Sunny Dancer (2026)

I DON’T FEEL LIKE DANCING

6,5/10


Bella Ramsey als Ivy mit ihren Freundinnen und Freunden in Sunny Dancer
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: GEORGE JAQUES

KAMERA: OLIVER LONCRAINE

CAST: BELLA RAMSEY, RUBY STOKES, DANIEL QUINN-TOYE, EARL CAVE, JASMINE ELCOCK, CONRAD KHAN, SHALOM BRUNE-FRANKLIN, NEIL PATRICK HARRIS, JESSICA GUNNING, JAMES NORTON, LOUIS GAUNT, JOSIE WALKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Spätestens seit ihrem Heldentod in der letzten Staffel von Game of Thrones, in der sie, die Kleinste unter vielen, einem Riesen aus dem Norden den Garaus macht, wissen wir: Dieses Mädel hat’s ordentlich drauf. Und noch dazu faustdick hinter den Ohren.

Mittlerweile ist Bella Ramsey aber kein Mädel mehr. Also nicht ausschließlich. Mittlerweile hat sich Ramsey als nichtbinäre Person geoutet, was nicht bedeuten muss, dass weiblichen Rollen nicht mehr interessant sind. In Sunny Dancer des jungen Regisseurs George Jaques (Black Dog, 2023) ist Bella Ramsey ganz eindeutig Ivy, ein Hetero-Mädchen von 17 Jahren, und mit einem Leben auf dem Buckel, das sich anfühlt wie zumindest doppelt so viel Existenzzeit.

Wenn der Körper geheilt ist, die Seele aber nicht

Verantwortlich für das Upgrade an Belastung ist Blutkrebs. Seit geraumer Zeit gilt Ivy aber schon als geheilt – zumindest physisch. Psychisch ist nach wie vor noch einiges im Argen, denn eine Krankheit solchen Kalibers macht etwas mit der Wahrnehmung des Selbst, des sozialen Umfelds und der Existenz an sich. Wie also normal weiterleben, wie also zu all jenen wieder Kontakt knüpfen, die sich dieser Schwere eines Lebensumstands entzogen haben, weil sie vielleicht nicht wussten, wie man damit umgehen soll?

Ivy weiß es selbst nicht und hat sich isoliert. Um dem entgegenzuwirken und zumindest den schulfreien Sommer soweit hinzubiegen, dass dieser nicht vereinsamt am Zimmer verbracht wird, überreden Ivys Eltern die vom Lebenskampf müde Gewordene zu einem Sommercamp unter Gleichgesinnten. Alle, die dort aufschlagen, haben ähnliches mitgemacht, wollen vielleicht gar nicht dort sein oder versprechen sich den Sommer ihres Lebens, insbesondere Zimmergenossin Ella (einnehmend: Ruby Stokes), die, bevor sie vielleicht doch noch der Tod holt, zumindest das erste Mal Sex haben will. Ivy wird Teil einer Gruppe, die während der nächsten vier Wochen Höhen und Tiefen erleben: Spaß und Kummer, erste Liebe und Abschiede für immer.

Wie kinotauglich ist das Thema Krebs?

Niemand will sich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen, wenn es keine Notwendigkeit gibt. Im Kino will man sich zumindest zerstreuen, man mag sich schwierigen, relevanten Themen hingeben, wenn sie gesellschaftlich oder historisch relevant sind. Aber Krebs? Es kann jede und jeden treffen, es taucht gefühlt plötzlich auf, es ist so nah am eigenen Schicksal wie der Tod selbst. Ein griffiges Thema, um die Scharen ins Kino zu locken? Nein, mitnichten – auch wenn die deutsche Filmwelt riesig gerne und viel zu oft diesen Weg der filmgewordenen Schicksalsbekämpfung geht.

In Hollywood wurde das Thema Krebs oft zum Tränendrüsen-Stimulierer: sentimental, verheult, verkitscht. George Jaques – und auch Bella Ramsey – haben genug davon. In diesem Camp haben alle genug davon, und dennoch quält die Ungewissheit einer Rückerkrankung jeden lieben Sommertag.

