A Useful Ghost (2025)

GEISTER DER VERGANGENHEIT SETZEN AUF SAUBERKEIT

5,5/10


Davika Hoorne als Geist im Film A Useful Ghost
© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: THAILAND, FRANKREICH, SINGAPUR, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE

DREHBUCH: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE, GEOFFREY GRISON

KAMERA: PASIT TANDAECHANURAT

CAST: DAVIKA HOORNE, WANLOP RUNGKUMJAD, APASIRI NITIBHON, WISARUT HIMMARAT, WISARUT HOMHUAN, GANDHI WASUVITCHAYAGIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN



Dabei hatte ich schon Mühe, mir den Namen Apichatpong Weerasethakul zu merken. Jetzt will auch noch Ratchapoom Boonbunchachoke im Gedächtnis bleiben – ein Name, der so klingt wie eine kontrollierte Explosion, wie pyrotechnischer Wahnsinn oder das Platzen einer Gedankenblase. Dreimal lesen, dreimal wiederholen, dann sollte es das sein. Ratchapoom Boonbuchachoke. Wenn das Filmland Thailand weiter im Weltkino mitmischt, kann das die Denkfähigkeit fördern.

So einzigartig wie die Namen der Macher

Schließlich sind nicht nur die Namen der Filmemacher so unvergleichlich und außergewöhnlich, Ihre Werke sind es auch. Dieser Weerasethakul hat bereits die goldene Palme eingeheimst. Sein Geisterfilm Uncle Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben ist ein Beweis dafür, dass faszinierendes Kino auch weit jenseits von Hollywood funktionieren kann. Nämlich so, als gäbe es den Westen gar nicht. Entsprechend anders geht man in Südostasien auch mit einem Thema um, das im Westen vorzugsweise mit Horror in Verbindung gebracht wird: Die Parapsychologie.

Geister, raus aus der Geisterbahn!

Im Film mit Uncle Bonmee, und auch in den weiteren Werken von Weerasethakul, sind Geister keine Schreckgespenster, haben keine gruseligen Fratzen und wollen nichts Böses. Sie existieren in einer Dimension, die mit dem Diesseits verzahnt ist. Sie wandeln zwischen den Lebenden, sind meist unsichtbar.

Der Tod ist im thailändischen Mysterykino nicht das Ende, sondern meist eine transzendente Verlagerung. An diese Sehgewohnheit und an dieses Verständnis muss man sich als mit westlichen Paradigmen verwöhnter Seher erst mal gewöhnen. Denn dann lässt sich auch in A Useful Ghost von besagtem Filmemacher mit dem detonierenden Namen viel besser eintauchen. Obwohl: leicht macht er es einem nicht.

Ghost in the Machine

Das liegt jedoch sicher nicht an der Grundidee dieses kuriosen Szenarios: Nat, der Geist einer viel zu früh Verstorbenen, fährt aus Liebe zu ihrem Ehemann in einen Staubsauger, um weiterhin bei ihm sein zu können. Wenn sich dieses Retro-Haushaltsgerät durch die Gegend bewegt und eigentümliche Dinge tut, dann ist das natürlich skurril, wenn nicht gar bizarr. Doch damit lässt sich gut arbeiten.

Starre Gesichter

Die Schwierigkeit, mit A Useful Ghost wirklich warm zu werden, liegt am teilnahmslosen Phlegmatismus seines Ensembles. Gut, das mag ein Stilmittel sein – wirklich nahbar wirkt das nicht. Doch andererseits: Soll doch Boonbuchachoke seine Geschichte erzählen, wie er will. Jedenfalls endet sie nicht dort, wo der Staubsauger beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln.

Stöbern im Schwarzbuch der jüngeren Geschichte

Sie geht noch weiter, viel viel weiter, und weiß nicht, wo sie aufhören soll. Bald wird klar: Boonbunchachoke hat mit dem jüngeren politischen Vermächtnis Thailands ganz klar ein oder mehrere Hühnchen zu rupfen. Denn bald wimmelt es von Geistern, die so manches zu erzählen haben.

Von den verheerenden Rothemd-Protesten aus dem Jahre 2010. Und vom sogenannten Massaker an der Thammasat-Universität aus dem Jahre 1976. Dunkle Flecken in der Geschichte des Landes, die, wie es scheint, gerne und bis zur Stunde unter den Tisch gekehrt worden sind.

Verdrängung nennt man so etwas – die fehlende Aufarbeitung einen schweren Fehler. A Useful Ghost wird so zur metaphysischen Polit-Allegorie wider dem Vergessen. Der Film wird zu allem, wozu Thailand sich bekennen sollte; zu allem, was verfolgt, diskriminiert und schöngeredet wird.

Aufgehalste Traumata und queere Ambitionen

Ein ganz schöner Brocken – vor allem deshalb, weil man nicht erwartet, was passiert. Weil sich A Useful Ghost anfühlt wie eine kauzige Geisterkomödie nach südostasiatischen Regeln. Doch alles kommt anders – Umweltsünden, LGBTQ, Konservativismus, und so weiter und so fort. Die Ambitionen des Films sprengen das Format, der findet dadurch lange keinen Rhythmus, versandet aufgrund fehlender Dynamik in angestrengt arrangierten Tableaus und wird dann sogar zum Zombiefilm.

Das Ganze muss man schließlich sickern lassen, wobei dabei einiges übers Ziel hinausschießt, im Vergessen verdunstet und als dissonantes Patchwork nur bruchstückhaft in Erinnerung bleibt. Ein Umstand, den die Geister in diesem Film wohl nicht gewollt hätten.

A Useful Ghost (2025)

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

VERSCHWURBELTE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART

4/10


Colman Domingo, Emily Blunt und Josh O'Connor in Steven Spielbergs Disclosure Day
© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: STEVEN SPIELBERG

DREHBUCH: DAVID KOEPP (NACH EINER STORY VON STEVEN SPIELBERG)

KAMERA: JANUSZ KAMIŃSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOSH O’CONNOR, COLIN FIRTH, EVE HEWSON, COLMAN DOMINGO, WYATT RUSSELL, HENRY LLOYD-HUGHES, ELIZABETH MARVEL U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Noch weihnachtet es nicht. Noch nicht. In drei Monaten aber beginnt wieder das Keksebacken, zwei Wochen später stehen die auf Nikolo getrimmten Osterhasen wieder im Diskonter, wartend auf rechtzeitige Abnahme. Wer aber jetzt schon in Stimmung kommen will, kann sich an Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit von Steven Spielberg heranwagen. Dort spaziert ein Mädel im Nachthemd, erinnernd an Hans Christian Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern, durch den, wie es sagt, ganz warmen Schnee, begleitet von miserabel animierten Tieren, auf ein von innen heraus leuchtendes Knusperhaus im Walde zu. Wer da nicht bereits an das erste Türchen im Adventkalender denkt, denkt vielleicht darüber nach, im falschen Film zu sitzen.

Tiere sehen dich an

Was einen dazumal wohl kongenialen Filmemacher dazu getrieben hat, neu zusammengewürfelte Bremer Stadtmusikanten aus Hirsch, Fuchs, Waschbär und Rotem Kardinal in seinem brandneuen Alien-Film aufmarschieren zu lassen, als wären sie Outtakes aus der letzten Disney-Realverfilmung, wird genauso ein Rätsel bleiben wie so manches in dieser Variation eines weitaus besseren Werks, das Ende der Siebziger für Furore gesorgt hat – und das zurecht: Die Unheimliche Begegnung der dritten Art, ein Kind seiner Zeit. Atmosphärisch, geheimnisvoll, mitunter spooky. Jene Szenen, in denen Richard Dreyfus ganz verbissen immer wieder diesen Devils Tower aus Wyoming modelliert, der später als Ankunftsstelle weit Gereister herhalten soll – die waren schon großes Kino.

