The King of Staten Island

DAS LANGE ELEND

7/10

 

kingofstatenisland© 2020 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: JUDD APATOW

CAST: PETE DAVIDSON, MARISA TOMEI, BILL BURR, BEL POWLEY, MAUDE APATOW, STEVE BUSCEMI, MOISES ARIAS U. A. 

 

Damals, in den späten 80ern, war das lange Elend niemand geringerer als Jeff Goldblum. Jetzt gibt es einen ernsthaften Konkurrenten, nicht nur, was die schlaksige Größe betrifft, sondern auch eine gewisse polemische Weltsicht, die man eigentlich nur bei einem gepflegten Joint auf einer bequemen Couch bedingungslos unterschreiben kann. Scott nämlich, um den es hier geht, der schlägt mit seinen 24 Lenzen im Hotel Mama die Zeit tot, zelebriert den Müßiggang mit seinen besten Kumpels, hat ab und an mal Sex mit seiner besten Freundin, die wahnsinnig in den Lulatsch mit ungesundem Teint verknallt zu sein scheint. Doch der Lulatsch, der weiß selbst, dass er zu nichts zu gebrauchen ist. Außer vielleicht, um Tattoos zu applizieren, die – gelinde gesagt – gestaltungstechnisch noch ein bisschen Luft nach oben haben. Die Hirnidee schlechthin wäre für Scott ohnehin ein Tattoo-Restaurant, in dem man gleichzeitig essen und Blankostellen seiner Haut behübschen lassen kann. Gibt´s doch noch gar nicht – oder? Alle andern halten das für eine Gras-Idee, nur Scott himmelt diese Vorstellung, ein Trendsetter zu sein, geradezu an. Und wenn Scott gerade mal nicht seinen Tagträumen nachhängt, vermisst er seinen Vater. Dieser, ein Feuerwehrmann, war bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Ein Trauma, dass den ungelenken Riesen nach wie vor nicht loslässt – und der eigentliche Grund dafür ist, warum Scott in seinem Leben nichts weiterbringt.

Staten Island soll ja der langweiligste Bezirk New Yorks sein. Keine Sehenswürdigkeiten, keine Highlights, nur einige Bars. Zumindest gibt’s das Meer. Und allerlei Menschen, die sozialisieren. In dieser gesellschaftlichen Blase findet sich unsere Hauptfigur bequem zurecht. Doch die Komfortzone aus Selbstmitleid und mütterlichem Schutz zu verlassen, ist genau der Weg, den Regisseur Judd Apatow hier beschreiten will. Er macht das über zwei Stunden lang. Und über zwei Stunden lang wird geredet, diskutiert, umarmt und gestritten. Zugehört, rausgeschmissen und einquartiert. Groteske Tattoos zieren die Leiber schräger Typen, die mit kleinkriminellen Liebäugeleien ihre Lebenssituation verbessern wollen. Die verblüffende Tatsache: diese elegische Bestandaufnahme eines jungen Lebens gerät überraschenderweise keine Sekunde langweilig, wirkt niemals redundant und verdankt dem Underdog-Auftreten von Comedian Jake Davidson, dass der Zuseher ununterbrochen wissen will, welche Weisheiten wohl jetzt den Hotel-Mama-Dauerbezieher schadlos halten sollen.

Solche Filme, die leben und sterben mit ihrer zentralen Figur. Und dank des für mich bis dato relativ unbekannten Schauspielers hat The King of Staten Island nicht nur ein neues Gesicht vorzuweisen, was dem Film etwas Originöres verleiht, sondern auch eine sympathische Drama-Queen entworfen – voller Gutmütigkeit, Unsicherheit und unkanalisierter Emotionen, die erst geordnet werden müssen, bevor das Leben losgehen kann. Das ist in seinen flott geschriebenen Dialogen und längst nicht perfekten, aber charakterlich greifbar herausgearbeiteten Normalos, denen wir Zuseher tagtäglich begegnen, geradezu fesselnd. Natürlich auch, weil Pete Davidson, der sich in seinem autobiographisch angehauchten Drehbuch als Scott selbst wiederfindet, genau weiß, was er empfinden muss. Nicht viel zu künsteln hat und auch all das übrige Ensemble davon überzeugen kann, wie sich authentische Sozialbühne anfühlen kann. Jeder scheint’s verstanden zu haben, denn sie alle machen mit.

The King of Staten Island

Waves

ZWEIKLANG EINER FAMILIE

7/10

 

WAVES© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: TREY EDWARD SHULTS

CAST: KELVIN HARRISON JR., TAYLOR RUSSELL, STERLING K. BROWN, LUCAS HEDGES, ALEXA DEMIE U. A. 

 

Gibt es die perfekte Familie? Social Media will uns das zwar unter frei wählbarer Message Control weismachen, aber – nein, natürlich gibt´s die nicht. Auch wenn Eltern sich bis zur Verausgabung anstrengen, um den Nachwuchs zu einem Wunderkind zu erziehen. Laut Familienvater Rupert müssen sich schwarze Familien doppelt so hart anstrengen, und doppelt so viel leisten, um das zu erreichen, was die Weißen haben. Und er tut das, er pusht seinen Sohn Tyler, der das Zeug zum Meisterringer hat, zu jeder Tageszeit. Tyler ist des Vaters roher Diamant, der geschliffen werden will. Ob Tyler das auch so sieht? Nun, er tut seine Pflicht. Was heißt eine – alle möglichen Pflichten. Will perfekt sein, den Big Daddy zufriedenstellen. Aber da der Anspruch, perfekt sein zu wollen, ja genauer betrachtet an sich schon eine gewisse Verpeilung darstellt, kann dieser leicht zur Obsession werden. Und Obsession führt zum Kurzschluss, wenn höhere Mächte den Eifer bremsen. Und die prasseln der Reihe nach auf den 18jährigen Jungen ein. Tyler bangt um seine Zukunft, und als sich jede Hoffnung zu zerstreuen scheint, verliert auch er den Boden unter den Füßen.

Es ist wie die Sache mit Ikarus. Die Flügel werden schmelzen, je höher er fliegt. Natürlich weiß er das, tut es trotzdem – und fliegt zu hoch. Ikarus stürzt ab. Tyler, der Sohn mit so viel Potenzial, hechtet hinterher und lässt sich von einer Abwärtsspirale aus scheinbar irreparablen Umständen ins Nichts ziehen. Wobei diese Episode des Films nur die Hälfte des Erzählten ist. Was Trey Edward Shults (u.a. It Comes at Night) hier erzählt, ist weitaus mehr und nicht nur das Falling Down eines schwarzen Jugendlichen, der meint, den Ansprüchen aus dem Elternhaus nicht zu genügen. Waves ist auch der Leitfaden raus aus einer familiären Katastrophe, die nicht mehr der gestrauchelte Tyler dominiert, sondern dessen Schwester Emily. Ein Film also, der zwei Geschichten eint, die, sich ergänzend, vom Erwachsenwerden, von Vergebung und vom Plan B erzählen, der längst nicht perfekt, dafür aber machbar und letztendlich lebenswert scheint.

