Loving Vincent

BILDLICH GESPROCHEN

6/10

 

lovingvincent© Bild: Loving Vincent Sp.z.o.o. & Loving Vincent Ltd.

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, POLEN 2017

REGIE: DOROTA KOBIELA, HUGH WELCHMAN

CAST: DOUGLAS BOOTH, SAOIRSE RONAN, JEROME FLYNN, ROBIN HODGES, HOLLY EARL U. A.

 

Niemals davor und niemals danach hat je ein Künstler so gemalt wie er: Vincent van Gogh. Der Niederländer war wahrlich kein Kind seiner Zeit, ein aus der Zeit Gefallener sozusagen, einer der als verrückt galt. Der im Malen aber sich selbst fand und die Welt so wiedergab, wie nur er sie sehen konnte. Das war für viele befremdlich, zu wenig vertraut. Van Goghs Stil war weder expressionistisch noch realistisch, aber immerhin einer, den mittlerweile jeder kennt. Denkt man an van Gogh, dann bevorzugt an Sonnenblumen. Wie bei Klimt und seinem Kuss. Oder Da Vinci und seiner Mona Lisa. Van Gogh war aber mehr als Sonnenblumen, mehr als ein ein strahlender Sternenhimmel, beides und anderes bevorzugt auf Souvenirtassen und Postkarten, T-Shirts und jedem nur denkbaren Merchandising. Van Goghs Kunst ist längst ausverkauft. So wie die von Klimt. Ihn zu entkitschen wäre an der Zeit. Das hat Julian Schnabel dieses Jahr mit seiner faszinierenden Psychostudie, die weit mehr ist als ein biographischer Auszug, sondern gleichzeitig auch ein Diskurs über das Schaffen von Kunst an sich, bereits getan. Ganz famos, wie ich finde.

Wenn jemand so einen Stil kreiert wie van Gogh, dann wäre es auch interessant, herauszufinden, ob sich so ein Stil auch animieren lässt. Ob man einen Film drehen kann, der so aussieht wie Malerei, der jede Szene neu bepinselt, wo die Struktur auf der Leinwand auch zur Struktur auf dem Screen werden kann. In Loving Vincent, einem abendfüllenden Werk der polnischen Künstlerin Dorota Kobiela und des britischen Animationsfilmers Hugh Welchman (u. a. Peter und der Wolf), wurde die Probe aufs Exempel gemacht – und mit irrem Aufwand Kader für Kader im Sinne des künstlerischen Erbes van Goghs bemalt. Wer sich so etwas antut, muss von seiner Idee wirklich mehr als überzeugt sein. Und das Œuvre des großen Avantgardisten abgöttisch lieben. Wobei die Person des Niederländers gar nicht mal wirklich eine Rolle spielt, denn in Wahrheit ist es eine Spurensuche, die nach dessen Tod erst seinen Anfang nimmt. Es geht um einen Brief, gezeichnet mit Loving Vincent, der für Bruder Theo bestimmt war. Allerdings: Zustellung unmöglich, der kaufmännisch tätige Bruder, der stets ein gutes Verhältnis zu Vincent hatte, lebt ebenfalls nicht mehr. Was also tun? Wie wär´s damit, herauszufinden, ob am Selbstmord des Malers wirklich was dran ist. Der Sohn des Postmeisters Joseph Roulin, der ebenfalls von van Gogh portraitiert wurde, trifft folglich alte Bekannte des Verstorbenen und schafft sich und dem Zuseher ein ganz anderes Bild des Vordenkers, das ihn als ruhelosen, obsessiv malenden Menschen darstellt, dessen Innerstes sich eigentlich niemandem wirklich erschlossen hat. Der bekannt war, aber nicht wirklich gekannt wurde. Der in einer ganz eigenen Blase seiner Wirklichkeit daheim war, und die vielleicht wirklich so ausgesehen haben könnte wie das, was er zu Papier brachte, ja geradezu bringen musste, denn was man sagen kann, und was auch mit Julian Schnabels Interpretation d’accord geht, ist die Prämisse: „Ich male, also bin ich. Male ich nicht, bin ich tot.“ Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit aber scheint an van Goghs Ableben keine Zweifel zu haben – Suizid war es in diesem Film keiner. Eine Theorie, die sich immer noch hält. Und ein Geheimnis, das weder dieser oder der andere Streifen wirklich lüften kann.

