Walhalla – Die Legende von Thor

MYTHEN IM BAUMARKT

5/10

 

walhalla© 2019 Koch Films

 

LAND: DÄNEMARK, NORWEGEN, SCHWEDEN, ISLAND 2019

REGIE: FENAR AHMAD

CAST: ROLAND MØLLER, DULFI AL-JABOURI, CECILIA LOFFREDO, SAXO MOLTKE-LETH, STINE FISCHER CHRISTENSEN U. A. 

 

Wo der Hammer hängt, weiß einzig und allein der, dem wir unbewusst allwöchentlich gedenken, und zwar immer Donnerstags: Thor, der Sohn Odins und der Gott des akustischen Gewitters, der nichts ist ohne seinen Hammer, damit aber ein harter Brocken unter den Ewiglebenden, obwohl sich selbst Thor in dieser sehr erdverbundenen Mär rund um alte Wikingermythen den einen oder anderen Schiefer einzieht. Da hilft kein tätowierter Bizeps, da hilft kein Utensil aus dem transzendenten Werkzeugkasten. Da hilft vielleicht nur ein junges Mädchen, das der Versuchung nicht widerstehen kann, Asgard einen Besuch abzustatten. Aber wie kommts? Wie kommt ein Menschenkind in die Hallen der Götter? Dafür müssen Thor und sein Bruder Loki (ganz anders als Tom Hiddelston, aber auch ganz nett angelegt) erstmal einen Stopover an einem skandinavischen Bauernhof einlegen, und Loki daselbst kann es naturgegeben nicht lassen, die Menschleins mit seinen Intrigen zu manipulieren. Natürlich haben die dann den Salat: die Zugziegen Thors können nicht mehr weiter, der Hammergott zürnt und lässt sich maximal damit zufriedenstellen, den Bauerssohn als Wiedergutmachung mitzunehmen – als Mundschenk oder ähnliches, Verwendung wird sich schon finden. Schwesterchen Røskva, von Natur aus neugierig, will ebenfalls mit – und schummelt sich auf Thors Karren. Die armen Eltern, die plötzlich kinderlos dastehen. Aber was solls, ist doch alles Bestimmung – das Mädel wird noch wichtig werden, wenns darum geht, den wildgewordenen Fenriswolf (wir erinnern uns an Thor: Tag der Entscheidung) wieder einzufangen und die Riesen aus Udgard, die nicht viel größer sind als der Rest der Bewohner jenseits des Bifröst, an die Kandare zu nehmen.

Dänische Fantasy, wie sie stets gerne sein möchte: erdig, düster, unprätentiös und ein wenig mit der phantastisch-literarischen Welt einer Astrid Lindgren kokettierend. Die Erdlinge, so wild und zerzaust wie seinerseits Ronja Räubertochter. Die nordischen Gottheiten: Roland Møller (u. a. Unter dem Sand) als Thor wurde auf Werkeinstellung runtergefahren – ein bärbeißiger Handwerker im Vikings-Stil. Loki birgt Geheimnisse unter seiner Kapuze und Odin erinnert an so manch zauseligen Eremiten aus den Monty Python-Filmen. Ob die unfreiwillige Komik hier deplatziert ist, müssen wir den Regisseur Fenar Ahmad fragen, der unter anderem Darkland inszeniert hat. Überhaupt könnte die Darstellung von Asgard jeden Altwikinger ansatzweise vor den Kopf stoßen, so hinterwäldlerisch kommt das von allen Kriegern so angestrebte Walhalla daher. Ja, schöne Landschaften sind das allemal, aber die gibts in Midgard auch. Und wo die Menschenkinder ausharren müssen, da ist der nächste Heuschober nicht weit. Udgard hingegen gebiert Finsterlinge, die an die Schergen des Immortan Joe aus Mad Max: Fury Road erinnern. Alles in allem ganz schön ein Griff in das Säckchen Torfmull, das gerade mal zur Hand war.

Der lederwamsige Reigen mag ja optisch im Laufe des Abenteuers durchaus gefallen, im Gegensatz zu Marvels funkelndem Asgard hat diese Adresse hier schon bessere Zeiten erlebt. Die Story allerdings auch. Mag ja sein, dass Walhalla von allen Seiten bedrängt wird – doch das Konzept einer auserwählten Minderjährigen ist nichts, was hinter dem Opfertisch für die Asen hervorholt. Vorhersehbar wie schon lange nicht wechseln wir von einem zu überwindenden Level zum nächsten, wohlwissend, wie es enden wird. Das ist recht lieblos zusammenmontiert, birgt relativ wenig Magie und weckt, je mehr das Ende naht, immer weniger Interesse. Zu gewollt anders als Marvel, das Ganze. Zu wenig mythisch, da hilft der ganze Nebel nichts.

Walhalla – Die Legende von Thor

Die Weite der Nacht

I WANT TO BELIEVE

7/10

 

vastofnight© 2019 Amazon.com Inc.

 

ORIGINALTITEL: THE VAST OF NIGHT

LAND: USA 2018

REGIE: ANDREW PATTERSON

CAST: SIERRA MCCORMICK, JAKE HOROWITZ, BRUCE DAVIS, GAIL CRONAUER U. A. 

 

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, da waren sich Scully und Mulder ziemlich sicher. Nur: die Wahrheit lag schon da draußen, da waren die beiden selbst noch Sternenstaub. Selbige fand ihre Spielwiese in New Mexiko, genauer gesagt in Roswell, als dort angeblich ein extraterrestrisches Vehikel samt Insassen geborgen wurde, was aber mittlerweile von vielen Seiten dementiert wird. Verschwörungsgurus wollen das gar nicht hören. Aber he! Langsam wird es Zeit, sich wieder mal anderen Fakten zuzuwenden, weg von entfesselten Virengewalten aus dem Versuchslabor. Weg von Chemtrail und Flat Earth-Ideen. Vielleicht wieder mehr herumstöbern in den UFO-Annalen? Das tut weniger weh, vor allem auch, weil man dort mehr fabulieren kann.

