The Informer

MÄNNER MIT TATTOOS

6,5/10

 

the-informer© 2019 Senator Home Entertainment

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDREA DI STEFANO

CAST: JOEL KINNAMAN, ROSAMUNDE PIKE, COMMON, CLIVE OWEN, ANA DE ARMAS, MARTIN MCCANN U. A. 

 

Küss die Hand, Herr Kerkermeister, ich bin wieder da! So singt schon seit den 80ern die Erste Allgemeine Verunsicherung vom Verweilen hinter schwedischen Gardinen. Was in diesem Liedchen noch für eine heimelige Zellenatmopshäre mit Assel sorgt, definiert sich in den Kittchens der USA stets mit schwerfälligen Muskelgiganten und deren Tattoos. Hast du kein Tattoo, bist du kein Verbrecher. Oder einfach nicht cool genug, um einer zu sein. Hast du keine, musst du klein und unscheinbar sein, denn je kleiner und unscheinbarer, desto mehr hast du das Zeug zu deligieren. Auch das wird aus dem Gefängnis kolportiert. Und das Personal ist sowieso so korrupt, das es schlimmer kaum geht. In so einen Häfen muss Special Ops-Agent Pete Koslow, selbstredend Dauergast beim Tätowieren, wieder zurückkehren, um der Drogenmafia das Handwerk zu legen. Was erstmal so aussieht wie eine gemähte Wiese, nämlich, dass Koslow nach verrichteter Arbeit wieder gemütlich aus dem Gefängnis spaziert, darf später bei all den Betroffenen nicht ganz unbegründet für Panik sorgen. Pete wird fallengelassen. Und muss sich auf eigene Faust freikämpfen.

Lock up könnte man sagen. Doch statt Sylvester Stallone darf diesmal Joel Kinnaman (u.a. Robocop, die Serie Hanna, Staffel 1) die Läusedusche über sich ergehen lassen. So finster wars im Knast schon lange nicht. Und so adäquat finster kann auch nur Joel Kinnaman dreinschauen, der wirklich nichts zu lachen hat. Das sind bewährte, aber knallharte Versatzstücke für einen wenig schienbeinschonenden Härtefall von Thriller, der auf spannende und mitunter gehörganglädierende Art zeigt, wie sehr ein Mann mit Erfahrung und einigem Abgucken von Mac Gyver den aussichtslosen Blick in die Zukunft abwenden kann. Daheim bangt Ana de Armas mit unvermuteter Lockenpracht, und FBI-Agentin Rosamunde Pike quält das Gewissen. Waren das alle namhaften Stars in diesem Film? Nein, Clive Owen ist das cellophanartige Zerrbild eines schmierigen Über-Leichen-Gehers. Und Rapper Common (Oscar für den Song Glory) von der CIA-Fraktion kommt einiges Spanisch vor.

Das Casting für die in Haft sitzende Belegschaft in diesem Film dürfte viele ärmellose Feinripps kommen und gehen gesehen haben, nicht ohne gewissen Unterhaltungswert. Kinnaman hat man seine wuchtigen Gemälde natürlich raufappliziert – und er ist auch unterm Strich der richtige Mann für diese Drecksarbeit, die Andrea di Stefano (Escobar – Paradise Lost) hier ergrimmte Gemüter machen lässt. Ein kurzweiliger, wenig zimperlicher Thriller mit allerlei Agenten- und Intrigenkram, der in seiner zornigen Art Althasen wie Stallone oder Schwarzenegger den Escape Plan klaut.

The Informer

47 Meters Down: Uncaged

WIR SIND JUNG UND BRAUCHEN DEN KICK

5,5/10

 

47metersdown_uncaged© 2019 Concorde

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOHANNES ROBERTS

CAST: SOPHIE NÉLISSE, CORINNE FOX, BRIANNE TJU, SISTINE ROSE STALLONE, JOHN CORBETT, NIA LONG U. A.

 

Wie oft nur muss man das diesen jungen Leuten denn noch verklickern? So ähnliches lernt der Mensch doch schon als Kind: Messer, Gabel, Scher´ und Licht…. Später dann die Baderegeln beim Schulschwimmkurs: Springe niemals in unbekannt Gewässer, nebst vollem Magen und all das übrige. Später dann beim Tauchschein: Unerforschte Höhlen sind tabu. Zumindest haben sie das Buddy-Prinzip berücksichtigt, diese vier Girlies, die sich im brütend heißen Tropensommer auf Yucatan in einem Waterhole mitten im Dschungel vergnügen. Und da ist da noch die Taucherausrüstung eines Forscherteams, das gerne gehabt hätte, dass Bikinischönheiten sich nicht an den bereits fein säuberlich arrangierten Gegenständen vergreifen. Kinder, das kostet alles Geld! Aber wo kein Kläger, da kein Richter. Und wo augenscheinlich keine Gefahr, lässt sich durchaus auch mit dem Adrenalinspiegel die Sonne reflektieren. Ganz in der Nähe gibt’s nämlich eine versunkene Maya-Nekropole. Eine kleine Ehrenrunde ziehen in diesem völlig unerforschten Areal kann ja niemanden schaden? Nein, natürlich nicht, niemanden außer euch ;-). Denn was haben wir gelernt: Unbekanntes Terrain, Höhlentauchen…? Das Ganze ohne Flossen natürlich, wer braucht die schon?

Man lernt nur aus Erfahrung, also schmeissen sich unsere Galgenvögel in die Tarierjackets und los geht’s. Wir wissen schon angesichts des Titels 47 Meters Down: Uncaged, dass dieser dreiste Abstecher zum Verhängnis werden wird. Denn die vier sind nicht allein. Monströse Höhlenhaie treiben ihr Unwesen. Und wie das mit dem blinden Huhn und dem Korn eben so ist, schafft es auch ein Knorpel wie dieser hier im Film, sein Frühstück zu organisieren.