Ein paar Säcke Reis im Kornfeld

Jetzt hat Spielberg aber das Akte X-Fieber gepackt. Er heftet sich „I want to believe“ an die Fahnen, und los geht’s mit den wirklich relevanten Offenbarungen aus den letzten 80 Jahren, gegen die Trumps UFO-Ablenkungsmanöver anmutet wie ein umgefallener Sack Reis. In Spielbergs Erkenntnis-Evangelium spielt natürlich Roswell eine große Rolle, und natürlich auch die Kornkreise, die Spielberg einfach so einstreut, aus Spaß an der Freude oder vielleicht, um M. Night Shyamalan, der mit seiner UFO-Mystery Signs für Unwohlsein gesorgt hat, grüßen zu lassen.

Der UFO-Hype im Smartphone-Test

Erklären kann er dazu nichts. Genau so wenig interessiert ihn, worum es bei den Fremdweltlern wirklich geht, was sie antreibt, was sie erreichen wollen. Gut, das muss man nicht. Alleine die Beweisführung hinsichtlich der Frage , ob wir alleine in diesem Universum sind, sollte reichen, um einen Film daraus zu machen. Die Sache ist: Das hat er schon getan, ich verweise auf das Jahr 1977. Was Spielberg jetzt probiert hat, ist, den Stoff von früher ins Social Media-Zeitalter zu hieven, wo alle Welt nur am Smartphone hängt.

Umso mehr verwundert, dass die visuellen Beweismittel überhaupt irgendjemanden noch vom Hocker reißen, kann doch KI mittlerweile alles simulieren. Beinhalten solche Footages dann auch noch klassische Aliens mit großen Köpfen und obsidianschwarzen Mandelaugen, kostet das die Menschheit einen Lacher. Denn: Auch wenn der Beweis letztlich geliefert wird, dass Außerirdische auf unserem Planeten gelandet sind – keiner wird es glauben.

Perry Rhodan hatte eine ähnliche Idee

Doch Spielberg glaubt fest daran, dass die Menschheit vereint werden kann, wenn eine dritte Macht auftaucht. Das wiederum erinnert mich an die Science-Fiction-Heftreihe Perry Rhodan, die ähnlich beginnt, die sich während des Kalten Krieges abspielt, der bald zum dritten heißen geworden wäre, wäre es da nicht zu einer Begegnung des besagten Weltraumhelden mit der hinter dem Mond lebenden Zivilisation der Arkoniden gekommen.

Tatsächlich folgt Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit einer ähnlichen Prämisse, und es wäre ein recht routinierter Verschwörungs- und Mysterythriller geworden, in der bewährten Optik eines Janusz Kaminski. Um dem entgegenzusteuern, lassen Spielberg und Autor David Koepp (Jurassic Park) den Esoterik-Drachen von der Leine, buttern dort hinein sämtliche Narrative aus der Lebenshilfe-Abteilung vom nächstbesten Buchladen und krönen dieses unausgegorene Konstrukt mit Diskussionsstoff aus der katholischen Jungschar, die nach der Legitimität Gottes fragt, wenn die Menschheit plötzlich nicht mehr dessen krönende Schöpfung bleibt.

Was unterscheidet Telepathie und Empathie?

Man nehme diesen Aspekt, man nehme die Bremer Stadtmusikanten, die Vorweihnachtszeit und Akte X. Man nehme viele schwarze Autos und einige Actionszenen, um das im Kern repetitive Drama rund um einen Whistleblower auch für jene aufzupeppen, die wegen der Action hier sind. Mit all dieser Ambition aber scheint Spielberg mehr als überfordert.

Er schafft es nicht, seine auf mehreren Ebenen abgehende, dem Humanismus und der inneren Resilienz anbiedernde Alien-Wellness halbwegs plausibel zu verankern. Er verwechselt Gedankenlesen mit Empathie und versucht gemeinsam mit Koepp, schnell mal eingestreute Erklärungen zu deponieren, die wie unschlüssige Vermutungen dastehen. Logisches Denken dringt da nicht durch, auch die Tücke des Objekts hält sich fern – ich sage nur: Stromausfall.

Die Wahrheit unter fahlem Deckenlicht

Geglückt sind Spielberg neben seinem Star Colin Firth, der zwischen Pflicht, Sorge und Resignation absolut glaubhaft einen Antagonisten in der Grauzone gibt, die letzten zehn Minuten des Films, wenn der Disclosure Day endlich am Abrisskalender steht. Ungefähr so könnte das Szenario aussehen, wenn in den Nachrichten statt Trump, Hormus, Ukraine und Co plötzlich ein ganz anderer Knüller die Erde stillstehen lässt. Diese Momente sorgen für Gänsehaut – die dann wieder verpufft. Schließlich dürfen wir nie erfahren, was des Aliens Weisheit letzter Schluss ist. Spielberg weiß es womöglich selbst nicht. Colman Domingo meint an einer Stelle: „Irgendwann wird alles klar sein“. Darauf warten wir vergeblich.

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)

The Vourdalak (2023)

WARTET NUR, BIS OPA KOMMT

6/10


Der Vourdalak verbeisst sich in seinen Enkel
© 2026 Lighthouse Entertainment


ORIGINALTITEL: LE VOURDALAK

LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE: ADRIEN BEAU

DREHBUCH: ADRIEN BEAU, HADRIEN BOUVIER, NACH DER ERZÄHLUNG VON ALEKSEJ TOLSTOI

KAMERA: DAVID CHIZALLET

CAST: KACEY MOTTET KLEIN, ARIANE LABED, GRÉGOIRE COLIN, VASSILI SCHNEIDER, CLAIRE DUBURCQ, GABRIEL PAVIE, ERWAN RIBAD, ADRIEN BEAU (STIMME) U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN



Was zur Hölle ist ein Wurdalak?

Der russische Schriftsteller Aleksej Tolstoi hat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Vampirgeschichten verfasst, die man so jetzt nicht aus dem Stegreif nennen würde, da wäre einem Bram Stokers Dracula durchaus näher. Doch Die Familie des Wurdalak kann man sich merken, für den nächsten Small Talk, beim nächsten Wissensquiz oder einfach, um selbst vielleicht diese Geschichte nachzulesen, die insofern anders als gängige Geschichten bluttrinkender Wiedergänger beschreibt, wie das verfluchte Wesen nichts lieber täte, als das ganze Jahr über mit der Familie Weihnachten zu feiern.

Blut ist tatsächlich dicker

Natürlich war der Wurdalak – oder eben Vourdalak, so die französische Form – früher mal ein normaler, atmender Mensch, wie all die anderen Vampire übrigens auch. Dieser Fluch jedoch begeht im wahrsten Sinne des Wortes eine gewisse Sippenhaftung, da sich Vourdalaks eben ausschließlich ihrer eigenen Familie annehmen, um diese zu zerstören. Oder um diese eben leerzutrinken, wie auch immer.

