Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

SALZIGE UMARMUNGEN

5/10


Sara Khorami duckt sich vor dem Kraken
© 2026 Splendid Film


LAND / JAHR: NORWEGEN 2026

REGIE: PÅL ØIE, SJUR AARTHUN

DREHBUCH: VILDE EIDE, NATASHA ARTHUR, KJERSTI HELEN RASMUSSEN

KAMERA / SCHNITT: SJUR AARTHUN

CAST: SARA KHORAMI, MIKKEL BRATT SILSET, INGVILD HOLTHE BYGDNES, ØYVIND BRANDTZÆG, JENNY EVENSEN, HANS MORTEN HANSEN, SILJE BREIVIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Zeig dich doch!

Monster nur peripher oder gar nicht vor die Kamera zu holen – nun, da hat Ridley Scott bewiesen, dass so etwas geht. Seine Alien-Kreatur sieht man im Original gerade mal ein paar Minuten, wenn überhaupt. Und dennoch ist dieses Wesen omnipräsent, obwohl man gar nicht mal so genau weiß, wie es aussieht. Hinter jeder Ecke hätte es lauern können, und ja, genau so wars dann auch. Übrig blieb nur Sigourney Weaver als legendäre Ripley, und erst im Showdown wird klar, womit man es eigentlich zu tun hat.

Ridley Scott ist das deswegen gelungen, weil er die Idee eines unberechenbaren Monsters im Kopf der Zuseher aufbauen konnte. In der Fantasie ist schließlich alles umso schrecklicher, je weniger man weiß. Auch Gareth Edwards konnte in seinem fulminanten Extraterrestric-Wildlife-Drama Monsters zeigen, wie sehr es gelingen kann, eine potenzielle Gefahr in der Geschichte alles, den ganzen Schauplatz, einfach nur durch die Möglichkeit, dass es sie gibt, durchdringen zu lassen.

Keine Ruh‘ hat man als Weichtier!

In Kraken von Pål Øie und Sjur Aarthun geschieht das nicht. Und das, obwohl man weiß, wie Kraken aussehen. Dieser Koloss von einem Weichtier schlummert inkognito im Sognefjord vor sich hin, keiner weiß wie lange schon, doch vermutlich ist diese Kreatur wahnsinnig alt, was die Vintage-Nachrichten zu  Beginn des Filmes belegen sollen. Da hat ein Bursche namens Olav Kryptozoologisches zu berichten – von seltsamem Nebel und einem monströsen Schatten.

Jahrzehnte später wird dieses Tier gestört – von einer Erfindung, die sich Sonic Lice nennt und als Schallwaffe die Lachse einer Zuchtfarm von Läusen freihalten soll. Schlecht justiert, lässt dieses Geräusch alle mögliche Meereslebewesen durchdrehen, auch den Koloss in der Tiefe, der die Dauerbeschallung satt hat und die acht Ärmel hochkrempelt, um Tabula Rasa zu machen. Die Belegschaft der Farm versucht, dem Kollateralschaden zu vertuschen, während Meeresbiologin Johanne der Gefahr relativ nahe kommt.

So fummeln Kraken

So richtig Schwung kommt nicht in die Sache, Lachsläuse hin oder her. Der Krake mag im Wasser lauern, fühlt sich aber nicht präsent an. An diesem Fjord spielt sich so einiges ab, auch Umweltschützer sind drauf und dran, diese Geräuschbojen zu sabotieren. Doch der Krake kann nicht so recht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Seine Arme können das noch weniger, auch wenn sie jeweils eigene kleine Gehirne haben. Irgendwann, und das erst sehr spät, stochern jede Menge schleimige Extremitäten die schiffsähnlichen Gänge der Fabrik entlang, Saugnäpfe hier, Saugnäpfe da, doch das große Ganze war den Filmemachern dann doch zu viel Aufwand.

Szenenweise können durchaus Assoziationen zu The Abyss oder Underwater – Es ist erwacht erweckt werden, der Monsterhorror zieht dann auch – auf die möglichst generische Art und Weise. Und ist mal kein dicker Fangarm im Weg, tun‘s gigantomanische Läuse dann auch. Sie muten an wie Pfeilschwanzkrebse, haben aber einen anderen Sinn von Humor als diese.

Die Natur und ihre Moral

Kraken – nicht zu verwechseln mit einem anderen Film gleichen Titels, und zwar einem russischen, in dem ein U-Boot gegen ein anderes dieser Kreatürchens kämpft, der aber noch weniger kann als die norwegische Ausgabe – bietet klassisches „Wir schaden der Natur – die Natur schlägt zurück“-Kino, wo immer einer oder eine im Ensemble längst alles besser weiß. Den Profitgeiern steht das Wasser höher als bis zum Hals, Mutter Erde ist eben moralisch. Und so ergötzt man sich zumindest ein paar Sekunden lang an einem Monster im Licht der Leuchtraketen. H. P. Lovecraft würde sagen: „Ein dicker, fetter Cthulhu“. Vielleicht ist er das ja auch, vielleicht aber ist es nur ein Prozent von den vielen, die zu den unbekannten Regionen dieser Weltmeere zählen.

Kraken – Erwachen der Tiefe (2026)

Die Odyssee (2026)

DIE PRAKTISCHE WUCHT DER MYTHEN

7/10

 

Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans Die Odyssee© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, NACH DEM EPOS VON HOMER

KAMERA: HOYTE VAN HOYTEMA

CAST: MATT DAMON, TOM HOLLAND, ANNE HATHAWAY, ROBERT PATTINSON, HIMESH PATEL, CHARLIZE THERON, ZENDAYA, BENNY SAFDIE, LUPITA NYONG’O, JON BERNTHAL, JOHN LEGUIZAMO, ELLIOT PAGE, SAMANTHA MORTON, MIA GOTH, RYAN HURST, COREY HAWKINS, ANDREW HOWARD, JAMES REMAR, BILL IRWIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 52 MIN



Das Warten hat ein Ende – nicht nur für Penelope. Endlich ist er da, der neue Film von Christopher Nolan, der Hit des Sommers und der wohl am heißesten erwartete Film des Jahres, bevor noch die Avengers den Doomsday einläuten.

Dabei aber ist eines klar: Nolan ist niemand, der sein Publikum in erster Linie in den Eskapismus führen will. Seine Filme haben stets Gewicht – sind sie nun intellektuell herausfordernd wie Inception oder Tenet – oder historisch und gleichzeitig gegenwartsrelevant wie Oppenheimer oder Dunkirk.

Fast schon intim und doch riesengroß

Eines macht Nolan nicht, und zwar niemals: Blockbuster. Eventfilme. All das im herkömmlichen Sinn, durch Studios fremdbestimmt und durch die letzten Worte schlecht aufgelegter Sanktusgeber verwässert. Nolan ist ein Independent- oder gar ein Autorenfilmer. Sein neuestes Werk, Die Odyssee, frei nach Homers Epos, ist genau das: Arthouse – mit dem einzigen Unterschied zu anderen unabhängigen Arthouse-Filmen, dass diesmal ordentlich Budget zur Verfügung stand, und Nolan nicht daran denken musste, groß zu improvisieren, um Defizite wettzumachen.

Nolan kann sich zurücklehnen. Für seine Vision bekommt er, was er verlangt. Warum das so funktioniert, ist eine andere Frage. Fakt ist: Hier kehrt das Kino zu einer reaktionären und zugleich progressiven Art von „New Wave“ zurück – zu einem Neo-Neo-Realismus, der so wenig wie möglich mit den Bequemlichkeiten und der fehlenden Echtheit von Studioproduktionen zu tun haben will.