Johannes Roberts, Alptraummärchenerzähler für Taucher und Hai-Phobiker, hat es wieder getan. Nach seinem raffinierten Erstling 47 Meters Down, in dem es tatsächlich so viele Meter nach unten ging, dümpeln nun seine schadenfroh belächelten Opfer nicht ganz so tief in der Salzsuppe. Taucherkrankheiten sind diesmal nicht das große Übel, wenigstens ist die Nullzeit auf der Habenseite. Das Übel resultiert diesmal aus der vollkommenen Desorientierung in unbekanntem Gebiet. Klaustrophobie und Leute, die beim Tauchen bereits so ihre Panikmomente hatten, seien vielleicht vor einem Flashback gewarnt. Dazwischen fiese Fische und auch so manche Strömung, die natürlich frei nach dem Bernoulli-Effekt stärker wird, je schmäler die Durchgänge sind. Sauerstoff wird logischerweise auch ziemlich knapp, und interessanterweise nimmt Roberts das mit der kontinuierlichen Abnahme selbigem trotz luftverzehrendem Wimmern hinter den Atemmasken nicht ganz so genau. Im Film lässt sich das ja machen, doch man sollte aufpassen, den Zuseher nicht ganz so sehr für dumm zu verkaufen. Nach allen Gesetzen der Logik wäre der Film womöglich ein kurzer Spaß. Oder aber es wäre gar nichts passiert, denn Haie verhalten sich normalerweise auch nicht so wie diese hier. Das sind aber auch zugegeben erschreckende Biester, da gewinnt Spielbergs Weißer Hai ja geradezu einen Schönheitswettbewerb.

Doch allen Meckereien und der fehlenden psychologischen Raffinesse zum Trotz ist 47 Meters Down: Uncaged womöglich einer der Filme, die man zum unterhaltsamen Zerstreuungs-Thrill kurz vor dem bevorstehenden Urlaub, wenn alles schon gepackt ist, auf die Liste setzen kann. Dazu vielleicht einen oder zwei Tequila.

47 Meters Down: Uncaged

Semper Fi

KODEX DER MUSKETIERE

5,5/10

 

3T3A6614.CR2© 2020 Kinostar

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: HENRY ALEX RUBIN

CAST: JAY COURTNEY, NAT WOLFF, FINN WITTROCK, BEAU KNAPP, ARTURO CASTRO, LEIGHTON MEESTER U. A. 

 

Semper Fi – das klingt wie eine spezielle Akustik bei Audiogeräten. Ist es aber natürlich nicht. Denn Semper Fi ist Latein, die Abkürzung für Semper Fidelis und der Leitspruch der US Marines, der soviel bedeutet wie: für immer treu. Die Jungs, die in diesem Corps also ihren Dienst verrichten, die schenken sich alles, sind auch privat füreinander da. Müssen ausbaden, was ein anderer angerichtet hat. Zumindest scheint das so in vorliegendem Männerfilm, der als Copthriller genauso durchgeht wie als hemdsärmeliges Familiendrama und Flucht-Actioner. Zu viel von allem? Nein, das nicht. Vielleicht aber zu austauschbar.

Worum geht´s? Ex-Suicide Squad– und Terminator Genysis-Haudegen Jay Courtney agiert – durchaus überzeugend – als faustfreundlicher Streifenpolizist und gleichzeitig als Marine-Reservist, der jederzeit eingezogen werden kann, wenn Mütterchen USA ihn gerade benötigt. Um fit zu bleiben, darf an Wochenenden brav trainiert werden. Sein Halbbruder Oyster (Nat Wolff) ist ebenfalls ein Marine, zieht aber privat jede Menge Zores an wie Honig so manche Fliege. Der ältere Bruder, der muss es immer wieder gradebiegen – und wird ab und an ebenfalls rabiat. Wen wundert´s, beide sind unter ziemlich entbehrlichen Verhältnissen aufgewachsen, der gerade Weg ins Licht ist mit so manchen Versuchungen gepflastert, die schon mal hinter schwedische Gardinen bringen können. Eine solche Einweisung steht für Oyster kurz bevor, als beide wieder mal für den Krieg in Nahost eingezogen werden sollen. Der kleine Bruder bleibt daheim, wandert wegen Mordes in den Knast, und was tut die übrige Familie, wenn sie Unrecht sieht? Zu drastischen Mitteln greifen.

Dieses Treue-Ehre-Vaterland-Pathos ist womöglich der soziale Kleber, der diese ganze US-Militärmschinerie auf sozialem Wege zusammenhält. So entstehen Verbindlichkeiten in was für einer Gruppe auch immer, denen man sich nicht mehr so schnell entziehen kann. Das geht weder moralisch noch sonst wie. Um diesen Kodex nicht irgendwann schleifen zu lassen, tätowieren sich manche die Bezeichnung desselbigen irgendwohin – am Besten auf den Unterarm. Das hat Jay Courtneys Filmfigur auch gemacht. Und der appelliert natürlich an seine Brüder, mit ihm an einem Strang zu ziehen und seinen Bruder aus dem Gefängnis zu befreien. Das ist routinierte Thrillerdramatik, die wir so schon sehr oft so gesehen haben. Beim Einblick in die örtliche Besserungsanstalt trifft man auch wieder auf Soziopathen unter der Wärtergilde, die aus Spaß an der Freude den meist Unschuldigen bis aufs Blut schikanieren. Dieses Knastbild ist schon so oft kolportiert worden, wenn da nicht die Sensationslust auf Prinzip des Stanford-Prison-Experiments wäre. Aber die ist nun mal da und so funktioniert auch dieser Film bis zu einem gewissen Punkt, denn unschuldig weggesperrt will das Publikum natürlich keinen sehen. Wenn dann einer wie Courtney die Moral dann noch so verbiegt, damit sie wieder rechtschaffen erscheint, fühlt man sich gleich von allen möglichen Zwängen befreit, die uns der Rechtsstaat aufbürdet. Die Bruderschaft geht nun mal vor, da helfen alle Gesetze nichts. Familie, mit dem Kodex der Marines doppelt gemoppelt, setzt sich darüber hinweg. Schön, füreinander da zu sein. Einer für alle, alle für einen. Und das bringt Durchschnittsmime Courtney diesmal aber durchaus punktgenau zum Ausdruck, wenn auch sonst manches beliebig scheint.

