Guru (2025)

IM ZUCKERHOCH DER BÜHNENPREDIGT

7/10


Pierre Niney als Life Coach in Guru
© 2925 Jerome Prevois / Studiocanal


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: YANN GOZLAN

DREHBUCH: YANN GOZLAN, JEAN-BAPTISTE DELAFON

KAMERA: ANTOINE SANIER

CAST: PIERRE NINEY, MARION BARBEAU, ANTHONY BAJON, CHRISTOPHE MONTENEZ, HOLT MCCALLANY, LEANNA CHEA U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es tut so gut, kluge Reden zu hören

Bei Ernährungscoaches hört man stets folgendes Leitmotiv: „Du bist, was du isst“. Bei Coaches, die sich mit der Entfaltung und positiven Entwicklung der eigenen Persönlichkeit beschäftigen, schallen folgende Worte durchs bis zum Bersten gefüllte Auditorium, in dem sich eine jubelnde Menge den massenphänomenalen Zucker-Kick holt: „Du bist, was du willst!“

Wenn das so einfach wäre. Wenn da außerhalb der sündteuren Selbstfindungsshow noch irgendwelche Tipps mit auf den Weg gebracht werden würden, um auch im Alltag all dieses clevere Gerede anwenden und umsetzen zu können.

Sieh her! Das Leben ist so einfach!

In den Events von Matthieu Vasseur, dem angesagtesten Life-Coach von ganz Frankreich, scheint es plötzlich ganz simpel, sich und dann die Welt zu verändern. Mit dem Effekt der Massendynamik manipuliert die charismatische Rampensau jeden noch so gearteten Charakter, der auch nur ein bisschen danach lechzt, gesehen, respektiert und wertgeschätzt zu werden.

Von solchen Menschen gibt es in Zeiten wie diesen viele. Da reicht oft der Social Media-Auftritt nicht aus, da braucht es den Fast-Food-Zucker guter Worte, da braucht es Begeisterung und ein geputschtes Gemüt, um dann wieder – sind die Emotionen verflogen – von vorne anzufangen.

Rezeptpflichtiges Mind-Resetting

In Guru von Yann Gozlan ist das sündteure Seminar so viel wert wie ein Drogentrip. Im Moment könnte man Bäume ausreißen – doch was fehlt, ist der nachhaltige Nutzen, der Wert eines Werkzeugkoffers, der Life-Hack, den Matthieu aber nicht weitergibt, sondern für sich behält. Das Beste dabei: Er weiß selbst nicht, wie all diese Versprechen auf Dauer funktionieren sollen. Jeder Mensch ist schließlich anders, und keinen Zentimeter in die Tiefe dringt diese über den Kamm geschorene Predigt, die als Universal-Faustregel ungefähr so gut so manche Krankheit in seinem Ursprung bekämpft wie ein Ibumetin.

Einer, dem man gerne zuhört

Ein Film, der sich Guru nennt, hat schon mal grundlegend keine Sympathie für seinen Anti-Helden und Reserve-Bergprediger. Von Anfang an ist klar: Dieser energische, kämpferische Influencer hat nichts in der Tasche, was wirkt. Besser noch: Im Laufe des Films wird diesem Matthieu Vasseur so gut wie alles abhandenkommen, was seinen Erfolg ausmacht – und seine eigene Überzeugung.

Das Irritierende dabei ist aber, wie Pierre Niney (Der Graf von Monte Christo) den Charakter dieser Person anlegt. Matthieu scheint keineswegs arrogant, blickt auch nicht auf all die Bedürftigen herab. Er schätzt seine Fans und seine zahlenden Besucher, er spricht vernünftig, einnehmend, hat Charisma und Charme. Klar, man erliegt ihm schnell, und auch ich hier im Kinosaal kann ich diesem weltoffenen und mitreißenden Niney nichts entgegenhalten, ganz im Gegenteil.

Da ist was faul im Coach-Programm

Es gelingt Regisseur Gozlan, diesen Guru ins richtige falsche Licht zu rücken, indem er anfangs all die faulen Stellen versteckt, die später zu stinken beginnen. Kernkonflikt ist dabei das Verhältnis des Influencers zu seinem Bruder. Die Meinungen darüber, wer wohl wem unrecht tut, wechseln wie Tageswäsche. Der Idealist mit Programm, der nicht reflektiert, was er tut, wird es wohl nicht sein, oder?

Tatsächlich lässt Guru während dieser Chronik einer Demontage die Figur des Matthieu relativ wenig davon erkennen, was bei ihm selbst im Argen liegt. Wer immer sich dabei eine persönliche, vielleicht gar charakterliche Weiterentwicklung erwartet, wird wohl irgendwo die Ernüchterung ob einer Lernresilienz gegen aufkeimende Schadenfreude tauschen. Und zwar dann, wenn alles zusammenstürzt und des Gurus eigene kolportierte Mechanik auf ihn selbst angewandt wird.

Die Lehre aus den leeren Versprechungen

Es ist, als säße Niney selbst im Publikum, als würde er gar als einziger dort sitzen, während all die anderen, die diese Drogendosis Glück inhaliert und dann den Entzug erfahren haben, auf die Bühne treten und dem großen Pharisäer zeigen, wie wenig Praxisdenken sich in diesen Worthülsen befindet.

Gozlan weitet den Radius der Demontage weiter aus als notwendig, findet sogar noch einen Antagonisten, der die Glaubwürdigkeit des Szenarios etwas untergräbt. Diese Fülle an Ereignissen ist dann nur noch schwer steuerbar, und irgendwann muss dann auch noch ein Ende her, eine Erlösung, eine totale Vernichtung oder ein Plan B?

Guru entlässt sein Publikum relativ ratlos, unfertig, oder zumindest den letzten Rest an Schaulust abwürgend, den alle mit der Hand vor Augen erwarten. Vielleicht, weil die totale Vernichtung eines Life-Coachs, der gar nicht weiß, dass er all das selbst verursacht hat, zu gnadenlos gewesen wäre, um sich diesem Moment hinzugeben.

Guru (2025)

Exit 8 (2025)

FINDE DEN FEHLER!

6/10


Yamato Kôchi im Mysterythriller Exit 8
© 2025 ”Exit 8” Film Partners


LAND / JAHR: JAPAN 2025

REGIE: GENKI KAWAMURA

DREHBUCH: GENKI KAWAMURA, HIRASE KENTARO, NACH DEM GAME VON KOTAKE CREATE

KAMERA: KEISUKE IMAMURA

CAST: KAZUNARI NINOMIYA, YAMATO KÔCHI, NARU ASANUMA, KOTONE HANASE, NANA KOMATSU U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



So manchen U-Bahn-Ausgang hat man selbst schon nicht gleich auf Anhieb gefunden, insbesondere wenn man in einer fremden Metropole als Tourist oder geschäftlich unterwegs ist und dabei die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. In London oder in Moskau ist die Mitfahrgelegenheit im Untergrund gefühlt nahe am Erdkern, anderswo windet man sich wie in einem Labyrinth um unzählige Ecken, nimmt Abzweigungen und Rolltreppen, um zum Ziel zu gelangen. Anders wird einem auch dann, wenn vertraute Arbeitswege ganz plötzlich in einer Möbius-Schleife enden. Gibt es denn da einen Ausweg? Bei Möbius-Schleifen nicht, denn der Weg darauf ist unendlich.

