Zwingli – Der Reformator

MIT DER KIRCHE ÜBER KREUZ

5/10

 

zwingli© 2019 W-film / C-Films

 

LAND: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: STEFAN HAUPT

CAST: MAX SIMONISCHEK, SARAH SOPHIA MEYER, ANATOLE TAUBMAN, STEFAN KURT, UELI JÄGGI U. A.

 

Die Schweiz ist nicht gerade berühmt für ihr immenses Filmschaffen, ganz im Gegenteil. Spontan gefragt fällt mir bis auf Wolfgang Panzers Mönchsfilm Broken Silence oder Beresina oder die letzten Tage der Schweiz sonst weiter nichts mehr ein. Das ändert sich aber jetzt, und zwar aktuell mit einem Film, der den Begründer des protestantischen Glaubens in der kleinen, neutralen Bergnation zum Thema hat: Ulrich Zwingli. Der Geistliche und Humanist war ein Zeitgenosse Martin Luthers, und nach dessen Thesenanschlag war auch dieser motiviert genug, Reformen an der katholischen Kirche durchzuführen, die mit Ablassbriefen, Pomp und Protz dem so einfachen wie leichtgläubigen Volk in grenzenlos überheblicher Arroganz auf der Nase herumtanzen konnte. Natürlich will die Kirche das nicht ändern, und natürlich wird Zwingli zu einem Feind des Vatikan, was er letzten Endes auch mit dem Leben bezahlt. Doch wer war Zwingli wirklich – und wie kam es zu diesen bahnbrechenden Veränderungen, die das größte Schisma der Menschheit auf den Weg brachte?

In Stefan Haupts Historienfilm zieht eines winterliche Tages Schauspielersohn Max Simonischek durch die Gegend rund um Zürich, um letzten Endes dort sein Quartier aufzuschlagen. Der neue Prediger fällt, ehe man es sich versieht, sogleich mit der Sakristei ins Haus, indem er anfängt, Bibelexegese in deutscher Sprache zu betreiben, und das vor versammelter Menge. Latein hat ja bislang sowieso keiner verstanden, mit Ausnahme sämtlicher Würdenträger, die somit ihre Privilegien beschnitten sehen. Stoff genug also für eine faktenbasierte Disputation im Kinoformat, für eine Zielgruppe, die überschaubar bleibt, und für ein Genre, das bestenfalls sein Nischendasein als Kirchenfilm fristet. Wer Luther mit Joseph Fiennes mochte, das vor 16 Jahren im Kino lief, sollte an Zwingli – Der Reformator nicht vorbeigehen, denn mit diesem biographischen Fragment über dessen Wirken haben wir die Reformation des frühen 16. Jahrhunderts quasi in Dolby Surround – von Luthers Norden bis zu Zwinglis Süden. Historiker wissen: Zwingli und Luther hatten zwar regen Briefkontakt, ein Disput über die Bedeutung der Kommunion hat sie dann aber letztendlich entzweit. Was nicht heißt, dass Jahrzehnte später beide Reformationsbewegungen doch noch zueinanderfinden konnten. Details, die der Film Zwingli – Der Reformator leider ausspart oder halbherzig in einem Nebensatz erwähnt.

Die Hoffnung, jenem legendären Streitgespräch zwischen den beiden Querdenkern filmisch folgen zu können, stirbt zuletzt. Aber sie stirbt. Stefan Haupt wagt sich während seiner über zweistündigen Laufzeit, die teilweise gehörige Längen hat, kaum hinter den mittelalterlichen Mauern des historischen Zürichs hervor. Schön anzusehen ist die rekonstruierte Stadt schon – aber das ist das einzig Epische an einem sonst zur Epik neigenden Stoff, der im Korsett einer Guckkastenbühne leider nur sein dialoglastiges Dasein fristen muss. Es hat den Anschein, als blieben aufgrund des knappen Budgets große inszenatorische Sprünge leider nur Wunschdenken. Nichts gegen all die Details der Ausstattung – die Lagerhallen des Zürcher Kostümfundus hätten wieder mal durchgefegt werden können, so zahlreich haben sich sowohl Statisten als auch der Haupt-Cast in die spätmittelalterliche Kluft gezwängt – vom Bettler bis zum Bischof. Darüber hinaus aber meist die gleichen Settings, immer widerkehrend, wie bei einem Theaterstück, als würde man einem Drama von Fritz Hochwälder oder Jean Anouilh beiwohnen, die ja bekanntlich historische Stoffe dialogfertig für die Bühne adaptiert hatten.

