The Highwaymen

MÄNNER FÜRS GROBE

5/10

 

highwaymen© 2019 Photo by Hilary B Gayle / Courtesy of Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOHN LEE HANCOCK

CAST: KEVIN COSTNER, WOODY HARRELSON, KATHY BATES, JOHN CARROLL LYNCH, WILLIAM SADLER U. A.

 

Schön, Kevin Costner wohlauf zu sehen. Ein bisschen brummiger ist er geworden, im Hüftbereich spannt das Hemd und gesprochen wird nur mehr das Nötigste. Für einen Mittsechziger, der bald in die Rente hechten wird, nichts Ungewöhnliches, sofern er nicht der Filmbranche dient. Kevin Costner, der schnürt sich seine Hose gottseidank noch nicht bis zur Brust, und sein Fedora steht ihm gut, weil er noch dazu das auffällig selbstgefärbte Haupthaar verdeckt, das irgendwie lächerlich wirkt, ungefähr so wie bei Silvio Berlusconi. Natur wäre besser gewesen. Und die soziale Entfremdung? Womöglich seiner strafverfolgenden Laufbahn in vorliegendem Film geschuldet. Dort spielt er Frank Hamer, einen Texas Ranger außer Dienst, der aber wieder reaktiviert werden soll, weil womöglich ein ganz großer Fisch an seiner bald ausgeworfenen Angel baumeln könnte. Was heißt einer – zwei Fische: Nämlich das berüchtigtste Verbrecherpaar der Kriminalgeschichte – Bonny & Clyde.

Da denkt natürlich jeder Filmkenner an Arthur Penns bleihaltige Ballade selbes Titels, mit Warren Beatty und Faye Dunaway aus dem Jahr 1967. Die Bankräuber und mehrfachen Mörder mit einem kolportierten Sinn für Gerechtigkeit Marke Robin Hood waren ja tatsächlich Publikumslieblinge, allerdings der fragwürdigen Sorte. Soziale Gerechtigkeit sieht anders aus, jedenfalls nicht so wie Mord und Totschlag. Dieses Auflehnen gegen ein ungerechtes System heiligte anscheinend die Mittel, über die sich keiner der anfeuernden Normalbürger, die sich über ihre Veranda gelehnt und den beiden Turteltauben zugewunken hatten, den Kopf zerbrach. Oliver Stone hat dann Jahrzehnte später dem Benny & Clyde-Mythos mit Natural Born Killers die rosarote Brille vom Gesicht geschlagen. Bestien waren das, da braucht man gar nicht viel die Perspektiven wechseln. Und Bestien – die müssen gejagt werden. Also zurück zu Frank Hamer, der mit seinem Rentnerbuddie die R.E.D.-Gang um Bruce Willis aussehen lassen will wie ein Kaffeekränzchen. Nun, wenn Costner in den Waffenladen marschiert, um sich ein vom Staat gesponsertes Equipment von Faustfeuerwaffe bis Maschinengewehr zuzulegen, erinnert das ein bisschen an Michael Douglas in Falling Down, oder gar an einen Black Friday für Schwarzeneggers Cyborg-Alter Ego. Diesmal aber sind die beiden Opas aus Fleisch und Blut, und ihre mangelnde Agilität wird das Bleiarsenal schon ordentlich ausgleichen.

An Costners Seite agiert Woody Harrelson in zurücknehmender Haltung. Motivation sieht bei ihm meistens anders aus. Was das vielseitige Talent aus seiner Rolle des raubeinigen Mandy Gault herausholen kann, ist eine routinierte Hommage an Typen wie Clint Eastwood. Diese Interpretation hat aber auch schon Kevin Costner, also sind die beiden gesetzten Haudegen fast schon wie Brüder, obwohl Brüder ja meist grundverschieden sind. In The Highwaymen ergänzt Harrelson den anderen lediglich mit seinem lockereren Mundwerk, während Der mit dem Wolf tanzt in stoischer Nachdenklichkeit den schwer fassbaren, sträflich romantisierten Pistoleros in die Quere kommen will. Dabei stößt Costner relativ früh an seine schauspielerischen Grenzen, und auch John Lee Hancock, der unter anderem für das inhaltlich recht sperrige Hinter-den-Kulissen-Drama Saving Mr. Banks um Walt Disney einen recht geschmeidigen Zugang gefunden hat, verhaspelt sich dabei szenenweise vor allem in Sachen Tempo. Einerseits ist es ja schön und gut, die beiden Männer fürs Grobe näher kennenzulernen – aber ergiebig ist das nicht. Und ändert auch nichts daran, nicht unbedingt mehr von den beiden wissen zu wollen. Dadurch erzählt The Highwaymen relativ wenig und spult in ermüdendem Leerlauf die Chronik der Ereignisse ab. Spannender wäre es gewesen, Bonnie & Clydes Umstände nicht ganz auszusparen und mehr über den medialen Hype zu berichten. Verständnis für die beiden Kultkiller will der Film um nichts in der Welt aufbringen. So aber macht Hancock die „Bösen“ zu etwas unantastbar Besonderem, da das Konzept seines Thrillers es nicht vorsieht, von Costner und Harrelson abzurücken und das bürgernah Revolutionäre der Gesetzlosen zu hinterfragen. Am Ende lässt sich The Highwaymen zu einem Zugeständnis überreden, um nur für wenige Sekunden zum finalen Kugelhagel doch noch einen Seitenblick zu riskieren – auf eine personelle Staffage, die aber niemandem nützt.