Für diese Fülle an Drama und Tragödie findet Waves eine virtuose Bildsprache, die vor allem anfangs in seinen Bann zieht. Die Kamera scheint zu rotieren, alles dreht sich, alles bewegt sich, die Party des Lebens kann nicht gestoppt werden. Ein Quell an Farben, Unschärfen und Rhythmen, die Julian Schnabel wohl gefallen würden. Shults gelingen in seinem selbst verfassten Werk einige meisterhafte Szenen, die so hypnotisch sind wie jene aus Barry Jenkins Oscar-Gewinner Moonlight. Inhaltlich haben beide nicht viel gemein, doch das Lebensgefühl unter den jungen Menschen Floridas lässt sich da wie dort nicht nur zum Spring Break-Event einfangen, sondern auch in Momenten des Innehaltens und Reflektierens. Waves ist auch längst kein Beitrag zum Black Lives Matter-Betroffenheitskino – die Problematik der schwarzen Minderheit ist hier, so fühlt es sich zumindest an, überhaupt kein Thema. Das hat etwas Befreiendes, geradezu Pionierhaftes. Ob Schwarz oder Weiß ist hier mehr oder weniger egal, denn das ganze Drama lastet ohnehin schwer auf den Schultern aller beteiligten Protagonisten, die von einem Ensemble geführt werden, das in dieser fiebrig-irrlichternden Soulballade alle Anstrengung nicht umsonst sein lassen. Kelvin Harrison Jr. als Tyler gibt psychisch wie physisch alles, Taylor Russell (derzeit auf Netflix mit Lost in Space) führt mit verträumter Melancholie die Katharsis ihrer Familie an und Sterling K. Brown darf die Scherben vom Idealbild selbiger aufsammeln. Das mag alles ein dichter, gehaltvoller Brocken an Film sein, und ja, Geschichten wie diese lassen sich einfach auch weniger mäandernd erzählen, doch in seiner Gesamtheit ist Waves ein zeitgemäßes Epos, (tränen)reich an Farben und Klängen, welches das Leben, egal wie es kommt, um jeden Preis annimmt.

Waves

Der Duft der grünen Papaya

GESCHICHTE EINER DIENERIN

8/10

 

duftgruenepapaya© 1993 Prokino

 

LAND: VIETNAM, FRANKREICH 1993

REGIE: TRAN ANH HUNG

CAST: MAN SAN LU, TRAN NU YÊN KHÊ, VUONG HOA HOI, TRUONG THI LOC U. A. 

 

Eine kleine Reise in die Filmwelt der Neunziger gefällig? Wir schreiben das Jahr 1993, da konnte Steven Spielberg mit Schindlers Liste und Jurassic Park gleich zwei Meisterwerke ins Kino bringen, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind. In Cannes zum Beispiel gewann im selben Jahr ein ganz anderer, viel kleinerer, enorm behutsamer Film aus dem fernen Osten die Goldene Kamera – und zwar Der Duft der grünen Papaya von Tranh Anh Hung. Der vietnamesische Regisseur ist mir seit Cyclo ein Begriff, eine Variation des neorealistischen italienischen De Sica-Filmes Fahrraddiebe. Der Duft der grünen Papaya ist nicht weniger kunstvoll und unendlich weit entfernt von westlichem Mainstreamkino. Dafür aber, und gerade deshalb, umso schöner.

Ich schätze diese Entschleunigung von Visionären wie Weerasethakul, Kim Ki-Duk oder Edwin. Tran Anh Hung gehört genauso dazu. Auf Der Duft der grünen Papaya muss man sich einlassen, da darf man nicht nervös sein, da sollte man so viel Ruhe mitbringen, um diesen künstlerischen Einklang auch als solchen genießen zu können. Schnell hat man den Rhythmus des Films drauf und taucht ein in dieses detaillierte Puppenheim, dass die Geschichte eines Mädchens namens Mùi erzählt, die, aus der Provinz kommend, bei einer reichen Familie in Saigon als Dienstmädchen angestellt wird. Dort trügt der Schein gewaltig, der materielle Wohlstand entspricht natürlich nicht dem Haussegen, der da schief hängt aufgrund sämtlicher Faktoren – einer davon die Promiskuität des Vaters, bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, bevor er seine Familie wiedermal für andere Frauen verlässt. Inmitten dieses Alltags aus Ritualen, aus Frühaufstehen, Essenkochen, Bodenschrubben entdeckt die junge Mùi ihre eigene Welt, ihre eigenen Konstanten, die im miniatürlichen Zirkus des Lebens aus Ameisen, Fröschen und duftenden Früchten Trost spendet, während die Familie sich immer mehr aufzulösen scheint, der kleinen, fast unsichtbare Welt wenig Respekt zollt und im Vergangenen verweilt. Die Zeit aber macht vor niemandem Halt, und irgendwann sind zehn Jahre vergangen.

Viel mehr geschieht nicht in dieser zärtlichen Meditation, die stets von vietnamesisch-traditioneller Musik in ihrer möglichsten Reduktion begleitet wird. Die Kamera folgt Mùi quer durch das Anwesen, das wie eine Bühne wirkt, mit bloßen Füßen, inmitten tropischer Schwüle. Das Tropfen milchigen Pflanzensaftes kann zum Erlebnis werden, das Abmühen der Ameisen mit Reiskörnern eine Tour de Force und der Geruch der grünen Papayas, wenn die Frucht aufgeschnitten wird und die strahlend weißen Samenkörner offen darliegen, zur sinnlichen Erfahrung. Mùi ist ein ebensolcher Sinnesmensch, eine Art Hausgeist, ein devoter Engel, wie Haushälterin Cleo in Alfonso Cuarons Roma. Beide Filme haben einen ähnlich langen Atem, konzentrieren sich auf Details, während bei Tran Anh Hung das Dienstmädchen nicht nur beobachtendes Auge ist, sondern auch die eigentliche Heldin dieser Entwicklungsgeschichte, die bald zu einer unglaublich diskreten Lovestory avanciert. Die Vietnamesin Tran Nu Yên Khê verkörpert die ältere Mùi, die zwischen kindlicher Neugier und Emanzipation eine selten gesehene Anmut an den Tag legt, fast so wie Maggie Cheung in In the Mood for Love. Der Duft der grünen Papaya ist reinste Filmpoesie, entrückt, bezaubernd, streckenweise gänzlich ohne Worte. Ein Coming of Age-Film, könnte man salopp sagen, doch das wäre fast zu profan für dieses Werk, dass in seinem veträumt-naiven Konservativismus richtig viel Mut beweist.

