Vox Lux

DAS TRAUMA EINES POPSTARS

5,5/10


voxlux© 2019 Kinostar


LAND / JAHR: USA 2018

BUCH / REGIE: BRADY CORBET

CAST: NATALIE PORTMAN, JUDE LAW, RAFFEY CASSIDY, STACY MARTIN, JENNIFER EHLE, MARIA DIZZIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Warum genau wollen das manche – ein Star werden? Ist es wirklich nur Ruhm und Reichtum? Diese Stars – sie können sich alles kaufen, alles leisten und haben Einfluss. Einfach sie selbst sein können sie nicht. Ausruhen können sie nicht. Unerkannt bleiben können sie nicht. Auf allen Kirtagen müssen sie sein, um die Erfolgssuppe am Köcheln zu halten, sonst ist der Stern ganz schnell ein sinkender. Aber vielleicht ist dieser Prozess letzten Endes das Beste, was passieren kann. Bleibt nur, es zuzulassen.

Zu solchen Gedanken gelangt man – muss man ganz einfach gelangen, wenn am Screen Natalie Portman als unausstehlicher, weil seelisch zerrütteter Popstar Celeste so gut wie alles Offensichtliche im Leben erreicht zu haben scheint – nur nicht das, worauf es ankommt.

Dabei nimmt das Leben dieser fiktiven Persönlichkeit, die um die Jahrtausendwende den Pophimmel erobern wird wie im tatsächlichen Leben Lady Gaga oder ihresgleichen, in ihren Teenagerjahren eine erschreckende Wendung. Celeste wird Opfer eines schulischen Amoklaufs, kommt mit dem Leben davon. Zwei Narben verunstalten Hals- und Bauchbereich, seitdem erschweren Kreuzschmerzen den Alltag. Bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags fängt Celeste zu singen an – und wird über Nacht zur Ikone. Ihre Stimme findet bald den richtigen Agenten (Jude Law), der das Mädchen vom Aufnahmestudio bis zur Bühne überallhin begleitet. Und ja: dieses scheinbar von allen psychischen Schmerzen unberührte Individuum schafft es, ganz groß rauszukommen. Nur: sagenhafte Popularität hat ihren Preis. Das ist fast so wie ein Pakt mit dem Leibhaftigen, der die materielle Welt zu Füßen legt, während die wahren Werte ihm ganz alleine gehören.

Kurz mal nachgedacht: es gibt kaum einen Film über Stars ohne Schattenseiten. In den meisten Fällen dominieren sie die Biographie. Auch in A Star is Born hat zwar Lady Gaga das große Los gezogen, Bradley Cooper allerdings gibt sich nach zahlreichen Besäufnissen den Strick. Es scheint, als wäre das Star-Dasein ein Fluch aus Versuchung und dem Rausch des Mittelpunkts. Kann sein, dass Brady Corbet sein Glamour-Drama als kritische Antithese auf den in allen Farben schillernden Traum vom Showbusiness sieht. Hier ist gar nichts schillernd und schmuck, nicht mal die ausladende Stage-Sequenz von Celeste im Glitter-Look, in welcher sekündlich merkbar scheint, wie mühsam diese Performance sein muss. Wie sehr sich dieser ohnehin schon durch alle Öffentlichkeit hindurchverwurstete Mensch sich wegdenkt, während der Automatismus das eingelernte Programm abspult. In Vox Lux ist der Erfolg ungefähr so elektrisierend wie ein Suchtgiftentzug. Vox Lux ist schwerfällig und larmoyant, ein bisschen überkünstelt und von ermüdender Exaltiertheit, die schon beim Zusehen das Verlangen nach einer eigenen Auszeit weckt. Dieses öffentliche Leben fühlt sich verklebt und verdreckt an – unterm Strich falsch. Da setzt Natalie Portman in ihrer heillos überzogenen Darstellung des kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehenden Superstars dem vermurksten Leben noch die Krone auf, in dem sie im klappernden Stelzschritt und aufgebrezelt bis zum Barock-Theater ihre Authentizität verscherbelt.