Semper Fi

7500

IM COCKPIT HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10

 

7500© 2019 Universum

 

LAND: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2019

REGIE: PATRICK VOLLRATH

CAST: JOSEPH GORDON-LEVITT, OMID MEMAR, AYLIN TEZEL, MURATHAN MUSLU, CARLO KITZLINGER, PAUL WOLLIN U. A. 

 

Ungefähr so könnte es gewesen sein: Mohammed Atta und seine Begleiter könnten vielleicht auf diese Art ins Cockpit der American Airlines-Maschine gelangt sein. Ist die Tür mal auf, stürmen wildgewordene Wüteriche, mit klebebandumwickelten Glasscherben bewaffnet, ins Allerheiligste des Fliegers und nutzen den Überraschungsmoment zu ihren Gunsten. Sie erlangen Kontrolle über ein Flugzeug, dass zum Beispiel ins World Trade Center donnern wird. Bei einem anderen dieser Flugzeuge am Morgen des 11. September konnten die Passagiere zumindest so viel Widerstand leisten, um den Vogel zumindest nicht auf dicht besiedeltem Gebiet abstürzen zu lassen. Paul Greengrass hat mit Flug 93 die Geschehnisse innerhalb dieses Flugzeugs rekonstruiert.

Patrick Vollrath, deutscher Kurzfilmregisseur und Schüler Michael Hanekes, der mit seiner Abschlussarbeit Alles wird gut sogar für einen Oscar nominiert wurde, hat sich so seine Gedanken gemacht, wie eine solche Situation auch ganz anders ausgehen hätte können. Dabei nimmt er eine radikale Reduktion vor, die in so einem extremen Fokus überhaupt noch nicht zu sehen war: sein Film spielt einzig und allein auf den wenigen Quadratmetern eines Cockpits. Stirb langsam auf engstem Raum, der Heimvorteil liegt beim Piloten, die Terroristen sind aggressiver als es der ominöse Hans Gruber jemals war, und es ist vorne wie hinten kaum Platz, um zu agieren. Gut, wir kennen Filme, die in stark begrenzten Räumen spielen, aber meist sind das Ein-Personen-Dramen, in denen hauptsächlich gesprochen wird. 7500, der sich mit dieser vierstelligen Kennzahl auf den Code für eine Flugzeugentführung bezieht, lässt aber gleich mehrere Personen aufeinander los. Im Mittelpunkt steht Joseph Gordon-Levitt als US-Pilot Tobias, der in Berlin lebt, und der gemeinsam mit seiner türkischstämmigen jungen Frau, eine Stewardess, während des Fluges Berlin-Paris Dienst schiebt (beide haben einen Sohn, das macht das Drama später noch unerträglicher). Alles sieht nach Business as usual aus. Bis das Flugzeug in der Luft ist, die Anschnallzeichen ausgeblendet sind und das Bordpersonal den Piloten das Sandwich serviert. Ab da bricht die Hölle los. Und ich meine Hölle, denn dieses Kammerspiel ist nichts für schwache Nerven.

Cockpit-Horror könnte man sagen. Und Vollrath, bei diesem Film fast schon ein Regie-Genie, nutzt innerhalb dieses vor Ecken, Kanten, Armaturen und Blicklichtern nur so strotzenden Raumes alle möglichen Quellen, um den Horizont auch nach außen hin zu erweitern. Niemals jedoch sieht man das Flugzeug als solches. Es gibt keine Pyrotechnik, keine großen Stunts, auch kein einziges Mal blickt Vollrath ins Hintere des Flugzeugs. Was man sieht, ist das, was vor verschlossener Tür passiert. Was man hört, ist das dumpfe Schreien, das Rangeln und Wimmern hinter dem Vorhang. 7500 reduziert alles, aber nur auf das Wesentliche, und lässt uns zum ratlosen Piloten werden. Die Essenz, die zurückbleibt, hat durch die wenigen akustischen wie visuellen Akzente einen stärkeren Impact als es herkömmliche Action meist je hätte. Vieles entsteht im Kopf, die Psychologie des Films triezt die Ungeduld bis zur Entwarnung und das Cockpit wird zum Panic Room. Fast scheint es, als müsste der Zuschauer interagieren, als müsste er, statt sich von üppigem Zinnober plätten zu lassen, den Film vor seinem geistigen Auge räumlich weiterdenken. Die Tür, die über Leben und Tod vieler entscheidet, die muss halten. Was auch immer da draußen passiert – lass keinen hinein! Ob es das Leid Unschuldiger ist, die als Druckmittel getötet werden oder das immerwährende, zermürbende Anlaufen wie mit einem Rammbock gegen die Macht über das Flugzeug. Es ist in jedem Fall ein Kampf um die Burg.

Gordon-Levitt (u. a. The Walk, The Dark Knight Rises) gibt alles. Er schreit, er heult, er fasst neuen Mut, er versucht, rational zu denken – bislang seine stärkste Performance. Vorstadtweiber-Star Murathan Muslu als stiernackiger Grimm und vor allem Omid Memar als völlig unberechenbarer, psychisch labiler Hysteriker geben dem Nervenkrieg noch mehr Zunder, und selbst hat man bald das Gefühl, sich ebenfalls anschnallen zu müssen, um nicht panisch irgendwo hinzurennen.