Erst heute morgen habe ich einen Artikel gelesen über die statistische Wahrscheinlichkeit außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis. Nun, es müssten rund 35 solcher Fälle geben, parallel zu unserem Fall inklusive Schwankungsbreiten von mehreren Milliarden Jahren. Wenn es sie statistisch gäbe, dann wären wir von der nächsten viel zu weit entfernt, um die Post vom anderen Ende noch zu erwarten. Dennoch, und weil sich die im Flüsterton vorgebrachte Idee an geheimnisvollen lauen Sommerabenden bestens eignet – könnten die Fremden schon längst angeklopft haben. Vielleicht in den 50er Jahren, als Radio und Funk der Hochgenuss des Entertainments waren. Wo Tonbandgeräte für Verblüffung sorgten. Und wo Kleinstädte in New Mexiko prädestiniert dafür waren, das Mysteriöse anzuziehen.

The Vast of Night, oder – in der Übersetzung – Die Weite der Nacht (eine Formulierung aus Shakespeares Der Sturm) ist ein seltsam mysteriöses, kleines Phänomen und eine in sich fremdartig grummelnde Hommage an Orson Welles Radioperformance zu H. G. Wells Klassiker Krieg der Welten, womit er 1938 ganz Amerika zum Narren hielt. Regisseur Andrew Patterson hat sich sein Regiedebüt komplett eigenfinanziert. Eine Liebhaberei, das sieht man. Aus so Liebhabereien entstehen Innovationen, entstehen Experimente für neue Ansätze, um filmische Geschichten zu erzählen. Aber zugegeben: Aller Anfang ist nicht leicht. Die Weite der Nacht pflanzt uns Zuseher vor den Eingang einer kleinstädtischen High School (Buffy lässt grüßen) und hängt die ersten 20 Minuten an den Lippen der beiden Protagonisten Everett und Fay. Die quasseln ungebremst über Leute, die wir nicht kennen, über das Triezen anderer Mitschüler und das bevorstehende Basketball-Spiel in der Turnhalle. Später schlendern sie durch die laue Sommernacht und palavern über die Zukunft der Technik, über die absurde Vorstellung, in 50 Jahren vielleicht auf kleinen Hosentaschenbildschirmen mit anderen zu kommunizieren. Oder dass eine Stimme im Auto die Fahrtrichtung vorgibt. Begeisterte Technik-Nerds, das sind sie beide, er ein Moderator im Radio, sie im Nachtdienst an der Telefonvermittlung. Kurze Zeit später aber passiert das Rätselhafte: Seltsame Funkgeräusche werden wahrgenommen, Zeugen melden sich über Telefon, indem sie offenbaren, mehr über diesen Sound zu wissen als ihnen lieb ist. Und schon ist die Stimmung perfekt, der Zuschauer gefesselt, das große, verändernde Ereignis vielleicht kurz davor einzutreten?

Was Spielberg mit seiner Unheimlichen Begegnung der dritten Art mit viel Licht und Bühnenshow formuliert hat, lässt Die Weite der Nacht in einer bedeutungsschweren Spärlichkeit aus Licht und grobkörniger Kamera, ausgewaschenen Postkarten-Kolorit von damals und knackenden Geräuschkulissen eine ganz andere Gestalt annehmen. David Lynch gelang es meist, in der Abwesenheit von etwas oder einfach nur mit der Dunkelheit selbst enormes Unwohlsein zu erzeugen – Patterson gelingt ähnliches, lässt seine entfesselte Kamera auf Kniehöhe über die leeren finsteren Straßen ziehen, dann wieder folgt Schnitt auf Schnitt, dann wieder ein Blackout und die Mysterytour wird zum Hörspiel. Der Score selbst verbucht durch seinen unberechenbaren Mix aus Sound und Instrumenten eine ganze Metaebene für sich, entwickelt aber gemeinsam mit der enorm dialoglastigen Tendenz zum Kammerspiel a la The Guilty eine atmosphärische Erstaunlichkeit, obwohl oder gar weil dem Independent-Streifen einer dieser üblichen, manchmal aber sowieso eher aufgesetzten Story-Twists fehlt. Den schüttelt Die Weite der Nacht nämlich nicht aus dem Ärmel, das kommende Geschehen ist prinzipiell mal einzuschätzen, obwohl ich auf den Richtungswechsel in der Storyline bis zuletzt gewettet hätte. Man sieht aber wieder, dass mit dem semidokumentarischen Kniff eines Pseudo-Reports und dem magischen Retro-Charme einer Twilight-Zone-Episode aus flirrenden Schwarzweiß-Fernsehröhren Erdachtes einnehmend authentisch wirken kann. Man braucht nicht viel zu sehen, nur in seinem Mix alles zu empfinden, was für eine alternative Wahrheit sprechen kann. Und das prickelt, während das rationale Denken zugunsten jugendlicher Fantasien gerne eine Pause macht.

Die Weite der Nacht

Gundala

MISTER BLITZABLEITER

5,5/10

 

gundala© 2019 Koch Media

 

LAND: INDONESIEN 2019

REGIE: JOKO ANWAR

CAST: ABIMANA ARYASTYA. TARA BASRO, ARIO BAYU, BRONT PALARAE, LUKMAN SARDI U. A.

 

Was das Entertainment im Westen so hervorbringt, scheint Indonesien zu gefallen. Am liebsten Marke Event – bunt und laut und wohlgefällig. Was eignet sich da nicht besser als Hollywoods Comic-Universen? Superhelden gehen immer. Aber müssen es wirklich immer nur die Avengers oder die Justice League sein? Gibt’s da nicht auch noch andere Helden? Nicht zwingend aus der zweiten Reihe, aber aus einer ganz anderen Hemisphäre. Siehe da, Indonesien hat sowas auch (wer hat die eigentlich nicht – ich warte eigentlich schon auf Österreichs Verfilmung von ASH). Erschaffen wurde einer dieser Charaktere vor wirklich schon langer Zeit, und zwar Ende der 60er Jahre, von einem Autor namens Harya „Hasmi“ Suraminata: Gundala. So heißt der gute Mann, und der hat fast schon eine ähnliche schicksalhafte Kindheit wie unser wohlbekannter Batman. Gundala also muss zusehen, wie sein Papa stirbt und wird dann auch noch von Mama alleingelassen. Den Reichtum eines Bruce Wayne hat der Knabe freilich nicht, also läuft er weg, irgendwo hin, und sieht dabei zu, dass er nicht in ein Gewitter kommt, was in der Regenzeit in Jakarta des Öfteren mal passiert. Die Blitze nämlich, die scheinen es auf den Kleinen abgesehen zu haben.