Da will doch nur jemand spielen

So unendlich wie jene U-Bahn-Passage, in der ein namenloser junger Mann feststeckt und verzweifelt nach dem Ausgang Nummer 8 sucht. Das Ganze beginnt noch recht vertraut, zuerst noch weist ein Schild zum Ausgang Zero hin, doch selbst der erscheint nie. Stattdessen kommt diesem Mann, der eigentlich unterwegs zu seiner Freundin ist, die kurz vor der Entbindung steht, und der nicht weiß, ob er sich nun dazu bekennen soll, Vater zu sein oder nicht, immer wieder derselbe Passant entgegen: Ein Geschäftsmann mit einem Koffer in der linken, einem Mobiltelefon in der rechten Hand, stur geradeaus blickend und auf keinen Zuruf reagierend.

Langsam wird klar: Ein Entkommen gibt es nur, wenn sich der werdende Vater im ewig gleichen U-Bahn-System zu Exit 8 hocharbeitet. Schließlich prangen die Spielregeln unübersehbar auf einer Tafel: Findet er Anomalien, muss er zurück, findet er keine, geht es weiter. Rutschbahn und Leiter? Ja, nur ohne Würfelglück, sondern mit dem Auge eines Haftelmachers. Oder: Exit 8 ist wie ein Bilderrätsel, auf dem acht Fehler unbekannter Art versteckt sind.

Tunnelblick mal anders

Der japanische Filmemacher und Autor Genki Kawamura, der mit seinem Roman Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden – ein Buch, das man nicht verfilmen kann – schon einen Bestseller geschrieben hat, widmet sich nun der Verfilmung des Computerspiels Exit 8, in dem man immer wieder durch einen weiß gekachelten, mehrmals geknickten Tunnel-Abschnitt wandert. Jedes Mal ist irgendetwas anders – oder auch nicht. Das mag eine launige Horror-Challenge sein, denn manchmal geht auch das Licht aus und ganz plötzlich steht der Geschäftsmann, der sonst sowieso nie reagiert, breit grinsend hinter dir.

Creepiness, die im Trend liegt

Kawamura hat dieses Mindfuck-Abenteuer eines labyrinthartigen Horrors gerade zur rechten Zeit inszeniert, in der so manche Creepypasta, die im Internet kursiert, auf Kinotauglichkeit untersucht wird. Darunter eben Nick Parsons‘ Backrooms-Legenden, die eben erst erfolgreich das Licht der Leinwand erblickten.

Mystery, die sich nicht erklären lässt, hat eine Zeit lang die Stranger Things-Furore erklärt – bis dort aufgeklärt wurde, was man nicht hätte aufklären müssen. Zum Glück gibt Exit 8 genauso wie Backrooms das Geheimnis hinter seinem Schleifen-Horror sowieso nicht preis. Auch nicht, was entscheidend dafür ist, um in diesen Parcours zu tappen. Kawamura erzählt dieses seltsame Phänomen eines urbanen „Escape Rooms“, der mitten im Alltag auf x-beliebige Menschen hereinbricht, aus unterschiedlichen Perspektiven. Würde er das nicht tun, hätte der ganze Plot für einen Spielfilm einen viel zu kurzen Atem; dann wäre Exit 8 ein Kurzfilm geworden, ein kleines, beklemmendes Filmchen, eine Anekdote zum Thema psychologische Manifestation.

Such doch einfach selbst!

Den Mitmachfaktor hat Backrooms nicht – Exit 8 hingegen schon. Man darf also selbst rätseln, was wohl beim nächsten Mal anders läuft – ist es der Mona-Lisa-Effekt auf den Werbeplakaten oder eine verkehrte Ziffer? Mutierte Ratten oder Blut an den Wänden, das auf Weiß immer gut kommt?

Eine Meta-Ebene hat das Ganze ohnehin nicht, und eine solche müsste man auch gar nicht anstreben – doch Kawamura tut es. Letztlich aber lässt sich dieses Szenario gar nicht in diese Richtung biegen. Jeder innere Konflikt, der in Exit 8 von den Auserwählten für das Spiel eben dort hineingetragen wird, bleibt ein dekoratives Add-On ohne Funktion. Klar, man versteht schon, was es zu erreichen gilt, doch wirkt genau das im Gegensatz zu den strengen Regeln in diesem Spiel allzu willkürlich und austauschbar.

Exit 8 (2025)

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

DER ABGRUND HINTER DEM SCREEN

7/10

 

Anna Cobb verliert sich in We're All Going to the World's Fair im Internet
© 2021 MUBI

 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: DANIEL PATRICK CARBONE

CAST: ANNA COBB, MICHAEL J ROGERS, HOLLY ANNE FRINK U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Wann habt Ihr Euch zuletzt im Spiegel betrachtet? Und wie oft am Tag? Im Vergleich dazu gaffen wir, sofern es Arbeit und Interesse erfordert, weitaus öfter und ausdauernder auf und in irgendwelche Screens als ins eigene seitenverkehrte Konterfei. Nicht aber, um uns selbst zu entdecken – oder doch? Wohl eher, um nichts zu verpassen in dieser Welt, wo das Digitalisierte einfach bequemer ist als das Analoge. Stößt man dabei irgendwann nicht dennoch auf ein verändertes Selbst?

Der Bildschirm als bodenloser Abgrund

Bei den Jungen mag das so sein. Social-Media-Verbote bahnen sich an, in Australien gibt es sie schon, mit mäßigem Erfolg. Für Screens wird es sie nie geben. Da hinein dürfen alle weiterhin gaffen, um eben all die Dinge zu erfassen, die im Leben zu erfassen sind. Und dennoch: Wie hat Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Zitat neben der Totenbescheinigung für den Allmächtigen gesagt? Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich. Könnte der Abgrund mittlerweile nicht auch der vermaledeite Screen sein? Das Display, das Smartphone, die Benutzeroberfläche – die Tiefen des Internets, an dessen Oberfläche all diese Tools und Apps und KI-Masken herumwabern?

Metaphysik-Test für Teenager

We’re All Going to the World’s Fair! So betitelt die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun den ersten Teil einer sogenannten Screen Trilogy und setzt Teenagerin Casey (Anna Cobb) einem weltumspannenden Abgrund aus, der so sehr in ihr Innerstes kippt, dass einem selbst beim Mitverfolgen dieses Prozesses ein seltsames Unbehagen beschleicht, gleichzusetzen mit einer ins Kosmische gehenden Vorahnung und Beklemmung, die man bislang in fast allen Werken von David Lynch empfindet, wenn das rätselhaft Mysteriöse in eine scheinbar rationale Welt dringt und das Entsetzliche sich versteckt.

Ob nun David Lynch oder Ari Aster – das vage Erfassen von etwas Seltsamem übersteigt die Resilienz dieses jungen Mädchens zusehends. Was sie verlockt, ist diese Challenge, die sich so nennt wie Jane Schoenbruns smoother Mysterygrusel – We’re All Going to the World’s Fair. Dreimal muss sie es sagen. Dann muss sie sich blinkenden Lichtern aussetzen, im rosafarben-blauen Farbspektrum. Um Teil dieser Herausforderung zu sein, muss sie den Screen auch noch mit Blut signieren – natürlich ihrem eigenen. Und dann kanns losgehen. Nur… was eigentlich?

