Hysteria (2025)

DIE EITELKEIT DER PROVOKATION

7/10


Devrim Lingnau im Psychothriller Hysteria
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: MEHMET AKIF BÜYÜKATALAY

KAMERA: CHRISTIAN KOCHMANN

CAST: DEVRIM LINGNAU, MEHDI MESKAR, SERKAN KAYA, NICOLETTE KREBITZ, AZIZ ÇAPKURT, NAZMI KIRIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Filmemachen ist so eine Sache. Sie steht und fällt mit dem nötigen Kleingeld. Subventioniert wird, was gesellschaftlich Relevantes zu sagen hat. Für die Allgemeinheit muss dabei zumindest ein gewisser edukativer Effekt entstehen, den sich die Gesellschaft von morgen vielleicht mitnehmen kann, um daraus zu lernen. In Deutschland gibt es da den immanenten krankhaften Umstand der gelebten Fremdenfeindlichkeit. Bestes und erschütterndes Beispiel dafür: Der Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Solingen Anfang der Neunziger. Der türkischstämmige Filmemacher Yigit hat da eine Idee, die ihm mehr einbringt als nur Betroffenheit, sondern vielleicht auch einen handfesten Skandal, der ihm jene Aufmerksamkeit bescheren soll, die jeder noch so ehrgeizige Filmschaffende gerne für sich beanspruchen würde. In diesem film soll nicht nur eine Wohnung brennen, sondern auch gewisse Objekte, die sich im Inneren befinden. Wie zum Beispiel die Heilige Schrift des Islam – den Koran.

Es brennen die Gemüter

So ein Buch zu verbrennen verstört all jene Komparsen, die für diese Szene engagiert und selbst von einem Flüchtlingsheim weg gecastet wurden. Diese Provokation will keiner der Muslime, die ihre Religion nicht mehr wertgeschätzt, sondern gelästert sehen, auf sich beruhen lassen, also legen sie Beschwerde ein. Mittendrin in diesem bewusst gesetzten Fauxpas: Regieassistentin Elif (Devrim Lingnau, Die Kaiserin), die in der Wohnung des Regisseurs übernachtet und beiläufig Zeugin einer Intrige wird, die vielleicht mehr ist als das: Eine Verschwörung, die womöglich eine ganz andere Ursache birgt als nur den Willen zur Provokation. Vielleicht ist es etwas ganz Banales und gar nicht mal der Idealismus eines Künstlers, der seine Botschaft nicht verwässern, sondern für Aufsehen sorgen will. Vielleicht aber ist Eilif selbst nur der fremdgesteuerte Teil einer Machenschaft, von der keiner weiß, welche Kreise sie ziehen wird.

Effekthascherei in der Filmbranche

Zumindest sollte sich niemand dazu verleiten lassen, hysterisch zu werden. Ein schwieriges Unterfangen, angesichts der Pikanterie der Umstände. Autorenfilmer und Filmproduzent Mehmet Akif Büyükatalay machte letztjährig mit diesem seinem ersten abendfüllenden Spielfilm auf der Berlinale auf sich aufmerksam – und bewies mit Hysteria ein Händchen für intellektuellen, szenenweise geradezu spukhaften Suspense, der sich aber nicht seiner eigenen Effektivität hingibt, sondern trotz der mysteriösen Umstände einen Tacheles redenden Diskurs sucht, der die Sinnhaftigkeiten künstlerischer Provokationen in Frage stellt, die außer des zu erwartenden Effekts keinerlei inhaltlichen Mehrwert bieten. Meist geht das Hand in Hand mit eitler Egozentrik und dem arroganten Empfinden, über allem zu stehen.

Zwischen Hitchcock und ethischem Konflikt

So einfach macht es Hysteria aber niemanden, schließlich handelt es sich hierbei um ein zwar nüchtern gefilmtes, aber irrlichterndes Bedrohungsszenario, in dessen undurchdringlichem Indiziennebel keiner mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann – schon gar nicht Protagonistin Lingnau, aus deren Sicht de Film sich darstellt. Sie ist wie eine in einem zeitrelevanten Hitchcock-Vexierspiel verhedderte Doris Day, die mit aller Kraft den offenen Dialog sucht, in einer von Impulsivität und Kränkung durchsetzten Gesellschaft – fast schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Misstrauen geht nie mehr ganz weg

Hysteria zeigt einem einerseits die kalte Schulter und gib sich unversöhnlich, andererseits brummt unter dieser Oberfläche ein Vulkan, der verheerendes anrichten kann. Unterschwellig, subversiv und Indizien legend, bleibt einem letztlich nichts anders übrig, als überhaupt keine Meinung zu haben, weil sich keine finden lässt. Hysteria strebt keine Lösung an, sondern lässt nur die Zerfahrenheit einer Situation bestaunen, die in einem unvermeidlichen Crescendo ihr Ventil findet, um all den aufgestauten Emotionen eines Landes den Druck zu nehmen.

Hysteria (2025)

Feels Like Home (2025)

AUTOKRATIE AM MITTAGSTISCH

7,5/10


"Papa" Tibor Szervét, Rozi Lovas, Áron Molnar u. a. im Film Feels Like Home von Gábor Holtai
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: ITT ÉEZEM MAGAM OTTHON

LAND / JAHR: UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GÁBOR HOLTAI

KAMERA: DÁNIEL SZÖKE

CAST: ROZI LOVAS, ÁRON MOLNÁR, TIBOR SZERVÉT, DORKA GRYLLUS, BETTINA JÓZSA, ISTVAN ZNAMENAK, KORNÉL SIMON, SOMA SIMON U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Ungarischer Blockbuster

Ohne Geld ka Musi? Nicht so beim ungarischen Filmemacher Gábor Hotlai und seinem Langfilmdebüt Feels Like Home. Wer hätte gedacht, dass sich auch ohne staatliche Förderung – denn die hätte die Orban-Regierung nie gegeben – ein Film auf die Beine stellen lässt, der alle Stückchen spielt, und so professionell wirkt, als hätte er alles Geld der Welt. Letztendlich reüssierte der beklemmende Thriller zu einem der erfolgreichsten Independentfilme überhaupt in Ungarn – mit mehr als 215.000 Besuchern, die alleine nur aufgrund von gezielten Social Media Kampagnen und vor allem dank Mundpropaganda ins Kino strömten.

Orbanistan im Zinshaus

Bei uns in Österreich wird Feels Like Home, obschon im Stadtkino Filmverleih, wohl kaum die Ehre zuteil werden, auf großer Leinwand zu erstrahlen. Welch ein Glück, ihn beim Slash ½ Filmfestival noch ergattert zu haben, als letztes Werk im Rahmen dieses schmucken Ausflugs in die obskuren Tiefen des Fantastischen, von allegorischen Versuchsanordnungen bis zu mythologischem Ringelpiez. Feels Like Home zählt klar zu ersterem und ist als politische Parabel kaum zu übersehen. Denn Gábor Holtai, der hat es sich zur Aufgabe gemacht, das damals noch über die eigenen staatlichen Grenzen hinweg schillernde Orbanistan versandfertig zu konservieren und in einer stattlichen Zinshauswohnung auszulagern.