Ein Stoff, von dem wir alle was haben

Um das zu bekommen, mussten Nolan und sein Team wohl einen Stoff vorlegen, der diesen „New Wave“-Weg eigentlich erst rechtfertigt. Das funktioniert am besten mit alten Geschichten, die uns alle verbinden. Mit einem Epos, das in einer Zeit spielt, in der die Geschichte Amerikas lange noch in Europa liegt – wie eine Art Wiege, eine magische Identität, die die USA sonst vergeblich suchen würde und dabei in den Junk-Food-Beglückungen eines Percy Jackson-Abenteuers landen muss, in denen die griechische Götterwelt längst aus Europa auswandern und ins Exil hat müssen und der Olymp womöglich in New York liegt.

Und irgendwann bleib i dann dort…

Die Odyssee gibt einiges her. Gerade im Sommer, wenn das Schippern diverser Stars auf dem Mittelmeer Lust auf Griechenlandurlaub entfachen soll. So manche werden hoffen, dass sie, wenn sie schon nicht dort sind, zumindest ein paar Culture-Vibes aus dem Kinosaal als Souvenir mitnehmen können.

Den Wunsch erfüllt Nolans Version jedoch weniger. Keine exotische, liebliche, abenteuerlustige Mittelmeerkreuzfahrt. Sondern ein Apocalypse Now aus einer Zeit, die längst schon verklärt genug ist, um Schlachten wie die um Troja zu romantisieren.

Lieferengpass für Lotusblüten

Die ganze verdammte Reise des Odysseus, die in mosaikartiger Anordnung ähnlich wie in Homers Vorlage in das kollektive Gedächtnis des Publikums sickert und letztlich auch in den durch Kalypsos Lotusblüten umnebelten Geist des Protagonisten, lehnt den Tonus der feisten Helden-Apotheose strikt ab und schenkt dem listig-kreativen Krieger, dem Troja auch selbiges Pferd zu verdanken hat, einen psychologischen Irrweg der Reue und der Schmach.

Verfolgt von den Bildern eines brennenden und hingemetzelten Königreichs, treibt es ihn und seine Männer an wenig gastfreundliche Gestade – vom Zyklopen Polyphem über die kannibalischen Laistrygonen und der Zauberin Circe, die in einer völlig irren Body-Horror-Sequenz Odysseus‘ Kameraden in Schweine verwandelt, bis hin auf die Insel des Sonnengottes und seiner Kuhherde, an der sich kein Sterblicher vergreifen darf.

Einmal straffen und kürzen, bitte!

Nolan, der Homers Epos in der aktualisierten Version von Emily Wilson als Grundlage verwendet hat, nimmt sich so einige Freiheiten, die nicht dem klassischen Stoff, so wie wir ihn kennen, entsprechen möchten.

Zum Beispiel hier: Polyphem führt niemals einen Dialog mit Odysseus (schade um „Mein Name ist Niemand“). Circe wird im Grunde auf völlig andere Weise bezwungen und ein Floß, wie einst Tom Hanks in Castaway, baut Odysseus eigentlich auch nicht. Vielmehr stößt dieser nach seinem siebenjährigen Aufenthalt auf Kalypsos Insel auf Prinzessin Nausikaa, die ihn am Ende auch nach Ithaka bringt.

Zugegeben, Die Odyssee ist ordentlich Stoff, irgendwo muss Nolan auch kürzen, und irgendwo muss auch er seinen Schwerpunkt setzen, der beim Krieg, beim Verrat und bei einer abenteuerlich konnotierten Katharsis liegt. Da hat das Geplänkel mit dem Zyklopen keinen Platz, da ist Augenzwinkern nicht gefragt, da darf es durchaus bleischwer übers Meer gehen, denn auch die Antike war nichts, wohin man sich wünschen sollte, weil es da womöglich illustrer war.

Die Pflicht, Odysseus‘ Abenteuer abzuhaken

Mit dem Fokus auf den Krieg – am Ende, in einer schauspielerisch grandiosen, weil ruhigen und ausnahmsweise mal nicht wummernden Szene lässt Matt Damon, noch immer verkleidet als Bettler, vor Penelope die Schande mit dem Pferd nochmal Revue passieren – nimmt sich Nolan allerdings kaum Zeit, Odysseus‘ Abenteuer lustvoller zu feiern.

Diese werden, bis auf Kalypso (idealbesetzt: Charlize Theron) chronologisch geordnet, mehr abgehakt als ausgefochten. Kaum sind die Laistrygonen dran, sind sie auch schon weg. Viel mehr will sich Nolan mit Telemachos (blass: Tom Holland) auseinandersetzen, was ihm wieder die Wucht seiner Mythologie nimmt. Stattdessen poppt ab und an Zendaya als angebliche Athene auf – oder als begleitendes schlechtes Gewissen. Doch auch sie bleibt überraschend unscheinbar und maximal eine Fußnote.

Ein Filmdreh als Europareise

Weniger Querverweis, sondern der eigentliche Grund, warum man Nolans Odyssee sehen sollte, ist das streng auferlegte Credo der Authentizität und der exzessive Wille, alles, was nur möglich wäre, „on location“ gedreht zu haben.

Natürliches Licht, echtes Salzwasser, echte Schiffe; ein fast schon echter Polyphem und ein nahezu echtes Troja – Handwerk macht auch in der Welt des Films einen Unterschied. Schließlich fühlt es sich anders an, rauer, physischer, vom Ensemble einfach empfundener. Wenn mehrere Dutzend Statisten ein echtes trojanisches Pferd über den Strand ziehen, so ist das – mit all der Muskelraft, dem Schweiß und dem Sand – einfach geschehen.

Wenn Circes Schweine echte Schweine sind, das Wasser im Gesicht von Matt Damon tatsächlich das Mittelmeer, der dunkle Lavastrand, der den Hades markiert, auch wirklich Lava – so ist das epischer, auf spezielle Weise berührender Realismus, dem virtuell Erstelltes niemals entgegentreten kann. Der Unterschied ist schwer zu artikulieren, und daher eigentlich nur zu erfahren.

Audiovisuelle Stärken

Die Wucht der Bilder entsteht dann aus dieser Anforderung heraus: Wenn Zyklop Polyphem als gespenstischer Golem wie aus einer Zeichnung von Alfred Kubin im Gegenlicht des Höhleneingangs erscheint, wenn nur die Flammen des Feuers ihn erleuchten, dann sind das visuelle Interpretationen, die man so noch nicht gesehen hat. Mitunter ist diese Szene etwas ganz Besonderes, auch der Hades mit all den Toten oder Circes Zauber: düster und gespenstisch zwar, aber, ergänzt durch Ludwig Göranssons kreativem Score als Stimmungsmultiplikator, wegweisend gefilmt.

Gebändigte Impulsivität

So steht der visuelle Reiz gegen eine verpeilte Dramaturgie, die gerne impulsiver wäre, als sie eigentlich ist, stattdessen verblüffend rational und ernüchtert Odysseus Herausforderungen annimmt. Die Odyssee wirkt fast schon kontemplativ, weniger leidenschaftlich, obwohl die Bilder diese Leidenschaft ausleben möchten, es aufgrund einer verbissenen narrativen Vision aber einfach nicht können.

Matt Damon tut da sein bestes, er selbst verschwindet irgendwann hinter der Figur des Odysseus – und das, obwohl Matt Damon jeder kennt. Ist dieser Wendepunkt erreicht, ist das hohe Kunst. Auch Anne Hathaway ist stark, Robert Pattinson, fies wie noch niemals zuvor, ebenso. Und Elliot Page als Sinon muss wohl die bedauernswerteste Figur des ganzen Epos verkörpern.

Es lebe der praktische Realismus!