Und so zieht sich die Netflix-Produktion in schnurgerader Eintönigkeit wie der Highway selbst durch karges Gelände, den Mördern beharrlich auf der Spur, was ein ganz gutes Bild der Fakten gibt, aber im Ganzen nur als der eine Teil eines komplexen Krimievents taugt, das Geschichte geschrieben hat. Sowohl im Film als auch im echten Leben.

The Highwaymen

Hellboy – Call of Darkness

KANALRÄUMEN IM MÄRCHENWALD

5,5/10

 

HB_D44-7761.ARW© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: NEIL MARSHALL

CAST: DAVID HARBOUR, MILLA JOVOVICH, IAN MCSHANE, DANIEL DAE KIM, SOPHIE OKONEDO, SASHA LANE U. A.

 

Das Zeitalter der Smartphones ist nichts für Dämonen wie Anung Un Rama, besser bekannt als Hellboy und investigativer Ermittler in Sachen paranormaler Umtriebe. Da braucht es schon Fingerspitzengefühl, und das hat der rote Kerl zumindest rechtshändig nicht wirklich. Da kann schon das eine oder andere teure Teil aufgrund überstrapazierter Wischfunktion zum sprichwörtlichen Teufel gehen. Wenn schon die Usability mangelnde Feinmotorik um Social Media bemühte Dämonen mit technischer Verachtung straft, muss wenigstens das Kino offen sein für ein Reboot, welches der zynischen Rothaut aus der Hölle grobmotorisches Hämmern und Dreschen gewähren lässt und von mir aus jede Menge kaputter Elektronik in Kauf nimmt, nur um einen gestandenen Kerl aus einem katzenverliebten und fernsehsüchtigen Sonderling zu machen, den wir unter Guillermo del Toros Regie lieben gelernt haben. Mitsamt seinem Compagnon, Fischling Abe Sapien und der Feuerlady Liz. Was war das für ein Trio, beeindruckend und schön anzusehen, souverän gegen die sinisteren Machenschaften anderer Kreaturen, die in ihrer Ästhetik kaum zu übertreffen waren. Guillermo del Toro hat dann doch lieber die Splish Splash-Poesie The Shape of Water gedreht und Oscars dafür kassiert. Seinen Hellboy, den hat er schmählich im Stich gelassen, wo er doch vermutlich selbst gewusst haben muss, dass niemand sonst die mythische Dark Fantasy jemals wieder so meisterlich aus den Grunge-Niederungen emporheben wird können. Hellboy-Schöpfer Mike Mignola wusste das auch. Oder gerade, weil er es wusste, sollte der Ansatz für weitere metaphysische Abenteuer ein anderer sein. Vielleicht näher an der gezeichneten Vorlage. Und weniger verspielt, dafür viel blutiger, dreckiger, derber. Könnte funktionieren, auch um nicht dauernd den comicfilmgeschichtlich relevanten Zweiteiler Del Toros im Hinterkopf zu haben. Allein – die Rechnung geht nur bedingt auf. Und der Vergleich mit Ron Perlman lässt sich leider – oder trotzdem – nicht unterdrücken.

Mike Mignola hatte, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, das alles wirklich so gewollt. Auf sein Bestreben hin wurden Neil Marshall und David Harbour dann wirklich die zweite Wahl für eine krude Schlachtplatte, die wenig zimperlich legendäre Mythen aus Sagen- und Märchenwelt auf einen Nenner herunterbricht, der sich letzten Endes nicht ganz entscheiden kann, ob er absichtlich trashige Low Fantasy sein will oder doch noch mit der schillernden, kreativen Epik aus dem Hexenkessel des Spaniers kokettieren soll. Im Mittelpunkt: die Figur des Hellboy selbst, penibel maskiert und aufgepumpt zu einem martialischen Schrank von einem Mann mit abgesägten Hörnern und versifftem Columbo-Gedächtnismantel, natürlich mit Luke für seinen peitschenartigen Rattenschwanz. Harbour ist als Neuansatz der Figur gar nicht mal so anders als Ron Perlman. Vielleicht etwas versoffener, weniger herzlich und deutlich lebensunlustiger. Ein Anti-Held wie aus einem Film Noir, der fast schon darunter leidet, unkaputtbar zu sein und nur mit Projektilen, zusammengemixt aus heiligen Reliquien, verwundbar scheint. Ein bisschen erinnert das an den Charakter von Tom Ellis als Lucifer aus gleichnamiger Serie. Nur Lucifer selbst ist der Leibhaftige, während Hellboy ein Mischwesen ist, im Grunde aber dessen Sohn, und darüber hinaus Erbe von etwas ganz anderem, das in Hellboy – Call of Darkness zum Thema wird.