Dieses Jakarta, das ist wie Gotham City. Es herrscht Unfrieden zwischen dem Proletariat und den Arbeitgebern, Menschen- und Arbeitsrechte sind Mangelware, das Volk protestiert, wo’s nur geht. Irgendwo in diesem Moloch treibt so mancher zu Unrecht entstellter Antagonist sein Unwesen, mit sämtlichen anderen Finsterlingen im Schlepptau. Es folgt – wie kann es anders sein – für Gundala die große Stunde der Erkenntnis, für etwas ganz anderes bestimmt worden zu sein als nur für ein normales Leben, das geprägt ist von Wunschträumen nach der Heimkehr seiner Mutter.

Natürlich hat Gundala später auch sein eigenes Outfit, das ein bisschen aussieht wie das von Wolverine aus den Comics und Deadpool zusammen. Ein Superheld braucht sowas, und er braucht auch übermenschliche Kräfte, um den Bösen ordentlich den Hintern zu versohlen. Joko Anwar beginnt sein Origin-Movie nebst ordentlich Dramatik mit beeindruckenden Bildern, die manchmal an David Finchers grünstichig-verregnete Optik erinnern. Technisch gesehen gibts da wirklich nichts auszusetzen, Effekte und alles andere sind State of the Art, da müsste Hollywood anerkennend nicken. Aber wie das bei Origin-Stories eben mal so ist, kann auch Indonesien nicht anders, als im Grunde die immer gleiche Geschichte zu erzählen. Vom gekränkten Finsterling und vom selbstlosen Volksvertreter. Vor allem im Mittelteil hat Gundala schön fotografierte, aber satte Längen, die dem Genre der Comicverfilmung nicht viel Neues abgewinnen.

Die südostasiatische Antwort auf Marvel und Co ist nicht volltönend, aber grundsolide, durchaus sympathisch und für ein bereits verwöhntes Publikum gefällig genug, um seine Fans zu finden. Selbst den Teaser für eine mögliche Fortsetzung kann sich das Heldenkino Indonesiens nicht verkneifen. Die Comics um Gundala und Co wird man hierzulande aber vergeblich suchen – es sei denn, dieses DVD-Release entwickelt sich zu einem erfolgreichen Selbstläufer, was ich dann aufgrund des bereits gesättigten Marktes aber kaum glauben kann.

Gundala

Midnight Special

WENN KINDERAUGEN LEUCHTEN

7/10

 

midnightspecial© 2016 Warner Bros GmbH

 

LAND: USA 2016

REGIE: JEFF NICHOLS

CAST: MICHAEL SHANNON, JOEL EDGERTON, KIRSTEN DUNST, JAEDEN MARTELL, ADAM DRIVER, SAM SHEPARD U. A. 

 

Was der Mensch nicht kennt, fürchtet er. Solange unklar bleibt, worum es sich handelt, muss das Fremde eine Bedrohung sein und mit Vorsicht zu genießen. Am Besten im Schutzanzug, wie in Steven Spielbergs E.T.. Sobald bekannt war, dass ein fremdartiger Gnom auf Erden wandelt, waren alle hinter ihm her. Aber es muss nicht mal ein fremdartiger Gnom sein, einer im Watschelgang und mit leuchtenden Fingern, die heilen können. Es reicht auch, wenn das Medium ein auf den ersten Blick ganz normaler Junge ist, der jedoch nicht weniger Lichtspiele auf Lager hat wie der Außerirdische im Fahrradkorb. Dieser achtjährige Alton kann so manches. Und eigentlich zu viel, findet die Staatssicherheit und der gesamte Geheimdienst. Radio- und Funkwellen jedweder Frequenz und jedweder Sprache sind für den Kleinen ein offenes Buch. Und Vorahnung ist sein zweiter Vorname. Was stimmt nur nicht mit diesem Kind, mit diesem Sonderling und Freak, der eine Vorliebe für Heldencomics hat und das Sonnenlicht nicht ertragen kann?

Ein Messias der Neuzeit ist dieser Alton jedenfalls keiner. Auch wenn eine Provinzsekte das gerne behaupten würde. So kann’s gehen, wenn humanphysikalische Anomalien inmitten einer halb aufgeklärten Gesellschaft Wurzeln schlagen. Dann hat man schnell ein gottgleiches Wesen, das viel mehr weiß als der Normalsterbliche. War das mit Jesus von Nazareth ähnlich? Überlegungen dazu verteilt Regisseur Jeff Nichols nur unter der Hand, als gut versteckte Metaebene für Sozialphilosophen mit Hang zu Querverweisen durch die Geschichte menschlicher Irrungen. Was der Mensch also nicht kennt, fürchtet er? Auch das ist die halbe Wahrheit. Oder er betet ihn an. Oder: er will das Unbekannte gefügig machen. Die Gedanken in Midnight Special reichen viel weiter als bei E.T., obwohl der Klassiker aus den 80ern mit den unendlichen Weiten kokettiert. Midnight Special tut das erstmal nicht, obwohl die Vermutung nahe liegt, dass das verwunschene Kind nicht von dieser Welt ist. Jeff Nichols erklärt anfangs überhaupt nicht viel. Er wirft den Zuseher in den Status Quo während einer Flucht – wovor eigentlich? Erst langsam setzen sich die Fragmente zusammen, die ungeklärten Verhältnisse machen das ganze ohnehin düstere Szenario noch mysteriöser. Als würde man Gespräche anderer belauschen, die etwas Traumatisches erlebt haben. Als wäre man lediglich ein zu spät dazugekommener Zeuge eines bizarren Unfalls, der Zeit und Raum außer Kraft gesetzt hat. Wer die amazon-serie Tales from the Loop gesehen hat, wird ungefähr wissen, was ich meine. Die nach Motiven der Bilder von Simon Stålenhag inszenierte Science-Fiction-Meditation kreist genauso um Unerklärliches wie Midnight Special. Weder Gut noch Böse ist am Werk, nur die panische Überforderung von Menschen, die das, was sie erleben, ihrem erlernten Weltbild nicht unterordnen können. Dennoch macht Nichols daraus einen nachttrunkenen Thriller, in den das gleißende Licht einer unheimlichen Begegnung der dritten Art bricht.