Im Kino ist der Verwöhnfaktor ein ganz ein anderer. Erst unlängst konnte David Michöds The King so richtig wuchtige Bilder zumindest auf den Netflix-Bildschirm schmettern – in Zwingli – Der Reformator bleibt das alles außen vor, selbst die finale Schlacht zwischen Altchristen und den wütenden Reformern war Haupt nicht mal einen Rundumblick wert. Zum Glück für ein Publikum, dass kein Blut sehen kann, und Pech für Liebhaber historischen Kräftemessens. Dafür wäre Zwingli – Der Reformator aber ideal gewesen, denn was der Film erzählt, ist kraftvoll genug, um auch kraftvolleres Kino zu produzieren. So aber bleibe ich zwar mit geschlossenen Bildungslücken in Sachen Kirchengeschichte zurück, wundere mich aber dennoch, wie hölzern so mancher Auftritt absolviert und wie eng geschnürt der filmische Blickwinkel bleibt. Da kann auch Simonischeks angenehme Stimmlage (ja, ganz der Papa!) nur bedingt etwas ändern, wobei dessen rustikaler Haarschnitt sowieso allem die Show stiehlt.

Zwingli – Der Reformator

The Red Sea Diving Resort

REISE NACH JERUSALEM

6,5/10

 

redseadiving© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: GIDEON RAFF

CAST: CHRIS EVANS, MICHAEL K. WILLIAMS, BEN KINGSLEY, GREG KINNEAR, HALEY BENNETT, CHRIS CHALK U. A.

 

Captain America ist zurück: einst aufgepimpter Held im Zweiten Weltkrieg, dann im Tiefschlaf und später Ruler der Avengers, mittlerweile aber im Ruhestand. Das Marvel-Universum hinter sich lassend, probiert sich Darsteller Chris Evans diesmal zwar ebenfalls in einer aufrechten Gutmenschen-Rolle, allerdings aber mit mehr Connex zur Realität als bisher. Und er kaschiert sein Image bis zur Unkenntlichkeit mit noch mehr Vollbart als zuletzt in Avengers: Endgame. Evans ist in Gideon Raffs Agententhriller ein dauermotivierter Abenteurer im Außendienst, ein Befehlsempfänger zwar, aber einer, der die Wahl der Mittel selbst trifft. Wie das Agenten eben so tun, einschließlich erhöhtem Risiko zu vorzeitigem Ableben. Der alte „Captain America“ ist nun der neue „Captain Israel“, und was die beiden Mächte miteinander verbindet, lernen wir aus der Geschichte, die sich durchwegs wie ein Schwarzbuch über Flucht und Vertreibung ganzer Völker und Glaubensgemeinschaften liest. In der vorliegenden Netflix-Produktion sind die Vertriebenen diesmal die Juden Äthiopiens, die in langen Verzweiflunsgmärschen Richtung Sudan auf ein Überleben hoffen. So zugetragen in den 80er-Jahren. Eine Krise fast schon als Fußnote, bekannt war mir die Operation Moses oder Joshua jedenfalls nicht, und da die Hungersnöte in Afrika zu dieser Zeit ohnehin die Schlagzeilen beherrschten, ist diese religiös motivierte Schandtat an einer jüdischen Minderheit wohl weniger bekannt geworden. Nun, es hat sie gegeben, und The Red Sea Diving Resort knüpft lose an diesen wahren Begebenheiten an, die sich womöglich nicht so abenteuerlich und auf Spannungskino zugeschnittene Weise zugetragen haben wie der Film uns erzählen will. So ein Kern der Wahrheit lässt sich mit reichlich Exotik und dem Reiz ferner Länder garnieren. Die Kunst liegt dabei, die eigentliche Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren und sich auch nicht vom Captain America-Liebhaberkult zufriedenstellen zu lassen.