Vieles dreht sich um die spätrömische Mittelalter-Ikone in Gestalt von König Artus, welcher Blood Queen Nimue (wer sonst außer Milla Jovovich sollte sie verkörpern?) am Pendle Hill nach ausgiebiger Blutspende zerstückelt und in alle vier Winde verstreut hat. Rund die halbe Weltgeschichte später versucht das boshafte Frauenzimmer erneut, mithilfe eines aufrecht gehenden Warzenschweins, das irgendwie aus dem Kreaturenfundus der Ninja Turtles entkommen zu sein scheint, unseren Planeten für all den monströsen Abschaum aus der Unterwelt wohnlich einzurichten. Welche Rolle Hellboy dabei spielt, bleibt an dieser Stelle natürlich ein Geheimnis, doch es braucht eine Weile, bis der von inneren Krisen gebeutelte Freak seinen Vater-Sohn-Konflikt hintenanstellt, um die Sache in die steinerne Hand zu nehmen. Und die ist, wie wir wissen, für Feinheiten nicht zu haben. Neil Marshalls Film auch nicht.

Der Film fühlt sich an wie Bloody Mary ohne Kater, schmeißt von Riesen über kinderfressende Hexen bis zu Heeren an spitzohrigen Kobolden viel Potenzial respektlos in einen Topf und kocht ein Süppchen, das wild fabulierend und gestikulierend einiges an dramaturgisch stimmigem Taktgefühl niederrennt und mit wild schwingenden rostigen Klingen Extremitäten über die Leinwand schleudert, als wären wir Gast im Titty Twister. Da fällt mir wieder Robert Rodriguez ein, der sich durchaus auch mit Hellboy vertragen hätte. Das von ihm und Tarantino so verehrte Grindhouse zwischen Machete und Planet Terror hätte nun mit Hellboy – Call of Darkness nämlich einen weiteren Knüller im Spätabendprogramm einiger Bahnhofkinos. Für übernachtige Nerds, die klassische Mythen gerne mit creepigem Grusel und schlampigen CGI-Effekten im Handgemenge eines Monster-Wrestling-Parcours verkeilt sehen, ein gefundenes Fressen mit fettigen Fingern. Der Weg dorthin führt mitunter durch die stehenden Blutlachen eines Warhammer-Schlachtfelds. Del Toro´s Kreationsstil bleibt aber dennoch zumindest ansatzweise gewahrt, ganz besondes in der atmsophärisch wohl gelungensten Szene des Filmes im Hexenhaus der Hexe Baba Jaga oder in den alptraumhaften Giganten, die gelegentlich aus den Erdspalten steigen. Ein kleines bisschen Rest an künstlerischer Raffinesse, wie Balsam auf rissiger Haut.

Dieses Wirrwarr allerdings entbehrt nicht ein gewisses Vergnügen an der reinen Lust durcheinanderplappernder hässlicher Schauermärchen, die wahnsinnig weit entfernt sind vom Marvel- oder DC-Kosmos und durch ihre räudige Rauflust einen ganz eigenen Stil entworfen haben, der ab heute ganz allein Hellboy gehört. Wegnehmen wird es ihm niemand.

Hellboy – Call of Darkness

Sweet Country

TRISTESSE IM BUSCH

6/10

 

sweetcountry© Grandfilm 2017

 

LAND: AUSTRALIEN 2017

REGIE: WARWICK THORNTON

CAST: HAMILTON MORRIS, SAM NEILL, BRYAN BROWN, EWAN LESLIE U. A.

 

Wenn vom Weltuntergang die Rede ist, dann ist das für viele sicherlich irgendeine kataklysmische Einwirkung aus dem Weltall. Dass die Vernichtungen ganzer Kulturkreise, die ihre eigenen Welten hatten, bereits stattgefunden haben, wird mangels globaler Relevanz gerne vergessen. Das Schwarzbuch der Menschheit kann hier Abhilfe schaffen. Oder eben Filme. Wie zum Beispiel Sweet Country. Dieser sagen wir mal Western aus Down Under ist ein Drama, das eine reale postapokalpytische Welt beschreibt, und zwar für jene, die uns allen als das Volk der Aborigines geläufig ist. Das Urvolk Australiens braucht eigentlich nicht mehr auf Armageddon zu warten. Genauso wenig die Ureinwohner Tasmaniens, wurden die doch komplett ausgelöscht. Diese historische Tendenz zur Volksvernichtung und ein spätes (Unter)bewusstsein für Verantwortung könnte womöglich auch der Grund sein, warum australische Filmschaffende gerne auf postapokalyptische Szenarien zurückgreifen. Mad Max zum Beispiel, die Kult-Endzeit schlechthin. Oder das Netflix-Zombiedrama Cargo. Gerne als Geheimtipp gehandelt: The Rover von David Michôd mit Robert Pattinson. Düster, düsterer – australische Zukunft. Sweet Country spielt zwar nicht in der Zukunft, fühlt sich aber genauso an. Was genau denn, so fragen kritische Stimmen, soll man gesellschaftlich Erbauliches aus der Terra incognita eigentlich berichten? Die Fauna und Flora, ja, die ist einzigartig, keine Frage. Die Wüsten, das Outback und vor allem die Küsten im Westen, vorzugsweise menschenleer.

