Song Sung Blue (2025)

NOT ONLY A DIAMOND IS FOREVER

7/10


© 2025 Universal Pictures Austria


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CRAIG BREWER

DREHBUCH: CRAIG BREWER, NACH DER DOKUMENTATION VON GREG KOHS

KAMERA: AMY VINCENT

CAST: HUGH JACKMAN, KATE HUDSON, ELLA ANDERSON, KING PRINCESS, JIM BELUSHI, FISHER STEVENS, HUDSON HILBERT HENSLEY, MICHAEL IMPERIOLI, MUSTAFA SHAKIR U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Es gibt da diese Aha-Erlebnisse, die ich mit Neil Diamond assoziiere. Zum einen jenen, der sich in Frank Oz‘ herrlicher Komödie Was ist mit Bob? versteckt. Neurotiker Bill Murray erklärt dabei den Grund, warum seine Ehe in die Brüche ging: „Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: Die, die Neil Diamond mögen, und die, die ihn nicht mögen. Meine Ex-Frau liebt ihn.“ Zum anderen die dritte Episode der siebten Staffel von The Big Bang Theory, in welcher Simon Helberg und Mayim Bialik, die in ihren Filmfiguren nichts miteinander gemeinsam haben, ihre Liebe zu besagtem Sänger entdecken, indem sie, fahrend im Auto, im Duett Sweet Caroline schmettern. Jedes Mal, wenn ich diesen Klassiker höre, habe ich diese Szene vor Augen. Und, im Gegensatz zu Bill Murray, habe ich Neil Diamond insofern schätzen gelernt, da seine Lieder das Zeug haben, als Ohrwürmer tagelang hängenzubleiben. So passiert mit Song Sung Blue. Da reicht es, im Kinoprogramm Craig Brewers Film zu erspähen, und schon summt das Hirn die Melodie. Immer und immer wieder.

Wie man Ohrwürmer wieder los wird

Die beste Methode, diese Dauerschleife zu durchbrechen, ist, das Lied tatsächlich ans Ohr zu lassen. Zum Beispiel aus der Kehle von Hugh Jackman, der auf gewohnt sympathische Weise den Sänger Mike Sardina verkörpert. Noch nie von ihm gehört? Das ist nicht so verwunderlich, wenn man kein eingefleischter Neil Diamond-Fan ist. Um Personen wie diese aus dem Showbusiness ins Licht des Allgemeinwissens zu rücken, braucht es Filme wie diesen. Und schon weiß man und vergisst auch nicht so schnell: Jackman im Langhaar-Look und blauem Glitzersakko, das ist Lightning – jener Mann, der gemeinsam mit Ehefrau Claire die Neil Diamond Tribute-Band Lightning & Thunder gegründet hatte, die in den Achtzigern jenen, die sich keine Neil Diamond-Konzertkarten leisten konnten und dennoch die Experience eines authentischen Konzerts genießen wollten, so richtig einheizten. Wie es dazu kam und was aus diesen beiden wurde, die zusammen eine Patchwork-Familie bildeten, weil beide Kinder aus ersten Beziehungen hatten – nicht nur das erzählt Brewer, basierend auf einer Dokumentation von Greg Kohs aus dem Jahr 2008. Er erzählt auch von Menschen und ihren Träumen, und wie sie jäh daran gehindert werden, diese auszuleben, weil das Dasein an sich niemals damit zögert, das Lebensglück zu brechen.

