Dunkirk

BESTELLT UND NICHT ABGEHOLT

9/10

 

dunkirk

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN
MIT HARRY STYLES, TOM HARDY, CILLIAN MURPHY, MARK RYLANCE, KENNETH BRANAGH

 

Ein scheinbar endloser Sandstrand bei Ebbe, stahlgraues, wütendes Meer, im Hintergrund die Rauchsäulen brennender Schiffe vor schweren Wolken. Auf dem Sand schwarze Silhouetten, zu Gruppen sortiert. Junge Männer, die auf etwas warten. Das ist der Moment in Christopher Nolan´s Weltkriegsdrama, an dem es kein Zurück mehr gibt. Weder für die britischen Soldaten, noch für mich als Zuseher. Diese Momentaufnahme des zeitlosen Bangens raubt jeden Funken Hoffnung. Beklommenheit kriecht wie die zurückkehrende Flut über das Wattenmeer. Es ist der Moment, in welchem Dunkirk seine ganze Wirkungskraft von der Leine lässt. Und mich mit aufs Boot nimmt.

Es gibt Kriegsfilme, bei denen abzusehen ist, was kommen wird. Mel Gibsons´s Hacksaw Ridge zum Beispiel ist ein gelungener, wenn auch gänzlich anders inszenierter Kriegsfilm, der aber so und nicht anders zu erwarten war. Ähnlich bei Fury – Herz aus Stahl, auch kein schlechter Film. Aber Kriegsfilme eben, die das Grauen dokumentieren müssen, vor allem den physischen Schmerz. Und es gibt Dunkirk. Ich hätte mir alles dazu erwartet – nur nicht das, was aus dem Stoff schlussendlich geworden ist. Wobei ich anfangs enttäuscht war. Unzugänglich, manieriert, allzu abgehoben. Vor allem verworren. Was sollte das mit den Zeitebenen? Die Mole – eine Woche, die Luft – einen Tag und die See – eine Stunde? Die Diskontinuität von Tageslicht und Wolken hat mich von den eigentlichen Geschehnissen mehr abgelenkt als ich abgelenkt werden wollte. Nolan, so dachte ich mir, hat sich diesmal wohl gründlich verspekuliert. Und dann das Erwachen. Verloren am Strand, schwarze Schlangen zum Meer hin. So, als würden all diese verlorenen Seelen ins Wasser wollen. Irgendwie hat es dann Klick gemacht. Und aus dem konfusen Trauerspiel wird ein fesselndes Drama in drei Akten, die nicht chronologisch, sondern gleichzeitig erzählt werden. Ineinander geschichtet, wie ein Satz neu gemischter Spielkarten. Erst sehr viel später eröffnet sich die Macht des Filmes, und nimmt auch rückwirkend die Ouvertüre mit. Dunkirk ordnet sich neu. Da ist plötzlich Hoffnung, wo keine war. Da ist Bewegung, wo zeitloser Stillstand die Geduld strapaziert hat. Nolan schafft es tatsächlich, einen Kriegsfilm zu inszenieren, den man so in keinster Weise erwartet hätte. Die Genialität des Streifens liegt darin, jenseits allen CGI- und 3D-Firlefanz die Gefühle der Protagonisten aufs Publikum zu übertragen. Es ist eine neue Art des cineastischen Expressionismus, erinnernd an einen ganz speziellen russischen Stil, zu dem sich seinerzeit Tarkovskij besonnen hat. Eine, die neben Denis Villeneuve augenscheinlich nur Nolan beherrscht. Indem er weitestgehend auf Blut und plakatives Grauen verzichtet, setzt er auf kühl arrangierte, stahlgraue Installationen, die den Kulissen eines modernen Theaters ähnlich sind. Meist ist da nichts, nur irgendwo eine Schiffsschraube, ein Boot. Das endlose Meer, und in der Mitte eine Reihe olivgrüner Helme, die sich wie die Tatstatur einer Schreibmaschine vor unsichtbarer Gefahr duckt.

Den Feind – man sieht ihn nicht. Hört ihn nicht reden. Der Feind – er ist abstrakt, stellvertretend für das Böse, für eine nicht zu ortende Gefahr. Keine Nazi-Schergen, keine Deutschen, die sich der Gerechtigkeit wegen Gehör verschaffen müssen. In Dunkirk ist der Feind gesichtslos, abstrakt. Wie bei Franz Kafka der Herr des Schlosses. Ja, Dunkirk hat was von Kafka. Absurd und verstörend dort, wo das Grauen aus der Distanz betrachtet wird. Wo Worte nichts verloren haben, spricht auch niemand. Wo Bilder für sich sprechen, reduziert Nolan alles Beiwerk auf einen minimalen Nenner. Doch sein Arrangement der drei Zeitebenen ist nicht weniger meisterhaft. Sind zu Beginn alle drei Akte noch weit voneinander entfernt, treffen sie sich in der Mitte zu einem atemlosen Stakkato, wo Vieles gleichzeitig passiert, um gegen Ende hin wieder auseinander zu gehen und Luft zu holen. Dunkirk, ein filmischer Doppler-Effekt. Diese Idee ist nicht minder ungewöhnlich wie Tarantino´s Episodenkarussel Pulp Fiction. Nach Interstellar lässt Nolan ein neues Werk des Staunens von der Filmspule. Wenn, dann könnte man Dunkirk ansatzweise mit Der schmale Grat vergleichen. Doch dort, wo Terrence Malick poetische Abhandlungen des Seins als Stimme aus dem Off tönen lässt, beharrt die Chronik des Wunders von Dünkirchen in epischem Schweigen, unterstrichen von getragenen, sphärischen Klängen, die manchmal etwas zu laut und zu viel, aber meist den Moment in seiner dramatischen Intensität be- und ergreifen. Dazwischen das Ticken der Zeit.

