Matrix Resurrections

LIEBE IN SIM CITY

6,5/10


matrixresurrections© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. and Village Roadshow Films (BVI) Limited – All Other Territories


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: LANA WACHOWSKI

CAST: KEEANU REEVES, CARRIE-ANN MOSS, YAHYA ABDUL-MATEEN II, JESSICA HENWICK, JONATHAN GROFF, NEIL PATRICK HARRIS, JADA PINKETT-SMITH, MAX RIEMELT, LAMBERT WILSON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Was ist real? Keine Ahnung. Viel eher sollte man die Frage stellen: Wann ist etwas real? Der im Film auftauchende Analytiker umschreibt das so: Real ist dann etwas, wenn die Emotionen echt sind. Gefühle sind immer echt, und da spielt es keine Rolle, ob die Welt, in der wir leben, von archaischen Techno-Kopffüßern kreiert wurde oder tatsächlich aus Sternenstaub besteht. Und ganz ehrlich: wenn ich mir die angeblich reale Welt so ansehe, die jenseits der Matrix unter wolkenverhangenem Fake-Himmel vor sich hindämmert, und mir dann die wohlgenährte urbane Komfortzone mit goldgelben Sonnenuntergängen zum Vergleich hernehme – nun, dann bleib ich lieber in der Matrix, allem Bewusstsein, einer Illusion zu erliegen, zum Trotz. Und überhaupt: woher weiß denn diese Handvoll Rebellen, die mit ihren prähistorischen Gliederfüßern herumschippern und womöglich von einem entspannten Urlaub am Strand träumen, ob das, was sie als real erachten, nicht auch eine Matrix ist? Das könnte ewig so weitergehen, wie in David Cronenbergs Cyberthriller Existenz – übrigens das Radikalste auf dem Gebiet virtueller Welten. Quantenphilosophisch betrachtet ist sowieso alles nur eine wahrgenommene Illusion des eigenen Denkapparats. Also was soll‘s. Der Punkt ist nur der, dass die Liebe – die gerne und oft und in Film und Literatur verehrte Liebe – Grund genug ist, dort zu verweilen, wo der oder die andere auch ist. Zumindest die Wahl sollte man haben, welche Realität wohl genehmer ist. 

Und die bekommt Thomas Anderson aka Neo auch, und zwar von der virtuellen Version des Morpheus, den Laurence Fishburne ob seiner Physiognomie drehbuchtechnisch nicht mehr vertreten kann. Es gibt die blaue und die rote Pille. Wie denn – alles auf Anfang? Das Szenario ist ein einziges Deja-Vu. Und auch die Katze des Therapeuten heißt so, während der Coffebreak gerne im Simulatte eingenommen wird. Das beste aber: Anderson ist der Kreator eines erfolgreichen Videospiels namens Matrix – und zwar gibt es drei Teile davon, der vierte ist in Arbeit. Seltsam, dass dem frappant an John Wick erinnernden Computerspezi die ganze Geschichte irgendwie vertraut vorkommt. Und auch die Begegnung mit Tiffany in besagtem Kaffee bleibt nicht ohne Wirkung. Alles schon mal erlebt? Jawollja. Denn die Maschinen sind immer noch geölt und werkeln vor sich hin, holen sich Energie aus den menschlichen Legebatterien für was auch immer und haben trotz des Heldentodes von Neo und Trinity selbige ins Spiel gebracht.

Wie das möglich ist? Fragen wir Lana Wachowski. Zwei Schicksalsschläge brachten die Filmemacherin dazu, ihren familiären Verlust zumindest auf künstlerischer Seite wieder auszugleichen. Das hieß: Neo und Trinity mussten wieder her, um das Ganze nochmal mit Gefühl zu erleben. Vielleicht weniger konfus, aber immer noch mit allen bekannten Versatzstücken wie der Bullet-Time, den Sonnenbrillen bei Nacht und jeder Menge Motorradstunts. Glas und Äpfel splittern in Zeitlupe, es weht der schwarze Ledermantel. All das und noch viel mehr versteckt sich als mehrgängiges Fan-Service-Menü in einem sagen wir mal Da Capo für ein Meisterwerk, das mehr als zwanzig Jahre auf dem Buckel hat. Als zeitlos würde ich dieses bezeichnen – und es grenzt an Genialität, wie Wachowski es angeht, das bahnbrechende Original in ihre eigene Reminiszenz einzuflechten. Das ist nicht nur voller Selbstironie, die liebevolle Hommagen so an sich haben, sondern streckenweise auch wahrlich gut durchdacht. Angesichts dieses Brockens an philosophischem Gedankengut muss es aber auch so weit kommen, dass sich Matrix Resurrections zumindest in der zweiten Hälfte ordentlich verhebt. Alles will mitmischen, und es scheint, als hätten wir wieder den konfusen Wahnsinn aus den alten Prequels zu verzeichnen – Aufdröselung bitte selbst angehen. Es fliegen die Fetzen, es kullern die grünen Ziffern und es explodieren in Häuserschluchten so manche Benzintanks. Nachhaltig ist das nicht, wohl eher dröhnend und verschwurbelt, und somit auch nicht auf Augenhöhe mit dem Klassiker.

Doch sei gesagt: besser als Matrix Reloaded und Matrix Revolutions ist Matrix Resurrections dann doch, allein schon aufgrund der etlichen kleinen Solonummern, die nach dem ersten Vorhang dank des Applauses nochmal über die Bühne geschmettert werden. Ungefähr so ist dieses Spektakel zu verstehen – abgesehen von Lana Wachowskis Seelenheil wäre die Wiederbelebung aber nicht notwendig gewesen. Auserzählt ist auserzählt – doch manchmal obsiegt die Wehmut angesichts des Vergangenen.