Tolstois Vourdalak ist im Grunde ein alter Mann namens Gorcha, Oberhaupt einer mehrköpfigen Familie aus Kindern, Enkelkindern und Schwiegerkindern. Wir befinden uns hier im Serbien des frühen 18ten Jahrhunderts, die Türken terrorisieren Europa und Gorcha will es noch einmal wissen, in dem er mit Schwert und Schild gegen den Feind zieht. Sollte er in den folgenden sechs Tagen nicht zurückkehren, so seine Botschaft, dürfe ihn niemand mehr in die Stube bitten, denn dann sei er nicht mehr er selbst, sondern eine Kreatur der Nacht, ein untoter Blutsauger eben, der wohl die ganze Familie ins Unglück stürzen wird.

Ein Hofgesandter im Mythenpool

Wie es der Zufall so will darf diesem paranormalen Geschehen ein Gesandter des französischen Königs beiwohnen, ein weiß gepuderter feiner Geck, der, von Räubern seines Pferdes entledigt, auf einen Ersatz warten und bei Gorchas Familie unterkommen muss. Mit diesem Marquis d’Urfé schafft Adrien Beau einen spätbarocken Kontrapunkt, eine aufgeräumte, geordnete, gepflegte Instanz – die Zivilisiertheit des Damals und der Gegenpol zu einem eher archaischen, von Aberglauben, Mythen und der Metaphysik der Natur durchdrungenen Volksbild der moldawischen Region, fernab jeglicher kontrollierbarer Ordnung. Ariane Labed (Attenberg) gibt dabei die geheimnisvolle, schmuckbehangene Fremde, die dem Pudergesichtigen den Kopf verdreht.

Wenn die Puppen tanzen

Beau muss die alten osteuropäischen Filme der DEFA-Ära, entstanden in den 50er- und 60er- Jahren, wohl zu schätzen gewusst haben, um selbst so eine retrovisuelle Hommage anzufertigen, die mit Farbpatina, verwaschener Optik und gestelztem Spiel auf kurios-befremdliche Weise eigen wirkt.

Krönendes Element dieser tragödienhaften Schauermär ist natürlich der Vourdalak selbst – die marionettenhafte Puppe eines wandelnden Toten: knochendürr, lippenlos, gespenstisch nicht wirklich. Diese offenkundige Zurschaustellung analoger – ich will nicht mal sagen – Tricktechnik ist entweder ein Armutszeugnis aufgrund budgetärer Grenzen – oder ein absolut gewolltes Stilelement, um eben jener kauzigen Ära gerecht zu werden, die Filme wie diese improvisationsfreudig und mit begrenzten Mitteln damals zur Schau stellten.

The Vourdalak mag man seltsam finden, durch das hölzerne Spiel kommt relativ wenig Stimmung auf, und die Puppe selbst ist so verwunderlich wie faszinierend. Genau dadurch aber hat Adrien Beaus Film in gewisser Weise ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen – dank der Dreistigkeit, den tolstoischen Schrecken als Live-Act-Marionettentheater auferstehen zu lassen.

The Vourdalak (2023)

The Mandalorian and Grogu (2026)

EIN LEINWAND-SPECIAL FÜR DEN SERIENHELDEN

6,5/10


Pedro Pascal und Grogu als er selbst in The Mandalorian and Grogu
© 2026 Lucasfilm Ltd™. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: JON FAVREAU

DREHBUCH: JON FAVREAU, DAVE FILONI, NOAH KLOOR

KAMERA: DAVID KLEIN

CAST: PEDRO PASCAL, SIGOURNEY WEAVER, JEREMY ALLEN WHITE (STIMME), JONNY COYNE, STEVE BLUM (STIMME), SHIRLEY HENDERSON (STIMME), MARTIN SCORSESE (STIMME), BRENDAN WAYNE, DAVE FILONI U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Es ist der Moment, in dem dieses Fahrzeug vorkommt – dieses kleine, unscheinbare, kastenförmige Ding. Kinder der Achtziger, die gleichsam zu Star Wars-Afficionados wurden, ehe sie noch gerade Sätze sagen konnten, wissen sofort, dass es sich dabei um das ominöse INT-4 handelt, ein speziell für das erste Merchandise-Kontingent ersonnene Spielzeug. Nun hat es seinen Einsatz gefunden, denn ein ex-imperialer Warlord düst damit davon, natürlich auf einem Schneeplaneten, denn diese fühlen sich prinzipiell schon nach Star Wars an. „Sieh nur, ein INT-4“, kommt es mir da entzückt über die Lippen – und niemand versteht es.

Vom Fan-Service nicht genug bekommen

So viel Leidenschaft müsste man aber besitzen, um The Mandalorian and Grogu auch wirklich in vollen Zügen und bis in jeden Winkel seines mehr als zweistündigen Leinwand-Daseins zu genießen. Denn der Star Wars-Wahnsinn, der steckt im Detail. Und macht so richtig froh. Kaum ist ein Raumschiff erkannt, erspäht man schon die nächste Spezies, die es damals, ebenfalls im Basis-Sortiment an Figuren, auch schon gab. Für die, die es wissen wollen: Bezeichnet wurde diese Figur damals Amanaman, im Film nennt sie sich Amani. Und wie der Mandalorian alias Din Djarin alias Mando mit ihnen fertig wird, ist Heldentum der zwar langweiligen, aber fein getricksten Sorte.

Jon Favreau und Dave Filoni, zwei bekennende Geeks der ersten Stunde, die womöglich alle Bücher und jedes Comic in sich aufgesogen haben müssen, und zwar mehrmals, können aus einem Fundus schöpfen, von diesem haben „normale“ Kinobesucher, die Star Wars zwar kennen, gerne sehen, aber nichts weiter, natürlich wenig.

Vom Geben und Nehmen in einer Beziehung

Favreau und Filoni werden wohl in Kauf genommen haben, dass ihr Leinwand-Special – denn anders ist dieser erste Kinofilm nach sieben Jahren Abstinenz nicht zu bezeichnen – wohl kaum tiefer in den Star Wars Kosmos eintauchen, sondern ihn nur an der Oberfläche erweitern wird. Sie werden gewusst haben, dass mit The Mandalorian und Grogu wohl kaum das bedeutende Weltraumepos auf die Leinwand gewuchtet wird, das viele vielleicht erwarten.

Es führen auch nicht alle Erzählstränge aus den Serien zusammen, die Storyline rund um Ahsoka hat damit nicht das Geringste zu tun. Letztlich konzentriert sich das Abenteuer auf eine Vater-Sohn-Beziehung im erweiterten Sinne, oder besser gesagt: auf eine Lehrer-Schüler-Beziehung, oder Onkel-Neffe, wie auch immer. Das Problem dabei: Komplexer als in der Serie wird es kaum werden, und da hing die Bedeutsamkeit der Kommunikation zwischen Mando und seinem Schützling Grogu entscheidend davon ab, ob der Kleine immer noch so tut, als wäre er ein Baby. Die Antwort: Ja, das tut er – und das Spektrum dieser Verbindung bleibt daher endenwollend.

Die Macht, die der kleine mechatronische und von Puppenspielern wie anno dazumal bei Yoda gesteuerte Genusszwerg nutzt, passiert willkürlich einmal mehr und einmal weniger, bleibt aber nicht logisch. Andere, nennenswerte Beziehungen gibt es in diesem neuen Film keine, der Rest des Ensembles ist Staffage, und selbst Sigourney Weaver würde lieber wieder Aliens jagen.