Gideon Raff, der momentan – und zwar ebenfalls für Netflix – eine 6teilige Spionageserie mit dem griffigen Titel The Spy am Laufen hat (Sasha Baron Cohen in einer untypisch ernsten Rolle), und sich damit ebenfalls in das Netzwerk des Mossad einschleust, ist – wen wundert’s – selbst Israeli, und Themenspezialist, wenn’s um den lokalen Geheimdienst geht. Die Eckdaten von damals als Fakten auf dem Tisch, sind es nun mehrere Tage am glutheißen Strand des Sudan, die Chris Evans und sein Team mit Blick auf das Rote Meer verbringen. Neue Einstiegsstelle für den jüdischen Exodus ins Gelobte Land ist ein von Italienern errichtetes und wieder dem Zahn der Zeit überlassenes Tauchresort, das in unruhigen Zeiten wie diesen, und noch dazu in einem instabilen Land wie dem Sudan, wo das Militär macht, was es will, wohl kaum Touristen begrüßen kann. Ein paar allerdings verirren sich immer noch in dieses Niemandsland, und dem Minister für Tourismus freuts, kassiert er doch jede Menge Geld für ein paar rustikale Steinbungalows. Als getarnte Drehscheibe für Flüchtlinge, die in Nacht und Nebel vom Flüchtlingscamp hierher verfrachtet und von Schlauchbooten der Israelis abgeholt werden, ein ideales potemkinsches Feriendorf. Bis dem Camp an der Grenze die Flüchtlinge ausgehen, und das gewaltbereite Militär den Israelis vermehrt auf den Zahn fühlt.

Es ist spannend, mitanzusehen, wie in Zeiten der noch nicht totalen Überwachung Täuschungs- und Rettungsmanöver wie diese gelingen können. Und es ist weiter spannend, mitanzusehen, wie Flüchtlingsrouten wie diese geöffnet statt geschlossen werden, wie jene, die das Zeug haben, zu helfen, auch aktiv helfen, statt in wegsehender Ignoranz den unterzeichneten Menschenrechten wegen sowas wie Asyl gerade noch dulden, um den Rest der darbenden Menschheit sich selbst zu überlassen. Diese damals wie heute brandaktuelle Thematik bettet Gideon Raff in einen routinierten Politthriller, der sich voll und ganz auf seine True Story verlässt. Das heisst im Klartext: keine schauspielerischen Herausforderungen. Die eine oder andere Nebenrolle versandet gar in nichtssagender, allerdings auch klischeehafter Blässe. Dennoch ist dieses wenig beachtete, humanitäre Abenteuer gefällig formuliert, bemüht sich längst nicht um derartige sinnbildliche Deklarationen wie zum Beispiel in Styx, riskiert aber einen berichtenswerten Blick in die jüngere Geschichte humanitärer Krisen. So wuchtig und verstörend wie Klassiker aus dem Politfilm-Hype der 80er (u. a. Salvador, Under Fire oder The Killing Fields) ist The Red Sea Diving Resort aber auch nicht geworden, dafür lässiger, draufgängerischer, im Grunde also Spannungskino der geradezu unterhaltsamen, aber nicht verharmlosenden Art. Was für dieses Thema fast schon untragbar erscheint – so wie das riskante Retten von Menschenleben.