Matrix Resurrections

Prisoners of the Ghostland

PUPPENTHEATER UNTER DEM ATOMPILZ

3/10


prisonersghostland© 2021 RLJE Films


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: SION SONO

CAST: NICOLAS CAGE, SOFIA BOUTELLA, NICK CASSAVETES, BILL MOSELEY, CHARLES GLOVER, JAI WEST U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Der japanische Allrounder Sion Sono war mir bis zum diesjährigen Flash-Filmfestival in Wien so gut wie gar kein Begriff. Habe ich da bis dato irgendwas versäumt? Ein kleiner, eingeschworener Kennerkreis wird vermutlich ein JA in die Runde rufen – alle anderen, die damit nichts anfangen können, werden auch weiterhin die Finger davon lassen. Und das liegt nicht daran, dass zumindest Sonos letzter Film – Prisoners of the Ghostland – einem Publikum in Sachen Geschmack nicht zuzumuten wäre. Das ganz und gar nicht. Sondern viel mehr deswegen, weil diese phantastische Mär, die sich irgendwo zwischen Mad Max und Barbarella befindet, so sehr selbst fasziniert ist von ihrem in Kostümen schwelgenden Ausdruckstanz, dass Nicolas Cage geradezu Minderwertigkeitskomplexe bekommen könnte, weil der eben nicht so gut tanzen kann und als schwerverbrecherischer Antiheld, der in eine Zwischenwelt reisen muss, um eine junge Frau zu retten, salopp gesagt links liegen gelassen wird. Diese Zwischenwelt nennt sich übrigens Ghostland und hat irgend etwas mit einer atomaren Katastrophe und verstrahlten Knacki-Zombies zu tun. Jenseits dieser Dimension herrscht Westernstimmung. Wie bitte?

Es heißt aber nicht, dass Cages Konterfei einfach nur zur Vermarktung eines kostengünstigsten On Demand-Streifens herangezogen wird, obwohl er nur ein Cameo verbucht. Coppolas Neffe ist ganz vorne mit dabei, und neben ihm räkelt sich Sofia Boutella im späten Ripley-Outfit auf natürlichen Untergründen. Das beste: Cage trägt einen Sicherheitsanzug, den er nicht loswerden kann und der ihn moralisch bremsen soll, sollte er der zu rettenden Dame auf irgendeine (nötigende) Weise zu nahe treten. Eine schräge Idee, könnte aus den Sechzigern sein – und könnte tatsächlich auch in Roger Vadims Hippie-SciFi passen, wie so vieles in diesem Film. Doch eine schräge Idee und ganz viele wirklich innovative Outfits erwecken noch lange nicht die kunterbunte Abenteuerlust beim Zuseher. Sonos Film genügt sich insofern selber, da es keinen Wert darauflegt, auch nur irgendwie auf Zug inszeniert zu werden oder dem Szenario eine gewisse Bodenhaftung zu verleihen. Das Ergebnis: konfuser Japan-Prunk im Cowboylook zum postapokalyptischen Fünfuhrtee, zu dem niemand die Mühe wert findet, pünktlich zu erscheinen.

Inhaltlich ist Prisoners of the Ghostland ehrlich gesagt zu vergessen und genauso zu vernachlässigen wie Cage selbst. Der ist selbst oft ahnungslos, was die folgende Handlung betrifft. Und nicht nur er. Alle scheinen ahnungslos, das ganze Ensemble fügt sich in eine Performance-Veranstaltung, die zwar leidenschaftlich arrangiert ist, auf Dauer aber gehörig anstrengt, weil das schmucke Dekor zwar gefällt, doch eigentlich nichts auf der Habenseite hat, was es ausschmücken kann.

Prisoners of the Ghostland

Finch

LOVE, DOGS AND ROBOTS

6/10


finch© 2021 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: MIGUEL SAPOCHNIK

CAST: TOM HANKS, CALEB LANDRY JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Hätte Will Smith in I am Legend ein bisschen mehr technisches Verständnis an den Tag gelegt – wäre er gar ein technophiler Bastler gewesen, hätte er sich einen Roboter bauen können, der nicht nur ihn, sondern auch seinen Hund beschützt. Wir wissen, es lief anders. Und Tom Hanks, der weiß es wieder besser. Denn der ist einer von den ganz Guten, einer mit Herz für Mensch und  Tier. Und für Roboter. Im brandneu auf Apple TV+ erschienenen dystopischen Streifen Finch tüftelt nämlicher Einzelgänger tief unter der Erde in einem sagen wir mal Labor an einem Meilenstein technischen Fortschritts – ein humanoider Droide mit dem eingespeisten Wissen der Welt soll in Zukunft auf Finchs Hund aufpassen. Persönliche Gründe sind nicht wichtig, denn einen Freund braucht Finch keinen, lebt der doch sowieso lieber allein, was angesichts der Weltlage keine Kunst ist. Wir schreiben eine nicht allzu ferne Zukunft und durch eine Sonneneruption hat sich fast die ganze Ozonschicht verabschiedet. Die Folge: unsägliche Hitze und eine UV-Strahlung zum Krankwerden. Dennoch muss Finch aus dem Bunker raus und nach Westen ziehen, wo es sich vielleicht noch leben lässt. Ist der Roboter mal fertig, wird das Nötigste eingepackt und schon brettert ein Wohnwagen im Mad Max-Look durch eine atemberaubend verwüstete Landschaft.

