Lightyear

DIE PHRASE MIT DER UNENDLICHKEIT

5/10


lightyear© 2022 Disney / Pixar Animation Studios


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANGUS MCLANE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CHRIS EVANS, KEKE PALMER, PETER SOHN, JAMES BROLIN, TAIKA WAITITI, DALE SOULES, UZO ADUBA, ISIAH WHITLOCK JR. U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): TOM WLASCHIHA, GIOVANNA WINTERFELDT, JEREMIAS KOSCHORZ, JÜRGEN KLUCKERT, MARIUS CLARÉN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Irgendwann wird auch Buzz Lightyear älter. Nur merkt das keiner mehr, denn alle anderen sind da längst schon Sternenstaub. Was der hartgesottene Space Ranger wohl davon hat, bis zur Unendlichkeit zu reisen, ist wohl eine Frage, die er selbst nicht wirklich beantworten kann. Vielleicht sucht er die Einsamkeit, vielleicht ist das einfach nur ein Ego-Ding, um sich selbst zu beweisen, nicht versagt zu haben. Denn anders lassen sich dessen starrsinnige Bemühungen, durch den Hyperraum zu springen, um die Kolonie Gestrandeter von einem fremden(feindlichen) Planeten fortzubringen, nicht erklären.

Es scheint, als hätte Pixar beim Ersinnen der Origin-Story für einen der Stars aus Toy Story ebenfalls den Anschluss verpasst. Oder zumindest nicht genug hinterfragt, ob es denn wirklich Sinn machen würde, ein charmantes Spielzeug wie den besten Freund von Cowboy Woody dem Kinderzimmerkosmos zu entreißen und ihn als Helden aus Fleisch und Blut auf eine fragwürdige Mission zu schicken, die sich irgendwo zwischen den Sternen und Planeten verpeilt, ohne voranzukommen. Dabei ist die nicht ganz schlüssige Mechanik hinter der Zeitreise noch gar nicht von mir aufs Tapet gebracht worden. Es reicht, sich bereits bei den vielen, vielen verlorenen Jahrzehnten, die Buzz Lightyear mit seinen Testflügen verschleudert, zu fragen, ob so jemand überhaupt noch auf Wunsch der Allgemeinheit handelt oder einfach verbissen einer Sache folgt, die keinerlei Wichtigkeit mehr hat.

Diesen Space Ranger tangiert nicht wirklich, ob all jene, die ihm vielleicht etwas bedeutet hätten, im Laufe einer subjektiv wahrgenommenen Zeiteinheit von gerade mal einer Woche dahinscheiden. Die Kolonie auf dem fremden Planeten hat sich im Laufe von drei Generationen längst mit den Gegebenheiten arrangiert, und Lightyear tritt alle Schaltjahre mal auf, wie eine seltsame Anomalie. Als er es dann tatsächlich schafft, in den Hyperraum zu springen und wieder zu landen, trifft er auf fremde Invasoren, die ihre Roboter ausschicken, um den Nachkommen der Kolonie den Garaus zu machen. Lightyear hat plötzlich ganz andere Probleme als nur Zeit und Raum und schließt sich mit einer kleinen Gruppe an Rebellen zusammen, deren Ideale größer sind als ihre Fähigkeiten. Doch wo ein Wille, da ein Weg. Und noch dazu ist eine der Krieger die Enkelin einer Lightyear bestens bekannten Space Ranger-Kommilitonin.

Wenn schon die Rechnung für die zugrundeliegende Ausgangssituation nicht aufgeht, scheint auch das darauffolgende, actionreiche Szenario zwar etwas nachvollziehbarer, aber deutlich an andere Vorbilder aus der Science-Fiction orientiert zu sein. Und zwar an dem interstellaren Abenteuer der Familie Robinson: Lost in Space. In den von Netflix neu aufgelegten Erlebnissen einiger Kolonisten, die auf fremden Planeten Bruchlandung erleiden und versuchen, den Anschluss Richtung Wahlheimat zu finden, spielen mechanische Aggressoren ebenfalls eine gewichtige Rolle. Lightyear kopiert diese Geschichte, allerdings recht geschickt und letzten Endes auch so, dass sie in eine andere Richtung geht. Dort aber wartet das nächste Problem: Die Sache mit der Zeitreise, oft Garant für Logiklöcher. So auch hier.

Lightyear ist trotz aller Detailverliebtheit und zweifellos ergiebigen Schauwerten das eintönige Spin Off eines großen Franchise-Erfolges, das sich bei seinen Figuren aus bewährten und oft genutzten Charakteristika bedient. Der gute Buzz mit seiner Unendlichkeitsphrase bleibt dabei am beliebigsten.

Lightyear

Bigbug

LOCKDOWN MIT ROBOTERN

4,5/10


bigbug© 2022 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE JEUNET

CAST: ISABELLE NANTY, ELSA ZYLBERSTEIN, CLAUDE PERRON, STÉPHANE DE GROODT, YOUSSEF HAJDI, ALBAN LENOIR, FRANÇOIS LEVANTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Schon wieder ein Film, der das Was-wäre-wenn-Szenario einer selbsterkennenden Technik bemüht, die gegen den Homo sapiens zu Felde zieht. Gut, Interpretationsspielraum gibt’s da einigen. Und ja, dieses Thema ist in Zeiten wie diesen eben relevant genug. Eines darf man aber in dieser Sache auch nicht ganz vergessen: Es kommt immer darauf an, wer da gerade welchen Film inszeniert. Und siehe da: Einer, der märchenhafte (Alb)träume in vergilbter Optik wie kaum ein anderer so gut beherrscht hat, ist nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder zurück im Filmbiz: Jean-Pierre Jeunet. Ich gebe zu, ich liebe seine Interpretation des Alien-Mythos, und halte diese Episode für eines der besten Franchise-Prequels überhaupt. Aber das nur so am Rande. Was habe ich den Mann nicht schon vermisst. Eigentlich hätte Jeunet gar eine Episode von Harry Potter inszenieren sollen, hatte aber abgelehnt. An Life of Pi hat der Visionär rund 2 Jahre herumgemurkst – nichts ist daraus geworden, Ang Lee hat übernommen. Einfach dürfte der Franzose nicht gerade sein. Seine Filme sind das nämlich auch nicht. Schon gar nicht seine neueste Eskapade mit dem Titel Bigbug.

