Bring Me Home

IN DIE HÖHLE DES RATTENFÄNGERS

6,5/10


bring-me-home© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2019

BUCH / REGIE: KIM SEUNG-WOO

CAST: LEE YEONG-AE, YOO JAE-MYUNG, KIM JONG-HO, LEE HANG-NA, PARK HAE-JOON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Schon Oldboy-Regisseur Park Chan-Wook hat sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen lassen, und zwar in seinem virtuosen Rachedrama Lady Vengeance: die Rede ist von Lee Yeong-ae. Die koreanische Schauspielerin mit den zarten Gesichtszügen ist auch hier, in diesem sehr düsteren Kriminalfilm, dem Unvorstellbaren ausgesetzt. Als Mutter kann einem auch nichts Schlimmeres passieren, als sein Kind zu verlieren. Allerdings ist dieses Kind nicht verstorben, sondern ganz einfach verschwunden. Das war vor sechs Jahren. Yung-Yeon wirft sich vor, nicht gut auf ihren Sohn geachtet zu haben. Schuldgefühle plagen sie, das Leben wäre schon lange nicht mehr lebenswert, hätten die Eltern die Suche längst aufgegeben. Wie es das Schicksal aber will, passiert doch noch, worauf alle hoffen, und Yeong-Jeon und ihr Mann erhalten entsprechende Hinweise. Es wäre kein koreanischer Film, wären diese Widrigkeiten schon nervenzehrend genug – auf der Suche nach dem Jungen stirbt der Vater bei einem Autounfall. Die am Boden zerstörte Mutter (noch gebrochener kann man kaum sein) steht nun allein da. Allerdings nicht allzu lange – denn bald folgt wieder ein Anruf, der sie aus der Resignation und an die Küste Südkoreas lockt.

Bring Me Home von Regiedebütant Kim Seung-Woo hat von Meister Bong Joon-Ho, der lange vor Parasite so gehaltvolle Krimidramen wie Memories of Murder oder Mother schuf, so einiges gelernt. Sein Inszenierungsstil wirkt selbstsicher, vor allem die schwierig zu timenden, konfliktreichen Szenen gegen Ende des Dramas sind geschickt ausbalanciert. Seung-Woo, der seinen Film auch selbst verfasst hat, lässt sein anfangs in sich ruhendes Vermisstendrama immer mehr und mehr eskalieren, aus der verzweifelten Suche nach dem Kind wird bald ein handfester, durchaus blutiger und auch kompromissloser Thriller, dem aber immer noch die verpeilte Melancholie innewohnt, die koreanische Filme so auszeichnet. Das ist großes, packendes und nur scheinbar pessimistisches Asia-Kino in naturalistischer Bildsprache, und dieses Drama hätte seine Wirkung fast verspielt, wäre es nicht so professionell inszeniert worden. Schuld an diesem Fast-Debakel hat die deutsche Synchronisation. Dafür lässt sich Seung-Woo natürlich nicht zur Rechenschaft ziehen. Den scheinbar ungeschulten Sprechern aber sei so manches vorzuwerfen – allen voran eine unachtsame Dialogregie, die wohl geduldet hat, dass der Sprachcontent wie abgelesen klingt – ohne Intonation und ohne ein Gespür für die Szene. Synchronstudio ist nicht gleich Synchronstudio, das wird spätestens bei diesem Film klar. Und man weiß dann auch wieder, was für Könner hinter der Eindeutschung großer Produktionen stehen, die sich mit dem Thema des Films zu hundert Prozent auseinandersetzen.

In Bring Me Home wäre die schlechte Qualität der Synchro kaum durchzustehen gewesen, hätte der Film nicht so dermaßen an Fahrt aufgenommen. Letzten Endes aber war die hochdramatische Geschichte weitaus dominanter als die emotionslos heruntergeleierten Dialoge. Mein Tipp: Diesen Film unbedingt in OmU sehen. So wie eigentlich fast jeden koreanischen Film, denn dann hat man das lokale Sprachkolorit auch gleich mit am Schirm. Ein Kniff, der das Filmerlebnis vieleicht noch intensiver macht.

Bring Me Home

Message from the King

DU KOMMST NOCH IN MEINE GASSE

4/10


message-from-the-king© 2018 Netflix

LAND / JAHR: USA 2016

REGIE: FABRICE DU WELZ

CAST: CHADWICK BOSEMAN, TERESA PALMER, LUKE EVANS, ALFRED MOLINA, NATALIE MARTINEZ, TOM FELTON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


So wirklich wohl würde ich mich in der Nähe dieses Mannes selbst dann nicht fühlen, hätte ich keinen Dreck am Stecken wie so viele dieser finsteren Visagen, die da in Los Angeles für Unrecht und Chaos sorgen. Chadwick Boseman, der, leider verstorben, womöglich nächstes Wochenende posthum mit einem Oscar geehrt werden wird, verbrachte 2016 noch seinen Auslandsurlaub im schmuddeligen US-Moloch an der Westküste, um seine Schwester zu suchen, die, so wie er befürchtet, irgendwelchen Schergen zum Opfer gefallen sein könnte. Aus Südafrika reist dieser Jacob King also an, finster und wortkarg und irgendwie fehl am Platz. Eingemietet in einer ebenso schmuddeligen Absteige, in der auch die alleinerziehende Kelly haust, scannt er bald das gesellschaftliche Umfeld seiner nahen Verwandten und sucht nach Namen und Spuren. Ein solcher fällt sehr bald, und die dazugehörigen Gesichter sind wenig einladend. Klar haben die was damit zu tun, und klar kreuzt King nicht nur einmal bei diesen Leuten auf, die das wiederum gar nicht gerne sehen.