So eine Endzeit hat schon was Faszinierendes. Nicht, dass man in ihr leben würde wollen, das ganz und gar nicht. Aber von außerhalb und geborgen vor dem Bildschirm mit dem Kühlschrank in Reichweite, da lässt sich die Verheerung zwischen pittoresken Sandverwehungen und desolaten Fahrzeugen durchaus genießen. So eine Endzeit hat etwas Melancholisches, direkt Melodisches. Dazu kann man sich gut Chris Reas Road to Hell vorstellen. Tom Hanks hört aber lieber vergnüglichere Klassiker wie American Pie. Aber gut, immerhin dürfen die Talking Heads Road to Nowhere über die KFZ-Boxen schmettern. Passt auch besser zu einem sehr melancholischen Tom Hanks, der James Stewart der Gegenwart, wie immer äußerst souverän und dezent im Spiel. Noch dazu unrasiert und stets verschwitzt, was auch keinen wundert, denn es hat stets um die 60 Grad Celsius. Fragt sich nur, was für eine großartige Klimaanlage dieser Van haben muss, und woher Finch diesen grenzenlosen Vorrat an Wasser hat. Wieso eigentlich diese enorme Hitze weder Hund noch Mensch nicht noch mehr in Mitleidenschaft zieht. Dem von Caleb Laundry Jones im Motion Capture-Verfahren dargestellten Roboter kann das egal sein – der träumt nur wie ein Mensch, spürt aber sonst nichts. Miguel Sapochnik, Regisseur von Repo Men mit Jude Law und mit einem Emmy ausgezeichnet für die Serie Game of Thrones, innerhalb dieser er einige Folgen inszeniert hat, weiß, wie man eine Robinsonade mit optischer Brillanz veredeln kann. Dabei wäre zu überlegen, Sapochnik nicht doch auch mal für Star Wars zu verpflichten. Oder für Netflix‘ Anthologieserie Love, Death and Robots. Wäre Finch um zwei Drittel kürzer, wäre die Science-Fiction-Solonummer ein idealer Kandidat dafür. Überraschenderweise wäre das sogar möglich, denn den Plot, den bekommt man auch in einer knappen halben Stunde unter. Dadurch lässt sich vieles, was redundanten Leerlauf genießt, einfach streichen und die Dreiecksgeschichte zwischen Mensch, Roboter und Hund ordentlich straffen. Ich bin mir sicher, die Stimmung behält der Film auch so, und die ist ja ganz gut. Vor allem dank Tom Hanks, der längst weiß, wie es ist, wenn man in kargen Zeiten alles selbst machen muss. Nur diesmal sind es keine Kokosnüsse und Fische, sondern Hundefutter und Schmieröl.

Finch

Je suis Karl

DAS ANAGRAMM DES HAKENKREUZES

5,5/10


jesuiskarl© 2021 Pandora Film Medien GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, TSCHECHIEN 2021

REGIE: CHRISTIAN SCHWOCHOW

CAST: LUNA WEDLER, JANNIS NIEWÖHNER, MILAN PESCHEL, MARLON BOESS, AZIZ DYAB, ANNA FIALOVÁ, MÉLANIE FOUCHÉ U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Re / Generation nennt sich die freiheitliche, europabewusste Organisation, die in Je Suis Karl bereits staatenübergreifend operiert. Dabei fällt deren Logo sofort ins Auge, und man kommt nicht umhin, darin zweifelsfrei das Hakenkreuz zu erkennen, das ehemalige Zeichen der NSDAP, das wiederum eigentlich von ganz woanders abgekupfert und zweckentfremdet wurde, nämlich aus dem Hinduismus. Das eigentliche Zeichen Swastika bedeutet so viel wie Glücksbringer. Tatsächlich besteht das Logo im Film aus vier rechten Winkeln, die ganz einfach anders angeordnet sind. Um die wahre Ambition aber zu verbergen – dafür braucht es schon andere Ideen. Die gibt es. Und die sind so dermaßen perfide, dass sich kein halbwegs vernünftig denkender Mensch vorstellen könnte, auf so etwas eine funktionierende politische Gemeinschaften zu gründen, ohne gefühlt alle Menschenrechte zu verletzen.

Doch Homo sapiens lernt nicht dazu, und deswegen ist der Weg der Gewalt angeblich immer derjenige, der einzig und allein etwas bewegen kann. Glaubt man zumindest. Im kürzlich erschienenen mexikanischen Revolutionsthriller New Order wird klar, wie wenig bockiges Blutvergießen auch nur irgendetwas bewirken kann. In Christian Schwochows politischem Reißer – was anderes ist der Film leider nicht geworden – schlängelt sich der Weg zur nationalsozialistischen Macht der Jungen durch ein Dickicht aus Intrigen, Lügen und trivialer Kolportage. Erschreckend, dass diese Methoden auf fruchtbaren Boden fallen. Eine der „Opfer“ des führenden Orators Karl ist die junge Studentin Maxi Baier, die bei einem Terroranschlag ihre Mutter und ihre beiden Brüder verliert. Von diesem entsetzlichen Schicksal natürlich völlig aus der Bahn geworden ist auch Papa Milan Peschel, der sich in seiner untröstlichen Verlorenheit an sein einzig verbliebenes Fleisch und Blut klammert. Dieses jedoch fällt alsbald in die Hände des vorhin erwähnten Charismatikers Karl, der Maxi zu einer internationalen Tagung seines Vereins einlädt. Dort fährt sie auch hin – und fühlt sich in ihrer Trauer und ihrer Wut mehr als verstanden. Natürlich entstehen zwischen den beiden auch romantische Gefühle, sodass Maxi nicht mehr von Karls Seite weicht. Der allerdings verfolgt ganz andere Pläne, nämlich richtig subversives Zeugs durch die Hintertür, die andere, wüssten sie es nicht besser, als reinste Verschwörungsmythen abtun würden.