Es ist und bleibt eine Serie

Lucasfilm™ will weder die Old Republik noch die spannende Geschichte rund um Crimson Dawn auf die Leinwand bringen, aus Sorge davor, hier auf zu wenig Vorkenntnis beim Publikum zu stoßen, womit die lautstarken Wünsche einer weltweiten Community ignoriert werden.

Gedacht wird marketingtechnisch. Einerseits. Andererseits wollen Favreau und Filoni unbedingt ihren Mando weiterführen und schlagen deutliche Signale, die dagegensprechen, in den Wind. Nur: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und wer nur wagt, was er bereits gewonnen hat, entwickelt sich nicht weiter. Somit haben wir, worauf wir uns vorbereiten sollten, wenn wie The Mandalorian und Grogu auf großer Leinwand erblicken wollen: Das Serien-Special fürs Pfingstwochenende. Und zwar auf großer Leinwand.

Ein Wunsch zumindest, der in Erfüllung geht, hat sich doch gefühlt jede(r) beim hohen technischen Level der Serie von der ersten Folge an gewünscht, hier lieber im Kino zu sein als in den Fernseher hineinkriechen zu müssen, um die ganze monumentale Wirkung der Welten, Raumschiffe und Kreaturen wirklich adäquat in sich aufsaugen zu können. Zumindest hier ist die Sehnsucht gestillt: In diesem Verhältnis kommt die Serie noch besser zur Geltung – bleibt aber eine Serie.

Wer sind die Hutten?

Sollte man wissen. Wie einnehmend ein solcher Charakter sein kann, das zeigt der Film ganz vorzüglich. Auch hier wieder wissen Kenner der Serie The Clone Wars, um wen es sich dabei im Speziellen handelt: um Rotta, den Spross von Jabba, den wiederum jede(r) kennt. Jeremy Allen White spricht ihn, und zwar in jugendlichem Basic, was aber dennoch zusammenpasst. Von ihm soll dieses ganze Abenteuer auch handeln – und um das Hutten-Kartell an sich, das ein falsches Spiel treibt und unserem Helden fast das Leben kostet.

Wie ein Endgegner, trotzdem er besiegt wird, durch die Lappen geht

Die Neue Republik bleibt nach wie vor nur eine Fußnote, ein kleines Kontingent an X- und Y-Flügler schieben sich wieder ins Bild, um für Stimmung wie bei einer Flugshow anlässlich einer Star Wars Convention zu sorgen. Wo ist der Rest dieses politischen Weltenbündnisses?

Interessiert nicht, genauso wenig wie der Ausblick auf die Erste Ordnung, die einige Jahrzehnte später erstarken wird. Das Grummeln im Bauch, weil sich etwas anbahnen könnte, fehlt komplett, da der Endgegner Moff Gideon bereits in der letzten Staffel besiegt wird. Hätten Favreau und Filoni vorausschauender gehandelt, hätten sie sich den charismatischen Giancarlo Esposito genau für diesen Moment im Kino aufgehoben. Was bleibt, ist ein minimal größeres Abenteuer als im Stream, und demnach überschaubar genug, um allen gerecht werden zu wollen. Star Wars-Greenhorns, Familien, Science-Fiction-Fans und eingefleischten Nerds. Richtig spezialisieren kann man sich da wohl nicht, irgendwo storytechnisch eintauchen auch nicht. Die fantastischen Schauwerte sind das, was bleibt.

Das große Publikum wird The Mandalorian und Grogu nicht ins Kino locken, dazu hängt das Mandoverse zu sehr an Disney+. Ein großes, unabhängiges Zeitalter müsste man hier öffnen – mit einem komplexem Plot, der die weit weit entfernte Galaxie bis ins Outer Rim erschüttert. Die Old Republik fällt mir wieder ein. Besser aber, ich gebe es langsam auf, zu hoffen.

The Mandalorian and Grogu (2026)

Silence (2025)

STOLZ, EIN VAMPIR ZU SEIN

6,5/10


Lucía Díez in Eduardo Casanovas Miniserie Silence© 2026 Crossing Europe


ORIGINALTITEL: SILENCIO

LAND / JAHR: SPANIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: EDUARDO CASANOVA

KAMERA: MARINO PARDO

CAST: LUCÍA DÍEZ, MARÍA LEÓN, ANA POLVOROSA, MARIOLA FUENTES, LETICIA DOLERA, CAROLINA RUBIO, OMAR AYUSO U. A.

LÄNGE: 56 MIN



Wir wussten immer schon, wie sie aussehen. Friedrich Wilhelm Murnau hat es gewusst, als er Graf Orlok erschuf: Ein Mischwesen aus Fledermaus und Mensch. Alles andere als fettleibig, schlaksig-elegant, mit langen Fingern und die Nägel von der Natur des Abseitigen spitz manikürt. Die Ohren entsprechen ebenfalls dieser Form und geben dem Erscheinungsbild etwas so Märchen- wie Elfenhaftes, als wären diese Wesen Teil einer High Fantasy oder überhaupt einer ganz eigenen fantastischen Welt wie Mittelerde, Fantasien oder Westeros (wo es allerdings keine Elfen gibt). Keine Ahnung, in welcher Welt Ridley Scotts Legende spielt, aber auch dort wäre dieses von Eduardo Casanova (was für ein Name!) geschaffene Kaffeekränzchen zur Zeit des späteren Mittelalters, als gerade die Pest krassiert, vorstellbar.

Der Biss in den blutigen Punschkrapfen

Der spanische Filmemacher mit diesem prunkvolle theatralischen Namen, das muss man wissen, ist ein Stilvisionäre, dessen Filme so klar zuordenbar sind wie jene eines Wes Anderson, David Lynch, Denis Villeneuve oder Bela Tarr. Sein Markenzeichen sind Pastelltöne: rosarote Farben, helles Zyklamen, blasses Pink – eine Farbpalette wie die einer wohlsortierten Punschkrapfen-Selektion aller Couleur, präsentiert von Boy George. Was können Vampire wohl damit anfangen? Erstaunlich viel, denn Vampire haben Stil – wie auch immer der aussehen mag.

Vampire haben es auch nicht leicht

Was man wissen sollte: Silence ist kein wirklich abendfüllender Spielfilm, er dauert gerade mal eine Stunde, doch überraschenderweise fehlt am Ende gar nichts. Grund dafür ist das Konzept einer Miniserie, das Casanova für sein queeres Triptychon ausgewählt hat. Um diese Bilder auch auf großer Leinwand zu präsentieren, lässt Casanova die Inserts dazwischen einfach weg. Schon ist er fertig, dieser gewöhnungsbedürftige, visuell jedoch recht anmutige Einblick in die prekäre Welt stigmatisierter Untoter, die am Rande der Gesellschaft als bedrohtes Volk der Nacht existieren – verschmäht, gejagt und verstoßen von allen, deren Herz ganz normal schlägt.

Blut ist, um zu überleben, nicht die einzige Antwort auf alles. Denn seit Anne Rice, Buffy The Vampire Slayer oder True Blood wissen wir: Vampire können sich verlieben, lieben und sich mit Liebeskummer quälen. Sie hadern mit den Seuchen der Menschheit, ist es nun die Pest oder ist es AIDS – und zwar nicht deswegen, weil Vampire sich infizieren können – sondern weil das kranke Blut der Menschen selbst keinen Nährwert besitzt. So war es mit der Pest, so ist es hunderte Jahre später in den Achtzigerjahren mit HIV.