Sei nicht, wer du bist

Wie lässt sich das verstehen? Um das zu begreifen, dauert es einige Zeit – und fühlt sich, zumindest für ein Entführungsopfer wie Rita (Rozi Lovas), quälend lange an. Denn die wird eines Tages ganz plötzlich, auf dem Weg nach Hause, gekidnappt. Als sie erwacht, befindet sie sich in einem karg möblierten Zimmer, eine Stehlampe spendet spärliches Licht. Ihr gegenüber ein freundlich lächelnder Mann kräftigen Formats – also jemand, der lieber nicht verärgert werden will. Dieser Jemand aber fordert Rita auf, sich als seine Schwester Szilvi zu bekennen. Und verlangt damit die Aufgabe ihrer Identität.

Ganz schön beklemmend, was Gábor Hotlai seinem Publikum hier auftischt. Eine bizarre Situation folgt auf die nächste, Rita wird nach und nach klar, womit sie es zu tun hat. Was für ein System sich dahinter verbirgt, warum sie jemand sein muss, der sie nicht ist. Und wer all die anderen in dieser Familie sind, die Szilvi auf eine Art willkommen heißen, als wäre sie nur eine Zeit lang weggewesen.

Die Macht des alten Mannes

Über allem aber steht eine patriarchal geführte Autokratie. Holtai seziert ein politisches Konstrukt, nachdem er es auf die Größe einer Familie kleingeschrumpft hat. Im Kleinen, Überschaubaren, lassen sich Mechanismen viel klarer erkennen – und jedes noch so kleine Rädchen einzeln betrachten. Wie absurd erscheint so eine tendenziell totalitäre Struktur, und wie gefährlich kann sie für den oder die einzelne werden, wenn die Gedanken der Rebellion keimen, der Flucht und des Ausbruchs. Wie also lässt sich diese Unterdrückung brechen, wie so ein absurder Machtapparat stürzen? Ist Familie nicht selten so ein kleines Orbanistan, ein kleines Putinland, ein New Trump City, in der eine gehorchende Gefolgschaft ihr Tun irgendwann nicht mehr hinterfragt?

Die Sehnsucht, von Nutzen zu sein

Diese Mehrzimmerwohnung, die wie eine Zeitblase erscheint, als wäre man noch hinter dem Eisernen Vorhang, ist über lange Zeit das Versuchslabor für ein straff inszeniertes, messerscharfes Experiment. Zwischen Erniedrigung und frommem Hinterherhecheln erforscht Holtai die Psychologie der Unterworfenen, ihre Beweggründe und ans Stockholm-Syndrom erinnernde Verhaltensweisen, die mit einem ungestillten gesellschaftlichen Bedürfnis einhergehen. Feels Like Home legt all das offen, er behandelt die Wurzel des Übels in all seine Legitimation. Ein irrer Psychokrieg entbrennt, gespickt mit Gift, Galle und psychologischem Stacheldraht.

Ob Zuhause oder Heimatland – was macht das schon für einen Unterschied. In diesem Thriller ist Macht und Gehorsam kein persönliches Eigentum. Diktatoren, seid gewarnt.

Feels Like Home (2025)

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

DAS DÄMONISCHE IN SONGS WIE EVERLASTING LOVE

8/10


Inde Navarrette und Michael Johnston in Curry Bakers Horrorfilm Obsession© 2026 Focus Features LLC


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CURRY BARKER

KAMERA: TAYLOR CLEMONS

CAST: MICHAEL JOHNSTON, INDE NAVARRETTE, COOPER TOMLINSON, MEGAN LAWLESS, ANDY RICHTER, HALEY FITZGERALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Sind Männer mal verliebt, bleibt diese Liebe oftmals unerwidert. Vielleicht, weil so manchen Männern der Mut fehlt, ihrem Gegenüber ihr Herz zu öffnen – aus Angst vor Ablehnung. Zugegeben, die Medaille lässt sich auch umdrehen. Dieses Unterfangen, jemandem seine oder ihre Liebe zu gestehen – damit setzt man sich ungeschützt einer Reaktion aus, die sich jeglicher Kontrolle entzieht.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Doch damit fängt die Liebe an – oder auch nicht. Zumindest lässt sich danach immer schon erhoffte Zweisamkeit leben, oder endlich ein Neuanfang starten, ganz woanders hin. Und dann gibt es die, die nicht akzeptieren wollen, dass, egal wie man es dreht und wendet, das Schicksal nicht manipuliert werden kann, und sind es auch noch so viele Liebesbriefe, Bekundungen und Gesänge unterm Balkon wie bei Romeo und seiner Julia. Die beiden hatten zumindest das Glück, dass sie sich sicher sein konnten, füreinander bestimmt zu sein, wenn schon nicht der Rest der ganzen Sippschaft damit einverstanden war.

Du gehörst zu mir wie dein Name an der Tür

Die Freiheit, in Liebesdingen zu wählen, wie man möchte, ist mancherorts auf dieser Welt immer noch nicht selbstverständlich. Hat man sie, ist das fast schon ein Privileg. Und gilt auch für die Freiheit, Nein sagen zu dürfen. Ein Problem? Nicht mit dem nötigen Zauber. Love Potion No. 9 fällt mir hier ein. Das Elixier der Liebe, mit dem Sandra Bullock 1992 im gleichnamigen Film ihrer Karriere Auftrieb verlieh. Damals war das noch entzückend, mitanzusehen, wie Zuneigungen und Gefühle erzwungen werden. Auch in der Serie Buffy, Staffel 2, Folge 16, kommt der beziehungstechnisch noch recht unbeholfene Xander (Nicholas Brendon) in den Genuss der Unwiderstehlichkeit für das weibliche Geschlecht – was schnell bedrohlich wird.

Mit diesem Schrecken der Obsession gelingt auch spielend einfach die Überleitung zu Curry Barker und seinem neuem Schocker Obsession – Du sollst mich lieben. Wobei hier der Imperativ für beide Seiten gilt. Von der zur Hingabe gezwungenen, magisch veränderten Nikki – oder vom sehnsüchtig und hoffnungslos verliebten Bear (Michael Johnston), der als enorm introvertierter und in Lebenserfahrungen völlig unbeschriebener Underdog nichts lieber hätte als eine Beziehung mit seiner besten Freundin.

I’D Do Anything for Love

Da fällt ihm gerade zur rechten Zeit ein ominöser Gegenstand in die Hände – der Zweig einer magischen Weide, der einen Wunsch erfüllt, wenn man diesen bricht. Und so passiert es dann tatsächlich, obwohl es keiner für möglich hält: Nikki verliebt sich in Bear. Bear kann es kaum glauben, ist aber anfangs auch ganz entzückt – bis die Verliebtheit zur bedingungslosen Liebe und von dieser zum absoluten Wahnsinn mutiert, und dabei so monströse Ausmaße annimmt, die so pointiert serviert werden, dass es einem ab und an aus dem Sitz hebt.

Dabei schließt sich Curry Barker, ebenfalls Youtuber ähnlich wie die Gebrüder Philippou, die mit Filmen wie Talk to Me und Bring Her Back den Horrorfilm auf erfrischende Weise rundumerneuerten, diesem kompromisslosen Trend des intellektuellen Genrekinos an und treibt dabei ein längst bekanntes Thema – nämlich Liebe, Obsession und Eifersucht – nicht nochmal durchs Dorf, sondern krempelt das Topic einfach um.

What is Love – Baby Don’t Hurt Me

Aus einem Liebesthriller wird der gespenstische Albtraum eines jeden Incel, der vor dem Erhofften in Wahrheit aber panische Angst hat. Curry Barker hat dabei so manche Vorbilder eingehend studiert, er weiß genau, wie was am besten funktioniert, um das Unheimliche aus dem Genre der Romanze zu ziehen: die Panik vor dem Valentinstag, vor dem Verlust der individuellen Freiheit, vor dem Quantum an Liebe, die man vielleicht stärker empfindet als der oder die andere.