Als Bildnis einer Verschwörung ist Je Suis Karl am besten zu verstehen. Aber auch als ein Konstrukt, das Verschwörungsmythen neuen Zunder gibt. Wie Jannis Niewöhner, der den aalglatten, um kein Wort verlegenen Blender Karl durchaus glaubhaft verkörpert, als wilder Fanatiker das große Ganze über alles andere stellt, und vor allem mit welchen Mitteln, ist von ernüchternder Gewissenlosigkeit. Luna Wedler begnügt sich als manipulierbares Nervenbündel, das mit ihrer Trauer ringt, mit einer enervierenden, fast ein bisschen zu deutlich selbstverliebtem Performance, die sie genauso wenig wie fast alle anderen zur Identifikationsfigur macht. Inmitten dieser pseudorevolutionären Eitelkeit halten Milan Peschel und Aziz Pyaf das Zepter der Vernunft als einzige hoch, während ganz Europa in seiner Dummheit ertrinkt. Thomas Wendrichs Drehbuch stuft die Jugend von heute als durch den schönen Schein von Werbung und Social Media bereits vorverweichlichte und daher leicht dirigierbare Lemminge ein, die anscheinend in Windeseile die Macht über einen ganzen Kontinent übernehmen könnten. Diese Sicht der Dinge ist dann doch etwas sehr plakativ und überzogen, und raubt dem politischen Dilemma seine Glaubwürdigkeit. Der polnische Film The Hater ist im Gegensatz dazu die Sache ganz anders angegangen. Dort sind die Sozialen Medien das eigentliche Schlachtfeld. Wie sehr dort gewütet werden kann, zeigt Regisseur Jan Komasa auf geduldigere und deutlich duchdachtere Weise.

Je Suis Karl ist die Antwort auf den ebenfalls deutschen Film Und morgen die ganze Welt, der sich mit – mehr oder weniger – lokalem Linksradikalismus beschäftigt. Auch hier fußt das Handeln der Generation Facebook auf einer zum Scheitern verurteilen Weltsicht. Hätte Schwochows Film nicht gleich ganz Europa mit ins sinkende Boot geholt, wäre die Vision einer Bewegung der neuen Nazis vielleicht fokussierter und spürbar unbequemer geworden. Doch andererseits: vielleicht sind die recht trivial dargestellten Mechanismen politischer Sturmwinde genau deswegen so, damit man sie anfangs nicht ernst nimmt. Und sich demnach nicht dagegen wappnen kann.

Je suis Karl

The Cage – Die letzten Überlebenden

MENSCHHEIT AUF BEWÄHRUNG

5/10


thecage© 2021 Ucm.One


LAND / JAHR: VENEZUELA 2017

REGIE: JOSE SALAVERRIA

CAST: KARINA VELASQUEZ, ANANDA TROCONIS, LEÓNIDAS URBINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Es gibt ihn, den Science-Fiction-Film aus Venezuela, waschecht aus südamerikanischen Landen. Um nicht zu sagen: Venezuelas erster und bislang einziger filmischer Blick in die unendlichen Weiten. Wer da nicht als Filmfan, der abseits des gängigen und vielbeworbenen Mainstreams herumkramt, diesen hier auf die Watchlist setzt, der hat von diesem Beitrag womöglich noch nie etwas gehört. Dabei eignet sich The Cage – Die letzten Überlebenden ideal für sämtliche Fantasy- und Science-Fiction-Festivals, die exotische Bringer wie diesen gerne ins Programm setzen. Doch womöglich passiert es, dass die Exklusivität der Herkunft die eigentliche Qualität des Films überschattet. Das Phänomen trifft auch hier zu, zumindest sieht man The Cage deutlich an, dass Autorenfilmer Jose Salaverria zwar viel Spaß an seiner Arbeit hatte, rundherum aber die Erfahrung dafür gefehlt hat, einen Streifen mit dem Content wie diesen nicht unbedingt aussehen zu lassen wie eine Telenovela.

Freunde von Filmen wie Quiet Earth – Das letzte Experiment finden an The Cage sicherlich Gefallen, denn dieser birgt einen ähnlichen Plot wie Geoff Murphys Last-Man-Vision. Während in Quiet Earth das Verschwinden der gesamten Menschheit hausgemacht zu sein scheint, fällt die Biomasse des Homo sapiens zumindest zu 99,9% der Invasion eines extraterrestrischen Raumschiffs zum Opfer. Einmal bitte lächeln – dann kommt der Blitz, und alle sind weg, so, als wären sie nie da gewesen. Ein Ehepaars überlebt, scheinbar auserwählt, denn die Unbekannten, die mit ihrem am Himmel schwebenden, schmucken Raumschiff das Landschaftsbild dominieren, wollen nicht, dass die Überlebenden zu Schaden kommen. Was also wollen sie noch? Kurze Zeit später taucht eine dritte Person auf, eine junge Frau. Somit haben wir – anders als in Quiet Earth – zwei Frauen und einen Mann. Eine Dreieckssituation, die sicher für Spannungen sorgen wird. Oder doch nicht?

Natürlich tut es das. Und da nehme ich wieder Bezug auf den geschmeidigen Rhythmus einer Telenovela, allerdings findet die vor einer innovativeren Kamera statt, die sich statt üblichen Studiotakes gerne an menschenleeren Orten umsieht. Salaverria zieht in einer ganz bestimmten Szene Vergleiche der tatsächlichen Umstände mit der Gesellschaftsstruktur eines Formicariums, einer Ameisenfarm – schon ahnen wir, worauf die Aliens eigentlich hinauswollen. Schon gelingt dem anfangs etwas ratlos abgefilmten Endzeitdrama die Bündelung seiner Ambitionen, etwas Kritisches zum globalen Status Quo beizutragen. Immer wieder jedoch überkommt den Machern diese flirrende Ratlosigkeit, die sich vor allem auch in der Wahl des Soundtracks niederschlägt, der mit allen möglichen Stilrichtungen, vorzugsweise mit preiswertem Synthie, atmosphärische Tendenzen abwürgt. 