Action muss längst nicht mehr Kawumm sein, Action kann auch assoziativ sein oder einfach in der Ungewissheit über das unmittelbar Bevorstehende liegen. Das Ganze so zu implementieren ist Vollrath gelungen, nämlich mit den wenigsten Mitteln das Bestmögliche herauszuholen. Lange schon war ein Film nicht mehr so spannend und nervenaufreibend wie dieser.

7500

21 Bridges

LOCKDOWN FÜR EINE NACHT

4/10

 

21Bridges© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA 2019

REGIE: BRIAN KIRK

CAST: CHADWICK BOSEMAN, SIENNA MILLER, J.K. SIMMONS, TAYLOR KITSCH, KEITH DAVID U. A. 

 

Was machen all die Schauspieler aus dem MCU, wenn sie darauf warten müssen, endlich wieder in ihre gewinnbringenden Rollen zu schlüpfen? Sie verlassen sich auf ihre Agenten, die einen Plan B haben und ihnen Jobs vermitteln, die die Kaffeekassa zwar klingeln lassen, in den Filmgeschichtsbüchern aber nicht mal eine Fußnote wert sind. Einer dieser Stars, der nun Filme dreht, weil er Schauspieler ist, schlüpft normalerweise in die Rolle des Black Panther und nennt sich Chadwick Boseman. Der hat für einen urbanen Polizeithriller unterschrieben, der sich wiederum 21 Bridges nennt und in welchem Brücken ungefähr so eine große Rolle spielen wie die Freiheitsstatue in der Hudson Bay von New York, die im Film nur aus der Entfernung schemenhaft zu erkennen ist. Die Brücken sind auch mal kurz zu sehen, doch abspielen tut sich dort gar nichts. Tatsächlich geht’s darum, den Stadtteil Manhattan mal für eine Nacht runterzufahren und von der übrigen Metropole abzuschotten, da zwei Verbrecher hier irgendwo in den Straßen ihr Unwesen treiben und die natürlich am besten gestern gefasst werden müssen, da sie sich als Copkiller versündigt haben, nebenbei aber noch Hamsterladungen Rauschgift mit sich herumschleppen. Dann klappen wir mal die Brücken hoch, so die Exekutive. Ein Lockdown bis zum Morgengrauen. Das war’s dann auch schon mit den Brücken. Hätte sich da nicht mehr daraus machen lassen können, also mit den Brücken zumindest? Wäre es nicht naheliegend gewesen, diese 21 Brücken irgendwie einzubinden in die nächtliche Hatz?

Stattdessen ist Brian Kirks erste Spielfilmregie Business as usual. In jedem gefühlt zweiten Polizeifilm, so auch in diesem, sind Polizisten schwächer als ihr Berufscodex, und folglich korrupt – selbige Blase zieht sich meist sehr weit und hat gute Connections zur Unterwelt. Dass die Blauuniformierten hier nicht schon längst auf die Barrikaden gestiegen sind, um sich über deren Darstellung im Kino zu beschweren, wundert mich eigentlich. Oder ist da wirklich so viel Wahres dran, dass sich ein ganzes Berufsfeld gar nicht mal so verunglimpft fühlt? Polizisten sind in solchen Filmen leicht austauschbare Stereotypen geworden. Boseman macht hier auch keine Ausnahme. Ein traumatisierter Ehrgeizler, verkniffen und bis zum Komplex unlocker. Dieser Filmfigur kommt keiner nahe, und das nicht, weil sie so gefährlich aussieht oder entsprechend agieren würde. Man kommt ihr genauso wenig nahe wie einem Magistratsbediensteten kurz vor dem Parteienverkehr an einem Montagmorgen. Boseman steckt sein Terrain ab, und eigentlich lädt er uns nicht ein, ihm zu folgen. Da folgen wir lieber den beiden Killern – einer davon Ex-John Carter on Mars Taylor Kitsch – die ganz von selbst in einen mörderischen Strudel Richtung abwärts kreisen. Ihre Performance ist kein Vergleich zu den ermittelnden Guten, die in ihrer verschlafenen Pflichterfüllung eigentlich nur tun, was sie tun müssen. Bei Sienna Miller suche ich auch vergeblich nach dem Kick-Off für ihre Rolle, so zerstreut und mit undefiniertem Hangover zappelt sie hinter Chefermittler Boseman her, dem der Brückenschlag zu seiner teilnahmslosen Assistentin aus dem Drogendezernat einfach nicht gelingen will.

21 Bridges

The Rhythm Section

WAS DICH NICHT UMBRINGT…

5/10

 

therhythmsection© 2020 Leonine

 

LAND: USA 2020

REGIE: REED MORANO

CAST: BLAKE LIVELY, JUDE LAW, STERLING K. BROWN, MAX CASELLA, RICHARD BRAKE U. A. 

 

Wieder ein Film, der sich der Virus-Diktatur hat beugen müssen: The Rhythm Section mit Blake Lively und Jude Law. Hätte in die Kinos kommen sollen, wurde aber auswaggoniert und fürs Streaming zur Verfügung gestellt. Die Kino-Nerds danken – wie sonst sollen sie up-to-date bleiben, wenn später mal alles Verschobene auf einmal kommen soll und die Lichtspiel-Agenda an Terminen nur so überquillt. Der Film kam natürlich auf die Liste. Und war dann, obwohl Livelys neuer Look zumindest im Trailer stylishes Spannungskino im Stile von Atomic Blonde versprochen hat, doch eher ein verhaltenes Vergnügen. Diese Ernüchterung bezieht sich auf ein gravierendes Plausibilitätsproblem, das eben nicht nur The Rhythm Section hat, sondern auch einige andere themenverwandte Filme im Vorfeld schon hatten.

