The Piano Tuner (2025)

WENN DIE WELT VIEL ZU LAUT IST

8/10

 

Dustin Hoffman und Leo Woodall in The Piano Tuner von Daniel Roher
© 2025 Black Bear

 

ORIGINALTITEL: TUNER

LAND / JAHR: USA, KANADA 2025

REGIE: DANIEL ROHER

DREHBUCH: DANIEL ROHER, ROBERT RAMSEY

KAMERA: LOWELL A. MEYER

CAST: LEO WOODALL, DUSTIN HOFFMAN, HAVANA ROSE LIU, LIOR RAZ, TOVAH FELDSHUH, JEAN RENO, NISSAN SAKIRA, GIL COHEN, C. S. LEE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Nina Simone, Dave Brubeck, Herby Hancock – sie alle begleiten Leo Woodall als den wohl besten Klavierstimmer der Welt durch ein mit feiner kriminalistischer Klinge geführtes Charakterdrama, das obendrein noch ein Kaliber wie Dustin Hofmann zu bieten hat.

Denn: Der mittlerweile 88jährige Schauspieler hat immer noch nichts von seinem sympathischen Charisma eingebüßt, während andere da schon näher an der nächsten Kaffeepause sind als mitten im Geschehen des Films. Hofmann scheint Leo Woodall auf joviale Weise nach vorne zu pushen, er räumt das Spielfeld für einen Charakterdarsteller, der seine Figur des Klavierstimmers Niki White nicht nur interpretiert und dabei versucht, ein plausibles Verhalten festzulegen, sondern der diesen musikalischen Superhelden mit absolutem Gehör mitsamt seiner Biografie und seiner inneren seelischen Beschaffenheit kennenlernen will.

Ob Woodall ein Schauspieler ist, der dem Method Acting folgt? Könnte sein. Denn für diesen Unterschied zu anderen Akteuren möchte man, wie man so schön sagt, Klavierspielen können.

Die Klaviatur der Töne

Dieser Niki White, der kann es. Oder konnte es. Anscheinend, und das sickert immerhin durch, hätte der junge Mann gar als Mozart 2.0 gelten können. Doch eine Krankheit namens Hyperakusis hat ihm da längst einen Strich durch die Komposition gemacht. Mit dieser Form des Hörens lässt sich nicht in die Tasten hämmern, da lässt sich maximal ein Klavier stimmen – auf die Tonlage genau.

Dann hat es Klick gemacht

Als Niki eines Abends den Flügel eines begüteten Kunden auf Vordermann bringt, stören ihn drei Safeknacker, die mit Bohrmaschine anrücken und ordentlich Lärm machen. Als diese das Sound-Genie hinters Licht führen und ihn den Tresor alleine durch das Klick-Klick des Zahnradschlosses knacken lassen, könnte das der Beginn einer zweiten Karriere sein.

So ganz ohne Skrupel und geplagtem Gewissen geht’s bei Niki aber nicht einher. Da sein Mentor, eben Dustin Hofmann, nach einem Herzinfarkt seine Spitalskosten nicht mehr bezahlen kann, ist der satte Zuverdienst zumindest für eine gute Sache. Bis die ehrgeizige Pianistin Ruthie dazwischenfunkt.

Dramaturgisches Terzett

The Piano Tuner bietet immer noch Platz für eine romantische Beziehung. Und das Schöne an diesem Film ist: Keine der Storylines bewegt sich für sich, der ganze Plot selbst fällt niemals auseinander. Bei vielen anderen Filmen, die sich mitunter abmühen, mehrere Komponente einer Geschichte zusammenzubringen, scheitern daran, das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Dem Kanadier Daniel Roher aber, der mit seiner erschütternden Thriller-Dokumentation Nawalny bereits als Oscarpreisträger gilt, gelingt das Kunststück eines geschmeidigen, absolut groovigen Feel Good-Film Noir, unterlegt mit den kultigen Klängen großer Jazznummern.

Charakterdrama und smoother Thriller

Als gewieftes Old-School-Krimidrama findet The Piano Tuner seinen alles umfassenden und behütenden gemeinsamen Nenner in dieser ausgesucht stimmigen Charakterstudie eines vom Schicksal enttäuschten, introvertierten Mannes, der in manchen Szenen an Ryan Gosling aus Drive erinnert, der aber nicht zu Gewalt neigt, sondern das Leben herausfordern muss, ohne seine Prinzipien zu verraten. Das gelingt natürlich nicht immer. Der Konflikt bahnt sich an, doch so unaufdringlich wie zufälliges Kennenlernen, aus dem Synergien erwachsen.

Der Gleichgewichtssinn liegt nicht nur im Ohr

Roher bietet Understatement den ganzen Film lang – von diesem Mann werden wir zukünftig noch einiges hören, denn sein Gespür für treffsichere dramaturgische Balance, in diesem Fall zwischen Chill-Time, Drama und Spannung, mag sein ganz eigener Skill sein. Wie das absolute Gehör von Niki White. Und so absolut im Reinen mit seiner Geschichte fühlt sich auch The Piano Tuner an – und bietet am Ende noch eine kuriose Ironie als Ergebnis unheilvoll verketteter Umstände. Ein Thriller also, den man genießen kann, bis zuletzt durchdacht, aufmerksam und willens, mit den eigenen erschaffenen Figuren nicht nur Smalltalk führen zu wollen.

