Der Tiger (2025)

IM PANZER HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10



© 2025 Amazon MGM Studios


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, TSCHECHISCHE REPUBLIK 2025

REGIE: DENNIS GANSEL

DREHBUCH: DENNIS GANSEL, COLIN TEEVAN

KAMERA: CARLO JELAVIC

CAST: DAVID SCHÜTTER, LAURENCE RUPP, LEONARD KUNZ, SEBASTIAN URZENDOWSKY, YORAN LEICHER, TILMAN STRAUSS, ANDRÉ HENNICKE, ARNDT SCHWERING-SOHNREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Kriegsfilme sind so eine Sache. Leicht ist es passiert, und das ganze Szenario gerät verherrlichend, chaotisch oder in Anbetracht der Wahl der Protagonisten durchaus problematisch. Wenn Feuergefechte, Explosionen, Schießereien und massenhaft Tote in Summe zu Kriegsaction werden, kann vielleicht einer wie Chuck Norris oder Sylvester Stallone damit klarkommen. Mittlerweile ist diese Art von Actionfilm ohne begleitender Metaebene obsoleter und regressiver als sonst wie.

Suicide Squad im Russlandkrieg

Krieg ist ein Übel, die im Krieg Befindlichen arme Schweine, schuldlose Opfer oder – wie General Kurtz aus Apocalypse Now – psychotische Fanatiker, die Krieg einzig zu dem Zwecke betrachten, einst zugestandene Macht auszuüben. Die armen Schweine, die sichtlich keine andere Wahl hatten, als an die Front zu gehen, weil sie sonst, wie im Fall Jägerstätter (Ein verborgenes Leben), am Schafott ihr Leben gelassen hätten, während im Kriegseinsatz die Hoffnung, zu überleben, nicht sofort gestorben wäre, sind vor allem in den Filmen rund um den ersten und zweiten Weltkrieg jene Sorte von Mensch, um den es auch hier geht. In Der Tiger ist die Besatzung eines Panzers selbiger Klasse alles andere als freiwillig im Einsatz, haben die doch vor dem Krieg ganz andere Leben geführt. Der eine war Winzer, der andere Lateinprofessor, wieder ein anderer überhaupt erst mit der Schule fertig. Nun aber, weit entfernt von daheim, im Jahre 1943, nachdem die Schlacht von Stalingrad dem Deutschen Reich eine verheerende Niederlage beschert hat, muss die Crew jenseits der Frontlinie eine Person ausfindig machen: Major von Hardenberg – Panzerkommandant Gerkens scheint ihn nicht nur zu kennen, sondern auch eine Rechnung offen zu haben. Welche genau, bleibt lange unklar. Dieses Mysterium gerät auch zu einer Methode, den Film von Philipp Gansel (u. a. Die Welle) mehr sein zu lassen als nur ein martialischer Kriegsfilm. Dieses Vage, Unklare, diese Fahrt ins Nichts – natürlich erinnert der Plot in seinen Grundzügen an Francis Ford Coppolas unnachahmbarem Meisterwerk. Dort, im kriegsgebeutelten Vietnam, reist Martin Sheen mit seinem Team den Mekong hinauf, um General Kurtz zu finden, irgendwo im Dschungel. Was er entdeckt, ist längst Filmgeschichte. Hier sitzen die auf Mission Befindlichen in einem Kettenfahrzeug aus Stahl und durchqueren russische Wildnis, stets im Ausnahmezustand, und stets Gefahr laufend, den Feinden in die Hände zu fallen.