Was Bugs sind, wissen wir Bildschirmathleten natürlich alle. Wenn dieser dann noch unüberschaubar groß wird, gibt’s für den im Jahre 2045 von Robotern hinten und vorne bedienten Mittelschichtsbürger kein Entkommen mehr. Zumindest nicht aus der eigenen Wohnung. Denn in dieser reissen vier zweckvariable Haushaltsroboter einschließlich eines Sexroboters aus dem Nachbarhaus das Zepter an sich und blockieren den Ausgang. Ein Lockdown also für alles Organische, während sich außerhalb des akkuraten Reihenhauses eine neue Macht formiert – die der Yonix. Von hinten sehen die Kerle aus wie Robocop, sichtbares Seniorentum ziert allerdings das synthetische Konterfei der gespenstisch grinsenden Altherren-Simulationen, die den Feuerstrahl im Finger haben und gerne via TV ihre Erbauer der Lächerlichkeit preisgeben: als zur völligen Unfähigkeit degenerierte, hechelnde Hündchen, die alles tun, was die Technik sagt. Ein schönes Zerrbild, mittlerweile mehr wahr als übertrieben.

Somit klingt das ganze Szenario ja schon mal grotesk genug, um von Jeunet zu sein. In Sachen Ausstattung scheut dieser keine Mühen, das Reihenhaus erinnert an den technologisierten Tücken-Parcour aus Jacques Tatis Mein Onkel, nur bunter, opulenter und noch detailverliebter. Doch irgendetwas stört. Vielleicht ist es das durch die Bank aufgesetzte Spiel der Protagonisten – von der älteren Nachbarin samt Hündchen über zwei frisch Verliebte bis zum Exmann jener, der das Haus gehört. Alle scheinen neben der Spur, keiner ist geerdet, alle sind so aufgedreht wie in den Filmen von Louis de Funes. Das in hohen Oktaven und gehetzt hervorgebrachte Gebrabbel bleibt leidlich interessant und fällt schnell auf den Wecker. Bigbug ist anstrengend, wenig griffig und recht trivial. Maschinen hin oder her: ihr Wille, den Platz des Menschen einzunehmen, ist ein halbherziges Unterfangen und verliert sich dann auch in viel zu vielen lediglich angerissenen Nebensächlichkeiten, die vor allem mit den Befindlichkeiten der Eingesperrten zu tun haben. Mancher Slapstick gelingt, das Meiste aber ist ermüdend. Schade, dass Jeunet hier nichts Handfesteres entworfen hat. Wenig erinnert noch an seine Klasse, die er mit Filmen wie Die Stadt der verlorenen Kinder oder Die fabelhafte Welt der Amelie unter Beweis gestellt hat. Was bleibt, ist pastellige Hektik mit schrägen Robotern. Wars das jetzt wieder, für die nächsten zehn Jahre?

Bigbug

Mother/Android

BLINDE KUH MIT ROBOTERN

4/10


motherandroid© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MATTSON TOMLIN

CAST: CHLOË GRACE MORETZ, ALGEE SMITH, RAÚL CASTILLO, TAMARA HICKEY, OWEN BURKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Deswegen, genau deswegen, ist Kyle Reese in Terminator via Zeitreise in das Amerika der 80er Jahre zurückgekehrt: um zu verhindern, was später passieren wird. Aus Liebe zu Sarah Connor ging dann besagter John hervor, der dann die Menschheit gegen die Maschinen anführen wird. Zumindest in der Timeline, die sich gegen James Cameron stellt. Diese Rebellion spezieller Technik findet auch in dem auf Netflix erschienenen dystopischen Science-Fiction-Film Mother/Android seine Anhänger – und zwar sind das eins zu eins dem menschlichen Erscheinungsbild nachempfundene Androiden, die zur Dienerschaft konstruiert worden sind. Was muss so eine Einheit wert sein? Und in welcher Welt lebt Chloë Grace Moretz als schwangere Georgia, in der Reichtum anscheinend die Geißel des Planeten ist, weil es anscheinend keine ärmere Mittelschicht mehr gibt, die sich stromgetriebene Aushilfen wie diese gar nicht leisten kann?

Damit die Welt unter der Bedrohung einer wild gewordenen KI erst so richtig leidet, müssten ungemein viele dieser Roboter im Umlauf gewesen sein. Diese, so wird erwähnt, sind alles andere als wohlfeil, also man muss schon einiges springen lassen, um sich sowas leisten zu können. In dieser Zukunft dürfte ein jeder immens viel Mammon besitzen. Was aber wiederum dazu führt, dass diese Welt, in der Georgia lebt, unter einer gewaltigen Inflation hätte leiden müssen. Irgendwas stimmt hier nicht. Irgendwie passt die Ausgangssituation dieses Films hinten und vorne nicht zusammen. Anders bei Terminator: hier ist ein gewaltiges Computersystem am Werk, das die globale Elektromechanik als Skynet unter seiner Fuchtel hat. In Mother/Android sind es im Grunde wildgewordene Einheiten, die durch den Wald pirschen wie Zombies mit Augen, die in bestimmten Winkeln des einstrahlenden Lichts blau erstrahlen. Das tun sie aber nicht immer. Selbst in der Animationskomödie Die Mitchells gegen die Maschinen, wo es natürlich komödiantischer und familientauglicher einhergeht, ist die narrative Basis der folgenden Abenteuer um einiges plausibler.