In Warwick Thorntons grimmigem Anti-Heimatfilm sind viele der Ureinwohner devote Helfer der Weißen, nur ein Hungerlohn unterscheidet sie vom Dasein als Sklaven. Die Weißen – die sind bis auf wenige Ausnahmen hässliche, raue Männer, die keine Liebe kennen, keine Achtung und keinen Respekt. Thorntons weiße Männer sind Monster, quälen den Unterdrückten, berauben ihn der Freiheit und keifen ihn zu einem Häufchen Elend zusammen wie einen Hund, der vom Napf des Herrchens kostet. Szenenweise erinnert Sweet Country an 12 Years a Slave – vor allem in seiner Schilderung der zeternden Tyrannen, die niemandem Rechenschaft schulden und die in ihrem Glauben an das Faustrecht des Stärkeren denken, alle Rechte der Welt zu besitzen, auch die für Mord und Missbrauch. Das ist gesetzlose Anarchie nach dem Zusammenbruch einer staatlichen Ordnung. Oder dort, wo gar keine hinkommt, ähnlich wie im wilden Westen, wo der Arm des Gesetzes kurz ist. Nur – in Australien ist die Weite nur bedingt erschließbar, der Busch undurchdringlich, und das, was erschließbar ist, radikaler gesäubert oder assimiliert. Jenseits davon – das Niemandsland für das letzte Häufchen Einwohner, die dem Faustrecht ohnmächtig gegenüberstehen.

Sam Neill als eremitischer Farmer ist in Sweet Country aber einer der Guten. Allerdings der einzige. Bei ihm haben die Aborigines Sam, dessen Frau und beider Nichte ein gutes Auskommen als manch ein Indigener anderswo. Doch die Revierherren angrenzender Territorien ticken da ganz anders, schnorren Farmer Neill für ein paar Tage das Personal ab und behandeln dieses natürlich wie den letzten Dreck. Als die drei zurückkehren, hetzt einer der herrischen Unmenschen ihnen nach, um sie wegen dem Verschwinden eines anderen Knechts zu belangen – und eröffnet das Feuer. In dieser brenzligen Situation greift Sam selbst zur Waffe – und knallt den Weißen ab. Folglich ist dieser Freiwild, und das Gesetz, oder das, was von ihm übrig ist, folgt dem Flüchtenden hinterher. Allerdings wohl mehr aus einem rassistisch geprägten Impuls und aus Rache als aus einem Bewusstsein für Recht und Ordnung. Tief ins Outback hinein führt die Suche nach jemandem, der nur aus Notwehr gehandelt hat.

Die Aussichten für den indigenen Australier Sam sehen schlecht aus, das spürt man als Zuseher in jeder Sekunde. Der Hass auf jene, denen das Land gehört, verflucht den Boden unter deren Füßen. Was daraus wuchert, ist körperliches wie seelisches Leid. Der Australier John Hillcoat hat 2005 einen nicht weniger zermürbenden Hexenkessel zwischen bröckelnder Zivilisation und Wildnis geschaffen – The Proposition mit Guy Pearce lässt das Blut zwar noch mehr in den staubtrockenen Boden sickern als Sweet Country – der nihilistische Grundtonus ist bei beiden Filmen aber ähnlich. Ein Spaziergang ist diese Art des Western Noir wirklich nicht, schon gar nicht, wenn es letzten Endes nicht mal mehr Hoffnung gibt. Hillcoat sowie in diesem Fall Thornton zeichnen ein hoffnungsloses Bild jenseits von Känguru, Uluru und Bumerang, auch wenn die menschenfeindliche Natur als dramaturgischer Joker in die Karten der verfeindeten Parteien gemischt wird. Die Tristesse dieses ethnischen Schicksals legt sich in bleierner Resignation wie ein grauer Schleier über den Film, der jegliche Zuversicht filtert – selbst das Abendrot birgt bereits die Bürde des kommenden Morgens. Der wird für einige nicht mehr anbrechen, was angesichts dieser kaputten Koexistenz zwischen Whitefellas und Blackfellas vielleicht sogar das geringere Übel ist.

Sweet Country

Triple Frontier

NEHMEN WAS MAN KRIEGEN KANN

6/10

 

triplefrontier© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. C. CHANDOR

CAST: OSCAR ISAAC, BEN AFFLECK, PEDRO PASCAL, CHARLIE HUNNAM, GARRETT HEDLUND U. A.

 