Queere Liebe im Untergrund

Eduardo Casanova ist einer, der seiner barocken, höchst artifiziellen Optik aber keine barocke, höchst artifizielle Erzählweise angedeihen lässt. Als hätte Jim Jarmusch, der ja selbst schon mit Vampiren in Only Lovers Left Alive seine Erfahrungen gemacht hat, einen Theaterfilmer wie Peter Greenaway zum Rendezvous getroffen.

Es geht um queere Liebe, ganz viel um Drogen. um den Mut zur Wahrheit, um Vampirismus als Metapher für Homosexualität in einer Zeit, als diese Form von Liebe noch hinter der vorgehaltenen Hand verschwand. Mit Eleganz veranlasst Casanova die diskriminierte Minderheit nokturner Schreckensgestalten, über Jahrhunderte hinweg ihren Platz in der Welt zu reflektieren und beschäftigt sie mit der Frage des Outings – ob und wenn ja, wann?

Angst, Rückzug, progressives Verhalten: Kurz und knapp fordert Silence auf, die Stimme zu erheben, und dazu zu stehen, wer man ist oder eben nicht ist. Vampire sind mit Casanovas prachtvoll-bizarrer Lovestory in einer vom Wind der Veränderung geprägten Ewigkeit angekommen, es reißt sie hin und her, es lässt sie Blut schmecken und die Sterblichen lieben. Es lässt sie auch ihrer Bestimmung entkommen, immer wieder mal, auf die Gefahr hin, den Pflock durchs Herz zu bekommen.

Traditionelle Sicht trifft auf Avantgarde

Casanovas Stil ist extravagant – und bewusst subversiv. Mit seinen Masken lässt er das Herz von Vampirfans unweigerlich höherschlagen. Mit seiner erotisch aufgeladenen Performance entspricht er der unstillbaren Gier dieser attraktiven Dämonen, dabei drängt sich Silence zwischen Altbekanntem, Traditionellem und Avantgardistischem irgendwo dazwischen, verfällt manchmal aber seinen eigenem Ehrgeiz und seinem stilistischen Narzissmus. Der zwischen Kurz- und Spielfilm flatternde romantische Soft-Horror ist dabei das Stück cremige Erdbeertorte, vor der man zwei Stücke beileibe nicht essen kann.

Silence (2025)

Gaua (2025)

DIE NACHT HAT IHREN SÜNDENBOCK

8/10


Yune Nogueiras in Gaua von Paul Urkijo Alijo
© 2025 Filmax / Crossing Europe


LAND / JAHR: SPANIEN, USA 2025

REGIE / DREHBUCH: PAUL URKIJO ALIJO

KAMERA: GORKA GÓMEZ ANDREU

CAST: YUNE NOGUEIRAS, ANE GABARAIN, ELENA IRURETA, IÑAKE IRASTORZA, XABI JABATO, ERIKA OLAIZOLA, MANEX FUCHS, ELENA URIZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN



Die Filme von Paul Urkijo Alijo – diesen Namen muss man erst mal auswendig lernen, um ihn fehlerfrei immer wieder rezitieren zu können – sind wie die Eucharistie bei jedem fantastischen Filmfestival: Ist es nun das große katalonische Sitges-Festival alljährlich in Spanien, das Fantasy Filmfest in Deutschland oder das Slash in Österreich.

Dieser Mann, Paul Urkijo Alijo, kann getrost als das spanische Spin-Off eines Guillermo del Toro angesehen werden; als hingebungsvoller Rezitator baskischer Mythologie. Einer, der tief in die fabelhafte Dunkelheit einer von Gottheiten, Zwischenwesen und Dämonen bevölkerten Welt eindringt, sodass man meinen könnte, in die Bildnisse eines Hieronymus Bosch, Alfred Kubin oder Francisco de Goya gefallen zu sein.

Die Nacht überlässt der liebe Gott anderen Mächten

Ringsherum düstere Zeiten, die des finsteren Mittelalters wie in Irati oder die der spanischen Inquisition, wie eben aktuell in seinem neuesten Geschichtenreigen Gaua, baskisch für Die Nacht. Und in einer Nacht trägt sich auch das alles zu, was der jungen Katallin widerfährt, als sie, allerlei Spuk in Kauf nehmend, vor ihrem gewalttätigen Ehegatten Reissaus nimmt. Dabei könnte dieser ihr gar nicht wirklich nachstellen, hat der doch einen mit Fliegenpilzen vergifteten Eintopf geschlürft, der ihn ins Jenseits befördern soll.

Die Nacht ist im Baskenland des siebzehnten Jahrhunderts ein gefährlicher, albtraumhafter Ort. Bäume werden zu knorrigen Kreaturen, dazwischen Schatten, die sich verselbstständigen – und eine alles verschluckende Dunkelheit. Wie wohlig, schauderhaft und gleichzeitig die eigene Fantasie anregend offenbart sich hier gleich zu Beginn eine entbehrungsreich realistische Welt, die gleichzeitig aber so sehr von Aberglauben, Hexenwahn und Zauberei durchzogen ist, dass sich beides – harte Historie und pittoreske Phänomene – untrennbar vermengen.

Übernatürliches aus dem Dorf

In diesem Wald, der sich so selbstständig macht wie im fantastischen Realismus eines Max Ernst, trifft Katallin auf drei der magischen Naturheilkunde nicht ganz abgeneigte alte Damen, die allerlei Übernatürliches zu berichten wissen. Begebenheiten, in denen auch Katallin und ihr Gatte aufkreuzen, immer wieder. In denen Verstorbene die noch Lebenden quälen, als Mischwesen zwischen Tier und Mensch. In denen sich zwei Frauen ihre Liebe gestehen und in denen ein Geistlicher seinen Jagdobsessionen erliegt, wenn er gerade mal nicht der Hexerei Bezichtigte der Inquisition ausliefert.

Dämmerungsblau und Flammengelb

Gaua mag sich anfühlen wie ein Episodenfilm aus kurz gefassten Anekdoten des Übersinnlichen und Monströsen – doch jede einzelne steht im kausalen Zusammenhang, Urkijo Alijo verwebt geschickt Vergangenheit und Gegenwart in kaleidoskopartiger Reihenfolge, erst am Ende ergibt alles einen Sinn. Letztlich geht es um Verrat, Schuld und Unterwerfung. Und um die Akzeptanz kultischer Gesetzmäßigkeiten, die letztlich über Leben und Tod zu richten imstande sind.

Urkijo taucht dabei seinen historischen Bildersturm in bizarre, aber womöglich historisch akkurate Kostüme. Wie Del Toro verliebt er sich in Dämmerungsblau und Flammengelb, in ausgefeiltes Kreaturendesign und in eine der großen Leinwand gehörende, ölgemäldeartige Opulenz.

Eine Art Terra incognita des fantastischen Kinos

Welche Filmfreundin, welcher Filmfreund sich auch immer  von dieser Art des Fantastisch-Historischen angesprochen fühlt: Netflix hält Urkijo Alijos kerzenhelle, höllisch gute Dämonenmär Errementari: Der Schmied und der Teufel parat. Ein Blick lohnt sich – und es kann passieren, dass man am Ende zu einer kleinen, aber feinen Fangemeinde zählt.

Man muss dafür selbst kein Vorwissen zu baskischer Folklore mitbringen, man muss einfach die Leidenschaft fürs Fabulieren genießen; diese gediegene Phantasmagorie, diesen spukhaften Hokuspokus, der niemals schwerfällig gerät, sondern stets eine märchenhaft leichtfüßige Ironie mit sich bringt.