Was bleibt, unterm Strich? Nicht zwingend massentaugliches Independentkino mit Riesenbudget und großem ökologischem Fußabdruck, den Nolans Vision rechtfertigen will. Eine erstaunliche Optik, viele reise- und kriegsmüde Männer und ein Manifest auf den praktischen Realismus, der den computertechnologischen Bequemlichkeiten den Kampf ansagt. Bleibt nur die Frage, ob sich Die Odyssee vorrangig durch ihre Absichten und Ambitionen identifizieren will. Abgekoppelt von seiner Entstehung, ist der Film dann immer noch ein Meisterwerk?

Die Odyssee (2026)

Masters of the Universe (2026)

TOY STORY MIT MUSKELN

6/10

 

Nicholas Galitzine als Adam/He-Man in Masters of the Universe© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: TRAVIS KNIGHT

DREHBUCH: CHRIS BUTLER, AARON UND ADAM NEE, DAVE CALLAHAM

KAMERA: FABIAN WAGNER

CAST: NICHOLAS GALITZINE, JARED LETO, IDRIS ELBA, CAMILA MENDES, MORENA BACCARIN, ALISON BRIE, CHARLOTTE RILEY, SAM C. WILSON, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, JON XUE ZHANG, SASHEER ZAMATA U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN



Was flasht mich da?

Es ist nichts anderes als der Rücksturz ins Kinderzimmer meines Volksschulkommilitonen: Masters of the Universe. Denn niemals, im Laufe meiner Kindheit, durfte ich eine dieser Actionfiguren mein eigen nennen.

Warum? Der Spirit von patriarchalem Heldentum war sogar in einem Zeitalter, in dem Diversität, Gleichheit und Geschlechterrollen in konservativen Strukturen feststeckten, auffallend vorgestrig, als wäre es aus einer reaktionären Interpretation der Siegfried-Sage gefallen.

Die Frauenquote der Muskelmänner

So ein martialisches Männlichkeitsbild kam damals nicht in unser Haus. Dafür aber in jenes meines eingangs erwähnten Freundes, bei dem ich dieses Klischee der tapferen, ruhmreichen Beschützer und Bösewichte bedienen konnte, ohne das Ganze zu hinterfragen.

Dort die Burg von Grayskull, auf der anderen Seite der Snake Mountain. Dazwischen die irrwitzigsten Monster und Mutanten, und weil man ja nicht komplett so tun wollte, als würden Frauen nur hinter den Burgmauern um ihre Helden bangen, gabs zumindest Teela, Evil-Lyn und die Zauberin – später dann noch He-Mans Schwester She-Ra (She-Woman wäre konsequenter), das Pendant zu Supergirl im DC-Universum.

Die martiale „Kauf mich“-Lore

Damals aber konnten wir uns weder sattsehen noch sattspielen. An jede einzelne dieser Figuren kann ich mich erinnern, und eine Handvoll erscheint auch im neuen Versuch, das triviale Universum, das frappant an Flash Gordon, Marvel und die deutschen Heldenepen erinnert, mit ganz viel Hilfe durch CGI-Experten auf die Leinwand zu bringen.

Denn Masters of the Universe, das ist Kitsch as Kitsch can, das ist ein unfreiwillig komisches, vielleicht sogar käsiges Spielzeuguniversum mit genau jener tümpeligen Tiefe, die ein Team an Spielzeugentwicklern von Mattel wohl erforscht haben müssen, um diesen „Kauf mich“-Kreaturen zumindest eine gewisse Legitimität anhand einer simplen und von überall her zitierten Lore zu bescheren, die ins Zentrum gar dreist ein Schwert stellt, für das der junge König Artus es nicht mal aus dem Stein ziehen muss.

Die Sache mit dem Lendenschurz

„Bei der Macht von Greyskull! Ich habe die Kraft!“ Und schon umweht ein ledergegerbtes Tarzan-Röckchen die sicherlich schmucke Männlichkeit von Adam, während ein rotes Kunstharzkreuz Marke „Tempelritter“ die durchtrainierte Brust des blonden Recken ziert, der in Travis Knights (Kubo – Der tapfere Samurai, Bumblebee) ironisch kommentierter Überarbeitung des trivialen Stoffs gar nicht mal so einer sein will.

Natürlich kann man die Welt von Masters nicht einfach in seinem obsoleten Dunst von damals vor sich hin husten lassen. Wie man es dreht und wendet – das ganze Szenario mit einer gewissen Tolkien‘schen Ernsthaftigkeit zu versehen, wird nicht gelingen. Zu generisch ist der Plot, zu plakativ die Charaktere.

Sympathie für den Waffenmeister

Um das Problem zumindest in Sachen Sympathiewerte zu lösen, kommt einer wie Idris Elba ins Spiel, der Adams rechte Hand gibt: Man-at-Arms, auch genannt Duncan. Elba hat Charisma und gute Laune. Genauso wie Nicholas Galitzine (Glennkill: Ein Schafskrimi), der diesen auf Diplomatie gebürsteten Thronerben gibt, als Kind schon nicht kämpfen wollte und im Erd-Exil mit seiner für niemanden glaubhaften Biografie als verschrobener Nerd gilt, der fanatisch nach einem Schwert sucht – seinem Schwert, nämlich jenes mit der Macht.

Das Live-Act-Problem des Zeichentrick-Schurken

Kaum gefunden, katapultiert ihn das Schicksal wieder nach Eternia zurück, wo Skeletor, der ikonische Erzgegner und Onkel (!) von He-Man (wie in der Artus-Sage Schurke Vortigern Pendragon) schon seit Anbeginn an diese Macht will, um diese auszuüben. Hinter dem Totenschädel verbirgt sich Jared Leto in zeichentrickhafter Gestik und mit wenig Charakter.

Denkt da wer vergleichsweise an Frank Langella aus den Achtzigerjahren? Da hatten wir ja schon mal eine Masters-Interpretation, nur aufgrund mangelnder Rechte und wenig Budget hat Dolph Lundgren (man beachte sein launiges Cameo im neuen Film) auf den Final Fight in Eternias Burg verzichten müssen. Bis heute ist Gary Goddards trashiges Guilty Pleasure nicht ohne Nostalgie-Wert. So eine Langlebigkeit lässt sich im neuen Film wohl nicht prognostizieren, obwohl die Macher hier versuchen, das ganze auf zwölftönende und damit erinnerungswürdige Eigenparodie zu trimmen, die auch dank Elba und Galitzine zumindest streckenweise funktioniert.

Den kenn ich doch!

Ist Masters of the Universe nun Kinderkam? Ja, Kinderkram für Mittvierziger, die sich gerne am bunten Materialismus vollgestopfter Kinderzimmer erinnern. Und mit Lust und verklärten Augen Figuren wie Fisto, Mechanek, Spikor, Moos Man, Ram Man und dergleichen in diesmal spielzeugadäquater Ausgestaltung mit Leichtigkeit wiederentdecken.

Die Sache mit dem Sexwitz

Ein Toy Story also mit Muskeln und lahmer Story; netten, aber nicht außergewöhnlichen Schauwerten, dafür aber mit befremdlichem, sexuell konnotierten Wortwitz, der sich speziell auf einen Charakter bezieht und sich auf irritierende Weise am Zielpublikum vorbei vergreift.

Irgendwie ist den Schreiberlingen hier der Zynismus durchgegangen, während zeitgleich verabsäumt wurde, die Vorhersehbarkeit vor allem im Showdown abzufangen. Mit dem Kulturschock der realen, nämlich unserer Welt, wird das Abenteuer mit origineller Situationskomik abgeschmeckt. Witzig auch die „Etymologie“ so manchen Heldennamens. Doch die Selbstironie wirkt unentschlossen – manchmal ist sie zu viel, manchmal zu wenig. Oder hatte gar Mattel das letzte Wort?