Natürlich ist es verblüffend, was Loving Vincent visuell hergibt. Der Film ist ein Experiment, Animation auf einer Stufe, die van Goghs Meisterwerke an eine semidokumentarische, fiktive Handlung bindet, die im Gegensatz zu dem entfachten Bildersturm in kühler Klarheit, ja geradezu nüchtern-sachlicher Art aufklärerischen Schulfernsehens auf eine nicht unangestrengte, investigative Reise mitnimmt, auf der wir sogar trotz Überpinseln bekannte Gesichter wie jenes von Saoirse Ronan oder Game of Throne-Star Jerome Flynn erkennen. Die in abstrakte Räume führt, die alle schon mal Motive für van Gogh waren, an denen er gearbeitet und gelebt hat. Loving Vincent ist wie eine begehbare exklusive Ausstellung, an der man keinen Schritt tun muss, deren Exponate mit unermüdlicher, flirrender Nervosität auf den Zuseher einwabern und das Auge durchaus fordern, da all die Bilder nicht wirklich Tiefe haben, weniger als ein klassischer Trickfilm. Das ist mitunter anstrengend, vor allem weil der Plot selbst in gediegener Ruhe gemächlich vor sich her schummert und die Dynamik eines im Wasserglas gerührten Farbpinsels hat. Das ist versponnen, sinnierend, es sind Gespräche, sonst nichts. Was andererseits aber wieder gut ist, denn die Optik lenkt von allem ab, man sucht die Details und lässt sich beeindrucken, doch es ist auch klar, was der Film will. Ein Experiment sein, ein faszinierendes Kuriosum, einzig und allein der Machart wegen. Weil geht, was geplant war. Ob van Gogh selbst beeindruckt wäre? Sicher kann ich das nicht sagen, vielleicht würde er meinen, dass diese Art Plakativität auch nichts anderes ist als ein Ausverkauf seiner Kunst. Weil sie eben gefällt, weil diese Farben und Formen alle Gemüter ansprechen, weil es bunt ist und opulent. Das hätte dem Meister wohl eher gefallen, vielleicht aber auch Angst gemacht. Wer wird das je wissen, ist der Mann doch ein einziges Mysterium, dem man sich vielleicht nur über dem Bildweg nähern und so einen großen gemeinsamen Nenner finden kann, eben wie in Loving Vincent.

Loving Vincent

Werk ohne Autor

VOM KLAGEN DER BILDER

7,5/10

 

werkohneautor© 2018 Walt Disney Company

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2018

REGIE: FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK

CAST: TOM SCHILLING, PAULA BEER, SEBASTIAN KOCH, SASKIA ROSENDAHL, OLIVER MASUCCI, LARS EIDINGER, BEN BECKER U. A.

 