Leider wird auch Gaua nicht die Chance erhalten, hierzulande im Kino seine visuelle Brillanz, verbunden mit dem Verve launiger Geschichtenerzähler, auf der großen Leinwand zu entfalten. Sein Publikum würden Urkijos Filme finden – wenn dieses nur wüsste, dass es sie gibt.

Gaua (2025)

Nightborn (2026)

WENN MUTTER UND KIND EIN BÄUMCHEN PFLANZEN

6/10

 

Seidi Haarla und Rupert Grint in Nightborn von Hanna Bergholm© 2026 Polyfilm / Crossing Europe

 

ORIGINALTITEL: YÖN LAPSI

LAND / JAHR: FINNLAND, LITAUEN, FRANKREICH, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: HANNA BERGHOLM

DREHBUCH: ILJA RAUTSI, HANNA BERGHOLM

KAMERA: PIETARI PELTOLA

CAST: SEIDI HAARLA, RUPERT GRINT, PAMELA TOLA, PIRKKO SAISIO, REBECCA LACEY, JOHN THOMSON, SILVIA SALORANTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN



Väter haben keine Ahnung davon, wie es ist, Mutter zu sein. Umgekehrt wiederum haben Mütter keine Ahnung, wie es ist, Vater zu sein. Dessen Bindung zum Kind ist weniger körperlich, denn Väter tragen ihren Nachwuchs auch nicht 9 Monate in ihrem Leib herum. Väter müssen in dieser Zeit auch nicht ein zweites Leben miternähren, kein Kind aus sich herauspressen und dann auf schmerzhafte Weise erfahren, wie es ist, den eigenen Körper als Nahrungsquelle zur Verfügung zu stellen. An gesunden Schlaf können Väter schon viel früher denken, um untertags wieder arbeiten zu gehen – Papamonat hin oder her.

Kleinkindpädagogik aus dem Wald

Dieses Überschreiten natürlicher Grenzen und das Aufgeben der eigenen Bedürfnisse für ein neues Leben – das hat vor zwei Jahren schon Amy Adams in der mysteriösen Horrorkomödie Nightbitch demonstriert. Auch hier der Vater nur einer, der leicht reden kann und vorne bis hinten nicht versteht, was die Mutterrolle für Entbehrungen verlangt. Hanna Bergholm geht einen ähnlichen Weg, entfernt sich aber von urbanen Gefilden und siedelt ihre wuchernde Reinigung von gesellschaftlichem Regelwerk, obwohl in Litauen gedreht, zumindest storytechnisch im finnischen Forst an.

Wer dort leben will? Mitunter könnte man dort, wo Saga und Jon sich ansiedeln, auf die Dauer mieselsüchtig werden. Auch ist der Wald ringsum kein einladendes Stück Natur, eher ein Gesamtbewusstsein mit seltsamem Eigenleben und knorrigen Bäumen, die so aussehen, als steckten in ihnen Dämonen, die gerne befreit werden wollen. Das Kind, das Saga auf die Welt bringt, würde dorthin ganz gut passen, weist es doch körperliche Anomalien auf, die sich auch noch im Verhalten widerspiegeln.

Der konstruktive Schrecken

Jede Mutter sollte die Möglichkeit, haben, eine für sie eigene, ideale Art der Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, die sich für beide Seiten richtig anfühlt. Diese Botschaft ist Hanna Bergholm ein Anliegen – und sie weiß: leicht wird es nicht. Der Weg dorthin ist hart, sie schickt Schauspielerin Seidi Haarla (großartig in Abteil Nr. 6) auf einen bizarren Weg, auf dem es keine Umkehr gibt. Die Natur spielt hierbei eine große Rolle, weiters Vermächtnis, Bestimmung und das Eingestehen selbiger.

Was Bergholm dabei gerne macht, ist, den Prozess der Entwicklung als einen Horror darzustellen, vor dem man eigentlich nicht flüchten sollte; der einem letzten Endes nicht schadet, sondern den es anzunehmen gilt, so schauerlich er auch sein mag. Mit ihrem Vorgängerfilm Hatching hat sie ähnliches getan: Das seltsame Ei, dass die junge Tinja im Wald findet, birgt einen zwar bedrohlichen, aber wichtigen Bestandteil auf dem Weg zum Erwachsenwerden. In Nightborn wiederum ist die Annahme und Akzeptanz auch des Rätselhaften im wahrsten Sinne des Wortes ein Stolperpfad über Wurzeln und zwischen Bäume. Es modert und wuchert, der Appetit nach Fleisch und Blut untermauert die Phrase „Mein Fleisch und Blut“ nochmal neu.

Die Mythen gehen Väter nichts an

Rupert Grint als Vater Jon bleibt da der Fremdkörper, als hätte dieser Teil der Familie nichts zu sagen – weil Väter, so die Prämisse, nicht verstehen, worauf es ankommt. In dieser Phase der Bindung sieht Bergholm für diese Rolle etwas ganz anderes vor, eine ganz andere Opferbereitschaft – und vereinigt dies mit nordeuropäischer Mythologie, über deren versteckte Existenz sich schon Ali Abbasi in Border seine Gedanken gemacht hat.

Schon sehr früh wird klar, was es mit diesem Nachtgeborenen auf sich hat, welches Geheimnis hier über allem schwebt wie ein düsteres Omen. Marielle Heller sucht in Nightbitch nach der archaischen Bedeutung von Mutterschaft genauso wie Bergholm. Nur Bergholm hat den Vorteil, die Natur noch viel deutlicher zu einem Verbündeten werden zu lassen, weg von der Zivilisiertheit.

Blutdurst und simple Symbolik

Was ihr dabei aber immer wieder in die Quere kommt, und ihr Vorhaben auch erschwert, ist eine allzu offensichtliche, simpel konnotierte Symbolsprache, die, oftmals aufgewärmt, selten fasziniert. Die unausweichliche Eskalation wäre in diesem Ausmaß entbehrlich gewesen, andererseits aber unterstreicht sie eingangs erwähnte Ambition, die Vaterrolle im Kontext einer kompromisslosen Natur zu hinterfragen.

Nightborn (2026)

Ready Or Not 2 (2026)

VOM BLUTREGEN IN DIE HÄMOGLOBINTRAUFE

6,5/10


Samara Weaving und Kathryn Newton in der Horrorkomödie Ready Or Not 2
© 2026 Searchlight Pictures All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: MATT BETTINELLI-OLPIN, TYLER GILLETT

DREHBUCH: GUY BUSICK, R. CHRISTOPHER MURPHY

KAMERA: BRETT JUTKIEWICZ

CAST: SAMARA WEAVING, KATHRYN NEWTON, ELIJAH WOOD, SARAH MICHELLE GELLAR, SHAWN HATOSY, NESTOR CARBONELL, DAVID CRONENBERG, KEVIN DURAND, OLIVIA CHENG, VARUN SARANGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Keine Ruh hat man. Das wusste schon Sigourney Weaver. In James Camerons Sequel zu Alien kam die Action-Ikone Ellen Ripley auch nicht wirklich zum Ausschlafen, musste sie doch gleich wieder zurück auf diesen Planeten, wo im Original alles begonnen hat. Der zweite Teil setzt dabei genau da an, wo er aufgehört hat. Und zwar nahtlos. Dasselbe passiert bei Zurück in die Zukunft II und sogar III. Hier lässt sich gleich die ganze Trilogie am Stück genießen, wirkt dabei also wie ein Film. Jetzt hat diesen Fortsetzungs-Clou auch Ready Or Not eingeheimst, die Hochzeits-Slasher-Herrenhaus-Partie mit Jagdinstinkt. Und Samara Weaving. In solchen Fällen ist es gut, den vorangegangenen Teil noch bildfrisch in Erinnerung zu haben, sonst hapert es womöglich mit dem geschmeidigen Übergang, der vom Regen in die Traufe führt.