Heraufbeschwören seltsamer Anomalien

Es heisst, es würden Veränderungen stattfinden. Anomalien in der Physis, in der Wahrnehmung, in der inhärenten Welt um Casey herum. Im Verhalten, im Ich selbst. Casey hat Angst, ist aber zugleich neugierig genug, um das Experiment an sich selbst durchzuführen. Ihr Zustand verändert sich, sie scheint von etwas besessen. Andere, die auch Teil der Challenge sind, zeigen wiederum andere Symptome. Und irgendwo ist die Rede von einem Schleifen-Phänomen, von dem keiner weiß, was das sein soll.

Genau hier setzt Schoenbrun die innere Reise fort. Eine Reise ins Ahnungslose, Überfordernde. Schauspielerin Anna Cobb – über weite Strecken des Films die einzige Besetzung – blickt irgendwann nur noch mit weit aufgerissenen Augen und stierem Blick in die Kamera, die den Screen darstellt. Dinge verändern sich, man weiß nicht was. Die eigenwillige Lichtgestaltung des Films tut ihr übriges. Schwarzlicht, pink-violette Farben, Mintgrün und grobkörnige Schatten. Mitunter enthält der Film eine der verstörendsten Gruselszenen seit langem.

Ein befremdender Trip ins Dazwischen

Den einen aber verstören physische Gewaltspitzen, den anderen gespenstisches Footage-Material. Im Footage-Sektor siedelt auch diese Arbeit hier, und wie schon bei Schoenbruns Nachfolgefilm I Saw the TV Glow als Teil 2 der Screen Trilogy hat We’re All Going to the World’s Fair auf einer eigenen Metaebene weder ein Oben noch ein Unten; was bleibt, ist eine vage Gemütserfassung, ein Psychotrip als schlafparalytische Selbsterfahrung zwischen Halluzination und Paranoia – als würde der ganze Film von etwas wahrgenommen werden, was nicht zwingend menschlich sein muss.

Obwohl dieses Experiment ganz klar auf den veränderungsfähigen Moloch des Internets und seine abgründige manipulative Macht abzielt, das Ganze eine Agenda verfolgt und einen ganz eigenes Vokabular verwendet: Die Befremdlichkeit beim Betrachten überwiegt, das Andocken fällt schwer. Zu sperrig ist das Werk, zu sehr um sich selbst kreisend und grübelnd. Filmkunst ja, das zweifelsohne. Und mit der kann man entweder emotional viel anfangen oder eben nicht. Oder es ist irgendwas dazwischen. Wie beim Betrachter und dem Bildschirm, eine im biolumineszierenden Zwielicht befindliche Grauzone als Passage in eine erschreckende Welt.

We’re All Going to the World’s Fair (2021)

American Sweatshop (2025)

DEM PERVERSEN AUF DEN FERSEN

5/10

 

Lili Reinhart als Content-Moderatorin in American Sweatshop
© 2026 Plaion Pictures / Constantin

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, BELGIEN, USA 2025

REGIE: UTA BRIESEWITZ

DREHBUCH: MATTHEW NEMETH

KAMERA: JÖRG WIDMER

CAST: LILI REINHART, DANIELA MELCHIOR, JOEL FRY, CHRISTIANE PAUL, EREMY ANG JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Die Menschheit, so scheint es, ist nur noch krank. Den Glauben an selbige verliert man schnell, wenn man sich ein bisschen länger im Internet herumtreibt. Da fährt man munter in die Kreise der Hölle hinein, so ungehemmt könnte sie nicht mal Hieronymus Bosch malen, denn alles, was sich ausdenken lässt, ist in der Realität einfach nur noch schlimmer.

Wer sich so etwas ansehen will, um die Allgemeinheit davor zu schützen, der kann als Content-Moderatorin oder Moderator arbeiten. Den ganzen Tag Videos gucken und dabei Geld verdienen? Klingt einfach – ist es aber nicht. Vorallem nicht für die Psyche. Denn dieses Zeug weht geradewegs von der Müllkippe der Zivilisation auf den Bildschirm. Hass, Gewalt, Perversion und alle erdenklichen Gräuel sind es für viel zu viele Menschen auf diesem Planeten wert, veröffentlicht zu werden. Die Menschheit, um es nochmal zu betonen, ist nur noch krank.

Der härteste Schreibtischjob der Welt?

Um so einen Job länger als ein paar Wochen zu halten – dafür braucht es die richtige Herangehensweise, das richtige Gemüt, eine aufgeräumte Seele, um Gottes Willen keine labile Psyche! Lili Reinhart als Daisy Moriarty zum Beispiel, die sich für abgebrüht genug hält, hat sich einen solchen Job geangelt, bis sich etwas Besseres ergibt – und löscht oder genehmigt dabei den ganzen Tag lang verstörendsten Content. Um sie herum bricht der Reihe nach so manche Kollegin, so mancher Kollege weg. Andere wiederum kanalisieren das Grauen auf eine Weise, indem sie einen Wettstreit draus machen – wer länger durchhält.

Doch irgendwann hat auch Daisy genug – spätestens bei einem Video, das einen brutalen Femizid zeigt – und nicht danach aussieht, als wäre er gestellt. Zu sehen ist dabei auch der potenzielle Mörder. Mehr braucht Daisy nicht, um der Sache nachzugehen und den Verantwortlichen für dieses Verbrechen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Nur Content löschen ist zu wenig

American Sweatshop – ein Synonym oder ein Begriff für Jobs, die mit physischer und psychischer Ausbeutung zu tun haben – weidet sich zum Glück nicht in grausamen Darstellungen und expliziten Schockmomenten. Da hätte man sonst selbst sehr schnell die Nase voll, schließlich liegt es in der Natur der eigenen angestrebten Psychohygiene, Content dieser Art tunlichst aus dem Weg zu gehen. Interessant wird es dann, wenn man diese Perversionen einfach nicht mehr auf sich beruhen lässt und nicht nur einfach den Delete-Knopf drückt. Interessant wird es, wenn andere beginnen, sich selbst in der Verantwortung zu sehen und proaktiv etwas dagegen unternehmen.

Zögerliche Initiativen

Lili Reinhart tut das auch, gegen die Regeln der Agentur, aber im Sinne der Rechtschaffenheit und der Moral. Wie sehr also auch die Grundidee und die Ausgangssituation von American Sweatshop reizt, so wenig kann Ute Briesewitz im Laufe des Geschehens das Thema aufwühlen – obwohl es danach schreit, aufgewühlt zu werden.

In bescheidenen Schritten bewegt sich der Slow Burner vorwärts, bis zum Ende bleibt der Film eigentlich am Anfang hängen, beobachtet viel, sondiert, schätzt ab – kommt aber nie wirklich in die Gänge. Eine ähnliche Trägheit in der Initiative lässt sich im Film The Assistant von Kitty Green mit Julia Garner in der Hauptrolle entdecken. Auch hier ein Büro- oder Firmensetting, auch hier trägt die Bestandsaufnahme eines prekären Umstandes den ganzen Film und konzentriert sich, noch mehr als in American Sweatshop, lediglich auf die Veränderungen im Mindset der Protagonistin, bevor irgendetwas geschieht. Das hat natürlich Stimmung und Atmosphäre, doch das Thema verlangt mehr.