Da gibt es dieses Abenteuer-Brettspiel, es nennt sich Drachenhort. Da ziehst du als mittelalterlicher Krieger durch ein Labyrinth, in dessen Zentrum sich der Hort des Drachens befindet. Ähnlich wie Dungeons & Dragons, habe ich aber noch nie gespielt. Beim Drachenhort, da kannst du, wenn der Drache schläft, Schätze raffen. Und das kannst du immer wieder tun, bis der Drache dann doch erwacht – und du alles verlierst. Die Gier war in diesem Fall ein Hund, beim nächsten Mal wird dein Vorgehen womöglich weiser und leiser sein. Wenn es denn ein nächstes Mal gibt. Beim Brettspiel lässt sich das bewerkstelligen. Im simulierten Leben eines Filmes zwar auch, aber das hängt ganz davon ab, ob wir einen Groundhog Day haben oder es Kohle für ein Reboot gibt. In Triple Frontier steht beides nicht zur Wahl. Da müssen die fünf Söldner, darunter Ben Affleck, Oscar Isaac und Charlie Hunnam, sofort die richtige Entscheidung treffen – und vielleicht ihre Gier zügeln, bevor der schnaufende Riese erwacht. Ich könnte hier jetzt noch andere Sprichwörter bemühen, welche die neue Netflix-Produktion in einer abschließenden Moralpredigt auf einen Einzeiler reduzieren. Aber das würde vielleicht zu viel über den Film verraten. Obwohl sehr bald absehbar wird, wohin der ganze Einsatz führen wird.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich zumindest in der ersten Filmstunde darauf warten, endlich das unverwechselbare Botox-Konterfei Sylvester Stallones zu erhaschen. Stattdessen habe ich „Poe Dameron“ vor mir, der seine alte Militärgang zusammentrommelt, um einem Drogenboss im brasilianischen Dschungel das Handwerk zu legen. Darüber hinaus soll der Drachenhort des Bösewichts geplündert werden und in die eigene Tasche wandern. Millionen, die da winken. Jeder kann sie brauchen, vom Piloten bis zum kühlen Kopf der Planung. Alles erinnert unweigerlich an den wilden Haufen der Expendables, nur weniger selbstironisch, ernsthafter und im Stile eines Tom Clancy-Thrillers, der zwar mit Politik nichts am Hut hat, seine Helden aber unter der Flagge trotzigem Es-Steht-mir-zu-Idealismus in die grüne Hölle schickt. Thriller wie diese ohne politischen Bezug gibt es ja kaum mehr, Triple Frontier ist so eine Reminiszenz an die alte Schule der 80er, als Chuck Norris noch Missing in Action war oder Arnold Schwarzenegger als Phantom-Kommando seine Tochter retten musste. Aufgesetzt ernsthaft, plakatives Actionkino pur. Triple Frontier erinnert daran, wird aber durch seine begleitende Parabel über die Gier zu einem fingerzeigenden Haudrauf-Märchen und tauscht den moralinsauren Lerneffekt gegen eine gewisse Schadenfreude. Der Fischer und seine Frau fällt mir da noch ein – oder Hans im Glück. Nur Hans im Glück ist froh, den Klumpen Gold nicht mehr tragen zu müssen, während unsere Robin Hoods den für den karitativen Selbstzweck unter den Nagel gerissenen Reinerlös niemals nicht liegenlassen würden. Niki Lauda hätte gesagt: „Wir haben ja nichts zu verschenken!“ Ein Geizgeständnis, das natürlich Folgen hat. Und die führen quer über die Anden. Zwischen Stoßtrupp Gold und Three Kings wird obendrein also noch ein recht solider Survivaltrip mit Heli, Muli und per pedes.

J.C. Chandor hat sich nach Finanz- und Ein-Mann-Katastrophen (Margin Call, All is Lost) dem Genre des Actionfilms zugewandt. Das beschert landschaftliche Augenweiden, viel Grün und Exotik. Chandor weiß sehr gut, wie er die Umgebung in seinen Film miteinbezieht. Seine Figuren aber bleiben, was sie sind: stereotype Haudegen, Männerrollen wie aus den Bastei Lübbe-Heftchen, unwahrscheinlich fit, selten gesegnet mit Selbsterkenntnis und in naivem Heroismus ehr-geizige Ziele verfolgend. Das ist charakterlich recht obsolet und flach, einen Kreise ziehenden Mehrwert hat das handfeste Rififi keinen. Dafür aber wird bei den Rollenklischees nicht so schwarzweißgemalt wie es bei einem Film wie diesen eigentlich zu erwarten war. Alles in allem also ein Abenteuer in rutschfesten Stiefeln und mit jeder Menge Kleingeld – wie ein Erlebnisurlaub für harte Kerle im Krisengebiet mit niemals sinkender, aber sickernder Moral, die uns klarmacht: Geiz ist nicht immer geil.

Triple Frontier

Nach einer wahren Geschichte

LASS DICH VON DER MUSE KÜSSEN

6/10

 

NACH EINER WAHREN GESCHICHTE© 2018 Studiocanal

 

LAND: FRANKREICH 2017

REGIE: ROMAN POLANSKI

CAST: EMMANUELLE SEIGNER, EVA GREEN, VINCENT PEREZ U. A.