Mehr sei darüber nicht zu sagen, der Rest ist Suspense zwischen Beschützerinstinkt und staatlich verordneter Neugier, die den Hang hat, das Rätselhafte zu brechen. Nach einigen Twists und spielberg´scher Sphärenkonjugationen ist Jeff Nichols Essay, die Freiheit für das Rätselhafte in unserer Welt über unsere Bedürfnisse zu stellen, ein unprätentiöses Noir-Vexierspiel mit verspielten, klassisch-futuristischen Ansätzen, sonst aber von einer aufgeräumten, vielleicht zu strengen Ernsthaftigkeit, die einer kindlichen Betrachtung für das Unerklärliche nicht ganz so viel abgewinnen kann – was fast ein bisschen schade ist.

Midnight Special

Monstrum

WHO LET THE DOG OUT?

5,5/10

 

monstrum© 2018 Koch Films

 

LAND: SÜDKOREA 2018

REGIE: HUH JONG-HO

CAST: PARK SUNG-WOONG, MYUNG-MIN KIM, KIM IN-KWON, WOO-SIK CHOI U. A. 

 

Bong Joon-Ho ist nicht der einzige Südkoreaner, der im Kino seine Monster versteckt. Mit The Host hatte er ein selbiges auf sein gleichsam verblüfftes wie begeistertes Publikum losgelassen, später wurden die Monster dann zu ganz normalen Menschen. Gegenwärtig scheinen Monster ins Reich der Legenden befohlen worden zu sein, wo sie in Monstrum auch hingehören. Kein wirklich ausgefallener Titel für einen Film, der von einem Monster erzählt, aber dafür macht er auch keine leeren Versprechungen. Dieser nationale Blockbuster, der einen Monat nach seiner Premiere im Kino bereits online zu streamen war, dreht die Uhr um einige Jahrhunderte zurück – wir befinden uns im Mittelalter nämlichen Landes, genauer gesagt im Jahr 1527 zur Zeit der Joseon-Dynastie. Und wie es zu diesen Zeiten oft der Fall war, wüten gerade irgendwelche Epidemien, schlimmstenfalls die Pest. Die suhlt sich also am Ende der Befehlskette, und könnte auch irgendetwas mit seltsamen Begebenheiten aus der montanen Wildnis zu tun haben. Ein Monster, so sagt man, geht um. Und der Kaiser befiehlt, einen Trupp loszuschicken, seine besten Krieger und auch noch solche, die früher mal gedient haben und in Ungnade gefallen sind. Persona non grata hin oder her, manche können einfach gut kämpfen, und wieso sollte man sie nicht wieder rekrutieren. Für ein blutrünstiges Ungeheuer reicht es allemal.

Interessanterweise wurde der Film durch einen Eintrag in den Annalen nämlicher Dynastie inspiriert – kann also sein, dass Sichtungen unbekannter Tierarten die Fantasie der Leute beflügelten. Von nichts kommt natürlich nichts, und wir haben es hier mit diesem Ungetüm auch mit einem – vorrangig bei Touristen oder Asia-Kennern – alten Bekannten zu tun. Doch nein, es ist nicht Godzilla, keines dieser Kaijus. Ihr kennt doch sicher alle diese drachenähnlichen Tempelhunde, die als steinerne, hölzerne oder aus Porzellan gefertigte Wächter sämtliche Portale asiatischer Heiligtümer flankieren. Richtig, das sind sogenannte Haitais, in China nennt man die Xiezhi. Endlich hat solch ein kultiger Geselle auch seinen eigenen Film bekommen, und er darf wüten und brüllen und Menschen zerreißen und was weiß der Teufel was sonst noch alles. Ein gepflegter, groschenromanartiger Fantasyfilm ist das geworden, jedenfalls feine Ausstattung, tolle Gewandungen und gut getrickst. Intrigen gibt’s auch, wie immer am Hof der Mächtigen. Ist nun mal so ein Monster da, kann es natürlich auch für sinistere Zwecke missbraucht werden, denn der Tempelhund per se ist ja prinzipiell nicht vorsätzlich bösartig. Vielleicht krank, vielleicht einsam… näheres wird man herausfinden.

Insgesamt aber bietet Monstrum kaum etwas Neues, außer Haitai eben. Weder ist das Abenteuer sonderlich spannend, noch hat es das gewisse Etwas. Pro- und Antagonisten sind austauschbare Stereotypen aus einem Genre vom Fließband. Aber immerhin: wer statt auf Mantel- und Degenfilme auf lederne Schuppenpanzer- und Schwerterfilme steht, kann darin sein Glück finden. Und bevor Monster-Nerds alle Monster ausgehen, wäre der Streifen auch für sie ein gefundenes Fressen.

Monstrum

Underwater – Es ist erwacht

BLAUE WUNDER DER TIEFE

6/10

 

underwater© 2020 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: WILLIAM EUBANK

CAST: KRISTEN STEWART, VINCENT CASSEL, T.J. MILLER, JOHN GALLAGHER JR., JESSICA HENWICK U. A. 