Was die Zukunft bringt – oder nicht bringt

Was Sunny Dancer dabei aber gelingt: Er bringt das Damoklesschwert des drohenden Schicksals auf eine Ebene mit der Ungewissheit eines zukünftigen Lebens an sich. Wir haben es hier mit noch-nicht-ganz-Erwachsenen zu tun, denen so sehr bewusst wird, dass das Leben endlich ist. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als es zu riskieren. Das ist eine Challenge, die auch junge Erwachsene quält, die nicht erkrankt sind. Der Krebs verändert dabei den Blick auf die Zukunft nur als Variante des Status Quo, denn letztlich ist es eben auch nicht die Krankheit, die Ivy durch ein Tal der Tränen gehen lässt, sondern die erste große Liebe.

Es war, ist und bleibt nun mal tragisch

Ist Sunny Dancer also ein Leichtgewicht unter thematisch verwandten Filmen? Dank des virtuos aufspielenden Ensembles – allen voran natürlich Bella Ramsey in widerspenstiger Einzigartigkeit – ist die Tragikomödie kein Betroffenheitskino, sondern ein emotional wohlgesteuerter, nachempfindbarer Breakfast Club der anderen Art, nur diesmal am Lagerfeuer statt in der Schulbibliothek.

Berührend ist Sunny Dancer am Ende trotzdem. Zwischen unbeschwerter Annäherung, tragikomischem Ausdruckstanz zu den Scissor Sisters und harter Realität will George Jaques dabei manchmal zu viel. Um sich keinen mangelnden Respekt vor dem Ernst der Lage vorwerfen zu lassen, setzt das Schicksal, das ja bekanntlich oft ungerecht sein will, noch eins drauf.

Niemand mag mehr damit rechnen. Es zittert die Tränendrüse, es verlässt einen der Mut, und die Zuversicht wird zur Wildwasserfahrt. Warum nur? Warum nicht einfach mal, weil‘s geht, den ganzen Sieg kassieren gegen eine Krankheit, von der niemand etwas wissen will? Das Kino könnte es. Dass es real oft daneben geht, wissen wir ohnehin zu Genüge.

Sunny Dancer (2026)

Massive Talent

NICK FUCKIIIIIIIIIIING CAGE!

5,5/10


massivetalent© 2022 Leonine


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: TOM GORMICAN

CAST: NICOLAS CAGE, PEDRO PASCAL, SHARON HORGAN, TIFFANY HADDISH, LILY MO SHEEN, NEIL PATRICK HARRIS, ALESSANDRA MASTRONARDI, JACOB SCIPIO U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Nicolas Cage und die Geografie: beide können einander nicht so gut riechen. Wer seinen handfesten Hexen-Reißer Der letzte Tempelritter kennt, hat sich womöglich nicht nur als Österreicher darüber gewundert, als die Steilküsten der Steiermark ins Bild rückten. Neuerdings lässt sich die ungarische Hauptstadt Budapest auf Mallorca verorten, und zwar in einer jahreszeitlichen Herbstblase, während überall sonst Sommer herrscht. (by the way: Mallorca ist Kroatien, was aber nicht so sehr ins Auge fällt). Die neue Ordnung des Nicolas Cage bestätigt also einmal mehr: dieser Mann lebt in seiner eigenen Welt, in der manches einfach nicht zusammenpasst. Doch Scheiß drauf: Jegliche Kritik darüber kann gerne in ein Plastiksackerl gesprochen und für später aufgehoben werden. Nicolas oder Nick ist schließlich Fuckiiiiiiiiiiiing Cage und ein Star, der endlich wieder zurück darf auf die große Leinwand. Nicht dass er je weg gewesen wäre. Wo hat er gesteckt? Vermehrt in B-Movies, schrägen bis künstlerischen Thrillerdramen oder strunzdoofen Eastern, gern gesehen auf Filmfestspielen mit Hang zum Phantastischen wie zum Beispiel auf dem Slash-Festival in Wien. Cage ist einer, der üppige Blockbuster-Rollen irgendwann nur noch ausgeschlagen hat – aus familiären Gründen, was ihm anzurechnen ist, denn nur des Geldes und des Ruhmes wegen mehrere Jahre auf einem Set in Übersee zu sitzen lässt das, worauf es im Leben wirklich ankommt, außen vor.

