubhaft zu nuancieren und die feministische Chronik gänzlich für sich zu beanspruchen. In einem Film, der an die rustikalen Bullerbü-Verfilmungen aus den 70ern erinnert, und dann wieder in nüchternen, aber eleganten Bildern die 20er-Jahre des ländlichen wie urbanen Schwedens abzubilden weiß, ohne sich in Postkartenoptik zu verlieren. Das warme Licht des Nordens aber legt sich über alles, und nichts ist trostlos genug, um die Zuversicht zu verlieren, die Astrid Lindgren stets beharrlich mit sich trägt. Alba August weiß auch das zu vermitteln.

Einziges Manko an diesem stimmigen Lebenslauf ist Fischer Christensen´s Hang zu ausuferndem Erzählen. Mit knapp über zwei Stunden hängt die Kamera szenenweise zu lange an der versonnenen Mimik der jungen Astrid Lindgren, verharrt zu lange an manchen Orten und macht es der Handlung manchmal etwas zu schwer, wieder in den Rhythmus zu finden. Da kann schon die eine oder andere Ungeduld erwachsen, doch letzten Endes wird man zum Abspann belohnt mit dem Gänsehautmoment eines Liedes der norwegischen Folksängerin Ane Brun. Dazwischen letzte Szenen eines wiedergefundenen Lebensglücks, das später in Ronja, Karlsson oder Michel von Lönneberga auf ewig weiterleben wird.

Astrid

Im Zweifel glücklich

WARS DAS?

7/10

 

BradsStatus#2052.ARW© 2018 Weltkino

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIKE WHITE

CAST: BEN STILLER, AUSTIN ABRAMS, JENNA FISCHER, MICHAEL SHEEN, LUKE WILSON U. A.

 

Da bedarf es schon eines ausgeprägten Fokus auf die eigene innere Mitte, wenn es darum geht, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Wenn dann noch die eigenen Schulkollegen mit deutlich mehr PS auf der Überholspur gen Erfolgshorizont des Lebens davonbrausen, ist der Selbstwert auf Kleinkindgröße dahingeschmolzen. Der Wettbewerb ist allgegenwärtig, vor allem in so selbstverliebten Zeiten wie diesen, wo Fleiß und Idealismus nur noch bedingt zu wünschenswerten Ergebnissen führen. Allerdings übersehen hierbei die gebeugten Häupter der vermeintlichen Loser sehr gerne, dass der vielfach kolportierte Erfolg der Mitmenschen reichlich Fassade ist, und Vergleiche oft mit zweierlei Maß gemessen werden. Die einen, die haben dann meist das Kapitalglück, dass in ausreichender Werbewirksamkeit die Gesellschaft fasziniert. Und die anderen, die haben das Basisiglück, und können sich, wenn alle Stricke reissen, auf wahre Werte zurückbesinnen, auf die es letzten Endes wirklich ankommt. Die Erfolgsformel ist also eine Unbekannte. Sich daran zu reiben wie Ben Stiller es tut, kann zu einem ernüchternden, aber undurchdachten Status Quo führen, der längst nicht alle Indizien, die für ein besseres Leben sprächen, abgeklopft hat.

