The Uprising – Für die Freiheit (2026)

KÖNIGRUFEN MIT SCHLECHTEN KARTEN

6,5/10


Andrew Garfield wettert in The Uprising gegen den König
© 2026 Constantin Film Verleih


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, DEUTSCHLAND 2026

REGIE / DREHBUCH: PAUL GREENGRASS

KAMERA: VOLKER BERTELMANN

CAST: ANDREW GARFIELD, JAMIE BELL, STEPHEN DILLANE, TOM HOLLANDER, COSMO JARVIS, WOODY NORMAN, KATHERINE WATERSTON, THOMASIN MCKENZIE, JOHNNY LEE MILLER, GERALD TYLER, SKY YANG U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Steuern waren immer schon unbeliebt. Vor allem im Mittelalter. Wenn man die damalige Zeit der Strumpfhosen, Kettenhemden und Schwerter mit dem Eintreiben des Zehnt verbindet, denken wir alle unweigerlich an einen Kerl in grünem Linnen und Kapuze, der wie kein anderer mit dem Bogen umgehen kann und vorzugsweise im Dickicht des Sherwood Forest campt. Lasst es uns ruhig aussprechen: Sein Name ist Robin Hood.

Dessen Tod haben wir dieses Jahr schon betrauern müssen, in Michael Sarnoskis The Death of Robin Hood – einem kernig-deftigen Absolutionsabenteuer, in dem Hugh Jackman mit der Reue so seine Probleme hat, weil schließlich war er zumindest in dieser Interpretation ein gar nicht so guter Kerl.

So lebt man die Idee einer Rebellion

Paul Greengrass geht die Sache anders an. Sein Film The Uprising – Für die Freiheit ist auf den ersten Blick keine weitere Origin-Story des legendären Königs der Diebe, auch wenn das Marketing für diesen Film weltweit dafür gesorgt hat, dass alle das glauben. Andererseits lässt sich Greengrass dazu hinreißen, es seinem Zunft-Kollegen Todd Philipps nachzumachen, der mit seinem Joker-Gedankenexperiment Joker: Folie à Deux das visionäre Konzept einer antagonistischen Persönlichkeit als überall anwendbar erklärt hat.

Der Begriff Robin Hood und dessen Intention funktioniert genauso, und zwar als eine der Gesellschaft inhärente Geisteshaltung, wobei man zugeben muss, dass der Grüngewandete zwei Jahrhunderte früher existiert haben muss, zu Lebzeiten König Richard Löwenherz, der kreuzzugsmäßig verplant war und seinen Bruder John Ohneland alleine auf der britischen Insel walten ließ.

Ein zeitloses Streben nach Gerechtigkeit

Ob früher oder später: Letztendlich hat sich der Mythos bis in die Gegenwart gerettet, weil er auf zeitlose Weise für etwas eintritt, was man Gerechtigkeit und Fairness nennt im Schatten politischer Macht. Immer noch ist Robin Hood ein Good Guy, da kann Hugh Jackman noch so finster blicken.

Was machen da schon zwei Jahrhunderte, wenn einer wie Robin Hood eigentlich nicht sterben, sondern als Idee das rechtschaffene Volk durchdringen soll. Diesen Spirit erfasst auch einen wie Ploughman, fast schon ein namentlicher Platzhalter, denn Andrew Garfield, dem in Sachen gespielter Freudlosigkeit niemand das Wasser reichen kann, ist eine menschliche Variable. Einer, der aber die Schneid hat, die Schneide auszupacken, um der geldgeilen Entourage eines völlig unpässlichen Königs martialische Grenzen zu setzen.

Wir lernen Geschichte

Bald schon gerät die fiktive traurige Gestalt in den Dunstkreis des sozialkritischen Predigers John Ball (Jamie Bell) und des ehemaligen Recken Wat Tyler (Cosmo Jarvis, Shogun), womit wir nun historisch gesehen auf der sicheren Seite sind. Die beiden hat es tatsächlich gegeben, und sie traten auch im Bauernaufstand des Jahres 1381 derart in Erscheinung, dass sie in den Geschichtsbüchern hängen blieben.

Greengrass will sich damit auch nicht nachsagen lassen, ein Ridley Scott zu sein, indem er Fakten einfach verdreht und dehnt – letzten Endes tut er das aber auch, zugunsten eines Mythos. Aber bis dahin lässt die Akkuratesse in der Ausstattung und auch der Fortgang der Geschehnisse bis zu einem gewissen Punkt durchaus staunen.

Ach, diese Politiker!

Am meisten staunt man über Woody Norman, der an der Seite von Joaquin Phoenix in C‘mon C‘mon bereits Filmerfahrung gesammelt hat und als Richard II so dermaßen unangenehm berührt, dass es ein leichtes gewesen wäre, diesen Charakter in das zum Teil hassenswerte Who is Who von Westeros einzugliedern, ohne dass es groß auffällt.

Normans Interpretation des zutiefst gläubigen, eitlen und völlig von seiner Entourage dominierten Kindsmonarchen schlittert stets am Wahnsinn vorbei, und man möchte diese Figur aus ihrer dekadenten Agonie holen, was niemandem im Film wirklich gelingt.

Schulterboxend hinein ins Chaos

Diese unangenehme Berührtheit ist aber der notwendige Anker, um nicht das Interesse zu verlieren an einem chaotischen Bauern-Tsunami, den dieser fast schon gesichtslose Andrew Garfield anführt oder auch nicht. In diesem Chaos lässt es sich schwer andocken, die bei Greengrass-Filmen oftmals angewandte Wackelkamera tut dabei ihr Übriges, um das Gefühl zu vermitteln, man wäre als Reporter aus der Zukunft mit dem Smartphone dabei.

The Uprising – Für die Freiheit ist wie ein Found-Footage-Kino, das nach dem Historienepos in sich selbst sucht. Ab und an wird es fündig, und am Ende wird das Zugeständnis zum metaphorischem Kick-off im Sherwood Forest für alle Übervorteilten. Ganz schön wuchtig, ganz schön wirr.

The Uprising – Für die Freiheit (2026)

In the Hand of Dante (2025)

BARES FÜR RARES – ODER: DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE, LEICHT GEKÜRZT

5/10


Oscar Isaac als Nick Tosches im Film In the Hand of Dante von Julian Schnabel© 2026 ITHOD Productions Ltd.


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2025

REGIE: JULIAN SCHNABEL

DREHBUCH: JULIAN SCHNABEL, LOUISE KUGELBERG, NACH DEM ROMAN VON NICK TOSCHES

KAMERA: ROMAN VASYANOV

CAST: OSCAR ISAAC, GAL GADOT, GERARD BUTLER, JOHN MALKOVICH, MARTIN SCORSESE, AL PACINO, JASON MOMOA, LOUIS CANCELMI, SABRINA IMPACCIATORE, FRANCO NERO, BENJAMIN CLEMENTINE U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Was genau ist Gonzo-Journalismus?

Jedenfalls nichts aus der Muppet-Show. Es leitet sich auch nicht von Gonzales ab – im Grunde beschreibt es die Abkehr vom Objektivismus bei der Berichterstattung, ist subjektiv, polemisch, leidenschaftlich. Mehr etwas wie ein innerer Bericht, eine Ich-Bekundung zu welchem Thema auch immer.

Hunter S. Thompson zum Beispiel war so jemand. Filmfreunde und Freundinnen wissen: Dieser Mann lieferte die Vorlage zu Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegas – einem Bericht also, der beschreibt, wie sich mit allerhand Drogen und Alkohol die Realität verzerren lässt.

Die göttliche Komödie ist gar nicht zum Lachen

Wer da auch noch als Pionier für diese Ego-Form der Reportage gilt, ist Nick Tosches. Er schrieb nicht nur Biografien über Künstler wie Jerry Lee Lewis, sondern ersann auch manch Belletristisches, wie zum Beispiel den Fake-Artefakte-Thriller In the Hand of Dante. Dabei ist von Dante Alighieri die Rede, dem italienischen Wunderwuzzi aus dem Mittelalter, dem wir die Göttliche Komödie zu verdanken haben – einer symbolischen Reise durch das Jenseits, gegliedert in 3 Teile: Die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies.