Der Duft der grünen Papaya

Onward: Keine halben Sachen

(FAST) GANZ DER PAPA

8/10

 

ONWARD© 2019 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

BUCH & REGIE: DAN SCANLON

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): TOM HOLLAND, CHRIS PRATT, OCTAVIA SPENCER, JULIA-LOUISE DREYFUS U. A. 

 

Nicht dass sich Pixar jetzt auf seinen Oscar-Lorbeeren für Toy Story 4 auszuruhen gedenkt – mitnichten. Onward: Keine halben Sachen ist gleich das nächste Werk, und qualitativ auf Augenhöhe mit bereits etablierten Klassikern des Genres. Die abenteuerliche Fantasykomödie, die in einer von zwei Monden beleuchteten Welt mitsamt aller phantastischen Kreaturen aus der europäischen Sagenwelt und jener Tolkiens spielt, ist tatsächlich ein weiteres Vorzeigemodell dafür, wie kluges, knallbuntes Entertainment mit Niveau funktionieren kann, ohne knapp oberhalb der Gürtellinie zu kalauern und nur das Auge zu bedienen. Onward ist die Überraschung nach dem Preisregen, und aus mehreren Gründen einer der besten Filme aus dem Repertoire.

Zu Beginn erinnert das Szenario ein bisschen an Shrek. Märchenfiguren durch den Kakao gezogen? Das findet sich auch hier. Die mediävale Welt von damals, mit Zauberern, Rittern, Drachen und dergleichen, die ist am Fortschritt genauso wenig vorbeigekommen wie die unsrige. Das Heute sieht genauso aus, wie wir es kennen. Nur streiten obdachlose Einhörer um weggeworfene Speisen oder hat so mancher Mantikor lieber ein Fastfood-Franchise übernommen als sich auf seine traditionellen Werte zu besinnen. Smartphones hat ein jeder, und der Alltag ist frei von Abenteuern jeglicher Art, für die solche Wunderwesen wie hier eigentlich bestimmt sind. Den Elfenbrüdern Ian und Barley geht’s genauso – Schule, lernen, Schikanen von unliebsamen Kollegen, pubertäre Schüchternheit. Kein Wunder, Ian ist ohne Vater aufgewachsen, die Sehnsucht nach einem Papa als Leitfigur und Halt im leben ist groß. Aber wie durch ein Wunder ergibt es sich, dass der Vermisste für einen Tag greifbar werden könnte – durch einen Zauber. Der aber im wahrsten Sinne des Wortes nur halb gelingt. Papa erscheint nur bis zum Hosenbund. Wollen Vater-Sohn-Gespräche geführt werden, muss auch der Rest her, also auf durchs Zauberland zur Problemlösung, denn nach 24 Stunden ist Papa wieder fort – so will es das Jenseits.

Leben, Tod und Älterwerden: Themen, die bei Pixar immer wieder auftauchen. Begegnungen damit verlaufen ungewöhnlich leichtfertig. Zugegeben, phrasische Gewichtigkeit wie Familie und Zusammenhalt und Glaub an dich und wie sie alle heißen sind mittlerweile bei vielen Filmen aus diesem Genre auch nur mehr Schablone, um Situationskomik zu transportieren. Und ja, auch Onward begibt sich zumindest ansatzweise auf diese Pfade, doch wie gewohnt bei den kreativen Köpfen dahinter lässt sich das turbulente, auf Zeitdruck gambelnde Buddy-Movie auch von anderen Eindrücken inspirieren: Es ist die Beziehung unter Brüdern, ist es die Verantwortung füreinander, die entdeckt und erklärt werden will. Da entspinnt sich eine unglaublich fein gezeichnete Doppelconference, ein warmherziges Miteinander, niemals Gegeneinander. Zwischen den beiden: eine halbe Vaterfigur, irgendwie nur noch die Idee einer Verantwortung, eines Kümmerns und Behütens. Und der Imperativ, an einem Strang zu ziehen.

Obwohl Onward deutlich schriller ist als andere Pixar-Filme, obwohl hier vermehrt auf die grellen Eskapaden von Illuminations geschielt wird, behält der Film dennoch seine narrative Sicherheit und verkommt in seinen Szenen nie zum Selbstzweck einer visuellen, turbulenten Attraktion. Vorrangig sind Konzept und Story. Der Rest, so fühlt es sich zumindest an, kommt einfach von selbst. Selbsterkenntnisse drehen auf kuriosen Metaphern und manch kultverdächtigen Slapstickeinlagen ihre Kreise zum Anfang einer mitreissenden, szenenweise wirklich spannenden Geschichte hin. Kurioserweise wird Onward gar gegen Ende, eben weil hier die Zeit als Knüppel zwischen den Beinen vieles zum Straucheln bringt, zum richtigen Nägelbeißer. Die Reise ins Unbekannte hat oftmals nicht unbedingt das zum Ziel, was man vorhat. Auch das ist ein schöner, tröstender Gedanke wider ein durchgeplantes Leben, das so nicht funktionieren will. Das ist brillant herausgearbeitet, die Message hat Drive und bleibt mit all seinem Fingerspitzengefühl des Erzählens ganz weit vorne. Onward eben.

Onward: Keine halben Sachen

Little Women

ERST RECHT, WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10

 

littlewomen© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: GRETA GERWIG

CAST: SAOIRSE RONAN, FLORENCE PUGH, EMMA WATSON, ELIZA SCANLEN, LAURA DERN, MERYL STREEP, TIMOTHEÉ CHALAMET, CHRIS COOPER U. A.

