Silence (2025)

STOLZ, EIN VAMPIR ZU SEIN

6,5/10


Lucía Díez in Eduardo Casanovas Miniserie Silence© 2026 Crossing Europe


ORIGINALTITEL: SILENCIO

LAND / JAHR: SPANIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: EDUARDO CASANOVA

KAMERA: MARINO PARDO

CAST: LUCÍA DÍEZ, MARÍA LEÓN, ANA POLVOROSA, MARIOLA FUENTES, LETICIA DOLERA, CAROLINA RUBIO, OMAR AYUSO U. A.

LÄNGE: 56 MIN



Wir wussten immer schon, wie sie aussehen. Friedrich Wilhelm Murnau hat es gewusst, als er Graf Orlok erschuf: Ein Mischwesen aus Fledermaus und Mensch. Alles andere als fettleibig, schlaksig-elegant, mit langen Fingern und die Nägel von der Natur des Abseitigen spitz manikürt. Die Ohren entsprechen ebenfalls dieser Form und geben dem Erscheinungsbild etwas so Märchen- wie Elfenhaftes, als wären diese Wesen Teil einer High Fantasy oder überhaupt einer ganz eigenen fantastischen Welt wie Mittelerde, Fantasien oder Westeros (wo es allerdings keine Elfen gibt). Keine Ahnung, in welcher Welt Ridley Scotts Legende spielt, aber auch dort wäre dieses von Eduardo Casanova (was für ein Name!) geschaffene Kaffeekränzchen zur Zeit des späteren Mittelalters, als gerade die Pest krassiert, vorstellbar.

Der Biss in den blutigen Punschkrapfen

Der spanische Filmemacher mit diesem prunkvolle theatralischen Namen, das muss man wissen, ist ein Stilvisionäre, dessen Filme so klar zuordenbar sind wie jene eines Wes Anderson, David Lynch, Denis Villeneuve oder Bela Tarr. Sein Markenzeichen sind Pastelltöne: rosarote Farben, helles Zyklamen, blasses Pink – eine Farbpalette wie die einer wohlsortierten Punschkrapfen-Selektion aller Couleur, präsentiert von Boy George. Was können Vampire wohl damit anfangen? Erstaunlich viel, denn Vampire haben Stil – wie auch immer der aussehen mag.

Vampire haben es auch nicht leicht

Was man wissen sollte: Silence ist kein wirklich abendfüllender Spielfilm, er dauert gerade mal eine Stunde, doch überraschenderweise fehlt am Ende gar nichts. Grund dafür ist das Konzept einer Miniserie, das Casanova für sein queeres Triptychon ausgewählt hat. Um diese Bilder auch auf großer Leinwand zu präsentieren, lässt Casanova die Inserts dazwischen einfach weg. Schon ist er fertig, dieser gewöhnungsbedürftige, visuell jedoch recht anmutige Einblick in die prekäre Welt stigmatisierter Untoter, die am Rande der Gesellschaft als bedrohtes Volk der Nacht existieren – verschmäht, gejagt und verstoßen von allen, deren Herz ganz normal schlägt.

Blut ist, um zu überleben, nicht die einzige Antwort auf alles. Denn seit Anne Rice, Buffy The Vampire Slayer oder True Blood wissen wir: Vampire können sich verlieben, lieben und sich mit Liebeskummer quälen. Sie hadern mit den Seuchen der Menschheit, ist es nun die Pest oder ist es AIDS – und zwar nicht deswegen, weil Vampire sich infizieren können – sondern weil das kranke Blut der Menschen selbst keinen Nährwert besitzt. So war es mit der Pest, so ist es hunderte Jahre später in den Achtzigerjahren mit HIV.

Queere Liebe im Untergrund

Eduardo Casanova ist einer, der seiner barocken, höchst artifiziellen Optik aber keine barocke, höchst artifizielle Erzählweise angedeihen lässt. Als hätte Jim Jarmusch, der ja selbst schon mit Vampiren in Only Lovers Left Alive seine Erfahrungen gemacht hat, einen Theaterfilmer wie Peter Greenaway zum Rendezvous getroffen.