The Red Sea Diving Resort

Franziskus – Ein Mann seines Wortes

DIE KUNST DES ZUHÖRENS

6,5/10

 

franziskus© 2018 Universal Pictures Germany

 

LAND: ITALIEN, SCHWEIZ, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WIM WENDERS

MIT: JORGE MARIO BERGOGLIO alias PAPST FRANZISKUS

 

Durchs Reden kommen d´Leut zamm, so wird gesagt. Da aber mittlerweile in diesem ach so selbstrepräsentativen Zeitalter jeder redet, völlig ungeachtet dessen, ob überhaupt jemand zuhört, ist das besagte Zuhören indessen rar geworden. Das Reden könnte man also mal den anderen überlassen, auffällig sind mittlerweile jene, die nicht so viele Worte verschwenden und hören, was gesagt wird, auch wenn vieles davon heiße Luft ist. Dazwischen aber gibt es jene, die wirklich Wichtiges zu sagen haben. Da muss der Auditor schon genau selektieren und sich denen nähern, die von Katastrophen und Ähnlichem erzählen, von Dingen, die sich unsereins in Abrahams Schoß überhaupt nicht vorstellen können. Einer dieser Zuhörer dürfte der seit 2013 im Amt der katholischen Kirche befindliche Papst Franziskus sein, ein Weglasser und Pompreduzierer unter dem Herrn, der sich mittags in die Kantine zum übrigen Personal des Vatikans kauert oder einfach auf das kugelsichere Papamobil verzichtet, um den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Ja, das tut er, dieser Franziskus, oder eigentlich Jorge Mario Bergoglio, waschechter Argentinier aus Buenos Aires und auffallend natürlich. Aktiv wie ein Außenminister zu Krisenzeiten und irgendwie überall schon mal gewesen. So zumindest zeigt es Wim Wenders in seinem vom Vatikan in Auftrag gegebenen Porträt eines ungewöhnlichen Mannes in Weiß, der Energien an den Tag legt, die mir schon allein beim Zusehen abhandenkommen und der einem Terminplan folgt, der dichter kaum sein kann.

Frühsommer letzten Jahres kam Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes ins Kino, fünf Jahre zuvor begannen die Vorbereitungen zu diesem Film, also eigentlich kurz nach Franziskus´ Antritt zum Pontifikat. Zeitraubend daran war die Sichtung all des Materials an Mitschnitten vergangener und zukünftiger Events, Reden vor versammelten Mengen und Besuche in mitunter auch diverser Brennpunkte. Franziskus, so lässt sich erkennen, gibt sich niemals die Blöße, verunsichert zu wirken, ganz egal, was er tut oder sagt. Sein ideologisches Konzept scheint Hand und Fuß zu haben. Natürlich, und das muss man an dieser Stelle auch sagen, ist Wenders Auftragsarbeit ein Werk, dessen Entstehung der Vatikan klarerweise unterstützt hat. Folglich bleibt Papst Franziskus jeglichen kritischen Beäugungen erhaben, verpackt den wortlastigen, wohlwollenden Steckbrief aber auf eine Art, die sicher nicht als katholischer Werbefilm zu bezeichnen ist. Warum?

Jedenfalls mal, weil Wim Wenders am Regiestuhl sitzt. Weil er mit dem Franzosen David Rosier, der schon bei Das Salz der Erde mit dabei war, all die Fragen ersonnen hat, die dem vielbeschäftigten Papst aufgetischt werden sollen. Weil Wenders ein genauer Hinblicker ist, der sich mit der intellektuellen Abtastung außergewöhnlicher und expositionierter Persönlichkeiten schon ausreichend gut genug beschäftigt hat, um zu wissen, wie er sich Menschen solchen Formats zu nähern hat. Das geschieht auf leisen Sohlen, das geschieht als Zuhörer eines Mannes, der selbst meistens Zuhörer ist. Da beide natürlich nicht zuhören können, würde der Film schweigen, also schöpft Franziskus zu dem einen oder anderen Thema aus seinem Gedankengut und wirkt, natürlich jetzt nicht wider Erwarten aber doch, erstaunlich weise und erstaunlich gütig. Unaufgesetzt, geradeheraus und im übertragenen Sinne ungeschminkt. Nüchtern und klar ist der ganze Film, so nüchtern und klar wie die Einstellung des Pontifex zum materiellen Reichtum des Einzelnen. Hinter den Ambitionen des Mannes steckt wahrlich ein Konzept, das arbeitet Wenders diskret hervor, und ich weiß nicht, inwiefern und inwieweit sich das Vatikan-Fernsehen da eingemischt hat, aber einen Film wie diesen so weit umzutakten, dass er tatsächlich so wirkt, als wäre man mit dem betagten Argentinier bei anregenden Gesprächen in einem gediegenen Kaffee, ist als geglückter Balanceakt zu bezeichnen, der für eine konfessionelle wie konventionelle Macht wie den Vatikan unerwartet unklerikal wirkt, jenseits aller Frömmelei und selbstinszeniertem Gutmenschentum. Es scheint also so, als wäre Papst Franziskus tatsächlich ein Mann seines Wortes. Oder besser: ein Mann seiner Wörter, der Kluges spricht und wo es passieren kann, dass leidenschaftliche Redner wieder zu Zuhörern werden.