Mit diesen Ungleichgewichten in einer Beziehung und dem von der Gesellschaft erforderten Soll, was Liebe ausmachen muss, kann Barker arbeiten. Und stellt mit Inde Navarette eine Newcomerin in den Mittelpunkt des Geschehens, die längst bekannte Kolleginnen mühelos an die Wand spielt. Ihre Performance ist so kraftvoll und furchteinflößend, da kann Natalie Grace als besessene Mumie aus Lee Cronin’s The Mummy nur klein beigeben.

Can’t Take My Eyes Off You

Der Horror, der von Nikki ausgeht, ist zumindest augenscheinlich kein Dämon, sondern potenziertes emotionales Verhalten. Dabei zieht Barker vor allem technisch alle Register, was Sound, unnatürliche Bewegungen und vor allem die Lichtsetzung betrifft. Mit Licht kennt er sich aus, das Licht ist neben Navarrettes genialem Spiel die zweite Monstrosität. Ganz besonders weiß er, wie es wirkt, wenn Gesichter im Gegenlicht betrachtet werden; wenn es dabei nicht nur die Silhouette ist, die man sieht, sondern im fahlen Restlicht diffuse Züge, die in unserer Fantasie gerne mal entgleisen. Letztlich spiegelt sich in einer Szene nur das Licht aus dem Zimmer, das wir nicht sehen, in den dunklen Augen Navarrettes – Gänsehaut pur.

Against All Odds

Zwischen diesen gezielt gesetzten, raffinierten Details wendet sich Barker auch vom klassischen Narrativ ab, beschützt letztlich keine seiner Figuren und will auch nichts erklären. Warum auch – dieser Vorhersehbarkeit will sich Obsession – Du sollt mich lieben einfach nicht anbiedern. Damit beweist er, dass vielleicht schon längst durchgekaut scheinende Themen mit dem nötigen Quäntchen an Selbstvertrauen variiert werden und dadurch komplett neu wirken können. Weg vom Erprobten, rein ins Ungewisse. Ganz ohne Beziehungsangst. Oder eben mit.

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

Apex (2026)

AN DIE WAND GESPIELT

7/10


Charlize Theron und Taron Egerton im Netflix-Hit Apex
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, ISLAND 2026

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

DREHBUCH: JEREMY ROBBINS

KAMERA: LAWRENCE SHER

CAST: CHARLIZE THERON, TARON EGERTON, CAITLIN STASEY, BESSIE HOLLAND, MATT WHELAN, AARON PEDERSEN, ZAC GARRED U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Was bedeutet Apex überhaupt? Erstmal hat der Begriff nichts mit „Ape“ zu tun, auch wenn die Assoziation anthropologischer Natur sein mag. Mit Apex meinen die im Internet befindlichen Lexika und Wörterbücher eher „Spitze, Scheitel- oder Höhepunkt“. Naheliegend wäre hier der Gipfel, der Wendepunkt nach dem Aufstieg, nach welchem geübte Kletterer endlich wieder mit beiden Beinen aufsetzen können.

Wer schauspielen will, muss leiden

Oder aber ist damit der Jäger an der Spitze gemeint? Der Apex Predator? Das ultimative Raubtier? Irgendwie scheint hier alles zu passen. Sowohl das eine, als auch das andere. Jedenfalls geht’s dabei an die Grenze, und wie wir bereits aus diversen PR-Terminen und Presseberichten längst wissen: Model und Schauspielerin Charlize Theron, die sich niemals dafür zu schade ist, physisch einiges auszuhalten (ich sage nur: Atomic Blonde), hat die Benchmark auf direktem Wege überwunden. Sie selbst, so sagen die Medien, habe hier einige der Kletterszenen selbst ausgeführt. Des weiteren beweist sie im Canyoning beachtenswerte Geradlinigkeit; kann rennen, stürzen, aufstehen, fallen – alles in einer Tour und mit dem notwendigen Quantum an Ermüdungs- und Erschöpfungserscheinungen, denn Theron will sich schließlich nicht nachsagen lassen, sie wäre der nächste weibliche Jason Statham.

Kalenderbilder mit Redneck-Vibes

Natürlich ist der Star erschöpft. Alleine die sagenhafte Natur des Watarrka Nationalparks im Northern Territory Australiens raubt einem schon den Atem. Balthasar Kormákur weiß, wie er diese schwer zugängliche Gegend einfängt. Dank der Drohnentechnologie sehen wir diese Landschaft aus Blickwinkeln, die, wären wir dort, selbst dann nicht zu sehen bekämen. Somit ist völlig nachvollziehbar, dass sich Protagonistin Sasha, die mit der Verarbeitung eines Bergdramas zu kämpfen hat, während diesem ihr Partner Eric Bana der Gravitation auf tödliche Weise erlag, auch nicht davon abhalten lässt, hier Ruhe und Ausgleich zu finden, als toxisch männliche Hinterwäldler ihr auf gefährliche Art den Hof machen.

Einer von denen scheint aber ganz aufgeräumt zu sein: Taron Egerton als der saloppe Ben – hilfsbereit, motiviert, ein „grader Michel“, wie man so schön sagt. Die Anwesenheit dieses Kerls stimmt Sasha zuerst zuversichtlich, kurze Zeit später aber deutlich weniger. Denn bei so viel Verhaltensperfektionismus inmitten einer von allen vergessenen Wildnis hat irgendwo einen Haken – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, wie sich später herausstellt.

Garstig wie ein Kobold

Was folgt, ist eine Hetzjagd durch die Botanik – und letztlich auch die Senkrechte hinauf und hinunter, sodass die vor Abenteuerlust schweißgetränkten eigenen Handflächen nach Magnesium lechzen. Kormákur versteht sein Genre sowieso schon längst, spätestens seit dem kuriosen Survivaldrama rund um den sogenannten „Walross-Mann“: The Deep aus dem Jahr 2012.

Nach Everest, der Chronik einer Tragödie am höchsten Berg der Welt, ist der Stressfaktor gesetzt: Apex wird wohl ähnlich auf Zug inszeniert sein. Und dabei ist der Antagonist nicht das flache Abziehbild eines aus der Versatzstückschublade hervorgeholten generischen Psychopathen, sondern ein mit gespenstischer Infantilität gesegneter hyperaktiver Bosnigl, der als perverser Kobold wie ein mythologischer Waldgeist den Überlebenswillen einer toughen Survivalistin kitzelt.

Zwischen Motivation und Abschreckung

Ein bisschen wie John Boorman, und manchmal auch wie Renny Harlins gewaltiger montaner Stirb Langsam-Reißer Cliffhanger: Kormákur hat die Plausibilität auf seiner Seite, es setzt auf psychologischen Terror und erbarmungslose Natur, die zwischen Gut und Böse einfach nicht unterscheiden will. Dieses exponierte Ausgesetztsein inmitten üppiger kontinentaler Schönheit reizt den Couchpotato genauso wie den Aktivsportler, der es kaum erwarten kann, sich selbst herauszufordern. Für Netflix also die beste Sorte Film für den Frühsommer.