Es geht um queere Liebe, ganz viel um Drogen. um den Mut zur Wahrheit, um Vampirismus als Metapher für Homosexualität in einer Zeit, als diese Form von Liebe noch hinter der vorgehaltenen Hand verschwand. Mit Eleganz veranlasst Casanova die diskriminierte Minderheit nokturner Schreckensgestalten, über Jahrhunderte hinweg ihren Platz in der Welt zu reflektieren und beschäftigt sie mit der Frage des Outings – ob und wenn ja, wann?

Angst, Rückzug, progressives Verhalten: Kurz und knapp fordert Silence auf, die Stimme zu erheben, und dazu zu stehen, wer man ist oder eben nicht ist. Vampire sind mit Casanovas prachtvoll-bizarrer Lovestory in einer vom Wind der Veränderung geprägten Ewigkeit angekommen, es reißt sie hin und her, es lässt sie Blut schmecken und die Sterblichen lieben. Es lässt sie auch ihrer Bestimmung entkommen, immer wieder mal, auf die Gefahr hin, den Pflock durchs Herz zu bekommen.

Traditionelle Sicht trifft auf Avantgarde

Casanovas Stil ist extravagant – und bewusst subversiv. Mit seinen Masken lässt er das Herz von Vampirfans unweigerlich höherschlagen. Mit seiner erotisch aufgeladenen Performance entspricht er der unstillbaren Gier dieser attraktiven Dämonen, dabei drängt sich Silence zwischen Altbekanntem, Traditionellem und Avantgardistischem irgendwo dazwischen, verfällt manchmal aber seinen eigenem Ehrgeiz und seinem stilistischen Narzissmus. Der zwischen Kurz- und Spielfilm flatternde romantische Soft-Horror ist dabei das Stück cremige Erdbeertorte, vor der man zwei Stücke beileibe nicht essen kann.

Silence (2025)

Silence

DAS SCHEITERN DES GLAUBENS

8/10

 

silence© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MARTIN SCORSESE

MIT ANDREW GARFIELD, ADAM DRIVER, LIAM NEESON, CIARAN HINDS U. A.

 

Wir schreiben die erste Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Martin Luther und die Kirchenspaltung hat längst die Welt verändert. Der katholische Orden der Jesuiten hat nach den Eroberungsfeldzügen der Conquistadores in der neuen Welt alle Hände voll zu tun, ein heidnisches Volk nach dem anderen zum einzig wahren, christlichen Glauben zu bekehren. Und das nicht nur in Süd- und Mittelamerika, nein. Die Jesuiten, des Papstes militanteste Friedens- und Heilsbringer, auch der einzige Orden, der wirklich auszog, um das Evangelium in jedem auch nur so entferntesten Winkel zu verkünden, haben sich auch nach 1600 in Gegenden vorgewagt, in denen bereits Weltreligionen wie der Buddhismus längst Wurzeln schlagen konnten. Was für eine Anmaßung! Da wagen intellektuelle Jünger Christi tatsächlich, mit bescheidenen Mitteln dem Vermächtnis des Buddha auf die Pelle zu rücken. Bei vielen mag die zwar gewaltfreie, aber immer noch ziemlich beharrliche Penetranz der Jesuiten, die einzige Wahrheit auch ganz weit weg von Rom manifestiert zu wissen, auf Ablehnung stoßen. Das Missionieren an sich war für mich immer etwas, dass dem Glauben an Jesus Christus zu keiner freiwilligen Entscheidung werden lässt. Der Lehrauftrag irgendwo zwischen Manipulation und – überspitzt formuliert – Gehirnwäsche stellt den ursprünglichen Glauben ja in Abrede. Und da beginnt das Gegeneinander. Dennoch – jemandem von der Heilsbotschaft zu überzeugen, einfach nur durch Worte und Beispiele, damit wollten die Jesuiten ziemlich rechtschaffen und voller Menschlichkeit punkten. Damit wollten sie ihr Ziel erreichen. Aus voller Überzeugung, weil das Christentum die einzig wahre Religion darstellt.