 

Die ehemalige Mumblecore-Ikone Greta Gerwig, oft unter der Regie von Noah Baumbach (der mittlerweile ihr Partner ist, aber das nur so am Rande), hat wieder getan, was sie am besten kann: Im Grunde eigentlich über sich selbst erzählen. Was natürlich Hand und Fuß hat, denn nichts ist authentischer und ehrlicher als die Reflexion aufs eigene Leben, die Frau hier mit ins Spiel bringt. Das Spiel selbst, das ist kein neuer Hut mehr. Es ist die ich weiß nicht wievielte Verfilmung eines Coming of Age-Romans der US-Autorin Louisa May Alcott, im Grunde die amerikanische Antwort auf den ungefähr zeitgleich entstandenen Trotzkopf von Emmy van Rhoden. Alcotts Buch aber dürfte so etwas wie die Jungmädchen-Pflichtlektüre in allen Bundesstaaten gewesen sein. Nirgendwo sonst hätten Mädchen, mit dem Blick in die Zukunft und von Träumen, Wünschen und Sehnsüchten geprägt, ihre Seelenwelt wohl besser verstanden gewusst als hier. Erstaunlich dabei: für jedes Mädchen scheint in Little Women etwas dabei gewesen zu sein, Seelenverwandte also leicht zu finden. Im Zentrum steht natürlich Jo March, die schriftstellerisch Begabte. Freiheitsliebend, nonkonform, ein Sturkopf schlechthin, aber auffallend klug und daher alles und jeden hinterfragend. Natürlich fällt die Wahl der Lieblings-Romanfigur in erster Linie auf diese junge Dame. Sie nimmt sich heraus, was sich andere verwehren – das Streben nach den eigenen Zielen. Das ist eine Darstellung, weit ihrer Zeit voraus. Und völlig klar – Gerwig sieht auch speziell in Jo March ihr Alter Ego, ihre Verbündete, hat sie doch im Rahmen eines cinema-Interviews offenbart, auch selbst mit Little Women aufgewachsen zu sein und aus dem beharrlichen Verhalten ihres jungen Idols selbst genug Motivation gewonnen zu haben, um überhaupt die künstlerische Laufbahn als Autorenfilmerin einzuschlagen.

Gerwig holt sich für ihre strahlende Hauptfigur erneut Saoirse Ronan an Bord. Das war schon bei Lady Bird alles andere als ein Fehler, und ist es auch bei Little Women. Um Ronan herum dreht sich der ganze Film. Sie legt eine solch erfrischende Natürlichkeit an den Tag, so eine unaufgeregte Selbstsicherheit und findet für ihren Charakter so viele unterschiedliche Facetten, dass man das Gefühl hat, keiner kann und darf sich ihr in den Weg stellen. Sie verkörpert eine Frauenfigur, die als Soll-Zustand weiblicher Selbstverwirklichung zeitlos gültig bleibt. Deswegen auch Gerwigs Griff nach einem über hundert Jahre alten Roman, der, obwohl er ein Sitten- und Gesellschaftsbild seiner Zeit ist, genau dieses zu einem temporären Korsett reduziert, das sich abstreifen lässt, das nicht zwingend getragen werden muss, denn die Frage ist ja dabei auch, wer schreibt dieses Korsett denn vor? Und wer beurteilt, ob und wann Frauen talentiert genug sind, um die Elite aufzumischen? Ihre Little Women gehen aus sich heraus, wo andere vielleicht in Deckung gehen. Und probieren aus, wo andere Angst haben zu scheitern.

Die Qualität dieser Neuverfilmung liegt genau dort, wo sie sein soll: in vier völlig autarken Charakterstudien, die als Jo, Amy, Meg und Beth aus dem Zeitgeist der 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts penibel, mit viele Geduld und Liebe zur genauen Beobachtung herausgearbeitet wurden. Da hat sich Gerwig beim Schreiben wirklich ins Zeug gelegt. Und nicht nur sie – neben Saoirse Ronan auch und vor allem Florence Pugh als impulsives Energiebündel zwischen familiärem Pflichtbewusstsein und individueller Freiheit. Was Laura Dern betrifft – es ist irgendwie beruhigend, zu sehen, dass ihr auch noch ganz andere, viel subtilere Filmfiguren gut zu Gesicht stehen als nur die resolute Powerfrau und Anwältin, die ihr Geschäft versteht. Letzten Endes aber geht es bei Alcotts Little Women auch nicht ohne die männliche Komponente, nur zwingend reich muss diese nicht sein. Somit haben wir hier keine militante Female Power gegen ein plakatives Patriarchat, sondern einen zuversichtlichen Lovesong auf ein Miteinander der Geschlechter, ohne sich der Männerrolle zwingend entledigen zu müssen. Da macht Gerwig vieles richtig, bleibt diplomatisch und vernünftig, trotz all der großen Emotionen.

Etwas fahrig wird dann die technische Umsetzung ihres fein ausgestatteten Films, insbesondere gibt’s so manche Probleme im Wechsel der Zeitebenen, die sie glaubt geschickt verzahnt zu haben – dabei wäre, wie ich finde, hier ein langsamerer, ausgewogener Rhythmus zwischen den Szenen und all den Erinnerungen die bessere Wahl gewesen. Nichtsdestotrotz aber bleibt ein kluger Film über Young Adults in Erinnerung, der sich die Freiheit nimmt, irgendwann nicht mehr zwischen Realität und romantischer Heile-Welt-Poesie zu unterscheiden, auch wenn diese vielleicht doch nur im Buche steht, all die jungen Frauen aber umso stärker motiviert, an sich selbst zu glauben.

Little Women

Beautiful Boy

PROBIEREN UND STUDIEREN

5/10

 

BEAUTIFUL BOY© 2019 Filmladen

 

LAND: USA 2018

REGIE: FELIX VAN GROENINGEN

CAST: STEVE CARELL, TIMOTHÉE CHALAMET, AMY RYAN, MAURA TIERNEY, CHRISTIAN CONVERY U. A.

 

Er ist schön, er ist klug, er ist nicht von schlechten Eltern: Thimotée Chalamet, Cineasten natürlich spätestens aus Call Me by Your Name bestens bekannt, muss diesmal zwar nicht seine Liebe zum gleichen Geschlecht entdecken, dafür aber zu bewusstseinserweiternden Substanzen. Dabei geht’s nicht nur um das in manchen Ländern bereits salonfähige Marihuana, sondern auch um all den anderen Stoff, aus dem die Süchtigen sind – angefangen von Koks bis zum vernichtenden Crystal Meth, von dem der gute Walter White ganz genau weiß, wie man es herstellt. Der dunkel gelockte Jüngling also will es wissen, ist neugierig, was natürlich legitim ist, denn Neugier während des Coming of Age erschließt einem die Welt in all seinen Facetten. Zu weit darf es natürlich nicht gehen, alles sollte man auch nicht wagen müssen. Vieles sagt einem bereits der Menschenverstand – oder die eigenen Eltern, aber das ist wieder weniger gut, denn die Meinung der Eltern ist in diesem Alter wohl die, die man am wenigsten hören will. Also selbst ein Bild machen – und nicht mehr davon loskommen. Papa Steve Carell, längst nicht mehr nur im Komödienfach daheim (siehe u. a. Willkommen in Marwen) verbringt auch nur mehr die Tage damit, sich Sorgen um seinen Sprössling zu machen. Der kommt nächtelang nicht heim und muss wieder irgendwo frühmorgens aufgesammelt werden, weil all die schädigenden Substanzen in dessen Körper einfach nicht Feierabend machen wollen. Irgendwann hat aber auch die Geduld der Eltern ein Ende, zumindest die des alleinerziehenden Vaters. Von dieser Opferbereitschaft seinem eigenen Fleisch und Blut gegenüber und von der Neugier am künstlich geschaffenen Glücksgefühl – davon erzählt der Belgier Felix van Groeningen in seinem US-Debüt. Und bleibt im Grunde dem Thema treu, mit dem er sich bereits 2012 in A Broken Circle ausführlich beschäftigt hat: Mit der Leidensfähigkeit von Mutter und Vater.