Zuerst muss man als Sterblicher durch die Hölle, die wiederum ist in 9 Kreise eingeteilt – dabei lässt sich dieser ganze opulente und einzigartige Text noch weiter auseinanderklamüsern, alleine der 8. Kreis der Hölle gliedert sich abermals in zehn Bögen. Was da alles auf uns zukommt, wenn wir abnippeln – sagenhaft. Selbst Dante musst davon entzückt gewesen sein, oder von seinem eigenen Werk erschlagen.

Julian Schnabel und sein Gaunerstück

Gleich zu Beginn schickt uns der Künstler und Feingeist Julian Schnabel, der schon so manchen Künstler portraitiert hat, darunter Vincent van Gogh und Basquiat, zwar nicht durch das Inferno der Hölle, sondern gemeinsam mit Oscar Isaac in zeitgemäßer Tracht des 13. Jahrhunderts zumindest auf den im Purgatorio aufragenden Läuterungsberg.

Er selbst beschreitet den Weg, Dante Alighieri – denn niemand anderen spielt der Star in diesem ausschweifenden Hybriden aus kostümträchtigen Historienfilm und einem Mafiakrimi, der sehr viele nervöse Finger über sehr viele sensible Abzüge legt. Will heißen: In the Hand of Dante macht kaum Gefangene, was ich bei Julian Schnabel nun wirklich nicht vermutet hätte.

Von diesem schmackhaft mediterranen Ambiente verabschiedet sich der Filmemacher nur kurz, um nahe zur Jahrtausendwende 2000 bei eingangs erwähntem Nick Tosches vorbeizusehen, der sich in seiner literarischen Vorlage auch selbst zum Protagonisten erklärt hat.

Zurück in der Zukunft

Wie sich unschwer im Laufe der Handlung erkennen lässt, sieht der historische Dante diesem Nick Tosches erstaunlich ähnlich. Auch Love Interest Gal Gadot, die sich hier um redliches Schauspiel bemüht, scheint als verführerische Sekretärin mit Flashback an ein früheres Leben auch schon mal existiert zu haben. Und zwar als zumindest historisch gesicherte Gemma Donati, die bessere Hälfte des Poeten.

Wenn man also bislang schon nichts über Dante gewusst hat, so weiß man durch Julian Schnabels Film und vielleicht auch durch meine Review hier schon etwas mehr. So richtig schräg wird es dann, wenn die schwarzweiße Hatz nach diesem einzigen Manuskript, das es von Dante geben soll, losbricht. Der vom Meister bekritzelte Packen Papier: unbezahlbar – doch John Malkovich als Schwarzmarktpate will ihn haben!

Sympathieträger unter Italiens Sonne

Er schickt Nick Tosches gemeinsam mit einem Herren fürs Grobe los, einem Ungustl unter der Sonne, so einen gibt es kaum ein zweites Mal. Und Gerard Butler hat, während er diesen obszönen Killer mimt, sichtlich Freude daran. Oscar Isaac muss da sehen, wo er bleibt – und kompensiert seine Rolle mit allerhand Arroganz.

Sympathisch ist das nicht. Sympathisch ist in Schnabels Film überhaupt niemand so richtig. Und dennoch bleiben diese miniatürlichen Gaunereien, diese Dialogskizzen, die der Film zum charakterlichen Ausbau seiner Charaktere benötigt, nicht ohne Faszination.

Vom Anlocken Schaulustiger

Tatsächlich kann diese zwischen knallhartem Mafiaepos und Dan Brown, der auf einen Drink mit Nicolas Cage aus der Vermächtnis-Abenteuerfilmreihe geht, durchwegs auf eine Weise unterhalten, die hart an Schaulustigkeit grenzt.

Ordentlich im Weg steht ihm dabei der gescheiterte Versuch, den Ursprungs-Dante, und eben nicht seine Reinkarnation, auf den Weg zu bringen. Da reißt es ihn innerlich um, den Dichter, zwischen Selbstmitleid, Lamento und Entrücktheit – ein Geschwafel sondergleichen, bei dem sogar Martin Scorsese, versteckt unter ordentlich Haarwuchs, auch noch mitmischt.

Dante als ungreifbare Figur

Ergiebig sind diese Abstecher ins Mittelalter überhaupt nicht. Als Backpulver für einen Film, der sich sonst wie ein Trivialkrimi aus der Groschenroman-Abteilung anfühlt und Stereotypen schafft, dass es ärger nicht geht, vielleicht auf eine gewisse Weise sinnvoll – doch beides passt schlichtweg nicht zusammen. Wer Dante war? Davon hat man auch am Ende keine Ahnung.

Als Künstler will man Kohle machen

Wenn ein Schriftsteller also mit Abstand von 600 Jahren abermals auf sein Werk blicken würde – würde er all die verborgenen Fehler darin erkennen, die man hätte besser machen können? Schnabel wünscht sich diese Meta-Ebene so sehr, doch ein Gespür dafür, wie er sie hineinbringt, hat er nicht.

Vielleicht liegt es an der selbstgefälligen, viel zu zynischen Spielweise des Oscar Isaac,. Der ja den ganzen Film dominiert und der am Ende scheinbar seinen Charakter verrät, wäre da nicht diese Sache mit der Reinkarnation, die so manches erklärt. Und nebenbei den Wunsch erfüllt sieht, als Künstler reich zu werden.

Was bleibt ist ein unrunder Versuch, einen Egotrip als Egotrip zu inszenieren. Starbesetzt zwar, aber nicht reif fürs Paradies, scheitert In the Hand of Dante am Läuterungsberg immer wieder am Aufstieg.

In the Hand of Dante (2025)

The Death of Robin Hood (2026)

ACH, WÄR ICH DOCH MEIN MYTHOS

7/10


Hugh Jackman als Robin Hood in The death of Robin Hood von Michael Sarnoski© Panda Lichtspiele Filmverleih 


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

KAMERA: PAT SCOLA

CAST: HUGH JACKMAN, JODIE COMER, BILL SKARSGÅRD, MURRAY BARTLETT, NOAH JUPE, FAITH DELANEY, JADE CROOT, TABITHA SMYTH, CLIVE RUSSELL, BEAU THOMPSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Wie wir alle wissen, gibt es im Genre des Westerns sämtliche Unterkategorien, von denen manche – auch ich – noch nie etwas gehört haben. Zum Beispiel der Begriff Acid-Western. War euch der geläufig? Viel eher lässt sich mit der Bezeichnung Spätwestern etwas anfangen – was sich aber, fälschlicherweise, nicht auf die zeitliche Ebene bezieht, in der ein solcher Western spielen soll. Sondern auf die Melancholie und die Schwere später Einsicht, die Akzeptanz eines Endes, auf den Abgesang.

Raus aus den Strumpfhosen!

Auch im Historienfilm, oder eben im Genre des Mittelalterfilms, gibt es ihn: Den Spät-Mittelalterfilm. Und gab es ihn vorher nicht, hat ihn Michael Sarnoski jetzt, mit seinem Death of Robin Hood, endlich etabliert. Natürlich lässt sich Robin und Marian von Richard Lester auch als Spät-Mittelalterfilm bezeichnen.

Auch dort ist der Vagabund des Sherwood Forest eine alternde, desillusionierte Persönlichkeit, die das Abenteuer bereits weit hinter sich gelassen hat. Sarnoskis Mythos des Helden in Strumpfhosen, mit Feder in der Kappe und Sinn für Gerechtigkeit – den gibt es nicht. Oder eben nur in Geschichten. Und selbst diese Geschichten sind nur Ausreden dafür, dass einer wie Robin Hood eben plündern, morden und brandschatzen kann, was geht – trifft es doch laut eigener Meinung sowieso immer nur die „Bösen“.

