Die wundersame Welt des Louis Wain

KATZEN FÜRS VOLK

7/10


louiswain© 2022 Studiocanal GmbH / Jaap Buitendijk


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH / REGIE: WILL SHARPE

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, CLAIRE FOY, ANDREA RISEBOROUGH, TOBY JONES, SHARON ROONEY, AIMEE LOU WOOD, HAYLEY SQUIRES, STACY MARTIN, PHOEBE NICHOLLS, TAIKA WAITITI, NICK CAVE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Die Katzen tanzen ließ nicht erst Andrew Lloyd Webber mit seinem erfolgreichen Musical Cats. Da hat schon einer viele Dekaden früher seine Hausaufgaben gemacht, um den Stubentigern jenes Publikum zu gönnen, dass sie anscheinend verdient haben. Denn vor der Schaffenszeit von Louis Wain, einem britischen Zeichner des neunzehnten Jahrhunderts, waren die Samtpfoten allemal dazu da, die hauseigenen Gehöfte vor mäuseartigen Umtrieben zu bewahren.

Damals hieß es: Katzen! Wieso soll man Katzen als Haustiere halten? Hunde: ja. Hunde gingen und gehen immer. Aber Katzen? Die zeigen ja nicht mal im Geringsten Anflüge von devoter Treue. Sie tun das, was sie wollen und gucken halt süß, mit ihren großen runden Augen und den kleinen rosa Näschen, und je jünger sie sind, desto niedlicher scheinen sie. Heutzutage sind Katzenfotos und -videos die ungeschriebene Essenz des Social Media – ihr Tortenboden, wenn man so will. Katzen entstressen, befrieden und bringen soziale Differenzen auf den gleichen Nenner. Einfach, weil man sie zuhause hat und ihnen dabei zusieht, wie sie sich selbst genügen und auf erbarmungswürdige Art ihre Futtergeber um den Finger wickeln. Wie gesagt: Louis Wain hat das überhaupt erst initiiert. Durch ihn wird die Katze zur schrägen, vermenschlichten Figur, als Karikatur oder Comicstrip. Ob gestiefelt oder das Wollknäuel herumstoßend. Plötzlich wollten alle Katzen haben, Katzen sehen und Katzen – moiiii! – einfach niedlich finden.

Wer dieser Louis Wain eigentlich war, und warum er sich dazu hinreißen ließ, die kulleräugige Mimik der kleinen, miauenden Vierbeiner salonfähig zu machen, das zeigt nun im Kino eine Biographie, die viel probiert, Dinge auf unterschiedliche Weise sehen will und einen Benedict Cumberbatch in den Mittelpunkt stellt, der in seiner Eigentümlichkeit und Verschrobenheit Typen wie Newt Scamander aus dem Harry Potter-Universum als biedere Gesellen erscheinen lässt. Doch manchmal ist bei Cumberbatch Vorsicht geboten – er tendiert dazu, das Verhalten seiner Figuren vor allem dann zu überzeichnen, wenn dies längst nicht mehr notwendig scheint. Abgesehen davon weiß er jedoch ganz gut, ohne Marvel-Franchise zurechtzukommen. Charaktere gibt’s für ihn genug, das kann alles sein. Eben auch eine so traurige, verschrobene Gestalt wie Louis Wain, dem aufgrund all der Katzen und den dadurch erzeugten Glückshormonen eigentlich die Sonne aus dem Allerwertesten scheinen sollte. Tut es aber nicht. Schon allein deswegen, weil dieser – so wie fast jede Künstlerin oder Künstler in ihren oder seinen Biografien – mit der Liebe so sein Unglück hat. Bei Wain wars das Ableben seiner großen Liebe, die ihn aus dem Konzept geworfen und jene Veranlagung offenbaren wird, die in der Familie liegt: Schizophrenie.

So ein Leben zu bebildern, scheint ein Fass ohne Boden an Stilmitteln, Farbkästen und experimentierfreudigen Huldigungen an eine mannigfaltige Kunststil-Ära zwischen Bürgerlichem Realismus, Impressionismus und der frechen Form eines britischen Biedermeiers des viktorianischen Zeitalters. Regisseur Will Sharpe wechselt in seiner Bildsprache zwischen kitschigen Gemälden, Kaleidoskop und Guckloch. Überraschenderweise erinnern seine Settings an die enorme Detailverliebtheit eines Wes Anderson, was auch noch durch das 4:3 Bildformat unterstrichen wird. Sharpe gelingt ähnliches, nur bei Anderson sind diese Tableaus statisch, während Louis Wain sich darin weniger formelhaft zu bewegen weiß. In Die wundersame Welt des Louis Wain irrt ein zutiefst trauriger Don Quichote durch einen pittoresken Katzen- und Bilderwahn, durch Alptraumvisionen und enge, dunkel vertäfelte Zimmer, die den Zeichner von jenem Horizont abhalten, den dieser vielleicht gerne gesehen hätte. In diesem filmischen Kokon bleibt der Künstler, dessen Tierportraits später immer abstrakter werden, unentwirrbar hängen. Ihm zuzusehen, wie er die Chance verspielt, mit seinem künstlerischen Erfolg ein existenzielles Fundament zu setzen, entlockt Mitgefühl. Aber auch jede Menge Verständnis für flirrende Geister wie diesem, der in einer akkuraten Weltordnung nur Chaos erkennt.