 

Und wieder könnten wir das Zitat von Friedrich Nietzsche bemühen: Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Der wirtschaftlich orientierte Mensch will es einfach wissen, er bohrt und bohrt, und gräbt und gräbt, und stößt irgendwann auf etwas, das sich lieber in Ruhe und Frieden auf die Sandbank geknotzt hätte. In James Camerons Abyss waren es zum Beispiel extraterrestrische Kolonisten, die da ganz tief unten einen auf Zwergstaat machten. In Guillermo del Toros Pacific Rim hat sich der monströse Gigantismus durch die Erdspalten gezwängt, um ganze Städte zu Schutt und Asche zu legen. Ich erinnere mich auch gerne an diese submarinen Horrorszenarien wie Deep Star Six, natürlich alles Trittbrettfahrer zur erfolgreichen Alien-Reihe mit ihrem so simplen wie genialen Konzept „Haushoch überlegenes Monster gegen einen Haufen Amateure“. Wenn dann der Fachidiot über sich hinauswächst und zum Survivalexperten wird, dann ist das schon packend. Und die Tiefsee, wie wir wissen, ist einfach nur ein anderer Kosmos, funktioniert also genauso wie die unendlichen Weiten. Warum dann also in die Ferne schweifen – das Unbekannte lauert in der Tiefe, und gerne kann dies auch mit dem eigenen Unterbewusstsein interpretiert werden.

Was haben wir also? Natürlich die tiefste aller Erdspalten – den Marianengraben. Der Mensch bohrt hier also nach Rohstoffen und hat dafür eine ganze Stadt versenkt. Mittendrin in diesem Gewusel: Ex-Bella Kristen Stewart als Ingenieurin im wasserstoffblonden Kurzhaarschnitt, den sie mit Jean Seberg zum dritten Mal wiederverwerten wird (steht ihr aber verdammt gut, wie ich finde). Sie putzt sich gerade die Zähne, als der ganze Kobel in die Luft fliegt. Underwater lässt sich maximal zwei, drei Minuten Zeit, dann brescht der Film mit Volldampf voraus. Es kracht, splittert und plätschert. Und es kracht, splittert und plätschert auch die nächsten neunzig Minuten. William Eubank ist mit diesem Quick and Dirty-Reißer sowieso in seinem Element. Der Mann liebt Science-Fiction und das Kreatürliche, das Isolationsdrama des Menschen und die Überraschung. Mit Love hat er eine Major-Tom-Figur mit der Einsamkeit des Alls konfrontiert, und mit The Signal, einer kafkaesken Alien-Mystery, seine Genialität für das Verstörende bewiesen. Underwater ist sein simpelster Film, sein verspätetes Gesellenstück, grob behauen, aber das Talent ist erkennbar. Doch auch hier: High-Tech als humaner Fremdkörper, die stets versagt, und die Ohnmacht gegenüber unberechenbaren Kräften. Der Plot ist vom Alien-Pannenstreifen aufgesammelt. Dort, wo Pacific Rim geklotzt hat, versetzt das adäquate Kammerspiel einen Haufen Verlorener in die Grottenbahn. Neben Kristen Stewart versucht Vincent Cassel, Haltung zu bewahren, doch wie, wenn die bedrohliche Stille überfluteter Gänge nie lange anhält, um einen klaren Gedanken zu fassen, sondern in hektischer Zerstörungswut gleich die nächste Wand aus der Senkrechten holt. Das ist wie ein Hornbach-Werbespot auf Technikblau und Wassergrün, und die Sanitäranlagen sind hinter uns her. Doch nicht nur die: das Monströse ist auch nicht weit, und da gedenkt Eubank all der kryptozoologischen Easter Eggs in der plankton- und partikelgesättigten Finsternis, die da unten vielleicht noch auf uns warten, und gekonnt dem Strahl der U-Boot-Scheinwerfer bislang entgangen sind. Ein wahres Fest lässt er da veranstalten, del Toro hätte oder hatte schon längst seine Freude daran.

Underwater holt sich die Essenz aus dem Horror technischen Versagens, dabei plagt dem ökologischen Zeigefinger die Gicht, und die böse Absicht des Unbekannten ruht sich auf plattgedrückten Lorbeeren aus. Raffiniert geht anders, die panische Nullzeit-Flucht aus lebensfeindlichen Gefilden und vor der eigenen Fantasie, die der Blick ins diffuse Dunkel in uns hervorruft, geht aber vielleicht genau so.

Underwater – Es ist erwacht

A Quiet Place

HAST DU TÖNE!

6,5/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOHN KRASINSKI, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE U. A. 

 

Besser spät als nie: den Überraschungshit von Ehepaar Krasinski/Blunt kann ich nun endlich von meiner Watchlist streichen. Die Kritikerstimmen aus dem Off ließen sich ja damals schwer ausblenden. Von innovativ bis sauspannend war alles zu hören. Ich ging in diesen Film also nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne einer aus medialer Beeinflussung resultierender Erwartungshaltung. A Quiet Place also. Horror vom Feinsten? Eigentlich – und zum Glück für mich – weniger.

John Krasinksis Idee ist natürlich genial. Er schafft eine alternative Realität, in der wie mit dem Finger geschnippt (ähnlich wie bei Thanos) eine wenig autochthone Spezies auftaucht, die urplötzlich am Ende der Nahrungskette steht. Ein Bio-Invasor allererster Güte, da können sich Kaninchen, Langschwanzmakaken oder all die Nachtbaumnattern auf Guam einiges abschauen. Aber nicht, dass man sich nun ein Invasionsszenario wie in Independence Day vorzustellen hat, nein. Das ist nicht das Einfallen einer intelligenten Zivilisation, ganz im Gegenteil. Diese Kreaturen sind Tiere niedrigsten Instinkts. Blinde Carnivoren, die nur eines verdammt gut können – na gut zwei Dinge – mindestens so gut hören wie eine Fledermaus und tödliche Ohrfeigen verteilen. Ich denke mal da spürt man fast nichts, denn diese artspezifische Maniküre macht jeden Widerstand zwecklos. Wenn diese Viecher also nichts hören, ist alles gut. Leise sein ist die oberste Devise. Das sind natürlich Einschränkungen, so will keiner leben. Aber es muss, anders geht’s nicht. Musik schallt nur mehr via Ohrstöpsel, und die Gebärdensprache ist das neue Englisch.