Das Mehr an Schicksalsschlägen

Neben den altbekannten Ohrwürmern Neil Diamonds bekommt eine viel weniger bekannte Nummer ihre würdige Interpretation: Soolaimon – wohl das Lieblingslied des zu früh verstorbenen Mike Sardina. Hugh Jackman und Kate Hudson sind stimmlich und auch in Sachen Performance absolut in der Lage, diesen und andere Songs zu meistern, somit vergeht der Film zwar nicht wie im Fluge, unterbricht aber immer wieder die relativ konstante, erzählerisch nicht ganz so geschickt strukturierte True Story, die sich aber ziemlich genau so zugetragen hat – manches will man ja gar nicht glauben und würde es, wäre es fiktiv, gar als etwas dick aufgetragen empfinden. Doch Schicksalsschläge sind des öfteren ungerecht verteilt, und manche bekommen mehr davon ab als andere. Die, die mehr abbekommen, sind Lightning & Thunder. Das geht ans Herz, wenn Lightning ohne Thunder nicht mehr Musik machen kann, weil es alleine einfach nicht mehr dasselbe ist. Liebe steht in Song Sung Blue großgeschrieben, doch nicht auf die schwülstige Weise, sondern verwoben in ein tragikomisches Auf und Ab mit manchmal mehr Tragik als erwartet, vor allem in der zweiten Hälfte, in welcher der Film seine Tonalität mutig verändert.

Jackman und Hudson sind beide gut in Form, an die Frisur Jackmans kann man sich gewöhnen, muss man aber nicht – diese ist wohl den Fakten geschuldet und auch einem Neil Diamond der Siebziger. Alles in allem beschert dieses in gewohnt amerikanischem und gleichsam bewährtem Erzählstil gehaltene Melodram Kinostunden, die man gerne investiert, weil mit Musik meistens alles besser geht und auch Filme ihren ganz besonderen Kick bekommen. So auch dieser.

Song Sung Blue (2025)

Wonder Wheel

DAS JAMMERTAL IST EIN RUMMELPLATZ

8/10

 

WA16_D12_0335.RAF© 2016 Warner Bros. Ent. Alle Rechte vorbehalten.

 

LAND: USA 2017

REGIE & DREHBUCH: WOODY ALLEN

MIT KATE WINSLET, JUNO TEMPLE, JAMES BELUSHI, JUSTIN TIMBERLAKE U. A.

 

Woody Allen geht ins Licht. Oder anders formuliert – er geht in Sachen Lichtregie für seinen neuen Film so ziemlich ins Detail. Um nicht zu sagen – Licht ist in Wonder Wheel, einer bittersüßen, bühnenhaften Rummelplatz-Symphonie, neben einer umwerfenden Kate Winslet der eigentliche Hauptakteur des Werks. Die goldene Stunde, wie Fotografen und Kameraleute gerne jene Position der wolkenbefreiten Sonne nennen, die das orange Spektrum des Lichts reflektiert, war schon in Allen´s letzten Film, Café Society, auffallend wichtig. In Wonder Wheel ist es nicht nur die goldene Stunde, sondern auch das Flackern, Irrlichtern und Pulsieren des blauen, roten und violetten Spektrums. Das kommt zum einen vom sich scheinbar ewig drehenden Wonder Wheel, einem lampengeschmückten Riesenrad auf Coney Island, dass als dauerdominante Metapher eines Glücksrades durch die Fenster bricht und sein Licht über das Schicksal mehrerer Personen hinweg streut. Zum anderen von der blauen Stunde, die sich einstellt, sobald der Heliumstern hinter dem Horizont verschwindet.

Wonder Wheel ist, was vor allem die Bildsprache und die Kamera betrifft, das wohl Bemerkenswerteste seit langem, was Woody Allen auf die Leinwand gebracht hat. Warum? Weil Kameramann Vittorio Storaro das Auge aufs Geschehende hält. Das sagt wahrscheinlich kaum jemandem sofort etwas. Nun, Vittorio Storaro ist, man kann das schon so sagen, eine Legende. Die visuelle Brillanz von Filmen wie Der letzte Tango in Paris oder Apocalypse Now gehen auf sein Konto. Und wenn man genau darauf achtet, entdeckt man beeindruckende Gemeinsamkeiten. Oft sehen wir in Wonder Wheel die Gesichter der Protagonisten in unbeweglichem Close Up. Sie reden und reden, nichts verändert sich, die Kamera verharrt. Nur das Licht setzt das Bild durch wechselnde Farben in ganz unterschiedliche Stimmungen – bis sogar manche Szenen fast ungesättigt wirken. Inmitten ein Gesicht. Im Regenlicht wunderschön. Das leuchtende Spektrum der äußeren Welt gibt auf geradezu psychoanalytische Weise die Gefühlswelten der stets unzufriedenen Figuren aus Woody Allen´s Welt preis.