Wir sind keine Helden

Philipp Gansel konzentriert sich dabei weniger auf akkurat gefilmte Gefechtsszenen. Es geht auch weniger darum, Geschichte aufzuarbeiten oder gar Helden zu ermitteln. Die gibt es nicht, und es gibt auch kaum Geschichte. Die versteckt sich auf den Uniformen als vages Hakenkreuz unter aufgesticktem Reichsadler. Letztlich rückt der Feind, der, in vielen anderen Kriegsfilmen, vorzugsweise der amerikanischen, den gesichtslosen Schwarm-Antagonisten markiert, in den psychosozialen Fokus eines Kriegsdramas, das nicht zwingend in Stalingrad hätte spielen müssen, sondern fast schon universell funktioniert. Ähnlich hielt es Wolfang Petersen mit seinem Frühwerk Das Boot – und machte daraus einen nervenzerrenden Survivalthriller, der die Entbehrungen jedes einzelnen ganz im Sinne eines Antikriegsszenarios als letztlich sinnlos erachtet.

Wenn der Abgrund den Blick erwidert

Der Tiger funktioniert ähnlich – und je weiter das Kettenfahrzeug vordringt, umso mehr entfernt sich der Film von seinem Genre, um auf anderer Ebene weiterzuspielen – auf der Ebene eines mit Mystery-Elementen angereicherten Psychothrillers. Zugegeben, eine Ahnung hatte man schon zuvor, dass nichts hier mit rechten Dingen zugehen dürfte. Diese Wende, diesen Twist, den haben Filme wie Fury – Herz aus Stahl zum Beispiel nicht. Das Werk von David Ayer ist geradlinige Kriegsfilmkost: hart, schmutzig, ungeschönt, wie sich Krieg eben anfühlen muss. Gansel setzt aber noch eine Dimension drauf, und schickt seine Verlorenen in ein gespenstisches Fegefeuer, in die seltsame Stasis einer Zwischenwelt der letzten Worte, möglicher Gedanken und alternativer Taktiken. Laurence Rupp, David Schütter und Sebastian Urzendowsky lassen in ihrem Spiel sehr viel Nähe zu – dadurch wird der Trip zwischen Leben und Tod zu einem schmerzlichen, nihilistischen Brocken rettungsloser Verdammnis.

Der Tiger (2025)

Warfare (2025)

WORKFLOW EINES GEFECHTS

6,5/10


© 2025 Leonine Pictures


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: ALEX GARLAND, RAY MENDOZA

CAST: D’PHARAOH WOON-A-TAI, COSMO JARVIS, WILL POULTER, JOSEPH QUINN, AARON MACKENZIE, NOAH CENTINEO, KIT CONNOR, FINN BENNETT,  CHARLES MELTON, HENRY ZAGA, TAYLOR JOHN SMITH, MICHAEL GANDOLFINI U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Über die Sinnlosigkeit des Krieges denkt Warfare nicht gerade nach. Über dessen Existenz als notwendiges Übel wohl schon eher. Krieg ist seit Menschengedenken, und das, noch bevor Homo sapiens sesshaft wurde, ein Symptom unserer Entwicklung, die Art der Austragung von Konflikten, für die es kein Einvernehmen gibt. So muss die Zivilisation damit leben, immer und gefühlt überall gut gerüstet zu sein, immer und überall genug Personal zu haben, dass sich um die martialische Drecksarbeit kümmert, als wäre der Krieg und seine Austragung so systemrelevant wie medizinische Versorgung, die Verfügbarkeit von Lebensmittel oder die Müllabfuhr. In Warfare wird der Krieg von allem nur denkbaren Pathos entrümpelt, durchgespült, reingewaschen und als Beispiel intensiver Arbeitsleistung zum Workflow für ausgebildete Hardliner, die als Navy Seals die besonders delikaten Missionen einheimsen, um dem militärischen Fußvolk mit Expertise, Know-how und Nerven wie Drahtseilen zur Verfügung zu stehen.