Alles in allem gut gemeint, können noch so viele Raumschiffe am Firmament von der Luft nach oben nicht ablenken.

The Cage – Die letzten Überlebenden

Tides

EIN LUFTBEFEUCHTER NAMENS ERDE

7/10


tides© 2020 Constantin Filmverleih GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2020

BUCH / REGIE: TIM FEHLBAUM

CAST: NORA ARNEZEDER, IAIN GLEN, BELLA BADING, SARAH-SOFIE BOUSSNINA, JOEL BASMAN, SOPE DIRISU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Nach der großen Dürre folgt die ewige Feuchtigkeit –- zumindest handhabt der vielversprechende Schweizer Filmemacher Tim Fehlbaum den Fortgang der Menschheit für die ferne Zukunft auf diese Weise. 2011 verblüffte er bereits mit Hell, einer nicht gerade staubfreien Vision einer ausgetrockneten Erde, wo jeder auf der Suche nach einem Tröpfchen Wasser gerne auch mal über Leichen geht. Eine verstörende, düstere Sache, dieser Film, trotz ganz viel Sonne. Weniger düster, aber immer noch düster genug, gibt sich das Gegenstück zu diesem Entwurf: Tides, und zwar spielen da selbige tatsächlich eine wesentliche Rolle, denn alles, was von unserem Planeten noch trockenen Fußes überquerbar scheint, das sind die Gezeitenzonen.

Greta Thunbergs Erben haben also der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen, als sie diesen unseren geliebten Planeten aufgeben mussten, um irgendwo anders zu siedeln, nämlich ein ganzes Stück weit entfernt auf einem Staubkorn namens Kepler 209. Im Grunde sowas wie der Mars, nur vielleicht wärmer. (Warum dann nicht gleich auf dem Mars siedeln, wenn man sowieso nicht raus kann?) Als eine Expedition nach Hause geschickt wird, um den Zustand von Terra abzuklären, stürzt die Raumkapsel ab – Astronautin Louise überlebt (Ein guter, bekannter, aber immer wieder reizvoller Ausgangspunkt für dystopische Science-Fiction). Klarerweise bleibt Louise nicht allein, denn sie wird von den Muds – einem Menschenstamm, scheinbar aus dem Waterworld-Universum – eingefangen. Die wiederum werden zwar nicht von den Smokern, jedoch von anderen Wattpiraten überfallen, die deren Kinder klauen. Louise schafft es aus ihrem Gezeitengefängnis und nimmt die Verfolgung auf. Dabei trifft sie auf die eine oder andere, alles verändernde Überraschung.

Tides ist ein Augenschmaus. Womit man Denis Villeneuve bereits bildsprachlich assoziiert, das können andere genauso gut, und ganz ohne Abkupfern. Gedreht an Orten wie der deutschen Nordseeküste mit ihrem ewig scheinendem Wattenmeer, findet Tim Fehlbaum mehr als genug postapokalyptische Settings, ohne auch nur an CGI zu denken. Das Wetter ist als proaktiver Stimmungsdesigner ebenfalls mit an Bord, und das ganz ohne Honorar. Wie bei Villeneuve schälen sich auch hier Silhouetten aus Dunst und Nebel, scheinen alte Schiffswracks, die ihr blankes Grundgerüst in den verhangenen Himmel recken, wie abgestürzte Raumschiffe vergangener Äonen. Dieses Szenario, eingefangen mit einer innovativen Kameraführung, die sich nicht scheut davor, nahe an seine Protagonisten und an all diese mit Regenmänteln und grobem Stoff gekleideten Gestalten heranzugehen, birgt das Zeug für episches Visionskino. Nicht zuletzt findet Fehlbaum mit Nora Arnezeder eine Frauenfigur, die gut und gerne Heldinnen wie Sigourney Weaver oder Katherine Waterston aus dem Alien-Kosmos das Wasser reichen kann. Ein tougher Charakter in einer Welt des Überlebens.

Gegen so viel Setting-Performance und Charakter-Brillanz kommt die Story selbst allerdings nicht an. Diese gibt sich zwar nicht moralinsauer und tadelnd, dafür aber nimmt sie das Ende und den Neuanfang der Menschheit hin wie ein vorbeiziehendes Unwetter. So, wie Mutter Erde das machen würde.

Tides

Awake

NICHT GANZ AUSGESCHLAFEN

3,5/10


awake© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MARK RASO

CAST: GINA RODRIGUEZ, JENNIFER JASON LEIGH, BARRY PEPPER, ARIANA GREENBLATT, FINN JONES, GIL BELLOWS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“. Diese lässig dahingesagte Phrase höre ich immer wieder mal von Leuten, die – ich weiß nicht woher – unglaubliche Energien aufbringen, um zeitgleich auf mehreren Kirtagen zu sein. So ein Biorhythmus ist beneidenswert. Manche Menschen schaffen es ja auch tatsächlich ohne Schwierigkeiten, nach drei Stunden Schlaf bereits fit wie ein Turnschuh zu sein. Da fällt einem Koala vor lauter Schreck der Eukalyptus aus dem Maul. Dabei stellt sich die Frage, ob dieser Stolz, nicht schlafen zu brauchen, nicht die Kompensation eines frustrierenden Zustands ist. Denn Schlaf ist etwas Schönes. Ich will davon keine meiner acht Stunden missen. Schlaf ist nicht sinnlos. Durch Schlaf bleibt man zumindest gesellschaftsfähig. Geistig frisch und natürlich auch gelassen. Aber was wäre, wenn Schlafen durch äußere Einwirkungen nicht mehr möglich ist? Wenn man daran gehindert wird, in dieses erholsame, samtschwarze, umschmeichelnde Nichts einzutauchen?