Alle waren sie im Gym

Travis Knight lässt Masters of the Universe immer noch das sein, was es immer schon war: Ein konfuses, etwas zu lang geratenes Arena-Gekloppe mit der Sehnsucht nach epischer Fantasy, und mit dem ernüchternden Blick auf die Tatsache, das die durchtrainierten Schwarzenegger-Rabauken nicht wirklich viel mehr sind als sie darstellen. Vielleicht muss man dafür die Zeichentrickserie kennen, und das ganze Drumherum. Davon aber ausgekoppelt bleibt nur Spielzeug, das lebendig wird. Hach, für ewige Buben irgendwie trotzdem ganz schön.

Masters of the Universe (2026)

The Vourdalak (2023)

WARTET NUR, BIS OPA KOMMT

6/10


Der Vourdalak verbeisst sich in seinen Enkel
© 2026 Lighthouse Entertainment


ORIGINALTITEL: LE VOURDALAK

LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE: ADRIEN BEAU

DREHBUCH: ADRIEN BEAU, HADRIEN BOUVIER, NACH DER ERZÄHLUNG VON ALEKSEJ TOLSTOI

KAMERA: DAVID CHIZALLET

CAST: KACEY MOTTET KLEIN, ARIANE LABED, GRÉGOIRE COLIN, VASSILI SCHNEIDER, CLAIRE DUBURCQ, GABRIEL PAVIE, ERWAN RIBAD, ADRIEN BEAU (STIMME) U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN



Was zur Hölle ist ein Wurdalak?

Der russische Schriftsteller Aleksej Tolstoi hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Vampirgeschichten verfasst, die man so jetzt nicht aus dem Stegreif nennen würde, da wäre einem Bram Stokers Dracula durchaus näher. Doch Die Familie des Wurdalak kann man sich merken, für den nächsten Small Talk, beim nächsten Wissensquiz oder einfach, um selbst vielleicht diese Geschichte nachzulesen, die insofern anders als gängige Geschichten bluttrinkender Wiedergänger beschreibt, wie das verfluchte Wesen nichts lieber täte, als das ganze Jahr über mit der Familie Weihnachten zu feiern.

Blut ist tatsächlich dicker

Natürlich war der Wurdalak – oder eben Vourdalak, so die französische Form – früher mal ein normaler, atmender Mensch, wie all die anderen Vampire übrigens auch. Dieser Fluch jedoch begeht im wahrsten Sinne des Wortes eine gewisse Sippenhaftung, da sich Vourdalaks eben ausschließlich ihrer eigenen Familie annehmen, um diese zu zerstören. Oder um diese eben leerzutrinken, wie auch immer.

Tolstois Vourdalak ist im Grunde ein alter Mann namens Gorcha, Oberhaupt einer mehrköpfigen Familie aus Kindern, Enkelkindern und Schwiegerkindern. Wir befinden uns hier im Serbien des frühen 18ten Jahrhunderts, die Türken terrorisieren Europa und Gorcha will es noch einmal wissen, in dem er mit Schwert und Schild gegen den Feind zieht. Sollte er in den folgenden sechs Tagen nicht zurückkehren, so seine Botschaft, dürfe ihn niemand mehr in die Stube bitten, denn dann sei er nicht mehr er selbst, sondern eine Kreatur der Nacht, ein untoter Blutsauger eben, der wohl die ganze Familie ins Unglück stürzen wird.

Ein Hofgesandter im Mythenpool

Wie es der Zufall so will darf diesem paranormalen Geschehen ein Gesandter des französischen Königs beiwohnen, ein weiß gepuderter feiner Geck, der, von Räubern seines Pferdes entledigt, auf einen Ersatz warten und bei Gorchas Familie unterkommen muss. Mit diesem Marquis d’Urfé schafft Adrien Beau einen spätbarocken Kontrapunkt, eine aufgeräumte, geordnete, gepflegte Instanz – die Zivilisiertheit des Damals und der Gegenpol zu einem eher archaischen, von Aberglauben, Mythen und der Metaphysik der Natur durchdrungenen Volksbild der moldawischen Region, fernab jeglicher kontrollierbarer Ordnung. Ariane Labed (Attenberg) gibt dabei die geheimnisvolle, schmuckbehangene Fremde, die dem Pudergesichtigen den Kopf verdreht.

Wenn die Puppen tanzen

Beau muss die alten osteuropäischen Filme der DEFA-Ära, entstanden in den 50er- und 60er- Jahren, wohl zu schätzen gewusst haben, um selbst so eine retrovisuelle Hommage anzufertigen, die mit Farbpatina, verwaschener Optik und gestelztem Spiel auf kurios-befremdliche Weise eigen wirkt.

Krönendes Element dieser tragödienhaften Schauermär ist natürlich der Vourdalak selbst – die marionettenhafte Puppe eines wandelnden Toten: knochendürr, lippenlos, gespenstisch nicht wirklich. Diese offenkundige Zurschaustellung analoger – ich will nicht mal sagen – Tricktechnik ist entweder ein Armutszeugnis aufgrund budgetärer Grenzen – oder ein absolut gewolltes Stilelement, um eben jener kauzigen Ära gerecht zu werden, die Filme wie diese improvisationsfreudig und mit begrenzten Mitteln damals zur Schau stellten.

The Vourdalak mag man seltsam finden, durch das hölzerne Spiel kommt relativ wenig Stimmung auf, und die Puppe selbst ist so verwunderlich wie faszinierend. Genau dadurch aber hat Adrien Beaus Film in gewisser Weise ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen – dank der Dreistigkeit, den tolstoischen Schrecken als Live-Act-Marionettentheater auferstehen zu lassen.

The Vourdalak (2023)

Sketch (2024)

VON DER SEELE GEZEICHNET

7,5/10


© 2024 Kinostar Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: SETH WORLEY

KAMERA: MEGAN STACEY

CAST: TONY HALE, D’ARCY CARDEN, BIANCA BELLE, KUE LAWRENCE, KALON COX, JAXEN KENNER, GENESIS ROSE BROWN, RANDA NEWMAN, ALLIE MCCULLOCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


„Was hast du denn da Schönes gemalt?“ In unendlicher Verzückung stehen Eltern oftmals vor dem allerersten wilden Gekritzel ihres Nachwuchses, meist iterierende Kreise, weit über den Blattrand hinaus. Es kommt auch vor, dass die Erwachsenen dabei schon das eine oder andere Quäntchen an Talent aufblitzen sehen, sind diese Kunstwerke doch stets bei weitem besser als die der anderen. Später kommt das figürliche Zeichnen dazu, es werden Eltern, Familienmitglieder, Haustiere oder Freunde abgebildet, die meisten proportional so verbaut, dass sie gruselig genug sind, um dankbar zu sein, sie nicht tatsächlich in den eigenen vier Wänden willkommen zu heißen. Wenn die Fantasie dann sprießt und Aggressionen künstlerisches Ventil finden, entstehen Monster und Kreaturen, blutrünstige Ausweidungen und martialische Schlachten. Immer noch wunderschön, meinen die Eltern. Wenn auch mit verstörtem Blick.