Was bisher geschah

Zur Vorgeschichte: Weavings Figur der Grace kommt wie die Jungfrau zum Kind in den Genuss eines satanischen Rituals, bei welchem am Ende ihre Auslöschung steht, und zwar sollte diese bis Sonnenaufgang über den Jordan geschickt worden sein, sonst wird Beelzebub böse. Und das will keines der Individuen aus dem Adelsgeschlecht der Le Domas-Familie. Also zücken sie sämtliche Waffen, und die gute Grace muss rennen. Sich retten. Und vielleicht, wenn sich die Gelegenheit ergibt, zurückschlagen. Soviel Spoiler zu Teil eins sei erlaubt: Unsere Heldin im blutverschmierten Brautkleid bändigt tatsächlich all die sinistren Bestrebungen und bleibt bis zum Tagesanbruch am Leben. Nur, um dann – das sieht man erst im Zweiten – doch noch umzukippen.

Der Teufel ist ein schlechter Verlierer

Im Spital erwacht, trifft Grace erstens mal auf ihre entfremdete Schwester Faith – und sehr bald schon auf den ersten Meuchelmörder, denn die Sache mit der Opfergabe für den Leibhaftigen ist noch nicht ausgestanden. Schließlich ist mit dem Überleben von Grace eine Situation eingetreten, die des Teufels Advokaten bedarf, der wiederum… aber lassen wir das. Wichtig ist: Bei Ready Or Not 2 handelt es sich nicht um die gleiche Handlung in anderem Gewand. Und selbst wenn es das gleiche Gewand wäre, und die gleiche Handlung: Wenn die Schauwerte stimmen, das hat uns James Cameron bewiesen, dann ist das Bewährte gerade mal gut genug.

Buffy mal anders, eine Regielegende vor der Kamera

Nicht aber hier, was gut ist, wenn man denn vorhat, ein Double Feature zu planen, der beide Teile zusammenführt. Was aber gleich ist: Die Jagd auf Samara Weaving, denn das ist das Grundprinzip dieser Idee. Deswegen geht man ja auch in diesen Film, weil klar ist, was kredenzt wird. Da braucht es nichts, was storytechnisch um die Ecke denkt. Vielleicht gibt man Samara Weaving noch einen zweiten Charakter an die Seite – nämlich Kathryn Newton. Und – wenn wir schon bei den Jägern sind – die Jägerin schlechthin: „Buffy“ Sarah Michelle Gellar. Die ist aber auf der anderen Seite, also die Antagonistin. Schön, sie zu sehen.

Und wer, um alles in der Welt, darf die ersten Szenen des Sequels dominieren? David Cronenberg. Nein, das ist keine zufällige Namensgleichheit, dabei handelt es sich tatsächlich um den Schöpfer von Die Fliege und sämtlichen Bodyhorror-Exzessen der letzten 30 Jahre. Der Altmeister gönnt sich den Spaß, und seine Visage passt perfekt in dieses süffisante B-Movie, das nichts anderes will, als Blut zu sehen.

Dunkle Regeln ohne Konsequenzen

Ready Or Not 2 ist vergnüglich und zwischendurch auch mal zum Gähnen, wenn es um innerfamiliäre Angelegenheiten geht, die nur halbherzig die Handlung voranbringen, ohne im geringsten zu emotionalisieren. Das Spiel mit den dunklen Mächten hat seinen Reiz, und letztlich ist sogar das Hadern mit den Regeln des Spiels der wahre Gag in dieser morbiden Fantasy, wenn schon die Kills gewisse Verschleißerscheinungen sichtbar werden lassen.

Über die aufgeweichte Logik kann man hinwegsehen, auch über das mühsam konstruierte Skript, das es nicht schafft, die stümperhaften Versuche der jagenden Meute mit der Dringlichkeit der Ermordung von Grace auch nur irgendwie zu erklären. Vielleicht hängt der Film auch deswegen manchmal durch. Und was wäre es nicht für ein prachtvolles Ende, wären Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die mit Abigail ihrem Genre 2024 treu blieben, mutig genug gewesen, das Szenario auf ein neues Level zu heben und die Welt nicht mehr das sein zu lassen, was sie vorhin noch war. Dafür hätten sie alles in der Hand gehabt.

Das finale Crescendo aus Macht und Gier gibt einem aber auch einen gewissen Kick. Und erinnert nicht ungefähr an einen Ring, ihn zu knechten. Schon allein deswegen, weil „Frodo“ Elijah Wood dabei zusieht.

Ready Or Not 2 (2026)

Das Leben der Wünsche (2025)

WAS UNS DARAN HINDERT, DIE WELT ZU VERÄNDERN

3,5/10



© 2025 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: ERIK SCHMITT

DREHBUCH: FRIEDEMANN KARIG, ERIK SCHMITT, NACH DEM ROMAN VON THOMAS CLAVINIC

KAMERA: JOHANNES LOUIS

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, LUISE HEYER, VERENA ALTENBERGER, BENNO FÜRMANN, HENRY HÜBCHEN, RUBY O. FEE, HYUN WANNER, ROMAN KANONIK, PRINCE KUHLMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Sei vorsichtig, bei dem, was du dir wünschst! Eine altbekannte Weisheit, die in den Märchen von tausendundeiner Nacht der Djinn seinem Herrn und Gebieter Aladdin, nachdem er an der magischen Öllampe gerubbelt hat, rechtzeitig nahelegt. Ein paar Schritte weiter, und wir sind im deutschen Märchenschatz von Hebel und den Gebrüdern Grimm angekommen, worin Wünsche in ihrer Anzahl begrenzt sind, um klarzumachen, wie wertvoll diese sind und gut durchdacht sein will, womit man sich das Leben erleichtern möchte. Hat man die Chance, dieses Begehren zu den eigenen Gunsten zu befriedigen, mag folgendes beachtet werden: Wünsche können eine ganze Kettenreaktion von Ereignissen in Gang setzen, die letztlich zu nichts Gutem führen.

