Die dunkelste Stunde

CHURCHILL SPIELT CHURCHILL

7,5/10

 

DARKEST HOUR© 2017 Universal Pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: JOE WRIGHT

MIT GARY OLDMAN, LILY JAMES, KRISTIN SCOTT THOMAS, BEN MENDELSOHN U. A.

 

Das macht Europas größter Insel kein anderes Land nach: das Schicksal Großbritanniens inmitten des zweiten Weltkriegs ist eine Epoche voller Facetten, die wie kein anderer Schwerpunkt so sehr im Mittelpunkt der Kinogeschichte gestanden hat – und jetzt auch wieder stehen darf. Dabei lassen sich all diese fast schon nahtlos aneinander gereihten, zeitgleich passierenden Episoden als Gesamtpaket betrachten, wenn nicht gleich als Trilogie oder Quadrilogie. Da hätten wir The King´s Speech mit Colin Firth, der als stotternder Monarch Albert alles versucht, seine Rede zur Lage der Nation so flüssig wie möglich ans Volk zu bringen. Da hätten wir in The Imitation Game das Superhirn Alan Turing, gespielt von Benedict Cumberbatch, der es geschafft hat, ebenfalls zur selben Zeit den Code der Nazis zu knacken. Und da hätten wir jüngst Christopher Nolans schwer beeindruckendes Meisterwerk Dunkirk. Gerade die atemberaubend unorthodox erzählte Chronik des Wunders am Ärmelkanal ist mit Joe Wrights Politdrama Die dunkelste Stunde, am engsten verknüpft. Hat man Dunkirk gesehen, sollte man unbedingt auch Die dunkelste Stunde sehen. Hat man Die dunkelste Stunde gesehen, empfiehlt es sich, gleich unmittelbar hineindran Dunkirk auf die Watchlist zu setzen. Beide sind zweifellos völlig eigenständige Werke. Doch gemeinsam bilden sie eine vollkommene Einheit. Eine Schicksalssymphonie aus einem Guss. Und tatsächlich wäre es sogar denkbar, Dunkirk und Die dunkelste Stunde dramaturgisch ineinander zu verzahnen. Der eine Film, ergänzt den anderen. Zusammen lassen sie Geschichte erleben. Und das so packend, plastisch und fühlbar wie selten zuvor.

Die dunkelste Stunde funktioniert aber auch im Alleingang ganz ausgezeichnet. Und das Besondere daran: nicht trotz, sondern vor allem aufgrund all seiner Bescheidenheit, seiner Lust am Zitieren protokollierter Reden und den vielen Herren in dunklen Anzügen, denen das politische Gewissen ins verkniffene Gesicht geschrieben steht. Als Zaungast im britischen Parlament blickt man auf ein denkwürdiges Szenario hinunter und hört Worte wie „Weder Weichen noch Wanken“ oder „Sieg um jeden Preis“, die sich in die Eckpfeiler europäischer Geschichte gebrannt haben. Polternd in die dunklen, dunstigen Hallen gerufen hat das niemand geringerer als der legendäre Polittitan Winston Churchill. Denkt man an Churchill, denkt man zuallererst an Zigarre, alkoholische Getränke, womöglich Melone und Kleidergröße XXL. Und dann erst an seine donnernde, volksorientierte, heldengleiche Politik. Leicht kann es passieren und Filme über Jahrhundertpolitiker, wie Churchill durchaus einer war, expandieren zu Apotheosen gottgleicher Übermenschen. Nicht so Joe Wrights Film. Und darin liegt seine überzeugende Qualität. Churchill erhält trotz all dem effektiven, erzählerischen Pathos durch Die dunkelste Stunde die Chance, sich als Mensch zu erklären. Und nicht als Ikone einer Krisenpolitik. Der übergewichtige Exzentriker voller extrovertierter Intelligenz, voller eigentümlicher Ticks und leichtem Anflug von Cholerik zeigt sich gern im Schlafrock, unfrisiert und barfüßig. Es ist, als würde man ihn kennen. Vielleicht sogar schon lange bevor der Film überhaupt erst begonnen hat. Ein Gefühl der Vertrautheit stellt sich ein. Und dann begegnet man Churchill sogar noch in Momenten des Zweifelns und Bangens. Momente, wo der wuchtige, laute Riese ganz klein wird, wie ein Kind.