Vom Monster, das keines mehr sein will

Mit so einem Robin lebt man eher mit Arm ab als dass man arm dran dahinvegetiert in einer Welt, die so unwirtlich, undankbar und gewalttätig ist, dass selbst einer wie Robert Eggers seinen Northman als braven Buben präsentieren kann, der auch nur einfordert, was ihm zusteht, während dieser Robin Hood hier sein Lebtag lang nur genommen hat, was nicht sein eigen ist.

Und jetzt – Jahrzehnte später, der Mann ist alt, mit verfilztem grauem Haar wie ein erschreckend auf Entzug gesetzter Geralt von Riva aus dem Witcher-Kosmos – denkt der große Bogenschütze über sein Leben nach. Und er ist müde, womöglich krank, jedenfalls einfach durch und durch desillusioniert, weil auf der Habenseite dieses Lebens nichts mehr existiert außer die Freiheit. Manche würden sagen: das ist ja nicht nichts. Aber Geborgenheit, Ruhe, ein Platz zum Verweilen – wäre angesichts des Lebensabends durchaus wünschenswert. Und auch die Tatsache, dass das, worauf einer wie Robin Hood zurückblicken kann, irgendwie nichts wert ist.

Morden ist wie Blumenschneiden

An Disneys kecken Fuchs ist dabei nicht zu denken. An Kevin Costners edler Gesinnung, unterlegt von Bryan Adams schmachtender Stimmlage, auch längst nicht mehr. Michael Sarnoski (Pig, A Quiet Place: Tag eins) liefert uns unwirtliche, sturmumtoste Hochebenen und einen beissenden Schneesturm. Hier ist es endlich kalt, abkühlen lässt es sich alleine durch diesen Anblick einer zumindest was die Witterung angeht lebensfeindlichen Welt, in der ein in Lumpen gehüllter Waldschrat gerne diesen Mythos gelebt hätte, in dem er steckt, der sich selbst verleugnet und für den das Töten immer noch so ist wie Blumenschneiden.

Ist Robin Hood nur eine Variable?

Was hat dieser Mann – überzeugend dargeboten von Hugh Jackman, der hinter seinen Zotteln kaum wiederzuerkennen ist – denn eigentlich noch mit Robin Hood gemein? Das könnte doch genauso gut irgendein anderer Kerl sein, ein anderer Verbrecher. Wie entstand also dieser Mythos?

Nur vage traut sich Sarnoski an die Beantwortung dieser Frage. Er behält sich auch vor, abzubilden, wie es zu diesem Sinneswandel bei Robin Hood überhaupt kommen konnte. Jedenfalls gesellt sich schon zu Beginn der gute alte Little John zu seinem Spezi, der ihn bittet, sein ebenfalls unrechtmäßig erworbenes Hab und Gut einschließlich Ehefrau und Kind zurückzuholen, das ihm von der Familie des von ihm getöteten Ex-Ehemannes entwendet wurde.

Vom Blutrausch zur Besinnung

Die anfänglichen zwanzig bis dreißig Minuten dieses Films sind dann auch eine bis zum Exzess getriebene, archaische Blut- und Gewaltorgie, währenddessen Robin und Little John versuchen, ihr unrechtmäßiges Recht einzufordern. Sarnoski findet Bilder von urtümlicher Kraft, monströse Schattenrisse vor brennenden Höfen, pelzummantelte Hünen, Blut, Beuschel und Gebrülle. Menschen werden zu Tiere, das Mittelalter war furchtbar, richtig furchtbar.

Und dann der Twist – auch der stilistische Twist, die Kamera wird ruhiger, alles wird heller, Jodie Comer kommt ins Spiel als Priorin eines Klosters am anderen Ende des Königreichs. Der halbtote Robin Hood setzt zur Genesung und zur Besinnung an, entdeckt sowas wie Reue und die Möglichkeit, Konflikte auch anders klären zu können als nur mit roher Gewalt.

Die Legende hat keinen wahren Kern

Doch der Mythos wird immer noch nicht zu Robin Hood selbst, er ist das große Versäumnis eines Lebens, eine idealisierte Alternative, die einer wie er hätte leben können. Nun wird’s philosophisch, still, kontemplativ, aber immer noch von einer gewissen animistischen Magie durchdrungen, die gar nicht so sehr Christentum sein will.

The Death of Robin Hood wird zum Abgesang bar excellence, mehr absingen geht nicht. Das letzte bisschen Würde, wenn es denn überhaupt eine gab, lässt Sarnoski seiner Figur nun angedeihen. Diese Ruhe, diese Entwicklung alleine im Gespräch, in den Blicken und im Bauen von Bögen mag die Erwartungshaltung so mancher für diesen Film, die mit den ersten zwanzig Minuten gut konnten, völlig zuwiderlaufen und auch enttäuschen.

Am Ende siegt die Selbstgerechtigkeit

Doch man tröste sich, die Enttäuschung teilt man sich mit Robin Hood, den die Selbstgerechtigkeit dann doch noch holt. Lieber gleich wissen, was gut und richtig ist, denkt sich der auf ein sinnloses Leben zurückblickende, als sich nach Lust und Laune durch ein solches treiben zu lassen, dessen Weg unzählige Leichen pflastern.

Niemals wieder wird Robin Hood so sehr entzaubert werden können wie hier. Beschützer der Witwen und Waisen? Zumindest am Ende noch. Doch selbst da beugt er sich keinem Willen.

The Death of Robin Hood (2026)

Der Medicus 2 (2025)

EIN MÄRCHEN VOM MITTELALTER

5/10



© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: PHILIPP STÖLZL

DREHBUCH: STEWART HARCOURT, PHILIPP STÖLZL, CAROLINE BRUCKNER, JAN BERGER, MARC O. SENG, NACH MOTIVEN VON NOAH GORDON

KAMERA: FRANK GRIEBE

CAST: TOM PAYNE, EMILY COX, AIDAN GILLEN, ÁINE ROSE DALY, OWEN TEALE, LIAM CUNNINGHAM, EMMY RIGBY, SARA KESTELMAN, ANNE RATTE-POLLE, MALICK BAUER, FRANCIS FULTON-SMITH, ROSIE BOORE U. A.

LÄNGE: 2 STD 23 MIN



Noah Gordon hat Ende der Achtzigerjahre einen historischen Abenteuerroman mit dem Titel Der Medicus verfasst. Ein Bestseller, der, irgendwo zwischen Aladdin, Die Päpstin und Lawrence von Arabien, zumindest den Anspruch erhebt, mit realen historischen Figuren auskommen zu wollen, wenn schon Protagonist Rob Cole, der als Medizinstudent unter die lehrreichen Fittiche eines Gelehrten namens Avicenna gerät, in der Weltgeschichte nichts verloren zu haben scheint. Doch dagegen, da ist wirklich nichts einzuwenden. Zahlreiche historische Filme arbeiten auf diese Weise: Sie schaffen eine Identifikationsfigur, die es so nicht gegeben hat, einzig und allein, um den Leser in die Geschichte hineinzuziehen, um ihn mitfiebern und gleichzeitig lernen zu lassen, was zu dieser Zeit an diesem Ort an Geschichte wohl passiert sein mag.

Bezugspersonen durch die Geschichte

Frank Schätzings Roman Tod und Teufel zum Beispiel beschreibt das Köln der Frührenaissance akribisch genau und verwebt seine Antihelden in einen historischen Kriminalfall, den man auf diese Weise wohl noch nicht gelesen hat. Die Netflix-Serie The Last Kingdom setzt einen Universalhelden namens Uthred in das chaotische Geschehen Großbritanniens des neunten Jahrhunderts, um zahlreichen historischen Persönlichkeiten zu begegnen, die das frühe England geprägt hatten. Was dieser Serie dabei so grandios gelingt, ist, die Figur des Uthred nahtlos in das historische Geschehen einzuweben, um ihn danach daraus so zu entfernen, als wäre er eines aus den Fakten getilgtes Mysterium. Im Medicus war es immerhin der Gelehrte namens Avicenna, den es wirklich gegeben hat.