Die trauernde Familie Abbott (zu Beginn des Films gibt’s gleich den ersten Schicksalsschlag) hat es sich also fernab urbaner Gefilde recht kommod eingerichtet. Sie bewältigen den Alltag, die Kreaturen sind allgegenwärtig. Größtes Problem allerdings – und darauf hängt Krasinski seinen Spannungsbogen auf – ist die Schwangerschaft von Emily Blunt. Mehr brauche ich dazu nicht sagen: Babys schreien nun mal, wenn sie auf der Welt sind, und die Geburt selbst verläuft vermutlich auch nicht gerade im Flüsterton. Hier tut sich für mich schon das erste große Fragezeichen auf: warum nur wird Frau während dieser konstanten Katastrophe schwanger? Es ist ja nicht so, dass sie vorher schon, bevor das Fingerschnippen eingesetzt hat, schwanger wurde – nein. Sondern während bereits alles im Argen lag. Man muss mit der Krise leben, schon klar, aber ich mach´s mir nicht schwerer als es ohnehin schon ist. Was noch seltsam und gleichzeitig nicht ganz so durchdacht anmutet: der Film gewährt uns einen Einblick rund eineinhalb Jahre nach der – sagen wir mal – Invasion, und der Mensch mit seinem Stand des Wissens und der Technik hat es nicht geschafft, herauszufinden, womit man den Tieren Herr werden kann? Während der Koexistenz von Mensch und Tier haben es erstere ohnehin nicht nur einmal geschafft, ganze Spezies auszurotten. Das Halali zur Jagd überhört Homo sapiens nur ungern, Waffen sind genug gebunkert, das ganze Militär wäre endlich für etwas gut. Bio-Invasoren gehören natürlich verdrängt, um das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In A Quiet Place hat die globale Bevölkerung anscheinend keinen Finger gerührt. Sei´s drum, vielleicht sollte man hier nicht allzu viel über plausible Gegebenheiten nachdenken, vielleicht ist unsere Zivilisation schon von etwas ganz anderem vernichtet worden. Einblicke und Erklärungen gibt’s in diesem Film bis auf ein paar Spickzettel im Office des Papas keine. Das ist fast zu wenig. Aber gut. Was zählt ist die Idee, und die kostet Krasinski 90 Minuten lang aus. Wichtig ist ihm hier das Element des Hörens und Gehörtwerdens. Die Toneffekte sind genial, aus der absoluten Stille heraus werden gar leise Knackgeräusche zum explosiven Kick-off aus der Resignation. Weder Blunt noch Krasinksi noch sonst wer sind die Stars des Films, sondern der Sound. Das alleine ist ein Kunststück. Es ist das Duell zwischen einer aphonen Welt und dem Weltreich des Klangs. Das birgt jede Menge faszinierende Szenen, und nicht zuletzt ist auch das Wesen selbst ein dringend zu offenbarendes Ergebnis kreativer Creature-Designer, die ein Hör-Wesen geschaffen haben, das so noch nie zu sehen war. Für mich als Monsterfan eine Augenweide, fast schon so gut wie Gigers Xenomorph. Leise durch die Gegend tapsen werde ich nach diesem Film aber trotzdem nicht. Weil Geräusche können täuschen, traue ihnen nicht 😉

A Quiet Place

Atlantique

WO SIND ALL DIE MÄNNER HIN?

7,5/10

 

atlantique© 2019 Netflix

 

LAND: SENEGAL, FRANKREICH, BELGIEN 2019

REGIE: MATI DIOP

CAST: MAMA SANÉ, IBRAHIMA TRAORE, AMINATA KANE, ABDOU BALDE, IBRAHIMA MBAYE, AMADOU MBOW U. A. 

 

Immer wieder stößt man vor allem bei weniger beworbenen Produktionen, die vielleicht gar nie bei uns im Kino liefen und wenn, dann nur zu Festivals, auf ausgesuchte Überraschungen. Eine solche Überraschung ist dieser Film aus dem frankophonen Afrika. Genauer gesagt aus dem Senegal. Afrikanische Filme werden ohnehin viel zu selten in den Kinos gezeigt, zum Glück gibt’s das Votivkino mit ihren frankophonen Filmwochen. Atlantique wurde übrigens bei den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes präsentiert. Und kam in die Endauswahl für die goldene Palme. Die ging, wie wir wissen, an Bong Joon Ho. Blieb immer noch der Große Preis der Jury, den dieses filmische Kleinod gewann. Geradewegs weg von Cannes ging dieser Film dann mal auf Tauchstation, um wieder über die letzte Viennale bei Netflix zu erscheinen. Und nach Roma dürfte Atlantique wohl das künstlerisch Bemerkenswerteste sein, was dieser Streamingriese derzeit zu bieten hat.

Schauplatz ist Dakar. Die Hauptstadt des Senegal ist diesmal nicht das Ziel eines Racings quer durch die Wüste. Dakar, diese Metropole an der Küste, die wird in Atlantique dominiert von einem futuristischen Hotelgiganten als Symbol einer Zukunft, ganz im Stile des Burj al Arab in Dubai. Dieses Gebäude steht natürlich nicht wirklich dort, sieht obendrein noch aus wie ein gelandetes Raumschiff, fast so wie in Arrival. Um diesen Komplex herum wird eifrig gebaut, und dazu braucht es Männer, junge Männer, die aber schon drei Monate auf ihren Lohn warten und kurz davor sind, auf die Barrikaden zu steigen. Angesichts ihrer Schulden und ihrer ausweglosen Situation beschließen sie, den Sprung nach Europa zu wagen – mit einem Boot über den Atlantik, wie es sowieso schon viele junge Menschen aus Afrika tun. Zurück bleiben die Frauen, die jungen Mädchen. Zerrissen werden Beziehungen, Liebschaften, Freundschaften. Auch die der beiden Verliebten Ada und Suleiman. Doch Suleiman verschwindet, und Ada bleibt alleine zurück. Wie es ihr wohl geht, lässt sich kaum schwer nachvollziehen. Noch dazu wird sie zu einer arrangierten Heirat genötigt, mit einem neureichen Schnösel, der scheinbar alles hat, aber nur eines nicht – Seele. So zumindest scheint es. Was wird Ada wohl tun? Ihrem Geliebten hinterher reisen? Auf ihn warten? Sich selbst behaupten und beginnen, auf eigenen Beinen zu stehen? Doch bevor sich das junge Mädchen diese Fragen selbst beantworten kann, passiert etwas, was nicht zu erwarten ist, und das Diesseits bekommt Besuch.