Message from a King, direkt vom Toronto International Film Festival von Netflix aufgekauft und abgeholt, setzt den zur damaligen Zeit gerade mal als Black Panther ins Feld geführten Boseman (First Avenger: Civil War) als martialischen Schnüffler in Szene, der in stoischer Selbstjustiz und familiärem Pflichtbewusstsein unschöne Angelegenheiten vom Tisch räumt. Wie er das macht, das weiß zum Beispiel auch einer wie Liam Neeson, der ein Liedchen davon singen kann, wie man lästiges Geschmeiss von der Kernfamilie fernhält. Nur – Chadwick Boseman ist nicht Liam Neeson. Letzterer hat diese gewisse hemdsärmelige Attitüde, wie ein autodidaktischer Heimwerker, der bei seinen Bösen für den nötigen Wasserrohrbruch sorgt. Boseman hingegen gefällt sich in arroganter Selbstgerechtigkeit und weiß anscheinend immer, dass er besser ist als alle anderen. Diese Überheblichkeit macht den Marvel-Helden, dem als Adeliger von Wakanda dieses Gehabe gut zu Gesicht steht, zu einem enervierend einsilbigen Nachtfalken.

Das allerdings ist nicht das einzige Handicap des so blutigen wie derben Thrillers, wo Fahrradketten eine einschneidende Rolle spielen. Das Problem ist auch, in relativ kurzer Zeit einfach viel zu viele Figuren ins Spiel zu bringen, die noch dazu einen recht konfusen Krimiplot flankieren, der einfach zu viel will. Nebst diesem Kommen und Gehen an Personen, die irgendwas im Schilde führen oder auch nicht, gibt’s sogar noch eine zarte Romanze mit Teresa Palmer. Dabei verpasst der Film aufgrund der vielen moralisch verwirrten, halb angedachten Figuren die Möglichkeit, das Moralbewusstsein des Zusehers entsprechend zu reizen. Will heißen: Regisseur Fabrice du Welz wählt in dieser unheilvollen, urbanen Wildnis als Kampfplatz gerade mal die emotionale Sackgasse.

Message from the King

The Little Things

DER TÖDLICHE EIFER

7,5/10


the-little-things© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Nicola Goode


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JOHN LEE HANCOCK

CAST: DENZEL WASHINGTON, RAMI MALEK, JARED LETO, SOFIA VASSILIEVA, NATALIE MORALES, MICHAEL HYATT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Auf die kleinen Dinge kommt es an, auf die kleinen Dinge. Denzel Washington als schwerfälliger und desillusionierter Deputy Deke Craven wird nicht müde, diesen Umstand immer wieder zu betonen. Er weiß, wovon er spricht, er war mal Ermittler, so wie jetzt eben der geschniegelte Jung-Detective Baxter, gespielt von Ex-Freddy Mercury Rami Malek, der sich angesichts seiner Verantwortung noch nicht wirklich sicher im Sattel fühlt. Da kommt es wie gerufen, dass der andere, der längst erfahrene alte Knacker, bei einem Mordfall, der nach der Aufklärung eines lange gesuchten Serienkillers schreit, beratend zur Seite stehen könnte. Natürlich inoffiziell, denn Craven ist nur noch Botenjunge, der Beweisstücke von A nach B bringen soll. Dieser Mordfall allerdings – der hat auch was mit Cravens Vergangenheit zu tun. Und das nicht wenig. So nimmt sich der existenzmüde Beamte Urlaub, um nach eigenem Gutdünken vielleicht etwas aufzuklären, dass seit damals wie ein Mühlrad um seinen Hals hängt.

Serienkillerfilme gibt es viele. Auch so schön düster, depressiv und defätistisch wie dieser. Doch Regisseur und Drehbuchautor John Lee Hancock, der diesen seinen Film auch selbst geschrieben hat und mit Saving Mr. Banks schon so das richtige Gespür für Zwischenmenschliches mit sich bringt, bläst hier nicht zwingend ermittlerische Trübsal. Hancock will ein bisschen etwas anderes. Und genau dieses bisschen andere macht The Little Things zu etwas mehr oder weniger Besonderem. Weil es auf die kleinen Dinge ankommt, auf die kleinen Dinge. Unübersehbar aber ist hier natürlich der prominente Cast, dessen eingangs erwähntes Duo noch durch die bizarre Präsenz von Jared Leto ergänzt wird, der einen schwer verdächtigen Handwerker mimt, der verdammt noch mal so aussieht, als könnte er jedes Verbrechen begehen. Und irgendwie, wie es scheint, mit den vergangenen und gegenwärtigen Todesfällen in Verbindung steht. Die drei sind die Eckpunkte einer unheilvollen Dreiecksgeschichte aus Verdacht, Wahrheit und einer übergroßen Portion an selbstvergessenem Eifer. Dieser Eifer, diese verbissene Entschlossenheit, diese verstörende Beharrlichkeit, ist oft natürlich lobenswert – wer hätte nicht gern so einen langen Atem für sein Herzensprojekt. Doch irgendwann ist das Maß voll, und dann läuft es über. Und so bescheren sich Washington, Malek und Leto einen Reigen aus Aktion und Reaktion, der am eigentlichen Ziel weit vorbeitanzt.