Apex (2026)

Send Help (2026)

ENTMANNUNG UNTER PALMEN

5/10

 

© 2025 20th Century Studios. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: SAM RAIMI

DREHBUCH: DAMIAN SHANNON, MARK SWIFT

KAMERA: BILL POPE

CAST: RACHEl MCADAMS, DYLAN O’BRIEN, EDYLL ISMAIL, XAVIER SAMUEL, CHRIS PANG, THANETH WARAKULUKROH, DENNIS HAYSBERT U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Wäre Send Help nicht von Sam Raimi, sondern von zum Beispiel Boris Dagtekin im deutschsprachigen Raum entstanden, hätten wir wohl als chauvinistischen Business-Lackaffen Matthias Schweighöfer auf der einen Seite und auf der anderen wohl Anke Engelke. Dagtekin hätte mit seiner Geschlechterkampf-Inselromanze Türkisch für Anfänger ja schon ein bisschen Survival-Luft geschnuppert, da hätte er auch noch mühelos eins draufsetzen und das Inselfeeling zum Horror mutieren lassen können – wie es eben Sam Raimi nun getan hat, der Dämonenhorror-Veteran schlechthin. Tanz der Teufel zählt ja bis heute zu seiner größten Nummer – mal abgesehen von Spider Man, der zwar ein Kassenerfolg war, aber längst nicht so innovativ wie die Cabin in the Woods-Sause, in der das Böse wirklich keinerlei Gefangenen macht.

Crusoe und Freitag, der 13te

Nicht ganz unwesentlich an diesem Kult beteiligt war und ist wohl Raimis Methode der virtuosen Kamera, die wie vom wilden Affen gebissen im First View durch die Botanik prescht und kompromittierende Close Ups reinschneidet, als wäre man sturzbetrunken. Diesen visuellen Wahnsinn will Raimi nochmal genießen – und verbrät ihn in seinem neuen Inselwahnsinn, den eben auch Boris Dagtekin filmen hätte können, mit Schweighöfer und Engelke. Hier aber haben wir den smarten, aber relativ unscheinbaren Dylan O’Brien – und die ganz bewusst zur Außenseiterin überzeichnete, militant-nerdige Rachel McAdams mit Majo im Mundwinkel, Flohmarktfummel und fettigen Haaren. Klar, man soll ja nie nach dem Äußeren gehen. Sehr wahrscheinlich ist Linda Liddle ein herzerwärmend guter Mensch und sowieso sozial integrer als all die andern vorwiegend männlichen Management-Schnöseln, die hier, mit Sebastian-Kurz-Frisur, Slimfit-Anzügen und unauthentischer Jovialität nur so tun als ob und in Wahrheit das Schlimmste von Linda denken, ganz ungeachtet ihrer beruflichen Vorzüge. Was Dylan O’Brien als ihr frischgebackener Yuppie-Boss nicht weiß: Linda liebt Survival-Shows wie andere ihre Hauskatze. Und was er auch nicht weiß: Die Geschäftsreise per Privatjet mitsamt Linda im Schlepptau endet in einem Worst-Case- Szenario. Das Flugzeug stürzt ab, das tosende Meer spült aber lediglich ihn und die ungeliebte Assistentin an den Strand. Was von da an passiert, ist nichts, was das bisher etablierte Machtgefälle noch unterstützen würde. Hier, im Nirgendwo, dreht sich der Spieß ungefähr so um wie bei Cathy Bates und James Caan in Stephen Kings Misery.

Fast-Romanze mit Eber

Nur ist O’Briens Figur kein begnadeter Schriftsteller, sondern einfach nur ein Arschloch. Und Rachel McAdams – nun, ihre Möchtegern-Insulanerin, nimmt im Laufe dieser schwarzhumorigen Robinsonade immer psychopathischere Züge an, sodass einem der Yuppie-Jungspund langsam leid tun könnte. Doch leider kommt es so, dass sich Raimi in dieser schnell ausgereizten Dynamik zwischen den beiden verliert – und, wie das bei Flugzeugen und Luftlöchern so ist – zwischendurch immer wieder etwas absackt. Es ist, als würde Send Help, wenn man die Handlung einfach laufen lassen würde, ganz andere Wege gehen wollen als Raimi das vorhat. Dabei geht es meistens nur um Minuten, in denen der alte Regie-Hase zu spät reagiert – und schon hat man als Zuseher den Eindruck, die Szenerie gefällt sich letztlich dann doch als Screwball-Romanze mit Halali-Elementen wie dem Erlegen eines aus der Herkules-Sage geklauten Erymanthischen Ebers.

Nein, so will es Raimi aber nicht – er will, dass sich alle an seinen Tanz der Teufel erinnern, deswegen grätscht er mit reminiszierender Kamera und perfiden Gewaltspitzen immer wieder in den Flow – und biedert sich am Ende dann doch einem wie Ruben Östlund an, der mit Triangle of Sadness genau die gleiche Prämisse, einen ähnlichen Plot (nur mit schmuckem Ensemble) und einen erschreckend identen Storytwist bietet. Alter Schwede, dürfte sich Raimi wohl gedacht haben: Sowas mach ich auch.

Send Help (2026)

28 Years Later: The Bone Temple (2026)

CHILLOUT MIT DEM ZOMBIE

7,5/10


© 2025 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: NIA DACOSTA

DREHBUCH: ALEX GARLAND

KAMERA: SEAN BOBBITT

CAST: RALPH FIENNES, JACK O’CONNELL, ALFIE WILLIAMS, ERIN KELLYMAN, EMMA LAIRD, MAURA BIRD, ROBERT RHODES, SAM LOCKE, GHAZI AL RUFFAI, CONNOR NEWALL, CHI LEWIS-PARRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Da wurde doch in den sozialen Medien die Vermutung geäußert, 28 Years Later: The Bone Temple würde deswegen so ein mieses Einspielergebnis eingefahren haben, weil mehr als nur einigen potenziellen Besuchern wohl nicht ganz klar gewesen war, dass das Sequel des Sequels des Sequels von 28 Days Later eine völlig neue Episode darstellt, und nicht einfach nur nochmal ins Kino gebracht wurde, weil der letzte Teil erst letzten Sommer über die Leinwände gerauscht war. Ein Fehler der Studios – nämlich zwei Filme ungefähr gleichen Titels im Halbjahresrhythmus ins Kino zu bringen? Tatsächlich könnte das die Ursache sein. Um wirklich als eigenständiges neues Kapitel eines Franchise angesehen zu werden, hätte es eine längere Pause gebraucht, zumindest ein Jahr oder im besten Fall sogar zwei. Bei Kill Bill war zumindest ein Jahr dazwischen, doch bei Quentin Tarantino gibt es wohl deutlich mehr Zuseherinnen und Zuseher, die sich, würden sie es missverstehen, gerne nochmals in jenen Film begeben würden, den sie schon mal gesehen hatten.

Wo die müden Knochen ruhen

Für 28 Years Later: The Bone Temple tut es mir leid, dass es soweit hat kommen müssen, vor allem deswegen, weil dieser brandneue Output eindeutig der bessere Film ist. Weniger zerfahren, weniger unentschlossen, doch nicht weniger spiel- und improvisationsfreudig. Man muss nur Ralph Fiennes beim Tanzen zusehen, auf seinem Hügel, vor seinem Ossarium, einem gewaltigen postapokalyptischen Weltwunder, das garantiert in den postapokalyptischen Reiseführern stehen würde, wäre Gerard Butler in der Endzeit wiedermal unterwegs, um seine Familie zu retten. Dieses Bauwerk dürfte, zumindest sieht es danach aus, wohl kaum mit CGI generiert worden sein, muss der Point of Interest doch so realistisch wie möglich aussehen. So würde selbst ich gerne durch diesen Knochenwald schlendern, doch wen die Sehnsucht nach Verblichenen einfach nicht loslässt und wer 28-Years-Vibes selbst verspüren will, der kann zumindest ins tschechische Sedlec reisen, um dort die Knochenkirche in Kutna Hora zu bewundern, mit 40.000 menschlichen Skeletten. Sogar einen prachtvollen Luster gibt es dort – den hatte sich Ralph Fiennes als Dr. Kelson wohl zu Weihnachten gewünscht.