Wo kein Richter, da kein Wohlgefallen: mit Florian Henckel von Donnersmarcks neuem und für den Auslands-Oscar nominierten, episch-biographischen Streifen hatte der Maler eingangs erwähnten Namens keine Freude. Warum? Nun, weil sich der Künstler in Werk ohne Autor ganz anders nennt – nämlich Kurt Barnert. Auf die Frage hin, warum denn von Donnersmarck nicht gleich und völlig aufrichtig Richter selbst erwähnt, gab es die Antwort, dass vorliegender Film lediglich eine Anlehnung an dessen Biografie sei, und nicht die Biografie selbst. Das allerdings macht vielleicht wütender als die Tatsache, das Kind nicht beim Namen nennen zu wollen. Denn Werk ohne Autor ist bis ins Detail und völlig offensichtlich sehr wohl die Biografie von Gerhard Richter. Selbst die Bilder sind inhaltlich ident, selbst Dresden als die Stadt, in welcher die Lebensgeschichte ihren Lauf nimmt, ist dieselbe. Somit ist das Drama eindeutig eine True Story, nichts Fiktives. Dafür aber trotz seiner sitzfleischfordernden Dauer von 3 Stunden so dermaßen straff und fesselnd inszeniert, dass diese wie im Flug vergehen. Dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts so punktgenau auf relevante Eckdaten heruntergestrichen wurde, dass man dennoch das Gefühl hat, die Zeit in all seinen Tagen vorüberziehen zu sehen. Das klingt, als wäre der Film epische Langeweile – mitnichten! Trotz der formalen Perfektion sind die unerwähnten Tage dazwischen Zwischenbilder im Kopf, scheinbar lückenlos, wie ein ganzes, volles Leben. In welchem viel passiert ist, viel Düsternis zwar, viel unbarmherziges Schicksal, aber auch die Chance, die Dinge in ihrem Zusammenhang zu begreifen, wie Barnert selbst sagt. Und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Was ist Wahrheit? oder besser gesagt – wie ist Wahrheit? Wahrheit ist schön, das sagt zumindest der künstlerisch hochbegabte Junge, dargestellt von Tom Schilling, der mit seiner Aussage gut und gerne einen Platz in Stefan Sagmeisters MAK-Ausstellung Beauty seinen Platz hätte finden sollen. Warum aber ist sie so schön? Schmerzt Wahrheit nicht viel mehr? Oder ist damit nur die Wahrheit der Kunst gemeint? Werk ohne Autor beginnt mit eben dieser – einer vermeintlich falschen Wahrheit, im Rahmen einer Kunstausstellung entarteter Schöpfer des Jahres 1937. Da waren die Maler der Brücke oder des Blauen Reiter künstlerische Missgeburten, verachtet und für krank befunden. Die Wahrheit ist hier auf das groteskeste verzerrt, und damit meine ich nicht die der Bilder, sondern das generische Gesetz eines faschistoiden Geschmacks. In dieser Welt wächst Kurt Barnert auf, ist sichtlich fasziniert von den entarteten Formen, die nur im Kopf geboren sind. Und von seiner Tante, die dem Jungen Weisheiten auf den Weg gibt, und ihn anhält, niemals wegzusehen. In Folge der Säuberung minderwertigen Lebens unter der NS-Herrschaft fällt auch die schizophren veranlagte Verwandte zum Opfer – durch die Hand des SS-Arztes Seeband, der darüber urteilt, was weiterleben darf und was nicht. Erschreckende Szenen, nicht zu begreifen. In seinem Grauen aber pietätvoll, soweit es geht, in Szene gesetzt. Der kleine Kurt ahnt all die Vorfälle, zieht sich zwar nicht zurück, aber verankert sich zusehends in seiner eigenen Realität, seiner Wahrheit, die eines Künstlers, der in einer gewissen Übersensibilität vermeint, mehr zu verstehen als andere, dafür aber nur spricht, wenn Bedarf besteht. Bis es allerdings soweit kommt, bis sich das Portal zum Ausdruck seiner Wahrheit öffnet, vergehen Jahre, Jahrzehnte, passieren seltsame Zufälle, die den Verdacht auf eine deterministische Welt schüren.