 

Wie flötete die deutsche Band Relax in den Achtzigern nicht so schön: „A weißes Blattl Papier, das liegt scho Stunden vor mir…“ Treffender könnte ich es auch nicht formulieren, wenn es darum geht, den kreativen Stillstand von Delphine de Vigan in knappe Worte zu fassen. Die Bestseller-Autorin, die tut sich für ihr neues Werk sichtlich schwer. Denn es soll nicht irgendein Buch werden, es soll sogar noch besser werden als der heißgeliebte Vorgänger, für welchen Delphine stundenlang Autogramme und Interviews geben muss. Autoren sind da ordentlich unter Druck, Erwartungen zu erfüllen und Gewesenes zu toppen. Da kann man von Glück reden, wenn da plötzlich jemand ist, der Tür und Tor öffnet für neue Ideen. Doch dieser jemand ist sonderbar genug, um ihn vielleicht sogar als Hirngespinst abzutun, als eine aus dem Nichts erschienene Muse, die nur sichtbar ist für die Künstlerin selbst – oder doch nicht? Ist Elle, wie sich die Fremde und bald unangenehm Vertraute nennt, nicht doch so real wie alle anderen? Doch warum ist sie allgegenwärtig, während all die anderen sozialen Kontakte sich bald rar machen? Und warum hat Elle vis a vis von Delphines Wohnung Unterkunft bezogen? Zufall? Oder ist es der kranke Geist eines manischen Fans, der die Wortgewandte stalkt und endlich zum Schreiben des einzig wahren, großen Romans nötigt?

Die Kritiker waren diesmal wenig angetan von Roman Polanskis jüngstem Film. Amerikas Persona non Grata, mittlerweile auch schon weit über 80 Jahre alt, besinnt sich allerdings – und das ist für manche, die seine frühen Werke nicht kennen, vielleicht nicht sofort zu erkennen – auf die Wirkung seiner psychologischen Suspense, wie er ihn bereits in Der Mieter oder Ekel famos zur unverwechselbaren Handschrift ausformuliert hat. Natürlich ist Der Mieter, mit Polanski selbst in der Hauptrolle, um ganze Zinshäuser erschreckender und beklemmender. Auch Ekel ist um Längen dichter und intensiver als Nach einer wahren Geschichte. Warum aber die unheilvolle Schreibblockade einer Schriftstellerin, die tatsächlich existiert und tatsächlich diesen Roman über sich selbst geschrieben hat, dennoch seinen ganz eigentümlichen Reiz hat, das liegt in der Absenz einer definierten Wahrheit. Ob alles nur Einbildung ist oder die einnehmende Seelenverwandte real ist, bleibt Vermutung. Fakt ist zumindest, dass Delphine dank ihrer Home-Invasorin, die noch dazu wie selbstverständlich Kost und Logis fordert, wirklich wieder das Schwarze aufs Papier bringt. Und das ist nicht unbedingt die große, innere, einzig wahre Autobiographie von Delphine selbst, sondern etwas ganz anderes. Etwas, das gefährlich werden kann. Und es dauert nicht lange, da stellt sich sowas wie Abhängigkeit ein, ein Gefüge aus Meister und Diener.

Was so klingt wie Stephen King´s Misery, ist ansatzweise tatsächlich so. Nur leiser, versteckter, fast unauffällig ereignislos. Knochen splittern hier keine, dafür aber bleibt der Schreiberling da wie dort ans Bett gefesselt und ist der Gnade oder Ungnade eines monströsen Egos ausgeliefert. Das Heil in der Flucht sucht Polanski´s Ehefrau Emmanuelle Seigner aber nicht vor gekränkter Wut, sondern eigentlich vor sich selbst und ihrer Verantwortung den Lesern gegenüber. Schreiben ist also immer noch ein Zwiegespräch mit sich und seinen inneren Dämonen, Ängsten und einem tadelnden Gewissen. Aber auch das ist nur eine Auflösung von vielen, die diese seltsamen Vorkommnisse erklären können. Nach einer wahren Geschichte ist ein astreiner Polanski, das merkt man an den Dialogen, an der schwelenden Paranoia des Alltags. Fast aber hätten Seigner und Eva Green das Vorhaben des polnischen Meisters konterkariert. Das Spiel von Ex-Bond-Liebe Eva Green ist zu offensichtlich maskenhaft, Subtilität fehlt hier ganz. Und Emanuelle Seigner wirkt manchmal zu verschlafen, um die bizarren Umstände auch wirklich in vollem Ausmaß wahrzunehmen. Das lässt das Psychospiel manchmal zu schleppend wirken, und oft tritt Nach einer wahren Geschichte auf der Stelle, wenn Polanski zu betont alles im Unklaren lassen will. Wer den bewährten Grundtonus seiner intellektuellen Paranoia-Krimis aber zu schätzen weiß, wird am Ende doch versöhnlich schmunzeln.

Nach einer wahren Geschichte

Widows – Tödliche Witwen

VIER FRAUEN UND EIN TODESFALL

5,5/10

 

widows© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVE MCQUEEN

CAST: VIOLA DAVIS, ELIZABETH DEBICKI, MICHELLE RODRIGUEZ, COLIN FARRELL, CYNTHIA ERIVO, LIAM NEESON, DANIEL KALUUYA, ROBERT DUVALL U. A.