In der nun freien Fortsetzung, die auf keines der Arbeiten von Noah Gordon beruht, hat europäische Geschichte überhaupt keine Bedeutung mehr. Das einzige, woran wir uns orientieren können, ist England, das alte London, die Themse. Der Begriff Hakim taucht immer wieder auf, arabisch für Arzt und Gelehrter. Und damit war es das auch schon zum Thema Wissensvermittlung. Alles andere ist wild zusammenfabuliert, entbehrt jeglicher historischer Grundlage und setzt eine alternative vergangene Realität vor die Kamera, die ungefähr so relevant ist wie jene, die wir in Grimms Märchen entdecken.

Die früheren Leben des Sigmund Freud

Im Zentrum des konstruierten Bilderreigens an Mittelalterklischees steht abermals Rob Cole, der nach einem Sturm vor der Südküste Englands Schiffbruch erleidet und mit seinen Gelehrtenkollegen, einem Sohn im Arm und der Trauer ob seiner ums Leben gekommenen Geliebten versucht, im London des 11. Jahrhunderts Fuß zu fassen. Mit im Gepäck: Ein ledergebunder Wälzer mit allerhand neumodischem Gesundheitskram. Schließlich wissen wir: das alte Arabien war in so frühen Zeiten dem in Finsternis und Aberglauben dahinsiechenden Europa mehrere Nasenlängen voraus. Damit einhergehend drängt Cole das Bedürfnis, Gesundheit leistbar werden zu lassen, und zwar für jede und jeden, ob arm oder reich, ob schwarz oder weiß. Das alles natürlich ohne Versicherung, ohne Selbstbehalt, ohne Bereicherung der Gesundheitskasse. Mit dieser Einstellung stößt Cole bei der Gilde der Mediziner auf Missfallen. Und nicht nur dort: Auch des Königs sinistre Gattin Mercia, die sich so nennt wie ein ganzes Königreich, hat wenig Lust daran, denn kranken Monarchen gesund zu sehen. Cole gelingt es aber, diesen zu heilen und überdies noch die einzig würdige Thronerbin Ilane (womöglich abgeleitet von Insane) aus ihrem Siechtum zu befreien. Das tut er mit erstaunlicher Kenntnis über Psychotherapie und selbiger Analyse, zum damaligen Zeitpunkt eher nicht wirklich State of the Art, es sei denn, Freud wäre durch die Zeit gereist.

Konventionelles in schönen Bildern

Es entspinnt sich ein pittoresk-biederes Märchen aus den Überbleibseln einer zugestandenen Geschichtsschreibung, von versteckten Königstöchtern, integren Herrschern, die Vernunft walten lassen wollen, dies aber nicht können, weil Intrigen, wie einst in Game of Thrones, alles zersetzen. Apropos Game of Thrones: Philipp Stölzl weiß, wie er sein Publikum ins Kino bringt. Er besetzt ganz einfach die eine oder andere Rolle mit bekannten Gesichtern aus dieser Jahrhundertserie, darunter Liam Cunningham als Märchenbuchkönig und natürlich „Kleinfinger“ Aidan Gillen, der den Intriganten aus dem FF beherrscht. Auch Emily Cox, die in eingangs erwähnter Serie The Last Kingdom eine tragende Rolle spielt, will auch hier in gelangweilter Bösartigkeit die Macht an sich reißen. Diesen Leuten sieht man schließlich gerne zu, auch wenn sich die Handlung allzu sehr in konventionellen Bahnen bewegt und mit einer Vorherhsehbarkeit klarkommen muss, da scheinen selbst Rumpelstilzchen und Co mit Storytwists nur so um sich zu werfen. Wie Stölzl und sein Postproduktionsteam es aber zustande bringt, Der Medicus 2 mit solch epischen Bildern zu illustrieren – vorrangig vom frühmittelalterlichen London – ist bemerkenswert. Schön anzusehen ist das ganze ja durchaus, die pure Erfindung des Mittelalters aber eine bittere Enttäuschung.

Der Medicus 2 (2025)

Hagen – Im Tal der Nibelungen (2024)

EIN HELDENMÖRDER ERHEBT DIE STIMME

7/10


hagen© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE: CYRILL BOSS & PHILIPP STENNERT

DREHBUCH: CYRILL BOSS, PHILIPP STENNERT, DORON WISOTZKY

CAST: GIJS NABER, JANNIS NIEWÖHNER, DOMINIC MARCUS SINGER, LILJA VAN DER ZWAAG, ROSALINDE MYNSTER, ALESSANDRO SCHUSTER, JOHANNA KOLBERG, JÖRDIS TRIEBEL, JÖRG HARTMANN, BÉLA GABOR LENZ, EMMA LOUISE PREISENDANZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Was für Großbritannien die Artus-Sage, ist für Kontinentaleuropa wohl die Urmutter aller Königsdramen: Die Nibelungensage. Doch anders als in der griechischen Antike sind die nordischen Götter nicht ganz so präsent und lenken die Schicksale der Sterblichen, sondern schicken uralte Wesen in eine nicht näher verankerte historische Realität, die zwischen Attila dem Hunnenkönig und dem Niedergang der Burgunder angesiedelt ist. Es sind dies Drachen, Zwerge, Walküren. In diesem metaphysischen Dunst aus Legende und geschichtlichen Fun Facts streiten Siegfried, der Universalheld, später missbraucht durch den Nationalsozialismus als germanische Symbolfigur, und Hagen, der fiese Recke, angestachelt durch die betrogene Walküre Brunhild, um Gunst und Ansehen. Das Regieduo Cyrill Boss und Philipp Stennert, die sehr erfolgreich Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek als ungleiches Ermittlerduo in Der Pass mit dem Grauen in den Alpen konfrontierten, wollen dem Parade-Antagonisten mit der Augenklappe nicht die Origin-Story eines Finsterlings angedeihen lassen. Hagen von Tronje soll rehabilitiert werden, soll sagen und zeigen können, was ihn letztlich bewegt haben soll zu dieser schrecklichen Tat, nämlich Siegfried den Speer in den Rücken zu rammen, genau dorthin, wo das Lindenblatt die sonst durch Drachenblut unverletzbar gewordene Haut undurchdringbar machte. Vielleicht aber war zwar nicht alles, aber vieles ganz anders?

Fantasy-Autor und Vielschreiber Wolfgang Hohlbein, der „Konsalik“ der fantastischen Literatur, hat mit Hagen von Tronje die Vorlage für einen Film geliefert, den kaum mehr etwas mit Richard Wagners getragenem Opern-Bombast oder Fritz Langs Stummfilmversion verbindet. So sehr die nihilistische Sage der Nibelungen die ganze dunkle, große Tragödie heraufbeschwört und im Grunde den gesamten Cast über die Klinge springen lässt, so leicht kann das Drama aus Intrige, Verrat und Rache im Zuckerwasser der Schwülstigkeit versinken, kann der wildromantisch-mittelalterliche Ritterfest-Kitsch sintflutartig über sein Publikum hereinbrechen. Vieles könnte schiefgehen bei einem relativ frei interpretierbaren Stoff wie diesem, der politisch längst instrumentalisiert wurde. Zum Glück haben Boss und Stennert genug Inspiration genau dort gesammelt, wo das magische Mittelalter, und sei es auch noch so sehr nicht von dieser Welt, erwachsen wurde: Game of Thrones. Der mehrstaffelige Straßenfeger wird zum Musterbeispiel, wie geerdet, straff und schnörkellos Königsdramen inszeniert werden können. Auch Vikings oder The Last Kingdom – Formate, die historisch nicht akkurat, aber dramaturgisch und visuell enorm innovativ vom frühen Mittelalter im Norden Europas berichten – beeinflussen nun auch das Kino Deutschlands. Hagen – Im Tal der Nibelungen gefällt sich in moderater Düsternis, erdigen Bildern und vor steingrauen Kulissen. Entschmückt, entkitscht und dem Fantastischen zugeneigt, findet das Regieduo im wahrsten Sinne des Wortes sagenhafte Bilder für diesen uralten Stoff, ihr Höhepunkt gipfelt in der Darstellung der isländischen Walküren und deren Festungen – internationalen Vorbildern steht die Bildwelt dieses Streifens um nichts nach.