In Beautiful Boy tut Steve Carell alles, was in seiner Macht steht, um seinem Sohn zu helfen. Allerdings – den Entzug muss der Nachwuchs schon selbst wollen, die Bereitschaft für einen Neuanfang kann ihm auch keiner abnehmen. Allein: die Lust an der Ekstase ist immer noch größer. Chalamet spielt einen Jungen, dessen Beweggrund für Drogenmissbrauch auf keinerlei Defizite basiert. Die Scheidung der Eltern allein kann nicht der Auslöser sein, elterliche Liebe ist genug da, und alle Türen für die Zukunft stehen offen. Gründe für Drogen sind also nicht zwingend soziale Mängel, vielleicht auch nur der Luxus eines sicheren Zuhauses als Basis, um sich weiter als es der Vernunft gebührt aus dem Fenster zu lehnen. Papas Sorgen und versuchte Neustarts wechseln sich also ab – mehr passiert nicht. Anders als im thematisch sehr ähnlichen Krimidrama Ben is Back mit Julia Roberts und Lucas Hedges bringt Felix van Groeningen sein schwermütiges Vater-Sohn-Drama nicht wirklich auf einen grünen Zweig, obwohl er seinen Film mit formatfüllenden Baumriesen dekoriert, die mit ihren wuchtigen Ästen wie Lebensader und Stammbaum zugleich über den strauchelnden Gestalten aufragen. Der abwechslunsgreiche, liebevoll gesampelte Soundtrack wirkt da fast schon ausgleichend, und unterstreicht auch das emotionale Chaos zwischen Eigen- und Fremdverantwortung relativ gut. Doch Peter Hedges Film ist straffer, bewegender, viel fokussierter. Beautiful Boy verliert sich immer noch im Grundgedanken seiner Problematik, tritt dadurch aber auf der Stelle und quält sich bis zur Erkenntnis hin, dass man sich irgendwann als Kind seiner Eltern nur mehr selber helfen kann – oder eben gar nicht.

Beautiful Boy

Brooklyn

ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK

6,5/10

 

brooklyn© 2016 20th Century Fox Deutschland

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, KANADA 2016

REGIE: JOHN CROWLEY

CAST: SAOIRSE RONAN, DOMHNALL GLEESON, EMORY COHEN, JIM BROADBENT, JULIE WALTERS, BRID BRENNAN U. A.

 

Am Schönsten ist es doch zuhause – oder nicht? Ich würde dem zustimmen. Die junge Irin Eilis Lacey, die in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgewachsen ist, wohl eher weniger. Zuhause ist nämlich nichts los. Nichts, worauf es für eine junge Frau wie Eilis ankommt: Keine Arbeit, kein Entwicklungspotenzial, keine strahlende Zukunft. Stattdessen eine Art Bigotterie, strenge Konventionen und die Augen und Ohren der lästigen Nachbarschaft sozusagen überall. Da will Frau eigentlich nur weg, am besten nach Übersee, wohin sowieso schon halb Irland ausgewandert ist. Wie es der Zufall so will, legt ihr ein ebenfalls ausgewanderter, befreundeter Pastor die notwendigen Schienen, unterstützt sie sogar finanziell. Nur den Abschiedsschmerz kann er ihr nicht nehmen, da muss Eilis ganz alleine durch. Die Familie zu verlassen ist eine Sache, in Übersee Fuß zu fassen eine andere. Und wie sie feststellen wird: Die amerikanische Gesellschaft ist eine ganz andere, da haben die Wände keine Ohren und es kennt nicht jeder jeden. Was für ein Freiheitsgefühl das sein muss, anonym zu sein. Sich für jeden Handgriff nicht rechtfertigen zu müssen. Zu lieben, wenn man will, und nicht, wen die Nachbarn wollen.

Regisseur John Crowley, der aktuell mit seiner Buchverfilmung Der Distelfink in unseren Kinos startet, hat vier Jahre zuvor mit Brooklyn ein ganz anderes, weniger voluminöses Buch verfilmt, nämlich eines des irischen Autors Colm Tóibín – für alle, die ihn kennen. Zugegeben, die Erzählung über einen Neuanfang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (zumindest war das damals vielleicht so) ist wie ein Film aus den Fünfzigern, der über die Fünfzigerjahre erzählt. Schön ausgestattet, Lokalkolorit pur, allerdings wahnsinnig hausbacken. Wäre da nicht die wunderbare, verletzliche Saoirse Ronan, die wiedermal sehr überzeugend und völlig nachvollziehbar die illustre Entwicklung vom duckmäuserischen, sozial gegängelten Mädchens zur selbstbewussten Frau vollzieht. Ronan passt in die damalige Zeit wie der Nierentisch ins trendige Nachkriegswohnzimmer. Es ist, als hätte die junge Schauspielerin zu gar keiner anderen Zeit gelebt als in den 50ern, und das ist schon eine erstaunliche Konsistenz, was die Erarbeitung einer Rolle betrifft. Mit dieser darstellerischen Dichte ist sie aber nicht allein. An ihrer Seite ein völlig unbekanntes Konterfei, nämlich das von Emory Cohen als italoamerikanischer, unsterblich verliebter Klempner, der das Herz der jungen Irin zwar nicht im Sturm, aber in konsequenter, teils liebevoll ungeschickter Romeo-Manier erobert. Allerdings völlig frei von Arroganz, direkt etwas devot, bescheiden und unsicher lächelnd. Ein einnehmender Charakter, der gemeinsam mit Ronan die besten Momente des Filmes für sich verbuchen kann.

