Freaks (1932)

DIE RELATIVITÄT DES MONSTRÖSEN

7,5/10


freaks_1932© 1932 MGM

LAND / JAHR: USA 1932

REGIE: TOD BROWNING

CAST: HARRY & DAISY EARLES, OLGA BACLANOVA, LEILA HYAMS, WALLACE FORD, HENRY VICTOR, DAISY & VIOLET HILTON, ROSE DIONE U. A. 

LÄNGE: 64 MINUTEN (VON URSPRÜNGLICH 90 MIN.)


Von Mitte des 19 Jahrhunderts bis tatsächlich noch in die späten Dreißigerjahre hinein hat es sie gegeben: Freakshows, die körperlich abnorme Menschen wie Tiere ausgestellt und dafür Geld kassiert hatten. Das Bewusstsein, dass menschliche Wesen, die vielleicht äußerlich anders sind, die gleichen Rechte hätten wie ganz „normale“ unserer Art, traf zur damaligen Zeit auf einen wenig ausgereiften, reflektierenden Verstand. Damals wussten viele noch nicht mal, wie man Kinder erzieht, was Humanismus überhaupt bedeuten soll und dass aus der Norm Gefallenes durchaus progressives Potenzial hat.

Zum Thema der Menschenwürde und der Akzeptanz des Andersartigen gab‘s bereits 1932 einen Film, der in seiner bewusst plakativen Aussage wirklich jeden seiner Zuseher erreichen konnte, und waren diese auch noch so schlicht in ihrem Gemüt. Denn der für damalige Zeiten kontroverse und vielerorts verbotene Film Freaks von Dracula-Mastermind Tod Browning zählt schlicht und ergreifend eins und eins zusammen, und zwar so, dass es ein jeder versteht. Menschenwürde, das ist etwas, worüber man nicht viel diskutieren muss. Um Mensch zu bleiben braucht es nicht zwingend Arme oder Beine, eine gewisse Größe oder ein klassisch-griechisches Antlitz. In Freaks hat es Tod Browning geschafft, ein ganzes Ensemble aus deformierten Schauspielern und Bühnen-Attraktionen um sich zu scharen, die womöglich genau das alles erlebt hatten, was in Freaks so abgeht. Diese Ambition, die erlernten Geschicklichkeiten halber Körper oder den normalen Alltag zwischen den Auftritten zu dokumentieren, verleiht dem Film etwas einzigartig Echtes und Nahbares. So wenig auf Distanz war man körperlich beeinträchtigten Menschen nur selten. Dabei passiert es ihnen niemals, von Browning pietätlos präsentiert oder als etwas zur Schau Gestelltes verstanden zu werden.

David Lynch muss diesen Film ebenfalls schätzen – sein thematisch stark verwandtes Meisterwerk Der Elefantenmensch ist stilistisch ähnlich geraten und zeigt John Hurt als entstellten Merrick in einer ähnlichen Situation, in der sich auch der kleinwüchsige Hans in Freaks befindet. Obwohl er mit einer körperlich gleichgestellten Künstlerin verlobt ist, hat der Gentleman nur noch Augen für die wunderschöne Trapezkünstlerin Cleopatra. Die fühlt sich natürlich geschmeichelt, weiß von Hans‘ geerbtem Vermögen und nutzt ihn nach Strich und Faden aus, nur um an sein Geld zu kommen. Als sie versucht, ihn nach einer Scheinheirat mit Gift ins Jenseits zu befördern, steigen die „Freaks“ auf die Barrikaden.

Die Hintergründe zur Entstehung des Streifens und die tatsächlichen Biographien der einzelnen Personen (gut nachzulesen auf Wikipedia) lassen das eigentliche Werk fast schon außen vor. Freaks ist etwas, das nicht nur auf sein Medium als Film reduziert werden kann, sondern hierfür bräuchte es glatt faktenbasierende Begleitkommentare. Und es ist kaum zu glauben: in manchen amerikanischen Bundessstaaten ist Freaks, nach 91 Jahren, immer noch verboten. Ursprünglich hätte Brownings Werk auf Wunsch der Produzenten eine Schrecklichkeit, viel heftiger noch als Dracula, werden sollen, um Universal die Stirn zu bieten. Browning hatte aber anderes im Sinn – sein Film ist das simple Libretto einer traurigen, mitleiderregenden Operette, die noch vor dem sogenannten Hays-Code etwas zu wagen imstande war und es auch durfte. Bis heute gibt es so ein zeitgenössisches Wagnis kein zweites Mal. Ein wahrhaftiges Dokument über die Niedertracht der Bevorzugten, dessen Horror nur in den Köpfen jener entsteht, die Menschen mit Behinderung nicht für vollwertig erachten. Die, die so denken, sind die wahren Monster. Aber das wissen wir ja bereits, oder?

Freaks (1932)

Der Brotverdiener

WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10


breadwinner© 2018 Netflix


LAND / JAHR: KANADA, IRLAND, LUXEMBURG 2017

REGIE: NORA TWOMEY

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAARA CHAUDRY, SOMA BHATIA, ALI KAZMI, LAARA SADIQ, ALI RIZVI BADSHAH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Was macht Angelina Jolie eigentlich, wenn sie nicht gerade als Maleficent im Märchenland für Chaos sorgt? Sie produziert und finanziert Werke humanitären Inhalts, wie zum Beispiel diesen Animationsfilm der Kanadierin Nora Twomey (Das Geheimnis von Kells), der sich mit dem Kindsein in Afghanistan der Gegenwart beschäftigt und auf dem Roman Die Sonne im Gesicht von Deborah Ellis basiert, die eine Zeit lang in den Flüchtlingslagern der Region tätig war und so einiges an persönlichen Begegnungen in diese Geschichte einfließen hat lassen. Gäbe es Netflix nicht, hätte ich Der Brotverdiener damals unter den Oscarnominierten 2018 in der Sparte Animationsfilm gar nicht erst wahrgenommen. Zu stark war die Konkurrenz durch Coco – Lebendiger als das Leben. Der Brotverdiener war aber nicht einfach so unter den besten fünf. Wenn es in einem Film um so grundlegende Themen wie Frauenrecht, Gefährdung menschlicher Grundrechte und Fanatismus geht, um verhinderte Kindheiten und politische Willkür, kann sowas ja gar nicht unbeachtet bleiben. Schon gar nicht, wenn so zermürbende Themen so aufbereitet werden, dass auch der Grundschulgeneration sonnenklar einleuchtet, wie man als Mensch leben soll und wie nicht, was man als Mensch dürfen soll und was nicht. So, wie Twomley den Stoff erzählt, kann ein Problemfilm wie dieser familiengerechte Zerstreuung durchaus einmal ablösen, um Umstände auf dieser Welt in den Fokus zu nehmen, die Kinder freilich wissen dürfen. Dazu gehört die Tatsache, dass eben das Glück einer unbeschwerten Kindheit nichts Selbstverständliches ist.