Über den Inhalt zu Mother/Android muss man gar nicht viel schreiben – es ist ein „Rennet, rettet, flüchtet“. Mittendrin Moretz im neunten Monat, und man glaub ihr auch gerne, dass sie so ihre physischen Handicaps hat. Als Georgia ist sie gemeinsam mit ihrem Freund und Vater des Kindes Richtung Boston unterwegs, wo es ein Refugium für Familien geben soll, gut geschützt vor der wütenden Techno-Meute. Der Weg dorthin ist mit gängigen Endzeit-Takes gepflastert, und im letzten Drittel schlägt der Krieg zwischen Mensch und Maschine so gewaltige Logiklöcher in die Landschaft, dass das anfängliche Problem, eine nachvollziehbare Grunddystopie zu setzen, geradezu marginal erscheint. Regisseur Mattson Tomlin (Project Power) dürfte um jeden Preis dorthin gelangen wollen, wo er am Ende sein will – bei einem an Children of Men erinnernden, pathetischen Finale, das von Moretz aber dank ihres emotionalen Spiels als der beste Moment des ganzen Films gerettet werden kann.

Mother/Android

Matrix Resurrections

LIEBE IN SIM CITY

6,5/10


matrixresurrections© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. and Village Roadshow Films (BVI) Limited – All Other Territories


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: LANA WACHOWSKI

CAST: KEEANU REEVES, CARRIE-ANN MOSS, YAHYA ABDUL-MATEEN II, JESSICA HENWICK, JONATHAN GROFF, NEIL PATRICK HARRIS, JADA PINKETT-SMITH, MAX RIEMELT, LAMBERT WILSON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Was ist real? Keine Ahnung. Viel eher sollte man die Frage stellen: Wann ist etwas real? Der im Film auftauchende Analytiker umschreibt das so: Real ist dann etwas, wenn die Emotionen echt sind. Gefühle sind immer echt, und da spielt es keine Rolle, ob die Welt, in der wir leben, von archaischen Techno-Kopffüßern kreiert wurde oder tatsächlich aus Sternenstaub besteht. Und ganz ehrlich: wenn ich mir die angeblich reale Welt so ansehe, die jenseits der Matrix unter wolkenverhangenem Fake-Himmel vor sich hindämmert, und mir dann die wohlgenährte urbane Komfortzone mit goldgelben Sonnenuntergängen zum Vergleich hernehme – nun, dann bleib ich lieber in der Matrix, allem Bewusstsein, einer Illusion zu erliegen, zum Trotz. Und überhaupt: woher weiß denn diese Handvoll Rebellen, die mit ihren prähistorischen Gliederfüßern herumschippern und womöglich von einem entspannten Urlaub am Strand träumen, ob das, was sie als real erachten, nicht auch eine Matrix ist? Das könnte ewig so weitergehen, wie in David Cronenbergs Cyberthriller Existenz – übrigens das Radikalste auf dem Gebiet virtueller Welten. Quantenphilosophisch betrachtet ist sowieso alles nur eine wahrgenommene Illusion des eigenen Denkapparats. Also was soll‘s. Der Punkt ist nur der, dass die Liebe – die gerne und oft und in Film und Literatur verehrte Liebe – Grund genug ist, dort zu verweilen, wo der oder die andere auch ist. Zumindest die Wahl sollte man haben, welche Realität wohl genehmer ist. 

Und die bekommt Thomas Anderson aka Neo auch, und zwar von der virtuellen Version des Morpheus, den Laurence Fishburne ob seiner Physiognomie drehbuchtechnisch nicht mehr vertreten kann. Es gibt die blaue und die rote Pille. Wie denn – alles auf Anfang? Das Szenario ist ein einziges Deja-Vu. Und auch die Katze des Therapeuten heißt so, während der Coffebreak gerne im Simulatte eingenommen wird. Das beste aber: Anderson ist der Kreator eines erfolgreichen Videospiels namens Matrix – und zwar gibt es drei Teile davon, der vierte ist in Arbeit. Seltsam, dass dem frappant an John Wick erinnernden Computerspezi die ganze Geschichte irgendwie vertraut vorkommt. Und auch die Begegnung mit Tiffany in besagtem Kaffee bleibt nicht ohne Wirkung. Alles schon mal erlebt? Jawollja. Denn die Maschinen sind immer noch geölt und werkeln vor sich hin, holen sich Energie aus den menschlichen Legebatterien für was auch immer und haben trotz des Heldentodes von Neo und Trinity selbige ins Spiel gebracht.