Die wundersame Welt des Louis Wain

Ich, Daniel Blake

MIT HIOB DURCHS SOZIALNETZ

7/10

 

ichdanielblake© 2016 Prokino

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, BELGIEN 2016

REGIE: KEN LOACH

CAST: DAVE JOHNS, HAYLEY SQUIRES, MICKY MCGREGOR, MICK LAFFEY, SHARON PERCY, BRIANA SHANN U. A. 

 

Dank Corona kommen jetzt wahrscheinlich wirklich alle zum Handkuss. Nur nicht das Virus. Das Geld wird knapp, Kredite können nur mehr schwerlich getilgt werden, der Handel ist am Sand, Insolvenz scheint das neue Unwort zu sein, weil Corona als solches wirklich keiner mehr hören kann. Allerdings muss nicht zwingend ein Virus die menschliche Gesellschaft, so wie wir sie kennen, lahmlegen. Es können auch schlicht und ergreifend Behörden sein, die Risikogruppen, zu denen Daniel Blake zählt, bis zur Weißglut treiben.

Blake, das ist ein älterer Herr mit Herzbeschwerden. Ein Bastler und Tüftler, ein ungemein geschickter Mensch, der aber das Problem hat, einen Infarkt erlitten und so seinen Job am örtlichen Sägewerk verloren zu haben. Arbeitstauglich ist er nicht mehr, zumindest für eine ziemlich lange Zeit nicht, das sagt zumindest seine Ärztin. Das Arbeitsamt, das sagt etwas anderes, keiner weiß warum. „Einen Grund, nicht mehr arbeiten zu gehen, den gibt es für Sie nicht“, sagt die Behörde. Sozialhilfe abgelehnt. Wie jetzt? Der alte Mann muss sich nun überall proforma bewerben, nur um die Arbeitslose zu kassieren? Und tut er das nicht, bleibt er mittellos? Soziales Netz wo bist du? Dieses Netz hat gewaltige Lücken, und in eine solche ist der gutherzige, eifrige Witwer blindlings durchgefallen. Ken Loach, Kenner sozialer Abgründe, hat aus diesem Kampf gegen blinde Paragraphenreiterei einen Film gemacht. Und ist für Ich, Daniel Blake prompt mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden.

Der Brite Loach ist kein Künstler, der sich in phantastischen Allegorien verliert oder visuelle Leckerbissen zaubert. Loach ist ein Reduktionist. Mit Breitwandkino weiß er nicht ganz so viel anzufangen, oder besser gesagt er wüsste und könnte es sicher, lenkt seinen Fokus aber lieber dorthin, wo die nüchterne Realität jedwede Fiktion längst eingeholt hat und soziale Missstände kafkaeske Albträume erzeugen, ohne erfunden zu sein. Woran das liegt? Loach ist auch abseits des Films sozial engagiert, ein bisschen so wie hierzulande (in Österreich) Peter Resetarits, der sich mit seinem allwöchentlichen Help-Format Am Schauplatz den verzweifelten Anliegen von Leuten widmet, die im Einfordern ihres Rechts von allen möglichen Instanzen bereits durchgewunken wurden, ohne Aussicht auf ein Einsehen von denen da oben, wie es so schön heißt. Nur: die da oben sind eigentlich wir selbst, und wir hätten verfassungstechnisch das Recht, zu bekommen, was uns zusteht. So wie Daniel Blake, der bald nicht mehr allein ist, weil die Kids einer alleinerziehenden Mama, die den Neuanfang wagt, auch gesittet werden müssen. Das Herz am rechten Fleck hilft aber auch nicht aus der Misere. Und so beobachtet der Film, der den Namen des einsamen Wetterers trägt, eine sich langsam drehende Schraube abwärts. Doch seltsamerweise: Ich, Daniel Blake ist kein Betroffenheitskino in üblichem Sinn. Kein pathetisches Trauerspiel, was leicht passieren hätte können. Loachs Film ist pragmatisch, sowohl in seinen Bildern als auch in der Dramaturgie der Schlüsselszenen. Es reicht vollauf, dieses groteske Chaos zu verstehen, um nachzuempfinden, wie ernüchternd es sein kann, am Ende der sozialen Nahrungskette zu stehen. Mit kämpferischem, wütendem Zynismus reichert er seine strauchelnden Figuren aber dennoch an, die all den Wahnsinn fast bewältigt hätten. Aber eben nur fast. Dieses Wörtchen ist letztendlich ausschlaggebend für ein Durchringen oder Scheitern. Und dieses Scheitern in diesem preisgekrönten Streifen bewahrt sich immer noch etwas, das, egal wie sehr die letzte Instanz auch versagt, kein staatlicher Knüppel herausprügeln kann: Würde. Und Ken Loach, der weiß dies zu schätzen und entdeckt eine unbändige Kraft darin.

Ich, Daniel Blake