Four Good Days

ENDSTATION MAMA

6/10


fourgooddays© 2021 Indigenious Media


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: RODRIGO GARCIA

CAST: GLENN CLOSE, MILA KUNIS, STEPHEN ROOT, JOSHUA LEONARD, CHAD LINDBERG, REBECCA FIELD U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wo Glenn Close draufsteht, würde ich nicht zögern, hineinzusehen. Denn Glenn Close, die ist eine Klasse für sich. Und zwar so sehr, dass sie für ihre Performance in Ron Howards Drama Hillbilly-Elegie sowohl für den Oscar als auch für die Goldene Himbeere nominiert wurde. Wie kann das sein? Nun, Geschmäcker sind verschieden, in der Kunst sind Lob und Spott subjektive Messlatten. Dennoch: aus meiner Sicht grenzt die Himbeere an Beleidigung.

Glenn Close kann sich nämlich auch in diesem gänzlich durch den Radar gefallenen Mutter-Tochter-Drama Four Good Days auf ihre Erfahrungen verlassen. Ihr zur Seite finden wir Black Swan-Konkurrentin Mila Kunis, die sich, so wie es aussieht, für die Rolle eines schwer drogensüchtigen Sozialfalls einiges an körperlichen Defiziten antrainiert hat. Kann aber auch sein, dass hier digital nachgeholfen wurde. Wäre das zu verhehlen? Wohl eher nicht, denn radikale Abmagerungskuren für einen Dreh sind dann doch ein bisschen zu viel verlangt. Aber fragen wir lieber nicht Christian Bale, dem Jo-Jo unter den Body-On-Demand-Kandidaten.

Mila Kunis zeigt sich also abgemagert, ausgemergelt, hat gigantische Augenringe und Flecken am ganzen Körper, darüber hinaus faulige Zähne und kein Obdach. Die Mutter – eben Glenn Close – scheint den guten Glauben an ein besseres Leben für ihre Tochter bereits verloren zu haben. Immer dieselbe Leier, immer das selbe Flehen, um dann mit gestohlenen Wertsachen wieder abzurauschen, um neue Drogen zu kaufen. Ein Kreislauf, aus dem Tochter Molly nicht entfliehen kann. Doch Mama Deb kann naturgemäß ihren Nachwuchs nicht im Stich lassen und zieht mit ihr das Ganze nochmal durch. Diesmal aber muss Molly vier Tage lang clean bleiben, um ein suchthemmendes Medikament verabreicht zu bekommen. Ob sie das schafft?

Es wäre ihr zu wünschen. Denn anders als bei Timotheé Chalamet in Felix Van Groenigens Vater-Sohn-Drama Beautiful Boy ist Kunis zumindest mal bereit dazu. Es ist nie zu spät für einen Neuanfang, sagt uns Rodrigo Garcia (u. a. 40 Tage in der Wüste und Albert Nobbs, ebenfalls mit Glenn Close). Dabei ist, schließt man auf die Tonalität des Films, der Ausgang des Dramas kaum vorhersehbar. Es kann und könnte alles passieren, das Schicksal steht hier in ständiger Wechselwirkung mit richtigen oder falschen Entscheidungen, die nur Sekunden dauern. Die Intensität eines Films wie Ben is Back schafft Four Good Days aber nicht. Julia Roberts und Lucas Hedges erzeugen in diesem Drama eine Kraft, die schwer zu wiederholen ist. Glenn Close und Mila Kunis haben diese nicht, da spürt man Distanz. Zwar elterliche Liebe, aber Distanz. Viel mehr Pragmatismus, die Sehnsucht nach dem eigenen Wohl und das Wegwünschen verpflichtender Strapazen. Dadurch fällt Garcias Film etwas nüchtern und weniger berührend aus, und trotz dem ausgezehrten Äußeren von Mila Kunis, die den Schrecken einer Sucht verkörpert, bleibt Four Good Days mehr Plattform für ein gutes Schauspiel und folgt auch nicht der wirklichen Intention, sich mit einem Thema wie diesen auseinanderzusetzen.

Four Good Days

Ich, Daniel Blake

MIT HIOB DURCHS SOZIALNETZ

7/10

 

ichdanielblake© 2016 Prokino

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, BELGIEN 2016

REGIE: KEN LOACH

CAST: DAVE JOHNS, HAYLEY SQUIRES, MICKY MCGREGOR, MICK LAFFEY, SHARON PERCY, BRIANA SHANN U. A. 