Wie das möglich ist? Fragen wir Lana Wachowski. Zwei Schicksalsschläge brachten die Filmemacherin dazu, ihren familiären Verlust zumindest auf künstlerischer Seite wieder auszugleichen. Das hieß: Neo und Trinity mussten wieder her, um das Ganze nochmal mit Gefühl zu erleben. Vielleicht weniger konfus, aber immer noch mit allen bekannten Versatzstücken wie der Bullet-Time, den Sonnenbrillen bei Nacht und jeder Menge Motorradstunts. Glas und Äpfel splittern in Zeitlupe, es weht der schwarze Ledermantel. All das und noch viel mehr versteckt sich als mehrgängiges Fan-Service-Menü in einem sagen wir mal Da Capo für ein Meisterwerk, das mehr als zwanzig Jahre auf dem Buckel hat. Als zeitlos würde ich dieses bezeichnen – und es grenzt an Genialität, wie Wachowski es angeht, das bahnbrechende Original in ihre eigene Reminiszenz einzuflechten. Das ist nicht nur voller Selbstironie, die liebevolle Hommagen so an sich haben, sondern streckenweise auch wahrlich gut durchdacht. Angesichts dieses Brockens an philosophischem Gedankengut muss es aber auch so weit kommen, dass sich Matrix Resurrections zumindest in der zweiten Hälfte ordentlich verhebt. Alles will mitmischen, und es scheint, als hätten wir wieder den konfusen Wahnsinn aus den alten Prequels zu verzeichnen – Aufdröselung bitte selbst angehen. Es fliegen die Fetzen, es kullern die grünen Ziffern und es explodieren in Häuserschluchten so manche Benzintanks. Nachhaltig ist das nicht, wohl eher dröhnend und verschwurbelt, und somit auch nicht auf Augenhöhe mit dem Klassiker.

Doch sei gesagt: besser als Matrix Reloaded und Matrix Revolutions ist Matrix Resurrections dann doch, allein schon aufgrund der etlichen kleinen Solonummern, die nach dem ersten Vorhang dank des Applauses nochmal über die Bühne geschmettert werden. Ungefähr so ist dieses Spektakel zu verstehen – abgesehen von Lana Wachowskis Seelenheil wäre die Wiederbelebung aber nicht notwendig gewesen. Auserzählt ist auserzählt – doch manchmal obsiegt die Wehmut angesichts des Vergangenen.

Matrix Resurrections

Finch

LOVE, DOGS AND ROBOTS

6/10


finch© 2021 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: MIGUEL SAPOCHNIK

CAST: TOM HANKS, CALEB LANDRY JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Hätte Will Smith in I am Legend ein bisschen mehr technisches Verständnis an den Tag gelegt – wäre er gar ein technophiler Bastler gewesen, hätte er sich einen Roboter bauen können, der nicht nur ihn, sondern auch seinen Hund beschützt. Wir wissen, es lief anders. Und Tom Hanks, der weiß es wieder besser. Denn der ist einer von den ganz Guten, einer mit Herz für Mensch und  Tier. Und für Roboter. Im brandneu auf Apple TV+ erschienenen dystopischen Streifen Finch tüftelt nämlicher Einzelgänger tief unter der Erde in einem sagen wir mal Labor an einem Meilenstein technischen Fortschritts – ein humanoider Droide mit dem eingespeisten Wissen der Welt soll in Zukunft auf Finchs Hund aufpassen. Persönliche Gründe sind nicht wichtig, denn einen Freund braucht Finch keinen, lebt der doch sowieso lieber allein, was angesichts der Weltlage keine Kunst ist. Wir schreiben eine nicht allzu ferne Zukunft und durch eine Sonneneruption hat sich fast die ganze Ozonschicht verabschiedet. Die Folge: unsägliche Hitze und eine UV-Strahlung zum Krankwerden. Dennoch muss Finch aus dem Bunker raus und nach Westen ziehen, wo es sich vielleicht noch leben lässt. Ist der Roboter mal fertig, wird das Nötigste eingepackt und schon brettert ein Wohnwagen im Mad Max-Look durch eine atemberaubend verwüstete Landschaft.

So eine Endzeit hat schon was Faszinierendes. Nicht, dass man in ihr leben würde wollen, das ganz und gar nicht. Aber von außerhalb und geborgen vor dem Bildschirm mit dem Kühlschrank in Reichweite, da lässt sich die Verheerung zwischen pittoresken Sandverwehungen und desolaten Fahrzeugen durchaus genießen. So eine Endzeit hat etwas Melancholisches, direkt Melodisches. Dazu kann man sich gut Chris Reas Road to Hell vorstellen. Tom Hanks hört aber lieber vergnüglichere Klassiker wie American Pie. Aber gut, immerhin dürfen die Talking Heads Road to Nowhere über die KFZ-Boxen schmettern. Passt auch besser zu einem sehr melancholischen Tom Hanks, der James Stewart der Gegenwart, wie immer äußerst souverän und dezent im Spiel. Noch dazu unrasiert und stets verschwitzt, was auch keinen wundert, denn es hat stets um die 60 Grad Celsius. Fragt sich nur, was für eine großartige Klimaanlage dieser Van haben muss, und woher Finch diesen grenzenlosen Vorrat an Wasser hat. Wieso eigentlich diese enorme Hitze weder Hund noch Mensch nicht noch mehr in Mitleidenschaft zieht. Dem von Caleb Laundry Jones im Motion Capture-Verfahren dargestellten Roboter kann das egal sein – der träumt nur wie ein Mensch, spürt aber sonst nichts. Miguel Sapochnik, Regisseur von Repo Men mit Jude Law und mit einem Emmy ausgezeichnet für die Serie Game of Thrones, innerhalb dieser er einige Folgen inszeniert hat, weiß, wie man eine Robinsonade mit optischer Brillanz veredeln kann. Dabei wäre zu überlegen, Sapochnik nicht doch auch mal für Star Wars zu verpflichten. Oder für Netflix‘ Anthologieserie Love, Death and Robots. Wäre Finch um zwei Drittel kürzer, wäre die Science-Fiction-Solonummer ein idealer Kandidat dafür. Überraschenderweise wäre das sogar möglich, denn den Plot, den bekommt man auch in einer knappen halben Stunde unter. Dadurch lässt sich vieles, was redundanten Leerlauf genießt, einfach streichen und die Dreiecksgeschichte zwischen Mensch, Roboter und Hund ordentlich straffen. Ich bin mir sicher, die Stimmung behält der Film auch so, und die ist ja ganz gut. Vor allem dank Tom Hanks, der längst weiß, wie es ist, wenn man in kargen Zeiten alles selbst machen muss. Nur diesmal sind es keine Kokosnüsse und Fische, sondern Hundefutter und Schmieröl.