Diesen unheilvollen Zustand, einfach nicht zur Ruhe kommen zu dürfen, schildert aus meiner Sicht Franz Kafka am besten. In seinem fragmentarischen Werk Das Schloss wird Josef K. auf seinen nicht enden wollenden Amtswegen zu jedweden unheiligen Zeiten am Schlaf gehindert. Diese andauernde Verfügbarkeit – sie manifestiert sich wie ein Alptraum. Aber es geht auch anders: auf Schlaf lässt sich auch aktiv verzichten: wie das Wunderkind Elias Alder aus Josef Vilsmaiers Schlafes Bruder es getan hat, natürlich nur aus Liebe. Nicole Kidman wiederum durfte.nicht.schlafen, weil sie sonst vielleicht der diabolische Ehemann holt. Im neuen Science-Fiction-Thriller Awake, erschienen auf Netflix, stellt sich diese gesundheitsschädigende Anomalie von einem Moment auf den anderen ein.

Alle Welt kann also nicht mehr schlafen. Wir wissen, was passiert, wenn sich das nicht schnell ändert: Homo sapiens dreht durch und stirbt, um es salopp zu formulieren. Jill, Ex-Soldatin und Mutter zweier Kinder, kutschiert – hundemüde nach dem Nachtdienst – ihren Nachwuchs nach Hause, als die Elektronik des Vehikels versagt und der Wagen der Familie im Wasser landet. Alle überleben, die Tochter muss reanimiert werden. Was genau ist passiert? Überall – scheinbar auf der ganzen Welt – ist der Strom ausgefallen. Das alleine ist schon eine undenkbare Katastrophe. Mit dieser Begebenheit fällt jedoch auch die Fähigkeit weg, ins Land der Träume zu reisen. Die Welt versinkt sofort im Chaos, Militär fährt auf, und alles, was sonst noch passiert, wenn die Ordnung keiner mehr exekutieren kann. Einziger Wermutstropfen: wie durch ein Wunder ist Tochter Mathilda dennoch fähig, zu schlafen. Sie muss in ein Labor gebracht werden, um dazu beizutragen, schleunigst eine Lösung für das todbringende Problem zu finden. Ein Roadmovie hebt an, wo Gina Rodriguez und ihre Co-Stars allerhand seltsame wie erschreckende Dinge erleben, die passieren, wenn ein Grundbedürfnis nicht gestillt werden kann.

Awake von Mark Raso (Kodachrome) ist, was die Grundidee betrifft, ein faszinierender Ansatz. Es wäre Stoff für M. Night Shyamalan gewesen, der allerdings gibt sich demnächst unkontrollierten Alterungsprozessen hin. Eigentlich schade, denn Shyamalan hätte das ganze Szenario auf eine gespenstische Metaebene gehoben. Der letztlich produzierte Film spart sich die Komponente des Mysteriums, schon allein, weil er schlichtweg keine Zeit dazu hat. Der völlig falsch aufgezogene Thriller hetzt – genauso wie seine Protagonistin Rodriguez – in fahriger Manier durch den Film, die immer mal wieder kurz ins Bild tretenden Randfiguren stehen und fallen wie Pappfiguren im Wind, wobei das Verhalten aufgrund des Schlafentzugs global über einen Kamm geschoren wird. Dem Wahnsinn verfällt natürlich unisono das Fußvolk, während die Wissenschaft blutunterlaufenen Auges auf dem Holzweg taumelt. Diese ohne viel Federlesens abgespulten Musthaves für einen Endzeitstreifen erwecken den Eindruck eines ungeliebten Filmprojekts, welches förmlich danach schreit, eine Serie zu sein. So entgehen dem Thema Schlaf jede Menge gesellschaftskritische Untertöne. 

Was Awake recht gut hinbekommt, sind die letzten zehn Minuten Film. Da überwindet der Stoff seinen übernachtigen Automatismus. Müde macht der Film nicht, allerdings lässt sich vermuten, vielleicht doch – durch ein kurzes, solidarisierendes Wegnicken – etwas versäumt zu haben.

Awake

Fast Color

NUR DIE SUMME SEINER TEILE

4/10


fast-color© 2021 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JULIA HART

CAST: GUGU MBATHA-RAW, LORRAINE TOUSSAINT, SANIYYA SIDNEY, DAVID STRATHAIRN, CHRISTOPHER DENHAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Erst kürzlich feierte auf amazon prime der Retro-Krimi I’m Your Woman seine „Premiere“. Regie führte in diesem recht ansehnlichen Emanzipationstrip einer Gangsterbraut eine Dame namens Julia Hart. Ich habe dann natürlich nachgegoogelt und bin auf das eben frisch veröffentlichte Mysterydrama Fast Color gestoßen, mit der aparten Gugu Mbatha-Raw in der Hauptrolle (sehr sehenswert übrigens in Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution und nicht nur wegen ihres Aussehens). Der Trailer sah ja recht vielversprechend aus. Doch wie das bei Trailern manchmal so ist – können sie ihre Versprechen letzten Endes nicht halten. Julia Harts bereits 2018 abgedrehter Film ist einer jener Produktionen, bei denen man bereits in der ersten Minute weiß, wie es enden wird. Nimmt das dem Film die entsprechende Spannung? Oh ja, das tut es. Leider Gottes.