Wer Denzel Washington kennt, weiß, dass er als gebeutelter und von seinen Geistern verfolgter Grübler einfach eine verdammt gute, wenn auch vom Schicksal gekrümmte Figur macht. Das ist expressives Schauspielkino, so wie Jared Letos mit Herzblut gemimte, gleichsam finstere wie kecke Figur, die in ihrem Erscheinungsbild einem offenen Buch gleich das potenzielle Verbrechen wie einen Bauchladen vor sich herträgt. Trotz dieser pessimistischen Färbung bleibt The Little Things nicht ortientierungslos in nihilistischem Blues hängen, sondern plant eben jene von Hancock gesetzte Wendung ein, die den ruhig erzählten, in sich gekehrten Film letzten Endes von Genrevorbildern unterscheidet. Relevant ist dann nicht mehr das Verbrechen, sondern der verhängnisvolle Eifer, was auch immer aufzuklären.

The Little Things

Spenser Confidential

WENN MACHENSCHAFTEN ZU SCHAFFEN MACHEN

6/10


spenserconfidential© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: PETER BERG

CAST: MARK WAHLBERG, WINSTON DUKE, ALAN ARKIN, BOKEEM WOODBINE, ILIZA SHLESINGER, MICHAEL GASTON, MARC MARON, POST MALONE U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Mark Wahlberg hat seinen Arbeitsrhythmus gefunden. Und auch seinen Meister. Der heißt nämlich Peter Berg. Kaum mehr ein Film von ihm ohne seinen Star. Womöglich ist die gemeinsame Arbeit ein Musterbeispiel an Geschmeidigkeit. Berg braucht gar nicht mal groß zu erwähnen, wie Wahlberg seine Figuren anlegen soll. Vermutlich läuft das Ganze auf paraverbaler Ebene ab. Die Kombination hat sich bewährt – und scheint immer und immer wieder zu funktionieren. Der True-Story-Thriller Boston zum Beispiel war ausgezeichnete Arbeit, Lone Survivor ebenso. Spenser Confidential, produziert von Netflix, beweist ebenfalls gutes Handwerk, wenngleich sich mittlerweile auch eine gewisse Routine eingeschlichen hat. Aber, nichtsdestotrotz: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Und wo Berg draufsteht, ist Wahlberg drin.

Der ist übrigens zu Beginn des Films tatsächlich wo drin – und zwar im Knast. 5 Jahre absitzen aufgrund von Körperverletzung gegen einen Vorgesetzten. Der natürlich, wie wir schon ahnen, den Tango Korrupti getanzt hat. Wahlberg aber – von vorne bis hinten ein so wehrhafter wie fairer Mann, nimmt die Strafe an. Um nach diesen fünf Jahren, vom Dienst entlassen, wieder in diesen Sumpf aus Mord und Machenschaften hineingezogen zu werden. Allein: er kann nicht anders, als der Sache mit dem Mord an denjenigen, den er damals vermöbelt hatte, nachzugehen. Und er fischt in sehr trüben Gewässern, ihm zur Seite ein Hüne von einem Boxer (Winston Duke), der zwar nicht so viel redet, dafür aber zum treuen Begleiter wird.

Man darf sich nicht täuschen lassen: Spenser Confidential ist kein Buddy-Movie im klassischen Hollywood-Sinn. Kein ungleiches Duo, dass sich zusammenraufen muss und von einer Stunt-Nummer zur nächsten schlittert. Spenser Confidential beruht auf dem Roman Wonderland und lässt die Figur des Spenser, die Autor Robert B. Parker im Stile der Hardboiled-Krimis erfunden hat, für Unruhe bei den Bösen sorgen. Das allerdings als jemand, der zu viele Fragen stellt. Entsprechend investigativ ist auch dieser Krimi, der mit einzelnen faustverwöhnenden Fights für erfrischende Intermezzi sorgt und eine schnüffelnasige Story bietet, der man gut folgen kann. Seltsamerweise aber fehlt dem Streifen, trotzdem er vieles richtig macht, irgendwie das gewisse Etwas. Vielleicht sind all die Antagonisten wieder mal viel zu eindimensional gezeichnet, vielleicht ist es auch der bis zum Ende sichtbare, klare rote Faden, vielleicht auch diese Unfehlbarkeit von Mark Wahlberg, der als selbsternannter Detektiv des Lichts Licht in Sachen bringt, die ihn nichts angehen. Doch wer würde das sonst tun, wenn nicht er, der hartgesottene Amateurermittler. Am Ende lässt Spenser Confidential die Möglichkeit offen, es zukünftig vielleicht mit einem kleinen Franchise zu tun zu bekommen. Das wäre durchaus in Ordnung – aber auch nicht mehr. 