Finch

The Trouble with Being Born

TRÄUMEN ANDROIDEN VON IHRER KINDHEIT?

6,5/10


thetroublewithbeingborn© 2020 eksystent distribution

LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: SANDRA WOLLNER

DREHBUCH: SANDRA WOLLNER, RODERICK WARICH

CAST: LENA WATSON, DOMINIK WARTA, INGRID BURKHARD, JANA MCKINNON, SIMON HATZL U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Dem österreichischen Film haftet sehr oft an, trist, problembeladen und sperrig zu sein. Meist sind das Themen rund um soziale Minderheiten und Missstände oder künstlerisches Herumexperimentieren; oft nicht uneitel und verkopft. Manchmal aber hat genau diese Art und Weise, einen Film zu inszenieren, seinen eigenen Reiz. Und vor allem dann, wenn man zumindest die längste Zeit davor Kunststücken dieser Art ausgewichen war und nach regem Eventkino- und Blockbusterkonsum als Filmfan mal wieder etwas nötig hat, das einer gewissen audiovisuellen Überreizung entgegensteuert. Sandra Wollners Science-Fiction-Drama The Trouble with Being Born ist so ein Film. Und für alle, die Science-Fiction lieben, einen Blick wert. Themenverwandt ist Wollners Abschlussarbeit an der Filmakademie mit Werken wie Ex Machina oder A.I. – Künstliche Intelligenz, allerdings deckt dieser hier ein ganz anderes, ungenutztes Spektrum ab, nämlich das des verwirrenden Kunstfilms, der mit Wortspenden geizt und vieles im Vagen lässt, um den Zuseher sehr viel später dessen Interpretation der Dinge zu bestätigen.

Wie Haley Joel Osment in A.I. wird auch das Androidenmädchen Elli mutterseelenallein auf eine Reise geschickt, die scheinbar im Nirgendwo zu enden gedenkt. Anfangs jedoch ist sie Tochterersatz für einen Vater, dessen leibliches Kind seit zehn Jahren als vermisst gilt. Wollner stellt, so wie Maria Schrader in ihrer bemerkenswerten Robotik-Satire Ich bin dein Mensch, die Frage: wie sehr gelingt es dem Menschen, für sein Lebensglück sich selbst auszutricksen, um sich an den dargebotenen Emotionen einer Maschine sattzuempfinden? Anscheinend keine Schwierigkeit im Zeitalter der Medien, die uns andauernd Gefühle als etwas Echtes verkaufen. Eines Tages allerdings verschwindet Elli, ist unterwegs nach irgendwohin, vielleicht dorthin, wo ihre programmierten Erinnerungen sie bringen mögen. Dabei landet sie bei der alten Anna („Toni Sackbauer“ Ingrid Burkhard), die mit so einem Ding erstmals nichts anfangen kann. Doch einen Roboter kann man umprogrammieren. Oder nicht?

Das Künstliche gegen das Natürliche: Sandra Wollner setzt in ihrer Bildsprache einen konsequenten Kontrapunkt, indem sie vollends auf Künstlichkeit verzichtet. Einige Sequenzen geraten enorm dunkel, Gesichter sind dann nur noch kaum zu erkennen. Das macht die ganze Angelegenheit relativ düster und auf eine unaufgeforderte Weise übertrieben schwermütig. Auch lange, wortlose Passagen, in denen unglückliche Figuren unglücklich in die Gegend blicken, erwecken den Eindruck einer inhärenten Unzufriedenheit. Angenehm künstlich und ungekünstelt zugleich mutiert Lena Watson zu einem – wie Wollner selbst zitiert hat – Anti-Pinocchio mit wächsernem Gesicht, der in völlig lethargischem Standby anderen für was auch immer zur Verfügung steht, selbst aber durch eine Art Missbrauch an der Maschine mit seinen Identitäten durcheinander kommt. Dieser ganz eigene Aufstand des Künstlichen ist eine melancholische Robotiade nach Asimov’schen Leeren, die durchaus und eben sehr gerne aus den Randbezirken experimenteller Filmtechniken hätte ausbrechen wollen. Das Potenzial ist klar vorhanden, stellenweise überzeugt das Drama zumindest rückblickend – etwas weniger Distanz hätte das Bewusstsein für verwunschene Roboterseelen durchaus geschärft.

The Trouble with Being Born

Ich bin dein Mensch

DIE SIMULATION DER ZWEISAMKEIT

7/10


IchBinDeinMensch© 2021 Majestic Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: MARIA SCHRADER