Wirkliche Größe erlangt Wright´s politisches Psychogramm in den fragilen, feinen, kleinen Szenen. Wenn der Premierminister schweigend seine Sekretärin mustert, wenn beide wortlos in der Schreibkammer sitzen, zwischen ihnen die ganze unaussprechliche Stille des prekären Ist-Zustandes der Nation. Wenn Churchill Präsident Franklin anruft, zu später Stunde, irgendwo abseits und ganz auf sich alleine gestellt. Wenn sein Blick ins Leere gleitet – dann spiegelt sich die Schwere der Verantwortung in jeder Requisite des Films. Und graben neue Furchen in die hängenden Wangen des alten Mannes, der genauso aussieht wie die Person von damals. Dass dahinter Gary Oldman versteckt sein soll, kann ich kaum glauben. Es ist auch schwer nachzuvollziehen, wieso die Macher gerade Gary Oldman wollten. Bislang war es doch meist so, dass es vollauf genügt hat, historische Persönlichkeiten mit zumindest ansatzweise ähnlichen Schauspielern zu besetzen. Mittlerweile reicht das aber nicht mehr. Schon Anthony Hopkins wurde dem Konterfei von Alfred Hitchcock angeglichen. Und Leo Di Caprio durfte sich als J.Edgar Hoover maskieren. Maskenhaft waren sie, diese Gesichter. Aber auch da hat sich die Technik verändert. Obwohl in Die dunkelste Stunde sehr oft Close Ups von Gary Oldmans verwandeltem Profil zu sehen sind, weiß die physische Echtheit des wiederauferstandenen Politikers zu verblüffen. Gary Oldman ist verschwunden – an seine Stelle tritt der Mensch Churchill, der die schlimmsten Stunden seiner Regierungszeit nochmal Revue passieren lässt. Es ist, als würde Churchill Churchill spielen. Den verdienst hat die Maske natürlich nicht alleine – Oldman gelingt es, nach mit Sicherheit intensivstem Studium der historischen Figur nicht nur Churchill zu spielen – er ist zu ihm geworden. Und zwar nicht als plakative Erinnerung eingangs erwähnter Heldenskulptur, sondern als Mensch. Als verletzlicher und gleichzeitig ungemein starker Mensch. Daniel Day Lewis, der selbst zu Lincoln geworden ist, hätte den impulsiven Giganten nicht besser verkörpert.

Die dunkelste Stunde ist eine fesselnde Episode europäischer Geschichte im Erzählstil von Thirteen Days und das sensible, zutiefst humane Psychogramm eines großen Briten. In gleißend hellem Tageslicht und im Licht der Zigarrenflamme, auf offener Straße und barfuß an der Bettkante – bei diesem Poker mit dem Teufel haben sehr viele Profis sehr viel richtiggemacht. Vor allem Churchill, der sich selbst am besten spielt.

Die dunkelste Stunde

Dunkirk

BESTELLT UND NICHT ABGEHOLT

9/10

 

dunkirk

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN
MIT HARRY STYLES, TOM HARDY, CILLIAN MURPHY, MARK RYLANCE, KENNETH BRANAGH

 

Ein scheinbar endloser Sandstrand bei Ebbe, stahlgraues, wütendes Meer, im Hintergrund die Rauchsäulen brennender Schiffe vor schweren Wolken. Auf dem Sand schwarze Silhouetten, zu Gruppen sortiert. Junge Männer, die auf etwas warten. Das ist der Moment in Christopher Nolan´s Weltkriegsdrama, an dem es kein Zurück mehr gibt. Weder für die britischen Soldaten, noch für mich als Zuseher. Diese Momentaufnahme des zeitlosen Bangens raubt jeden Funken Hoffnung. Beklommenheit kriecht wie die zurückkehrende Flut über das Wattenmeer. Es ist der Moment, in welchem Dunkirk seine ganze Wirkungskraft von der Leine lässt. Und mich mit aufs Boot nimmt.