Spenser Confidential

The Night Clerk

MENSCHEN IM HOTEL

4/10


nightclerk© 2020 EuroVideo


LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL CRISTOFER

CAST: TYE SHERIDAN, ANA DE ARMAS, HELEN HUNT, JOHN LEGUIZAMO, JOHNATHON SCHAECH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


In Philipp Noyces urbanem Erotikthriller Sliver konnte Feschak William Baldwin den ganzen Tag damit zubringen, die Bewohner eines Hochhauses mit versteckten Kameras zu observieren, darunter auch die sinnliche Sharon Stone. So ein Spechtler, könnte man meinen. Bei Tye Sheridan als autistischer Nachtportier Bart liegt die Sache da schon anders. Denn der hat – von sich aus gesehen – guten Grund, seine Hotelgäste zu bespitzeln. Was nicht heißt, dass dieser daraufhin brühwarm alles Gesehene weitererzählt. Nein. Aus dem Verhalten der beobachtenden Personen versucht er, soziale Kommunikation zu erlernen. Wie man wann was sagt, wie und wann welche Phrasen Verwendung finden. Einfach, um Teil der Gesellschaft zu werden. Denn als Autist ist man alles andere als das. Da fällt es selbst schwer, gemeinsam mit Mama an einem Tisch zu sitzen. Mutter Helen Hunt bringt ihm sein Essen stets in den Keller, wo er lebt, beobachtet und vor sich hin sinniert.

Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, damit aus The Night Clerk den Sprung vom Psychodrama zum Thriller macht: denn irgendwann wird Bart Zeuge eines Mordes. Die Ermittler tappen im Dunklen, ahnen nichts vom Kamera-Geheimnis des eigenwilligen, aber zuverlässigen Angestellten, der sich bald darauf versetzen lässt, um dem Tatort nicht mehr nahe sein zu müssen. Im neuen Hotel angekommen, trifft er auf die liebreizende Ana de Armas, in die er sich Hals über Kopf verliebt – die aber, nichts ahnend, mit dem Mörder im wahrsten Sinne des Wortes unter einer Decke steckt.

The Night Clerk ist der klare Fall einer Direct-to-DVD-Premiere. Angesichts einer viel stärkeren Genre-Konkurrenz hat dieser Film hier von Michael Cristofer (u. a. Original Sin mit Angelina Jolie) keine schlagkräftigen Argumente, um eine Kinoauswertung zu rechtfertigen. Als einer, der am Asperger-Syndrom leidet und sozial integrer werden will, macht Tye Sheridan (der Star aus Ready Player One) keine schlechte Figur. Das Krimikonstrukt rund um Sheridan ist allerdings ein völlig liebloser und oberflächlich hingeschluderter Mordfall, den selbst Columbo lieber delegieren würde. Hinten und vorne fehlt hier jede Menge Biss. John Leguizamo als Ermittler bleibt hölzern, die selten zu sehende Helen Hunt hat womöglich mangels anderer Filmangebote für dieses schale Projekt ihre Zusage erteilen müssen, um irgendwie wieder vor die Kamera zu kommen – so sehr sieht man ihr diese Notwendigkeit an. Die Sache mit dem Autismus hat schon so manches Filmprojekt vor dem totalen Absturz bewahrt und entbehrt nicht einer gewissen zynischen Bühnenpräsenz, die sich in stereotypen Verhaltensmustern überall leicht darstellen lässt. Einen ganzen Film kann diese Entwicklungsstörung aber auch nicht tragen, vor allem, wenn dieser sonst nichts hergibt. Alternative gefällig? Funktioniert hätte das ganze als Love Story zwischen Sheridan und de Armas, ganz ohne Krimiplot.

The Night Clerk

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

WIE DIE JUNGFRAU ZUM KIND

4/10

 

strange-but-true© 2019 Tiberius Film

 

LAND: KANADA 2019

REGIE: ROWAN ATHALE

CAST: MARGARET QUALLEY, AMY RYAN, GREG KINNEAR, NICK ROBINSON, BRIAN COX, BLYTHE DANNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Tarantinos Hippie-Girl aus Once Upon a Time… in Hollywood, Margaret Qualley, hat es auch in dieser Retail-Premiere eines Mysterydramas faustdick hinter den Ohren. Als ehemalige Freundin von Amy Ryans verstorbenem Sohn steht die Gute fünf Jahre nach dessen Tod vor der Türschwelle der trauernden Mutter, um ihr eine völlig absurde, fast schon kränkende Kuriosität unter die Nase zu reiben: das Bäuchlein, das Melissa nämlich vor sich herträgt, soll auf die Kappe des Verunglückten gehen. Wie das? Theoretisch und auch rein praktisch gar nicht möglich, oder? Naja, meint Melissa, dem Jenseits sei auch im Diesseits manchmal Tür und Tor geöffnet. Amy Ryan hört sich das natürlich nicht länger an und jagt das Mädchen aus dem Haus. Aber was in Dreiteufelsnamen ist da dran? Künstliche Befruchtung vielleicht? Mit einer postmortalen Spermaprobe? Mutter Ryan forscht nach. Und stößt, wie der Subtitel des Films schon vermuten lässt, auf dunkle Geheimnisse.