2003 hat der afghanische Filmemacher Siddiq Barmak mit dem Streifen Osama bereits ähnliches erzählt: unter der Besetzung der Taliban dürfen Frauen nicht alleine auf die Straße, da reicht nicht mal die Burka. Das Mädchen Parvana muss eines Tages zusehen, wie ihr ohnehin schon kriegsversehrter Vater von wütenden Taliban-Aufpassern verhaftet wird – wochenlang bleibt dieser verschollen. Das Essen wird knapp, die insgesamt vierköpfige Restfamilie beginnt zu darben. Da hat Parvana eine Idee: sie wird einfach zum Jungen, um zumindest mal das Notwendigste heranschaffen zu können. Und Papa muss auch noch gefunden werden.

Der Zeichenstil dieses Films ist bewusst schlicht gehalten, dennoch haben die Bilder eine ansprechende Tiefe, was natürlich auch an den vorgezeichneten, statischen Hintergrundbildern liegt – ganz so wie Disney das immer schon gemacht hat. Zwischen all dieser eigentlich durchaus dramatischen und berührenden Geschichte öffnet sich eine zweite Erzählebene – illustriert wird hier auf gänzlich andere Art ein Märchen, dass sich Parvana ausdenkt – und im Grunde ihr eigenes Streben widerspiegelt. Mit finsteren Elefanten, Raubtieren und magischen leuchtenden Spiegeln.  Durch diese märchenhafte Komponente fällt es jüngeren Zusehern noch viel leichter, anzudocken. Denn Märchen sind ja von Grund auf nichts für Zartbesaitete, das wissen die Kids. Und entsprechend erträglich werden auch Szenen, die keiner von uns jemals erleben möchte.

Der Brotverdiener hinterlässt einem am Ende mit einem wohligen Gefühl der Zuversicht. Das eine Kindheit wie diese noch nicht ganz verloren ist. Denn die Welt ist groß, und zum Glück eben nicht nur Afghanistan.

Der Brotverdiener

Ein ganz gewöhnlicher Held

EINMAL GANDHI ZUM MITNEHMEN

7/10


ganzgewoehnlicherheld© 2019 Koch Films


LAND: USA 2018

BUCH & REGIE: EMILIO ESTEVEZ

CAST: EMILIO ESTEVEZ, ALEC BALDWIN, JEFFREY WRIGHT, CHRISTIAN SLATER, TAYLOR SCHILLING, JENA MALONE, MICHAEL K. WILLIAMS, GABRIELLE UNION U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Die Zeit des karitativen Bewusstseins hat längst wieder Einzug gehalten bei denen, die es sich leisten können, anderen zumindest kurzfristig die Existenznot zu nehmen. Kick-off dieses Bewusstseins: der 11. November, Martinstag. Besagter Martin hat ja bekanntlich seinen Mantel geteilt, um einem armen Schlucker vor dem Erfrieren zu bewahren. Nun, so lange das Geben und Teilen nicht den Vorschriften widerspricht, ist ja alles schön und gut. Sobald aber Zeichen gesetzt werden, die Verordnungen zuwiderlaufen, haben Menschenrechte das Nachsehen. So gesehen in vorliegendem Film von Emilio Estevez, der auch schon lange Zeit nichts mehr von sich hören ließ. Sein letzter Film war glaube ich jener über den Jakobsweg, in der Hauptrolle sein eigener Altvorderer Martin Sheen. Jetzt hockt der ehemalige Breakfast-Clubber zwischen den vollbeschlichteten Buchregalen einer städtischen Bibliothek, gemeinsam mit einer ganzen Schar Obdachloser, die vor einer Forstnacht Zuflucht suchen. Das ist der Stoff, aus dem besinnliche Filme über Nächstenliebe gemacht sind. Ich könnte mir ganz gut Jimmy Stewart in dem ganzen Szenario vorstellen. Aber Estevez in seiner Rolle als einer, der, selbst mal ohne Dach über dem Kopf, nun die Nöte der zusammengewürfelten Gruppe wohl am besten versteht, weiß die Begrifflichkeit der Menschenwürde nicht zu einem pathetischem Gloria zu überhöhen.

Worum es also geht: Estevez gibt den Bibliothekar Stuart, der in winterlichen Zeiten wie diesen wärmesuchenden Obdachlosen zu den Geschäftszeiten Tür und Tor öffnet. Das ändert sich bald, als es nämlich noch kälter wird und so gut wie alle karitativen Einrichtungen bereits zum Bersten voll sind. Wohin also mit den Bedürftigen? Natürlich hierbleiben, egal ob die Pforten schließen. Das ist gegen das Gesetz, und sogleich rückt die Polizei und auch die lokale Politik an, um diese Aktion zu unterbinden. Denn wie eine Aktion scheint das Ganze zu sein. Völlig gewaltfrei entschließen sich Stuart und die anderen zu einem Sit-in, zu einem gewaltfreien Protest, auch wenn diese verrückte, aber zutiefst menschliche Idee manchen den Job kosten wird.