Eine sagen wir mal normale Bürgerin oder normaler Bürger wird mit einem traumatischen Schicksal konfrontiert: die plötzliche Auslöschung eines geliebten Menschen – oder gleich mehrerer, vielleicht sogar der gesamten Kernfamilie, mit der man unter einem Dach gelebt hat. Das Verschulden eines solchen Unglücks kann unterschiedlich sein, allerdings wird von US-Drehbuchautoren sehr gerne das Motiv des Terroranschlags bemüht, und wenn dieses Motiv schon zu sehr abgegriffen ist: das stinknormale, aber nicht weniger verheerende Verbrechen. Ganz klassisch: Charles Bronson oder später Bruce Willis, die in Death Wish zum reuelosen Racheengel werden. Auch ein Film wie American Assassin lässt einen völlig unauffälligen Studiosus innerhalb kürzester Zeit zum Profi-Agenten mutieren, der im Action-Hero-Modus mit dem fiesesten Dschihadisten konkurrieren kann. Und jetzt Blake Lively. Durch einen Flugzeuganschlag verliert die ebenfalls junge, blitzgescheite und verwöhnte Studentin ihre gesamte Familie. Das ist natürlich eine furchtbare Tragödie. Normalerweise holt man sich da psychologische Hilfe oder wird vom Rest der Familie (den es meist geben muss) aufgefangen. Gibt es den nicht, sind es Freunde, die Blake Livelys Filmcharakter sicherlich gehabt haben muss. Aber nein: in The Rhythm Section gibt es gar nichts, weder Familie noch Freunde, und Lively rutscht ganz tief runter in den Drogenkeller, um sich mit Prostitution das Geld für den nächsten Schuss zu verdienen. Um da wieder rauszukommen braucht es Selbstdisziplin. Was alleine schon Stoff für ein Drama wäre. Aber daraus, so finde ich, kann kein Rachethriller werden, weil es mir einfach nicht plausibel erscheint, dass ein entsprechend wohlerzogener Mensch plötzlich zur gestählten Agentin mutiert, die auf der Vendetta-Schiene fährt. Dieses Schema ist viel zu platt. Das Ganze sieht vielleicht maximal so aus wie im Traumadrama Aftermath mit – aufgepasst – Arnold Schwarzenegger, der ebenfalls Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und auf ganz andere Weise und in all seinem (völlig nachvollziehbaren und solide vorgetragenen) Schmerz den Verantwortlichen für diese Katastrophe zur Rechenschaft ziehen will. Das ist verhaltenspsychologisch tatsächlich plausibel. The Rhythm Section ist es nicht, im Gegensatz wiederum zu Atomic Blonde, deren Figur eine entsprechende Vergangenheit mit sich bringt. Zumindest wird Lively nicht zur  Killerin, denn dann hätten wir eine zweite Nikita, wobei ihr Look sowieso schon an Luc Bessons Kampfamazone erinnert. Sagen wir mal es ist eine Hommage 😉

So viel zu Filmen wie diesem. Auch wenn Blake Lively sich im Gegensatz zum eintönigen Jude Law wirklich ins Zeug legt und herausholt, was man aus so einer Rolle nur herausholen kann: Depression, Drogensucht, Trauer, ein verquollenes Gesicht, tränende Augen und unendliches Selbstmitleid. Das passt inklusive perfektem Makeup alles gut zusammen, und zwar so gut, dass die talentierte Schauspielerin auf alle Fälle einen besseren Film verdient hätte und nicht die Verfilmung eines gefühlt x-beliebigen Belletristik-Thrillers, dessen inhaltliches Konzept, oft verbraten, nur noch wenige Überraschungen birgt. Wenn schon das Thema bürgerlicher Rache aus dem Dunstkreis der genügsamen Mittelklasse, dann Aftermath. Für einen Thriller wie diesen ist The Rhythm Section nämlich viel zu sehr vom Reißbrett.

The Rhythm Section

The Hunt

BEAT THE RICH

7/10

 

THE HUNT© 2020 UNIVERSAL STUDIOS All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

REGIE: CRAIG ZOBEL

CAST: BETTY GILPIN, HILARY SWANK, EMMA ROBERTS, ETHAN SUPLEE, JUSTIN HARTLEY, AMY MADIGAN U. A.

 

Sowas aber auch! Da hat sich Präsident Trump ja dermaßen auf den Schlips getreten gefühlt – und mit ihm die ganzen MAGAs, die so große Stücke auf den ersten Mann im Staate halten, der sich oft wiederholt, vieles vage formuliert und sich kaum auf Expertisen verlässt. Braucht er nicht, er ist ein politisches Wunder und vielem erhaben. Allerdings – kränken lässt er sich trotzdem. Und ein Skandal ist schnell gemacht. Von Obamagate fehlt nicht mehr viel zum Hunt-Gate – oder: Willkommen zur fröhlichen Schubladisierung der eigenen Klientel! Blumhouse hat sich mit seiner Thrillersatire The Hunt keinen Gefallen getan – oder aber auch jeden nur erdenklichen. Denn nichts macht einen Film interessanter als ein Skandal, als die Empörung über ihn. Und das noch dazu im Vorfeld, ähnlich wie bei Terry Georges Armenier-Epos The Promise. Kaum einer dieser Ankläger hat den Film je gesehen, doch wettern lässt sich über Kolportiertes natürlich sehr leicht. Es ist wie stille Post: wenn´s von einem Ohr zum anderen wandert, werden die infamen Frechheiten in solchen Filmen immer dreister. Wobei ich mir ernsthaft die Frage stelle: weswegen?