Roman Polanski, wo bist du, wenn man dich mal braucht? Dieses Script wäre doch ein Fall für den mittlerweile geächteten polnischen Filmemacher gewesen. Der hat aber schon mit Rosemaries Baby einen so gruseligen wie obskuren Film rund um eine ähnlich rätselhafte Schwangerschaft vorgelegt, da braucht es nicht noch so ein Werk. Womöglich wäre dieses Werk aber besser geglückt, denn mit Suspense kennt sich Regisseur Rowan Athale nicht ganz so gut aus. Basierend auf dem Roman von John Searles trommelt dieser immerhin einen ganz brauchbaren Cast zusammen, wobei es Richtung Nebenrollen immer austauschbarer wird. Und die Story selbst? Die fängt zwar vielversprechend an, stolpert aber in der zweiten Hälfte durch einen hemdsärmeligen, überkonstruierten Schubladenthriller, der seine anfangs sorgsam gesponnenen Charakterbilder in stereotype Verhaltensschablonen zwängt. Einzige Ausnahme bleibt Margaret Qualley, die lange geheimnisvoll bleibt, die zu Mutmaßungen anregt, die sich natürlich auch etwas an Mia Farrows naiver Figur der Rosemary aus Polanskis Film orientiert.

In Strange But True ist vieles seltsam, aber wahr. Besser wäre der Film aber mit folgendem Titel beraten: Zu seltsam, um wahr zu sein. Searles Roman weiß wahrscheinlich all die dunklen Geheimnisse besser auszuerzählen. Die Verfilmung hingegen scheint mit dem wuchtigen Unterbau der langsam ans Licht kommenden Geheimnisse öfters ziemlich überfordert zu sein.

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

What did Jack do?

COFFEE-BREAK MIT EINEM AFFEN

7/10


whatdidjackdo© 2020 Netflix


LAND: USA 2017

BUCH UND REGIE: DAVID LYNCH

CAST: DAVID LYNCH, EMILY STOFLE, EIN AFFE, EIN HUHN

LÄNGE: 17 MIN

 


Letztes Jahr lief in der Budapester Kunsthalle eine Ausstellung mit Werken von David Lynch. Ich hatte das Glück, zufällig dort zu sein. Betreten konnte man diesen Ort des Geschehens und Sehens durch das uns allen bekannte Traumportal aus Twin Peaks – schwarzweißer Zickzackboden, rote Vorhänge. Dahinter: allerlei Irritierendes. Fernab seines filmischen Schaffens und andererseits auch wieder eng verbunden waren dort photographische Collagen und andere künstlerische Objekte zu sehen. Wenn man Lynchs frühen Filme, insbesondere Eraserhead, bereits erlebt hat, lässt sich ungefähr vorstellen, was diese Werkschau, die meines Erachtens leider viel zu bescheiden war, beinhaltet hat. Das Resümee: Lynch ist ein Meister der Modulation, der seine Versatzstücke stets neu arrangiert, sich eines klar definierten Vokabulars merkwürdiger Objekte und Zustände bedient, die immer wiederkehren, so wie die Dunkelheit, der Kaffee, das unscharfe Etwas, süßlicher Gesang und das beklemmende Draußen, das man eigentlich gar nicht betreten will, aber man muss eben durch, wie durch das finstere Zimmer in einem Traum. Eraserhead ist auch der Film, der David Lynch am schönsten charakterisiert. Oder aber auch seine erst kürzlich auf Netflix veröffentlichte Fingerübung What did Jack do?, die sich bestens dafür geeignet hätte, diese Galerie des Absurden zu ergänzen.

Gerade mal 17 Minuten dauert David Lynchs Werk, streng gehalten in waberndem Schwarzweiß. Wir sehen eine Kammer mit Fenster, dahinter den kalten Stahl eines Bahnsteigs. Ein Tisch, zwei Stühle, links sitzt ein Kapuzineraffe, von rechts schiebt sich ein übergroßer David Lynch ins Bild. Der Affe ist zum Verhör geladen, denn er wird des Mordes verdächtigt. Lynch beginnt zu fragen, der Affe stellt Gegenfragen. Namen ohne Bezug poppen auf, irgendwann wird klar, dass Jack – also der Affe – eine Liaison mit einem Huhn eingegangen war. Die Dialoge sind absurd, so absurd wie der Titel seines Filmstudios – Absurda. What did Jack do? ist eine Wachtraumepisode im Halbschlaf, zwischen kafkaesker Primatisierung menschlicher Zurechnungsfähigkeit und den grotesken Fabelpossen eines manchmal auch recht subversiven Kinderbuchzeichners namens Janosch. Gespenstisch dabei die nicht sofort ersichtliche Verzerrung des äffischen Antlitzes, der statt eines Mauls einen menschlichen Mund besitzt. Das ist bewusst grob montiert, wie David Lynchs Fotografien, dabei besitzt sein Film im Gegenzug zu seinen Albtraumwelten sogar etwas wie den zynischen Humor aus dem Genre eines Film Noir.