Und so sammeln sich in einer Nacht des Jahres 2006 sechs Spezialisten in den nachtschlafenden Straßen einer irakischen Stadt, um, unbemerkt von Jihadisten, in einem zweigeschossigen Einfamilienhaus Stellung zu beziehen und die umliegende Gegend im Auge zu behalten. Sollte sich aus dem Verhalten der Bevölkerung eine verdächtige Dynamik entwickeln, wird Alarm geschlagen. Womit wir zu Beginn des Films, ganz so wie schon seinerzeit im etwas anderen Kriegsfilm Jarhead – Willkommen im Dreck darüber aufgeklärt werden, dass Kriegsführung nicht immer nur aus Shootouts, wirbelnden Granaten oder Explosionen besteht, sondern vorrangig aus Warten, Beobachten und nochmal Warten. Die Anspannung ist spürbar, und das in jeder Szene. Am Scharfschützengewehr kauert, wie die Prinzessin auf der Erbse, Shogun-Star Cosmo Jarvis und linst durchs Okular. Woanders kauert der Funker und hält den Kontakt zu nächstgelegenen Einheiten aufrecht. Im unteren Stockwerk müssen zwei einheimische Rekruten Stellung halten, doch anscheinend verstehen sie ihren Auftrag nicht so ganz. Im Schlafzimmer üben sich die Hausbewohner, eine fünfköpfige Familie, in angststarrer Geduld. Im Laufe des Tages dämmert bald, dass die Jihadisten längst von diesem halben Dutzend Amerikanern wissen. Die Anzeichen eines bevorstehenden Angriffs häufen sich – bis die erste Granate durchs Fenster fliegt. Die Ruhe vor dem Sturm weicht einer losbrechenden, staubgeschwängerten, chaotischen Hölle, in welcher Will Poulter mit all seinem Verstand versucht, das Prozedere für den Fall eines Angriffs ordnungsgemäß durchzuziehen. Was die nächsten Stunden abläuft, ist das Worst Case Szenario eines entsetzlich anstrengenden Jobs mit Todesgefahr. Und alle geben ihr Bestes, nicht aus der Rolle zu fallen.

Im Grunde heißt das: Warfare ist weder ein Antikriegsfilm noch ein Propagandafilm, er ist weder kriegsverherrlichend noch den Krieg verurteilend. Für das notwendige Übel muss es Männer geben, und die sind im Einsatz. Dass Ray Mendoza oder Alex Garland, die sowohl das Skript verfasst als auch Regie geführt haben, jemals darüber nachgedacht haben, ob die Anstrengungen, die hier ablaufen, wirklich Sinn haben, kann man getrost verneinen. Diese sechs Seals tun ihre Pflicht, es ist der Call of Duty, und genauso funktioniert Warfare: Gnadenlos akkurat, schmucklos, unpathetisch und ohne auch nur ansatzweise einer Metaebene, auf welcher gesellschaftsphilosophische Betrachtungen zu finden wären. Weit entfernt von Apocalypse Now, 1917 oder Der Schmale Grat ist Warfare reinster Purismus, fast semidokumentarisch und daher auch nicht ernsthaft daran interessiert, die Handvoll Soldaten charakterlich zu erfassen. Psychologische Betrachtungen begnügen sich mit Symptomen oder weichen gar ganz einem physischen Body-Horror, den ein Gefecht wie dieses wohl mit sich bringt. Zerrissene Leiber, abgetrennte Gliedmaßen, zertrümmerte Beine. Jene, die noch atmen können, schreien sich die Seele aus dem Leib vor Schmerz. All das in geradezu nüchterner Betrachtung, als eine Art Studie.

Warfare, so wird beworben, soll eine der realistischsten Kriegsfilme aller Zeiten sein. Ich selbst war weder beim Militär noch im Krieg also kann ich es nicht beurteilen. Was auffällt, ist der Ehrgeiz, ein tatsächliches Kriegserlebnis (die Personen sind nicht frei erfunden) penibel zu rekonstruieren, ohne dabei den kleinsten Logikfehler zu begehen oder gar menschliches Verhalten unplausibel darzustellen. Warfare ist daher astrein, objektiv und konzentriert, eineinhalb Stunden immersives Instant-Kriegserlebnis, dass aber lediglich nur das ist, was es sein soll. Ohne Mehrwert, ohne Mitgefühl, und stets aus dramaturgischer Distanz – obwohl das dreck- und erdverkrustete Konterfei von Cosmo Jarvis die Leinwand füllt.

Warfare (2025)