Weil das Häufchen Menschen, die sich, entführt und geknebelt, in einem Wäldchen wiederfinden, um von Unbekannten wie in die Luft geworfene Tauben abgeknallt zu werden, aus Stereotypen besteht, die dem Spektrum Trump-Wähler zuzuordnen sind? Hut ab vor denen, die das rauslesen konnten. Ich hab´s jedenfalls nicht erkannt, dafür segnen gut zwei Drittel aller Kandidaten viel zu rasch das Zeitliche, um überhaupt sagen zu können, welche politische Gesinnung die hätten. Alles was zählt ist anscheinend die Statistik. Aber gut – immerhin dürften es Leute sein, die dem Establishment auf ihre Art den Rücken kehren und kaum so leben wie die Reichen, Schönen und Vielbeschäftigten. Im Gegenteil – diese Reichen, Schönen und Vielbeschäftigten, diese CEOS und Stakeholders und sonstigen Kapazunder, die standen bei manch einem zum Freiwild erklärten armen Teufel auf dem Kieker. Aus genervtem Augenrollen wird bitterer Ernst. und die Damen und Herren im Anzug, die nicht wissen wohin mit dem ganzen Geld, blasen zum Halali. Die Trefferquote ist hoch – und unschön für die Auserwählten. Das Blut spritzt, eine Prise Gore darf auch noch sein. Nichts für Zartbesaitete, doch längst keine Challenge für Hartgesottene.

Was sich anfühlt wie ein zynischer Mix aus Surviving the Game und Natural Born Killers, bekommt erst seinen unberechenbaren Topspin mit dem Auftreten einer der wohl coolsten Bräute seit Uma Thurman in Kill Bill: Betty Gilpin. Spätestens dann wird The Hunt zu ihrer ganz eigenen Showbühne. Die Dame weiß, wie Mimik sonst noch geht, wie gegen die Norm gebürstet man in Anbetracht solch verqueren Ereignissen ein gewisses Quantum an Radikalvernunft bewahrt. Und wie ein verkaterter Montag-Morgen, an welchem einem am Besten niemand in die Quere kommen sollte, zur schlafwandlerischen Trotzphase wird. Gilpin checkt sehr bald, was Sache ist – und verbiegt die Regeln des Spiels. Wobei, wie schon die Macher des Films betonten, hier gern gedroschene Phrasen sowohl von der Elite als auch vom nörgelnden Durchschnittsbürger wie Blindgänger durch die Botanik brechen. Ernsthafte Kritik an wen auch immer ist das keine, vielleicht auch, weil Medien kaum eine Rolle spielen, die aber als allseits bekannte vierte Macht noch mehr zu sagen hätten als nur auf Social Media die Kampfarena hochzufahren. Dafür will The Hunt viel zu gerne einfach nur ein Actionthriller sein, der die Verachtung des jeweils anderen schürt.

Ob George Orwells Schweinchen namens Schneeball oder das Gleichnis vom Hasen und der Schildkröte – Regisseur Craig Zobel will einen scheinbar determinierten Algorithmus im Klassenkampf unterwandern: sozialphilosophisch wird The Hunt jedoch nie werden, dafür aber ist er so gut wie das wutschnaubende Kopfschütteln über populistische Aufmacher einer Boulevardzeitung. Betty Gilpin als zynische Aktivistin wieder Willen ist dann jene, die vom Pöbel bis zum arroganten Charakterschwein all die Schmierblätter zerknüllt und in die Tonne kickt. Das wiederum hat Klasse.

The Hunt

Air

ATEMLOS DURCH DEN SCHACHT

5,5/10

 

air© 2015 Sony Pictures International

 

LAND: USA 2015

REGIE: CHRISTIAN CANTAMESSA

CAST: NORMAN REEDUS, DJIMON HOUNSOU, SANDRINE HOLT U. A. 

 

Nein, dieser Film handelt nicht von der französischen Synthie-Pop-Band gleichen Namens. Er handelt – ganz ohne viel Hang zur Fehlinterpretation – tatsächlich von Luft. Die ist knapp bemessen, oder wir könnten auch sagen, es gibt sie gar nicht mehr so, wie wir sie kennen. Ist mir da nicht unlängst so etwas Ähnliches auf Netflix über den Weg gelaufen? Ja natürlich, der Film hieß IO, und auch dort war unserer Atmosphäre nicht mehr wirklich danach, weiterhin atembar zu bleiben. Eine fragwürdige neue Zusammensetzung der Bestandteile führte bei IO also zum großen Exodus – und einem Lockdown der ganzen Erde. Bei IO konnten die Menschen zumindest entkommen – was für ein Glück, technisch gesehen ordentlich was weitergebracht zu haben, sonst wären wir alle gnadenlos erstickt. In Air ist der Worst Case anscheinend passiert. Homo sapiens mit Schnappatmung, danach das Ende. Die Technik: leider in den Erwartungen ganz weit hinten, und nichts innovativ genug, um dem Planeten den Rücken zu kehren. Was tut Mensch also, um nicht komplett aus den terranischen Geschichtsbüchern zu verschwinden? Er versetzt das Wissen der Menschheit in Gestalt renommierter wissenschaftlicher Koryphäen auf ihrem Gebiet in Tiefschlaf – um sie dann wieder daraus hervorzuholen, wenn die menschengemachte Kontamination der Atmosphäre (Auslöser dafür waren womöglich Kriege) wieder neutralisiert ist. Wenn es denn so weit kommt. Bewachen und Warten muss das Ganze natürlich auch irgendwer – zwei sagen wir mal Facility Manager, oder schlicht und ergreifend technisch versierte Hausmeister, die das Standby am Laufen halten. Die dürfen alle 6 Monate ebenfalls erwachen, um nach dem Rechten zu sehen. Und natürlich kommt, wie es kommen muss – die Technik versagt, und scheinbar nirgendwo gibt es Ersatzteile, um das Handwerkerduo wieder in Tiefschlag versetzen zu können. Ein Königreich für einen Baumarkt! Die Zeit drängt, denn nach zwei Stunden schaltet sich die automatische Sauerstoffzufuhr wieder ab.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Technik in Air weit davon entfernt ist, mit dem Exodus zu fremden Planeten zu liebäugeln. Wir haben es hier mit Konsolen aus dem Fundus der antiken Enterprise zu tun. Ein Knopfgewusel und Herumgeblinke, selbst für stark Fehlsichtige nicht zu übersehen. Bildschirme aus der Prä-Apple-Klassik-Zeit. Und Videorecorder, um Aufgezeichnetes abzuspielen. In diesem Knöpfe- und Schalterkeller verrichten Walking Dead-Star Norman Reedus und Djimon Hounsou ihre Pflicht, und sie halten es gerade mal miteinander aus, wohlwissend, kurzerhand wieder weiterzuschlummern. Einer von den beiden hat aber ein Geheimnis, und das macht die ganze Szenerie durchaus interessant – wie es eben bei Zwei-Personen-Filmen interessant werden kann. Air ist ein sichtlich niedrigbudgetiertes B-Movie – angesichts des Equipments, das sich selbst für unsereins relativ schnell zusammenstellen lässt, vorausgesetzt, man hat einen Hobbykeller im Eigenheim und das Eingelegte lässt sich hinter Planen gut verbergen. Doch warum nicht – es kommt doch immer nur auf das Wie an. Und eine Idee dahinter, die natürlich zünden muss. Demzufolge hat das Science-Fiction-Kammerspiel nicht wirklich etwas falsch gemacht. Es ist ein kleiner Film, fast schon ein Intermezzo oder sagen wir ein Präludium zu etwas Größerem, zum eigentlichen Hauptfilm, der aber nie kommt. Eine solide Spielerei ist Air geworden, ein Filmchen unter Freunden, durchaus bedrückend, nicht weniger postapokalyptisch wie I am Legend oder der neuseeländische Endzeitthriller Quiet Earth. Zumindest gibts ein Backup im Dornröschenschlaf. Bleibt nur die Frage, welcher Prinz im Blaumann für den Aufwachkuss die Lippen schürzt.