 

Fünf Jahre ist es schon her, seit der Brite Steve McQueen mit seiner Leidensgeschichte 12 Years a Slave das Kinopopcorn im Halse stecken hat lassen. Eine Schaffenspause, schön und gut, nach so viel emotionaler Schwere durchaus legitim. Sein neuester Streifen ist zwar um einiges leichter, aber immer noch ein finsterer Brocken an Film, der sich sicherlich nicht auf die leichte Schulter nehmen lässt. Im Kern ist Widows – mit dem banalen deutschen Zusatz Tödliche Witwen – ein Heist-Thriller aus dem urbanen Randbezirk, voller windschiefer Politiker, Korruption und vertuschten Morden. Das gabs im amerikanischen Thriller-Genre natürlich schon des Öfteren, wie zum Beispiel The Drop, ein nicht weniger finsterer Krimi des Belgiers Michaël R. Roskam, mit James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen. Auch Ben Affleck´s The Town fügt sich bequem ein in dieses Subgenre sozialkritischen Räuberpiostolen in diffuser moralischer Grauzone. Widows ist dann doch etwas anders, da sich der Film im Zuge der aktuellen weiblichen Casting- und Umbesetzungswelle männlich dominierter Franchises als reine Damen-Rochade behauptet. Ein feministischer Film Noir also, der das Schicksal von drei völlig unterschiedlichen Frauen herausfordert, die allesamt mehr oder weniger vor dem Nichts stehen, nachdem die überhebliche Dominanz ihrer risikofreudigen männlichen Partner zu nichts anderem geführt hat als zu den Kosten für eine Beerdigung, die garantiert nicht zur Seite gelegt wurden. Stattdessen rückt der sinistre schwarze Bezirkspolitiker Manning der trauernden Viola Davis auf die Pelle, um 2 Millionen Dollar zurückzufordern, die ihr verstorbener Gatte den politisch motivierten Gangstern abgeluchst zu haben scheint.

Es wären keine tödlichen Witwen, würden sich diese auch nur irgendwie einschüchtern lassen. Natürlich, mit der Angst bekommen Sie es sehr wohl zu tun. Doch mit diesen Wassern, mit denen gewiefte Frauen eben gewaschen sind, lässt sich die Sauerei an Männerwirtschaft, die da hinterlassen wurde, zumindest mal in der Theorie ganz gut wegschaffen. Mit einem 5 Millionen-Doller-Bonus, der da winkt, dank eines schlauen Notizbuches von Ganove Liam Neeson, der einmal mehr mit seinem knorrig-impulsiven Gastauftritt womöglich dank eines klugen Rollen-Managements jenseits seiner Action-Stereotypie zeigt, was er sonst noch kann. Allerdings nur in wenigen Szenen, doch diese sind wichtig, um dem Plot seine Twists machen zu lassen, die auch nicht von ungefähr kommen, da Starautorin Gillian Flynn (Gone Girl, The Girl on the Train) gemeinsam mit McQueen das Drehbuch verfasst hat. Was einige von euch womöglich nicht wissen: Widows beruht auf einer britischen TV-Serie, und die wiederum auf einer Romanvorlage von Lynda La Plante. Zum zweistündigen Kriminaldrama zusammenkomprimiert, ist Widows auf jeden Fall illustres Schauspielkino, das kernige Cameos wie die eines Robert Duvall durch den Sumpf des Verbrechens waten lässt. Die resolute Viola Davis ist wie meist von einer tief verwurztelten, spaßbefreiten Tragik erfasst, und Elizabeth Debicki als blond-blasser, verletzlicher Engel entgleitet wohl am Deutlichsten die Balance des Lebens. Als diabolisches Schreckgespenst des Kleinstadt-Terrors: Daniel Kaluuya, bekannt geworden aus Get Out.

Dennoch – auch wenn all diese strauchelnden und bedrohlichen Gestalten recht glaubwürdig agieren – bis auf wenige Momente weiß Widows nicht wirklich zu berühren. Die kalte, herbstgraue Ödnis der Chicagoer Peripherie ist die richtige Kulisse für kalte, herbstgraue Egozentriker, die nur sich selbst als Nächsten wähnen, auch wenn der Reverend der örtlichen Gemeinde das solidarische Soll mit Inbrunst predigt. Geliebt wird hier eigentlich niemand, maximal der Schoßhund von Viola Davis – die Idee, das Glück eines anderen zu schmieden, findet in einer Welt des Übervorteilens und Unterdrückens kein Gehör. Das macht all die Damen und Herren hier nicht wirklich sympathisch, und wieso soll ich als Zuseher Mitgefühl mit jenen haben, die, sozial isoliert, ausschließlich eigennützig agieren. Gut, es sei den vier Frauen der Erfolg ihres Unterfangens schon vergönnt, das demonstrativ emanzipierte Schnippchen natürlich sehr gerne geschlagen. Der unnahbare Stil des Filmes aber, die eigenwillige, zugegeben durchaus interessante Methode, gesprochene Dialoge zeit- und ortsversetzt zu platzieren, Gesprächspartner gar nicht mal zu zeigen und Sequenzen in relativ groben Cuts miteinander zu verflechten – das alles trägt nicht wirklich dazu bei, Berührungspunkte mit dem Publikum zu schaffen. Das macht Widows zu einem affektiert kaltschnäuzigen Thrillerdrama, das relativ ignorant sein Ding durchzieht. Ob dieses dann gelingt, ist bei solchen Leuten wie im Film für mich fast schon irrelevant.

Widows – Tödliche Witwen

Peppermint: Angel of Vengeance

DIE RACHE EINER MUTTER

6,5/10

 

peppermint© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PIERRE MOREL

CAST: JENNIFER GARNER, JOHN GALLAGHER JR., JOHN ORTIZ, JUAN PABLO RABA, ANNIE ILONZEH U. A.