Nick Cage ist zweifelsohne ein Egomane. Der Mann hält wenig von Konformitäten, spielt, was ihm Spaß macht. Und zelebriert sich auch selbst als Maestro des Overactings, wie eben genau jetzt, in seiner mit biographischen Workflow-Elementen angehauchten Actionkomödie Massive Talent. Sich selbst durch den Kakao ziehen – das haben manche Schauspielgrößen bereits vor Coppolas Neffen formschön zelebriert. Jean-Claude van Damme in JCVD zum Beispiel – er selbst als Opfer einer Geiselnahme, in welcher er der Frage nachgeht, wieviel Action Hero wohl in dem kernigen Belgier steckt. Oder Being John Malkovich – Spike Jonze hat Ende der Neunziger dem Multitalent, das sogar Teetassen spielen würde, einen surrealen Streich gespielt. Jetzt erklärt Nicolas Cage – was längst überfällig scheint – sich selbst zur selbstironischen Actionfigur im Erklärungsnotstand, die zwar so manche Exaltiertheit zur Pointe erklärt, den wahren Cage aber, wie es scheint, wohl kaum ins Spiel bringt, sondern eben nur das, was Fans und Zielpublikum ohnehin schon über ihn denken. Also gebärdet er sich in gefälliger Manier als sympathischer Künstler, den keiner mehr so wirklich engagieren will, und der sich notgedrungen – weil ihm hinten und vorne die Kohle fehlt (was wiederum durchaus autobiographisch sein kann) – für eine Geburtstagsparty nach Mallorca ausfliegen lässt. Da steht er nun, im Bademantel und Drink, am Strande der Fake-Balearen und entdeckt in Pedro Pascal, dem Mandalorianer, einen großen, superreichen Fan, in dessen Dunstkreis politische Verbrechen stattfinden, von denen Cage aber nichts ahnt. Umso schräger wird es, als dieser vom CIA engagiert wird, um die entführte Tochter des katalanischen Präsidenten aufzuspüren.

Mit dem Plot einer routinierten Actionkomödie, die überhaupt nicht mehr sein will als der Unterbau einer Eigenpräsentation, zitiert Nick Cage unter der Regie von Tom Gormican (Für immer Single?) nicht nur viele Werke aus seinem Schaffen, von Tess und ihr Bodyguard über Con Air bis zu Mandy – auch der Epoche des Kinos wird ein bisschen gehuldigt, vorzugsweise dem Cabinet des Dr. Caligari und skurrilerweise dem Sequel von Paddington – zwei Werke, die Cage womöglich selbst zu lieben scheint. Diese verschrobenen Bonmots sind nicht sehr, aber immerhin zum Schmunzeln witzig, vor allem, wenn man als Zuseher Kenner sowohl von Cages Oeuvre als auch der Filmgeschichte selbst ist. Darüber hinaus aber darf sich der völlig neben sich stehende Exzentriker wie im falschen Film fühlen. Und das nicht nur deswegen, weil Massive Talent einem allzu profanen Plot folgt, der gut und gerne in Direct to DVD-Werken verbraten wird und Cages Experimentierfreude im Genre des Independentkinos ignoriert. Es ist auch die Suche nach einer Normalität, die Stars wie er oftmals nicht haben, die aber für unseren Schauspieler im Rampenlicht gerne der Weisheit letzter Schluss wäre. Warum nicht! Doch vielleicht wäre eine Satire auf das Filmbiz besser gewesen als nur publikumsgefällige Selbstgefälligkeit zu feiern, als wär’s eine Autogrammstunde.

Massive Talent

Matrix Resurrections

LIEBE IN SIM CITY

6,5/10


matrixresurrections© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. and Village Roadshow Films (BVI) Limited – All Other Territories


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: LANA WACHOWSKI

CAST: KEEANU REEVES, CARRIE-ANN MOSS, YAHYA ABDUL-MATEEN II, JESSICA HENWICK, JONATHAN GROFF, NEIL PATRICK HARRIS, JADA PINKETT-SMITH, MAX RIEMELT, LAMBERT WILSON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Was ist real? Keine Ahnung. Viel eher sollte man die Frage stellen: Wann ist etwas real? Der im Film auftauchende Analytiker umschreibt das so: Real ist dann etwas, wenn die Emotionen echt sind. Gefühle sind immer echt, und da spielt es keine Rolle, ob die Welt, in der wir leben, von archaischen Techno-Kopffüßern kreiert wurde oder tatsächlich aus Sternenstaub besteht. Und ganz ehrlich: wenn ich mir die angeblich reale Welt so ansehe, die jenseits der Matrix unter wolkenverhangenem Fake-Himmel vor sich hindämmert, und mir dann die wohlgenährte urbane Komfortzone mit goldgelben Sonnenuntergängen zum Vergleich hernehme – nun, dann bleib ich lieber in der Matrix, allem Bewusstsein, einer Illusion zu erliegen, zum Trotz. Und überhaupt: woher weiß denn diese Handvoll Rebellen, die mit ihren prähistorischen Gliederfüßern herumschippern und womöglich von einem entspannten Urlaub am Strand träumen, ob das, was sie als real erachten, nicht auch eine Matrix ist? Das könnte ewig so weitergehen, wie in David Cronenbergs Cyberthriller Existenz – übrigens das Radikalste auf dem Gebiet virtueller Welten. Quantenphilosophisch betrachtet ist sowieso alles nur eine wahrgenommene Illusion des eigenen Denkapparats. Also was soll‘s. Der Punkt ist nur der, dass die Liebe – die gerne und oft und in Film und Literatur verehrte Liebe – Grund genug ist, dort zu verweilen, wo der oder die andere auch ist. Zumindest die Wahl sollte man haben, welche Realität wohl genehmer ist. 