Im Zweifel gücklich, im Original schlicht und ergreifend als Brad´s Status betitelt, treibt einen innerlich strauchelnden Ben Stiller vor sich her, der überhaupt nichts mehr mit den klamaukigen Peinlichkeiten aus früheren Filme zu tun hat, der geradezu ernüchternd unmöbliert und verkatert auftritt, als würde er tatsächlich in das tiefe Loch einer sinnlos erscheinenden Existenz geworfen worden sein. Diesen Zustand könnte jetzt ein anderer Filmemacher kabarettistisch ausschlachten, sich darüber lustig machen, die Midlife crisis durch den Kakao ziehen. So wie es der Österreicher Harald Sicheritz Anfang der 90er getan hat. Freispiel mit Alfred Dorfer zählt bis heute zu den besten Kabarettfilmen überhaupt, lässt dabei aber seinen Antihelden Robert Brenneis als ausgebrannten Musiklehrer über das eigene Leben und das der anderen sinnieren, bevorzugt über das seines ehemaligen besten Freundes, des Schlagerstars Pokorny, süffisant verkörpert von Wuchtelgranate Lukas Resetarits. Der Neid könnte einen fressen, angesichts dieses Glamours, den manche umgibt, vor allem jene, die das gleiche Startkapital für die Zukunft hatten, und plötzlich hinten anstehen müssen. Sich klarzuwerden, worauf es im Leben wirklich ankommt, dafür braucht Alfred Dorfer einen ganzen Film voller Zynismus und kluger Kommentare. Ben Stiller tut Ähnliches, wenn auch nicht im Bierzelt schunkeln oder in Italien urlauben. Er begleitet seinen Sohn an die Ostküste Amerikas, um Universitäten abzuklappern und den richtigen Studienplatz zu ergattern. Dabei stößt Brad zwangsläufig auf die Karrieren seiner Kommilitonen von damals, um sich selbst ganz klein vorzukommen. Bis er die Dinge vor seinem geistigen Auge wieder in die richtige Ordnung bringt, auf Reboot Prioritäten setzt und seinem Filius den Rücken freihält.

Dieser Status, den Brad abruft, der könnte der Status von jedem von uns sein, mal mehr mal weniger. Den großen Vogel, den haben die wenigsten abgeschossen, dabei ist die Frage nach einem zweifelhaften Lebensglück gerade bei jenen womöglich ungleich größer als bei den sogenannten Niemanden, die trotz fehlenden Reichtums und Scheinwerfern die Erfüllung in sich selbst und ihrer Familie finden. Regisseur Mark White lässt Ben Stiller tatsächlich immer stiller werden, immer nachdenklicher, und gibt ihm Raum für Gedanken, die aus dem Off auch für das interessierte Publikum zu hören sind. Im Zweifel glücklich ist ein langsames, gedankenverlorenes, aber alltagsrelevantes Drama, leichtfüßig und nicht verkopft. Nachvollziehbar und durchaus bereichernd, wenn mal wieder das eigene Leben unzureichend erscheint.

Im Zweifel glücklich

Christopher Robin

VON NICHTS UND IRGENDWAS

7/10

 

null© 2018 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARC FORSTER

CAST: EWAN MCGREGOR, HAYLEY ATWELL, TOBY JONES, MARK GATISS, ADRIAN SCARBOROUGH U. A.

 

„Dummer alter Bär“, wird er von seinem Besitzer gerne genannt. Freundlich ist das nicht. Doch Christopher Robin, der Junge in den seltsamen Hosen und Riemenschuhen, darf ihn getrost so nennen. Das macht dem tapsenden Honigbären nichts aus. Denn Winnie Puuh oder nur Puuh, der stellt keine Ansprüche. Erwartet sich nichts. Lebt jeden Tag, als wäre es sein Lieblingstag, denn das ist immer Heute. Doch wenn zum Beispiel Gestern noch dazu Morgen ist, dann wäre das schon zu viel Tag. Was jetzt etwas kompliziert klingt, aber seine Logik hat, obwohl Winnie Puuh alles andere als eine Geistesriese ist. Wenn Hunde sprechen könnten, wäre Winnie Puuh einer dieser unendlich treuen Vierbeiner, die bedingungslose Freundschaft leben und zur Stelle sind, wenn sich Kummer breit macht. Den kleinen Bären mit den herzzerreißend dreinblickenden Knopfaugen und der sanften Stimme umgibt eine Art meditative Aura der inneren Einkehr, der Ruhe und des Rückzugs, wo der umtriebige Mensch, ob Alt oder Jung, sein Denken und Handeln wieder rebooten kann und vielleicht draufkommt, was wirklich wichtig ist im Leben. Winnie Puuh weiß das natürlich auch nicht, andererseits aber irgendwie schon. Und wirkt dadurch manchmal richtig weise, wie Yoda, nur ohne Lichtschwert, stattdessen mit Honig ums Mäulchen.