Auch hier, wenn es um Hassverbrechen und Social Media-Perversionen geht, ist das Problem viel tiefschürfender, komplexer und lauter, um es als kleines Arthousedrama mit Thriller-Elementen zu exportieren. Das Ende ist dann sozusagen der Anfang von etwas, das wir, womöglich um trivialer Genugtuung zu entgehen, niemals erleben werden. Der Griff an die Wurzel des Übels alleine mag Briesewitz genug gewesen sein, für mich fehlt da die entscheidende Konsequenz.

American Sweatshop (2025)

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (2025)

RÜPEL AN DER KETTE

7/10


Andrea Riseborough, Kit Rakusen, Stephen Graham und Anson Boon sind eine schrecklich nette Familie in an Komasas Good Boy
© 2025 RPC Good Boy Limited & Skopia Film / Foto Lukasz Bakj, X Verleih


LAND / JAHR: POLEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: BARTEK BARTOSIK, NAQQASH KHALID

KAMERA: MICHAL DYMEK

CAST: STEPHEN GRAHAM, ANDREA RISEBOROUGH, ANSON BOON, KIT RAKUSEN, MONIKA FRAJCZYK, SAVANNAH STEYN, CALLUM BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Wie macht man aus einem Tunichtgut einen guten, und wenn schon nicht gleich einen guten, dann zumindest einen besseren Menschen? Diese Frage hat sich bereits Anthony Burgess gestellt, ein britischer Schriftsteller, aus dessen Feder die verstörende Dystopie Clockwork Orange stammt.

Der Zweck heiligt die Mittel

Die, die das Buch nicht gelesen haben, aber zumindest Stanley Kubricks Verfilmung kennen, erinnern sich vielleicht noch an die milchtrinkende Verbrechergang rund um Bösewicht Alexander DeLange, wofür Malcolm McDowell wohl seine Paraderolle fand. Sie erinnern sich vielleicht auch an den Prozess der Gehirnwäsche, die letztlich jedwede Art von sexueller wie körperlicher Gewalt aus den Probanden rausexorzieren soll. Durch das Zwangsbetrachten gewalttätiger Darstellungen, das Verabreichen übelkeitsauslösender Seren im Kontext solcher Reize und Beethovens neunter Symphonie sollen Verbrecher ihrer bisherigen Laufbahn den Rücken kehren.

Am Puls der Zeit

Tja, schön wärs, denkt sich Stephen Graham, der allerdings nicht in Clockwork Orange mitwirkt, sondern im neuen Film von Jan Komasa, der schließlich auch nicht dafür bekannt ist, filmischen Eskapismus an den Tag zu legen. Für Corpus Christi war er vor einigen Jahren oscarnominiert, sein Film The Hater lief hierzulande nicht im Kino, sondern reüssierte auf Netflix. Ein Film, der von allen Filmen Jan Komasas sein thema am grellsten umreisst. Und überall, auch in The Change – seinem jüngsten Werk, mit Kyle Chandler und Diane Lane in den Hauptrollen, geht es um individuelles Fehlverhalten, das in einer ignoranten Gesellschaft seine Wurzeln schlägt und weitestgehend als grimmiges Symptom für einen flächendeckenden Missstand steht.

Zwangslurlaub für einen Unhold

Stephen Graham, so richtig bekannt geworden durch die Netflix-Miniserie Adolescence, findet sich in keinem der genannten Filme wieder, stattdessen aber in Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes. Und dort dürfte er als prinzipien- und regeltreuer Familienvater und moralischer Ritter Clockwork Orange zumindest gelesen haben, um nachträglich auf die Idee gekommen zu sein, missratene Subjekte von der Straße zu holen und sie ganz privat und exklusiv in einen Rehabilitationsurlaub zu stecken, der sich anfühlt, als wäre er ein gediegener Aufenthalt in einer Familienpension, wären da nicht ein muffiger Keller und eine lange, sehr lange Kette, die den jede Nacht über die Stränge schlagenden Tommy daran hindern soll, abzuhauen.

Clockwork Orange Light

Dieser Tommy hat alles Mögliche auf dem Kerbholz – Kapitalverbrechen allerdings nicht. Und dennoch oder gerade deswegen sehen Stephen Graham und seine schwer depressive Frau Andrea Riseborough, die als gespenstische Ahnfrau die verkappte Matriarchin gibt, genug Silber am Horizont, um den jungen Mann ähnlich zu quälen wie einst Malcolm McDowell – zum Glück ohne Lidklemmen, dafür aber mit klassischer Musik und den eigenen Schandtaten, die sich auf TiKTok finden lassen.

Moralischer Fragenkatalog

Was lässt sich von so einer gewaltsamen Verbesserung einer von allen möglichen Bedürfnissen gepeinigten Psyche denn halten? Begegnet man besser Gewalt mit Gegengewalt? Sind Graham und Riseborough in Wahrheit die Guten und trotzdem sie Verbrechen begehen, geheiligt durch den guten Zweck?

Wie bändigt man den gewaltbereiten Pöbel auf der Straße? Und all die straffrei gehenden, weil minderjährigen, marodierenden Gangs in allen Metropolen der Welt? Wo liegt die Ursache, wo und wie setzt man an, um den wütenden Alltag dieser Menschen neu zu kanalisieren? Lassen sie mit sich reden, wenn man sie unter Androgung von Gewalt dazu zwingt? Zum Lesen, zur Einsicht, zum guten Benehmen?

Jan Komasa wirft viele Fragen auf, der bald schon zu einem Katalog an offenen Diskursen wird. Antworten hat er keine, und er maßt sich auch nicht an, welche zu liefern. Stattdessen aber gelingt es ihm, innerhalb dieser geschaffenen Grauzone, die in all der sozialen Ratlosigkeit nichts anders kann als herumzuexperimentieren und den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben (vor allem beim eigenen Kind – ich sage nur: Zigaretten), sein behändes und fast schon entschleunigtes Sozialdrama alle Vorhersehbarkeit zu nehmen.

Der Faktor X, der letztlich fruchtet

Das liegt daran, dass Komasa nicht einer ist, der seine Problemfälle am Ende idealisiert. Kann ja gut sein, dass nichts fruchtet, kann aber auch sein, dass die Familie, die ihre Welt irgendwie besser machen will, gerade durch einen einzigen Faktor Erfolg hat, und zwar einen, den sie selbst nicht kennen.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes ist unerwartet introvertiert, manchmal fast zärtlich. Und trotz all der grotesken Situationen selten zynisch. Mag sein, dass die Erwartungshaltung bei einem Film, in dem ein entführter junger Mann an der Kette hängt und „gebessert“ werden muss, wohl ganz anders liegt, vielmehr beim hässlichen Thriller mit Hang zum Nihilismus.

Nur nicht tatenlos zusehen!

Tatsächlich gibt Komasa die Hoffnung in diesem Film niemals auf und will seine Gutmenschen niemals moralisch höher stellen als die Verdorbenen. Das macht was mit der Akzeptanz, das macht was mit dem erlernten Moralverständnis.

Good Boy ist trotz all der Ambivalenz ein manchmal fast schöner Film geworden, der seinen „Alexander DeLange“ niemals aus Spaß an der Freude so hat werden lassen. Womit wir wieder bei diesem, von Komasa oft zitierten, flächendeckenden gesellschaftlichen Problem wären, das nur anhand von fast schon improvisierten Verzweiflungstaten bewältigt werden kann.

Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes (2025)

Possession (1981)

DER ABGRUND IST NUR EINE EHEKRISE WEITER

7,5/10


Isabelle Adanai verfällt in Possession dem Wahnsinn
© 1981 Marie-Laure Reyre / Marianne Productions


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 1981

REGIE: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI

DREHBUCH: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI, FREDERIC TUTEN

KAMERA: BRUNO NUYTTEN, ANDRZEJ J. JAROSZEWICZ

CAST: ISABELLE ADJANI, SAM NEILL, HEINZ BENNENT, JOHANNA HOFER, CARL DUERING, MARGIT CARSTENSEN, MICHAEL HOGBEN, LESLIE MALTON, MAXIMILIAN RÜTHLEIN, THOMAS FREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das Ableben des neuseeländischen Schauspielers Sam Neill kam für mich völlig unerwartet. Vielleicht, weil ich den so sympathischen und integren Mann, dem ich sogar seine Geisterbahn-Gemeinheit Event Horizon verzeihen muss, hat er souverän wie immer uns allen im Kino ordentlich Angst eingejagt, im vorletzten Jurassic World von 2022 längst nicht so viele Sonnenumrundungen angerechnet hätte als er tatsächlich hinter sich gebracht hat.

Ein blutjunger Sam Neill

Einige Lenze früher, nämlich ganze 45 an der Zahl, stand er mit Isabelle Adjani vor der Kamera, und zwar für Andrzej Żuławskis zum Kult gewordenen Psychotrip Possession. Da war Sam Neill noch blutjung, und bereits schon damals höchst begabt darin, verstörte Gesichter zu ziehen, bevor er zwölf Jahre später in Jurassic Park aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Neill war ein Charakterdarsteller der oberen Liga, gerne auch oft am Rande besetzt, doch immer wieder so markant, dass er sich mit Leichtigkeit in den Hauptcast schmuggelte.

Ein simples Ehedrama? Von wegen!

In Possession ist er gemeinsam mit Adjani gleich vorne mit dabei, denn beide erleben das Ende einer Ehe, die Zerrüttung einer Liebe, und die Qual des Entschlusses, ohne den anderen neu anzufangen. Klingt nach profaner Beziehungskiste, oder vielleicht nach Sorgerechtsstreit wie in Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman und Meryl Streep – schließlich spielt ein Kind dabei auch noch eine Rolle.

Wer aber Żuławski kennt oder ungefähr weiß, was der Pole Zeit seines Künstlerlebens so vollbracht hat, wir zugeben müssen, es hier mit einem Visionär zu tun zu haben, der lieber sein Publikum verschreckt oder fordert, aber ganz sicher nicht auf unterhaltsame Weise einlullt.

Kaum ein Film, der diese Subversivität stärker und kontrastreicher ausspielt als Possession, wo Sam Neill den toxischen Besitzanspruch eines zurückgewiesenen und somit gekränkten Mannes zwar nicht mit einem Femizid an die Spitze treibt, aber mit einer akrobatischer Intensität aus Bedrängung und Flehen, enervierendem Lamento und kindlicher Wut.

Neill konnte gar nicht anders als so aufzudrehen, denn auf der anderen Seite haben wir Isabelle Adjani, die Żuławski in Werner Herzogs Neuinterpretation des Nosferatu-Stoffes gesehen haben muss, um zu wissen, dass mit ihr der verlangte Wahnsinn neue Methoden finden wird, um sich zu entfalten.

Des Wahnsinns knusprige Beute

Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, dass sich der Abgrund einer Psychose exzessiver darstellen lässt als Adjani das getan hat. Betrachtet man im Vergleich dazu Lynne Ramsays ähnlich gelagertes Psychodrama Die My Love, erscheint Jennifer Lawrence auf allen Vieren als müder Nachhall.

In der Szene, in der Isabelle Adjani in einer Unterführung exzessiv brüllend in Blut und Milch badet und scheinbar völlig den Verstand verliert, bekommt der darstellerische Umstand eines emotionalen Ausbruchs eine neue Hochwassermarke. Was die damals 26jährige Schauspielerin als emotionalen Subtext dafür verwendet hat, um dermaßen über die Grenzen gewohnter Intensitäten hinauszuschießen, mag ein Geheimnis bleiben.

Es wird immer monströser

Mit diesem Mysterium der selbstvergessenen und wirklich furchteinflößenden Ekstase passt Adjani perfekt in einen psychologisch herausfordernden Thriller, der in der stilistischen Interpretationswelt des Surrealen genauso beheimatet ist wie auf der bizarren Spielwiese eines Roman Polanski, wofür sich als Querverweise ganz gut dessen Werke Wenn Katelbach kommt oder Ekel eignen. Nur: Żuławski taucht bisweilen noch tiefer in die Absurdität ab, in dem er auch die Komponente eines Creature Features anfügt – was überhaupt nicht zur Tonalität des Filmes passt.

Doch ähnlich wie in David Lynchs Eraserhead schafft er damit eine Metaebene des Symbolismus, und Adjanis nach außen gekehrter psychischer Zustand manifestiert sich als groteske Monstrosität. Das Spiel mit den Identitäten und Doppelrollen, die ein gewiefter Psychothriller oft mitbringen will, verschränkt das längst um die eigene Identität gekommene Horrordrama so sehr mit sich selbst, dass jedwede Interpretation, die sich herauslesen lässt, immer nur viel zu trivial anfühlt.

Filme muss man ausleben

Was die Frage aufwirft: Wohin will Possession eigentlich wirklich? Ist das ganze nur eine filmgewordenen Narrenfreiheit, ein Ausleben wilder künstlerischer Energien, oder gezielte Provokation, die allein schon durch den wüsten Genremix, der aber reizvoll ineinanderpasst, nur auffallen will?

Dafür hat Żuławskis Film deutlich zu viel Ehrgeiz, zu viel Vision. Als Avantgarde ist Possession bis heute ein vorzügliches Beispiel für regelbrechendes Kunst- und Faszinationskino, so befremdlich wie irrwitzig – und mit dem wohl entfesseltsten Schreikrampf der Filmgeschichte.

Possession (1981)

Prophecy of the Devil (2025)

DER TEUFEL HAT JA SONST KEINE FREUNDE

4,5/10


Der verzweifelte Nicolas Cage als Josef im Film The Carpenter's Son
© 2025 Magnolia Pictures


ORIGINALTITEL: THE CARPENTER’S SON

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: LOTFY NATHAN

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: NICOLAS CAGE, NOAH JUPE, FKA TWIGS, ISLA JOHNSTON, FISAYO AKINADE, SOUHEILA YACOUB U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Das schätze ich am guten alten Nicolas Cage. Für nichts ist sich der Mann zu schade. Wenn ihm was gefällt, macht er es. Wenn er eine Figur noch nicht gespielt hat, wie zum Beispiel den biblischen Josef, dann wagt er es.