Ein ganz gewöhnlicher Held, im Original nur schlicht und einfach The Public, hat zwar anfangs so seine Schwierigkeiten, all die angefangenen Erzählstränge effizient miteinander zu verknüpfen, doch sobald allesamt an einem Ort versammelt sind, kann die simple und demonstrative Mär eigentlich losgehen. Das dauert zwar, aber bis dahin erfreut man sich selten gesehener Gesichter wie jenes von Christian Slater, der allerdings einen recht schablonenhaften Kotzbrocken von Möchtegern-Bürgermeister gibt. Alec Baldwin als Chef-Verhandler bei Geiselnahmen sucht seinen ebenfalls obdachlosen Sohn und Jeffrey Wright gibt sich vorerst ganz zugeknöpft, bevor er langsam auftaut. Kein Wunder bei so einem herzerwärmenden Film wie diesen. Da geht’s um astreinen Altruismus, da würde der Heilige Martin wohlwollend nicken. Wäre hier nicht der Song I can see clearly now von Jimmy Cliff im Rahmen einer wirklich beeindruckenden und berührenden Schlussszene zu hören, könnte man auch gut und gerne das Weihnachtslied von König Wenzel dazu summen. Doch ein Weihnachtsfilm ist Ein ganz gewöhnlicher Held nicht. Eher ein zeitloses Statement für ein Miteinander, für das man sich erst mal durchringen muss. Doch dann, dann sieht man klarer.

Ein ganz gewöhnlicher Held

Warten auf die Barbaren

HARTE KONTRASTE IM WÜSTENSAND

4,5/10


barbaren© 2019 Constantin Film Verleih


LAND: USA, ITALIEN 2019

REGIE: CIRO GUERRA

CAST: MARK RYLANCE, JOHNNY DEPP, ROBERT PATTINSON, GRETA SCACCHI, HARRY MELLING, GANA BAYARSAIKHAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Irgendwo im Nirgendwo: eine Festung der Fremdenlegion, thronend wie eine Kreuzritterburg über wüstenhaftem Ödland. Wo genau und wann genau diese Geschichte spielt, bleibt unklar. Womöglich handelt es sich um einen Grenzposten irgendwo in Asien, zumindest das wird bald konkreter, nachdem die sogenannten Barbaren einzeln verortet werden. Und die sind eine Gefahr für das ebenfalls nicht näher genannte Imperium, das aber auf britisch macht, sich Land und Volk mit harter Hand unterwirft und aus einer inneren Unruhe heraus all die Fremden, die das Grenzenziehen der Kolonialherren längst nicht gutheißen, bekämpfen und vernichten wollen. Mittendrin in dieser Kreuzritterburg: der sogenannte Magistrat, der ganz gut mit den Einheimischen zurechtkommt und der wenig erfreut darüber ist, als sein Rayon von einem eiskalten Colonel unter dessen Fittiche genommen wird. Die Methoden des militärisch zugestutzten Dämons stoßen dem Magistraten für alle ersichtlich sauer auf, obwohl er sich im Angesicht der brutalen Exekutive mit seinen humanistischen Anwandlungen noch weniger Freunde macht, als er ohnehin schon hatte.

Der kolumbianische Regisseur Ciro Guerra hat in seiner bisherigen, noch relativ kurzen filmischen Laufbahn zwei beachtliche Filme geschaffen. Zum einen den in Schwarzweiß gehaltenen, durchaus auch streng komponierten Dschungelstreifen Der Schamane und die Schlange, zum anderen – in Co-Regie mit Cristina Gallego – die Anfänge des kolumbianischen Drogenhandels unter dem Titel Birds of Passage. In Warten auf die Barbaren, der Verfilmung eines Romans von J. M. Coetzee, merkt man sofort, dass die Thematik des Filmes vorrangig nicht die ist, die Guerra zumindest geographisch mit seiner eigenen Heimat verbindet. Auch emotional sprühen hier keine Funken. Dieses Warten auf die Barbaren wird zum Warten für alle Anwesenden und womöglich auch am Film Beteiligten, denn Guerra, der weiß nicht so recht, wie er dieses teils abstrakte, mit groben Scherenschnittcharakteren besetzte Sinnspiel auf reibungslose Weise voranbringen soll. Der Film kauert gut die Hälfte seines Films in harrender Hocke, die Sonne brennt vom Himmel, die Mattigkeit der Umgebung sickert in den Durchschuss seiner Drehbuchzeilen. Überall dieser ganze Sand, vielleicht bringt der das Getriebe zum Stocken, jedenfalls entsteht in diesem plakativen Schwarzweißbild in Farbe eine enorm simple Welt, die aus den Guten und den Bösen besteht. Der Kontrast ist hart, schwer verdaulich auch die Methoden der Imperialisten, um die heillos unterlegenen Barbaren zu quälen.

Mark Rylance als Mann des Gewissens, als Höriger seiner eigenen Wertordnung und Opfer seiner Prinzipien, ist ein Don Quichote in einem Land voller Windmühlen, eine clowneske, tragische Gestalt, die man sonst in den Theaterstücken eines Max Frisch wiederfindet. Um ihn herum die flachen Pappkameraden der Unterjochung – Johnny Depp mit Sonnenbrille und steinharter Mine, eine Figur ohne Tiefe und Charakter, ein Jedermann, eine Projektion, stellvertretend für irgendetwas dahinter. Genauso geht es Robert Pattinson. Eine kleine Rolle zwar, doch genauso starr und emotional verkümmert wie alle anderen um Mark Rylance herum. Im Alleingang kann dieser das filmische Gleichnis nicht stemmen, zu viel hängt von seinem Tun fast die gesamte Laufzeit des Films ab. Daher bricht sich lähmendes Verharren Bahn, weil alles darauf wartet, was Rylance als nächstes tut. Das wird träge und dösend, eingeteilt in vier Jahreszeiten. Man hat das Gefühl, man erlebt sie in Echtzeit. Bis Rylances große Stunde schlägt, und die Konzentration auf seine Figur Legitimität erfährt.