Sonst ist Brooklyn arg konventionell und sehr methodisch erzählt, was nicht heisst, dass das Drama die Zerrissenheit von Ronans Figur nicht ordentlich aufs Tablett bringt. Dafür wiederum hat niemand geringerer als Nick Hornby sein vor allem eben für Drehbücher bewährtes Talent bemüht und die Love- and Life-Story elegant und harmonisch in seine Zeit gebettet. Das verlangt keine Neuinterpretationen oder Ansätze aus anderen Richtungen. Tóibíns Roman verlangt genau das, was Brooklyn letzten Endes als Filmprosa auf die Reihe bekommt. Und das kann eben nur in dafür erforderlichem Konservatismus und in nostalgischem Postkarten-Beige erfolgen, wobei der Streifen von der Empathie Crowleys dem historischen Zeitgeist gegenüber am meisten profitiert. Brooklyn ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich ein Regiekonzept auf beiden Seiten der Kamera seiner gewählten Epoche unterordnen kann. Und das ist wiederum kein Fehler. Vor allem dann nicht, wenn ein Zeitbild aus vergangenen Tagen über den Um-, Auf- und Abbruch diverser Zelte in einer sich aufraffenden Nachkriegswelt ausnehmend gut Bescheid wissen will, ohne dabei prahlen zu wollen.

Brooklyn

Ein griechischer Sommer

FERIEN WIE DAMALS

6/10

 

Ein griechischer Sommer© 2012 obs/ZDF/LAURENT THURIN NAL

 

ORIGINALTITEL: NICOSTRATOS LE PÉLICAN

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND 2012

REGIE: OLIVIER HORLAIT

CAST: EMIR KUSTURICA, THIBAULT LE GUELLEC, JADE-ROSE PARKER, FRANÇOIS-XAVIER DEMAISON U. A.

 

Die Ferien sind vorüber, die Schule hat begonnen. Kann sein, dass der sogenannte Altweibersommer zurückkehrt. Der erinnert dann noch mal an die schönen Stunden, die der mittjährliche Urlaub so mit sich brachte, abgesehen vom An- und Abreisestress, vom Ein- und Auspacken und vom Waschen der ganzen Urlaubswäsche. Aber das gehört schließlich dazu. Man würde es vermissen, hätte man nicht alle Hände voll zu tun, um durchschnittlich zwei Wochen irgendwo anders abzuhängen, ob in den Bergen oder am Meer, stets in Reichweite diverser mobiler Endgeräte. Dabei kann natürlich sein, dass, war man in den Bergen, in Balkonien oder im eigenen Land, das Meer immer noch Fokus diverser Sehnsüchte bleibt, so richtig Marke STS und im Sinne von Irgendwann bleib I dann dort, mit den Füßen im weißen Sand, eine Bottle Rotwein in der Hand und so weiter. Austropop-Kenner wissen, was ich meine, kaum ein Lied nährt mehr den Traum, auszusteigen als dieses. Bevor der Herbstalltag also einem Damoklesschwert gleich über uns hereinbricht, ließe sich unter Umständen mit vorliegendem Film der Sommer zumindest in den eigenen vier Wänden noch etwas hinauszögern. Ein griechischer Sommer ist genau das, was der Film beschreibt – eine strahlend schöne Jahreszeit irgendwo in der Ägäis, auf einer kleinen, unbekannten Insel voller pittoresker Küsten und verführerischen Lagunen, versteckt hinter strahlend blauem Meer.

Allerdings geht’s in dem französisch-griechischen Coming-of-Age-Filmchen weniger ums Urlaubmachen und Aussteigen, sondern um einen Vogel. Genauer gesagt um einen Pelikan, und der ins Deutsche übersetzte Titel Ein griechischer Sommer verbirgt im Gegensatz zum Originaltitel, was dahintersteckt. Diesen Pelikan, den findet der Halbwaise Yannis, der mit seinem griesgrämigen Fischervater irgendwo in einem einsamen Häuschen an der Küste lebt, bei einem Matrosen an Bord eines Frachtkahns. Allerdings ist der da noch ein kieliger Jungvogel – im Austausch gegen das Erbstück seiner Mutter kann er diesen aber freikaufen. Der Vater, der weiß natürlich nichts davon. Gut versteckt zieht Yannis den Vogel auf – bis die ganze Insel von der ornithologischen Sensation Wind bekommt.

Überraschend an diesem mediterranen Jugendfilm ist der Auftritt Emir Kusturicas. Der serbische Cannes-Gewinner und Autorenfilmer so schrill-schräger Kunststücke wie Underground oder Time of the Gypsies ist, wie ich zuletzt in On the Milky Road feststellen musste, alles andere als ein guter Schauspieler. In Ein griechischer Sommer schlägt er sich so halbwegs brauchbar mit seiner Rolle herum, sein verzotteltes Aussehen sorgt für mildernde Umstände. Was sonst noch zu sehen ist, passt auf eine Freilichtbühne neben obligatorischem Ausschank, wo es logischerweise auch Ouzo geben sollte. Denn so klischeehaft, wie das kleine Hafenstädtchen und seine aus der Zeit gefallenen Bürger, so kauzig ist das Ganze auch – erst vor einigen Jahren hat sich Christoph Maria Herbst in Highway to Hellas per Esel durch den mediterranen Karst geschleppt. Ähnlich geht es auch hier zu. Außer Fische fangen, dem Ausschenken von Rebensaft und dem Improvisieren mit dem wenigen, was da ist, bleibt nur noch, aufs Meer zu schauen und nichts zu tun. Und auch nichts zu erwarten. Wären da nicht die beiden Teenies Yannis, wie schon eingangs erwähnt, und Angeliki, dem Mädel vom Festland, Nichte des einzigen Barbesitzers der Insel und bald dicke Freundin des frisch gebackenen Vogelvaters. War das Tier anfangs noch eigenartig mechatronisch, ist es als adultes Federvieh ein tatsächlich dressiertes Unikum. Und wäre der Pelikan nicht, wäre der Film ein relativ belangloser Zwischenstopp in den blauweißen Farben von Griechenland, der wenig aufgeweckte Jugenderinnerungen hervorholt. Diese wiederum erinnern an einen ganz anderen Film, nämlich an Wie Brüder im Wind, in welchem ein Junge, der ebenfalls alleine mit seinem griesgrämigen Vater im unwirtlichen Gebirge haust, ein Adlerjunges findet – und großzieht. Im Grunde ist das die gleiche narrative Basis, nur mit weniger Personal. In Ein griechischer Sommer nimmt man die Metapher des Flüggewerdens allerdings leichter, humorvoller, weniger grüblerischer, aber auch leicht hysterischer. Das ist angenehm anders, und somit irgendwie noch eine kleine, filmische Auszeit vor dem Alltag.

Ein griechischer Sommer

Mid90s

DAS LEBEN – EINE HALFPIPE

7/10

 

mid90s© 2018 Polyfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: JONAH HILL

CAST: SUNNY SULJIC, LUCAS HEDGES, OLAN PRENATT, NA-KEL SMITH, KATHERINE WATERSTON U. A.