 

Es gibt nichts Fürchterlicheres als sein eigenes Kind zu verlieren. Noch dazu durch Gewalteinwirkung, erschossen von einem Killerkommando, am Geburtstag der Kleinen, ein paar Tage vor Weihnachten. Assoziationen mit tatsächlichen Ereignissen aus Straßburg oder Berlin werden wach. Da kommt wirklich alles, woraus die Hölle einer stolzen Mutter besteht, zusammen. Und nicht nur das – der Papa muss auch noch daran glauben. Das Böse nimmt vor gar nichts mehr Rücksicht, nicht mal mehr vor Kindern. Ein Pech für die Mörder, nämlich dass die letzte Bastion aus dem Mikrokosmos Familie dem Schicksalssturm weiterhin trotzt – und zwar nichts Geringeres als die Institution Mutter. Und der Zorn einer solchen, der kann endlos sein. Mindestens so verheerend wie jener eines John Wick, der nur sein Auto zurückwill und für seinen getöteten Hund Vergeltung übt. Die tödliche Effizienz von Jennifer Garner hat allerdings einen längeren Vorlauf. Ganz zu Beginn, da ist sie noch ein biederes, gebrochenes Häufchen Elend, seelisch zerrissen und auf Gerechtigkeit hoffend. Doch die macht sich rar – zu groß die Angst vor dem Damoklesschwert eines mächtigen Drogenkartells, zu korrupt die Justiz, um die angeklagten Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was also bleibt, ist die Wahl der Waffen – zu denen Frau greift, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um wie eine Nemesis die Unterwelt mit Vernichtung zu strafen.

Das tut Riley North aka Jennifer Garner dann auch. Und neben ihr wirken Gesinnungsgenossen wie Bruce Willis aus Death Wish maximal so, als hätten sie beim wöchentlichen Lotto-Jackpot nicht mal einen Dreier gemacht. Empfinden also halb so viel, wie Riley North es tut. Ein Glück, dass Garner ihr schauspielerisches Soll mit sehr viel Ehrgeiz erfüllt. Ihre Figur der wutentbrannten und verstörten Trauernden ist längst nicht so das plakative Abziehbild einer Killer-Queen, wie manch einer vielleicht vermuten würde. Selbstjustizler gibt es im Actionkino nämlich wie Sand am Meer, mehr davon männliche als weibliche. Im Grunde aber immer das gleiche Szenario. Was soll also an Peppermint anders sein? Eine berechtigte Frage. Überraschend sind solche Filme längst nicht mehr. Basierend auf dieser Bestandsaufnahme ist es viel wichtiger geworden, dem – sagen wir mal – Anti-Helden (denn Selbstjustiz kann niemals DIE rechtschaffene Lösung sein) mehr Struktur zu verleihen. Ihn nicht mehr nur mit einem markigen Spruch auf den Lippen ins Feld ziehen zu lassen, unzerstör- und vorhersehbar. Spätestens da wird der Thriller Marke Eigeninitiative zur Charakterstudie – und wieder sehenswerter und interessanter. Und wie Peppermint durchaus lohnenswert, gesehen zu werden. Garners Figur ist also weit mehr als ein zorniges Phantom-Kommando. Immer wieder fällt sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Leidet, am Boden zerstört, wirkt plötzlich kraftlos, geschlagen, resignierend. Und dann rafft sie sich wieder hoch. Zu verlieren hat sie ja schließlich nichts mehr, außer die Gelegenheit auf Rache. Ob das ihren Schmerz tilgen kann, ob das Töten der Peiniger tatsächlich zur Katharsis wird – das wagt Pierre Morel nicht wirklich zu bejahen. Für den Zuseher ist es jedenfalls eine Genugtuung, das war zumindest in Morel´s Filmen der 96 Hours-Franchise mit Liam Neeson schon so. Nachgesehen hat man Actionopa Neeson damals alles. Und wenn das bei ihm schon so war, dann bei Jennifer Garner erst recht. Also punktet Peppermint weniger mit den bewährten Mechanismen einer blutigen Mission quer durch einen ganzen Drogenring, sondern vielmehr mit dieser bildlichen Verbissenheit einer der mütterlichen Verpflichtung verschriebenen Tötungsmaschine, die manchmal gar nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Diese Wut ist ansteckend. Trotz der vielen Leichen, die Riley North´s Weg pflastern, wird sie nicht kleiner, nur verzweifelter. Aber zumindest nachvollziehbar. Für jeden, der Kinder hat.

Wenn schon, dann reflektiert Peppermint etwas mehr als andere Genrekollegen die Effizienz einer solchen Lynchjustiz, wenngleich die bösen Buben, die als eindimensionale Schießbudenfiguren weitestgehend von jeglicher Biografie befreit sind,  wirklich nur dazu da sind, um tödlich bestraft zu werden. Das macht diesen schwermütigen Reißer immerhin wieder zu einer Art Popcornkino für Freunde projektilreicher Heimsuchungen, was er letzten Endes auch sein soll. Nur mit dem Bisschen mehr an bitterer Wut im Bauch.

Peppermint: Angel of Vengeance