Die Wahrheit der Kunst ist die Prämisse von Donnersmarcks schillernden, bravourös erarbeiteten Film, in dem der künstlerische Umbruch der 60er Jahre mit sehr viel Affinität und Aufmerksamkeit nachgestellt ist. Die Kunstakademie Düsseldorf wird zum Schmelztiegel unterschiedlichster Weltsichten, nicht mehr unterdrückter Messages und schwer zugänglicher, befreiender Aufschreie. Hinsehen muss erstmal weniger der Kunstkonsumierende, sondern der Künstler selbst, der zu dieser Zeit den Krieg mit der Muttermilch mitbekommen und die Nachkriegszeit erlebt hat, eine Kindheit voller Entbehrung und Bitternis. Von diesen Umständen längst angewidert, müssen innere Wahrheiten ans Licht, und schwere Schuld getilgt werden. Zum Beispiel die Schuld eines Monsters in Weiß, das noch nach dem Krieg das Erbgut der Elite arisiert sehen will. Sebastian Koch legt als arroganter Übermensch eine beeindruckende schauspielerische Arbeit vor – so furchterregend rausgeputzt war rechthaberischer Trotz noch selten. Schilling aber, stets mit dem Blick aufs Wesentliche, findet in seiner Wahrheit jene dunkle des anderen. Und lässt Kunst entstehen, unscharf und verwaschen wie die Erinnerung. Doch was steckt dahinter, hinter all diesen Bildern? Vielleicht gar nichts, nur der Deckmantel des erkennenden Blickes. Keine Biografie, kein Trauma. Ist das zu wenig? Soll ein Künstler nicht sich selbst verarbeiten? Als man Samuel Beckett gefragt hat, was seine Werke eigentlich sollen, wusste er es selbst nicht. Auch David Lynch trägt wenig Erhellendes zu seiner Arbeit bei. In Werk ohne Autor hat das Werk letzten Endes tatsächlich keine Geschichte. Sondern nur die Geschichte des Betrachters, der sich ertappt fühlt.

Werk ohne Autor

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

ICH SEHE, WAS DU NICHT SIEHST

8/10

 

vangogh© 2019 DCM

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: JULIAN SCHNABEL

CAST: WILLEM DAFOE, OSCAR ISAAC, EMANUELLE SEIGNER, MADS MIKKELSEN, RUPERT FRIEND, MATTHIEU AMALRIC U. A.

 

Der Maler Julian Schnabel, der sieht die Welt, wie wir wissen, ohnehin mit eigenen Augen. Wer seine Buchverfilmung Schmetterling & Taucherglocke gesehen hat, wird wissen, was ich meine. Die andere Sicht auf Dinge, die uns umgeben, die sind für den 68jährigen Filmemacher und Vertreter des Neoexpressionismus ein kryptisches Phänomen, das er versucht, zu lüften. Warum die Welt, in der wir leben, so unzählige unterschiedliche Realitäten besitzt und wie diese individuelle Realität am besten festgehalten werden kann – das sind experimentelle Versuche, in die sich Schnabel Hals über Kopf zu stürzen scheint. In seinem Film über den am Locked-In-Syndrom leidenden Jean-Dominique Bauby verweilt die Kamera stets oder immer wieder in der Perspektive des Erkrankten. Die Sicht auf die Existenz, auf das ihn Umgebende, die überrascht uns. Und sie überrascht uns auch in Schnabels aktuellem Film, in einer Biografie, die bei Weitem nicht neu ist: das Leben des Künstlers Vincent van Gogh, mitsamt Strohhut und Staffelei.

Zu diesem posthumen Superstar der Avantgarde mit all seinen Darstellungen diverser französischer Landschaften und natürlich mit Vasen voller Sonnenblumen gibt es bereits allerlei filmische Statements. Kirk Douglas hat den Mann verkörpert, Tim Roth – sogar Martin Scorsese. Und erst 2017 gab es diesen Animationsfilm Loving Vincent, der die Hintergründe seines gewaltsamen Todes (von welchem ich eigentlich gar nichts wusste) in Form bewegter Pinselstriche aufzuarbeiten versucht. Bis dato habe ich diesen Film noch auf meiner Liste, vielleicht, weil mich der dekorative Fokus auf den Bildstil des Künstlers in anstrengender Spielfilmlänge bislang doch etwas abgeschreckt hat. Womöglich werde ich das aber jetzt nachholen, einfach, um das etwas verschlafene  Interesse an der Kunstgeschichte wieder wachzurütteln, und um danach wieder mal ins Museum zu gehen, weil Lust auf Kunst, die entfacht Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit zumindest bei mir auf eine Weise, die über das gestaltete Werk an der Wand hinausgeht.