Spätestens bei dem Dogma über das Leiden mit Gott, für Gott und durch Gott, spätestens bei der ohnehin unendlich komplexen Bedeutung des Todes Christi am Kreuz – geraten die Botschaften des Neuen Testaments in ein verfremdend flackerndes Licht. Diese Missinterpretation Jesu, dieses Entfernen der Botschaft des Messias, ist Teilaussage des authentischen Berichtes anno 1638 aus Japan, der vom Scheitern des Glaubens, von Apostasie und die Unschärfe der religiösen Wahrheit erzählt. Martin Scorsese, vielseitiger Filmemacher und Ikone des amerikanischen Filmes, hat schon mit der einzigartigen Verfilmung von Theodorakis´ Roman Die letzte Versuchung Christi und der Dalai Lama-Biografie Kundun gezeigt, dass sein Interesse nicht nur der kriminellen Unterwelt Amerikas gilt, sondern auch religiösen Themen aus Buddhismus und Christentum. Beide ihn faszinierenden Quellen der Weisheit hat Scorsese nun vereint – in einem Epos, das den Wert des Glaubens und die eigene geistliche Identität in seinen Grundfesten erschüttert. Wer noch für religiöse Credo etwas über hat, sich selbst als Gläubigen sieht oder zum Agnostizismus neigt, findet in dem faszinierenden, hoch speziellen Religionsfilm einiges an brisanten und bis in die Wurzeln der Glaubensdidaktik reichenden Stoff zum Weiterphilosophieren und Ausdiskutieren.

Auf die unheilvolle Odyssee jenseits des Fassbaren schickt Scorsese niemand geringeren als „Kylo Ren“ Adam Driver und Andrew Garfield, der schon in Mel Gibsons Hacksaw Ridge mit der Kraft des Heiligen Geistes im Japan des zweiten Weltkriegs als pazifistischer Engel am Schlachtfeld diverse Leben retten konnte. Die beiden sind auf der Suche nach ihrem Lehrer, der als Jesuitenpater Ferrera (hat wieder mal gezeigt, dass er noch zu mehr taugt als nur zum Actionhero: Liam Neeson) angeblich vom Glauben abgefallen sei. Im christlichgläubigen Untergrund Japans angekommen, beginnt ein ganz eigener, erschütternder Kreuzweg in eine verbotene Zone für das Christentum, wo deren Anhänger vom Tokugawa-Shogunat, einer dynastischen Militärregierung, verfolgt, zwangskonvertiert oder ermordet werden. Die Methoden, die diese Inquisitoren erwählt haben, um den feindlichen Glauben auszumerzen, sind in seiner einfallsreichen Absurdität so unglaublich wie bestialisch. Wobei das Quälen der Christen meist nicht erste Wahl ist – das Konterfei der Jungfrau Maria oder Jesu Christi mit Füßen zu treten, ist für die Glaubensjäger meist Beweis genug, einen neuen Konvertiten gewonnen zu haben. Nur eine Frage der Zeit, wann die beiden ausgesandten Portugiesen das gleiche Schicksal erleiden müssen.

Scorsese findet neben der Schilderung dieser dunklen Episode des Christentums unter Aufwendung sehr viel Feingefühls genug Zeit, sich obendrein noch mit Sinn und Unsinn des Märtyrertums auseinanderzusetzen. Er verwickelt seine Figuren in Zwiegespräche mit Gott, lässt sie mit den Inquisitoren tiefschürfende Gespräche führen und lädt den interessierten Zuseher auf eine ganz persönliche Bibel- und Glaubensexegese ein, die vieles kritisch hinterfragt und das Verständnis des neuen Testaments auf mehrere, sich ad absurdum führende Ebenen hebt. Silence ist kein Film für das breite Publikum. Keine bequeme Geschichtsstunde, nicht frei von Gräuel, sehr speziell und fast schon ein seltener Beitrag zu einem verschwindenden Subgenre des Religionsfilms, zu welchem auch Roland Joffe´s Mission oder der preisgekrönte venezolanische Film Jericho zählt. Wobei Silence ebenso weit weg ist von christlicher Propaganda wie die beiden zuvor genannten Filme. Scorseses persönliche Meinung bleibt verborgen, sein Film ist eine unparteiische, aufwühlende Grauzone und Bildnis einer Irrfahrt voller Verfehlungen und lächerlicher Dogmen. Sie handelt von der Frage am Verrat des Glaubens und vom Verrat am persönlichen Jesus. Vom Seelenheil und vom Heil einer Weltreligion. Von Nächstenliebe und verbohrter Gottesliebe.

Silence ist ein starkes Stück cineastische Religionsgeschichte, so wuchtig bebildert wie nüchtern erzählt.

Silence