David Lynch ist eine eigene Erfahrung. Weder Horror noch Krimi noch sonst was. Lynch lässt sich nirgends einordnen, schafft geradezu ein eigenes Genre. Mit diesem Werk anlässlich seines Geburtstages zeigt seine bizzare Conference wieder ganz genau, was alles hinter dem Sichtbaren steckt. Da ist etwas, das ist nicht zu fassen und zu erklären. Fühlt sich unbehaglich an und gleichzeitig wie eine kryptische Botschaft, die sich mitteilen will. Eine Märchenwelt des Unbehagens, eine Halbfabel im Industrial Design. Diese 17 Minuten, die sollte man erübrigen, um einer Anderswelt zu begegnen, die zwar keinen Sinn ergibt, der aber eine ganz eigene schräge Grammatik innewohnt.

What did Jack do?

In the Shadow of the Moon

KOMMT ZEIT, KOMMT TAT

6/10

 

in-the-shadow-of-the-moon© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JIM MICKLE

CAST: BOYD HOLBROOK, CLEOPATRA COLEMAN, MICHAEL C. HALL, BOKEEM WOODBINE U. A. 

 

Wer kein Blut sehen kann, sollte die Ermittlungen im vorliegenden Science-Fiction Thriller getrost jemand anderem überlassen. Natürlich ist das noch lange nichts gegen den Hämoglobin-Neuanstrich im Stanley-Hotel bei Shining, aber immerhin – wenn scheinbar x-beliebige Opfer plötzlich nicht nur Nasenbluten haben (dabei könnten sie ja den Kopf in den Nacken legen, ein nasskaltes Tuch auf selbigem, wir wissen das seit der Volksschule) sondern auch aus Ohren, Augen und sonstigen uns unbekannten Öffnungen im Kopfbereich ordentlich auszurinnen beginnen, dann färbt das mitunter auch die Straßen rot. Mit solchen Fällen nämlich hat es Officer Lockhart zu tun – oder auch nicht zu tun, denn der ist nur ein gewöhnlicher Streifenpolizist, der sich aber ins Geschehen drängt, will er doch um Biegen und Brechen ähnlich spannende Ermittlungen durchführen wie sein Schwager, der den Verdacht hegt, es mit einem Serienkiller zu tun zu haben. Neben der Tötungsart ist noch etwas ganz anderes äußerst mysteriös: drei Nadelstiche im Nacken – könnte Akupunktur sein, ist es aber nicht. Zu allem Unglück in dieser besagten Nacht, die noch dazu einen Blutmond zur Folge hat, kommt dazu, dass Lockhart Papa wird, während Mama die Geburt nicht überlebt. Was dieses Schicksal mit dem Fall zu tun hat? Sehr viel, wie sich später herausstellen wird. Und auch ein farbiges Mädchen in blauem Hoodie scheint in dieser Nacht äußerst präsent zu sein.

Das Bemerkenswerteste an dieser Netflix-Produktion ist der enorme Zeitraum des Geschehens. Die obskuren Fälle werden lange nicht aufgeklärt, Officer Lockhart, der irgendwann gar kein Officer mehr ist, sondern nur noch Privatdetektiv, entwickelt fast schon eine dürrenmatt´sche Verbissenheit samt innerer wie äußerer Verwahrlosung bei seinem Versuch, das Rätsel zu lösen. Regisseur Jim Mickle setzt in seinem Spiel mit der Zeit aber längst nicht auf epische Versatzstücke. Wichtig dabei ist lediglich ein ganz bestimmter Tag pro Dekade, der sämtliche Parameter wieder neu ordnet. In the Shadow of the Moon ist ein elegant gefilmter, urbaner Kriminalfilm in polizeilichem Sirenenblau und Halogenlicht, das hat ein bisschen Achtzigerjahre-Style, ein bisschen wie Black Rain oder Glitzernder Asphalt, nur weniger auf cooler Typ, sondern – und das trotz all des vielen Nasenblutens – ungewöhnlich zartbesaitet. Passt das zum übrigen Kontext des Films? Eigentlich schon. In Mickles Zeitreisekrimi geht’s ganz viel um Streben nach dem Gutmensch, auch wenn man das anfangs gar nicht glauben möchte. Es hat was Philosophisches, ungefähr so wie der mittlerweile zum Klassiker avancierte Predestination, der sehr geschickt mir den entropischen Dimensionen spielt. Doch so raffiniert ist In the Shadow of the Moon dann doch nicht geworden. Etwas zu gefühlsduselig, und das Hauptproblem neben dieser Tendenz ist Hauptdarsteller Boyd Holbrook, der mich irgendwie an Jason Segel erinnert hat und diese prinzipiell schwierige Rolle eines weltvergessenen, verschrobenen Ermittlers über eine so lange Zeit hinweg mit etwas deplatzierter unfreiwilliger Komik und sichtlich gefakter Kopf- und Gesichtsbehaarung selten glaubhaft transportieren kann.