Dunkirk ist unerwartet, aufwühlend, und unberechenbar, trotz bekannter Tatsachen, die Geschichte geschrieben haben. Ein irritierendes Kriegsdrama, das Sehgewohnheiten durchbricht und das Erzählen neu erfindet. Schon jetzt die wohl beste Regiearbeit dieses Jahres.

Dunkirk

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache

SCHIFFBRUCH MIT SPERLING

3/10

 

salazar

Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg
Mit: Johnny Depp, Javier Bardem, Geoffrey Rush, Brenton Thwaites

 

Nicht nur dass Hans Zimmer´s und Klaus Badelt´s Piratenouvertüre zu den Lieblingssounds meines Sohnes gehören – das fulminante Arrangement eines Score-Orchesters hämmert in fetzigem Rhythmus über gewaltige, akustische Wellenkämme und alles zermalmende Wogen. Ich sehe förmlich die Black Pearl aus dem Nebel auftauchen, mit windgeblähten Segeln. Und dieser Wind stand damals günstig. Gemeinsam mit dieser unvergleichlichen Ode an die verspielte Piraterie hat Gore Verbinski vor vielen Jahren das Genre des verwegenen Abenteuergenres zwischen Bug und Heck neu erfunden. Und das Publikum, so auch mich, begeistert. Johnny Depp stand da noch am Anfang seiner eigenwilligen Karriere als karnevalstauglicher Make up-Mime. Umso mehr war sein Gehabe, sein „Klar soweit“ und seine Kajal-Schminke ein ikonischer Trendsetter auf vielen Themenconventions. Ja, es gab sogar eine Oscarnominierung.

14 Jahre später ist von dem sagenhaften Raubzug quer durch die Welt der Fantasy und den Eskapaden eines Errol Flynn kaum mehr etwas übrig geblieben. Mit dem fünften und sehr wahrscheinlich letzten Teil dürfte der Sperling – auf englisch: Sparrow – ausgezwitschert haben. Salazars Rache unterliegt einer haarsträubend zerfransten Story, die während der mehr als zweistündigen Laufzeit so gut wie gar nicht im richtigen Wind liegt und mehr schlecht als recht vor sich hin dümpelt. Das Wasser rund um den legendären Kinopiraten, Barbossa und all die anderen üppigst kostümierten Gestalten ist bedrohlich seicht geworden. Bei solch einem Wasserstand lässt sich natürlich nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Zugegeben, diesen löchrigen Kiel hat man schon beim ersten Sequel des Originals zu kalfatern versucht – die im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen gehende Story rund um den krakengesichtigen Davy Jones war so dermaßen verkopft, konfus und zersäbelt, das man vor lauter Langeweile sowohl diesen als auch den darauf folgenden Teil einzig aufgrund der in Urlaubsstimmung versetzenden Kulissen bis zum Abspann ertragen hat. Teil 4 – Fremde Gezeiten – war dann schon etwas besser. Bunt auf alle Fälle, aber kaum von Belang.

Jetzt haben Joachim Rønning und Espen Sandberg, die Macher hinter dem Ozeanabenteuer Kon-Tiki, den bislang fünften Teil inszenieren dürfen. Allerdings – von ihrer Handschrift ist nichts mehr übrig geblieben. Wie so oft haben bei zentnerschweren Geldschluckern wie der Pirates of the Caribbean-Reihe die Produzenten das Sagen. Gemacht wird, was approved wurde. Hier anzufangen, mit eigenem Stil Jack Sparrow neue Perspektiven abzugewinnen, wäre viel zu riskant, wenn nicht gar unerwünscht. Nun, ich würde mich nicht wundern, wenn Rønning und Sandberg unter ihrer Kreuzfahrt das Pseudonym Alan Smithee anführen würden. Stolz, so vermute ich, sind sie auf diesen Aufguss sicher nicht gewesen. Alles schon dagewesen, zu allem schon applaudiert, und zwar schon beim ersten Mal. Jetzt ist Johnny Depp zur Saufnase verkommen, und sein aufgesetztes Spiel ist freudlos und stereotyp. Da hilft nicht mal ein Javier Bardem mit abblätterndem Gesichtsverputz. Die Darstellung seines Lebertran spuckenden Bösewichts beginnt viel versprechend, ist aber dann genauso eindimensional wie alle anderen Figuren (übel uninspiriert: Brenton Thwaites). Und das Artefakt, um das es geht, könnte aus einem Percy Jackson-Roman entliehen sein.

Warum nicht eine spannende Geschichte, warum nicht mal was anderes? Warum versumpft Pirates of the Caribbean auf dem elend langweiligen Niveau einer billigen Soap Opera? Wenn schon Dreizack des Poseidon, dann hätten Drehbuchautoren und Produzenten durchaus mal aus der immerwährenden Hafenrundfahrt eine Odyssee machen können. Quer über den Atlantik, dorthin, wo der Gott der Meere tatsächlich seinen Ursprung hat. Das wäre mal was gewesen. So bekommen wir immer die gleichen Gesichter, gleichen Gesten und gleichen Sprüche serviert. Noch dazu mit Fehlern in der erzählerischen Kontinuität, welche den ohnehin kruden Plot fast gänzlich in Frage stellen. Oder woher hat die smarte Astronomin Carina Smyth ihr hübsches Kleid wieder her, nachdem dieses von Zombie-Haien zerrissen wurde? Klar soweit? …Nein, wohl eher nicht.

 

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache