Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse

ABENTEUER FILMEMACHEN

6/10

 

heartsofdarkness© 1991 Studiocanal

 

LAND: USA 1991

REGIE: FAX BAHR, GEORGE HICKENLOOPER, ELEANOR COPPOLA

AUFTRETEN: JOHN MILIUS, ELEANOR COPPOLA, FRANCIS FORD COPPOLA, ROBERT DUVALL, LAURENCE FISHBURNE, MARTIN SHEEN, DENNIS HOPPER, GEORGE LUCAS, MARLON BRANDO, SOFIA COPPOLA U. A. 

 

Ist Euch schon mal passiert, dass ein Kinobesuch eine Beziehungskrise nach sich zog? Mir schon. Und zwar mit Apocalypse Now. Denn nicht jeder ist mit dem Stoff im Vorhinein vertraut, vielleicht hätte ich hier etwas vorwarnen oder lieber ein Feel-Good-Movie vorschlagen sollen. Meine Begleitung einem so verstörenden Ritt in die Dunkelheit auszuliefern, noch dazu fast drei Stunden lang, war ja eigentlich eine Zumutung und für einen Filmkenner wie mich vielleicht etwas fahrlässig. Doch im Bewusstsein, das künstlerische Interesse meiner besseren Hälfte mit einem Meisterwerk wie Apocalypse Now exorbitant zu steigern, dafür war ein Film wie dieser meiner damaligen Schlussfolgerung nach gerade richtig. Noch dazu hatten wir es mit der erstmals überarbeiteten Fassung des Werkes zu tun, genauer mit Apocalypse Now Redux, also der Fassung, die neben einigen anderen Szenen auch jene Sequenz in petto hatte, die das gemeinsame Dinner mitten im Dschungel mit französischen Plantagenbesitzern zeigt. Im Kino also volle Dröhnung, und spätestens beim Walkürenritt war bereits klar: So ein Film gehört eigentlich nur ins Kino. Ein Meisterwerk zweifelsohne, und trotz depressiver Stimmungen bei Verlassen des Kinosaals war die Qualität niemals Fokus der Kritik. Unzumutbar für manche war der archaische Wahnsinn, in dem die Odyssee von Hauptmann Willard letzten furchtbaren Endes münden wird. Martin Sheen hat das damals genauso gesehen – und hat ordentlich dafür leiden müssen, um die Sache doch noch zu überstehen. Von diesem und anderen Martyrien, die den Film während seiner Entstehung begleitet haben, erzählt die Making-Of-Doku Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse, die hauptsächlich aus den Mitschnitten von Francis Ford Coppolas Ehefrau Eleanor besteht und reichlich Einblicke hinter die Kulissen eines Projekts gewährt, dass fernab jeder Geborgenheit eines Studios von vornherein und gewollt von unzähligen unkalkulierbaren Faktoren abhängig war.

Was eignet sich aktuell besser für das Home Cinema-Programm als diese eineinhalb stunden Kinogeschichte, anlässlich des 40 Jahre-Jubiläums eines der womöglich besten Filme aller Zeiten, der nun mit einem Final Cut auf die Leinwand gewuchtet wird und weitaus mehr ist als nur ein Antikriegsfilm, sondern eben auch düsteres Abenteuer und ein in Abgründe blickendes Philosophikum zum Thema Bestie Mensch. Je länger man eben in den Abgrund laut Nietzsche blickt, blickt dieser auch in dich hinein – so gesehen in Coppolas Gewaltakt, der auch hinter der Kamera Provokation, Herausforderung und Nervenkitzel sein sollte. Der Pate und Der Pate II waren da schon längst Filmlegende, der schwarzbärtige Maestro steinreich und voller Einfluss. Klar, dass dann die Realisation einer Vision alles bisherige noch mal übertrumpfen muss. Der Zenit des Schaffens schieben wir mal in weite Ferne, muss er sich gedacht haben, gerade dämmert der Morgen, und mit ihm kommt der Geruch von Napalm. Die Dreharbeiten selbst waren also reinstes Abenteuer, und das begann schon bei der Finanzierung der ganzen Sache, die zum Großteil aus Coppolas eigenem Kapital bestand. Selbst das Haus wurde verpfändet, falls die Sache in die Hose gehen sollte. Ein Extremer wie Coppola aber, der mit Spielberg und George Lucas das Handwerk lernte, hat garantiert einen langen Atem, um das Räderwerk zusammenzuhalten. Gut für ihn, niemanden wie Klaus Kinski an Bord gehabt zu haben, denn der hätte das Ganze noch zusätzlich provoziert. Das wissen wir von Werner Herzog und dessen Bericht vom Set zu Fizcarraldo. Gottlob war es nur Marlon Brando, in die Breite gegangener Kultstar am Ego-Trip, und Zugpferd für die letzte halbe Stunde des Films. Da war das meiste Material schon im Kasten, das durch jede Menge Drogen, Alkohol und ausgebüxten inneren Dämonen zu jener Intensität geführt hat, die den Film auch heute noch so unmittelbar machen. Was all den Missbrauch natürlich nicht legitimieren soll, doch wie in Woodstock war auch hier, fernab jeglicher Überwachung, das rabiate Event ein einmaliges Happening.

Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse zeigt all das und mehr, führt Gespräche mit Robert Duvall, Drehbuchautor John Milius, George Lucas, Laurence Fishburne und den Coppolas. Zeigt Brando beim Zetern über das Drehbuch, zeigt den Taifun auf den Philippinen genauso wie den Nervenzusammenbruch Martin Sheens in der blutigen Spiegelszene. Macht aber auch klar, dass der Wahnsinn für den Wahnsinn ein hausgemachter war. Einer, der von Coppola kalkuliert, einer der provoziert worden war. Erwartet wurde das Unerwartete, und da ist man als Künstler mittendrin, denn wer will schon nur dabei sein? Und in den Siebzigern, da war Risiko noch etwas, aus dem die Essenz guter Filme geschmiedet werden konnte. Heutzutage gibt es das nicht mehr. Heutzutage werden von den Studios alle Variablen ausgemerzt. Das Risiko aber hat die New Hollywood-Ära so lebendig gemacht. Und von dieser Lebendigkeit zehrt das Kino noch heute. So ist Hearts of Darkness die leider etwas bieder montierte, aber erfahrenswerte Chronik eines lebendigen, grenzgängerischen Drehs aus vergangenen Zeiten, die gar nicht mal so erstaunt oder entsetzt, sondern in Hinblick auf die Zukunft des Kinos die Lust am Abenteuer wehmütig vermissen lässt.

Hearts of Darkness: A Filmmaker´s Apocalypse

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

DU ENTSCHULDIGE, I KENN DI

4,5/10

 

Fred Flarsky (Seth Rogen) and Charlotte Field (Charlize Theron) in FLARSKY.© 2019 Studiocanal

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN LEVINE

CAST: CHARLIZE THERON, SETH ROGEN, BOB ODENKIRK, ANDY SERKIS, O´SHEA JACKSON JR. U. A. 

 

Da hat sich Seth Rogen wieder weit aus dem Fenster gelehnt: Als derber Investigativjournalist hat er so manchen bösen Jungs den Wind aus den Segeln genommen, wenig eloquentes Zeter und Mordio in seine Artikel gepflanzt und sich fast ein Hakenkreuz stechen lassen. Stil dürfte für den Hipsterbärtigen aber auch nur das Ende des Besens sein, denn das tägliche Outfit ist ein Trainings-Blazer aus den Neunzigern, dezent in Ponyfarben. Dass dieser prinzipientreue Eigenbrötler jemanden wie Charlize Theron kennt, die als Außenministerin eine wahnsinnig gute Figur macht, das ist mal unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Wie sich Bekanntschaften aus der Kindheit entwickeln, ist ja kaum absehbar. Und plötzlich haben wir hier zwei, die sich komplett auseinander gelebt – und wieder gefunden haben. Das könnte man doch glatt mit Peter Cornelius „Du entschuldige I kenn di“ untermalen, so passend wäre da der Song. Aber nein, Regisseur Jonathan Levine greift auf die Playlist von Pretty Woman zurück, weil’s eben so schön war. Und was könnte näher liegen, als einen Film mit 90er-Hadern zu verwöhnen, die bereits für ein Glamour-Märchen um Underdog und VIP in Verwendung waren. Ein ähnliches Konzept liefert jene neue Komödie, die wiedermal das etwas abgenutzte Klischee einer aufrichtigen US-Politik mit dem Alles-ist-möglich-Aufstieg eines Nonkonformisten verbindet. Das ist aber durchaus in Ordnung, und das wusste ich ja auch, ich kannte ja die Synopsis des Films, also mal sehen, welche Ansatzpunkte diesmal bereits Bekanntes auf andere Spuren bringen könnte. Und bei Seth Rogen ist so was durchaus im Bereich des Möglichen. Charlize Theron kann eigentlich auch alles spielen, sie bleibt aber stets die aparte, etwas distanzierte Schönheit, die sie ist. Und bei Atomic Blonde zum Beispiel konnte sie die unnahbare Aura des Wertvollen wunderbar für sich nutzen.