The Piano Tuner (2025)

Nawalny (2022)

DER VERZWEIFELTE KAMPF DES GUTEN

8,5/10


© 2022 Niki Waltl / Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: DANIEL ROHER

DREHBUCH: ODESSA RAE, SHANE BORIS, MARIJA PEWTSCHICH

BESETZUNG: ALEXEI NAWALNY, JULIJA BORISSOWNA NAWALNAJA, CHRISTO GROSEW, DASHA NAWALNAJA, ZAKHAR NAWALNY, MARIJA PEWTSCHICH, LEONID WOLKOW U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Am Ende liegt er sterbend auf dem Schlachtfeld, alleine und mit der Wut des Gerechten in den Eingeweiden. Wohlwissend, bis zuletzt für das Gute gekämpft zu haben. Gegen Machtmissbrauch, gegen Unterdrückung, gegen Verfolgung, Mord und Kerker. Für die Freiheit der Meinung und der schillernden Vielfalt des Lebens. Egal wie, egal mit wem. Da kann es einem noch so erschwert werden, die genauen Umstände von Alexei Nawalnys Ableben herauszufinden: Zählt man eins und eins zusammen, wird sonnenklar, dass Putins größter und einflussreichster Gegner gezielt beseitigt wurde.

Heuer, am 14. Februar 2025, jährte sich Nawalnys Todestag zum ersten Mal. Dessen Witwe, Julija Borissowna Nawalnaja, versucht seitdem aus dem Exil heraus, das russische Regime zu bekämpfen. Die Nachrichten berichten davon wenig. Dort kommt nur zur Sprache, was die Gemüter der Weltbevölkerung tangiert, vorzugsweise die politische Horrorgroteske um Trump sowie das Erstarken und Nicht-Erstarken faschistoider Gruppierungen in Europa. Umso wichtiger sind Dokumentationen wie diese, die Enthusiasmus, Willensstärke und Vehemenz genug besitzen, um ein Thema so weit zusammenzufassen, dass es zum Pflichtpogramm für jene wird, die Aufklärung benötigen, die sich weiterbilden müssen und in deren Händen die Zukunft einer Menschheit liegt, die sich durch Freiheit, Gleichheit und die Vernunft des Bescheidenen auszeichnet.

Auch all die anderen, die sich ohnehin unabhängig von allen Narrativen informieren wollen, und wissen, was Nawalny für einen Kampf geleistet hat, sollten den Oscar-geadelten Dokumentarfilm aus 2023 auf dem Schirm haben. Oder bestenfalls gehabt haben. Der Aktivist selbst kommt oft zu Wort, er sitzt während der Covid-Pandemie in einem nachgebildeten Café der Black Forest Studios im Schwarzwald und berichtet vom Drama seiner Vergiftung. Soviel gaben auch die Medien preis: Denn 2020 wurde das Nervengift Nowitschok dem Politiker beinahe zum letalen Verhängnis. Allerdings nur beinahe. Er konnte genesen und die Zeit nutzen, um mithilfe der Rechercheplattform Bellingcat herauszufinden, wer wohl hinter diesem perfiden Mordversuch stecken könnte. Spätestens da wird der Film zum hochspannenden und unfassbar erschreckenden Investigationsthriller, der so manches fiktive Studiowerk weit abgeschlagen zurücklässt.

Wie es Daniel Roher gelingt, Alexei Nawalny nicht von der Seite zu weichen, bei emotional Privatem nicht aufzufallen und gerade jene denkwürdigen und ausschlaggebenden Momente mitzufilmen, die das russische Regime als Mord-Maschinerie entlarven, sieht man in diesem Genre mitunter äußerst selten. Meist versuchen sich selbst ins Licht der Kamera rückende Alleinunterhalter wie Michael Moore der spektakulär inszenierten Wahrheit auf den Grund zu gehen. Daniel Roher macht das anders. Sein Star ist nicht er selbst, sondern der Held des Jahrzehnts. Er lässt ihn tun und machen, hält die Kamera drauf; kann womöglich, im Moment der Entlarvung, selbst kaum glauben, was er da gerade dokumentiert. Es ist ein Gänsehautmoment, der die Tatsache als Schreckgespenst darstellt, das von Nawalny gebändigt wird. Ein Triumph, diese Szene. Ein Triumph, dieser Film.

Umso tragischer der nicht mehr darin enthaltene, sondern in den Medien dokumentierte Epilog von Nawalnys Verhaftung, des Prozesses, der Inhaftierung und des Todes zwei Jahre später. Trotz der schmerzlichen Niederlage hat dieser Verfechter für das Gute in Kooperation mit dem so wichtigen Medium Film die Welt zwar zu einem noch traurigeren, jedoch die Dinge besser begreifenden Ort gemacht.

Nawalny (2022)