Zimmermann vor der Kamera

Warum auch nicht. Schauspiel ist für diesen Mann ein Handwerk, keine wasweißich wie geartete verkrampfte Kunst, in die man sich, wie es manche tun, wochenlang vergraben muss, um vielleicht dann auch in dieser Rolle zu bleiben, die ganze Zeit, auch abseits vom Set. Ein bisschen wirr, oder? Das kann Nicolas Cage auch so: nämlich wirr genug sein. Und laut. Was schreit er nicht herum, wenn der kleine Jesus von Nazareth wieder mal nicht das macht, was man ihm aufträgt.

Blättern in den Apokryphen

Über die Kindheit des christlichen Heilbringers steht in den offiziellen Schriften der Bibel so gut wie gar nichts. Allgemeingebildete wissen: Ganz so ist es nicht, schließlich gibt es da noch die Anti-Bibel, die sogenannten Apokryphen, die verbotenen und unveröffentlichten Evangelien, weil sie einfach nicht jenem christlich-humanitären Bild entsprechen, welches das Neue Testament vermitteln will.

Das am meisten verbreitet Schriftstück ist dabei das Evangelium nach Thomas, ein rund zwei Jahrhunderte nach Christus verfasstes, teils gnostisches Werk und mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum eine Mitschrift von Jesu juveniler Jahrzehnte. In denen hatte er es nämlich, laut Thomas, faustdick hinter den Ohren.

Ein Mädchen, das nicht so ist wie es scheint

Was er damals schon beherrscht hat als Dreikäsehoch, das waren Wunderheilungen. Mit anderen Worten: reinste Magie. Als besten Freund für allerlei Schabernack an seiner Seite: Der Teufel. Nie und nimmer wird er auch später dabei innehalten, den heiligen Mann in Versuchung zu führen. Die vierzig Tage in der Wüste sind noch lange hin. Um hier schon mal Vorarbeit zu leisten und den Messias in spe auf die Probe zu stellen, gibt sich der Leibhaftige als junges Mädchen aus. Und zeigt dem jungen Jesus, wie schlecht und unwürdig die Menschheit doch ist, um sie letzten Endes, einige Jahrzehnte später ans Kreuz genagelt, retten zu wollen.

Jesus, Maria und Josef!

Die heilige Jungfrau Maria, gespielt von Musikerin FTA Twigs, ist längst in diversen Sphären abgeglitten, wie eben jemand, der jungfräulich empfangen hat und noch dazu vom Nachwuchs weiß, dass dieser mal in die Weltgeschichte eingehen wird.

Josef hat jedoch nichts davon: ein verzweifelter und zweifelnder Griesgram, der, gerade erst aus dem ägyptischen Exil zurückgekehrt, immer noch bangen muss, von den Römern erwischt zu werden. In diesem dunklen, schattenfleckigen Setting eines levantinischen Olivenhains braut sich also was zusammen. Was genau, wird jedoch selten klar, denn so richtig stringent entwickelt sich Prophecy of the Devil (Im Original The Carpenter’s Son) nicht gerade. Als junger Jesus darf Noah Jupe, zuletzt gesehen in The Death of Robin Hood, den Erwartungen überraschend bibelkonform entsprechen – so, als hätte Autorenfilmer Lotfy Nathan dringlich versucht, das ausgesonderte Evangelium zu rehabilitieren.

Die missglückte Emanzipation des Josef

Und dennoch bleibt er mit seiner metaphysischen Momentaufnahme unentschlossen zwischen diversen Charakteristika, die diese Bibelinterpretation festigen sollen, hängen. Soll das ganze Horror sein? Das Coming-of-Age von Jesus, der selbstredend nur Bahnhof versteht im Bezug dessen, was ihm das Göttliche zuflüstern will? Oder ist Jesus nur Sparringpartner für einen Josef, dem nichts erspart bleibt und dessen Verschwinden aus den Evangelien nach Jesu Geburt erklärt haben will?

Diesmal dreht Nicolas Cage seine Figur deutlich zu laut auf, gebremst hat ihn Lotfy Nathan dabei nicht – und ihn mehr oder weniger zu einer belächelnden Frustrationsfigur verwandelt, die die Autorität der Josef-Figur dann noch mehr untergräbt als ohnehin schon.

Der Teufel hat es in sich

Beachtenswertes Kernstück dieses dunklen, zerfahrenen Versuchs einer Exegese ist die beeindruckende Schauspielerin Isla Johnston (Das Damengambit). Ihre einschüchternde und unberechenbare Interpretation des Teufels hat einen besseren Film verdient. Zumindest einen, der noch mehr in existenzielle Fragen abtaucht und Jesu Selbstbewusstsein herausfordert. So richtig in medias res ist dabei noch kein Film gegangen.

Prophecy of the Devil hätte genau darin sein Potenzial entfalten können, wenn Josefs Gezeter nicht andauernd dazwischenfunken würde.

Prophecy of the Devil (2025)

Hysteria (2025)

DIE EITELKEIT DER PROVOKATION

7/10


Devrim Lingnau im Psychothriller Hysteria
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: MEHMET AKIF BÜYÜKATALAY

KAMERA: CHRISTIAN KOCHMANN

CAST: DEVRIM LINGNAU, MEHDI MESKAR, SERKAN KAYA, NICOLETTE KREBITZ, AZIZ ÇAPKURT, NAZMI KIRIK U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Filmemachen ist so eine Sache. Sie steht und fällt mit dem nötigen Kleingeld. Subventioniert wird, was gesellschaftlich Relevantes zu sagen hat. Für die Allgemeinheit muss dabei zumindest ein gewisser edukativer Effekt entstehen, den sich die Gesellschaft von morgen vielleicht mitnehmen kann, um daraus zu lernen. In Deutschland gibt es da den immanenten krankhaften Umstand der gelebten Fremdenfeindlichkeit. Bestes und erschütterndes Beispiel dafür: Der Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim in Solingen Anfang der Neunziger. Der türkischstämmige Filmemacher Yigit hat da eine Idee, die ihm mehr einbringt als nur Betroffenheit, sondern vielleicht auch einen handfesten Skandal, der ihm jene Aufmerksamkeit bescheren soll, die jeder noch so ehrgeizige Filmschaffende gerne für sich beanspruchen würde. In diesem film soll nicht nur eine Wohnung brennen, sondern auch gewisse Objekte, die sich im Inneren befinden. Wie zum Beispiel die Heilige Schrift des Islam – den Koran.

Es brennen die Gemüter

So ein Buch zu verbrennen verstört all jene Komparsen, die für diese Szene engagiert und selbst von einem Flüchtlingsheim weg gecastet wurden. Diese Provokation will keiner der Muslime, die ihre Religion nicht mehr wertgeschätzt, sondern gelästert sehen, auf sich beruhen lassen, also legen sie Beschwerde ein. Mittendrin in diesem bewusst gesetzten Fauxpas: Regieassistentin Elif (Devrim Lingnau, Die Kaiserin), die in der Wohnung des Regisseurs übernachtet und beiläufig Zeugin einer Intrige wird, die vielleicht mehr ist als das: Eine Verschwörung, die womöglich eine ganz andere Ursache birgt als nur den Willen zur Provokation. Vielleicht ist es etwas ganz Banales und gar nicht mal der Idealismus eines Künstlers, der seine Botschaft nicht verwässern, sondern für Aufsehen sorgen will. Vielleicht aber ist Eilif selbst nur der fremdgesteuerte Teil einer Machenschaft, von der keiner weiß, welche Kreise sie ziehen wird.