 

Dank Corona kommen jetzt wahrscheinlich wirklich alle zum Handkuss. Nur nicht das Virus. Das Geld wird knapp, Kredite können nur mehr schwerlich getilgt werden, der Handel ist am Sand, Insolvenz scheint das neue Unwort zu sein, weil Corona als solches wirklich keiner mehr hören kann. Allerdings muss nicht zwingend ein Virus die menschliche Gesellschaft, so wie wir sie kennen, lahmlegen. Es können auch schlicht und ergreifend Behörden sein, die Risikogruppen, zu denen Daniel Blake zählt, bis zur Weißglut treiben.

Blake, das ist ein älterer Herr mit Herzbeschwerden. Ein Bastler und Tüftler, ein ungemein geschickter Mensch, der aber das Problem hat, einen Infarkt erlitten und so seinen Job am örtlichen Sägewerk verloren zu haben. Arbeitstauglich ist er nicht mehr, zumindest für eine ziemlich lange Zeit nicht, das sagt zumindest seine Ärztin. Das Arbeitsamt, das sagt etwas anderes, keiner weiß warum. „Einen Grund, nicht mehr arbeiten zu gehen, den gibt es für Sie nicht“, sagt die Behörde. Sozialhilfe abgelehnt. Wie jetzt? Der alte Mann muss sich nun überall proforma bewerben, nur um die Arbeitslose zu kassieren? Und tut er das nicht, bleibt er mittellos? Soziales Netz wo bist du? Dieses Netz hat gewaltige Lücken, und in eine solche ist der gutherzige, eifrige Witwer blindlings durchgefallen. Ken Loach, Kenner sozialer Abgründe, hat aus diesem Kampf gegen blinde Paragraphenreiterei einen Film gemacht. Und ist für Ich, Daniel Blake prompt mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden.

Der Brite Loach ist kein Künstler, der sich in phantastischen Allegorien verliert oder visuelle Leckerbissen zaubert. Loach ist ein Reduktionist. Mit Breitwandkino weiß er nicht ganz so viel anzufangen, oder besser gesagt er wüsste und könnte es sicher, lenkt seinen Fokus aber lieber dorthin, wo die nüchterne Realität jedwede Fiktion längst eingeholt hat und soziale Missstände kafkaeske Albträume erzeugen, ohne erfunden zu sein. Woran das liegt? Loach ist auch abseits des Films sozial engagiert, ein bisschen so wie hierzulande (in Österreich) Peter Resetarits, der sich mit seinem allwöchentlichen Help-Format Am Schauplatz den verzweifelten Anliegen von Leuten widmet, die im Einfordern ihres Rechts von allen möglichen Instanzen bereits durchgewunken wurden, ohne Aussicht auf ein Einsehen von denen da oben, wie es so schön heißt. Nur: die da oben sind eigentlich wir selbst, und wir hätten verfassungstechnisch das Recht, zu bekommen, was uns zusteht. So wie Daniel Blake, der bald nicht mehr allein ist, weil die Kids einer alleinerziehenden Mama, die den Neuanfang wagt, auch gesittet werden müssen. Das Herz am rechten Fleck hilft aber auch nicht aus der Misere. Und so beobachtet der Film, der den Namen des einsamen Wetterers trägt, eine sich langsam drehende Schraube abwärts. Doch seltsamerweise: Ich, Daniel Blake ist kein Betroffenheitskino in üblichem Sinn. Kein pathetisches Trauerspiel, was leicht passieren hätte können. Loachs Film ist pragmatisch, sowohl in seinen Bildern als auch in der Dramaturgie der Schlüsselszenen. Es reicht vollauf, dieses groteske Chaos zu verstehen, um nachzuempfinden, wie ernüchternd es sein kann, am Ende der sozialen Nahrungskette zu stehen. Mit kämpferischem, wütendem Zynismus reichert er seine strauchelnden Figuren aber dennoch an, die all den Wahnsinn fast bewältigt hätten. Aber eben nur fast. Dieses Wörtchen ist letztendlich ausschlaggebend für ein Durchringen oder Scheitern. Und dieses Scheitern in diesem preisgekrönten Streifen bewahrt sich immer noch etwas, das, egal wie sehr die letzte Instanz auch versagt, kein staatlicher Knüppel herausprügeln kann: Würde. Und Ken Loach, der weiß dies zu schätzen und entdeckt eine unbändige Kraft darin.

Ich, Daniel Blake