Und unzufrieden sind sie. In vielen seiner Filme. Sie suchen nach dem großen Los, dass sie doch endlich ziehen mögen. Wollen meist nie das, was sie ohnehin schon haben. Streben nach ihrem eigenen Glück, und nicht nach dem der anderen. Dabei meinen sie, dass nicht sie es sind, die sich im Wege stehen, sondern stets die anderen. Diesen Grundtonus variiert Woody Allen immer aufs Neue. Das Jammern und Lamentieren ist seine Kunstform und seine Sicht auf eine Welt, die verlernt hat, altruistisch zu denken und genügsam zu sein. Genügsam nicht im materiellen Sinne, das niemals. Sondern genügsam zu sein mit dem, was man erreicht hat. Von der Blindheit für das Drumherum ist auch Kate Winslet betroffen. Auch hier haben wir wieder typisch Allen´sche Figuren. Verhinderte Künstler – Schauspieler, Schriftsteller – die sich selbst nicht verwirklicht sehen oder andauernd planen, sich verwirklichen zu wollen, ohne einen eigenen Schritt zu machen. Seine Figuren sind zum Scheitern verurteilte Existenzen, aber nur, weil sie den Status Quo ihres Lebens nicht sehen. Was sie sehen ist ein mögliches anderes Leben, dass so fern wie die flirrende Sonne stets unberührbar bleibt. Und da werden die, die in Gleichgültigkeit versinken, zu Initiatoren destruktiver Mechanismen, die Beachtung einfordern. Wie der ungesehene Junge, der alles, was ihm in die Finger kommt, in Brand steckt.

Und ja, es brennt hier so überall der Hut. Kate Winslet mittendrin im quälenden Fegefeuer der Unzufriedenheit. Neben den satten Bildern ist sie es, die den Film dominiert. Ihr gehört alle Aufmerksamkeit Woody Allens. Und sie ist grandios. Wie eine Doyenne großer Bühnen, wie eine Liz Taylor oder Barbara Stanwyck gebärdet sie sich wild gestikulierend zwischen jugendlicher Verliebtheit, unbeholfener Eifersucht und ignoranter Abscheu. Damit ist ihr dürftiger Auftritt in Zwischen zwei Leben mehr als vergessen. Ich wage ja zu prophezeien, dass Winslet eventuell eine Academy-Nominierung erhält. Denn kraftvoll gespielt ist fast schon ein Hilfsausdruck. Ihr Zynismus, ihr unverfrorener Anspruch auf ein besseres Leben ist von kindischer Sturheit und sorgt für bloßstellend komische Momente. In diesen Szenen hat Woody Allen wieder das erreicht, was er immer vermitteln will: Die Lächerlichkeit menschlichen Verhaltens, die Groteske psychischen Versagens. Und die Therapie, die hilft hier längst nicht mehr.

Wonder Wheel ist ein bis in die kleinsten Nebenrollen famos besetztes Bühnenstück mit geschliffenen Dialogen und ganz viel düsterem Humor. Ein Woody Allen, der seine Muster zwar variiert, es diesmal aber geschafft hat, seine Formen und Formeln anders zu schraffieren. Vor allem was Cast und Schauspiel angeht. Auch Jim Belushi ist sichtlich dankbar für seine Rolle – und würdigt sie mit wuchtigem Engagement.

Wonder Wheel