Franziskus – Ein Mann seines Wortes

Die kleine Hexe

SO GEHT MÄRCHENKINO

8/10

 

kleinehexe© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2018

REGIE: MICHAEL SCHAERER

MIT KAROLINE HERFURTH, SUSANNE VON BORSODY, AXEL PRAHL (STIMME) U. A.

 

Wenn der Räuber Hotzenplotz durch den finsteren Tann streift, oder das kleine Gespenst unter den Dachbalken spukt, wissen lesefreudige Kinder, dass sie all diese phantastischen Welten dem deutschen Autor Otfried Preußler zu verdanken haben. Der gebürtige Tscheche hat Motive der Märchen- und Fabelwelten auf gutmütige Art und mit voller Herz und Seele in vergnügliche, humanistische Erzählungen verpackt. Was daraus entstanden ist, sind zeitlose Klassiker, die zwar die Welt sehr wohl aus Hell und Dunkel darstellen, aber das Gute triumphieren lassen. Vor allem das Gute zwischen den Menschen. Oder zwischen den Menschen und den Wesen, die diese traumartigen Welten bevölkern. Eines davon ist eine kleine Hexe, die mit ihrem sprechenden Raben Abraxas tief im Wald in einem pittoresk eingerichteten Hexenhaus darauf wartet, zur Walpurgisnacht auf den Blocksberg eingeladen zu werden. Leider vergebens, denn mit ihren 127 Jahren ist die kleine Hexe noch viel zu jung. Und auch viel zu gutherzig. Das wissen die alten, krummnasigen Weiberleut´, die das arglose Medium des Waldes auf die Probe stellen wollen. Ein Jahr hat es Zeit, alle Sprüche aus einer gigantischen Schwarte von Buch auswendig zu lernen. Um dann zur Prüfung anzutreten. Doch statt zu pauken, sind dem Hexlein die Sorgen der Menschen deutlich wichtiger. Was macht das Gutsein wirklich aus, fragt sich die langnasige, rothaarige Budenzauberin mit dem kecken Grinsen – und stellt natürlich fest, das Gutes zu tun deutlich mehr Spaß macht als so zu sein, wie frau als Hexe zu sein hat.

Preußlers Bücher leben von der Natürlichkeit und der Herzlichkeit seiner Helden. Um Verfilmungen des Autors auch ungefähr so hinzubekommen, dafür bedarf es einer Rückkehr zum guten alten Märchenkino. Und damit meine ich das Märchenkino der späten Siebziger oder frühen Achtziger, vorwiegend aus Tschechien oder Deutschland. Liebevoll ausgestattete Geschichten voll naivem Charme und längst ohne Anspruch, fotorealistisch genau alles Magische bebildern zu wollen. Echt muss es sich anfühlen, vielleicht sogar ein bisschen unbeholfen, kauzig und mit viel Platz für die eigene Fantasie. Da haben Computertricksereien und Kamerafahrten deluxe überhaupt nichts verloren. Regisseur Michael Schwaerer blickt zurück nach vorne, putzt sein Hexenfilmchen mit allerlei hübschen Details auf und wählt einen ganz speziellen Stil des Retro-Kinos, der ganz hervorragend dafür geeignet ist, das Genre des mitteleuropäischen Märchenfilms zu bebildern. Ich kann zwar noch nicht behaupten, dass ich hier einen fabulierfreudigen, leidenschaftlichen Trend ausmachen kann, aber genauso eine ähnliche Filmsprache hat schon Johannes Naber für seine 2016 veröffentlichten Verfilmung von Wilhelm Hauffs Märchen Das kalte Herz verwendet. Spezielle Welten, in denen sich das Sandmännchen in lupenreinem Stop-Motion wohlfühlen soll. Die zu den Träumen passen, die wir als Kinder gehabt haben. Voller Ecken und Kanten, unvollkommen, aber beseelt bis in die Fingerspitzen.