Wenn es denn so einfach wäre, die Welt in all diese Schubladen einzuteilen, wie sie Ciro Guerra hier visualisiert, in einem scheinbaren Abenteuer, das schon unter Erschöpfung leidet alleine aufgrund des Betrachtens seiner eigenen Agenda, wäre die Welt vielleichte eine bessere. Coetzees Roman mag die akkurate Machtordnung mit dem geschriebenen Wort wohl überlegter interpretiert haben als in diesem Fall das Medium Film.

Warten auf die Barbaren

Sorry We Missed You

ACHSENBRUCH AM HAMSTERRAD

8/10

 

sorrywemissedyou© 2020 Filmladen Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, BELGIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: KEN LOACH

CAST: KRIS HITCHEN, DEBBIE HONEYWOOD, RHYS STONE, KATIE PROCTOR, ROSS BREWSTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN

 

Arbeiten wir, um zu leben? Normalerweise schon. Doch meist ist es so, dass ein Großteil der Menschheit nur lebt, um zu arbeiten. Diese ernüchternde Erkenntnis erlangt Ken Loach immer wieder, in all seinen Filmen. Und er lässt seine sozialen Verlierer nicht verschnaufen, er lässt sie schuften, bis sie umfallen. Und können sie mal nicht mehr schuften, so wie in Ich, Daniel Blake, dann verlieren sie alles, ihre gesamte Existenz. Da stellt sich wiederholt die Frage: wer genau duldet diesen Wahnsinn eines so abgewürgten Lebens? Das Wirtschaftssystem, denn geht es ihm gut, geht es allen gut. Und jene, die den Spagat zwischen Familie und Arbeit nicht bewältigen können, bleiben Einzelfälle, die durch den Rost fallen. Ist dem so?, fragt Loach. In Sorry We Missed You gibt der Filmemacher dem zweifachen Familienvater Ricky Turner die Chance, sich Gehör zu verschaffen. Doch worauf er stößt, sind tauben Ohren.

Diese verköpfige Familie Turner also ist Opfer der Finanzkrise 2008, lebt in einer recht heruntergekommenen Mietwohnung und macht das Beste daraus. Mama Turner arbeitet als Heimhilfe, die Kinder sind schulpflichtig, wobei der Sohn die Schulpflicht selbst nicht ganz ernst nimmt und lieber schwänzender Weise Graffitis auf leere Hausfassaden sprüht, und der Vater beginnt einen neuen Job als Paketauslieferer eines Franchiseunternehmens. Ob dies wirklich die beste Idee sein will, angesichts der ohnehin schon prekären finanziellen Situation? Selbstständig werden? Unter der Fuchtel eines Konzerns stehend, der die Auflagen vorgibt und keine Gnade kennt, falls es mal private Umstände erfordern sollten, daheimzubleiben? Hätte der Fachmann doch im Bauwesen einen neuen Job gesucht. Doch es geht ums große Geld, und das lässt sich als Paketbote kurzfristig lukrieren – wenn man´s richtig macht. Und keine Kids daheim hat, die das Leben erschweren.

Ganz klar: bei Filmen von Ken Loach hat niemand sein Happy End. Klar ist auch: Loachs Filme sind fast schon Reality-TV, schon alleine deshalb, weil der mehrfach ausgezeichnete Filmemacher selten professionelle Schauspieler besetzt, vielmehr Laiendarsteller, die vielleicht sogar einen ähnlichen Background aufweisen können wie ihre Filmfigur, und daher aus der eigenen Erfahrung schöpfen. Genau deshalb wirken die Darsteller in keiner Weise laienhaft – sie wissen, was sie erzählen müssen. Und entwickeln eine verzweifelte Wut, die Loachs Filme so intensiv machen. Sorry We Missed You zählt für mich tatsächlich zu einem seiner besten Werke, darüber hinaus auch zu einem der besten Filme zum Thema Menschen- und Arbeitsrecht. Das Drehbuch von Paul Laverty und Loachs unprätentiöser Blick in die Eingeweide einer Existenz vor der Kippe ist so dermaßen straff aufbereitet, dass gleich zu Anfang ein ungeheurer Druck herrscht. Ein Druck auf die Agierenden. Und nicht nur auf die – auch auf den Zuseher. Die Sogwirkung ist enorm, das Unheilvolle an jeder Ecke erahnend. Und immer wieder sei dem strudelnden Familienvater das Glück gewogen. Doch es wäre nicht Ken Loach, würden sich nicht komplexe Schwierigkeiten anhäufen wie all die Pakete im teuer erkauften Lieferwagen des Vaters. Mitleid ist nicht das richtige Wort für das, was man empfindet. Es ist auch kein Sozialvoyeurismus, der bei Dokusoaps vielleicht eher hervorgekitzelt wird. Es ist die plötzlich übergreifende eigene Angst vor einer entschwindenden Existenz, die so leicht hereinbrechen kann wie eine Finanzkrise oder der Corona-Lockdown. Und der Umstand, niemals einschätzen zu können, ob und wann es ganz anders kommen kann.

Sorry We Missed You – der Titel bezieht sich auf das Abwesenheits-Formular bei nicht überbrachten Paketen – erzählt auf so direkte und traurige Art von einem Achsenbruch in einem ohnehin schon bis zur Erschöpfung rotierenden Hamsterrad. Die nachkommende Generation, die bekommt ihre Eltern gar nicht mehr zu Gesicht. Sorry We Missed You könnten auch sie sagen. Auf ihre eigene, verzweifelte Art, am Ende des Sozialstaats.

Sorry We Missed You

Über die Unendlichkeit

WO DER MENSCH NICHT WEITER WEISS

6,5/10


unendlichkeit© 2019 Neue Visionen


LAND: SCHWEDEN 2019

REGIE: ROY ANDERSSON

CAST: MARTIN SERNER, JAN-EJE FERLING, TATIANA DELAUNAY, LESLEY LEICHTWEIS BERNARDI, ANIA NOVA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 16 MIN


Wer einmal schon einen Film vom Schweden Roy Andersson gesehen hat, wird wissen, was auf ihn zukommt. Alle anderen hingegen werden feststellen – zum eigenen Leidwesen oder in staunender Verzückung – dass Filmemachen auch komplett anders funktionieren kann. Über die Unendlichkeit lässt sich mit nichts vergleichen, was außerhalb des Roy Andersson-Universum sonst noch im Kino oder Stream läuft. Roy Andersson muss man mögen, andererseits aber auch nicht zwingend ablehnen. Einlassen muss man sich drauf, sonst wird das nichts. Denn einen roten Faden hat das Ganze nur sekundär.