Sind Setting und Ausstattung mal auf der Habenseite, gibt Hagen – Im Tal der Nibelungen den ikonischen Figuren stets die passenden Gesichter. Gijs Naber verkörpert das titelgebende Schwergewicht so selbstsicher, da kann kommen was will. Als Konterpart und Sparringpartner: Jannis Niewöhner als eine erfrischend unpathetische Interpretation eines ambivalenten Haudraufs, der durch Intuition seinen Status sichert. Das strahlende Licht, dass Siegfried im Laufe der Kulturgeschichte immer mit sich brachte, ist hier nun erloschen. Umgekehrt weicht die Finsternis allerdings auch von Hagen, beide Charaktere werden in ein graues, altes Licht getaucht, dass Zwerg Alberich als geheimnisvolle Spukgestalt zu erklären versucht. Kriemhild, Brunhild, selbst König Gunter: Auch da gelingt das Casting einwandfrei.

Kritik muss sich Hagen – Im Tal der Nibelungen vielleicht dahingehend gefallen lassen, dass der Film einige Zeit benötigt, um erst so richtig in die Gänge zu kommen. Verhalten und zaghaft öffnet sich die Büchse der Pandora der Burgunder, Längen schleichen sich ein. Man merkt auch eines: Hagen – Im Tal der Nibelungen will beides – als Serie und als Film funktionieren. Ein kniffliger Spagat, denn beide Medien verlangen unterschiedliche Konzepte. 2025 soll aus diesem Film hier eine sechsteilige Serie werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese noch besser funktionieren wird als auf der Leinwand. Denn ein Kinofilm ist das Sagen-Schmuckstück zumindest nicht in erster Linie, auch wenn es einen Bildersturm entfesselt, der für den Homescreen fast zu schade ist. Eine Sehnsucht, die auch Game of Thrones ertragen musste.

Hagen – Im Tal der Nibelungen (2024)

The Lost King (2022)

DER KÖNIG UND ICH

8/10


thelostking© 2023 X Verleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: STEPHEN FREARS

DREHBUCH: STEVE COOGAN, JEFF POPE

CAST: SALLY HAWKINS, STEVE COOGAN, HARRY LLOYD, JAMES FLEET, MARK ADDY, LEE INGLEBY, LEWIS MACLEOD, BENJAMIN SCANLAN, ADAM ROBB U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd! Es wird wohl kaum jemanden geben, bei dem es da nicht klingelt. Ein Zitat, das bereits die Jahrhunderte überdauert hat und weitere überdauern wird, aus einem Theaterstück, dem es ebenso ergeht: Richard III. William Shakespeare hat den letzten Plantagenet-Monarchen als buckligen, ekelhaften Thronräuber hingestellt, der die Nachkommen seines Bruders – zwei Prinzen – in den Tower schloss. War dem wirklich so? War Richard III. wirklich bucklig, wirklich so grausam zu seinen Neffen, und wirklich ein Thronräuber? Vieles, so denkt sich die in einem Callcenter arbeitende und unter ME leidende Philippa Langley nach dem Besuch einer Aufführung besagten Stückes, könnte auch nur die hetzerische Darstellung der Tudors gewesen sein, die für etwas mehr als ein Jahrhundert den Thron besteigen werden. Vieles mag vielleicht nur eine subjektive Schlussfolgerung ob eines nicht ganz gefälligen Äußeren gewesen sein. So, wie Philippa selbst stets übervorteilt wird, da sie in Stresssituationen Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren oder meist übermüdet zur Arbeit kommt. Dabei steckt so viel mehr in ihr selbst als von allen anderen angenommen. Es steckt die plötzliche Mission in ihr, die sterblichen Überreste eines verunglimpften Herrschers zu finden, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Der Ex-Ehemann, Steve Coogan, hält das für einen schlechten Scherz. Die Fangemeinde um King Richard, zu welcher Philippa bald zählen wird, begegnet diesem Enthusiasmus zwar mit Wohlwollen, aber aus der Distanz. Denn so ein irres Vorhaben, das kann niemals Früchte tragen.

Und dennoch ist es so passiert. Im Jahre 2012 wurden auf dem Parkplatz eines Sozialzentrums irgendwo in Leicester der Leichnam des verlorenen Königs gefunden, und das nur, weil Philippa Langley in selten gesehener Beharrlichkeit sämtliche Hürden zu überwinden imstande war. Als Durchschnittskonsument(in) ohne akademischen Abschluss, wenig Einfluss und schon gar keinem elitären Netzwerk bis in die höheren Kreise von Wissenschaft und Politik wird man wohl sehr schnell das Handtuch werfen – oder solch eine Schnapsidee, vernüftig, wie man ist, vom Tisch wischen. Doch wo ein Wille, da ein Weg, das zeigt Stephen Frears in seiner neuen True Story mit erfrischender Begeisterung für seine zerbrechlich scheinende Heldin, die allerdings so viel Power in sich trägt, um die gesellschaftliche Ordnung umzukehren. Akademiker und Universitäts-Kapazunder sehen sich bald in einer Philippa untergeordneten Rolle. Sally Hawkins verkörpert die treibende Kraft hinter dem Abenteuer Archäologie nicht, als wäre sie ein weiblicher Indiana Jones mit der für Harrison Ford so typischen unverhohlenen Dreistigkeit, sondern wie jemand, der sich von seiner Intuition leiten lässt. Demotivierende Niederlagen sind der Nährboden für neue Ideen. Improvisation, Flexibilität und vor allem Ehrlichkeit führen Philippa bis jenseits der Grenzen des Möglichen. Verletzlich und doch unerschütterlich hetzt Sally Hawkins als unscheinbare, kleine Amateurin von Pontius zu Pilatus, strahlt mitunter natürlich so einige Verbissenheit aus, die man ihr am liebsten ausreden würde  – doch dieses Abenteuer eines weiblichen „Bilbo Beutlins“, der auf dieser unerwarteten Reise über sich hinauswächst, ist so packend erzählt und dabei noch so wahrhaftig, dass man am liebsten selbst gleich mit anpacken würde, um den Asphalt schneller aufzureißen als es letztlich geschieht.

Mit dabei und nur für Hawkins Charakter sichtbar: Richard III. himself als junger König, meist wortlos, aber für Fragen offen. Ob diese Visionen Philippa tatsächlich heimgesucht haben, wage ich zu bezweifeln. Um die Gedankenwelt der zweifachen Mutter aber entsprechend zu illustrieren, ist dieses Stilmittel tatsächlich eines, das tiefer in die Materie hineinführt, das den verschollenen König nicht auf einen Haufen Knochen oder Shakespeares Interpretation reduziert, sondern eine die Geschichte beeinflussende Person daraus macht, die vielleicht ganz anders war als in unserer Wahrnehmung verankert.

Mit The Lost King entsteht die völlig unprätentiöse, unkitschige und aus ganzem Herzen rekapitulierende Chronik einer unglaublichen Geschichte. Eine, für die Professor Jones wohl alles geben würde. Eine, die aber kein draufgängerischer Akademiker, sondern die gute Seele aus der Nachbarschaft erzählen darf. Weil die Kraft des Willens zwar schwer, aber doch, so laut nach einem König rufen kann, bis dieser sich bequemt, unter all den Erdschichten hindurch die Hand zu heben. Frears begeistert sich selbst für seinen Film und begeistert auch sein Publikum, indem er zwischen Biografie, hautnaher Geschichte und gelebter Archäologie fürs Volk selbst Shakespeare-Banausen in seinen Bann ziehen kann. Weil es um mehr geht als nur um erdverkrustete Gebeine. Es geht um Respekt, Vorurteile und dem Kampf gegen die Arroganz der Privilegierten.