Dafür muss er den Teufel höchstselbst mimen, für den windigen und psychopathischen Jeremy (Jack O’Connell), der eine Gang anführt, deren Mitglieder alle Jeremy heißen. Und die mit anderen Überlebenden gerne Spielchen treiben, zuungunsten der Beteiligten, denn die verlieren schlimmstenfalls ihre Haut. Im Schlepptau der Satanisten befindet sich notgedrungen Spike, der Jungspund aus 28 Years Later, und Filmsohn von Aaron Taylor-Johnson, der es nicht in die Fortsetzung geschafft hat. In ihren Trainingsanzügen, mit den blonden Perücken, den aus Schuhwerk umgebastelten Masken – wie die Gang des milchtrinkenden Alex aus Uhrwerk Orange ziehen diese Fanatiker, deren Überzeugung steht und fällt mit jener ihres Anführers, durchs verwüstete Land und hinterlassen Tod und Zerstörung. Bis sie auf Dr. Kelson treffen. Und der hat währenddessen auch alle Hände voll zu tun, nur auf deutlich konstruktivere Weise. Ihm zu Seite steht schließlich ein Zombie namens Samson, der mithilfe eines Cocktails an Substanzen tatsächlich wieder so etwas wie ein Ich-Bewusstsein erlangt.

Wie untot ist die Apokalypse?

Friede, Freude, Eierkuchen in Zombieland? Ja tatsächlich, diese Szenen, wenn Ralph Fiennes mit dem an Jason Momoa erinnernden Zombie-Hünen Ringelreier tanzt und beide gemeinsam völlig zugedröhnt so manchen Himmelskörper betrachten; während dazu schmucke Hadern aus den Siebzigern ertönen und die Welt wieder Hoffnung schöpft, weil es hier deutlich mehr Annäherungen gibt als im Kalten Krieg, dann ist das der Sprung ins kalte Wasser an hitzegeplagten Sommertagen, wenn die Energie deutlich nachlässt. Mit dieser Erzählung weigert sich Autor Alex Garland ein weiteres Mal, in der Schablonenkiste zu wühlen, um immer wieder nur dasselbe zu erzählen, was man bei Zombiefilmen erzählen kann. Ich weiß zwar nicht, was es in The Walking Dead alles für Ansätze zur Berichterstattung über die Untotenapokalypse gegeben hat – ich weiß aber, was bislang im Kino so alles dargeboten wurde, und da ist zugegeben wenig dabei, was den Gegebenheiten in diesem Film auch nur irgendwie gleicht. Versöhnung, Hoffnung, Anbahnung an ein lebenswertes Danach, das wird unterwandert vom Verlust an dem Glauben an das Gute, verbunden mit ungestraftem Anarchismus und einem Bewusstsein für die Seelen der Toten.

Neben der Spur ist am richtigen Weg 

Memento Mori, meint Ralph Fiennes immer wieder. Deutlich oranger als Donald Trump, dafür aber um ganze Staatenbünde weiser, personifiziert Ralph Fiennes den Humanismus in Reinkultur. Jack O’Connell hingegen ist das Destruktive, Dunkle. Wieder haben wir die Dualität, die selbst in diesen Zeiten ihre Anhänger finden muss, um eine Balance zu wahren. Mit diesem Tiefgang kann Nia DaCosta einiges anfangen – und versetzt ihre Regiearbeit mit einem verstörenden Härtegrad. Die Gewalt in 28 Years Later: the Bone Temple ist nichts für Zartbesaitete, hier geht es deftiger zu als beim Vorgänger. Gleichzeitig aber spinnt diese Geschichte so viele feine Fäden, dass sich beides ergänzt und nichts davon zum Selbstzweck gerät.

DaCostas Film ist eine beachtenswerte Fortsetzung, dialogbereit und bewusst neben der Spur. Diese Abkehr vom Bewährten, dieses Hinterfragen von Werten in einer Welt ohne selbige bringt effektiv und mitunter auch so spektakulär wie reduktionistisch ihre Ansätze zu möglichen Antworten auf den Punkt.

28 Years Later: The Bone Temple (2026)

The Housemaid – Wenn sie wüsste (2025)

DAS ZAHNPASTALÄCHELN DER NEUREICHEN

8/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: PAUL FEIG

DREHBUCH: REBECCA SONNENSHINE, NACH DEM ROMAN VON FREIDA MCFADDEN

KAMERA: JOHN SCHWARTZMAN

CAST: SYDNEY SWEENEY, AMANDA SEYFRIED, BRANDON SKLENAR, INDIANA ELLE, MICHELE MORRONE, ELIZABETH PERKINS, MARK GROSSMAN, HANNAH CRUZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Zugegeben, die Erwartungshaltungen waren nicht sehr hoch und hatten sich bereits justiert, als ich mich fragen musste, wer oder was denn ein BookTok sei. Nun, nettes Wortspiel: ein Book Talk, was denn sonst, und zwar auf TikTok, einer Plattform, die ich nicht nutze. Hat man mal das Glück, als Autorin oder Autor hier Leute zu finden, die dein Werk besprechen und es dabei auch in höchsten Tönen loben, hat man bereits ausgesorgt. Wie gut man auf Social Media Werbung machen kann, zeigt nun die Verfilmung eines auf dem Zenit des Zeitgeistes befindlichen belletristischen Thrillers, der auf den ersten Blick so scheint, als wäre er gefällige Massenware mit allen Parametern, die notwendig sind, um vor allem Young Adult-Leserinnen zum e- oder Analogbuch greifen zu lassen.

Man könnte meinen, Thriller wie diese gibt es wie Sand am Meer. Geht man in die Buchhandlung, kippt man aus den Schuhen angesichts der Tatsache, wie sehr sich so mancher generische Titel auf irgendeinem Paperback jenem danebenliegenden auf den Trendtischen nahe des Eingangs gleicht. The Housemaid – Wenn sie wüsste: Wie seifenopernhaft kann dieses Buch, und auch der Film, nur sein?

Sex, Eifersucht, Geheimnisse – alles da

Ich habe mich dennoch darauf eingelassen, schließlich schätze ich auch generische Actionfilme, generische Science Fiction, einfach mal so zum Drüberstreuen aus Ermangelung anderer Genre-Formate, die nicht und nicht daherkommen, weil sich die Produktionen selbiger verschleppt haben. Ein Thriller für Zwischendurch – mal sehen, was diesen Trend und diesen Hype eigentlich begründet. Dabei haben wir zum einen Amanda Seyfried in der Besetzungsliste. Die junge Dame ist längst mainstreamerprobt und kann auch auf so manchen Psychothriller in ihrem Repertoire zurückgreifen, zum Beispiel Things Heard & Seen um paranormale Begebenheiten im neu bezogenen Eigenheim.