Dabei hat Andersson in seinen Filmen immer nur eins zum Thema: die Irrfahrten einer ratlosen Menschheit durch den Alltag. Die verlorenen, ausgezehrten, blassen Gestalten in ebenso blassen Kleidern, eingebettet in einer grauen, bis in alle Ferne detailverliebten Umgebung, hadern mit dem Glauben, mit der Liebe, mit rosigen Aussichten auf die Zukunft. Andersson gibt sie aber nicht auf. Er lässt sie zu Miniaturen werden, zu kleinen Häufleins der Gattung Homo sapiens, die er in Pop-Up-Bilder bettet, die wie Guckkastenbühnen statisch verharren und alle Auftritte ins Bild stolpern lassen. Doch nicht nur das – manchmal sind sie auch längt da, sind genauso statisch wie das akkurat arrangierte Bild und sind Teil des Interieurs oder der Straßenszene. Anderssons Film Songs from the Second Floor ist ein Meisterwerk – später war der Alltagsphilosph nie mehr so radikal. Im Gegenteil. Seine Filme werden immer kleiner, nüchterner, verlieren ihre eigentliche Pointe. Manchmal mag das ein unglücklicher Schachzug sein. Dann verweilt man als Zuseher vor tristen Gemälden, in denen sich ganz plötzlich ganz wenige Komponenten in Bewegung setzen. Eine Stimme aus dem Off, die eines Mädchens, sagt, was sie sieht. So, als wäre sie ein Engel, eine Entität über dem Geschehen. Dadurch wird die Verzweiflung des Einzelnen noch kleiner, und das angesichts völlig banaler Situationen, die uns selbst immer wieder schon passiert sind. Am Bahnhof nicht abgeholt zu werden, weinend im Bus zu sitzen. Am Grab eines geliebten Menschen stehend. Zwischendurch dann ganz andere Probleme: der Ehrenmord an die eigene Tochter, Hitlers letzte Momente im Bunker, eine Karawane Kriegsgefangener durch die Ödnis Sibiriens. Was genau, so fragt Andersson, ist des Menschen Problem? Und ist er in der Lage, sich und sein Leben entsprechend zu differenzieren? Sein Glück in Relation zu setzen zu dem, was sonst noch passiert auf diesem Planeten?

Ein Priester, der seinen Glauben verloren hat, der geistert immer wieder mal durch die scheinbar wahllos arrangierten, oft nur minutenlangen Szenen. Hinter jeder steckt ein enormer inszenatorischer Aufwand. Es ist eine Kunst, Schauspiel und Film dermaßen formelhaft wiederzugeben, wie eine Spieluhr, deren Szenen immer wieder ablaufen, bis der volle Tag vorüber ist und die Vögel weiterziehen. Über die Unendlichkeit ist zwar längst nicht so stark und akzentuiert wie Anderssons Vorgänger, es bleibt aber immer noch genug Restgedanke über, um einen Prolog zu seinem bisherigen Schaffen zu kollektivieren, der ähnliches zu sagen hat wie alles Bisherige. Ein Bewegtbilderbuch auf großer Leinwand, karg und gleichzeitig opulent – jedenfalls eines: die absolute Kehrseite des Mainstreams.

Über die Unendlichkeit

The Kindness of Strangers

VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN

7,5/10

 

kindnessofstrangers© 2019 Alamode Film

 

LAND: USA, DÄNEMARK 2018

REGIE: LONE SCHERFIG

CAST: ZOE KAZAN, ANDREA RISEBOROUGH, TAHAR RAHIM, BILL NIGHY, JAY BARUCHEL, CALEB LANDRY JONES U. A.

 

An alle, denen soziale Nähe nicht nur in Corona-Zeiten suspekt vorkommt und die mit Free-Hugs-Aktivisten nicht viel anfangen können: in Lone Scherfigs feinfühligem Sozialdrama menschelt es gewaltig. Aber es menschelt auf eine gute Art, um nicht zu sagen: auf enorm gute Art. Das ist Nähe, die man zulassen kann. Nächstenliebe würden manche dazu sagen, Altruismus die Studierten. Vorweihnachtliche Umsicht diejenigen, die, von wärmenden Geschichten wie die von Charles Dickens inspiriert, gerne alle Menschen in Geborgenheit wissen wollen. Natürlich, niemanden soll es schlecht ergehen. Der sichere Hafen eines guten Zuhauses ist allerdings subjektiv. Für Machtmenschen wie den Ehemann von Clara (berührend unbeholfen: Zoe Kazan) gilt die harte Hand als Maß aller guten Dinge. Für den Rest der Familie nicht. Also flieht dieser Rest in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Aggression des Vaters ins winterliche New York – mit nichts außer einem Auto als Heimstätte, und ihrer Liebe zueinander. Dabei kann Clara durchaus ahnen, dass es nicht nur ihr so geht. Ein anderer junger Mann wiederum scheint zu keiner Arbeit fähig zu sein, weil das Pech ihn verfolgt. Wieder einer findet durch Glück Arbeit in einem russischen Restaurant – sonst aber plagt ihn die Einsamkeit. Und wieder eine arbeitet sich als Krankenpflegerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe zum buckligen Igor für andere.