Erst viele Jahre später nach dem Abschied von Christoper Robin vom 100 Morgen Wald und nach zügig durchblätterten Kapiteln lässt gleichnamiger Film seine Handlung überhaupt erst beginnen. Der Hüter seiner Stofftiere ist jetzt erwachsen und ein Arbeitstier, ohne Zeit für Frau und Kind, und ohne einen verschwendeten Gedanken an seine Spielgefährten von damals, alleine deswegen, weil es an Zeit fehlt. Puuh und Konsorten geraten in Vergessenheit, dementsprechend unwirtlich sieht’s im Wald der Heffalumps und Wusels auch aus. Als der Haussegen der Robins so richtig schief hängt, findet der kleine Honigbär wie durch Zufall den Weg zu seinem Meister – wie ein Wink des Schicksals, der dann auf Umwegen vieles wieder geradebiegt.

Regisseur Marc Forster, der schon mit Dramen aus unterschiedlichsten Genres experimentiert hat, betritt mit Christopher Robin nicht unbedingt Neuland – ein ähnlicher Film über das Schaffen von Peter Pan-Erfinder James Matthew Barry zählt bereits zu seinem Oeuvre. Dennoch ist dieser Film hier irgendwie anders. Einerseits könnte Christopher Robin die Fortsetzung zur ebenfalls in diesem Jahr erschienenen und sehr sehenswerten Biografie Goodbye Christoper Robin sein, andererseits aber auch der allumfassende Epilog zu allen bisher erzählten Zeichentrickabenteuern, die Winnie Puuh und seine Freunde so erlebt haben. Etwas metaphysisch Biographisches, ein phantastischer Film längst nicht nur für Fans jüngeren Semesters. Forster erzählt vom Erwachsensein, vom Verlust der Kindheit und vom Ernst des Lebens, ja sogar ansatzweise vom Krieg. Dinge, mit denen die ganz Kleinen, die Winnie Puuh´s gezeichnete Abenteuer kennen, nicht allzu viel anfangen können. Schulkinder allerdings, die von Pflicht, Eigenverantwortung und einer gewissen Eigendynamik des sozialen Lebens so ihre Ahnung haben, werden Christopher Robin als einen Film genießen, der garantiert nicht unterfordert und neben all dem unbekümmerten Spaß auch melancholische, fast schon traurig tönende Saiten anschlägt.

Denn diese Stofftiere, diese Seelenbären und Seelentiger, mieselsüchtigen Esel und ängstlichen Schweinchen, diese Verkörperungen all der Gefühlswelten eines Kindes im Erwachsenen, sind so dermaßen ansprechend zum Leben erweckt, dass ich es kaum glauben kann. Winnie Puuh als Realfilm – meine Skepsis dazu hat sich im Vorfeld relativ lange gehalten. Nach Sichtung dieses Films weiß ich, wie gewissenhaft und mit wie viel Liebe zum Detail und Respekt zur Vorlage Ikonen des Kinderzimmers aus der zweiten Dimension hervorgeholt werden können – hinein in eine unglaublich reale Welt, erdfarben und von schwindendem Tageslicht. Das regennasse, graue London und der nebelverhangene Märchenwald zaubern eine poetische Tristesse, mittendrin eine zusammengenähte Menagerie, abgenutzt und reif für den Flohmarkt, gleichermaßen aber so unbezahlbar wertvoll wie eine Erinnerung an die Kindheit, die man niemals missen möchte. Da trotten sie dahin, entkitscht bis zum Gehtnichtmehr, maximal das Ferkel strahlt in abgewetztem Altrosa, jedes dieser herzensguten Wesen in seiner eigenen Welt. Forster findet mit seinem begnadeten Kameramann Matthias Koenigswieser atmosphärische Bilder eines entrückten Alltags, dazwischen, wie Sternschnuppen aus dem Augenwinkel, das so Schräge wie Zauberhafte aus alten Spielzeugkisten. Die Kultfiguren aus Milne´s Feder erleben literaturadäquat unaufgeregte Abenteuer voll kauzigem Slapstick und charakterlichen Pointen. Spenden Trost, Zuversicht und eine unerschütterliche Zuflucht vor den Widrigkeiten, die ein Leben so mit sich bringt. Da wäre es ja mehr als angebracht, nach dem Besuch im Kino wieder das eigene alte Stofftier vom Dachboden zu holen, um es wieder mal so richtig durchzuknuddeln.

Christopher Robin