Auch Karoline Herfurth scheint diese Magie zu spüren. Sie weiß ihre kleine Hexe mit Leidenschaft zu verkörpern, voll kindlicher Neugier, voll der Unsicherheit und voller Sinn fürs Gute. So reitet sie auf Besen wie Harry Potter, zaubert fast unbemerkt vor sich hin wie Mary Poppins und albert rotzfrech herum wie Pippi Langstrumpf. Ihr zur Seite der sprechende Rabe, weit entfernt von sterilem CGI, oder wenn, dann nur ein bisschen. Dafür mit der Inperfektion einer bewegten Puppe, die aber durch die Gegend wackelt und flattert wie zu Ray Harryhausen´s besten Zeiten. ich sage nur: die goldene Eule aus Kampf der Titanen.

Die kleine Hexe ist vor allem durch Herfurth´s Spielfreudigkeit und der schönen nostalgischen Knusperhaus-Optik ein beglückendes und berauschendes kleines Erlebnis, nicht nur für Kinder, sondern auch für deren Eltern, die wissen wollen, wie gut pädagogisch wertvolles Literaturkino aussehen kann. Heia Walpurgisnacht!

Die kleine Hexe

Ghost in the Shell

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ghostshell

Bevor Unkenrufe aus der Leserschaft ertönen, eine Entschuldigung gleich vorweg: Nein, ich kenne nicht das ursprüngliche Manga von Masamune Shirow aus dem Jahre 1989, auch nicht dessen Fortsetzungen und schon gar nicht die Anime Fernseh- und Kinofilme. Sagen wir so: ich bin, was Manga betrifft, ziemlich grün hinter den Ohren. Daher kann ich Rupert Sander´s Verfilmung des Science Fiction-Klassikers als eigenständiges Werk so ziemlich unbeeinflusst beurteilen. Der Game of Thrones-Effekt (Buch versus filmische Vorlage und folglich die temporäre Verweigerung der letzteren), wie ich sagen würde, ist also nicht eingetreten. Stattdessen aber ein erfüllendes Gefühl der Zufriedenheit – Ghost in the Shell ist ein abenteuerlicher, bildgewaltiger Cyborg-Thriller geworden, der zielsicher in die Fußstapfen von Philip K. Dicks Werken Total Recall, Minority Report oder gar Blade Runner tritt, und damit meine ich in erster Linie die literarischen Vorlagen der gleichnamigen Filme.