In Long Shot (die deutsche Subline lassen wir mal weg) wagt sie sich nur selten aus ihrer Defensive. Dass sie als Außenministerin der Message Control folgen und ihre Fassade zu welchem politischen Spiel auch immer wahren muss, ist natürlich vollkommen logisch. Den Mut zum Wagnis kitzelt ihr dann Seth Rogen als Fred Flarsky mit nichts außer seiner Verschrobenheit hervor, die Theron relativ anziehend findet, vielleicht weil diese Vibes nicht so auf Massentauglichkeit gestutzt sind. Da stimmt dann auch die Chemie, beide ziehen an einem Strang, die politische Domina mit dem strahlenden Image hat zwar die Hosen an, darf aber von dem Querdenker auch einiges lernen. Das ist natürlich Romanze pur, und wer sich eine haarfeine Politkomödie wie zum Beispiel Dave erwartet, wird aber enttäuscht werden. Dieses Thema scheint Levine eindeutig zu groß, obwohl er hie und da versucht, Seitenhiebe auf aktuelle politische Zustände zu verteilen. Die sind zwar da, man belächelt sie, aber mehr nicht. Das ist viel zu halbherzig, um zu irritieren. Da sind Filme wie Vice ein komplett anderes Kaliber. Doch wie Vice will Long Shot natürlich niemals sein, will auch nicht wirklich anecken. Der Film macht das ganze Spiel hinter den Kulissen einfach nur zum Thema, weil er es benötigt – für eine RomCom, die nichts umformuliert, selten auch nur irgendwelche alternativen Entwicklungen der Handlung andenkt und leider die bemühte Illusion allgemeiner Akzeptanz für Körpersäfte zum Knackpunkt der Geschichte macht. Das entlockt mir weder ein Wow für lässige Indiskretion noch appelliert es an meine sporadisch vorhandene Restprüderie. Zu gewollt wäre das richtige Wort, zu vorhersehbar das andere. Klar, es ist Hollywood, und klar, Filme wie Hallo, Mister Präsident sind schon länger her. Long Shot will aber doch mehr sein, der Streifen will auch austeilen können, er will mit intelligentem Charme punkten, und hätte mit seinem Cast sogar das Potenzial dazu – letzten Endes hält er sich aber zu sehr an die Regeln des gelernten Spiels, als sie mit frechen Kniffen zu unterwandern.

Mit 50/50 hat Levine wohl einer der besten Filme zum Thema Krebs gedreht. Mit Long Shot bleibt ihm ein knackiger Zugang zu anderen bewährten Filmthemen leider verwehrt. Was aber nicht heißen soll, dass die Komödie nicht auch unterhält. Das tut sie, es gibt auch einiges zu lachen, und die Kifferszene mit Theron ist sowieso die Mitternachtseinlage schlechthin. Im Ganzen aber erliegt Long Shot seinem naiven Schöngerede, das so süß, aber auch so wenig haltbar ist wie ein Wahlzuckerl kurz vor dem Urnengang.

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

Robin Hood (2019)

LANGFINGER AM LAUFSTEG

5/10

 

ROBIN HOOD© 2018 Studiocanal

 

LAND: USA 2018

REGIE: OTTO BATHURST

CAST: TARON EGERTON, JAMIE FOXX, BEN MENDELSOHN, EVE HEWSON, JAMIE DORNAN U. A.

 

Das muss doch der neue Guy Ritchie sein, dachte ich so bei mir, als ich letzten Herbst den Trailer zu Robin Hood im Internet entdeckte. Das sieht doch aus wie King Arthur, nur die Mode ist ziemlich anders, aber sei’s drum, nicht ganz Mittelalter, aber Hauptsache fliegende Pfeile. Werde ich mir wohl ansehen. Die ersten Kritiken aus den Medien bescherten der Neuauflage allerdings keinen guten Einstand. Von bunter Zeitverschwendung bis zu grottigem Müll war alles zu lesen, einzig die Zeitschrift cinema war womöglich von dem neuen Konzept über den Helden aus dem Sherwood Forest recht angetan. Gut, da treffen Meinungen aufeinander, so soll es ja auch sein. Und das hat dann, nachdem ich kurzzeitig fast schon abgesprungen wäre, doch noch meine Neugier geweckt. Ist dieses Herumgehampel in schneller MTV-Optik wirklich so sehr zu vergessen – oder hat das Ganze nicht doch was?

Gut, eines vorweg: was der jüngste aller Robin Hood-Darsteller – sieht man mal von der animierten Kinderserie auf kika ab – da geritten hat, waren sicher keine Pferde. Obwohl sie genauso aussehen. Aber Pferde rennen niemals wie ein stoßstangenverstärkter SUV mit Vollgas durch eine geschlossene und eisenbeschlagene, zweiflügelige Pforte. Und tänzeln auch nicht auf den Dächern herum. Abbremsen und Totalverweigerung wäre angesagt, aber dann wären wir um eine fulminante Actionszene gekommen, von denen es sehr viele gibt in diesem leichtgewichtigen Parcourlauf, der vor den Mauern eines eigenwillig kreierten Nottingham von der Leine gelassen wird. Das alte England sieht ein bisschen aus wie das alte China, Balkenbauten wie aus schwarzem Kapla beherbergen ritterliches Wachpersonal in gusseisernen Eishockey-Masken, in den Bergen dahinter lodert das Grubengas in einem ascheverregneten Bergwerk, das an einen Vorort von Mordor gemahnt. Eigenwillig, ja – aber auch irgendwie durchdacht. Dazu kommt die Auswahl der Kostüme für alle möglichen Anlässe, vom gesteppten Gambeson des Robin von Locksley selbst bis zum straffen grauen Mäntelchen des Sheriffs von Nottingham – Ben Mendelsohn in einer Weiterführung seiner Figur des Orson Krennic aus Rogue One mit ganz viel schwarzer, wenn auch reißerisch aufgesetzter Vergangenheit. Mode also, so weit das gehetzte Auge reicht, als wäre Zoolander in der Zeit zurückgereist, als wäre die Triebfeder zur Heimkehr aus den Kreuzzügen die Möglichkeit, sich endlich mal fashionable zu präsentieren. Hätte das Burgtheater die berühmte Legende des Rächers der Armen auf dem Spielplan – gut möglich, dass die mittelalterliche Geschichte in einem exaltiertem Mix aus Modedesign, archaischen Elementen und moderner Umfunktion alltäglicher Utensilien genauso aussehen könnte.

Abgesehen vom Kostüm- und Requisitenmix und den postmodernen Einflüssen wie zB. einer Straßenschlacht ganz im Stile politischer Unruhen aus den letzten Jahrzehnten bleibt Robin Hood von Otto Bathurst so flüchtig wie ein schweres Element aus dem Periodensystem und so überdekoriert wie ein amerikanischer Christbaum. Dahinter: wenig Drama, wenig Gefühl, und auch kein Engagement, wenn es darum geht, dem Ball der altbekannten Geschichte einen anderen Drall zu verleihen, auch wenn zu Beginn der Erzähler aus dem off direkt prophetisch eine ganz andere Sicht der Dinge verspricht. Das stimmt schon, die Sicht der Dinge ist eine andere, moderner und zeitgeistiger. Aber die ist voller Floskeln, mangelnder Aufmerksamkeit und den Reizen billigen Vergnügens. Taron Egerton hat schon etwas Spitzbübisches an sich, wenn er so durch die Luft fliegt und den Häschern ein Schnippchen nach dem anderen schlägt. Irgendwie aber bleibt der Junge blass und tritt charakterlich auf der Stelle. Auch Mendelsohn und Jamie Foxx haben keine Zeit für all den Kram, der eine legendäre Geschichte erst mitreißend macht. Von verlorenen Söhnen bis hin zur Wiederkehr von den Toten – da ist alles so empfunden wie ein Emoticon am Ende einer Whatsapp-Nachricht. Das hat wenig Substanz, ist aber geschmeidig wie ein guter Werbespot, der ein Produkt bewirbt, das es schon lange, sehr lange auf dem Markt gibt. Und sich als Marke des grünen Outlaw eigentlich nicht neu erfinden müsste.

Grottenschlecht ist der Robin Hood für die „Was guckst du?“ -Generation trotzdem nicht. Bunte Zeitverschwendung vielleicht. Aber eine ohne Leerlauf, da permanent am Strudeln. Und so kommt es, dass der schicke Actioner wenig bleibenden Eindruck hinterlässt.

Robin Hood (2019)

Macbeth (2015)

IM NEBEL DER DICHTUNG

6/10

 

macbeth© 2015 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: MICHAEL FASSBENDER, MARION COTILLARD, DAVID THEWLIS, PADDY CONSIDINE, JACK REYNOR U. A.

 

So eine Witterung ist gut für die Nebenhöhlen. Morgens raus auf auf die baumlosen Ebenen des schottischen Hochlands und den dichten Bodennebel mal so richtig durchziehen lassen. Obendrein ist Feuchtigkeit auch noch gut für die Haut. Wenn man da nicht auch noch gleich in eine Schlacht verwickelt werden müsste, die Heerführer Macbeth gegen die Widersacher des schottischen Königs Duncan auszutragen hat. Da gibt die feuchtkalte Luft auch optisch einiges her, vor allem, wenn das Licht im flachen Winkel auf die in Superzeitlupe heranstürmenden Schotten trifft. Bei so viel Grazie von Mord und Totschlag fangen Anhänger der LARP-Gemeinschaft (Live Act Role Play) womöglich das Träumen an. Das ist in Szene gesetztes Mittelalter, da reicht die hauseigene Digicam, sofern man die Schlachten nachstellen will, auch nicht mehr aus. All die schmerzverzerrten Gesichter wie aus der Zeit gefallene Fotografien, fast schon bis zum Stillstand verlangsamte Leiber im diffusen Dampf, gestaffelt bis zur erahnbaren Spukerscheinung, ganz vorne der Hauptakteur dieses blutgetränkten Dramas, welches keine andere Tragödie sein kann als die des Usurpators Macbeth, auf immer verewigt von William Shakespeare. In der Hand das Schwert. Diese Waffe aus Stahl, die ist längst mehr als nur ein Werkzeug, um zu töten. Das wissen wir seit Excalibur. Seit Balmung. Seit Bilbo´s Stich. Wenn die Klinge im feuchten Boden steckt, leicht vibrierend, dann ist etwas Weltbewegendes passiert. Solche Szenen, die sind ikonisch und eignen sich bestens für ein Theater wie dieses.