Die vorliegende Annäherung an Van Gogh erwähnt zwar sehr wohl all die einschneidenden Wendepunkte innerhalb der letzten Jahre des Malers, und ist handlungstechnisch klar als das Fragment einer Biografie zu betrachten. Allerdings – Schnabel will eigentlich etwas ganz anderes. Er hat sich den rothaarigen Visionär erwählt, um an einem ganz anderen Ende anzusetzen, um ein Philosophikum aus den Angeln zu heben, das all jenen Ichs gewidmet ist, die ihrer Zeit weit voraus waren. Schnabel wagt einen berauschenden Exkurs über das Wesen des Schöpferischen und geht anhand eines imaginären Interviews mit Vincent van Gogh der Frage nach, was dem obsessiven Akt des Erschaffens eines Werks eigentlich vorausgeht. Ist es eine labile Psyche, sind es Traumata? Ist es die Angst vor etwas? Vielleicht Kummer oder Leid? Van Gogh sagt in einer Szene selbst, das jedwede menschliche Qual das Beste sei, um Kunst zu schaffen. Dass Genesung etwas ist, dass dem Prozess des Kreativen eigentlich nur in die Quere kommen kann. Der ewig Leidende, larmoyante Fremdkörper innerhalb einer den impressionistischen Gefälligkeiten eines Renoir, Monet oder Degas gesinnten Gesellschaft steht Rede und Antwort, manchmal sich selbst, manchmal Künstlerkollegen wie Paul Gauguin, Doktoren und Geistlichen – über Tod, dem Göttlichen und der Wahrnehmung. Willem Dafoe verleiht dem Gehetzten und aus der Zeit Gefallenen eine entrückte wie bedrückende Intensität. Sein Blick verliert sich in der Weite der Landschaft, für Van Gogh die Schwelle zur Ewigkeit. Dafoe gibt sich trotzig, mutig, verschüchtert – und bleibt vor allem einsam und allein mit sich und seiner Fähigkeit, mehr zu sehen als andere. Eine schauspielerische Wucht ist das, diese fahrige Suche nach Nähe, der Julian Schnabel entgegenkommt – und wie selten in einer Künstlerbiografie das Publikum die alles ertragen müssenden Seufzer eines Außenseiters spüren lässt, dessen intime Zwiesprache gestört wird, die aber, so seltsam es klingt, gestört werden will.

Kameramann Benoît Delhomme folgt wie schon zuvor Janusz Kaminski den visuellen Ideen Schnabels auf Schritt und Tritt – das Auge trottet in stetiger Unruhe zwischen traumwandlerischer Ekstase und begreifen wollendem Wachzustand einem Drang hinterher, eins zu werden mit dem Natürlichen, um dann das Erlebte auf Leinwand und Papier zu bannen. Irrlichternd hetzt der Film über Äcker, Felder und durch verwachsene Wälder Richtung Sonne, findet maximal Ruhe in alten Gemäuern, die von früher erzählen oder Blackouts, und in denen sich ein Diskurs über das Wesen kreativer Kräfte in gehaltvollen Gleichnissen Bahn bricht. Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit ist eine cineastische Erfahrung, bereichernd, nachvollziehbar und glücklich verloren in den abstrakten Gedanken eines Genies.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Egon Schiele – Tod und Mädchen

ZEICHNEN BIS DER ARZT KOMMT

6,5/10

 

schiele© 2016 Novotny Film

 

LAND: ÖSTERREICH, LUXEMBURG 2016

REGIE: DIETER BERNER

MIT NOAH SAAVEDRA, MARESI RIEGNER, VALERIE PACHNER, LARISSA AIMÉE BREITBACH U. A.

 