Ziemlich offensichtlich, dass Masamune Shirow ein Kenner des 1982 verstorbenen Kultautors gewesen sein muss. Seine phantastisch-kritischen Philosophien rund um Erinnerung, Identität und Technologie, die vorwiegend in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrtausends entstanden sind, liefern nach wie vor jede Menge Stoff für spannende Neuinterpretationen im Genre des futuristischen Films. Vom Manga-Comic Ghost in the Shell aber wiederum ließen sich sogar spätere Blockbuster wie Matrix inspirieren. Nichts ist also wirklich neu, nur anders aufbereitet. Manchmal mehr, manchmal weniger bemüht. Dieser dystopische, urbane Krimi allerdings weiß, wo seine Stärken liegen – und spielt sie aus. Wenn im von sphärisch-futuristischen Klängen unterlegten Intro ein synthetischer Körper aus der Taufe gehoben wird, kann man sich schon mal wohlwollend zurücklehnen. Die Bildsprache des Filmes orientiert sich stark an diverse andere Manga-Verfilmungen aus dem ostasiatischen Raum. Das wirre, aber beeindruckende Epos Casshern kommt mir da in den Sinn – ein Geheimtipp für Liebhaber ungewöhnlicher cineastischer Sichtweisen, aber auch für jene mit ausreichend Sitzfleisch und Spaß an zugedröhnten Phantastereien. Sanders weiß also, wie er Fans der Vorlage mitnehmen kann. Soweit bekannt, dürften selbst einige Stills und Settings den Panels aus dem Manga ziemlich genau nachempfunden sein. Die Illustration ist also geglückt – der multikulturelle Moloch einer düsteren Millionenstadt; der Expressionismus in Licht und Schatten, die Virtuosität der Kamera. Langweilig wird einem beim Zusehen mit Sicherheit nicht.

Die toughe Scarlett Johansson mit dunklem Kurzhaarschnitt legt ihre unter Erwartungsdruck leidende Rolle ganz anders an als ihre Black Widow aus den Marvel-Filmen. Ihre Motoko Kusanagi, auch genannt Major, ist eine ruhelose Zweiflerin ohne rechte Vergangenheit. Eine verwirrte, manipulierte Kämpferin von ungelenker Natur, weder tot noch richtig lebendig, rundum künstlich erschaffen, mit isolierter Seele und verschüttetem Ich – Essenzen, die das Menschsein erst ausmachen. Und um dieses Menschsein, um das Mehr als die Summe seiner Teile, um den göttlichen Funken und um den Wert von Erinnerungen – davon handelt Saunders hochtechnologisches Schreckgespenst, verfolgt von der Geissel einer totaler Vernetzung und der Sucht nach physischer Perfektion. Das alles tischt Ghost in the Shell zwar nur in Ansätzen auf, diese sind aber vielversprechend und auf einen Nenner gebracht. Johansson´s Zitat aus dem Off am Ende des Filmes vertritt klar eine philosophische Ansicht: dass das richtige Handeln die Vergangenheit entbehrlich macht, sei diese nun erfunden oder wahrhaftig. In diesem Punkt widerspricht sich der filmische Diskurs, oder, besser gesagt, belehrt sich sogar eines Besseren. Denn erst das Bewusstsein, wie, wo und wer man bislang gewesen ist, schafft die Basis, um überhaupt autark zu handeln. Ohne Erfahrung aus dem Vergangenen bleibt das Nichts. Eine leere Hülle, ein Mensch ohne Eigenschaften, auf jede Weise benutzbar. Diese Erkenntnis lernt Motoko zu verstehen, sonst wäre die Suche nach ihrem Woher nicht von Bedeutung. Oder sollte man besser fragen: Was war zuerst da? Die Gegenwart oder die Vergangenheit? Aus dieser Sicht würde Motokos Aussage wieder nachvollziehbar werden.

Ghost in the Shell hat jede Menge interessante Themen zu bieten, eingebettet in furiose Shootouts. Kultstar Takeshi Kitano als Boss der Spezialeinheit, welcher Motoko untersteht, darf mit exzentrischer Frisur, Originalsprache und cooler Killerattitüde wieder an seine ultrabrutalen Reißer aus den 90ern erinnern. Und Juliette Binoche verleiht dem Ensemble auch schauspielerisch eine zusätzliche europäische Note. Ghost in the Shell ist ein spannendes Suchspiel nach Identität, Moral und echtem Leben. Ein geschickt konstruierter Thriller, heruntergebrochen auf eine ausgewogene, kreative Mischung düsterer Gedanken an die Zukunft und stylisher Cyber-Stunts. Erwachsene Science- und Social Fiction mit Liebe zum Detail, bizarrer Figuren und enorm eleganter Optik – nah am Manga, und doch ganz anders. Fürs Kino eben.

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Ghost in the Shell