Justin Kurzel, der sich später in ähnlich vergeistigter Manier an die Videospielverfilmung Assassins Creed herangewagt hat und für manche zu oft Stimmung mit packender Geschichte verwechselt hat, erarbeitete sich den Beweis seines Könnens mit einem zentnerschweren Brocken Literaturgeschichte. Macbeth inszeniert und spielt man einfach nicht nur so. Das will ins richtige Licht gerückt werden. Und am besten noch in den originalen Versen eines Shakespeare erzählt werden. Da passt die sphärische Bilderflut in den gestreuten Farben des Fegefeuers natürlich bestens dazu. Und Macbeth kann noch so klassisch und unkritisierbar sein – es ist die Geschichte eines von vielen Tyrannen, die sich an die Macht intrigiert und getötet haben, in wütender Barbarei geherrscht und dann schmählich untergegangen sind. Die blutige Tragödie aus dem sehr frühen 17. Jahrhundert lebt natürlich in erster Linie zumindest gegenwärtig von den wohlklingend ausformulierten Worthülsen, die die Chronik einer finsteren Regentschaft in eine atemberaubende Sprache kleiden. Das todessehnsüchtige Intrigenspiel als solches ist aber in Zeiten detailverliebter Mittelalterdystopien wie Game of Thrones zwar nach wie vor ein dankenswerter Einstand, auf den Filmemacher und Romanschreiber respektvoll zurückblicken – in Anbetracht der Erwartungshaltung der Genre-Fans bleibt Macbeth grob umrissen, auf die Eckpfeiler der Historie reduziert und viel zu getragen, um emotional mitzureißen. Da macht es auch keinen großen Unterschied, ob das Königsdrama rein fiktiv oder historisch fundiert ist. Das mag für eingefleischte Schotten vielleicht relevant sein, für alle anderen ist das Schicksal von König Macbeth und seiner besseren Hälfte, die Lady selbigen Namens, ungefähr genauso fern wie Westeros.

Dennoch beschert uns Regisseur Kurzel einen wuchtigen Augenschmaus zwischen Schattentheater, flackerndem Kerzenlicht und feuchtkalter Ödnis – Szenerien, die die Möglichkeiten einer Theaterbühne geschickt erweitern (es sei denn, wir haben es mit Bühnen wie jener des Wiener Burgtheaters zu tun, die eigentlich fast schon alles kann). Michael Fassbender in Kriegsbemalung und als gekröntes Haupt ist vielleicht nicht die absolut ideale Wahl für so ein irrsinniges Machtmonster wie Macbeth, da fehlt mir dann doch der Wahn des Alleinherrschers, dafür ist Fassbender zu folgsam und zu sehr verliebt in seine Verse, die er da sprechen muss. Das kann bei Schauspielern, die Shakespeare über alles stellen, relativ leicht passieren. Marion Cottilard hingegen ist erwartungsgemäß entrückt wie es die Rolle auch vorschreibt, ihr Zwiegespräch mit dem verstorbenen Nachwuchs ein schauderhaftes Highlight.

Macbeth ist also nicht ganz die unvergessliche Interpretation des Barock-Dichters mit Halskrause, wobei Sir William wohl zufrieden wäre mit all den Tänzen aus Licht und Schatten, die seine Worte zweifelsohne effektiv verstärken.

Macbeth (2015)

Das schweigende Klassenzimmer

MUT ZUM UNGEHORSAM

8/10

 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER© 2017 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, ISAJAH MICHALSKI, ANNA LENA KLENKE, BURGHART KLAUSSNER, JÖRDIS TRIEBEL U. A.

 

Da herrscht einmal absolute Ruhe im Klassenzimmer, zur Freude frontalunterrichtender Lehrkräfte, und dann ist dieser Umstand auch wieder nicht in Ordnung. Wie denn nun? Auf Fragen jenseits des Pults in Richtung Schüler folgt ebenfalls keine Antwort. Jetzt wird es dann doch etwas seltsam, und das Ganze lässt sich nur mit gezieltem, absichtlichem Schweigen erklären. Gut, das kann man ja machen, zumindest heutzutage, in Gedenken an jemanden oder etwas, an einen ganz speziellen geschichtlichen Moment oder eben als Auflehnung. Die gegenwärtige Meinungsfreiheit duldet sowas, einer auffordernden Disziplin zum Trotz. Damals aber, in den 50er Jahren in Ostdeutschland, hinter dem Eisernen Vorhang und unter der Kuratel einer radikal-sozialen Exekutive, da ist ein Schweigen wie dieses der Anfang von etwas Bedrohlichem, zumindest für all die Genossinnen und Genossen, die da hinter ihren Schreibtischen aufpassen müssen wie die Haftelmacher, um Staatsfeinde oder staatsfeindliches Gehabe im Keim zu ersticken. Dumm nur für die Stasi, dass gerade zu diesem Zeitpunkt andernorts hinter den Stacheldrähten, Hämmern und Sicheln gerade der verlockende Aufstand geprobt wird. Genauer gesagt in Ungarn, wo bewaffnete Studenten gerade dabei sind, das kommunistische Regime zu stürzen. Solche Breaking News, wie sie aus dem ehemaligen Sissi-Königreich quer durch Europa hinausposaunt werden, die bleiben natürlich selbst in der abgeschotteten DDR nicht ungehört. Vor allem nicht, wenn jemand die Frequenz des „Feindes“ empfangen kann, womit der unmoralische Westen gemeint ist, und mit dem hier im Osten bei aller Freundschaft keiner was zu tun haben will. Wirklich nicht? Der gebildete Nachwuchs wird da hellhörig. Die Oberstufler und Intellektuellen, die haben ihre eigene Meinung, sind aber immer noch junge Wilde, die sich in ihrem Übermut und grünohrigem Enthusiasmus für eine Sache solidarisieren, für die es in einer Gesellschaft wie dieser zu dieser Zeit und an diesem Ort keinerlei Verständnis gibt.