Abgesehen davon ist das schwer fassbare Mysterium Zeit ein gern gesehener Studiogast im verschwurbelten Raum-Zeit-Kontinuum der Science-Fiction, Filme wie 12 Monkeys haben da gehörig Biss, komödiantisch gesehen sowieso Zurück in die Zukunft. In the Shadow of the Moon fährt da eher die entspannte Schiene, klaubt sich so manches aus dem Genre zusammen und findet nichtsdestotrotz seine Stimmigkeit, das aber eher das Werk eines fleißigen Schülers als das eines Meisters ist.

In the Shadow of the Moon

Die Turteltauben

KRIMINACHT FÜR PAARE

5/10

 

turteltauben© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL SHOWALTER

CAST: KUMAIL NAJIANI, ISSA RAE, MOSES STORM, PAUL SPARKS, KYLE BORNHEIMER, ANNA CAMP U. A. 

 

Wer wissen will, wie und auf welchen Umwegen sich Standup-Komiker Kumail Nanjiani seine zukünftige Ehefrau Emily geangelt hat, dem sei die tragikomische, durchaus bezaubernde Liebesgeschichte The Big Sick ans Herz gelegt. Wirklich ein außergewöhnlicher Film, und ganz sicher deshalb, weil das oscarnominierte Drehbuch auf wahren Begebenheiten beruht. Nanjiani wurde mir damals erstmals zum Begriff – mit Zoe Kazan als Emily bezirzt und streitet sich ein wunderbares, gleichsam schwieriges Duo durch die Hürden des Lebens. Michael Showalter, ebenfalls Komiker, hat den Film inszeniert. Und jetzt, vormals fürs Kino und dann für Netflix, den Spaßvogel mit pakistanischen Wurzeln für eine weitere Komödie ins Boot geholt – einer quirligen Krimikomödie um zwei Turteltauben – also eigentlich um eine in die Jahre gekommene Partnerschaft, die sich nach dem obligaten Strohfeuer Jahre später langsam auseinanderlebt. Beide haben ihre Projekte, und nur ab und an fährt man zu den gemeinsamen Freunden auf ein Glas Wein.

Auf so einer Fahrt zum Dinner passiert das Unerwartete – ein Fahrradfahrer geigt ihnen vor den Kühler. Zum Glück nichts allzu Schlimmes passiert, der Typ radelt weiter, doch mit diesem Intermezzo war´s das aber noch längst nicht – ein Bulle in Zivil schmeisst sich ins Vehikel und will die Verfolgung aufnehmen – um den Mann vor den Augen der beiden Zeugen nun endgültig zu überfahren. Schockschwerenot – das kann doch kein Bulle sein! Und ehe sich die beiden versehen, sitzen sie bis über beide Ohren in einem Mordfall drin, der es, wie es das Schicksal nun mal so will, kurzerhand in die Medien schafft. Vor niemandem sind die beiden Hauptverdächtigen nun sicher. Einziger Weg: den Fall selber lösen.

Schwierig, schwierig, kann ich nur sagen, wenn es darum geht, im Subgenre der Krimikomödie noch originellen Stoff aufzutreiben. Issa Rae und Kumail Nanjiani sind ja wirklich ganz nett, und man schmunzelt bei ihrem „Was sich liebt das neckt sich“- Geplänkel, aber man schmunzelt auch nicht mehr als bei einer der x-beliebigen Beziehungs-Sitcoms aus dem 20minütigen Appetithappen-Fernsehen im Vorabend. Beide, Rae und Nanjiani, sind völlig von den Socken, müssen sich sammeln, tapsen in Fettnäpfchen oder leisten sich Peinlichkeiten. Amor und sonstige Schutzengel lassen sie aber gottlob auch nicht im Stich. Die Turteltauben orientiert sich an reifen Klassikern wie Kopfüber in die Nacht oder Schlaflos in New York. Erst kürzlich gab’s einen ähnlichen Spaßfilm, der die Nacht zum Tag machte und wo es um einen Spieleabend ging, der aus dem Ruder läuft. Ach ja, Game Night. Da war zumindest das Verwechslungspotenzial zwischen Spiel und Realität ganz reizvoll. Abgesehen davon aber ist es hier wie dort dieselbe Masche. Ich weiß schon jetzt nicht mehr, wovon der Mordfall überhaupt gehandelt hat, mir bleibt nur noch das schrille Einhorn- und Goldketten-Outfit der beiden Käuze zwecks Tarnung in Erinnerung, sonst allerdings sind wir von The Big Sick weit entfernt, weil´s hier auch nicht wirklich um irgendwelche besonderen Werte geht, außer um die einer Partnerschaft mit Durststrecken, die nicht unbedingt als versemmelt gelten muss. Schon gar nicht, wenn die unfreiwillig paartherapeutische nächtliche Katastrophe das Zusammenleben relativieren kann. Es zahlt sich aus, darauf zu warten. Und dabei kann man, nebenbei vielleicht, zur bequemen Berieselung diesen Film ansehen.