Seyfried gibt das exaltierte „Desperate Housewife“ Nina, die ganz dringend für den Haushalt und Töchterchen Cecilia ein Hausmädchen benötigt. Einen guten Geist des Domizils sozusagen, der von Bodenschrubben bis hin zu Kochen und sowieso allem, was im Haushalt zu tun ist, alles mit Leichtigkeit übernimmt und obendrein noch den Nachwuchs sittet. Dafür wohnt sie auch in diesem stattlichen Gemäuer dieser neureichen Haute Volee-Familie, während Göttergatte Andrew, ausgestattet mit allem, was schon MacDreamy hatte und einem Zahnpastalächeln, für das man gerne des Öfteren zum Dentisten geht, den charmanten Frauenversteher gibt. Ein solcher bleibt stets gelassen, während Nina, die zuvor mit wenig authentischer Überschwänglichkeit Sidney Sweeneys Figur der Millie in ihr Herz geschlossen hat, nur Tage später als unerbittliche Furie die neue Angestellte zur Sau macht.

Irgendwas ist hier faul in diesem Haus, mit diesen Leuten, mit diesen veröffentlichten Biographien selbiger. Vielleicht stimmt auch was mit Sidney Sweeney nicht? Schließlich hat sie ihr Curriculum Vitae geschönt, indem sie verschwiegen hat, dass sie frisch aus dem Knast kommt, wo sie wegen Totschlags lange Zeit einsaß.

Türspaltbreit fällt Licht ins Dunkel

So gefällig The Housemaid – Wenn sie wüsste in seiner Aufmachung auch sein mag: Gelungen ist dabei ein kleines Filetstück der filmischen Suspense. Auf eine Weise, die so mancher Meister des Genres wohl nicht besser hinbekommen hätte. Paul Feig, der schon Blake Lively und Anna Kendrick in Nur ein kleiner Gefallen auf augenzwinkernde Weise ins Spiel der Schatten befördert hat, setzt diesem Mysterium um Identität und Wahrheit noch eines drauf. Autorin Freida McFadden wird in ihrem Buch schon punktgenau hinters Licht geführt haben. Wie man das macht, ist eine Sache. Wie man diese Geheimnisse auch auf der Leinwand würdig umsetzt, eine andere. Das Timing ist hier der Punkt. Auch die Dosis der Dinge, die langsam ans Licht kommen, eine Herausforderung, für die man Fingerspitzengefühl braucht. Jedes Detail muss stimmen, nichts darf banal erscheinen oder unglaubwürdig. Nichts zu dick aufgetragen. Was zeige ich also, was zeige ich nicht? Und vorallem: Wann eröffne ich die ganze kaputte Wahrheit?

Twist and Shout!

The Housemaid macht dabei wirklich alles richtig. Und schüttelt dabei in der zweiten Halbzeit seine Asse aus dem Ärmel. Aus dem Psychospiel wird eine hochgradig feministische Groteske, die nach Genugtuung schreit und sich sofort dafür instrumentalisieren lässt, gesellschaftlich prekäre Zustände, mit denen wir uns derzeit herumschlagen müssen, mit streitsüchtiger, selbstbewusster Vehemenz in die Gosse zu treten. Wie Feig das arrangiert, ist so kurios wie bizarr. Die schleichende Mystery wird zum blutigen Duell, wie es das seit dem Rosenkrieg nicht mehr gegeben hat. Viel mehr zu verraten, davor möchte ich mich hier an dieser Stelle in Acht nehmen. Denn gerade das Wechselspiel der Vermutungen sollte nicht gestört werden, macht es doch einen Riesenspaß, die Dinge zu deuten.

Was vielen Filmen dieser Art passiert, ist, nachdem die Katze aus dem Sack gelassen wurde, den Rest der Geschichte dramaturgisch schleifen zu lassen. In The Housemaid – Wenn sie wüsste aber wird die Wahrheit erst zum Turbo Boost für bitterbösen Indoor-Thrill, der keine Sekunde langweilt, der so spannend ist, dass man an den Nägeln kaut, und bei dem man mitfiebert, als wäre man bei einem Spiel seiner Lieblingsmannschaft welcher Sportart auch immer. The Housemaid – Wenn sie wüsste überrascht, weil man die Virtuosität nicht kommen sieht und alle Antennen auf Mittelmaß ausgerichtet sind. Dem aber ist Feigs gar nicht feige „Ecstasy of Feminism“, frei nach Sergio Leones Mexican Standoff am Ende von The Good, the Bad and the Ugly, wirklich und wahrhaftig erhaben. Tja, wenn wir wüssten!

The Housemaid – Wenn sie wüsste (2025)

Der Tiger (2025)

IM PANZER HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10



© 2025 Amazon MGM Studios


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, TSCHECHISCHE REPUBLIK 2025

REGIE: DENNIS GANSEL

DREHBUCH: DENNIS GANSEL, COLIN TEEVAN

KAMERA: CARLO JELAVIC

CAST: DAVID SCHÜTTER, LAURENCE RUPP, LEONARD KUNZ, SEBASTIAN URZENDOWSKY, YORAN LEICHER, TILMAN STRAUSS, ANDRÉ HENNICKE, ARNDT SCHWERING-SOHNREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Kriegsfilme sind so eine Sache. Leicht ist es passiert, und das ganze Szenario gerät verherrlichend, chaotisch oder in Anbetracht der Wahl der Protagonisten durchaus problematisch. Wenn Feuergefechte, Explosionen, Schießereien und massenhaft Tote in Summe zu Kriegsaction werden, kann vielleicht einer wie Chuck Norris oder Sylvester Stallone damit klarkommen. Mittlerweile ist diese Art von Actionfilm ohne begleitender Metaebene obsoleter und regressiver als sonst wie.

Suicide Squad im Russlandkrieg

Krieg ist ein Übel, die im Krieg Befindlichen arme Schweine, schuldlose Opfer oder – wie General Kurtz aus Apocalypse Now – psychotische Fanatiker, die Krieg einzig zu dem Zwecke betrachten, einst zugestandene Macht auszuüben. Die armen Schweine, die sichtlich keine andere Wahl hatten, als an die Front zu gehen, weil sie sonst, wie im Fall Jägerstätter (Ein verborgenes Leben), am Schafott ihr Leben gelassen hätten, während im Kriegseinsatz die Hoffnung, zu überleben, nicht sofort gestorben wäre, sind vor allem in den Filmen rund um den ersten und zweiten Weltkrieg jene Sorte von Mensch, um den es auch hier geht. In Der Tiger ist die Besatzung eines Panzers selbiger Klasse alles andere als freiwillig im Einsatz, haben die doch vor dem Krieg ganz andere Leben geführt. Der eine war Winzer, der andere Lateinprofessor, wieder ein anderer überhaupt erst mit der Schule fertig. Nun aber, weit entfernt von daheim, im Jahre 1943, nachdem die Schlacht von Stalingrad dem Deutschen Reich eine verheerende Niederlage beschert hat, muss die Crew jenseits der Frontlinie eine Person ausfindig machen: Major von Hardenberg – Panzerkommandant Gerkens scheint ihn nicht nur zu kennen, sondern auch eine Rechnung offen zu haben. Welche genau, bleibt lange unklar. Dieses Mysterium gerät auch zu einer Methode, den Film von Philipp Gansel (u. a. Die Welle) mehr sein zu lassen als nur ein martialischer Kriegsfilm. Dieses Vage, Unklare, diese Fahrt ins Nichts – natürlich erinnert der Plot in seinen Grundzügen an Francis Ford Coppolas unnachahmbarem Meisterwerk. Dort, im kriegsgebeutelten Vietnam, reist Martin Sheen mit seinem Team den Mekong hinauf, um General Kurtz zu finden, irgendwo im Dschungel. Was er entdeckt, ist längst Filmgeschichte. Hier sitzen die auf Mission Befindlichen in einem Kettenfahrzeug aus Stahl und durchqueren russische Wildnis, stets im Ausnahmezustand, und stets Gefahr laufend, den Feinden in die Hände zu fallen.