Air

Ready or Not

BRAUT UND SPIELE

7/10

 

readyornot© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TYLER GILLETT, MATT BETTINELLI-OLPIN

CAST: SAMARA WEAVING, ADAM BRODY, HENRY CZERNY, ANDIE MCDOWELL, MARK O´BRIEN U. A. 

 

Komm lieber Mai und mache – der Monat der Vermählungen ist da! Im Mai besiegeln verliebte Paare gerne die Zweisamkeit vor Gott und Gemeinde, doch den Paaren sei ans Herz gelegt: mit der Partnerin oder dem Partner heiratet man die Verwandtschaft auch gleich mit. Die sind ungefähr so wie das Kleingedruckte bei einem Mobilfunkvertrag, die sippenhaftenden AGB sind mit dabei, aber so genau will man’s eh nicht wissen, denn die heiligen Zeiten, an denen man zusammentrifft, die sind verkraftbar. Ein genaueres Auge aufs Gegenüber des Sprösslings werfen die Schwiegereltern, daher zeigt man sich von seiner besten Seite und macht mal bei jedem Blödsinn mit, auch wenn man ihn nicht für sinnvoll erachtet. In Ready Or Not will zumindest mal die Dame nicht der Spielverderber sein. Nachher aber bitte Flitterwochen, und zwar nur zu zweit. Falsch gedacht, aus dem Spiel wird ernst. Zumindest für manche. Andere, die haben nach wie vor Spaß dran, denn es geht darum, die Braut zu finden und um die Ecke zu bringen. Search and Destroy, wie es so schön heißt. Was zur Hölle ist mit dieser Sippschaft nur los? Die werden doch wohl nicht mit Mr. Livingstone aus Jumanji abstammen, der in Joe Johnstons Original genauso Jagd auf Zweibeiner macht wie es hier die ganze Familie tut – bewaffnet mit altertümlichem Killergerät von Armbrust bis Henkersbeil. Wenn die Braut also bis Sonnenaufgang überlebt, hat sie gewonnen. Nur – sie darf das aus keinen Umständen. Warum, bleibt hier ein Geheimnis.

Das alte, holzgetäfelte, mit Antiquitäten vollgestopfte Gemäuer ist ein wunderbarer Schauplatz für einen blutigen Krimi wie diesen. Erinnert ein bisschen an Knives Out, und könnte somit auch das Ambiente für einen Agatha Christie-Krimi sein. Ein bisschen so wie ihr Werk Und dann gabs keines mehr, nur dass hier alles am Kopf steht. Eine ernste Angelegenheit ist Ready or Not zum Glück nicht. Diesen Umstand verschuldet großteils eine umwerfende Samara Weaving – als die Braut, die ums Überleben kämpft, lädt sie ihr Publikum ein zum Mitfiebern, und keine Sekunde lang würde man wollen, dass dem unschuldig zum Handkuss gekommenen Freiwild etwas zustößt. Die Braut, die hat die Pole Position. Und alle anderen sind fast schon übliche Verdächtige, die auf eine gewisse Weise auch nur Opfer sind, in einer verfahrenen, äußerst pikanten Situation, die höheren Mächten unterliegt. Wer kein Blut sehen kann, muss des Öfteren – und am Ende sehr oft – kurz mal wegsehen. Kreativ gestorben wird obendrein, allerdings ist das Ganze sehr überzeichnet und amüsiert sich über ein gewisses erbschaftssteuerfreies Establishment, dass seine Langeweile mit prestigeträchtigen Sinnlosigkeiten verplempert, wie zum Beispiel die Jagd auf Großwild, um nicht in Verruf zu geraten. Der Großpapa hat´s vorgemacht. Das obligate Foto mit erlegtem Wild ist da nicht weit.