Von den Unsichtbaren inmitten von Vielen erzählt dieser Film. Was anfangs scheint, als wären in The Kindness of Strangers thematisch verwandte Episoden der gemeinsame Nenner, verwebt sich zusehends und in keiner Weise verzettelnd zu einem großen, erkenntnisreichen Ganzen. Die Dänin Lone Scherfig (u. a. An Education) zeigt hier ganz viel Gespür für ihre strauchelnden Seelen, die niemals auch nur ansatzweise dem Sozialvoyeurismus die Hand aufhalten. Es sind die Zutaten für eine Art des Ensemblefilms, die scheinbar nur Script-Genie Richard Curtis so fein verweben kann. Sein Drehbuch zu Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist längst Kult, Tatsächlich Liebe… und Alles eine Frage der Zeit, beides unter seiner Regie, sind bemerkenswert ausformulierte Filme zu leicht verbraucht wirkenden Themen wie Beziehung, Intimität und Herz. Vor allem letzterer ist pure Inspiration. Scherfig kann das genauso gut. The Kindness of Strangers schlägt aber deutlich düsterere Töne an, der soziale Abstieg der Familie rund um Clara lässt andere womöglich verzweifeln. Der von überall verbannte Taugenichts Jeff erweckt nur Mitleid. Und Krankenschwester Alice will man am liebsten gestern unter die Arme greifen. Andrea Riseborough sticht hier hervor wie eine wärmende Lichtgestalt an trüben Tagen. So selbstlose Menschen sind erstaunlich. Aber auch der Mut der anderen und der Trost von Fremden ist nichts, was alltäglich ist, aber durchaus sein könnte. Diese Erkenntnis ist letzten Endes unglaublich positiv und weckt Zuversicht in einem Zeitalter des Eigennutzes, in welchem viele sich selbst inszenieren und kaum mehr etwas geben, ohne zu nehmen. Interessanterweise erwarten all die Figuren in diesem Film für ihre Nächstenliebe gar nichts und erhalten viel mehr als jemals gedacht. Ein schönes, überlegtes und liebevoll inszeniertes Werk, indem die Gutmenschen jene sind, die sich niemals selbst dafür halten würden.

The Kindness of Strangers

Arctic

HILF DIR SELBST, SONST HILFT DIR KEINER

7/10

 

arctic© 2018 Koch Films

 

LAND: ISLAND 2018

REGIE: JOE PENNA

CAST: MADS MIKKELSEN, MARIA THELMA SMÁRADÓTTIR, TINTRINAI THIKHASUK U. A.

 

Da sieht man mal wieder, wie unausgewogen Planet Erde besiedelt ist. In der arktischen Tundra hält sich keine Menschenseele auf. Bis man endlich auf ein anderes Individuum trifft, trifft man eher noch auf einen Eisbären. Und sonst? Sonst ist es saukalt, Stürme sorgen für Schneeverwehungen, die die Landschaft bis zur Orientierungslosigkeit verändern. Inmitten dieser kargen, lebensfeindlichen Wildnis: Der Pilot Mads Mikkelsen, ebenfalls relativ unkenntlich gemacht durch einen dichten Vollbart. Und auch sonst steckt der Rest des Dänen in einem dicken Anorak. Was ist passiert? Nun – zu Beginn des Filmes sehen wir Mikkelsen schaufeln, was das Zeug hält. Doch er schaufelt nicht sein eigenes Grab, denn aufgeben tut der Mann maximal einen Brief. Eigentlich schaufelt er, um zu überleben. denn irgendwo in den Weiten des Nordens, da ist seine Maschine, mit der der Wissenschaftler unterwegs war, abgestürzt. Den Absturz sieht man nicht, es ist nicht so wie in Castaway von Robert Zemeckis, wo das Grauen einer Notlandung auf Wasser detailgetrau geschildert wird. In Arctic ist das Gröbste schon passiert. Doch das Schlimmste soll noch kommen. Nach tage- oder gar wochenlangem Unterfangen, mit einem Sender Kontakt zum Stützpunkt aufzunehmen, wagt ein Hubschrauber während wirklich miesem Wetter eine Such und Rettungsaktion, nur um vor den Augen des zu rettenden abzustürzen. Gerade so weit im Norden ist es unerlässlich, meteorologisch was am Kasten zu haben. Daher seltsam weltfremd, dass der Hubschrauber bei so einem Wetter überhaupt startet. Ein Tag mehr wäre auch schon egal gewesen, aber nein – sonst gäbe es keinen Film wie diesen, den der Brasilianer Joe Penna, eigentlich Musiker, hier selbst verfasst und inszeniert hat.

Um nochmal auf Zemeckis zurückzukommen: Ja, Arctic ist ein bisschen wie Castaway, nur anstatt tropischer Hitze haben wir es hier mit polaren Verhältnissen zu tun. Und statt des Volleyballs Wilson nimmt Überlebender Mads Mikkelsen die einzige Überlebende seiner Rettungscrew unter seine Obhut. Die Retter müssen also gerettet werden oder: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner mehr. Das bisschen, was Absturzopfer 1 zum Überleben hat, muss nun auch für Opfer Nr. 2 reichen – und die junge Dame, die ganze Zeit über kaum bei Bewusstsein, ist so gut wie keine Hilfe, um dieser kalten Ödnis effizienter als zuvor zu entfliehen. Was zu erwarten ist: Mikkelsen macht sich auf den Weg, quer durch unwegsames Terrain, die Schwerverletzte im Schlepptau.

Mehr Plot gibt es nicht. Ist aber bei Genrefilmen wie diesen auch nicht erforderlich. Da reicht es, spärlich bis gar nicht ausgerüstete Personen irgendwo in der Wildnis abzusetzen. Zuzusehen, wie sie sich durchkämpfen, das ist die ganze Geschichte. Und es ist jedes Mal anders, weil die Natur unberechenbar ist. Weil manchmal nur ein kleines, im zivilisierten Alltag völlig nichtiges Detail zu einer unbezwingbaren Hürde werden kann. Nirgendwo fühlt sich der Mensch kleiner als in einer von terranen Kräften geformten Weite. Da der Mensch aber fähig ist, seine Unzulänglichkeiten mit Intelligenz auszugleichen, sind Filme wie Arctic fast eine Art Vexierspiel, dessen Lösung das Überleben sichert. Da der Mensch aber auch fühlt, und die Psyche auch nicht unendlich belastbar ist, kann Verzweiflung schon mal überhandnehmen. Oder der Wille übermenschliche Kräfte verleihen. Wobei Penna vor allem eines wichtig war: die Pflicht, trotz aller Not kein Menschenleben zurückzulassen. Dieser aufopfernde Altruismus, diese Selbstverständlichkeit des Rettens, obwohl man selbst Rettung benötigt, verleiht dem Film durch genau diese intensive Auseinandersetzung mit dem Füreinander unter extremsten Bedingungen eine enorm humanistische Note fernab jeglicher Egozentrik und kopfloser Panik. Das macht Arctic zu einer bemerkenswerten, klar strukturierten und kämpferischen Leistungsschau der menschlichen Vernunft.