1956 hat sich in einer Schule im damaligen Stalinstadt dieser im Film beschriebene Fall tatsächlich ereignet. Man könnte jetzt natürlich so etwas Ähnliches behaupten wie: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die „jungen Wilden“, die das Ausmaß der latenten Bedrohung und der totalen Überwachung noch längst nicht ganz begriffen haben, waren zumindest fähig, die Welt um sie herum mit ihren eigenen Gedanken zu begreifen und so ein autarkes Gefühl für Gerechtigkeit, Moral und Humanismus zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie denn all die Abiturienten überhaupt so ein selbstständiges Denken entwickeln konnten. Dazu muss man deren Elternhäuser näher betrachten, das soziale Umfeld, und bei manchen der jungen Querdenker lässt sich geheimes, wenn auch passives liberales Denken bei zumindest einem Teil der Erziehenden erahnen. Bei manch anderen wundere ich mich, doch letzten Endes ist es dann diese ungeplante Gruppendynamik, die einen Stein ins Rollen bringt, der das Konzept einer Zukunft aller Beteiligten radikal zerfetzt. Das ist in diesem als naiven Streich deklarierten, zweiminütigen Statement natürlich erstmal überhaupt nicht vorgesehen. Der trotzige Widerstand des gemeinsamen Akts wird zu einem aufwühlenden Drama des Bekennens, an dem nicht nur einige wenige daran verzweifeln werden.

ÜBER DIE SAAT DES UMBRUCHS

In Michael Haneke´s sozialpolitischem Psychogramm Das weiße Band waren die Auslöser für erstarkenden Terrorismus in einer vom Patriarchat geführten, diktatorischen Straferziehung einer Kindheit zu finden, die gar nicht anders kann als sich irgendwann aufzulehnen. In Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume, einem Spezialisten für politische Visionen, Utopien und Sympathisant unbequemer Vernunftdenker (u. a. Der Staat gegen Fritz Bauer), ist die Saat für eine irgendwann in ferner Zukunft hinwegfegenden Revolution das individuelle Verständnis von Freiheit, Glück und der Menschenrechte. Die Klasse der Konterrevolutionäre, wie sie von Volksbildungsminister Lange (von erschreckendem Fanatismus: Burghart Klaußner) bezeichnet und damit gebrandmarkt wird, die nimmt den Weg eines in alle Einzelteile zerfallenden Niedergangs aus erzwungenem Verrat, Solidarisierung und Eifersucht bis hin zum Amoklauf und der Flucht in den Westen. Das schweigende Klassenzimmer ist ein so faszinierendes wie packendes Schülerdrama irgendwo zwischen Der Club der toten Dichter, Torberg´s Der Schüler Gerber und Philip Roth´s Empörung, nur mit einer deutlicheren politischen Stellungnahme, die seine Figuren aber keineswegs heroisiert, sondern eine zutiefst menschliche, psychologisch genaue Studie über den Unterschied zwischen eigenem und fremden Gedankengut, zwischen sehnsüchtiger Ideale und aufoktroyierter Ideologien formuliert. Kraume´s Film ist hervorragend erzählt, hätte aber womöglich längst nicht so eine Wirkungskraft, wenn Nachwuchsschauspieler wie Leonard Schleicher und Isaiah Michalski nicht so dermaßen aus sich herausgehen würden und spielen, als wären sie wahrhaftig Teil dieses erdrückenden Systems und dieser fatalen Situation. Michalski, der den labilen, zweifelnden Paul darstellt, und später mit der erschütternden Wahrheit über seinen Vater konfrontiert wird, agiert mit einer Intensität, der sich keiner entziehen kann. Überhaupt ist es, als befände man sich selbst in dieser Klasse, als wäre man selbst verantwortlich für diese Dilemma einer realen Dystopie, die zwar schon seit fast 30 Jahren Geschichte ist, in ihrem Totalitarismus aber jederzeit wieder hervorbrechen kann, in anderem Gewand, unter anderem Vorwand und an anderen Orten. Die Gedanken sind frei, und dann ist Schweigen mehr als tausend Worte wert.