Mittlerweile gibt es ja Tools, die dank künstlicher Intelligenz zum Beispiel Tierzeichnungen von Tafelklässlern plastifizieren und in ein natürliches, fotorealistisches Umfeld setzen, wobei sie selbst zum fotorealistischen Ungetüm werden. Wie creepy ist das denn? Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, aus dieser Erweckung kreativer Konstrukte einen Film zu machen, schade schließlich um das Potenzial, das so eine Geschichte haben könnte. Mit Sketch von Seth Worley war es dann soweit. Kinder zeichnen, und sie zeichnen Monströses. Warum sie das tun, liegt in der Psyche von Mädchen Amber, die als Halbwaise den Tod ihrer Mutter verarbeiten muss. Ihrem Bruder geht es damit nicht wirklich besser. Während er seinen Frust nicht kanalisieren kann, hat Amber zumindest Papier und Farbstift, um sich ihre Ohnmacht von der Seele zu zeichnen – Leittragender dabei ist der gleichaltrige Klassenkollege und Störenfried Bowman, der zumindest vorerst auf zweidimensionalem Wege geopfert wird. Soweit so gut, soweit noch juveniles Psychodrama. Doch dann kommt die Wende. Denn inmitten eines Wäldchens gibt es einen See, der alles lebendig macht (oder zumindest repariert), was man hineinwirft. Als Folge diverser Umstände darf sich auch Ambers wertvolles Monsterbuch mit dem magischen Wasser vollsaugen – was dann folgt, kann sich das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes ausmalen. Und nein, es sind keine niedlichen Geschöpfe, die da durch die Botanik hirschen.

Es sind Kreaturen aus Alpträumen, die zwar bunt gekritzelt aussehen, aber Verheerendes im Schilde führen, da Amber all ihre negativen Gefühle zu Papier gebracht hat. Ein Horror der besonderen Art wuchert also in erschreckendem Expansionsdrang durch die dreidimensionale Welt, und es ist definitiv nicht Kinder jüngeren Semesters anzuraten, sich dieser Bedrohung auszusetzen. Sketch ist Young Adult- oder aber Jugendhorror, von der Intensität her ähnlich wie der österreichische Haunted House-Grusler Das schaurige Haus. Auch dieser darf sich im Subgenre gemächlicher Hasenfuß-Nägelbeisser wiederfinden, wobei die wüste Invasionsszene mit den augenfressenden Äuglingen weit über das Niveau eines skurrilen Ghostbusters-Horror hinausgeht. Sketch bewegt sich mit erwachsenem Ernst durch sein beklemmend buntes Abenteuer, lässt sogar einen Killer auf den armen Bowman los. Und dennoch: Worley übertreibt oder überhöht seine Story kein einziges Mal, folgt einer erquickend schaurigen Tonalität und lässt dabei seine kindlichen Helden kein einziges Mal so aussehen, als würden sie die Challenge, der sie ausgesetzt sind, nicht bewältigen.

Mit dieser Chuzpe im Rücken und einem aufgeweckten Erfindungsreichtum ist diese sanftmütige, allerdings überraschend spannende Stranger Things-Version manchmal nicht weniger packend als sein Erwachsenen-Vorbild, emotional greifbar und düster genug, um fast schon an J. A. Bayonas Sieben Minuten nach Mittenacht oder Pans Labyrinth anzuecken, allerdings ohne dessen opulent-mystischen Metaebenen-Überbau. Sketch bleibt seiner Dimension verhaftet, das Paranormale ist Teil dieser Welt, ausgestülptes Sprachrohr der Psyche, Befreiungsakt und metaphorisches Abenteuer, ohne sich gewohntem Vokabular großer Studios anzubiedern.

Sketch (2024)

Orang Ikan (2024)

ÜBERDOSIS OMEGA-3

5,5/10


© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: INDONESIEN, JAPAN, SINGAPUR, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: MIKE WILUAN

KAMERA: ASEP KALILA

CAST: DEAN FUJIOKA, CALLUM WOODHOUSE, ALEXANDRA GOTTARDO, LUCKY MONIAGA, ALAN MAXSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Orang-Utan ist wohl jedem ein Begriff, den muss ich nicht erklären. Woher der Name stammt, vielleicht schon, denn der wurzelt in der malaiischen Sprache und heisst soviel wie Waldmensch. Orang für Mensch. Utan (oder Hutan) für Wald. Dann gibt es noch den Orang Pendek (oder Pendak), heisst soviel wie kleiner Mensch. Der Knilch ist nach wie vor ein kryptozoologisches Phänomen und soll sich in den Wäldern Sumatras herumtrollen. Und dann gibt es Orang Ikan. Was Orang bedeutet, wissen wir, und Ikan steht für Fisch. Ein Flossenwesen also auf zwei Beinen, sonst wäre er nicht humanoid. Für den gibt es auch keine wissenschaftlichen Belege, und im Gegensatz zur Pendek-Version reden wir nicht mal über Sichtungen. Denn Orang Ikan stammt aus der Feder von Mike Wiluan, einem in Singapur geborenen Filmemacher, der sich wohl eine ausgewiesen Vorliebe für die frühen Monsterfilme der 50erjahre bewahrt hat, insbesondere für jene von Jack Arnold, und da wieder insbesondere für jenen, der sich Der Schrecken vom Amazonas nennt. In diesem effektiv gefilmten, kauzig-monströsen Klassiker tummelt sich eine Jumpsuit-Unterwasserkreatur im tropischen Sumpf und findet Gefallen an einer – wie kann es anders sein – schönen Frau, die zu ihrem Leidwesen als Teil einer Forscher-Crew das eine oder andere mal durchaus ihr stimmliches Organ beanspruchen muss. Denn wenn man da nicht weiß, was da aus der Tiefe steigt, mag der titelgebende Schrecken schon groß sein. So groß wie ein Mann, der sich damals im Gummikostüm halb zu Tode hat schwitzen müssen. Viele Jahrzehnte später schenkt Guillermo del Toro diesem Fischwesen eine phantastisch-romantische Hommage in barocken Bildern: The Shape of Water wurde zum Oscar-Hit.

Des Fisches Blutgesang

Preislich wird Orang Ikan wohl keine Trophäen abräumen – dafür hätte Mike Wiluan den genretypischen Werkzeugkasten wohl ausleeren und neu einsortieren müssen. So aber bleibt er der Art und Weise, wie man Seemansgarn erzählt, zu hundert Prozent treu, wenngleich er in Sachen monströser Grimmigkeit gerne noch ein Schäuflein nachlegt. Denn Orang Ikan, der hat wohl vom Predator viel gelernt. Darunter auch, wie man Köpfe abreißt und menschlichen Schwächlingen eine Frontal-Gastroskopie verpasst. Wiluan will seine Kreatur so furchterregend wie möglich erscheinen lassen – als Mischung aus Tiefseefisch, Jack Arnold-Body und eben einem Jautja (wie die Spezies des Predators eigentlich bezeichnet wird). Vieles in diesem Film erfreut sich filmischer Referenzen, wenig bleibt als eigenständige Idee auf diesem einsamen, sagenumwobenen Eiland zurück, an dessen Gestaden ein Japaner und ein Amerikaner zur Zeit des Pazifikkrieges ihr Bewusstsein wiederfinden, nachdem ihr Kriegsschiff auf Grund lief. Beide sind aneinandergekettet und hätten als Straftäter wohl eher den Gezeiten überantwortet werden sollen – nun hat es sie noch schlimmer getroffen, denn jetzt ist Orang Ikan hinter ihnen her, um was zu tun? Die Insel zu verteidigen? Potenzielle Nahrung zu sammeln?

Was folgt, ist ein gelb- und grünstichig gefilmtes Guilty Pleasure ohne Überraschungen, dafür aber mit einigen Gore-Szenen und ganz viel Dschungel-Feeling. Das Wesen darf sich einem knackigen Äußeren erfreuen, ganz ohne CGI und somit herrlich analog, wie in den guten alten Zeiten. Für Monsterfans ist Orang Ikan ein genüssliches Junk Food, da lässt sich über seifiges Pathos gerne hinwegsehen.