Arctic

Zwingli – Der Reformator

MIT DER KIRCHE ÜBER KREUZ

5/10

 

zwingli© 2019 W-film / C-Films

 

LAND: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: STEFAN HAUPT

CAST: MAX SIMONISCHEK, SARAH SOPHIA MEYER, ANATOLE TAUBMAN, STEFAN KURT, UELI JÄGGI U. A.

 

Die Schweiz ist nicht gerade berühmt für ihr immenses Filmschaffen, ganz im Gegenteil. Spontan gefragt fällt mir bis auf Wolfgang Panzers Mönchsfilm Broken Silence oder Beresina oder die letzten Tage der Schweiz sonst weiter nichts mehr ein. Das ändert sich aber jetzt, und zwar aktuell mit einem Film, der den Begründer des protestantischen Glaubens in der kleinen, neutralen Bergnation zum Thema hat: Ulrich Zwingli. Der Geistliche und Humanist war ein Zeitgenosse Martin Luthers, und nach dessen Thesenanschlag war auch dieser motiviert genug, Reformen an der katholischen Kirche durchzuführen, die mit Ablassbriefen, Pomp und Protz dem so einfachen wie leichtgläubigen Volk in grenzenlos überheblicher Arroganz auf der Nase herumtanzen konnte. Natürlich will die Kirche das nicht ändern, und natürlich wird Zwingli zu einem Feind des Vatikan, was er letzten Endes auch mit dem Leben bezahlt. Doch wer war Zwingli wirklich – und wie kam es zu diesen bahnbrechenden Veränderungen, die das größte Schisma der Menschheit auf den Weg brachte?

In Stefan Haupts Historienfilm zieht eines winterliche Tages Schauspielersohn Max Simonischek durch die Gegend rund um Zürich, um letzten Endes dort sein Quartier aufzuschlagen. Der neue Prediger fällt, ehe man es sich versieht, sogleich mit der Sakristei ins Haus, indem er anfängt, Bibelexegese in deutscher Sprache zu betreiben, und das vor versammelter Menge. Latein hat ja bislang sowieso keiner verstanden, mit Ausnahme sämtlicher Würdenträger, die somit ihre Privilegien beschnitten sehen. Stoff genug also für eine faktenbasierte Disputation im Kinoformat, für eine Zielgruppe, die überschaubar bleibt, und für ein Genre, das bestenfalls sein Nischendasein als Kirchenfilm fristet. Wer Luther mit Joseph Fiennes mochte, das vor 16 Jahren im Kino lief, sollte an Zwingli – Der Reformator nicht vorbeigehen, denn mit diesem biographischen Fragment über dessen Wirken haben wir die Reformation des frühen 16. Jahrhunderts quasi in Dolby Surround – von Luthers Norden bis zu Zwinglis Süden. Historiker wissen: Zwingli und Luther hatten zwar regen Briefkontakt, ein Disput über die Bedeutung der Kommunion hat sie dann aber letztendlich entzweit. Was nicht heißt, dass Jahrzehnte später beide Reformationsbewegungen doch noch zueinanderfinden konnten. Details, die der Film Zwingli – Der Reformator leider ausspart oder halbherzig in einem Nebensatz erwähnt.

Die Hoffnung, jenem legendären Streitgespräch zwischen den beiden Querdenkern filmisch folgen zu können, stirbt zuletzt. Aber sie stirbt. Stefan Haupt wagt sich während seiner über zweistündigen Laufzeit, die teilweise gehörige Längen hat, kaum hinter den mittelalterlichen Mauern des historischen Zürichs hervor. Schön anzusehen ist die rekonstruierte Stadt schon – aber das ist das einzig Epische an einem sonst zur Epik neigenden Stoff, der im Korsett einer Guckkastenbühne leider nur sein dialoglastiges Dasein fristen muss. Es hat den Anschein, als blieben aufgrund des knappen Budgets große inszenatorische Sprünge leider nur Wunschdenken. Nichts gegen all die Details der Ausstattung – die Lagerhallen des Zürcher Kostümfundus hätten wieder mal durchgefegt werden können, so zahlreich haben sich sowohl Statisten als auch der Haupt-Cast in die spätmittelalterliche Kluft gezwängt – vom Bettler bis zum Bischof. Darüber hinaus aber meist die gleichen Settings, immer widerkehrend, wie bei einem Theaterstück, als würde man einem Drama von Fritz Hochwälder oder Jean Anouilh beiwohnen, die ja bekanntlich historische Stoffe dialogfertig für die Bühne adaptiert hatten.

Im Kino ist der Verwöhnfaktor ein ganz ein anderer. Erst unlängst konnte David Michöds The King so richtig wuchtige Bilder zumindest auf den Netflix-Bildschirm schmettern – in Zwingli – Der Reformator bleibt das alles außen vor, selbst die finale Schlacht zwischen Altchristen und den wütenden Reformern war Haupt nicht mal einen Rundumblick wert. Zum Glück für ein Publikum, dass kein Blut sehen kann, und Pech für Liebhaber historischen Kräftemessens. Dafür wäre Zwingli – Der Reformator aber ideal gewesen, denn was der Film erzählt, ist kraftvoll genug, um auch kraftvolleres Kino zu produzieren. So aber bleibe ich zwar mit geschlossenen Bildungslücken in Sachen Kirchengeschichte zurück, wundere mich aber dennoch, wie hölzern so mancher Auftritt absolviert und wie eng geschnürt der filmische Blickwinkel bleibt. Da kann auch Simonischeks angenehme Stimmlage (ja, ganz der Papa!) nur bedingt etwas ändern, wobei dessen rustikaler Haarschnitt sowieso allem die Show stiehlt.