Deutschland hat in diesem Jahr einen guten Lauf, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrifft – Das schweigende Klassenzimmer ist schon jetzt in seiner Brisanz und dem Mut zum Ungehorsam einer der denkwürdigsten deutschen Filme, die vor nicht mal einem halben Jahrhundert in manchen Teiles des Landes noch verboten gewesen wären.

Das schweigende Klassenzimmer

Vor uns das Meer

MÜNCHHAUSEN STREICHT DIE SEGEL

7,5/10

 

VOR UNS DAS MEER© 2018 STUDIOCANAL GmbH

 

ORIGINAL: THE MERCY

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JAMES MARSH

MIT COLIN FIRTH, RACHEL WEISZ, DAVID THEWLIS, KEN STOTT, MARK GATISS U. A.

 

Das Subgenre des nautischen Kinos hat bereits so einige sehenswerte Werke vorzuweisen, die noch dazu meist auf Fakten beruhen. Da brauchen die Masterminds am Drehbuch gar nicht mal wirklich viel brainstormen, die Geschichten der privat motivierten Abenteurer, Entdecker und Aussteiger müssen nur gut recherchiert werden, da findet sich einiges. Zum Beispiel – und vielleicht sogar noch im Kino zu sehen: die True Story eines jungen Paares, das nach einem Sturm so ziemlich verloren in den Weiten des Pazifiks herumschippert. Shaileene Woodley gibt da in Die Farbe des Horizonts eine überzeugend verzweifelte Performance ab. Noch nie allerdings hat das Kino eine Geschichte erzählt wie in Vor uns das Meer, inszeniert von James Marsh, der bereits mit Die Entdeckung der Unendlichkeit Eddie Redmayne alias Stephen Hawking zum Oscar verholfen hat. Das britische, konventionell erzählte Drama in stimmigem 60er-Jahre-Kolorit ist längst nicht nur ein Abenteuerfilm, und schon gar kein Survival-Drama. Der im Original als The Mercy betitelte, biographische Streifen ist so tragisch wie faszinierend, und wenn die Geschichte nicht wahr wäre, dann wäre sie eine brillant erfundene Ballade auf falschen Stolz, abstrakter Sehnsüchte, Ruhm und den Horror medialen Drucks.

Colin Firth, der wohl distinguierteste Gentleman im Promipool des britischen Kinos, spielt in diesem Abgesang auf den Seemann, der das Träumen lieber lassen hätte sollen, den Erfinder und Geschäftsmann Donald Crowhurst, dreifacher Vater und liebevoller Ehemann, der im Grunde ohnehin alles realisiert, was ihm durch den Kopf geht, und stets noch mehr will, vielleicht um sich selbst oder den anderen zu beweisen, was für ein sagenhafter Virtuose des Alltags er doch nicht ist. Aber was heißt Alltag – Crowhurst will den Absprung aus dem Hamsterrad wagen und bewirbt sich für eine Segelregatta rund um den Erdball, die noch nie Dagewesenes menschenmöglich machen soll: Nämlich die Umrundung der Welt ohne Landgang. Crowhurst ist die Teilnahme an der schon theoretisch schweißtreibenden Challenge nicht genug – er lässt auch sein eigenes Boot bauen. Und immer ist noch nicht genug. Der verträumte Idealist mit dem Geltungsdrang eines Superhelden lässt sich von der Presse hofieren und verpfändet für die Finanzierung seines Traumes sogar Haus und Hof. Kleine Notiz am Rande: Der unruhige Tausendsassa hat als Seemann und Nautiker nicht die geringste Erfahrung. Und so tritt er eine Lawine aus Sensationslust, Erwartungen und Versprechungen los, aus dem es bald kein Entrinnen mehr gibt. Sponsoren und Gläubiger steigen dem kurz vor Abfahrt kneifenden Crowhurst ordentlich auf den Schlips. Die geweckten Hunde, die den Schlitten ziehen sollen, beginnen plötzlich zu beißen. Erfolg oder Untergang, heißt das sofortige Dogma. Nur die Familie, die bangt auf der Seite des Biedermanns, der sich wie Ikarus gnadenlos selbst überschätzt und höher fliegt, als die legendären Wachsflügel es erlauben.