Es gibt Kriegsfilme, bei denen abzusehen ist, was kommen wird. Mel Gibsons´s Hacksaw Ridge zum Beispiel ist ein gelungener, wenn auch gänzlich anders inszenierter Kriegsfilm, der aber so und nicht anders zu erwarten war. Ähnlich bei Fury – Herz aus Stahl, auch kein schlechter Film. Aber Kriegsfilme eben, die das Grauen dokumentieren müssen, vor allem den physischen Schmerz. Und es gibt Dunkirk. Ich hätte mir alles dazu erwartet – nur nicht das, was aus dem Stoff schlussendlich geworden ist. Wobei ich anfangs enttäuscht war. Unzugänglich, manieriert, allzu abgehoben. Vor allem verworren. Was sollte das mit den Zeitebenen? Die Mole – eine Woche, die Luft – einen Tag und die See – eine Stunde? Die Diskontinuität von Tageslicht und Wolken hat mich von den eigentlichen Geschehnissen mehr abgelenkt als ich abgelenkt werden wollte. Nolan, so dachte ich mir, hat sich diesmal wohl gründlich verspekuliert. Und dann das Erwachen. Verloren am Strand, schwarze Schlangen zum Meer hin. So, als würden all diese verlorenen Seelen ins Wasser wollen. Irgendwie hat es dann Klick gemacht. Und aus dem konfusen Trauerspiel wird ein fesselndes Drama in drei Akten, die nicht chronologisch, sondern gleichzeitig erzählt werden. Ineinander geschichtet, wie ein Satz neu gemischter Spielkarten. Erst sehr viel später eröffnet sich die Macht des Filmes, und nimmt auch rückwirkend die Ouvertüre mit. Dunkirk ordnet sich neu. Da ist plötzlich Hoffnung, wo keine war. Da ist Bewegung, wo zeitloser Stillstand die Geduld strapaziert hat. Nolan schafft es tatsächlich, einen Kriegsfilm zu inszenieren, den man so in keinster Weise erwartet hätte. Die Genialität des Streifens liegt darin, jenseits allen CGI- und 3D-Firlefanz die Gefühle der Protagonisten aufs Publikum zu übertragen. Es ist eine neue Art des cineastischen Expressionismus, erinnernd an einen ganz speziellen russischen Stil, zu dem sich seinerzeit Tarkovskij besonnen hat. Eine, die neben Denis Villeneuve augenscheinlich nur Nolan beherrscht. Indem er weitestgehend auf Blut und plakatives Grauen verzichtet, setzt er auf kühl arrangierte, stahlgraue Installationen, die den Kulissen eines modernen Theaters ähnlich sind. Meist ist da nichts, nur irgendwo eine Schiffsschraube, ein Boot. Das endlose Meer, und in der Mitte eine Reihe olivgrüner Helme, die sich wie die Tatstatur einer Schreibmaschine vor unsichtbarer Gefahr duckt.

Den Feind – man sieht ihn nicht. Hört ihn nicht reden. Der Feind – er ist abstrakt, stellvertretend für das Böse, für eine nicht zu ortende Gefahr. Keine Nazi-Schergen, keine Deutschen, die sich der Gerechtigkeit wegen Gehör verschaffen müssen. In Dunkirk ist der Feind gesichtslos, abstrakt. Wie bei Franz Kafka der Herr des Schlosses. Ja, Dunkirk hat was von Kafka. Absurd und verstörend dort, wo das Grauen aus der Distanz betrachtet wird. Wo Worte nichts verloren haben, spricht auch niemand. Wo Bilder für sich sprechen, reduziert Nolan alles Beiwerk auf einen minimalen Nenner. Doch sein Arrangement der drei Zeitebenen ist nicht weniger meisterhaft. Sind zu Beginn alle drei Akte noch weit voneinander entfernt, treffen sie sich in der Mitte zu einem atemlosen Stakkato, wo Vieles gleichzeitig passiert, um gegen Ende hin wieder auseinander zu gehen und Luft zu holen. Dunkirk, ein filmischer Doppler-Effekt. Diese Idee ist nicht minder ungewöhnlich wie Tarantino´s Episodenkarussel Pulp Fiction. Nach Interstellar lässt Nolan ein neues Werk des Staunens von der Filmspule. Wenn, dann könnte man Dunkirk ansatzweise mit Der schmale Grat vergleichen. Doch dort, wo Terrence Malick poetische Abhandlungen des Seins als Stimme aus dem Off tönen lässt, beharrt die Chronik des Wunders von Dünkirchen in epischem Schweigen, unterstrichen von getragenen, sphärischen Klängen, die manchmal etwas zu laut und zu viel, aber meist den Moment in seiner dramatischen Intensität be- und ergreifen. Dazwischen das Ticken der Zeit.

Dunkirk ist unerwartet, aufwühlend, und unberechenbar, trotz bekannter Tatsachen, die Geschichte geschrieben haben. Ein irritierendes Kriegsdrama, das Sehgewohnheiten durchbricht und das Erzählen neu erfindet. Schon jetzt die wohl beste Regiearbeit dieses Jahres.

Dunkirk