 

Der Schauspieler Jonah Hill, der hat was. Erstens ist der Mittdreißiger aus Los Angeles ein wandlungsreicher Charakterkopf, bekannt vorwiegend für Komödien, war aber des Weiteren auch schon in viel facettenreicheren Rollen zu sehen als in Actionklamauk Marke 21 Jump Street. Jonah Hill, der hätte Leonardo Di Caprio in The Wolf of Wall Street fast die Show gestohlen. In War Dogs lieferte er Schießeisen in den Nahen Osten, und erst kürzlich wurde er so richtig nachdenklich in Gus van Sants Comiczeichner-Biopic Don´t worry, weglaufen geht nicht. Mit der Vielfalt seines Könnens changiert auch sein Aussehen. Einmal pummelig rund und kahlgeschoren, dann wieder gertenschlank, mit Hippie-Mähne und seriös. Sein Regiedebüt Mid90s, das ist nicht weniger ernstgemeint. Denn von den 90ern in Kalifornien, da kann Jonah Hill sicher einiges erzählen. Die 90er, die waren wohl auch seine Teenie-Ära, und ob er selbst Skateboard fuhr oder nicht, kann ich nicht sagen. Womöglich trägt sein Coming of Age-Film durchaus autobiographische Züge, doch so genau muss ich das nicht wissen. Vom eigenen Leben beeinflusst war auch Greta Gerwigs Debüt Lady Bird, und womöglich war Hill von der Idee, das Kolorit der eigenen Jugendzeit auf die Leinwand zu bringen, ähnlich angetan. Stoff aus dem sozialen Milieu zwischen Palmenstrand, Peripherie und Frittenbude gibt es ja jede Menge. Soweit ich mich selbst noch gut erinnern kann, war die beginnende Neunzigerdekade sogar hier in Österreich geprägt von einem ganz gewissen Passantenbild an schulfreien Nachmittagen – dem der Skateboarder. Wer eines dieser Bretter sein Eigen nennen konnte, der hatte schon Coolness-Faktor irgendwo über dem Durchschnitt. Ich selbst hatte nie so ein Teil, meine Freunde hingegen schon. Also weiß ich so ungefähr, dass das Skateboard nicht nur ein urbaner Sport-Hype war, sondern auch eine Art Lebenseinstellung. Wie bei Ray, Fuckshit und Fourth Grade – Mitglieder einer Jugendgang, die sich den vier Plastikrädern verschrieben haben, und damit Kunststücke anstellen, denen das freie Auge kaum folgen kann. Das war, bevor Parcourlaufen in diversen Videos die Mediaplattformen erobert hat. Das war, bevor überhaupt noch allerlei soziale Medienplattformen unser zwischenmenschliches Verhalten von Grund auf geändert haben. Ohne all diesen Reizen blieb dieser sträflich vernachlässigten Jugend nichts anderes übrig, als abzuhängen, Partys zu feiern und alberne Reden zu schwingen. Einfach cool zu sein ohne produktiv sein zu müssen. Den großen Chill-Faktor raushängen zu lassen, mit Zuckerwasser, Joint und Gelegenheits-Sex, der nichts bedeutet.

In diesen versifften Mikrokosmos aus einsamen Alltagsphilosophen gerät der 13jährige Stevie, der ohne Vater aufwächst und seiner Mutter zusehen muss, wie sie gefühlt täglich andere Männer nachhause bringt. Jonah Hill nähert sich den fast schon verstoßenen Müßiggängern mit sehr viel Verständnis, Sympathie und Zurückhaltung. Da er selbst nicht mitspielt, kann er sich ganz auf seine Arbeit als Regisseur konzentrieren – was eine kluge Entscheidung war. Überhaupt ist Mid90s ein intelligenter, konsequenter Film, weil er die Dinge neutral betrachtet, nichts schönt oder verheimlicht. Weil er den Mut hat und es auch aushalten möchte, mit dem Portrait einer fragwürdigen Subkultur auf Ablehnung zu stoßen. Seine Jungs, die hier am Fahrbahnmittelstreifen entlangrollen und ihr Heil in der Flucht vor dem Zuhause suchen, bleiben erhobenen Hauptes, fast trotzig und in autosuggestivem Pushen des eigenen Selbstwerts unermüdlich – bis irgendwann auch dieses Maß voll ist. Und den Freunden klar wird, dass diese Einbahnstraße auf Dauer auch keine Lösung ist. Denn die Macht, die Lage ihrer Existenz zu ändern, gehört ihnen dann doch nicht. Wem gehört sie dann?

Wir haben einzig einen Einblick in die familiären Verhältnisse von Stevie (eine vielversprechende Entdeckung: Sunny Suljic), dessen einfältiger, aggressiver Rapper-Bruder (unsympathisch: Lucas Hedges) den Haustyrann spielt. Das sind soziale Verhältnisse, die finden sich in jeder Großstadt, das sind ernüchternde Einblicke in eine vernachlässigte Kindheit und einer verbarrikadierten Zukunft. Ein erster Blick auf diese Jugend verleitet sehr schnell zu Vorurteilen. Dieses Abhängen und Herumvagabundieren nervt die andere, vielbeschäftigte Seite der Gesellschaft, denn, so meint diese, sind sie ja ihres Glückes eigener Schmied. Jonah Hill blickt näher hin – und entdeckt Träume, Pläne und ein völlig autark errichtetes Weltgewissen, das sich wie ein aus dem Nest geworfenes Kücken selbst auf die Beine hilft. Unter den Füßen, da rollen vier Räder. Sie sind einen Weg aus dem Mief familiärer Fahrlässigkeit. Schneller als die anderen ist man sowieso – und vielleicht früher dort, beim Ergreifen zufälliger Möglichkeiten, die sich auftun könnten. Mid90s ist also ein unverstelltes Bild einer jungen Generation, denen eigentlich nichts in die Wiege gelegt wurde. Die aber irgendwie durchkommt, vorwärtskommt – und eine Ideologie entwickelt, die wie die Zunft der Wellenreiter und Surfer eine Kommune für sich entdeckt, die innere Stärke zulässt, unabhängig davon, wie sie ausfällt. Statt Gewalt ist Geschick diese Lösung, Improvisation und Mut zur Repräsentanz. Jonah Hill huldigt dieser Welt, be- und verurteilt sie nicht, versteht sie aber voll und ganz. Ob wir Zuseher das auch tun? Vielleicht nicht ganz so schnell, vielleicht auch gar nicht. Denn Vorurteile abzubauen ist nicht immer so einfach.