The Lost King (2022)

Die schwarze Spinne (2021)

DEN TEUFEL WERD‘ ICH TUN

4/10


schwarzespinne© 2021 Ascot Elite


LAND / JAHR: SCHWEIZ, UNGARN 2021

REGIE: MARKUS FISCHER

BUCH: BARBARA SOMMER, PLINIO BACHMANN, NACH EINER NOVELLE VON JEREMIAS GOTTHELF

CAST: LILITH STANGENBERG, NURIT HIRSCHFELD, RONALD ZEHRFELD, ANATOLE TAUBMAN, MARCUS SIGNER, FABIAN KRÜGER, JOSEF OSTENDORF, UELI JÄGGI U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Der größte Vorteil, den sich der Teufel nutzt, ist nicht der, den Menschen glauben zu machen, es gäbe ihn gar nicht. Sondern der, den Menschen glauben zu machen, sie könnten die Vorteile, die Luzifer ihnen anbietet, nutzen, ohne dafür etwas tun zu müssen. Falsch gedacht. Im Zeitalter der Romantik ist der Fürst der Finsternis das Synonym für den unberechenbaren Fortschritt vor allem in Industrie und Technik. Gegenwärtig stehen wir wieder vor so einem Umbruch. Der Teufel mag also wieder des Öfteren in Kunst und Kultur seinen Weg finden, um das Unabsehbare so zu verkörpern, dass man es vielleicht bannen kann.

Das hatte sich Jeremias Gotthelf in der ersten Halbzeit des 19. Jahrhunderts schon gedacht, als er seine mittelalterliche Novelle Die schwarze Spinne schrieb. Natürlich ist das Stoff, der für phantastische Filme adaptiert werden kann, die sowohl das Magische als auch den romantisierten Nostalgiebedarf für mittelalterliche Darstellungen aller Art bedienen könnte. Die Story ist auch denkbar einfach gestrickt, um sich gar nicht erst von ausufernden Landschafts- und Gefühlsbeschreibungen, wie diese nur zu gern zu dieser Zeit in Lettern festgehalten wurden, an den Rand drängen zu lassen.

Die moralische Mär um Teufel, Dämonen und Widerstand spielt im 13. Jahrhundert im Emmental, in einer Gegend, die der Deutschritter-Orden unter seiner Fuchtel hat, nachdem dieser von Kreuzzügen zurückgekehrt war und nun nicht viel mehr mit sich anzufangen weiß als das dort ansässige Volk zu unterjochen. Dass die Mächtigen sich aufspielen, ist gang und gäbe und verwundert wohl kaum, wenn man das menschliche Verhalten zumindest bereits ein bisschen mithilfe der Geschichte analysiert hat. An einem heißen Sommer zu dieser Zeit nötigt also der Recke Hans von Stoffeln seine Untertanen dazu, ihm innerhalb kürzester Zeit eine Allee aus schattenspendenden Bäumen auf dem Weg zu seiner Burg zu pflanzen. Ein unmögliches Vorhaben. Eines, bei welchem die ohnehin schon ausgezehrten und bettelarmen Bauersleute den Kürzeren ziehen. Wäre da nicht der jungen Hebamme Christine (Lilith Stangenberg) der Teufel als Karrenmacher erschienen, und hätte dieser ihr nicht Hilfe angeboten, um das Schicksal abzuwenden. Doch wie das beim Beelzebub eben so ist, wäscht eine Hand schließlich die andere. Der Finsterling macht nichts, ohne etwas ganz Bestimmtes einzufordern. Zum Beispiel den kommenden Nachwuchs. Verrückt müsste man sein, um den Deal nicht einzuhalten oder gar zu versuchen, den Teufel auszutricksen. Doch Christine versucht’s trotzdem – und entfacht die Spinnenpest.

Das alles klingt nach opulentem Horror zwischen Burgtor und Saustall. Ein wilder Ritt hätte das werden können, vielleicht gar so etwas philosophisch-makabres wie der australische Independent-Hexensabbat You Won’t Be Alone mit Noomi Rapace. Statt des Teufels ringt dort eine uralte Hexe um das Neugeborene einer Menschenfrau – mit ungewöhnlicher Wendung. In Gotthelfs Geschichte aber sind Wendungen maximal im Umblättern der Buchseiten zu finden. Der Plot bleibt sonst eher stringent – und erfährt auch unter der Regie des Schweizer Tatort-Regisseurs Markus Fischer kein erfrischendes Update. Die schwarze Spinne, ohne landschaftsbeschreibender Romantik, quält sich durch eine wenig attraktive Parabel um Opferbereitschaft und Widerstand, die unter sperriger Dialogregie leidet und mit Lilith Stangenberg eine unnahbare Heldin in Szene setzt, deren Motivation sich niemals richtig erschließt. Als würde die Produktion unter Geldnot leiden, offenbart sich der Spinnenterror mehr im Wunschdenken der Filmemacher als tatsächlich am Screen. Erschwerend hinzu kommt, sofern keine Untertitel vorhanden, das für Nicht-Schweizer mangelnde Verständnis für Schwyzerdütsch, den zumindest die Deutschritter nicht sprechen, was sich folglich als Wohltat herausstellt, wenn man gerade mal nicht am Inhalt des Gesagten heruminterpretieren muss.

Die schwarze Spinne lässt also keinen frischen Wind durchs Emmental wehen, auch wenn der faulige Geruch des Teufels in der Nase juckt. Die Lust an der Neuinterpretation muss angesichts einer gewissen Rückorientierung an die romantische Schwermut einer düsteren Arme Leute-Mystery weichen. Was zur Folge hat, dass das Auf- und Abtreten der Figuren der nahtlosen Dramaturgie eines Provinztheaters am Dorfplatz gleicht. Auch wenn man dabei noch so nah ans Ensemble rückt, wie eine Gruppe Kinder, die keinen Eintritt zahlen müssen und sich ans Podium drängen – auch dann lässt sich nichts von einem Spirit spüren, der das Publikum vielleicht irgendwann tangieren würde.

Die schwarze Spinne (2021)

Medieval

TRAU, SCHAU WEM, NUR KEINEM BÖHM‘

6/10


medieval© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: TSCHECHIEN 2022

BUCH / REGIE: PETR JÁKL

CAST: BEN FOSTER, SOPHIE LOWE, MICHAEL CAINE, TIL SCHWEIGER, MATTHEW GOODE, WILLIAM MOSELEY, ROLAND MØLLER, KAREL RODEN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