Und die bekommt Thomas Anderson aka Neo auch, und zwar von der virtuellen Version des Morpheus, den Laurence Fishburne ob seiner Physiognomie drehbuchtechnisch nicht mehr vertreten kann. Es gibt die blaue und die rote Pille. Wie denn – alles auf Anfang? Das Szenario ist ein einziges Deja-Vu. Und auch die Katze des Therapeuten heißt so, während der Coffebreak gerne im Simulatte eingenommen wird. Das beste aber: Anderson ist der Kreator eines erfolgreichen Videospiels namens Matrix – und zwar gibt es drei Teile davon, der vierte ist in Arbeit. Seltsam, dass dem frappant an John Wick erinnernden Computerspezi die ganze Geschichte irgendwie vertraut vorkommt. Und auch die Begegnung mit Tiffany in besagtem Kaffee bleibt nicht ohne Wirkung. Alles schon mal erlebt? Jawollja. Denn die Maschinen sind immer noch geölt und werkeln vor sich hin, holen sich Energie aus den menschlichen Legebatterien für was auch immer und haben trotz des Heldentodes von Neo und Trinity selbige ins Spiel gebracht.

Wie das möglich ist? Fragen wir Lana Wachowski. Zwei Schicksalsschläge brachten die Filmemacherin dazu, ihren familiären Verlust zumindest auf künstlerischer Seite wieder auszugleichen. Das hieß: Neo und Trinity mussten wieder her, um das Ganze nochmal mit Gefühl zu erleben. Vielleicht weniger konfus, aber immer noch mit allen bekannten Versatzstücken wie der Bullet-Time, den Sonnenbrillen bei Nacht und jeder Menge Motorradstunts. Glas und Äpfel splittern in Zeitlupe, es weht der schwarze Ledermantel. All das und noch viel mehr versteckt sich als mehrgängiges Fan-Service-Menü in einem sagen wir mal Da Capo für ein Meisterwerk, das mehr als zwanzig Jahre auf dem Buckel hat. Als zeitlos würde ich dieses bezeichnen – und es grenzt an Genialität, wie Wachowski es angeht, das bahnbrechende Original in ihre eigene Reminiszenz einzuflechten. Das ist nicht nur voller Selbstironie, die liebevolle Hommagen so an sich haben, sondern streckenweise auch wahrlich gut durchdacht. Angesichts dieses Brockens an philosophischem Gedankengut muss es aber auch so weit kommen, dass sich Matrix Resurrections zumindest in der zweiten Hälfte ordentlich verhebt. Alles will mitmischen, und es scheint, als hätten wir wieder den konfusen Wahnsinn aus den alten Prequels zu verzeichnen – Aufdröselung bitte selbst angehen. Es fliegen die Fetzen, es kullern die grünen Ziffern und es explodieren in Häuserschluchten so manche Benzintanks. Nachhaltig ist das nicht, wohl eher dröhnend und verschwurbelt, und somit auch nicht auf Augenhöhe mit dem Klassiker.

Doch sei gesagt: besser als Matrix Reloaded und Matrix Revolutions ist Matrix Resurrections dann doch, allein schon aufgrund der etlichen kleinen Solonummern, die nach dem ersten Vorhang dank des Applauses nochmal über die Bühne geschmettert werden. Ungefähr so ist dieses Spektakel zu verstehen – abgesehen von Lana Wachowskis Seelenheil wäre die Wiederbelebung aber nicht notwendig gewesen. Auserzählt ist auserzählt – doch manchmal obsiegt die Wehmut angesichts des Vergangenen.

Matrix Resurrections