CAST: MAREN EGGERT, DAN STEVENS, SANDRA HÜLLER, HANS LÖW, WOLFGANG HÜBSCH, ANNIKA MEIER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Es ist menschlich, sich was vorzumachen. Mit der eigenen zurechtverdrängte Realität lässt sich doch gut leben. Warum sollte man also da aufhören, wo es vielleicht am schönsten wäre? Bei der Partnerschaft. Manchmal reicht da einfach nur eine Stimme, um sich zu verlieben. Jean Cocteau hatte die Stimme am Telefon. Für Joaquin Phoenix in Spike Jonzes Her war Scarlett Johannsons Organ zu einer nicht körperlichen KI mehr als genug, um sich zu verlieben. Wenn dann aber ein attraktiver Mann mittleren Alters, augenscheinlich aus Fleisch und Blut, jeden Wunsch von den Augen abliest, kann das nur ein Erfolgsmodell werden. Damit nämlich rechnet eine in Berlin ansässige Robotik-Firma und hat bereits Eurozeichen in den Augen, als nur noch eine einzige Hürde überwunden werden muss, bevor die Innovation auf den Markt kommt: die Testung in privatem Haushalt. Für so etwas wird die Archäologin Alma mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Sie muss den Partner-Androiden Tom für 3 Wochen mit zu sich nach Hause nehmen und auf die Frage Eignen sich Roboter als Partner-Ersatz? ein so gut es geht objektives Gutachten verfassen. Alma hat wenig Lust dazu, steckt sie doch bis über beide Ohren in einer Studienveröffentlichung zum Thema Keilschriften. Doch da muss sie durch – und nimmt den etwas hölzern wirkenden Charmebolzen mit in die eigenen vier Wände. Dieses Gekünstelte, so meint Tom, gibt sich bald – er muss seinen Algorithmus nur noch perfektionieren. Was aus diesen nächsten Wochen daraus entstehen mag – es ist nicht vorherzusehen. Und das ist schon mal eines der schönen Dinge, die diesen Film als etwas sehr Interessantes klassifizieren.

Ich bin dein Mensch ist ein Science-Fiction-Film, der noch weniger als Her visuellen Futurismus auch nur irgendwie nötig hat. Niemals blickt man in das Innere von Tom, niemals auch nur sind scheinbar schwebende Displays, Kabeln oder Knöpfe jemals relevant. Maria Schrader schlägt mit ihrem durchdachten Beitrag zum Informationszeitalter eine ganz andere Richtung ein. Dabei ist es, im Gegensatz zu ebenfalls recht durchdachten Filmen aus dem Roboter-Genre, auch nicht gerade die Frage der Ethik, die hier im Vordergrund steht. Für sie ist der Umstand, oder die Möglichkeit, alsbald einen Mensch-Ersatz menschlichem Willen zu unterwerfen, ein Umstand, der genauerer Betrachtung bedarf. Ein sozialpsychologisches Problem also. Eine ganz eigene Studie, die Maria Schrader hier betreibt, und für die sie mit Maren Eggert eine ebenso kritische wie leidenschaftliche Verfasserin gefunden hat. Vor ihr der charmante, ein bisschen als eine Mischung aus Anthony Perkins und James Stewart empfundene Gesellschafter – Dan Stevens (u. a. Die Schöne und das Biest, Downton Abbey) schafft als grüblerischer und gutmütiger Android mit britischem Akzent einen brillanten Balanceakt zwischen Star Trek´s Data und einem menschlichen Superhirn wie Sheldon Cooper, dazwischen aber gelingen ihm verblüffend menschliche Züge, bei welchen man als Zuseher fast schon selbst vergisst, dass dieser Tom eigentlich ein Roboter ist. Dabei zählen seine durchaus logisch nachvollziehbaren Handlungen, die enormes komödiantisches Potenzial entfalten, zu den wirklich witzigen Höhepunkten des Films.

Ich bin dein Mensch ist aber nur zum Teil Komödie. Im Grunde ist Schraders Film eine Gewissensfrage – an den Menschen im Zustand erdrückender Isolation und an ein künstliches Wesen, das vorgibt, alles zu verstehen. Die Simulation der Zweisamkeit allerdings kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ist sie doch darauf ausgerichtet, die Grundmotivation der Lebenden, nämlich das Streben nach unerfüllten Wünschen, vorwegzunehmen. Doch andererseits… was weiß man.

Diese nachdenkliche, spitzzüngige und enorm pointierte Komödie über ein gesellschaftliches Grundproblem unserer Zeit schlägt zwar klar einen Kurs ein, lässt aber trotzdem alle Fragen offen. Und das in einer Zeit der vermeintlichen Fortschritte und anmaßenden Gewissheiten.

Ich bin dein Mensch

Die Mitchells gegen die Maschinen

ALEXA LÄUFT AMOK

6/10


mitchells© 2021 Netflix / Sony


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MICHAEL RIANDA, JEFF ROWE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): DANNY MCBRIDE, MAYA RUDOLPH, ABBI JACOBSON, OLIVIA COLMAN, ERIC ANDRÉ, JOHN LEGEND U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Seit geraumer Zeit macht sich ein gewisser Trend bemerkbar. Romantische Cinderella-Geschichten sind mehr und mehr out, komödiantische Hetero-Herzblattshows zumindest im familientauglichen Mainstream-Kino angesichts einer immer liberaleren Beziehungswelt längst nicht mehr der universelle Plot. Da war Die Eiskönigin noch eine Art Relikt, bevor die mutigen Coming-Of-Age Heroen (vorwiegend weiblich) aus Mulan, Raya und der letzte Drache oder Die bunte Seite des Monds nicht um ihre Liebe, sondern um die Familie und überhaupt um den ganzen Erhalt einer harmonisch funktionierenden Gesellschaft kämpfen. Wobei Familie in Hollywood sowieso immer schon wichtig war. Und vor allem auch bei Disney: mal in penetranten Soll-Lettern, und dann wieder auf einer gepflegten Meta-Ebene. Sony findet da auch seinen Weg.