Orang Ikan (2024)

The Old Guard 2 (2025)

DIE ZEIT HEILT KEINE WUNDEN

3/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: VICTORIA MAHONEY

DREHBUCH: GREG RUCKA, NACH SEINER GRAPHIC NOVEL

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: CHARLIZE THERON, KIKI LAYNE, UMA THURMAN, MATTHIAS SCHOENAERTS, HENRY GOLDING, CHIWETEL EJIOFOR, MARWAN KENZARI, VERONICA NGO, LUCA MARINELLI U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Im Wartezimmer für Dummverkaufte sitze ich hier und kann es kaum glauben, dass The Old Guard 2 mich hier einfach so mir nichts dir nichts aus dem Couch-Auditorium wirft. Nach bescheidenen 104 Minuten ohne Schmackes, sehr viel serientypischem Gerede und einer in die Länge gezogenen Handlung komplettieren Netflix und Skydance einen halbfertigen Film, der nichts anderes zuwege bringt als den Unmut der Betrachter auf sich zu ziehen. Ist das nun die neue Methode zur Kundenbindung? Zur Geldmacherei? Um kreative Defizite zu einem Thema zu übertünchen, indem man ein Abenteuer so dermaßen ausdünnt, dass es für zwei Filme reichen soll? The Old Guard 2 fühlt sich so an, als würde man einen verlängerten Verlängerten bestellen, mehr Wasser als Kaffee, ein Gschloder auf gut wienerisch, weil sonst nichts mehr da ist von dem guten gemahlenen Bohnenzeugs.

Dabei war 2020 noch alles relativ eitel Wonne. The Old Guard lieferte während der Covid-Lockdowns Eventkino für die eigenen Mattscheiben-Quadratmeter, mit einer überzeugend sportlichen und agilen Charlize Theron, die sich in die Rolle der Jahrtausende alten Andromache so gut wiederfand, als wäre sie tatsächlich älter als sie vorgibt zu sein. Sie war eine der Unsterblichen, einer Handvoll Auserwählter, die im Laufe der Menschheitsgeschichte dem Wohl unserer Spezies dienen und als Aufpasser fungieren, natürlich mit dem Benefit, jeden noch so gearteten Todesfall heillos zu überstehen. Die Comics von Greg Rucka, die als Vorlage dienten, sind dabei explizit gewalttätig, intensiv und akkurat konzipiert, Regisseurin Gina Prince-Bythewood (The Woman King) brachte das martialische Ensemble, das gerne auch mit mediävalen Waffen um sich wirft, souverän in den Live Act. Mit von der Partie auch Matthias Schoenaerts und KiKi Layne (If Beale Street Could Talk) sowie Chiwetel Ejiofor – bekannte Gesichter also, die ähnlich den Eternals aus dem MCU so manche Geschicke lenken. The Old Guard handelt von Leben, Tod und dem Geschäft mit der Wunderheilung, es geht um Liebe und Vertrauen und der Unmöglichkeit, das Werte wie diese tatsächlich die Jahrhunderte überdauern können. Im folgenden Aufguss, wofür auch diesmal wieder Greg Rucka das Drehbuch lieferte und keiner weiß, warum auf diese Art, mag der von den USA gerne bediente niedere  Motivator der Rache das Feld dominieren. Uma Thurman, die sich nur zaghaft zurück ins Filmbiz bewegt, darf als erste Unsterbliche nichts aus ihrer langen Lebenszeit gelernt und wiedermal bewiesen haben, dass Erfahrung noch keinen weisen Menschen macht. Ihr Ego-Trip wird für alle zum Verhängnis, einstmalige Verräter werden wieder zu Verbündeten und eine lange verschollene Bekannte von Andromache, unfähig zur Aussprache, kocht ihr eigenes Süppchen. Stereotype Verhaltensweisen also in einem gedehnten Stück Fantasy-Action, in dem lange Rede kurzen Sinn ergibt.

Wie hätte man den Film nicht straffen können. Was wäre falsch daran gewesen, das Finale Grande der Storyline nicht auch noch in The Old Guard 2 zu packen? Man sieht, wie konstruiert und bemüht das Fragmentieren eines Filmes wirkt. Heruntergekürzt auf 104 Minuten, wären hier locker zweieinhalb Stunden drin gewesen, eine normale Länge heutzutage für einen hochbudgetierten Blockbuster. Weniger Leerlauf, mehr Spannung und das dramatische Ende obendrauf – fertig eine abgeschlossene Geschichte zur Befriedigung aller. Ein ganzer, kompakter Film, vielleicht nicht ganz perfekt, aber rund – und nicht so, als hätten andere absichtlich getrödelt, um das Zeitfenster zu verpassen. Den Trend der mutwilligen Dehnung sieht man schon bei 28 Years Later, der einem Rausschmiss des Publikums nach der Halbzeit gleichkommt. Erfüllend ist das nicht, und noch weniger, wenn keiner mehr einen Hehl daraus macht, aus keiner Notwendigkeit heraus einen Film zu stückeln, dessen Fortsetzung sowieso, wie bei Netflix üblich, ungewiss scheint. Schlimmstenfalls hätte man ein Fragment, das keiner braucht, eine Unsitte in der Filmbranche. Vom großen Kino ist man da weit entfernt.

The Old Guard 2 (2025)

Superman (2025)

DAS METAWESEN AUS DER NACHBARSCHAFT

7,5/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: JAMES GUNN

KAMERA: HENRY BRAHAM

CAST: DAVID CORENSWET, RACHEL BROSNAHAN, NICHOLAS HOULT, EDI GATHEGI, NATHAN FILLION, ISABELA MERCED, ANTHONY CARRIGAN, MARIA GABRIELA DE FARÍA, SKYLER GISONDO, SARA SAMPAIO, ZLATKO BURIČ, SEAN GUNN, BRADLEY COOPER, WENDELL PERCE U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Vorbei ist die opernhafte Schwermut von Kal-El, der in der Gestalt von Henry Cavill und unter der Regie von Zac Snyder durch ein verregnetes, dunkles Metropolis wandelte und es gar mit Batman in stählerner Rüstung aufnahm. Diese Art und Weise, das DC-Universum zu beleben, in allen Ehren. Ich gebe zu, wenn es nach mir gegangen wäre, hätte Snyder gerne dranbleiben können. Die Besetzung der ganzen Justice League ließ keine meiner Wünsche offen. Cavills Superman war zwar etwas eitel und gerne auch arrogant, aber glaubhaft, physisch sehr präsent und mitreißend. Wir brauchen über Wonder Woman gar nicht reden (Gal Gadot wird wohl nie besser werden), über Ben Affleck als Batman vielleicht schon, obwohl auch er einer war, der den Comicvorlagen, die vor Pathos generell nicht zurückschrecken, gerecht wurde. Doch bei DC hat sich die dystopische Interpretationsweise des Superman-Universums ausgelebt – schade drum.