„Das ist nicht von mir!“, hätte mein Gesichtsprofessor auf der Grafischen durch die Klasse gerufen. Und ja – mit diesem abwertenden Sprichwort „Trau, schau wem…“ lässt sich einfach keine Solidarität leben. Ich rezitiere hier einen bayrischen Zweizeiler, der was weiß ich wann seinen Eingang in die Mundart fand, der sich aber ganz gut anwenden lässt, wenn man die spätmittelalterliche Geschichte rund um einen tschechischen Volkshelden zwischen den Mühlen der Machtgier aufrollen möchte. Dieses Vorhabens hat sich der tschechische Regisseur Petr Jákl (u. a. Ghoul – Die Legende vom Leichenesser) angenommen, um wohl einem der bedeutendsten Heerführer der Hussitenkriege – ach, was sag ich – einem der bedeutendsten Heerführer überhaupt (so steht es am Ende des Films geschrieben) ein Denkmal zu setzen: Jan Žižka, einer wie Götz von Berlichingen oder der gute alte Gottfried von Bouillon. Žižka war ein Söldnerführer. Gegen gutes Geld hätte er für jeden Adeligen die Drecksarbeit verrichtet, und sei es sogar, die Nichte des französischen Königs zu entführen, um vom betuchten Adeligen Heinrich von Rosenberg (Til Schweiger mit angenehm fremder Synchro), der die Dame als seine Verlobte ansah, Geld für eine Fahrt nach Rom zu erpressen, damit König Wenzel nach dem Tod Karls V. rechtmäßig zum Kaiser gesalbt werden könne. Dabei darf man nicht vergessen: Um das Jahr 1400 existierten zwei Päpste unter europäischer Sonne, beide mit Anspruch auf die absolute Macht. Der eine in der ewigen Stadt, der andere fraß sich in Avignon das Bäuchlein voll. Jan Hus, ebenfalls Tscheche, predigte derweil mehr als hundert Jahre vor Martin Luther protestantische Lehren und begründete auch so ganz nebenbei die Glaubensfraktion der Hussiten. Man darf sich vorstellen, wie sehr da die katholische Kirche unter Sodbrennen litt – Glaubenskriege waren die Folge, und im Zuge dessen war auch Jan Žižka ganz vorne mit dabei. Doch bevor es so weit kommen konnte, war da noch die Sache mit Königsnichte Catherine, die wie ein Spielball der Interessen zwischen Žižkas wilder Horde, König Wenzel von Böhmen und dessen despotischem Bruder und Möchtegern-Regent Sigismund (Matthew Goode) hin und hergereicht wurde. Alle wollten ihrer habhaft werden. Und so setzt uns Petr Jákl tief in den böhmischen Forst, hinein in dunkle Burgen und Höhlen oder einfach aufs schnell arrangierte Schlachtfeld, um nicht nur die womöglich teils fiktiven Darstellungen der Geschichte zu betrachten, da von Žižkas Biografie nicht viel überliefert ist, sondern um sich endlich auch mal wieder mehr an blutigen Kämpfen und brachialer Gewalt mit Keule und Schwert zu ergötzen, die beim letzten Ridley Scott-Film, nämlich The Last Duel, fast ein bisschen zu kurz kamen. Wer auch schon alle Vikings-Staffeln hinter sich hat und ebenfalls auf Entzug ist, wenn es heißt, abgetrennte Gliedmaßen, eingeschlagene Schädel und gepfählte Jugendliche in mittelalterlicher Entrücktheit zu bewundern, der kann Medieval durchaus auf die Watchlist setzen. Natürlich geschieht hier alles im Kontext zur politischen Intrige, in welcher Žižka – was geschichtlich bestätigt ist – ein Auge verliert und mehr tot als lebendig seine Queste zu Ende führt. Das ist Mittelalter, wie wir uns das vorstellen, und es ist motivierend genug, diesen Subtext gleich mitzunehmen aufs nächste Burgfest, um die Fantasie spielen zu lassen und sich selbst so zu fühlen wie ein halbwüchsiger Junge, der, das Holzschwert schwingend, auf den abgesicherten Wehrgang hirscht.

Wenn aber Ridley Scott in seinen Historienschinken schon allerlei Stars verpflichten kann, dann kann das Petr Jákl auch. Und siehe da: Als Žižka fungiert Ben Foster, wie immer souverän und bei der Sache. Matthew Goode hatten wir schon erwähnt – wen wir aber noch nicht erwähnt hatten, ist der ehrwürdige Michael Caine, der immer dann noch auftritt, wenn Donald Sutherland verplant zu sein scheint. Und ja – das verleiht Medieval, einem technisch versierten und hemdsärmeligen Stück Blut und Erde-Gemetzel, einen Glanz von schauspielerischem Adel.

Die erzählerische Eleganz anderer Genre-Filme erreicht Medieval aber nicht. Dazu will der Streifen zu sehr gut aussehen und zu sehr alles richtig machen. Da bleibt so manche Szene verkrampft, die Dramaturgie zu formelhaft oder manche Nebenrolle zu manieristisch, um ihr Tiefe zu verleihen. Da hapert’s ein bisschen am Charisma, am detaillierten Strich, wenn man so will. Für einen Happen zwischendurch – am besten mit den Fingern genossen, dazu ein Humpen Bier – eignet sich die ruppige Legendennacherzählung um Jan Žižka aber dennoch, und geschichtliche Details aus dem Nachbarland füllen historische Wissenslücken.

Medieval

The Princess

DIE BRAUT, DIE SICH NICHT TRAUT

5,5/10


theprincess© 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: LE-VAN KIET

CAST: JOEY KING, DOMINIC COOPER, OLGA KURYLENKO, VERONICA NGO, ALEX REID, ED STOPPARD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


„Bella gerant alii, tu felix Austria nube.“  – Wir in Österreich besinnen uns auf eine jahrhundertelange Tradition, die Kriegen zwar auch nicht permanent aus dem Weg gegangen war, die sich aber dadurch auszeichnete, ihre adeligen weiblichen Nachkommen ungefragt auf den Heiratsmarkt zu werfen. Prägendstes Beispiel: Maria Theresias Tochter Marie Antoinette, die Dame mit dem Kuchen und dem Schicksal unter der Guillotine. Doch wenn schon Politik, dann lieber anbiedern. Wurde man als Frau ins Königshaus hineingeboren, war die Zukunft vorbestimmt, die dem Allgemeinwohl und dem Königshaus gewidmet war. Klingt alles nach Zwang und Nötigung, und es wäre nicht verwunderlich gewesen, wäre die eine oder andere heiratsfähige Tochter nicht ganz so schicksalsergeben in den blaublütigen Stammbaum irgendeines fremden Hauses eingegangen. Hätte die eine oder andere gar ein bisschen sowas wie Rebellion an den Tag gelegt oder ordinär gestikulierend die Eltern links liegen gelassen. Allein daran zu denken wäre schon ein Affront gewesen – eigentlich Hochverrat. Womit unsere Heldin hier im actionlastigen Streifen The Princess (nicht zu verwechseln mit der Lady Di-Doku selben Namens, die gerade im Kino läuft) anscheinend keinerlei Probleme hat.

Als selbstbewusste, kampfsporterprobte Dame denkt sie nicht daran, sich vom despotischen König Julius (Dominic Cooper) den Ehering überstreifen zu lassen. Allerdings mobilisiert sie ihren Widerstand spät, vor den Augen der Hochzeitsgäste und zur peinlichen Blamage des Möchtegerngatten. Der lässt das nicht auf sich sitzen und verzichtet darauf, nochmal um Audienz zu bitten. Er überfällt kurzerhand die Burg der Prinzessin, nimmt die Königsfamilie gefangen und sperrt die unwillige Braut in ein Turmzimmer ganz hoch oben. Rapunzel lässt grüßen. Doch hier haben wir es weder mit meterlangem Haar zu tun noch mit fiesen Hexen. Statt sich zu frisieren, lässt sich Joey King lieber von den Schwertern der feindlichen Brigaden kitzeln, die ihr alsbald im Weg stehen, denn das Mädel denkt nicht daran, dem mittelalterlichen Status der Frau Genüge zu tun. Man möchte meinen, Frauen könnten gegen toxisch-männliche Waffengewalt nichts ausrichten. In diesem Film haben all die brüllenden und verzottelten Bartträger falsch gedacht. Das Überraschungsmoment, wenn Frauen den Männern Saures geben, mäht sich durch die Burg wie ein Flächenbrand und köchelt ganze 95 Minuten mal so mal so vor sich hin.