Effekthascherei in der Filmbranche

Zumindest sollte sich niemand dazu verleiten lassen, hysterisch zu werden. Ein schwieriges Unterfangen, angesichts der Pikanterie der Umstände. Autorenfilmer und Filmproduzent Mehmet Akif Büyükatalay machte letztjährig mit diesem seinem ersten abendfüllenden Spielfilm auf der Berlinale auf sich aufmerksam – und bewies mit Hysteria ein Händchen für intellektuellen, szenenweise geradezu spukhaften Suspense, der sich aber nicht seiner eigenen Effektivität hingibt, sondern trotz der mysteriösen Umstände einen Tacheles redenden Diskurs sucht, der die Sinnhaftigkeiten künstlerischer Provokationen in Frage stellt, die außer des zu erwartenden Effekts keinerlei inhaltlichen Mehrwert bieten. Meist geht das Hand in Hand mit eitler Egozentrik und dem arroganten Empfinden, über allem zu stehen.

Zwischen Hitchcock und ethischem Konflikt

So einfach macht es Hysteria aber niemanden, schließlich handelt es sich hierbei um ein zwar nüchtern gefilmtes, aber irrlichterndes Bedrohungsszenario, in dessen undurchdringlichem Indiziennebel keiner mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann – schon gar nicht Protagonistin Lingnau, aus deren Sicht de Film sich darstellt. Sie ist wie eine in einem zeitrelevanten Hitchcock-Vexierspiel verhedderte Doris Day, die mit aller Kraft den offenen Dialog sucht, in einer von Impulsivität und Kränkung durchsetzten Gesellschaft – fast schon ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Misstrauen geht nie mehr ganz weg

Hysteria zeigt einem einerseits die kalte Schulter und gib sich unversöhnlich, andererseits brummt unter dieser Oberfläche ein Vulkan, der verheerendes anrichten kann. Unterschwellig, subversiv und Indizien legend, bleibt einem letztlich nichts anders übrig, als überhaupt keine Meinung zu haben, weil sich keine finden lässt. Hysteria strebt keine Lösung an, sondern lässt nur die Zerfahrenheit einer Situation bestaunen, die in einem unvermeidlichen Crescendo ihr Ventil findet, um all den aufgestauten Emotionen eines Landes den Druck zu nehmen.

Hysteria (2025)

Feels Like Home (2025)

AUTOKRATIE AM MITTAGSTISCH

7,5/10


"Papa" Tibor Szervét, Rozi Lovas, Áron Molnar u. a. im Film Feels Like Home von Gábor Holtai
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: ITT ÉEZEM MAGAM OTTHON

LAND / JAHR: UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GÁBOR HOLTAI

KAMERA: DÁNIEL SZÖKE

CAST: ROZI LOVAS, ÁRON MOLNÁR, TIBOR SZERVÉT, DORKA GRYLLUS, BETTINA JÓZSA, ISTVAN ZNAMENAK, KORNÉL SIMON, SOMA SIMON U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Ungarischer Blockbuster

Ohne Geld ka Musi? Nicht so beim ungarischen Filmemacher Gábor Hotlai und seinem Langfilmdebüt Feels Like Home. Wer hätte gedacht, dass sich auch ohne staatliche Förderung – denn die hätte die Orban-Regierung nie gegeben – ein Film auf die Beine stellen lässt, der alle Stückchen spielt, und so professionell wirkt, als hätte er alles Geld der Welt. Letztendlich reüssierte der beklemmende Thriller zu einem der erfolgreichsten Independentfilme überhaupt in Ungarn – mit mehr als 215.000 Besuchern, die alleine nur aufgrund von gezielten Social Media Kampagnen und vor allem dank Mundpropaganda ins Kino strömten.

Orbanistan im Zinshaus

Bei uns in Österreich wird Feels Like Home, obschon im Stadtkino Filmverleih, wohl kaum die Ehre zuteil werden, auf großer Leinwand zu erstrahlen. Welch ein Glück, ihn beim Slash ½ Filmfestival noch ergattert zu haben, als letztes Werk im Rahmen dieses schmucken Ausflugs in die obskuren Tiefen des Fantastischen, von allegorischen Versuchsanordnungen bis zu mythologischem Ringelpiez. Feels Like Home zählt klar zu ersterem und ist als politische Parabel kaum zu übersehen. Denn Gábor Holtai, der hat es sich zur Aufgabe gemacht, das damals noch über die eigenen staatlichen Grenzen hinweg schillernde Orbanistan versandfertig zu konservieren und in einer stattlichen Zinshauswohnung auszulagern.

Sei nicht, wer du bist

Wie lässt sich das verstehen? Um das zu begreifen, dauert es einige Zeit – und fühlt sich, zumindest für ein Entführungsopfer wie Rita (Rozi Lovas), quälend lange an. Denn die wird eines Tages ganz plötzlich, auf dem Weg nach Hause, gekidnappt. Als sie erwacht, befindet sie sich in einem karg möblierten Zimmer, eine Stehlampe spendet spärliches Licht. Ihr gegenüber ein freundlich lächelnder Mann kräftigen Formats – also jemand, der lieber nicht verärgert werden will. Dieser Jemand aber fordert Rita auf, sich als seine Schwester Szilvi zu bekennen. Und verlangt damit die Aufgabe ihrer Identität.

Ganz schön beklemmend, was Gábor Hotlai seinem Publikum hier auftischt. Eine bizarre Situation folgt auf die nächste, Rita wird nach und nach klar, womit sie es zu tun hat. Was für ein System sich dahinter verbirgt, warum sie jemand sein muss, der sie nicht ist. Und wer all die anderen in dieser Familie sind, die Szilvi auf eine Art willkommen heißen, als wäre sie nur eine Zeit lang weggewesen.

Die Macht des alten Mannes

Über allem aber steht eine patriarchal geführte Autokratie. Holtai seziert ein politisches Konstrukt, nachdem er es auf die Größe einer Familie kleingeschrumpft hat. Im Kleinen, Überschaubaren, lassen sich Mechanismen viel klarer erkennen – und jedes noch so kleine Rädchen einzeln betrachten. Wie absurd erscheint so eine tendenziell totalitäre Struktur, und wie gefährlich kann sie für den oder die einzelne werden, wenn die Gedanken der Rebellion keimen, der Flucht und des Ausbruchs. Wie also lässt sich diese Unterdrückung brechen, wie so ein absurder Machtapparat stürzen? Ist Familie nicht selten so ein kleines Orbanistan, ein kleines Putinland, ein New Trump City, in der eine gehorchende Gefolgschaft ihr Tun irgendwann nicht mehr hinterfragt?

Die Sehnsucht, von Nutzen zu sein

Diese Mehrzimmerwohnung, die wie eine Zeitblase erscheint, als wäre man noch hinter dem Eisernen Vorhang, ist über lange Zeit das Versuchslabor für ein straff inszeniertes, messerscharfes Experiment. Zwischen Erniedrigung und frommem Hinterherhecheln erforscht Holtai die Psychologie der Unterworfenen, ihre Beweggründe und ans Stockholm-Syndrom erinnernde Verhaltensweisen, die mit einem ungestillten gesellschaftlichen Bedürfnis einhergehen. Feels Like Home legt all das offen, er behandelt die Wurzel des Übels in all seine Legitimation. Ein irrer Psychokrieg entbrennt, gespickt mit Gift, Galle und psychologischem Stacheldraht.