Mid90s

Leave No Trace

MIT DEM RÜCKEN ZUM SYSTEM

8,5/10

 

leavenotrace© 2018 Sony Pictures

 

LAND: USA 2018

REGIE: DEBRA GRANIK

CAST: BEN FOSTER, THOMASIN MCKENZIE, JEFF KOBER, DALE DICKEY U. A.

 

Wir stehen morgens auf für sie. Wir arbeiten für sie. Wir wohnen, leben und essen so, wie sie es wollen. Doch wer sind „sie“? Die anderen? Die, die hinter allem stehen? Also im Grunde das sogenannte „System“? Könnte sein, ist es wahrscheinlich auch, näher geht der lakonische Witwer Will auf die Umstände, die ihn eigentlich zur Flucht antreiben, nicht ein. Seine Flucht, die ist eine Abkehr von einer Welt, so wie die meisten von uns sie wahrscheinlich kennen. Das Ziel? Niemals endgültig, meist vorübergehend, eine Lichtung im Wald, tief in der weglosen Wildnis Amerikas, abseits aller Pfade. Dort lebt Will mit seiner 13jährigen Tochter, gerade mal ein Teenager. Aber die ist belesen, klug, und mittlerweile schon sehr gut darin, ihre Spuren zu verwischen. Sich unsichtbar zu machen, unter all dem Farn, zwischen all den Moosen und morschem Totholz. Will und Tom sind also dort, wo der Wohlstand nicht hinfindet, wo Besitz und Kapitalismus dem Chlorophyll der Blätter und dem Geruch von feuchter Erde weichen muss. Wo die Kunst des Weglassens geschult wird, und der Verzicht des Konsums und all der Dinge, die man eigentlich nicht braucht, der Existenz auf Augenhöhe begegnen lässt. Die Natur ermöglicht uns glasklare Sicht. Sie führt uns näher an das Wesentliche heran. An die Dinge, auf die es ankommt. Ist es das, was Will anstrebt? Und will das seine Tochter auch?

Natürlich. Zumindest denkt sie das. Sie liebt ihren Vater. Schätzt das Leben unter Zeltplanen und zwischen Baumstämmen. Sammelt Pilze und Beeren. Jagd ist kein Thema, also ist der Weg in die Stadt, zumindest ab und an, unabdingbar. Ganz entziehen können sich die beiden Aussteiger den Bequemlichkeiten der Zivilisation dann doch nicht. Denn auch sie ist Teil dieser Welt, so wie das System, die Ordnung, die eine Gesellschaft erst zum Miteinander erzieht, als Gegenentwurf zum Recht des Stärkeren. Und es kommt, wie es kommen muss – der sich verweigernde Lebensstil der beiden bleibt nicht auf Dauer unentdeckt, und das Leben im Wald ist vorläufig zu Ende. Vorläufig, wenn es nach Will geht. Der nicht ruhen kann, sondern wieder nur flüchten will.

Ist es wirklich diese sozialpolitische Ablehnung, die den Eremiten antreibt? Oder ist es ein undefinierter innerer Schmerz? Das lässt sich nicht genau sagen. Viel klarer werden die Dinge aus Sicht des Mädchens erörtert, das zwischen Erwachsenwerden, Existenzangst und Selbstbestimmung umherirrt, bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. Aber ist das nicht Teil des Menschseins? Das sind viele Fragen, die das Außenseiterdrama während des Sehens unweigerlich aufwirft. Und nachhaltig wirken lässt. Wie bei Aufbruch zum Mond. Beides Filme, die tief in ihre Figuren eintauchen, ohne sie aber radikal analysieren zu wollen. Debra Granik, sie bleibt stets Beobachterin, versucht auch nicht, für uns zu antworten. Zeigt Optionen, die nicht unbedingt richtig sein müssen. Verurteilt weder das System noch die Flucht davor. Wie frei sind wir wirklich? Und lässt sich die äußere wie innere Freiheit über den Einzelnen hinaus umsetzen? Das ist es, was als große Frage über allem steht.

Vier Jahre nach ihrem hochgelobten und oscarnominierten Sozialdrama Winter´s Bone leiht die Filmemacherin erneut jener Gesellschaft ein Ohr, die als soziale Minderheit abseits der Masse gegen den Strom zu existieren versucht. Die verkümmert, sich verliert, wiederfindet oder vielleicht sogar zufrieden mit dem ist, was sie ist – nämlich eine kleine Welt, die sich einer Enklave gleich rundherum abgrenzt. Nonkonformismus ist hier Granik´s großes Thema, sowie die Mikrokosmen eines Miteinanders, die funktionieren können oder auch nicht. So beschreibt Granik sowohl den Alltag in der Wildnis als auch die Grauzone der Resozialisierung oder die autarke Gemeinschaft einer Wohnwagensiedlung fernab staatlicher Pflichten. Leben geht auch ganz anders.

Leave No Trace basiert auf dem Buch von Peter Rock, und dieses wiederum auf wahren Begebenheiten. Der Film ist beeindruckend und tiefgründig, und hat eine ganz eigene Aura. Ruhig und introvertiert, niemals aufdringlich oder allzu elegisch. Die Gefahr, ihre Protagonisten unnahbar erscheinen zu lassen, umgeht Granik mit dem Geschick einer Dokumentarfilmerin, die respektiert und fasziniert, was sie sieht, ihre eigene Meinung aber zurücknimmt, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, näherzutreten. Und dann bin ich nah genug dran, und Will und Tom sind greifbar, von allen Seiten. Natürlich verdanken wir diesen Umstand nicht nur der Regie – Ben Foster lässt den getriebenen Einsiedler Will zwischen Weltekel und Soziophobie mit dem unerfüllbaren Wunsch ringen, doch Teil von etwas Ganzem zu sein. Thomasin McKenzie als dessen Tochter ist die Entdeckung des Jahres – ihr scheuer Blick, die Bereitschaft, sich Neuem zu nähern und die Sehnsucht nach Beständigkeit ist in jeder Szene fühlbar, bishin zu unterdrückten Tränen. Die Wegscheide zwischen Vaterliebe und eigenen Perspektiven schmerzlich klar umrissen. Dass die 19jährige Neuseeländerin für ihr nuanciertes Spiel neben Granik´s Regie nicht für den Oscar 2019 nominiert ist, enttäuscht mich dann doch.

Leave No Trace erreicht seine filmische Größe durch eine wohl komponierte Kunst des Verzichts, des Fokus aufs Wesentliche und einer Kraft, die in seiner Ruhe innewohnt. Und den scheinbar assoziativ gestellten Fragen, die uns Lebensentwürfe neu überdenken lassen.

Leave No Trace