Vom Pessimismus zum Optimismus

James Gunn sollte das Ruder übernehmen und die Capes aus dem Dreck ziehen. Alle wussten, wenn Gunn hier ansetzt, regnet es bunte Shows, die rotzfrech, locker und subversiv sein können. Nach seinem Super – Shut up, Crime!, einer herzallerliebsten, blutigen Grunge-Sause über Superhelden und solche, die es gerne wären, aber nicht sind, blieb der Visionär (ja, es ist einer) seinem Stil und seiner Tonalität immer treu. Auch seine Best Friends wie Michael Rooker, Nathan Fillion oder Brüderchen Sean Gunn sind auf irgendeine Art und Weise immer mit dabei, sie wissen schließlich, wie der Hase läuft. Mit den Guardians of the Galaxy erhielt das MCU einen Spin in Richtung Parodie, alles unterlegt mit launigen Songs aus der Evergreen-Schublade. Vielleicht manchmal zu gewollt, vielleicht ein bisschen zu konstruiert – doch das neidvolle DC dürfte da keine strengeren Vorgaben gemacht haben, ganz im Gegenteil, wenn man sich ansieht, was Gunn mit Superman gemacht hat. Der Waise vom Planeten Krypton ist hier nicht mehr und nicht weniger der nette Junge aus der Nachbarschaft, ein „Spidey“ mit Kräften, die man sich kaum vorstellen kann. Und der das Zeug dazu hätte, im Handumdrehen den ganzen Planeten Erde zu unterjochen. Wenn er denn gewollt hätte.

Doch Superman will nicht, er ist durch und durch Humanist, Menschenfreund und Helferlein. Sieht sich als Mensch unter Menschen und nutzt dabei seine außerordentlichen Skills, um weder die Dinge zu lenken oder es besser zu wissen, sondern um anderen, die Not leiden, unter die Arme zu greifen. Großgezogen in einfachen Verhältnissen an Land und mit Werten, die ein Zusammenleben garantieren, ist Kal-El längst zur Tagesordnung übergegangen. Niemand braucht schließlich nochmal eine Origin-Story, nochmal den ganzen Steckbrief von Smallville bis zum Daily Planet. Die Parameter sind gesetzt, Gunn geht davon aus, das wir das alles längst wissen – auch über Erzfeind Lex Luthor, den hier diesmal nach Jesse Eisenberg Nicholas Hoult gibt, als wandelndes Elon Musk-Mahnmal gegen Egomanie und Größenwahn. Dieser Luthor lässt sein Süppchen in Gunns Superman schon lange köcheln und spielt bereits mit den Dimensionen, was ein bisschen an Marvels Multiversum erinnert. Das Raum-Zeit-Gefummel bringt einige Kollateralschäden mit sich, darüber hinaus haben wir es hier mit einer geopolitischen Situation zu tun, die an den Ukrainekrieg erinnert, und einem an Putins Reich angelehnten Aggressor, der die Machtinteressen anderer hofiert. Trotz allem bleibt Gunn so sehr gelassen, dass diese Assoziation mit der Realität wohl kaum die Freude daran trübt, neben einem manchmal etwas zerstreut wirkenden Superman auch anderen kauzigen Metawesen (Mister Terrific, Green Lantern, Metamorpho: alle liebenswert) dabei zuzusehen, wie sie uns Normalsterblichen den Arsch retten. Das tun sie mit einer lausbübischen Leidenschaft für das Richtige, nehmen alles mit Ironie, aber nicht auf die leichte Schulter. Alles wird gut, lautet ihr militant optimistisches Credo.

Wie sympathisch ist der Kerl?

Diese neue Tonalität bringt Farbe und frischen Wind in das fast hundert Jahre alte Comicleben, dabei fehlt es weder an ordentlichen Desaster-Schauwerten noch an phantastischen Details. Superman will launige Science-Fiction-Komödie bleiben und Gunns bereits auf den Weg gebrachte Guilty Pleasures wie The Suicide Squad und Peacemaker mit in die neue Ära nehmen. Beide Formate gelten als Vorbilder für diesen nächsten Schritt, Superman die Gutmenschen-Fadesse vom Leib zu reißen und einen durchaus gemütlichen Idealisten zum Vorschein zu bringen, der oft nicht weiß, wie ihm geschieht und durch David Corenswets erfrischend unprätentiöse Natürlichkeit eine Sympathie ausstrahlt, dass man ihn und die Figur, die er spielt, nur ungern wieder ziehen lassen will. Schließlich ist das Gunns Spezialität: Charaktere zu entwerfen, die nicht perfekt sind, die sich selbst im Weg stehen, die sich zusammenraufen müssen und nicht immer willens sind, für andere in die Presche zu springen. Das macht sie aber greifbar, und dadurch nimmt Superman so gut wie jede Hürde, die bei einem Reboot wie diesen notgedrungen aufpoppen.

Mag sein, dass der Plot selbst, in den man hineingeworfen wird wie in kaltes Wasser (kein Fehler!) erst erwachsen werden muss, die Skills und Features liegen aber griffbereit und weisen den Weg in ein hoffentlich lang anhaltendes, konstantes DC-Universum, in dem man sich irgendwann wohl die größte Frage stellen muss: Wie passt der düstere Batman in das alles hinein? Pattinson kann es kaum sein, denn stilistisch sind das von Matt Reeves geschaffene Universum und das von Gunn viel zu konträr, um eine Synergie zu bilden. Das aber ist eine andere Geschichte, und wir kehren nochmal zurück in Kal-Els antarktisches Domozil, um mit ihm alle Viere gerade sein zu lassen, während Iggy Popp aus dem Äther tönt. Die Vibes holen mich ab. Noch passt alles zusammen.

Superman (2025)

Der Meister und Margarita (2024)

GESTATTEN, MEPHISTOPHELES!
ODER: IN MOSKAU TUT SICH DIE HÖLLE AUF


EIN GASTKOMMENTAR VON MARLON SCHUHFLECK


© 2024 capelight pictures

LAND / JAHR: RUSSLAND 2024

REGIE: MICHAEL LOCKSHIN

DREHBUCH: MICHAEL LOCKSHIN, ROMAN KANTOR, NACH DEM ROMAN VON MICHAIL BULGAKOW

CAST: AUGUST DIEHL, JEWGENI ZYGANOW, JULIJA SNIGIR, CLAES BANG, JURI KOLOKOLNIKOW, ALEXEI ROSIN, POLINA AUG, JURI BORISSOW U. A.

LÄNGE: 2 STD 37 MIN


Liebe auf den ersten Blick ist eine Metapher für eine Geschichte. Zugegeben, eine zauberhafte. Aber wehe, man findet sich in dieser Geschichte wieder, in dieser phänomenal empfundenen Liebe, dann holt sie einen zwangsläufig ein, die umgebende Welt! Und fordert paradoxerweise, diese Realität sprengende Erfahrung in den allzu alltäglichen Alltag einzuordnen. Es ist nun mal ein narrativ anthroplogisches Gesetz, dass keine Geschichte, kein Leben für sich allein lebt, sondern sich zwangsläufig mit anderen verflechtet. Da mag man sich wie Der Meister und Margarita noch so sehr in die Zweisamkeit eines abgeschiedenen Kellers flüchten. Romantik trifft auf ethische, ökonomische, sozio-kulturelle Hürden und was das Leben sonst noch so alles bereithalten mag. Und dann wird aus Liebe auf den ersten Blick schnell eine ganz andere Geschichte. Unter Umständen eine äußerste tückische. Aus dieser Not gilt es, eine Tugend zu machen. Und sei es die Tugend der poetischen Gerechtigkeit, die den narrativen Fluchtpunkt von Der Meister und Margarita bildet. Einer fulminanten Geschichte, in der der Teufel ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat.