In Die Mitchells gegen die Maschinen ist zumindest keiner der Familienmitglieder – vorzugsweise der Eltern – eines außertürlichen Todes gestorben. Meist ist auch diese Schablone bei Jugendfilmen gern gesehen, um die oder den Protagonisten vom übrigen Co-Cast klarer abzugrenzen. Hier, in der von Sony produzierten und animierten Komödie, die mangels möglicher Kinoauswertung an Netflix verkauft wurde, haben wir es anfangs mit einer Allwerweltsfamilie zu tun, die sich selbst sehr schräg vorkommt – insbesondere Tochter Katie, die ihre Leidenschaft für Filme in selbstgemachten Videos zelebriert und kurz davorsteht, in einer Filmschule neu durchzustarten. Zwischen Vater und Tochter hängt da leider der Haussegen schief, und um die Beziehung wieder in richtige Bahnen zu lenken, entscheidet sich Papa Rick, seine Tochter höchstpersönlich an den neuen Schulort zu geleiten – per Automobil und der ganzen Familie, versteht sich. Das kann ja heiter werden. Und wird es auch, da ziemlich zeitgleich eine künstliche Smartphone-Intelligenz a la Alexa die Weltherrschaft an sich reißen will und dafür ganze Roboterarmeen aussendet, um Homo sapiens einzufangen. Dieser böse Plan geht auch auf – nur hat die K.I. nicht mit der Schlagfertigkeit der letzten freien Familie gerechnet, die ihre Diskrepanzen überwindet, um den Planeten zu retten.

Da ein Szenario wie in H.G. Wells Krieg der Welten wohl fürs Familienpublikum undenkbar wäre, werden wir, die Menschen, kurzerhand einfach nur eingesammelt. Das funktioniert und schafft damit dennoch eine wohlig beklemmende Endzeitstimmung, die auch den jüngst geeigneten Nachwuchs nicht dazu nötigt, bei den Eltern einzuschauen. Abgesehen davon ist diese schrille, vierköpfige Familie samt Hund viel zu situationskomisch, um hier die positiven Vibes nicht abzukriegen. Die Mitchells gegen die Maschinen fühlt sich an wie Pixars Die Unglaublichen – nur ohne Superhelden-Attitüde und statt Baby gibt’s den Mops, der für die meisten Lacher sorgt, nebst des grobschlächtigen Vaters, dessen Charakter am schönsten beschrieben wird. Klar, es gibt jede Mange hyperaktives Chaos, Geplärre und Hektik – das hätte Pixar womöglich um einige Dezibel runtergeschraubt. Allerdings nimmt sich das von Chris Lord und Christopher Miller (Oscar für Spider-Man: A New Universe) produzierte Abenteuer gerade anfangs erstaunlich viel Zeit, um die liebe Familie mit all ihren Eigenheiten und eingebettet in ihren Alltagsrhythmus vorzustellen. So macht man das, bei Endzeit- oder Katastrophenfilmen, auch wenn sie animiert und kindertauglich sind.

Den völlig aus dem Ruder laufenden Overkill hätte es am Ende zwar nicht gebraucht, aber dennoch: dieser Genremix unterhält. Dank der kleinen, originellen Details, die geschickt in die Handlung eingeflochten sind – und diese auch vorantreiben. Denn wer hätte gedacht, dass es mal gut sein kann, einen Vierkant-Schraubenzieher mit rutschfestem Griff dabeizuhaben. Ja, gut, MacGyver vielleicht…

Die Mitchells gegen die Maschinen

Space Sweepers

GROSSREINEMACHEN IM ORBIT

4/10


SpaceSweepers© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2021

REGIE: SUNG-HE JOO

CAST: JOONG-KI SONG, TAE-RI KIM, SEON-KYU JIN, HAE-JIN YOO, RICHARD ARMITAGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


In Ermangelung richtig fetziger Kino-Events hat nun unser allseits stark frequentierter Streamingriese Netflix in Fernost angeklopft. Südkorea, um genau zu sein, hat da sogleich mit einem Film reagiert, der es, wie es scheint, locker mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen könnte. Space Sweepers heißt die Weltraumoper, ist laut Trailer knallbunt und actionreich – doch ist man erst mit dem sicherlich sündteuren Abenteuer durch, stellen sich so manche Schlussfolgerungen ein, bevor der Film in der Mindmap eines Filmnerds ad acta gelegt werden kann. Resümee ist: die Koreaner können in Sachen Film wirklich vieles, in manchen Genres oder Genremixes gibt’s kaum jemand, der ihnen das Wasser reichen kann. Sobald aber Korea beginnt (und nicht nur Korea), sich das Blockbuster-Knowhow Hollywoods anzueignen, wird’s problematisch. Dieses Problem hat auch Space Sweepers. Kurz gesagt: das Abenteuer ist zu lang, zu konfus und der Plot selbst eine zu bequeme Adaption einer Reihe von Werken wie Das fünfte Element. Was so viel heißt wie: Space Sweepers ist so vorhersehbar wie die Zyklen unseres Trabanten. Und wagt auch keinen Mix mit anderen Genres – was Korea nämlich gut kann. Und sich auch sonst nicht davor scheut, Erwartungshaltungen zu unterwandern.

Warum bleibt gerade Space Sweepers so enttäuschend konventionell? Es ist ja bei diesem Film nicht so, dass der futuristische Status Quo der Menschheit nicht mit visuellem Schmackes in Szene gesetzt wurde. Vor allem das Interieur sämtlicher Raumschiffe ist voller Details und Krimskrams, was wiederum an die Detailverliebtheit von Star Wars erinnert. Sonst verwöhnt es das Auge mit CGI, das in seiner sterilen Geschmeidigkeit den Bildern aus der Serie The Expanse oder Enders Game gleichkommt. In Terras Orbit also tummelt sich alles mögliche – Raumstationen und Mülltrabanten und jede Menge umherfliegender Schrott, der eben eingefangen gehört, bevor er mehr beschädigt als den Menschen lieb sein kann. Dazu gibt’s Schrottpiraten – kann man so sagen – die zwar legal hantieren, untereinander aber in Konkurrenz stehen. Auf einem der geangelten Brocken allerdings entdeckt die Crew des Frachters Victory ein junges Mädchen, das, schenkt man den orbitalen Nachrichten Glauben, wider ihres süßen Aussehens im Grunde eine Bombe verkörpert, die jederzeit hochgehen kann. Was tun damit? Da das Kind überall gesucht wird, versprechen sich die 3 Menschen und ein Roboter den Deal ihres Lebens, wenn sie die Rückgabe des Dreikäsehochs in Rechnung stellen.