Zwingli – Der Reformator

The Red Sea Diving Resort

REISE NACH JERUSALEM

6,5/10

 

redseadiving© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: GIDEON RAFF

CAST: CHRIS EVANS, MICHAEL K. WILLIAMS, BEN KINGSLEY, GREG KINNEAR, HALEY BENNETT, CHRIS CHALK U. A.

 

Captain America ist zurück: einst aufgepimpter Held im Zweiten Weltkrieg, dann im Tiefschlaf und später Ruler der Avengers, mittlerweile aber im Ruhestand. Das Marvel-Universum hinter sich lassend, probiert sich Darsteller Chris Evans diesmal zwar ebenfalls in einer aufrechten Gutmenschen-Rolle, allerdings aber mit mehr Connex zur Realität als bisher. Und er kaschiert sein Image bis zur Unkenntlichkeit mit noch mehr Vollbart als zuletzt in Avengers: Endgame. Evans ist in Gideon Raffs Agententhriller ein dauermotivierter Abenteurer im Außendienst, ein Befehlsempfänger zwar, aber einer, der die Wahl der Mittel selbst trifft. Wie das Agenten eben so tun, einschließlich erhöhtem Risiko zu vorzeitigem Ableben. Der alte „Captain America“ ist nun der neue „Captain Israel“, und was die beiden Mächte miteinander verbindet, lernen wir aus der Geschichte, die sich durchwegs wie ein Schwarzbuch über Flucht und Vertreibung ganzer Völker und Glaubensgemeinschaften liest. In der vorliegenden Netflix-Produktion sind die Vertriebenen diesmal die Juden Äthiopiens, die in langen Verzweiflunsgmärschen Richtung Sudan auf ein Überleben hoffen. So zugetragen in den 80er-Jahren. Eine Krise fast schon als Fußnote, bekannt war mir die Operation Moses oder Joshua jedenfalls nicht, und da die Hungersnöte in Afrika zu dieser Zeit ohnehin die Schlagzeilen beherrschten, ist diese religiös motivierte Schandtat an einer jüdischen Minderheit wohl weniger bekannt geworden. Nun, es hat sie gegeben, und The Red Sea Diving Resort knüpft lose an diesen wahren Begebenheiten an, die sich womöglich nicht so abenteuerlich und auf Spannungskino zugeschnittene Weise zugetragen haben wie der Film uns erzählen will. So ein Kern der Wahrheit lässt sich mit reichlich Exotik und dem Reiz ferner Länder garnieren. Die Kunst liegt dabei, die eigentliche Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren und sich auch nicht vom Captain America-Liebhaberkult zufriedenstellen zu lassen.

Gideon Raff, der momentan – und zwar ebenfalls für Netflix – eine 6teilige Spionageserie mit dem griffigen Titel The Spy am Laufen hat (Sasha Baron Cohen in einer untypisch ernsten Rolle), und sich damit ebenfalls in das Netzwerk des Mossad einschleust, ist – wen wundert’s – selbst Israeli, und Themenspezialist, wenn’s um den lokalen Geheimdienst geht. Die Eckdaten von damals als Fakten auf dem Tisch, sind es nun mehrere Tage am glutheißen Strand des Sudan, die Chris Evans und sein Team mit Blick auf das Rote Meer verbringen. Neue Einstiegsstelle für den jüdischen Exodus ins Gelobte Land ist ein von Italienern errichtetes und wieder dem Zahn der Zeit überlassenes Tauchresort, das in unruhigen Zeiten wie diesen, und noch dazu in einem instabilen Land wie dem Sudan, wo das Militär macht, was es will, wohl kaum Touristen begrüßen kann. Ein paar allerdings verirren sich immer noch in dieses Niemandsland, und dem Minister für Tourismus freuts, kassiert er doch jede Menge Geld für ein paar rustikale Steinbungalows. Als getarnte Drehscheibe für Flüchtlinge, die in Nacht und Nebel vom Flüchtlingscamp hierher verfrachtet und von Schlauchbooten der Israelis abgeholt werden, ein ideales potemkinsches Feriendorf. Bis dem Camp an der Grenze die Flüchtlinge ausgehen, und das gewaltbereite Militär den Israelis vermehrt auf den Zahn fühlt.

Es ist spannend, mitanzusehen, wie in Zeiten der noch nicht totalen Überwachung Täuschungs- und Rettungsmanöver wie diese gelingen können. Und es ist weiter spannend, mitanzusehen, wie Flüchtlingsrouten wie diese geöffnet statt geschlossen werden, wie jene, die das Zeug haben, zu helfen, auch aktiv helfen, statt in wegsehender Ignoranz den unterzeichneten Menschenrechten wegen sowas wie Asyl gerade noch dulden, um den Rest der darbenden Menschheit sich selbst zu überlassen. Diese damals wie heute brandaktuelle Thematik bettet Gideon Raff in einen routinierten Politthriller, der sich voll und ganz auf seine True Story verlässt. Das heisst im Klartext: keine schauspielerischen Herausforderungen. Die eine oder andere Nebenrolle versandet gar in nichtssagender, allerdings auch klischeehafter Blässe. Dennoch ist dieses wenig beachtete, humanitäre Abenteuer gefällig formuliert, bemüht sich längst nicht um derartige sinnbildliche Deklarationen wie zum Beispiel in Styx, riskiert aber einen berichtenswerten Blick in die jüngere Geschichte humanitärer Krisen. So wuchtig und verstörend wie Klassiker aus dem Politfilm-Hype der 80er (u. a. Salvador, Under Fire oder The Killing Fields) ist The Red Sea Diving Resort aber auch nicht geworden, dafür lässiger, draufgängerischer, im Grunde also Spannungskino der geradezu unterhaltsamen, aber nicht verharmlosenden Art. Was für dieses Thema fast schon untragbar erscheint – so wie das riskante Retten von Menschenleben.

The Red Sea Diving Resort