Befriedigung kommt bei diesem Drama, welches wie eine Oper in mehrere Akte unterteilt ist und hörspielmärchengleich von einem Erzähler aus dem Off begleitet wird, keine auf. Der fahle Nachgeschmack eines nie aufgearbeiteten (amerikanischen) Terror-Traumas und einer latenten Unversöhnlichkeit dem Leben gegenüber sediert jede Szene. So ist das, wenn der Teufel einen Deal macht.

Vox Lux

Archive

ICH BAU‘ MIR MEINE FRAU ZURÜCK

4/10


archive© 2020 capelight pictures


LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, USA 2020

REGIE: GAVIN ROTHERY

CAST: THEO JAMES, STACY MARTIN, RHONA MITRA, TOBY JONES, PETER FERDINANDO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Okay, der Titel zu diesem Artikel klingt ja fast so, als hätten wir es hier mit einer Variation des Mythos von Doktor Frankenstein zu tun. Jein, dem ist nicht ganz so. Hier werden keine Leichen exhumiert und Körperteile aus der Anatomie entwendet. Hier baut sich ein Wissenschaftler tatsächlich seine Frau zurück. Wie das geht?

Wir schreiben das Jahr 2038. Der Tod ist für den Menschen nicht mehr das Ende aller Dinge. Es ist nun also möglich, sein Gedächtnis für eine geraume Zeit archivieren zu lassen – daher auch der Titel des Films. Irgendwann aber schließt sich auch dieses Zeitfenster und das Jenseits ruft. Bis dahin aber kann man als Verstorbener noch Dinge regeln, für die zu Lebzeiten keine Zeit mehr war. Abschiede fallen vielleicht leichter, der Übergang ins Ungewisse ist wie das Verklingen eines Orchesters. Robotiker George Almore (Theo James) hat allerdings das gewisse Know-How – zumindest denkt er das – um das noch vorhandene Bewusstsein seiner verstorbenen Frau in einen Androiden zu speisen. Und für die Ewigkeit zu konservieren.

Die Story vom High-Tech-Pygmalion erinnert ein bisschen an den Science-Fictioner Transcendence mit Johnny Depp, der, ebenfalls bereits Anfang des Films verblichen, seinen Geist in eine Maschine speist. Die Idee ist ganz originell variiert. Auch das Set-Design des Films von Gavin Rothery besticht durch klassische, bunkerähnliche Gangschluchten wie jene filmbekannter Raumschiffe und eine formschöne Setzkasten-Roboterfrau. Das Makeup kann sich sehen lassen. Die anderen Blechkameraden, die hier durch die Anlage watscheln, sind in Sachen Mimik etwas eingeschränkter, aber auch sie haben Gefühle. In diese tragische Liebesgeschichte zwischen Kabeln und Transformator fingern allerdings relativ zusammenhanglose halbgare Storylines aus dem dystopischen Umfeld mit hinein, die hochtrabend sein wollen, aber die mit onhaltlicher Relevanz eher geizen als den Plot voranzutreiben. Und dann – ja, dann weiß Rotherys Script nicht weiter. Was macht er? Er lässt sich von Filmemachern inspirieren, die das Geheimniss rund um punktgenau gesetzte Storytwists wirklich beherrschen – und knallt auch hier, bei seiner melancholischen Robotermär, die das Zeug hätte zum philosophischen Diskurs über Persönlichkeit und Künstlichkeit, eine zu sehr gewollte Kehrtwende ans Ende, die den ganzen vorangegangenen, betulich errichteten Storykomplex zum Einsturz bringt. Ein Film also nicht zur Gänze für den Elektroschrott, denn auch hier ließen sich noch einige Elemente recyceln. Es ließe sich vielleicht auch nochmal darüber nachdenken, wie die ganze Geschichte denn noch hätte enden können. Denn so wenig plausibel, wie sich Archive schließlich präsentiert, muss Science-Fiction mit Köpfchen wirklich nicht sein.

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