Für alle Kunstinteressierten, die mal nach Wien kommen wollen oder in Wien leben und schon ewig nicht oder sich noch gar nie in das Leopold-Museum im Wiener Museumsquartier gewagt haben, sei eben jene Sammlung des Dr. Rudolf Leopold wiedermal oder erstmals ans Herz zu legen. Neben wunderbaren Exponaten quer durch die Kunstgeschichte des 19ten und 20ten Jahrhunderts gibt es eine beeindruckende Anzahl an Werken des Künstlers Egon Schiele. Und was für Werke! Die einen finden sie obszön, die anderen – so wie ich – handwerklich wie kompositorisch ungemein innovative Kunstobjekte. Man muss Egon Schieles Oeuvre nicht mögen, natürlich ist sein Stil Geschmacksache. Aber zugegebenermaßen hat Schiele einen solchen Stil entwickelt, der weltweit einzigartig geblieben ist. Niemand sonst hat jemals so gemalt. Seine Extravaganz ist dem jungen Maler natürlich bewusst gewesen. Er war Künstler, geradezu ein Genie. Und als solches hat er sich selbst auch gesehen. Das macht ihn nun nicht zu einem sonderlich sympathischen Zeitgenossen. Das findet Regisseur Dieter Berner auch. Wie es aussieht, dürfte Berner, der mit Alpensaga und Arbeitersaga Fernsehgeschichte geschrieben hat,  eine nicht allzu hohe Meinung vom versnobten Windhund mit dem Talent eines Wunderkindes haben. Aber das stört ihn nicht dabei, ein biografisches Künstlerdrama über ihn auf die Leinwand zu bringen. Auch eine Abneigung zu gewissen Personen kann faszinieren. So gesehen war Egon Schiele so etwas wie ein Anti-Ego, eine dunklere Seite hochgeistigen Bildererschaffens. Und Berner macht es dem Zuseher nicht allzu schwer, sich den Menschen Schiele wirklich als solchen vorzustellen. 

Ein Lebemann, ein Frauenheld, ein Macho auf seine Art. Weibliche Modelle, am liebsten nackt, oder am liebsten maximal nur mit Strumpfband. Selten wurde Erotik im Atelier so großgeschrieben wie bei Schiele. Ein Blick in die Werkstube des Meisters könnte den einen oder anderen Voyeur auf den Plan gerufen haben. Sinnliche Einblicke, die keinen Groschen kosten. Die Altersklasse der freizügigen Modelle: so jung wie möglich. Was für den Mädchenschwarm und Pinsel-Apoll irgendwann zum Verhängnis wurde. Denn leicht kann es sein, dass die Gier nach dem weiblichen Körper mitunter einen latenten Hang zur Pädophilie erkennen lässt. Der Sittenskandal war vorprogrammiert. Mittendrin der arrogante Egon, der sich Freund des nicht weniger entidealisierten Gustav Klimt nennen durfte. 

Der Titel Egon Schiele – Tod und Mädchen bezieht sich auf ein ganz bestimmtes Gemälde. das ursprünglich eigentlich Alter Mann und Mädchen hieß, dann aber als Hommage an seine während des ersten Weltkriegs verstorbenen Geliebten Wally Neuzil vom Trauernden selbst in Tod und Mädchen umbenannt wurde. Den Expressionismus der Bilder lässt Berner´s Film so ziemlich außen vor und distanziert sich auch, anders als Klimt von Raul Ruiz oder Loving Vincent, von einer Implementation des ureigenen Schiele-Striches in die visuelle Komponente seines Filmes. Was aber in diesem Fall für das Biopic spricht. Denn wichtig ist in Hilde Berger´s literarischer Vorlage vor allem die entromantisierte und schmucklose Sicht auf das Leben, Schaffen und Sterben eines für die Kunstgeschichte großen Österreichers, der als Mensch in menschlicher Grauzone verweilt, ohne den Wert seines Schaffens zu schmälern. All die verehrten Genies wie Klimt und Schiele können das Gewicht ihrer Entklärung problemlos ertragen. Sie werden zu Menschen, die ihren Versuchungen anheimfallen. Auf diesem staub- und farbverkrusteten Boden des Vergangenen lässt Berner auch seine Schauspieler agieren. Der junge Noah Saavedra bemüht sich zwar etwas in seiner Rolle, das Ego Schieles um sich greifen zu lassen, dafür aber ist ihm das weibliche Ensemble eine gute Stütze. Die jungen Damen sind es auch, die das Leben Schieles beeinflussen. Ihnen gehört der Film, weniger dem Künstler selbst. Bis gegen Ende des Krieges die spanische Grippe kommt. Die rafft sie fast alle dahin. Nur die Bilder in der Sammlung Leopold, die bleiben. Wenn schon nicht den Film, dann sollte man zumindest diese sehen.

Egon Schiele – Tod und Mädchen