Die Handlung von Der Meister und Margarita ist schnell erzählt. Und doch auch nicht. Zum einen ist da der Meister: ein erfolgloser Schriftsteller, der mit restriktiven UDSSR-Maßnahmen zu kämpfen hat. Und da ist Margarita, die unglücklich verheiratet ist, des Lebens müde. Und dann? Tja, man trifft sich, man verliebt sich. Und alles ist anders, alles ist gleich. Man ist perspektivenlos vereint; wunschlos (un)glücklich, zumindest zu zweit. Aber so wuchtig wie das sehnsüchtig herbei ersehnte Meer, so brandet auch die Emotion am harten Felsen der Realität auf. Was liegt also näher, als sich in die schützende Fiktion zu flüchten? Und sei es eine brennende. Man schlage das Buch auf und begebe sich hinab in die wuchernden Windungen sich kreuzender Geschichten, in denen sich von Pontius zu Pilatus, von Behemoth (Fauch!) bis zum Teufel eine Entourage wunderbar illustrer Persönlichkeiten ein Stelldichein geben. In Der Meister und Margarita betreten wir eine Welt der Phantastik, in der zwar andere Gesetze herrschen, die als Spiegelung jedoch stets ein Licht auf die wirkliche Welt wirft. Ob dieses Licht entlarvender, verklärender oder blendender Natur ist, obliegt der Perspektive des Betrachters.

In seinem erzählerischen Mahlstrom fühlt sich der Film wie ein karnevaleskes Theater an, eine narrative Ballnacht, in dem die schillernde Figuren – entliehen aus einem Jahrtausende alten Fundus und/oder der Wirklichkeit – ihre Kreise ziehen. Figuren, die sich stets wandeln und verschleiern, sich neu erfinden, erfunden werden. Historische Kulissen treffen auf wahrhaften Wahnsinn; Kostümierung und Maskerade auf nackte Tatsachen. Vorsicht, es gilt, die Übersicht zu bewahren: denn der Teufel steckt im Detail. But who cares? Es ist doch nur Fiktion, nicht wahr?, und deshalb umso wahrer. Es wird imaginiert und fabuliert, es wird geschrieben, uMgeschrieben, geschrieben, uNgeschrieben … bis sich die Fiktion in der Wirklichkeit manifestiert, oder umgekehrt. Als ob das einen Unterschied macht. Letztlich bleibt es eine Frage der Geschichte(n). Und Geschichte wird in Der Meister und Margarita erzählt. Eine MEISTERhafte Geschichte des Geschichtenerzählens – in Bildern, in Musik, in Literatur. Wie diese Geschichte ausgeht, ob gut oder schlecht, möge man selbst entscheiden. Unterhaltsam ist sie allemal. Und eine Liebesgeschichte sowieso.

Marlon Schuhfleck, alles.text@gmail.com

Der Meister und Margarita (2024)

The Black Hole (2024)

EXKURS IN DIE BALTISCHE TWILIGHT ZONE

8/10


© 2024 Amrion


ORIGINALTITEL: MUST AUK

LAND / JAHR: ESTLAND, FINNLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MOONIKA SIIMETS

CAST: URSEL TILK, LINNA TENNOSAAR, REA LEST, DORIS TISLAR, ANNE REEMANN, EVA KOLDITS, KRISTO VIIDING, JEKATERINA LINNAMÄE, LAINE MÄGI, HANNU-PEKKA BJÖRKMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Erst kürzlich wurde bestätigt, dass in 124 Lichtjahren Entfernung der Planet K2-18b konkrete Anzeichen von Leben birgt. Ihn dafür als einen Ort zu betrachten, um auszusteigen, neu anzufangen und ein besseres Leben zu führen, mag noch etwas verfrüht sein. Vielleicht aber liegt das späte Lebensglück ja im Andromeda-Nebel. Obwohl deutlich weiter weg als K2-18b, wäre diese Vorstellung noch realistischer. Warum? Weil nicht wir dorthin müssen, sondern weil jene, die dort leben, zu uns kommen. Mag ja sein, dass sich dafür eine Mitfahrgelegenheit ergibt, ganz so wie beim jungen Peter Quill, dem späteren Star Lord der Guardians of the Galaxy. Doch von Marvel ist der kuriose Episodenfilm The Black Hole dann doch weiter entfernt als gedacht. Hier kommen ausnahmsweise mal nicht die Amerikaner in den Genuss einer Begegnung der dritten Art, sondern ganz normale Leute aus dem schönen Estland.

Ehrlich gesagt: Wie oft hat unsereins schon einen estnischen Film gesehen? Die Anzahl dieser Produktionen lässt sich an einer halben Hand erfassen. Doch was sich rar macht, kann, wenn es entdeckt wird, ungeahnt gut werden. Ausfindig machen lässt sich The Black Hole im Rahmen des frühlingshaften Slash ½ Filmfestivals, einer dreitägigen Vergnügungsreise in die Tiefen des fantastischen Genres, zu welchem auch Perlen aus dem Festival Crossing Europe, das jährlich in Linz abgehalten wird, dazustoßen können. The Black Hole ist so eine, und Regisseurin Moonika Siimets lässt dabei scheinbar verlorene Seelen des tristen estnischen Alltags dem Übernatürlichen, Paranormalen, Fremdartigen begegnen, wovon aber am Absonderlichsten gar nicht mal das Auftauchen tentakelbewährter, schleimiger Intelligenzbestien im wahrsten Sinne des Wortes ist, sondern vielleicht ein in krachlederne Tracht gezwängter Ur-Österreicher, der den Staubsauger des Jahrtausends an die nichtsahnende Mama bringen will, die daheim ihren introvertierten Sohn verköstigt, der wiederum eine sinnliche Femme fatale vergöttert, die ihr eigenes Süppchen kocht.

Derlei Dinge passieren, und auch die beiden reiferen Damen, die sich, so wie alle anderen hier auch, einfach nur danach sehnen, gebraucht zu werden, willigen gar ein, sich physikalisch scheinbar unmöglicher Experimenten zu unterziehen, die den Aliens hoffentlich die richtigen Erkenntnisse zur Spezies Homo sapiens bringen. Siimets bedient sich dabei den literarischen Vorlagen aus der Kurzgeschichtensammlung von Armin Kõomägi and Andrus Kivirähk. Ihr Film vermengt dabei drei dieser Stories miteinander, die jeweils inhaltlich aber nur wenig miteinander zu tun haben, dafür aber auf kluge Weise von einer Erzählung zur anderen überleiten – das muss auch chronologisch gar nicht akkurat sein, und genau durch diese zeitliche Aufhebung bekommt The Black Hole noch einen zusätzlichen dramaturgischen Drall, der dieses Filmerlebnis zu etwas Besonderem macht. Diese Wertschätzung erlangt die baltische Twilight Zone aber ganz alleine durch einen ungehemmt skurrilen, lakonischen Humor, der finnische Urstände feiert – gerade als Österreicher muss man sich mehrmals auf die gar nicht ledernen Schenkel klopfen, wenn das eigene Land so karikiert wird. Zwischen diesem schrägen Irrsinn gibt es aber immer wieder zarte Nuancen von Sehnsucht, Liebe und dem angenehm warmen Gefühl der Zugehörigkeit, und obwohl The Black Hole auch seine düsteren, gewalttätigen Seiten hat – die makabre Komik im Stile alter Jack Arnold-Filme, schmerzfreier Body-Horror, Portalreisende und kuschelige Arachniden, die nur begrenzt Spinnenangst hervorrufen, sind auf liebevolle, herzblutende Weise mit- und untereinander arrangiert.

Im Subtext lässt sich herauslesen, wie sehr Siimets ihre Gestalten gar nicht mehr so gerne in eine ungewisse Zukunft entlassen will, doch auch hier muss irgendwann Schluss sein, wie bei jedem kinematographischen Werk. Und The Black Hole weiß genau, wo das urbane Märchen sein Ende findet, und das nicht, ohne überall eine durch und durch und betont feministische Zuversicht zu streuen. Die Welt scheint nur darauf zu warten, dass das Paranormale über sie hereinbricht. Und wenn es nur ein Apfelkuchen ist, der den Andromeda-Nebel ein bisschen näher heranrücken lässt.

The Black Hole (2024)