In The Princess will Joey King (u. a. The Kissing Booth, The Lie) nur eines: den eigenen Hofstaat befreien. Also: zurücklehnen, Hirn ausschalten und vergnügt dabei zusehen, wie der weibliche Thronerbe seine Schwerter schwingt. Da geht’s mal lange Zeit den Turm hinunter. Dann in so gut wie jede Kemenate, in der hochgerüstete Harnischträger oder martialische Berserker die wendige junge Dame in ihre Gewalt bringen wollen. Klein und wendig kann hierbei von Vorteil sein. Wie sich Joey King im abgerissenen Hochzeitskleid um die Hünen schwingt und ihnen dabei im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf verdreht, erinnert an Guy Ritchies kecke King Arthur-Interpretation, nur ohne Slow Motion und all dem optischen, allerdings gelungenen Firlefanz. Hier inszeniert der vietnamesische Filmemacher Le-Van Kiet projektillose Action der alten Schule, in geschmeidiger Optik und passgenauen Stunts. Ein bisschen wie The Raid als Gutenachtgeschichte, nur weitaus weniger brutal, auch weitaus weniger virtuos und viel weniger ernst. Die ins Groteske verzerrte, gern tumb dargestellte Männlichkeit unterliegt der geschmeidigen Raffinesse einer akkurat kämpfenden Amazone in rascher Folge. Einzig Olga Kurylenko erpeitscht sich ihren Respekt – sie ist schließlich auch eine Frau, und auch sie plant voraus, während der Mann in seiner Brachialität den Moment gewinnen will.

The Princess ist ein nettes, allerdings sehr simples Stück Actionkino fürs Wohnzimmer. Gut choreographiert, ein bisschen banal und sowieso vorhersehbar. Eine Frau, die das Patriarchat niederringt und den eigenen regierenden Vater so sehr in den Schatten stellt, bis dieser zum Kammerdiener verkommt, ist natürlich so zeitgemäß wie willkommen. Doch Frauen, die dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, gabs früher auch schon. Man denke nur an Prinzessin Fanthagirò, die italienische Fantasysaga der frühen Neunziger. Viel anders ist The Princess auch nicht, im Vergleich dazu direkt regressiv, was das ironisch-gesellschaftskritische Understatement angeht, das Alessandra Martinez in dem mehrteiligen Abenteuer stets anklingen ließ. Mehr Dialogwitz und nicht nur hemdsärmeliges Gekloppe hätte den etwas anderen Märchenfilm etwas cleverer, vielleicht sogar satirisch erscheinen lassen.

The Princess

The Northman

DAS LIED VON BLUT UND FEUER

7/10


northman© 2022 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED.


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, ANYA TAYLOR-JOY, CLAES BANG, NICOLE KIDMAN, ETHAN HAWKE, GUSTAV LINDH, WILLEM DAFOE, RALPH INESON, BJÖRK, KATE DICKIE, INGVAR SIGURDSSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Ob Meerjungfrauen, Hexen oder die illustre Welt nordischer Gottheiten: Robert Eggers ist der neue Mythen-Mentor unter den Filmemachern, und ich bin wahnsinnig gespannt darauf, was als nächstes kommen wird. Obwohl ich diesen seinen brandneuen Testosteron-Burner erst noch verdauen muss. Nicht falsch verstehen, das meine ich nicht in negativem Sinne, dafür bietet The Northman einfach zu viele Komponente, um das Werk über einen Kamm zu scheren. Wenn ich mich hier im Kinosaal umsehe, würde ich wohl kaum auf jemanden stoßen, der die Erfolgsserie Vikings noch nicht gesehen hat. Ich werde mitunter auf LARPer und Fans mittelalterlicher Feierlichkeiten treffen, oder einfach auf jene, die Anya Taylor-Joy zu faszinierend finden, um einen Film mit ihr auszulassen. Das findet Robert Eggers auch, seit er sie in The Witch mit uralter Waldesmagie in Berührung gebracht hat. Hier, im neunten Jahrhundert nach Christi, spielt die außergewöhnliche junge Dame eine slawische Sklavin aus dem Gebiet der Rus, entführt von einer Horde Berserker, die fix davon überzeugt sind, als wilde Bären die Palisaden zu erstürmen. Es schillern die regennassen, nackten Oberkörper wie den Witterungen ausgesetzte Schüttbilder von Hermann Nitsch – erd- und blutbesudelt, breitschultrig und immer wieder mal den rasenden Sohlengänger imitierend. Unter ihnen: Skarsgård-Spross Alexander, dereinst als Tarzan mit den Affen schwingend, gibt er sich jetzt das Wikingerschwert. Dabei vergisst er völlig, was er eigentlich längst hätte tun sollen: Rache nehmen. Nämlich so, wie es einige Jahrhunderte später Prinz Hamlet aus der Feder William Shakespeares tun wird. Denn auf diese altdänische Sage geht der Bühnenklassiker schließlich zurück. Und dort, unter wolkenverhangenem Himmel und am Fuße spuckender Vulkane Islands, treffen sich der Filmemacher und der halskrausige Vielschreiber, um sich auf ein paar inhaltliche Fixpunkte zu einigen, die beide Geschichten verbindet. Und natürlich: Skarsgårds Figur nennt sich Amleth. Kenner wissen, was folgt.

Die, dies nicht mehr so genau wissen – darunter ich selbst: Fjölnir, der Bruder von Aurvandil, König von Jütland, tötet diesen und setzt sich selbst und Witwe Gudrun die Krone auf. Sohnemann Amleth muss untertauchen – über Jahrzehnte hinweg. Findet sich als Krieger unter Kriegern wieder und bekommt dank Björk in Gestalt einer augenlosen Seherin (augenlos sind sie anscheinend immer, auch in Vikings) den Reminder, endlich die Sache mit der Rache anzugehen. Fast hätte Amleth es vergessen – er muss nach Island, dort hat sich Fjölnir samt Hofstaat zurückgezogen, da Jütland wieder jemand anders eingenommen hat. Egal, die Rache gilt dem Onkel, also tut Amleth so, als wäre er ein Sklave und schifft sich auf die Insel aus, mitsamt der gachblonden Taylor-Joy, die bald zu Amleths Vertrauter wird. Die Götter sind mit ihm, die Walküren reiten gen Himmel und wieder zurück, und selbst der Narr des ermordeten Königs meldet sich aus dem Jenseits. Magie ist dort, wo der Glaube an Odin und Konsorten erblüht wie nie zuvor.

Was den Leuten aber auf Island blühen wird – da können sich zartbesaitete schon prophylaktisch die Hand vorhalten: Robert Eggers hat nämlich die Bühne frei für eine Wagnerianische Oper Deluxe, einem mit Blut- und Beuschel garnierten Männerdrama um niedere Instinkte und maskuline Eitelkeiten, die sich dann Bahn brechen, wenn muskelgestählte Kriegsmaschinen um die Wette brüllen, dabei geifern und mit dem Schwert wütend aufs Schild klopfen. Ein feuchter Männertraum wird wahr, in The Northman. Da freut sich das wilde Kind in uns Y-Chromosomträgern, wenn einer, der Conan den Met halten lässt, seinen inneren Bären entfesselt. Um dieses profane Brusttrommeln errichtet Eggers aber das, wofür man ihn bewundern kann: ein mythisches Universum aus verregneten Wikingergehöften und lodernden Flammen vor entsättigtem, beinahe schwarzweiß gehaltenem Dämmerlicht. Es schneit, es donnert, es ist ringsherum finster, wenn das magische Schwert seinen Bluthunger stillt. Klar erinnert The Northman an die unkonventionellsten Momente in Vikings, doch Eggers setzt noch eins drauf und scheint dabei manchmal zu viel zu wollen. Die epische Wucht, die einen förmlich niederdrückt, ist aber genau das, was der Visionär aber nicht unbedingt am besten kann. Womit er brilliert, sind die Szenen, die weder real noch Imagination sind, sondern irgendwo dazwischen. Ikonische Gestalten, die scheinbar wirres Zeug faseln, im höhlenartigen Halbdunkel einer Psyche, die es zerreißt zwischen Pflichterfüllung und Friedenfindung.

The Northman ist Naturalismus pur, ein wilder Ritt und eine Sensation fürs unempfindliche Auge. Wenngleich der Überschuss an Raserei manchmal in selbiges geht.

The Northman