Was dann eben eintritt, war nicht zu erwarten. Es ist eine Überraschung, aber wie durch ein Wunder eine, die auf Basis einer afrikanischen Lebens- und Geisteshaltung völlig selbstverständlich scheint. Afrika, das ist ein Kontinent, in welchem der Spiritismus zuhause ist, das Zwischendimensionale, das Mystische. Atlantique wird zu einem ebensolchen Parcourlauf, wobei sich die Frage stellt, ob das Paranormale, das hier Einzug in den Alltag hält, nicht sowieso immer schon da war. Wer die Filme des Thailänders Apichatpong Weerasethakul kennt, wird wissen, was ich meine. In Uncle Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben ist der Zustand einer Grauzone zwischen den Dimensionen etwas völlig Normales. Das Zusammenleben mit Geistern und Dämonen nichts, wovor sich der Mensch zu fürchten hat. Er hat es nur zu verstehen. Und das ist gar nicht mal so einfach. In Ulrich Köhlers Schlafkrankheit passiert Ähnliches. Auch hier ist das Aufeinandertreffen von Mystik und Realität ein ganz eigenes Erlebnis, das über die Definition des Phantastischen hinausgeht, oder eine ganz eigene, bodenständige Richtung nimmt. Weil es fast schon glaubhaft erscheint. Weil man bei solchen Filmen tatsächlich das Übernatürliche dahinter als evident vermuten könnte. Regisseurin Mati Diop geht aber in ihrem augenscheinlichen, narrativ fast klassischen Liebesfilm noch einen Schritt weiter als nur filmische Seancen zu halten: Sie macht aus ihrem bezaubernd fotografierten, vom Staub der Straßen durchdrängten und gleichzeitig himmlisch funkelnden Kunstwerk eine Allegorie über den Ursprung einer Landesflucht, über den Beweggrund der Flüchtenden und das Ausmachen der Schuldigen. Wie Diop all diese verträumte, schlaftrunkene Symbolik zusammenmontiert, ist erstaunlich aufgeweckt, klug und mit viel Sympathie für ihre Figuren erzählt. Antlantique ist auch melancholisch, hat durchaus Suspense, lässt das Unbekannte aber nicht zwingend bedrohlich erscheinen. Dafür ist zu viel Liebe im Spiel, zu viel Sehnsucht. Atlantique ist unglaublich erfrischend, und das nicht nur aufgrund der Nähe zum Meer. Der Film setzt interessante, neue Impulse und wenn sich die beiden Liebenden in den Armen liegen, getaucht ins Licht einer Strandbar, dann ist das pure Filmpoesie von einem Kontinent, indem mehr das Sein als der Schein die konstante Devise ist.

Atlantique

Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung

IHR SOLLTET EUCH SCHÄMEN

7/10

 

hueterinderwahrheit© 2015 polyband Medien GmbH

 

LAND: DÄNEMARK 2015

REGIE: KENNETH KAINZ

CAST: REBECCA EMILIE SATTRUP, MARIA BONNEVIE, JAKOB OFTEBRO, PETER PLAUGPORG, SØREN MALLING U. A.

 

Lene Kaaberbøl ist Dänemarks Joanne K. Rowling. Die Verfilmung ihrer Buchreihe rund um die Wildhexe kam Ende letzten Jahres ins Kino, und davor schon wurde ihr phantastisches Märchen Die Hüterin der Wahrheit mit kaum vernachlässigbarem Budget und daher auch mit ordentlich Aufwand verfilmt. Kaaberbøl ist zwar als Kinderbuchautorin bekannt – als Kindergeschichte würde ich ihr mediävales Abenteuer aber nicht bezeichnen. Ganz so wie Harry Potter eignet sich auch Dinas Schicksal ideal für den Nachwuchs nach der Grundschule. Die Geschichte ist spannend, düster und magisch, wenngleich hier deutlich weniger phantastische Tierwesen den Alltag dominieren wie bei Rowling. Kaaberbøl hält sich ungefähr an das Level, an das sich Georg R. R. Martin auch bei seinen Thronspielen gehalten hat. Die ersonnene, alternative Mittelalter-Welt, in der das Mädchen Dina gegen finstere Mächte ankämpfen muss, die ist maximal von flügellosen Drachen bevölkert, die ungefähr so aussehen wie die Warane auf der indonesischen Insel Komodo, neben den Krokodilen die größten Reptilien unseres Planeten, deren Biss noch dazu giftig ist. Diese Drachen, die hausen in den Katakomben ebenso finsterer Burgen, in denen Intrigen, Mord und das Handwerk des Henkers fröhliche Urstände feiern. Der unrechtmäßig an die Macht gepushte Bastard des Königs, dem ist die Sippschaft rund um Dina ein Dorn im Auge – denn diese unter eher ärmlichen Bedingungen landwirtschaftenden Bürgerinnen, die haben eine ganz besondere Gabe. Man nennt sie die Beschämerinnen. Was das heißt? Nun, sie können die Sünden der anderen lesen, aber nur dann, wenn diese Sünden Scham verursachen, versteckte Scham.

Ein interessanter Kniff in diesem doch eher und gerade richtig düsteren Märchen, das genauso wie Game of Thrones das Zeug dazu hätte, ein Streaming-Knüller mit mehreren Episoden zu werden. Der Film ist aber auch nicht schlecht, gibt dem ganzen Szenario aus Verrat, Geheimnis und verdeckten Ermittlungen allerdings nicht die Zeit, die es verdient hätte. Das ist die Krux bei Kinofilmen – sie haben eine begrenzte Laufzeit, man will das Publikum sicherlich nicht überstrapazieren, also muss der Plot in abendfüllenden zwei Stunden erzählt sein. So gut es geht schafft Regisseur Kenneth Kainz dennoch Raum um seine prinzipiell interessanten Figuren, die alle einen starken, unbeirrbaren, aufmüpfigen Charakter haben. Die mittlerweile 19jährige Rebecca Emilie Sattrup macht es allen vor – dabei hat sie ein bisschen was von Hermine aus Harry Potter, aber auch von Arya Stark, die Assassinin unter Westeros Sonne. Und ein bisschen was von Klima-Greta. Eine einnehmende, trotzige, wütende Gestalt. Und gesegnet mit einer Gabe, die gleichzeitig gesellschaftlicher Fluch ist.