Was folgt, ist die bittere, selbstzerfleischende Chronik eines siegeswilligen Münchhausen, der letzten Endes der Wahrheit ins Auge sehen muss, sei es aus Stolz oder Feigheit. Die Quadratur des Äquators ist aber etwas, was sich nicht verbiegen lässt, und so verharrt der verblendete Anti-Abenteurer in einem Fegefeuer, in dem es kein Vor und kein Zurück mehr gibt. Colin Firth liefert nach seinem bravourös stotternden Auftritt als britischer Monarch mit dem gescheiterten, von allen Göttern verlassenen Lügenbaron seine bislang beste Performance ab – die Angst, Panik, Hoffnungslosigkeit und die Gier nach einem Rettungsanker, der sich als quälende Fata Morgana der Erfüllung darstellt, steht Firth jede Sekunde ins Gesicht geschrieben. Ebenso die Überforderung, der Irrsinn, die schlussendliche Leere wie Lehre. die der einsame Mann aus seinem Handeln ziehen muss. Eine Story wie von Ernest Hemingway, ein Gleichnis wie aus der griechischen Mythologie, ein Requiem auf das Prinzip Abenteuer. Wer wagt, gewinnt also auch nicht immer.

Vor uns das Meer

Early Man

AM ANFANG WAR DER FUSSBALL

7/10

 

EARLY MAN© 2018 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: NICK PARK

MIT DEN STIMMEN (OV) VON EDDIE REDMAYNE, MAISIE WILLIAMS, TOM HIDDLESTON U. A.

 

Mit Wallace und Gromit hat Nick Park und sein Aardman-Studio den Stop Motion-Trickfilm neu definiert. Der grobmotorische Käseliebhaber und sein Köter haben vom Mondflug bis zum Riesenkaninchen schon so allerlei Abenteuer erlebt. Das brandaktuelle Ergebnis mühsamster Kleinarbeit und engelsgeduldigem Fingerspitzengefühl ist erneut eine Liebeserklärung an das unverwüstliche und von Kindern aller Altersklassen hochgeschätzte Plastilin und diesmal auch eine Hommage an das Massenphänomen des Sports schlechthin – an den Fussball. Bei Early Man dachte ich anfangs jedoch nicht unbedingt an einen Film über Fussball. Early Man verspricht zuallererst mal so etwas wie eine Parodie auf Ötzi und Konsorten zu werden. Eine Verballhornung von Annaud´s Am Anfang was das Feuer. Ein Urzeitabenteuer frei nach naturgeschichtlichen Eckpfeilern von Terra, in welchem ungefähr genauso viel gesprochen wird wie in Aardman´s Shaun das Schaf.

Die grossmäuligen Frühmenschen mit den exorbitant grossen Beisserchens können sprechen, so wie ihnen der zumodellierte Schnabel gewachsen ist. Und sie werden eines Nachts von Invasoren heimgesucht, die die Leiter der Zivilisation schon einige Sprossen weiter sind. Und nicht nur das. Die bronzezeitlichen Krieger haben eine ähnliche Schwäche für Ballspiele wie seinerzeit das Volk der Mayas aus Mittelamerika. Anstelle von Steinkugeln und abgetrennten Köpfen tritt aber glücklicherweise das klassische Rund aus Leder. Also schliesst der kleine Frühmensch Dug mit den frankophonen Übermenschen einen Pakt. Gewinnen die Höhlenbewöhner das Match gegen Real Bronze, die schnöselige Mannschaft der evolutionär Begünstigten, dürfen die Vertriebenen wieder in ihr Tal zurück. Siegessicher stimmt der linkische Grosswesir der Forderung zu – und intrigiert fortan, wo es nur geht, um das Glück der einfachen Menschen zu vereiteln.

Das ist natütrlich keine hochkomplexe Story. Und nichts, was nicht vorhersehbar wäre. Doch Early Man hat ganz andere Stärken – und das weiss man, wenn man in einen Aardman-Film geht. Das Kunstwerk landet nicht auf der Watchlist, weil die Handlung so ausgefeilt konstruiert ist. Das Figurentheater landet dort, weil der Effekt des liebevollen Stop Motion gerade bei Aardman so schadstofffrei zu bewundern ist. Alleine das Design des ums Mammut gelegten Harnisch gefällt dem Betrachter, die Outfits und schmuckvollen Details an den einzelnen Figuren sind von ausgesucht gedulderprobter Machart. Dieses entschleunigte Kino der Puppen hat etwas zeitlos Nostalgisches. Eine Direktheit, die schon seit dem Sandmännchen das Staunen weckt. Blickt man ganz genau hin, lassen sich hauchzarte Fingerabdrücke auf den Gesichtern der Modelle erkennen. Immer wieder müssen die Visagen nachgeformt werden. Und immer wieder freuen, bangen und schwärmen die etwas über eine Handbreit großen Helden aufs Neue, immer wieder ein neues Gesicht, in der Laterna Magica von Nick Park vollendet zu einer geschmeidigen Animation.

Obendrein ist Early Man natürlich ein Pflichttermin für junge Kicker, aber nicht nur für die. Verstehen muss man die Geheimnisse des Fußballs nicht, und ein sonderlich großer Fan von Freistoß, Elfmeter und Co muss man ebenso wenig sein. Viel mehr ist der kunterbunte Sportfilm aus einem Land vor unserer Zeit eine schrullige Ode auf den Teamgeist und die Fairness im Spiel. Knuffig, exaltiert und mit ganz viel versponnener Obsession geknetet.

Early Man