Gott hat in diesem Drama allerdings wenig mitzureden. Denn die übersinnlich begabte Mutantin hat’s ganz alleine drauf. Ruth, wie sich Mbatha-Raw nennt, bekommt ab und an Anfälle, bei denen sie zu zittern und zu scheppern beginnt wie ein Kluppensack, muss sich dann aber selbst am Bettgestell (falls eines vorhanden) festbinden, um nicht Schaden zu nehmen, und vergisst auch nicht, allen anderen in Hörweite zurufen: verkriecht euch unter den Tisch oder klemmt euch in den Türstock. Ruth bringt nämlich die Plattentektonik ins Wanken. Das ist mal eine Leistung, die gab’s bei den X-Men noch nicht (Magneto hätte das vielleicht geschafft, mit all dem Eisen im Boden). Dabei ist das nicht Ruths einziges Problem. Julia Hart stößt uns Zuseher nämlich direkt mitten ins Geschehen hinein, wir hängen uns also an den Kühler von Mbatha-Raws Fluchtauto, denn Polizei und Wissenschaft ist hinter ihr her. Wo sie selbst hinwill, wird bald klar: zurück zu ihrer Mum, denn dort lebt auch ihre Tochter. Und ja, bevor ich’s vergesse: Fast Color ist nicht nur ein „Superhelden“-Streifen, wenn man so will (wobei Superhelden stets das Image des anzuhimmelnden Weltenretters mit sich herumtragen), sondern auch eine düstere Zukunftsvision, in der das Grundwasser auf unserem Planeten so gut wie versiegt ist und Wasser so viel kostet wie ein Manhattan-Cocktail.

Na, kommt schon der erste Verdacht auf, wie das Ganze vielleicht enden könnte? Mit Fast Color hat Julia Hart nicht nur aufgrund ihres sehr locker gestrickten Scripts allzu stark durchscheinen lassen, was ihre Ambitionen sind. Auch sonst wirkt das Drama streckenweise sehr behäbig und hat zwischen dieser Behäbigkeit noch allerlei Längen drin, die ein namhafter Nebendarsteller wie David Strathairn (u. a. The Expanse) nur noch verschlimmert, weil dieser sich mehr als Statist genügt. Schön sind vielleicht die eingestreuten CGI-Effekte von Gegenständen, die sich in ihre Einzelteile auflösen, als hätte man sie durch die Kaffeemühle gedreht – das sind by the way die Skills der übrigen Family, denn Mutationen sind schließlich vererbbar.

Fast Color

Outside the Wire

MEIN CHEF, DER ROBOTER

3,5/10


outsidethewire© 2021 Netflix

LAND: USA, UNGARN 2021

REGIE: MIKAEL HAFSTROM

CAST: ANTHONY MACKIE, DAMSON IDRIS, EMILY BEECHAM, PILOU ASBÆK, MICHAEL KELLY U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Der wirklich einzige interessante Idee in dieser brandneuen, auf Netflix erschienenen Action-Dystopie ist die Überlegung, was wohl wäre, wenn die Befehlskette zwischen Mensch und Maschine von der Maschekseite aufgezogen wird. Wenn also ein Roboter den Ton angibt, und der Mensch als ausführendes Organ diese und jene Verordnung umsetzt.

Wir befinden uns in Outside the Wire in einer ungewissen Zukunft, in der Osteuropa, genauer gesagt die Ukraine, keinen Grund hat, freudig in die Zukunft zu blicken. Das Gebiet an der Grenze zu Russland wird von brutalen Warlords dominiert. Natürlich erfordern es die Umstände ein weiteres Mal, die USA als Problemlöser bemühen zu müssen. So campiert die Army im Westen des Landes und hofft auf bessere Zeiten. Unterstützt wird das Militär von Drohnenflliegern, die aber nicht in Europa, sondern bequem in der Heimat in ihren Containern sitzen und für den Überblick sorgen. Klar, dass diese Jungs am Steuerknüppel kein Gespür dafür haben, wie es ist, mittendrin statt nur dabei zu sein. Einer dieser Jungs – ein Lieutenant – handelt eigenmächtig – und wird ins Kriegsgebiet strafversetzt. Dabei wird er Captain Leo zugeteilt, einem Supersoldaten, der eben gar kein Mensch, sondern Maschine ist, irgendwo zwischen T800 und den Replikanten aus Blade Runner, mit vollem Bewusstsein und einem abrufbarem Spektrum an Gefühls- und Schmerzempfindung. Hätte der Supermann nicht ab und an einen Körper wie ein Glasfrosch, würde man nie auf die Idee kommen, es hier mit der technischen Weisheit letztem Schluss zu tun zu haben. Ist aber so. Beide – Roboter und Mensch – werden auf Mission geschickt. Es überrascht nicht, dass das Ziel dessen variabel ist, und die Belange patriotischer Rebellen plötzlich Vorrang haben.