Solche Menschenjagden hat das Kino prinzipiell schon des Öfteren gesehen. Und auch demnächst soll der ungesichtete Vorab-Skandalfilm The Hunt auch zum On-Demand-Abrufen sein. Van Damme oder Ice-T sind bereits vor einer ähnlichen The Rich Kill-Gesellschaft geflohen, dieses Machtspiel zwischen den Klassen bringt jetzt nicht erst seit Parasite auch Familien an den Rand ihrer althergebrachten Existenz. Ready or Not kokettiert verhalten mit alten Mythen, mit dem gesellschaftlichem Horror freundlich erzwungener Zerstreuungsabende auf dem Spielbrett, trägt natürlich immens dick auf und ist wenig zimperlich, taugt aber für eine perfid-spannende Scherzpartie, die an ausklingenden Polterabenden auf der Fernsehcouch des Trauzeugen vielleicht ein bisschen sauer aufstoßen könnte.

Ready or Not

A Quiet Place

HAST DU TÖNE!

6,5/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOHN KRASINSKI, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE U. A. 

 

Besser spät als nie: den Überraschungshit von Ehepaar Krasinski/Blunt kann ich nun endlich von meiner Watchlist streichen. Die Kritikerstimmen aus dem Off ließen sich ja damals schwer ausblenden. Von innovativ bis sauspannend war alles zu hören. Ich ging in diesen Film also nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne einer aus medialer Beeinflussung resultierender Erwartungshaltung. A Quiet Place also. Horror vom Feinsten? Eigentlich – und zum Glück für mich – weniger.

John Krasinksis Idee ist natürlich genial. Er schafft eine alternative Realität, in der wie mit dem Finger geschnippt (ähnlich wie bei Thanos) eine wenig autochthone Spezies auftaucht, die urplötzlich am Ende der Nahrungskette steht. Ein Bio-Invasor allererster Güte, da können sich Kaninchen, Langschwanzmakaken oder all die Nachtbaumnattern auf Guam einiges abschauen. Aber nicht, dass man sich nun ein Invasionsszenario wie in Independence Day vorzustellen hat, nein. Das ist nicht das Einfallen einer intelligenten Zivilisation, ganz im Gegenteil. Diese Kreaturen sind Tiere niedrigsten Instinkts. Blinde Carnivoren, die nur eines verdammt gut können – na gut zwei Dinge – mindestens so gut hören wie eine Fledermaus und tödliche Ohrfeigen verteilen. Ich denke mal da spürt man fast nichts, denn diese artspezifische Maniküre macht jeden Widerstand zwecklos. Wenn diese Viecher also nichts hören, ist alles gut. Leise sein ist die oberste Devise. Das sind natürlich Einschränkungen, so will keiner leben. Aber es muss, anders geht’s nicht. Musik schallt nur mehr via Ohrstöpsel, und die Gebärdensprache ist das neue Englisch.

Die trauernde Familie Abbott (zu Beginn des Films gibt’s gleich den ersten Schicksalsschlag) hat es sich also fernab urbaner Gefilde recht kommod eingerichtet. Sie bewältigen den Alltag, die Kreaturen sind allgegenwärtig. Größtes Problem allerdings – und darauf hängt Krasinski seinen Spannungsbogen auf – ist die Schwangerschaft von Emily Blunt. Mehr brauche ich dazu nicht sagen: Babys schreien nun mal, wenn sie auf der Welt sind, und die Geburt selbst verläuft vermutlich auch nicht gerade im Flüsterton. Hier tut sich für mich schon das erste große Fragezeichen auf: warum nur wird Frau während dieser konstanten Katastrophe schwanger? Es ist ja nicht so, dass sie vorher schon, bevor das Fingerschnippen eingesetzt hat, schwanger wurde – nein. Sondern während bereits alles im Argen lag. Man muss mit der Krise leben, schon klar, aber ich mach´s mir nicht schwerer als es ohnehin schon ist. Was noch seltsam und gleichzeitig nicht ganz so durchdacht anmutet: der Film gewährt uns einen Einblick rund eineinhalb Jahre nach der – sagen wir mal – Invasion, und der Mensch mit seinem Stand des Wissens und der Technik hat es nicht geschafft, herauszufinden, womit man den Tieren Herr werden kann? Während der Koexistenz von Mensch und Tier haben es erstere ohnehin nicht nur einmal geschafft, ganze Spezies auszurotten. Das Halali zur Jagd überhört Homo sapiens nur ungern, Waffen sind genug gebunkert, das ganze Militär wäre endlich für etwas gut. Bio-Invasoren gehören natürlich verdrängt, um das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In A Quiet Place hat die globale Bevölkerung anscheinend keinen Finger gerührt. Sei´s drum, vielleicht sollte man hier nicht allzu viel über plausible Gegebenheiten nachdenken, vielleicht ist unsere Zivilisation schon von etwas ganz anderem vernichtet worden. Einblicke und Erklärungen gibt’s in diesem Film bis auf ein paar Spickzettel im Office des Papas keine. Das ist fast zu wenig. Aber gut. Was zählt ist die Idee, und die kostet Krasinski 90 Minuten lang aus. Wichtig ist ihm hier das Element des Hörens und Gehörtwerdens. Die Toneffekte sind genial, aus der absoluten Stille heraus werden gar leise Knackgeräusche zum explosiven Kick-off aus der Resignation. Weder Blunt noch Krasinksi noch sonst wer sind die Stars des Films, sondern der Sound. Das alleine ist ein Kunststück. Es ist das Duell zwischen einer aphonen Welt und dem Weltreich des Klangs. Das birgt jede Menge faszinierende Szenen, und nicht zuletzt ist auch das Wesen selbst ein dringend zu offenbarendes Ergebnis kreativer Creature-Designer, die ein Hör-Wesen geschaffen haben, das so noch nie zu sehen war. Für mich als Monsterfan eine Augenweide, fast schon so gut wie Gigers Xenomorph. Leise durch die Gegend tapsen werde ich nach diesem Film aber trotzdem nicht. Weil Geräusche können täuschen, traue ihnen nicht 😉

A Quiet Place