Wir sind keine Helden

Philipp Gansel konzentriert sich dabei weniger auf akkurat gefilmte Gefechtsszenen. Es geht auch weniger darum, Geschichte aufzuarbeiten oder gar Helden zu ermitteln. Die gibt es nicht, und es gibt auch kaum Geschichte. Die versteckt sich auf den Uniformen als vages Hakenkreuz unter aufgesticktem Reichsadler. Letztlich rückt der Feind, der, in vielen anderen Kriegsfilmen, vorzugsweise der amerikanischen, den gesichtslosen Schwarm-Antagonisten markiert, in den psychosozialen Fokus eines Kriegsdramas, das nicht zwingend in Stalingrad hätte spielen müssen, sondern fast schon universell funktioniert. Ähnlich hielt es Wolfang Petersen mit seinem Frühwerk Das Boot – und machte daraus einen nervenzerrenden Survivalthriller, der die Entbehrungen jedes einzelnen ganz im Sinne eines Antikriegsszenarios als letztlich sinnlos erachtet.

Wenn der Abgrund den Blick erwidert

Der Tiger funktioniert ähnlich – und je weiter das Kettenfahrzeug vordringt, umso mehr entfernt sich der Film von seinem Genre, um auf anderer Ebene weiterzuspielen – auf der Ebene eines mit Mystery-Elementen angereicherten Psychothrillers. Zugegeben, eine Ahnung hatte man schon zuvor, dass nichts hier mit rechten Dingen zugehen dürfte. Diese Wende, diesen Twist, den haben Filme wie Fury – Herz aus Stahl zum Beispiel nicht. Das Werk von David Ayer ist geradlinige Kriegsfilmkost: hart, schmutzig, ungeschönt, wie sich Krieg eben anfühlen muss. Gansel setzt aber noch eine Dimension drauf, und schickt seine Verlorenen in ein gespenstisches Fegefeuer, in die seltsame Stasis einer Zwischenwelt der letzten Worte, möglicher Gedanken und alternativer Taktiken. Laurence Rupp, David Schütter und Sebastian Urzendowsky lassen in ihrem Spiel sehr viel Nähe zu – dadurch wird der Trip zwischen Leben und Tod zu einem schmerzlichen, nihilistischen Brocken rettungsloser Verdammnis.

Der Tiger (2025)

Herz aus Eis (2025)

IM BANNE DES IDOLS

7/10


© 2025 Filmgarten


ORIGINALTITEL: LA TOUR DE GLACE

LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ

DREHBUCH: LUCILE HADŽIHALILOVIĆ, GEOFF COX

KAMERA: JONATHAN RICQUEBOURG

CAST: MARION COTILLARD, CLARA PACINI, AUGUST DIEHL, GASPAR NOÉ, MARINE GESBERT, LILAS-ROSE GILBERTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN



Wenn Oscarpreisträgerin Marion Cotillard das Set betritt, friert ringsherum die ganze Belegschaft ein. Bei dieser Divenhaftigkeit sehen sogar Liz Taylor und Angelina Jolie blass aus. Denn die Französin gibt hier den Inbegriff einer erhabenen Schauspielikone, die aus unerfindlichen Gründen so viel Einfluss und Macht besitzt, dass alle anderen vor ihr buckeln. Natürlich stellt sich die Frage, wieso man mit so jemandem die sowieso schon mühsamen Produktionsabläufe eines Filmdrehs erschweren muss – doch Filmstar ist eben Filmstar und sollte alle Erschwernisse mit der Wirkung aufs Publikum wieder wettmachen. Cristina, so nennt sich Cotillard im Film, ist Königin des Kinos und Königin in diesem Märchen, das in Herz aus Eis gerade nachgestellt wird. Dabei handelt es sich um eine relativ werkgetreue und man möchte fast schon sagen biedere Adaption der Geschichte von Hans Christian Andersen: Kunstschneelandschaften, graublauer Winterhimmel, in der Mitte des Szenarios ein Turm als Palast der eiskalten Adeligen, die unbedarfte Kinder bezirzt, um sie in ihr Refugium einzuladen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. Dieser Schneekönigin wollen sich alle unterwerfen, weil sie strahlt bis über alle Maßen.

Ein Märchen wird real

Das sieht auch das Waisenmädchen Jeanne so, die genug hat von ihrem ereignislosen Leben im Heim und über Berge und Täler wandert, um in der Stadt nach ihrem Idol zu suchen, nach Andersens glitzernder Figur. Das Schicksal will es, dass die Kleine durch Zufall an besagtes Filmset gerät, auf welchem sie Bekanntschaft mit dieser aparten Diva macht, die Jeanne von oben herab als ein Individuum wahrnimmt, das ihr vollends verfällt. Diese Unterwürfigkeit, Abhängigkeit, dieses Schmachten nach der Gunst einer Königin sowohl in der realen als auch in der inszenierten Welt, beschert Cristina einem Vampir gleich Nahrung und folglich Vitalität, lässt sie größer erscheinen und in ihrer Machtgier wachsen. Jeanne schlittert immer mehr in eine ungesunde Abhängigkeit, die so weit geht, dass die Diva bald alles von ihrem Günstling verlangen kann. Vielleicht sogar den Tod.

Hörigkeit und Missbrauch

Andersens Märchen über Abhängigkeit und Machtmissbrauch fährt unter der Regie von Gaspar Noés Lebensgefährtin Lucile Hadžihalilović auf zwei Ebenen dahin – erstens ist es die im Film stattfindende konventionelle Inszenierung des Klassikers, andererseits hebelt die Dimension, in dem der Filmdreh und die Beziehung zwischen Kind und Erwachsener stattfinden, die Kernaussage der Parabel nochmal aus, um sie an diesem erschütternd düsteren Beispiel eines Missbrauchs anzuwenden. Wie der Pakt mit dem Teufel fühlt sich dieser Weg in die Finsternis an, an welchem es schon bald einen Point of No Return geben könnte. Doch Herz aus Eis (im Original The Ice Tower) sieht in dem jungen Mädchen eine Protagonistin, die nicht auf einen Weg in die Verdammnis, sondern in die Erkenntnis geschickt wird. Das moralische Leuchtfeuer ist in dieser filmischen, klirrend kalten Winternacht unschwer zu erkennen, und auch Jeanne kann es wahrnehmen, wenn auch anfangs nur vage, weil die Verlockungen der Königin allzu betörend sind.