Dass sich futuristische Filme wie dieser auch wieder am bereits schon zur Genüge abgedroschenen Thema der Atomkriegs-Angst aus dem kalten Krieg vergreifen, verwundert etwas. Und lässt aber auch das Gesicht einschlafen. Das sieht dann mimisch ungefähr so aus wie jenes von Anthony Mackie, der sich wirklich angestrengt bemüht, die Ausstrahlung eines programmierten Menschen zu vermitteln und dabei recht simpel gestrickt durch die Trümmerlandschaft des Ostens stakst. Vieles in Outside the Wire ist leider nicht Outside the Box, wie man so schön sagt – und der Stoff, aus dem der Actionfilm gemacht ist, bereits ein fadenscheiniger. Für Netflix und Mikael Hafstrom, seines Zeichens verantwortlich für Escape Plan oder Zimmer 1408, war die Qualität des Drehbuchs wohl nicht ausschlaggebend. Zugpferd Mackie, der bald mit The Falcon and the Winter Soldier womöglich das Erbe von Captain America antreten wird, sollte das schlampig formulierte Drehbuch entsprechend aufwerten. Und nicht nur er: auch Goldene Palme-Preisträgerin Emily Beecham (Little Joe) mischt hier mit. Allerdings – Star-Appeal reicht bei solchen Filmen nur, wenn sie mit einer ganzen Riege an großen Namen zugepflastert werden, ähnlich wie bei den Expendables. Und auch nur dann, wenn sich stramme Kriegsaction einer ansehnlichen Choreographie rühmen kann. Was hier leider auch nur halbgar bleibt.

Outside the Wire ist somit grobe Dutzendware, die mit eingangs erwähner Idee vielleicht einiges hätte anfangen können, wäre das Script nicht wie ein Ikea-Möbel aus Fertigteilen des Genrefundus zusammenmontiert.

Outside the Wire

Captive State

TERROR FÜR DEN GUTEN ZWECK

5/10


captivestate© 2019 eOne Germany


LAND: USA 2018

REGIE: RUPERT WYATT

CAST: JOHN GOODMAN, ASTHON SANDERS, JONATHAN MAJORS, VERA FARMIGA, KEVIN DUNN, KIKI LANE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Was wäre gewesen, wenn die fiesen Aliens in Emmerichs Independence Day die Schlacht um den Planeten gewonnen hätten? Genau genommen nichts mehr, denn die Invasoren hätten uns ausradiert. Aber was, wenn diese Aliens letzten Endes doch hätten Milde walten lassen. Was dann? Dann wäre womöglich das passiert, was in Captive State schon seit neun Jahren den Alltag der Menschheit prägt: ein Leben unter der Fuchtel einer fremdartigen Rasse, einer Übermacht, die nur mit dem Finger (sofern sie welche hätte) zu schnippen braucht, schon wären wir ausgelöscht. Ein Leben unter solchen Bedingungen wird irgendwann zur Normalität, wenn doch die im Polit-Sprech verharmlosten Legislatoren auf Harmonie, Wohlstand, Gleichberechtigung und Frieden setzen. Das ist natürlich keine Kunst, diese Werte durchzuboxen, wenn jeder eine Wanze unter seinem Schlüsselbein trägt, die jeden Handgriff registriert. Zum Glück sind noch die Gedanken zollfrei, also wäre es nicht die unterjochte Spezies Mensch, würde sich nicht irgendwo Widerstand regen. Ganz so wie in Star Wars. Dieser Widerstand ist wie ein Funken, der das Streichholz… ja ganz genau, das hat schon Poe Dameron in The Last Jedi gesagt, das sagen nun auch die Rebellen hier, die als Terrorzelle den im Untergrund lebenden gesichtslosen IIgelwesen das Wilde runterräumen wollen.

Terror im Namen der Menschheit. Nichts anderes beschreibt Rupert Wyatts (Planet der Affen: Prevolution) dystopischer Rebellenthriller, der allerdings stark mit Reizen geizt. Seinen Fokus legt Captive State weniger auf die Konfrontation der Aliens, die man nur sehr selten bis gar nicht zu Gesicht bekommt, sondern viel mehr auf die Aufdröselung der Mechanik einer terroristischen Zelle, die sich gegen einen unsichtbaren Unterdrücker formiert, der den Mensch als Exekutive benutzt. Wovon sich der Zuseher ebenfalls kein Bild machen kann, ist die Beschaffenheit der Invasionsmacht. Anscheinend haben die so einiges im Orbit des Planeten in petto. Was genau, weiß keiner. Man erfährt also überhaupt nichts. Da stellt sich die Frage: was wollte Rupert Wyatt mit seinem Film tatsächlich herausarbeiten? Dass Terror, dass Rebellion die einzigen Möglichkeiten sind, Zustände wie diese zu ändern? Captive State legitimiert diese Methode. Ein Glück für den Film, nicht als Verherrlicher zerstörerischer Umtriebe herzuhalten, ist doch das, was bekämpft werden soll, offensichtlich und rein objektiv etwas Falsches. Wie das Imperium eben. Und da muss man gar nicht so weit ausholen, um im Phantastischen zu fischen: da reicht das Herumkramen in der Geschichte des Kolonialismus. Britische, holländische, spanische Invasoren – die waren aus der Sicht der Indigenen auch nichts anderes als Aliens. So gesehen muss Terror ebenfalls zwei Seiten haben, eine legitime und eine verbrecherische.

Neben seinem gesellschaftspolitischen Statement funktioniert Captive State jedoch nur halb so gut. Als Science-Fiction-Film lässt das Drehbuch einfach zu viele Komponenten unerwähnt. Befriedigend ist das nicht. Dazu mengen sich auch gehörige Längen, einzelne Figuren, deren Notwendigkeit sich mir bis zum Ende nicht erschlossen haben und ein nicht ganz schlüssig erklärtes Kräfteverhältnis zwischen Menschen und Unterdrücker. Wäre spannend gewesen, auch die Seite der „anderen“ zu hören. Wäre spannend gewesen, den Film von Neill Blomkamp nochmal überarbeiten zu lassen, der mit District 9 ein etwas ähnliches aber viel realistischeres Szenario entworfen hat. Bei Captive State, so scheint’s, bleibt vieles seltsam ahnungslos.

Captive State