Auserwählte Individuen, die die Menschheit retten (oder eben vernichten) und um die es ein mordsdrum Gerangel gibt – gab’s schon x-fach. Nur selten auf so anstrengende Weise. Wie für südostasiatisches Actionkino mit Komödien-Attitüde üblich, wird hier in Sachen Hektik nicht gekleckert. Dieses viele Hin und Her, diese hudeligen Actionszenen und sehr viel schnelles Gerede sind nicht die Indikatoren eines ausgewogenen Filmerlebnisses, viel mehr eines seltsam aufreibenden Astro-Abenteuers nach Schema F, das mit einer differenzierten Dramaturgie wohl länger in Erinnerung hätte bleiben können.

Space Sweepers

Outside the Wire

MEIN CHEF, DER ROBOTER

3,5/10


outsidethewire© 2021 Netflix

LAND: USA, UNGARN 2021

REGIE: MIKAEL HAFSTROM

CAST: ANTHONY MACKIE, DAMSON IDRIS, EMILY BEECHAM, PILOU ASBÆK, MICHAEL KELLY U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Der wirklich einzige interessante Idee in dieser brandneuen, auf Netflix erschienenen Action-Dystopie ist die Überlegung, was wohl wäre, wenn die Befehlskette zwischen Mensch und Maschine von der Maschekseite aufgezogen wird. Wenn also ein Roboter den Ton angibt, und der Mensch als ausführendes Organ diese und jene Verordnung umsetzt.

Wir befinden uns in Outside the Wire in einer ungewissen Zukunft, in der Osteuropa, genauer gesagt die Ukraine, keinen Grund hat, freudig in die Zukunft zu blicken. Das Gebiet an der Grenze zu Russland wird von brutalen Warlords dominiert. Natürlich erfordern es die Umstände ein weiteres Mal, die USA als Problemlöser bemühen zu müssen. So campiert die Army im Westen des Landes und hofft auf bessere Zeiten. Unterstützt wird das Militär von Drohnenflliegern, die aber nicht in Europa, sondern bequem in der Heimat in ihren Containern sitzen und für den Überblick sorgen. Klar, dass diese Jungs am Steuerknüppel kein Gespür dafür haben, wie es ist, mittendrin statt nur dabei zu sein. Einer dieser Jungs – ein Lieutenant – handelt eigenmächtig – und wird ins Kriegsgebiet strafversetzt. Dabei wird er Captain Leo zugeteilt, einem Supersoldaten, der eben gar kein Mensch, sondern Maschine ist, irgendwo zwischen T800 und den Replikanten aus Blade Runner, mit vollem Bewusstsein und einem abrufbarem Spektrum an Gefühls- und Schmerzempfindung. Hätte der Supermann nicht ab und an einen Körper wie ein Glasfrosch, würde man nie auf die Idee kommen, es hier mit der technischen Weisheit letztem Schluss zu tun zu haben. Ist aber so. Beide – Roboter und Mensch – werden auf Mission geschickt. Es überrascht nicht, dass das Ziel dessen variabel ist, und die Belange patriotischer Rebellen plötzlich Vorrang haben.

Dass sich futuristische Filme wie dieser auch wieder am bereits schon zur Genüge abgedroschenen Thema der Atomkriegs-Angst aus dem kalten Krieg vergreifen, verwundert etwas. Und lässt aber auch das Gesicht einschlafen. Das sieht dann mimisch ungefähr so aus wie jenes von Anthony Mackie, der sich wirklich angestrengt bemüht, die Ausstrahlung eines programmierten Menschen zu vermitteln und dabei recht simpel gestrickt durch die Trümmerlandschaft des Ostens stakst. Vieles in Outside the Wire ist leider nicht Outside the Box, wie man so schön sagt – und der Stoff, aus dem der Actionfilm gemacht ist, bereits ein fadenscheiniger. Für Netflix und Mikael Hafstrom, seines Zeichens verantwortlich für Escape Plan oder Zimmer 1408, war die Qualität des Drehbuchs wohl nicht ausschlaggebend. Zugpferd Mackie, der bald mit The Falcon and the Winter Soldier womöglich das Erbe von Captain America antreten wird, sollte das schlampig formulierte Drehbuch entsprechend aufwerten. Und nicht nur er: auch Goldene Palme-Preisträgerin Emily Beecham (Little Joe) mischt hier mit. Allerdings – Star-Appeal reicht bei solchen Filmen nur, wenn sie mit einer ganzen Riege an großen Namen zugepflastert werden, ähnlich wie bei den Expendables. Und auch nur dann, wenn sich stramme Kriegsaction einer ansehnlichen Choreographie rühmen kann. Was hier leider auch nur halbgar bleibt.

Outside the Wire ist somit grobe Dutzendware, die mit eingangs erwähner Idee vielleicht einiges hätte anfangen können, wäre das Script nicht wie ein Ikea-Möbel aus Fertigteilen des Genrefundus zusammenmontiert.

Outside the Wire