Ein Film wie eine Winternacht

Hadžihalilovićs Film ist langsam, schleichend und sperrig. Als wären es Bruchstücke einer zu Boden geschmetterten Eisskulptur, setzt die Filmemacherin diese Mär zu einem gespenstischen Mosaik zusammen, das nicht ganz passt, weil dazwischen Elemente fehlen, die den Erzählfluss geschmeidiger machen könnten. Doch genauso scharfkantig wie Eissplitter und so schneidend wie Kälte ist dieses Tauziehen zwischen Macht und Ohnmacht aus Bruchstücken zusammengesetzt. Das Fragmentarische lässt die Geschichte wie ein Traum in einem Traum wirken, bedrohlich entrückt und schwer rekapitulierbar. Kann sein, das manchen Herz aus Eis zu träge erscheint, doch diese Schwermut hat ihren Zweck. Als Winterschlaf eines heimatlosen Individuums, in dem selbiges einer Willkür erliegt, lässt sich diese Vision betrachten. Der Wunsch, Jeanne möge erwachen, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Cotillard als die Mächtige scheint dabei als ewig existierende Entität dem Kind auf unbewusste Weise zu lehren, sich im Leben zurechtzufinden und Gefahren zu erkennen.

Herz aus Eis ist das magische und zugleich ungefällige Konstrukt eines sozialen Gleichnisses, fast schon jenseits der Spielwiesen von Politik und Showbusiness und universell zu betrachten. Jungschauspielerin Clara Pacini begegnet in ihrem zerbrechlich-sinnlichen Spiel der längst versierten Cotillard auf Augenhöhe – beiden gelingt in ihrem schleichenden Duell, das Eis dieser fröstelnden Sachlichkeit aufzubrechen. Der Funke flackert spät, aber doch. Und klingt nach wie manches Märchen, dessen Metaebene man als Kind nur unbewusst mitgenommen hat. Um es dann, im Unterbewusstsein, reifen zu lassen.

Herz aus Eis (2025)

Black Phone 2 (2025)

KEIN ANSCHISS UNTER DIESER NUMMER

5/10


© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: SCOTT DERRICKSON

DREHBUCH: SCOTT DERRICKSON, C. ROBERT CARGILL, NACH DER KURZGESCHICHTE VON JOE HILL

KAMERA: PÄR M. EKBERG

CAST: MADELEINE MCGRAW, MASON THAMES, ETHAN HAWKE, JEREMY DAVIES, MIGUEL CAZAREZ MORA, DEMIÁN BICHIR, ARIANNA RIVAS, MAEV BEATY, ANNA LORE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



Was war Scott Derricksons paranormaler Serienkillerthriller nicht für ein akkurater Filmleckerbissen, dahingleitend auf der Mystery-Schiene des Horror-Genres: Ein schwarzes Telefon im Keller eines Psychopathen, das, längst nicht mehr ans Netz angeschlossen, schauderhaft oft die Nerven des entführten Mason Thames kitzelt. Speziell in einem Punkt macht The Black Phone die erfrischende Wende: Nicht die Geister sind es diesmal, die die Lebenden quälen. Sie unterstützen diese, um der Bestie Mensch das Handwerk zu legen. Der von Thames verkörperte Finn ist der letzte einer ganzen Reihe ermordeter Kinder, die noch gar nicht wissen, dass sie überhaupt gestorben sind. Als spukhafte Vision manifestieren sie sich vor den Augen des Entführten und in den Visionen von dessen Schwester, die, daheim um ihren Bruder bangend, als Medium Hinweise genug erhält, um den Ort des Verbrechens letztlich ausfindig zu machen. Derricksons geradliniger Nägelbeisser besitzt ganz schön viel Atmosphäre, hat eine originelle Optik und das Herz am rechten Fleck. Zwar gerät die Sache ganz schon düster, doch letztlich ist The Black Phone zwar kein Feel Good-Horror, aber immerhin ein Feel-Better, je mehr sich die Dinge zuspitzen. Der verzweifelte Kampf Kind gegen Killer, der noch dazu eine so schaurige Maske trägt, weil sich die Mimik darauf auf geheimnisvolle Weise ändert, lässt sich wohl kaum eins zu eins auf ein Sequel übertragen, ohne dass sich dieses den Vorwurf gefallen lassen muss, einfach nur das Erfolgsrezept des Erstlings zu kopieren.

Ist so kalt der Winter

Eben da muss etwas Neues her. Oder eben etwas Altes, neu aufgegossen. Wie zum Beispiel die Idee von einem Psychopathen, der es geschafft hat, den Tod zu überwinden, um in den Träumen anderer aufzutauchen. Natürlich drängt sich da Nightmare – Mörderische Träume mit Antagonist Freddy Krüger auf, der sich mit gesottenem Gesicht, rotgrün gestreiftem Pulli und Klingenfingern durch die Träume argloser Teenies metzelt. Gut kopiert wird fast schon zum Original? In Black Phone 2 kehrt Ethan Hawke wieder zurück, doch anders als Freddy hat der Greifer nur dann freie Fahrt, wenn das Opfer den sechsten Sinn hat. In diesem Fall steht die Schwester des aus Teil eins entführten Finn im Mittelpunkt. Visionen von übel zugerichteten Kindern, die  Jungschauspielerin Madeleine McGraw in ein tief verschneites Wintercamp nach Colorado locken, machen bald deutlich, dass der totgeglaubte „Greifer“ noch lange keine Ruhe findet. Und seit Shining wissen wir: Die Isolation eines Ortes durch Schnee und Eis, diese für einen Thriller dramaturgisch eingegrenzte Spielfläche, auf der nur wenige Parameter über Sieg und Niederlage entscheiden, funktioniert als wohlige Zutat fast schon unter Garantie. Umso bedauerlicher, wenn die Story, die sich in dieses Setting zwängen will, plötzlich deutlich zu viel will.

Albträume in Super 8

Was an Black Phone 2 in Erinnerung bleibt, ist der Sound. Wenn Madeleine McGraw träumt, kippt die Geräuschkulisse in ein unheimliches Rauschen, Knistern und Knacken, der Bildstil gefällt sich als einer, den man von den Super 8-Filmen aus der Frühzeit des Home-Videos kennt. Schaurig ist das ausiovisuelle Experimentieren allemal, wenngleich Verpackung nicht alles ist. Um anders zu sein als das Original, erfinden Derrickson und  C. Robert Cargill ein bemühtes, komplexes Szenario und ziehen dabei die ganze Familie der Protagonisten mit hinein – inklusive Vergangenheitsbewältigung und jeder Menge Cold Case-Fälle, die der Reihe nach auftauen. Der gemeinsame Nenner von allem ist besagter Greifer, der plötzlich mehr ist, als er jemals war. Eine Figur wie diese braucht aber keine Biografie, sie nimmt ihr so manches Mysterium. Das Grauen, das in The Black Phone noch nach dem Zufallsprinzip zuschlägt, erhält in seiner Fortsetzung zu viel an Vorbestimmung und kollektiver Bewältigungspflicht, zu viel des Phantastischen und eine aufgesetzte Mystery, die nicht nur unter der Anstrengung leidet, den direkten Erzählfluss des Vorgängers beizubehalten, sondern sich selbst im Streben nach Originalität deutlich verkopft und verkonstruiert. Da helfen auch immer wieder die gleichen Visionen aus Blut und entstellten Gesichtern nichts, auch nicht Hawkes üppige Zombie-Visage. All das ist nur noch Brimborium mit zu vielen Charakteren, die alle wichtig sein und dem genre-eigenen Credo „Keep it simple“ nicht zuhören wollen. Was bleibt, ist der kämpferische Drang des Guten, dem Bösen die Leviten zu lesen. Die gesunde Wut auf den „Greifer“ ist nach wie vor befreiend – der Rest engt sich zu sehr selbst ein.

Black Phone 2 (2025)