Ob Zuhause oder Heimatland – was macht das schon für einen Unterschied. In diesem Thriller ist Macht und Gehorsam kein persönliches Eigentum. Diktatoren, seid gewarnt.

Feels Like Home (2025)

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)

DAS DÄMONISCHE IN SONGS WIE EVERLASTING LOVE

8/10


Inde Navarrette und Michael Johnston in Curry Bakers Horrorfilm Obsession© 2026 Focus Features LLC


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CURRY BARKER

KAMERA: TAYLOR CLEMONS

CAST: MICHAEL JOHNSTON, INDE NAVARRETTE, COOPER TOMLINSON, MEGAN LAWLESS, ANDY RICHTER, HALEY FITZGERALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Sind Männer mal verliebt, bleibt diese Liebe oftmals unerwidert. Vielleicht, weil so manchen Männern der Mut fehlt, ihrem Gegenüber ihr Herz zu öffnen – aus Angst vor Ablehnung. Zugegeben, die Medaille lässt sich auch umdrehen. Dieses Unterfangen, jemandem seine oder ihre Liebe zu gestehen – damit setzt man sich ungeschützt einer Reaktion aus, die sich jeglicher Kontrolle entzieht.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Doch damit fängt die Liebe an – oder auch nicht. Zumindest lässt sich danach immer schon erhoffte Zweisamkeit leben, oder endlich ein Neuanfang starten, ganz woanders hin. Und dann gibt es die, die nicht akzeptieren wollen, dass, egal wie man es dreht und wendet, das Schicksal nicht manipuliert werden kann, und sind es auch noch so viele Liebesbriefe, Bekundungen und Gesänge unterm Balkon wie bei Romeo und seiner Julia. Die beiden hatten zumindest das Glück, dass sie sich sicher sein konnten, füreinander bestimmt zu sein, wenn schon nicht der Rest der ganzen Sippschaft damit einverstanden war.

Du gehörst zu mir wie dein Name an der Tür

Die Freiheit, in Liebesdingen zu wählen, wie man möchte, ist mancherorts auf dieser Welt immer noch nicht selbstverständlich. Hat man sie, ist das fast schon ein Privileg. Und gilt auch für die Freiheit, Nein sagen zu dürfen. Ein Problem? Nicht mit dem nötigen Zauber. Love Potion No. 9 fällt mir hier ein. Das Elixier der Liebe, mit dem Sandra Bullock 1992 im gleichnamigen Film ihrer Karriere Auftrieb verlieh. Damals war das noch entzückend, mitanzusehen, wie Zuneigungen und Gefühle erzwungen werden. Auch in der Serie Buffy, Staffel 2, Folge 16, kommt der beziehungstechnisch noch recht unbeholfene Xander (Nicholas Brendon) in den Genuss der Unwiderstehlichkeit für das weibliche Geschlecht – was schnell bedrohlich wird.

Mit diesem Schrecken der Obsession gelingt auch spielend einfach die Überleitung zu Curry Barker und seinem neuem Schocker Obsession – Du sollst mich lieben. Wobei hier der Imperativ für beide Seiten gilt. Von der zur Hingabe gezwungenen, magisch veränderten Nikki – oder vom sehnsüchtig und hoffnungslos verliebten Bear (Michael Johnston), der als enorm introvertierter und in Lebenserfahrungen völlig unbeschriebener Underdog nichts lieber hätte als eine Beziehung mit seiner besten Freundin.

I’D Do Anything for Love

Da fällt ihm gerade zur rechten Zeit ein ominöser Gegenstand in die Hände – der Zweig einer magischen Weide, der einen Wunsch erfüllt, wenn man diesen bricht. Und so passiert es dann tatsächlich, obwohl es keiner für möglich hält: Nikki verliebt sich in Bear. Bear kann es kaum glauben, ist aber anfangs auch ganz entzückt – bis die Verliebtheit zur bedingungslosen Liebe und von dieser zum absoluten Wahnsinn mutiert, und dabei so monströse Ausmaße annimmt, die so pointiert serviert werden, dass es einem ab und an aus dem Sitz hebt.

Dabei schließt sich Curry Barker, ebenfalls Youtuber ähnlich wie die Gebrüder Philippou, die mit Filmen wie Talk to Me und Bring Her Back den Horrorfilm auf erfrischende Weise rundumerneuerten, diesem kompromisslosen Trend des intellektuellen Genrekinos an und treibt dabei ein längst bekanntes Thema – nämlich Liebe, Obsession und Eifersucht – nicht nochmal durchs Dorf, sondern krempelt das Topic einfach um.

What is Love – Baby Don’t Hurt Me

Aus einem Liebesthriller wird der gespenstische Albtraum eines jeden Incel, der vor dem Erhofften in Wahrheit aber panische Angst hat. Curry Barker hat dabei so manche Vorbilder eingehend studiert, er weiß genau, wie was am besten funktioniert, um das Unheimliche aus dem Genre der Romanze zu ziehen: die Panik vor dem Valentinstag, vor dem Verlust der individuellen Freiheit, vor dem Quantum an Liebe, die man vielleicht stärker empfindet als der oder die andere.

Mit diesen Ungleichgewichten in einer Beziehung und dem von der Gesellschaft erforderten Soll, was Liebe ausmachen muss, kann Barker arbeiten. Und stellt mit Inde Navarette eine Newcomerin in den Mittelpunkt des Geschehens, die längst bekannte Kolleginnen mühelos an die Wand spielt. Ihre Performance ist so kraftvoll und furchteinflößend, da kann Natalie Grace als besessene Mumie aus Lee Cronin’s The Mummy nur klein beigeben.

Can’t Take My Eyes Off You

Der Horror, der von Nikki ausgeht, ist zumindest augenscheinlich kein Dämon, sondern potenziertes emotionales Verhalten. Dabei zieht Barker vor allem technisch alle Register, was Sound, unnatürliche Bewegungen und vor allem die Lichtsetzung betrifft. Mit Licht kennt er sich aus, das Licht ist neben Navarrettes genialem Spiel die zweite Monstrosität. Ganz besonders weiß er, wie es wirkt, wenn Gesichter im Gegenlicht betrachtet werden; wenn es dabei nicht nur die Silhouette ist, die man sieht, sondern im fahlen Restlicht diffuse Züge, die in unserer Fantasie gerne mal entgleisen. Letztlich spiegelt sich in einer Szene nur das Licht aus dem Zimmer, das wir nicht sehen, in den dunklen Augen Navarrettes – Gänsehaut pur.

Against All Odds

Zwischen diesen gezielt gesetzten, raffinierten Details wendet sich Barker auch vom klassischen Narrativ ab, beschützt letztlich keine seiner Figuren und will auch nichts erklären. Warum auch – dieser Vorhersehbarkeit will sich Obsession – Du sollt mich lieben einfach nicht anbiedern. Damit beweist er, dass vielleicht schon längst durchgekaut scheinende Themen mit dem nötigen Quäntchen an Selbstvertrauen variiert werden und dadurch komplett neu wirken können. Weg vom Erprobten, rein ins Ungewisse. Ganz ohne Beziehungsangst. Oder eben mit.

Obsession – Du sollst mich lieben (2025)