Wer also von der gängigen Siegerstraße uns längst bekannter Fantasy-Welten abzweigen will in eine alternative, verschlossene Anderswelt, um frische magische Luft zu schnuppern, der sollte den Trampelpfad Richtung Dänemark nutzen, denn dort hat eine von Franchise-Hypes abgewandte Welt genügend Bodenhaftung gefunden, um fast schon als Geheimtipp zu funktionieren, den womöglich nicht viele von euch kennen, der aber einen konzentrierten Blick lohnt – aber wenn geht, bitte nicht direkt in die Augen Dinas. Denn dann könntet ihr euch schämen.

Die Hüterin der Wahrheit – Dinas Bestimmung

Thelma

WÜNSCH DIR WAS!

7,5/10

 

thelma© 2017 Thimfilm

 

LAND:  NORWEGEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2017

REGIE: JOACHIM TRIER

CAST: EILI HARBOE, KAYA WILKINS, HENRIK RAFAELSEN, ELLEN DORRIT PETERSEN U. A.

 

Das Leben ist kein Wunschkonzert, das wissen wir. Oft läuft’s nicht so, wie man will, und meist anders, als man denkt. Wenn das Leben aber doch ein Wunschkonzert ist, was dann? Was, wenn die geheimsten Wünsche plötzlich wahr werden? Eines aber vorweg – Wünsche können gern auch zum Nachteil für andere werden. Das ist das weniger gut, so sehr es auch schön sein mag, Wünsche erfüllt zu sehen. Selbstlos sind diese selten. Gerne erinnere ich mich an das Meisterwerk von Andrei Tarkowski: Stalker, nach einem Roman der Strugazki-Brüder. In diesem Science-Fiction-Szenario gibt es eine kontaminierte Zone, in der die geheimsten Wünsche, auch wenn sie sich der Wünschende noch nicht bewusst gemacht hat, wahr werden können. Allerdings: besser, an einen Ort zu gehen, der dieses verheißungsvolle Wunder vollbringen kann als dieser Ort selbst zu sein. Die merkwürdige Thelma nämlich, die ist so ein „Ort“. Ein sehr geheimer noch dazu. Keiner weiß davon, dass mit der jungen Norweger Studentin etwas nicht stimmt. Außer die Eltern natürlich. Die sind an den rätselhaften Skills ihrer Tochter schon mehr schlecht als recht verzweifelt. Und hoffen, dass, wenn Thelma ihr eigenes Studentenleben beginnt, diese schlummernden Kräfte nicht aktiviert. Zufällig vielleicht, weil sie selbst nicht weiß, was mit ihr los ist.

Wer weiß das schon so genau in Joachim Triers Mysterydrama. Ähnlich wie So finster die Nacht oder When Animals Dream wählt der Streifen die harmonische Balance zwischen dem Paranormalem und einem konventionellen Coming-of-Age-Drama. Dabei macht der Mix erst aus den beiden Komponenten etwas angenehm Ungewöhnliches – einen Film mit jeder Menge Suspense, surrealen Einsprengseln und vor allem einer einnehmenden Protagonistin, der Schauspielerin Eili Harboe (u. a. The Wave) so einige verwirrende, rätselhafte und faszinierende Facetten abgewinnen kann. Leicht darzustellen ist die Person der Thelma nicht. Wie denn auch – Thelma ist im Begriff erwachsen zu werden, hat womöglich die Pubertät hinter sich oder ist gerade mittendrin. Lernt die erste Liebe kennen und vor allem Selbstverantwortung, Wird von niemandem beobachtet, nur von sich selbst, und hat Zeit, ihren Körper, ihre Skills und ihre Leidenschaften zu entdecken. Das ist an unkalkulierbarem Abenteuer sowieso schon genug. Aber da kommt noch die Sache mit den Wünschen dazu, und die unkontrollierte Gabe, nicht nur Dinge zu bewegen, sondern auch den Willen anderer zu steuern. Marvel-Kenner würden jetzt sagen, Thelma ist eine Mutantin, und sollte schleunigst zu Xavier an die Mutantenschule, um ihre Kräfte unter Kontrolle zu bekommen. Dark Phoenix kann davon ein Liedchen singen. Thelma singt lieber weniger als das sie träumt. Oder Visionen hat, versetzt mit Ängsten. Das kann zum Horror werden – und wird es manchmal auch, aber relativ dezent, in gruseligen Spitzen, die den Prozess einer Abnabelung oder einer Emanzipation vom Elternhaus symbolistisch verklärt. Thelma ist manchmal wie das sehnsüchtige Gedicht über eine junge Dame. Und zwar einer, die sich zu klein für eine Welt fühlt, die vieles oder auch zu wenig von ihr will. Wer bin ich, wer kann ich sein – wer möchte ich sein? Fragen, die sich junge Menschen ab einem gewissen entwicklungstechnischen Wendepunkt sowieso immer stellen. Die aber in Thelma mit den Mitteln des Phantastischen elegant herausgeklopft werden. Dieser Symbolismus, der erinnert in diesem Film manchmal an die Bildnisse von Edvard Munch oder an die Stücke Henrik Ibsens, der ganz viel mit manifestierter Metaphorik gearbeitet hat. Es ist eine andere Art des Expressionismus, weniger visuell, dafür aber mehr narrativ.

Thelma ist demzufolge ein klassisch skandinavisches Werk, düster-melancholisch, verträumt und manchmal explizit. Das Konzept fasziniert, so wie der ganze Film, und er schließt seinen aufregenden Bogen der Geschichte in einer zerstörerischen Befreiung (die gerne mit Stephen Kings Carrie verglichen wird), die das Grauen aber nicht entwurzelt und das, was ohnmächtig macht, zu kontrollieren versucht. Ein Vorhaben, das fasziniert und gleichermaßen mitreisst.

Thelma