Die Turteltauben

Burning

BLASSE SCHIMMER EINES VERDACHTS

7,5/10

 

burning© 2019 Capelight Pictures

 

LAND: SÜDKOREA 2018

REGIE: LEE CHANG-DONG

CAST: YOO AH-IN, STEVEN YEUN, JEON JONG-SEO U. A. 

 

Das Filmland Südkorea ist wie eine große Kiste voller Objekte unterschiedlichster Art, in die man blind hineingreift und gar nicht weiß, was man hervorholt. Das Filmland Südkorea ist Kino als Überraschung, ist niemals etwas, das zu erwarten war. Der Cineast Lee Chang-Dong hat mit Burning endlich wieder mal ein Werk geschaffen, das als ungelöstes Rätsel im Gedächtnis bleibt, sich lediglich auf Andeutungen verlässt und dem überhaupt nicht danach ist, auch nur irgendwelche Fragen, die während des Films aufgeworfen werden, zu beantworten. Wie befreiend ist das denn? Und was für ein lobenswerter Versuch, einen Gegentrend gegen das teils zu Tode erklärte westliche Kino zu setzen, das oft nicht den Mut hat, sein Publikum ratlos zurückzulassen. David Lynch hat diese Wagnis niemals bereut. Seine fragmentarisch anmutende Fabulationsfreude quer durch alle Albträume gibt Raum für eigene Deutungen. Chang-Dong gelingt Ähnliches. Sein Film ist inspirierend unkonventionell, und gleichzeitig aber spielt er mit den Elementen klassischer Krimiliteratur, die stark auf Suspense abzielt und die Sicht auf all die Umstände – trotzdem eine zentrale Person das Geschehen wahrnimmt  – auf mehrere mögliche Ebenen zu zerstreuen weiß.

Woran Burning am Meisten erinnert? Seltsamerweise an Patricia Highsmith und ihrem talentierten Mister Ripley. Allerdings auch an Hitchcock, an einen panikmachenden Sog aus Verdacht und erflehter Gewissheit. Dabei lässt sich die Vorlage zum Film auf die Feder Haruki Murakamis zurückführen. Seine Kurzgeschichte Scheunenbrennen stand Pate, wie genau sich Chang-Dong daran gehalten hat, kann ich nicht sagen. Doch er hat bestimmt etwas ganz Eigenes geschaffen, auf eine bedächtig erzählte, zweieinhalbstündige Geschichte ausgedehnt, in welcher der intellektuelle, etwas verschlafen wirkende Möchtegern-Romancier Jongsu, gerade mal mit dem Studium fertig, auf Haemi, eine Bekannte aus Kindertagen trifft, die ihn bittet, während ihres Urlaubs auf ihre Katze aufzupassen. Es dauert nicht lang, da verliebt sich Jongsu in die hübsche junge Dame, hat gar Sex mit ihr – und trifft sie auch später wieder, allerdings kaum mehr alleine: Das Mädchen hat einen Begleiter mitgebracht, einen undurchschaubaren Lebemann, der anscheinend stinkreich ist und sich alles im Leben leisten und machen kann, was immer er auch will. Eifersucht macht sich breit. Irgendwie nervt dieser Typ, obwohl er freundlich ist. Aber da er alles hat, und alles haben kann, und sogar seltsame dunkle Seiten einfach zulässt, weil er sie seiner Philosophie nach einfach zulassen muss, ist er gleichermaßen faszinierend wie abstoßend. Klar zu erkennen ist ein entrücktes Trio infernal, das plötzlich alles gemeinsam macht. Bis Haemi plötzlich verschwindet.

Jongsu rätselt nicht nur über den Verbleib des Mädchens. Er rätselt noch über ganz andere Dinge in seinem Dunstkreis. Haemis Katze taucht ebenfalls nie auf, wenn er sie füttern muss. Sie ist gleichzeitig anwesend, und gleichzeitig auch verschwunden. Klingt frappant nach Schrödinger. So wie der Drang des rätselhaften Dritten, erlassene Gewächshäuser abzufackeln. Meint er das ernst? Oder will ihn der Rivale nur aufziehen? Vieles ist also eine Variable in Chang-Dongs Film, die große Unbekannte. Selbst die Vergangenheit ist nicht das, was sie scheint. Die große Variable ist das Vertrauen, das sich nicht fassen lässt, das so flüchtig ist wie der Rausch von Marihuana, die Dämmerung oder das Subjekt der Begierde. Ein Mysterium, dieser Film, auch wenn vieles so klar und der Plot alles ist, nur kein konfuses Konstrukt, das mutwillig prätentiös erscheinen will. In Wahrheit ist Burning ein kleiner, bescheidener Film, der aber durch seine Undurchschaubarkeit größer scheint und stets an der Schwelle zum Psychothriller herumscharwenzelt, ohne sie übertreten zu wollen. Mit Betonung auf Wollen, denn können würde er es spielend. Doch gerade diese geschaffene Distanz zu gängigen Genremustern macht aus Burning ein besonderes spekulatives Erlebnis, das sich erst ganz am Ende erlaubt, seine aufgestaute Furcht, dumm zu sterben, rauszulassen.

Burning