Selbstmordgedanken und ihre Esoterik

Das verpönte und nicht sehr liebgewonnene Sequel zum DC-Origin-Abenteuer Wonder WomanWonder Woman 1984 – hievt die Problematik mit den Wünschen und ihren Folgen in die Gegenwart, gewitzt, klug und nachdenklich stimmend. Und um Eckhäuser globaler und größer gedacht als bei Matthias Schweighöfers neuem Esoterik-Schinken, der sich einer viel düsteren Erzählung des Schriftstellers Thomas Clavinic angenommen hat und einen in die Jahre gekommenen Loser vor den Spiegel seines Badezimmer stellt, um ihn erkennen zu lassen, dass die Zeit und das Glück im Begriff sind, abzulaufen – die Entropie etwas langsamer, das Glück dafür von heute auf morgen. In der Beziehung hapert es gewaltig, Ehefrau Luise Heyer will sich trennen. Und nicht nur sie, auch sein Chef. Und das güldene Haar. Es scheint, als würde das Leben nichts mehr für Felix (oha, der Glückliche) bereithalten, also wie wäre es mit einem Sprung von der Brücke, um der Sache ein Ende zu bereiten? Im richtigen Moment, und so, als wäre der Zufall nur Tarnung für ein herausforderndes Schicksal, lockt den Gescheiterten die leuchtende Inschrift eines rustikalen Eckladens, ein urbanes Maginarium mit deutlichem Drall zu asiatischem Mystizismus. Das Leben der Wünsche, steht da groß und unübersehbar, weil an diesem Abend alles andere in weitem Umkreis im Dunkeln liegt. Drinnen sitzt ein älterer, rauer Geselle, der dem Besucher zwar nicht das Buch der Unendlichen Geschichte in die Hand legt, sondern einen Talisman, einen Glücksbringer, mit dem er drei Wünsche frei hat. Felix, nicht auf den Kopf gefallen, will aber nur einen. Er wünscht sich, dass alle seine Wünsche in Erfüllung gehen. Womit Schweighöfer und seinem schütteren Haupthaar eine Macht in die Verantwortung übergeben wird, die die ganze Welt verändern könnte. Und nicht nur sein eigenes kleines Leben.

Egomane in der Romantikfalle

Doch diese Möglichkeiten nutz er nicht. Weil er doch nur sich selbst sieht. Sich und seine Bedürfnisse und seine Beziehungen, und nicht das große Ganze. Ein seltsam befremdlicher Zug, geschuldet der eigenen existenziellen Blase, wo all das, was einen nicht tangiert, auch wenn die täglichen Nachrichten Bilder des Schreckens verbreiten. Die Welt dringt nicht vor zu einem Individuum, das plötzlich mächtiger wird als all die Mächtigen auf diesem Planeten zusammen. Hat man also, wenn die Erfüllung der Wünsche garantiert ist, die Pflicht, sie für das Gemeinwohl einzusetzen? Eine Frage, die der Film Das Leben der Wünsche nicht stellt, dabei wäre genau diese eine brennend interessant.

Erik Schmitt (Cleo) verspricht im Laufe der magisch-märchenhaften Erzählung, die Schweighöfer mitunter als langmähnigen Prinz Charming zeigt, dessen Frisur leider verboten gehört, ein die Grundpfeiler der Existenz erschütternden Moral- Schicksalsreigen, der, sobald Schweighöfer seine Visionen hat, ein bisschen so aussieht wie das Artwork jener Handouts, die eine gewisse Glaubensgemeinschaft mit Hausbesuchen gerne unters Volk bringen will. Überraschenderweise gesellt sich hier auch die für diesen Film viel zu starke Ausnahmeschauspielerin Verena Altenberger (Die beste aller Welten) hinzu, deren Rolle aber wenig zu sagen hat. Das Publikum wartet auf die Erkenntnis über ein dem Scheitern verurteiltes Leben, erhält aber am Ende herzlich wenig dafür. Viel wird versprochen, Henry Hübchen als Teufel mag dem sentimentalen, in der Gewichtigkeit eines Sprüchekalenders dahinsinnierenden Schöngeist Schweighöfer allzu leicht auf den Leim gehen. Die Conclusio bleibt karg, enttäuschend privat und überhaupt nicht weltbewegend. Mit Wünschen geht man nicht leichtfertig um, das ist klar. Man nutzt sie auch nicht so dermaßen unbeholfen.

Das Leben der Wünsche (2025)

Cold Storage (2026)

A HELL OF A MYZEL

6,5/10


© 2026 Studiocanal Österreich


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2026

REGIE: JONNY CAMPBELL

DREHBUCH: DAVID KOEPP, NACH SEINER ERZÄHLUNG

KAMERA: TONY SLATER LING

CAST: GEORGINA CAMPBELL, JOE KEERY, LIAM NEESON, LESLEY MANVILLE, SOSIE BACON, VANESSA REDGRAVE, GAVIN SPOKES, ROB COLLINS, DARRELL D’SILVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Der Schimmelpilz als USP

Wir kennen das ja. Wir kennen das alle. Irgendwann greift man gedankenverloren zur Marillenmarmelade, die man vor Wochen zum ersten Mal geöffnet hat, um die Frühstückssemmel zu schmieren, da strahlt einen beim Öffnen des Einmachglases eine grünlich-weiß schimmernde Frisur entgegenn, die so akkurat das darunterliegende orange Gelee überzieht, dass es eine Freude ist. Gestatten: Penicillium, der Haus- und Hofschimmel, immer zu Stelle, wenn Lebensmittel irgendwo vergessen werden oder der Kühlschrank nicht entrümpelt. Die Gefahr, die dabei droht, ist der Verzehr des Mykotoxins, also lieber Finger weg, ist ungesund. Man wirft die Sache einfach in den Müll und ermahnt sich, beim nächsten Mal vor- und fürsorglicher mit dem Essen umzugehen. Weiters passiert nichts. Doch mit so gesitteten Myzelen lässt sich kein Film drehen. Das wäre nur insofern spannend, wenn es einer wie Peter Greenaway probiert. Der hat in seinem barocken Experimentaldrama A Zero an Two Noughts sämtliche, der Entropie unterworfene Dinge vor laufender Kamera, dabei naturgemäß in Zeitraffer, und vergammeln lassen. Auch in Polanskis Ekel kann man den titelgebenden Gefühlszustand ausleben, wenn in Catherine Deneuves Wohnung das Essen schlecht wird.

Housewarming fürs Myzelium

Doch für einen komödiantischen Body-Horror-Reißer reicht das immer noch nicht. Da muss der Pilz schon aggressiver sein. So gesehen in The Last of Us, da schafft es der Pilz immerhin, den Mensch als zomboides Fortbewegungsmittel zu nutzen – was aber relativ humorbefreit über die Bühne geht, während, zumindest in der Serienverfilmung, Pedro Pascal und Bella Ramsey nichts erspart bleibt. Als lockerflockige Alternative dazu gibt’s aber jetzt einen wohltuenden Blut- und Beuschelhorror in oszillierendem Waldgrün, wenn es heisst: Cold Storage.

Es wäre daraus kein Film geworden, hätte in dieser gottseidank fiktionalen Geschichte die permanente Kühlung eines tief im Untergrund längst vergessenen Geheimlabors nicht ihren Geist aufgegeben. Umso wärmer, umso besser für einen Organismus, der sich feuchtfröhlich an allen Lebewesen vergreift, derer er habhaft werden kann – von der Kakerlake über die Katze bis zum Mensch. Parasitismus heisst das Zauberwort, nur läuft die nicht so buddymäßig ab wie bei Venom und seinem Wirten Eddie Brock. Hier beeinträchtigt der sich rasend ausbreitende Pilz unsereins sofort, man braucht nur drauftreten, schon dringt er ein. Das Dumme an der Sache: Dort, wo der tödliche Organismus bereits Housewarming-Party feiert, ist jetzt ein Private-Storage-Lager, und Freunde von Stranger Things freuen sich: Sie bekommen den hochsympathischen Steve Harrington alias Joe Keery zu sehen, der dieses Mal schon wieder mit etwas Übernatürlichem zu kämpfen hat. Als Nachtportier darf er mit Barbarian-Final-Girl Georgina Campbell genau dort herumschnüffeln, wo man tunlichst nicht schnüffeln sollte. Natürlich passierts und der ganze Schrecken greift um sich.

Wer könnte da dem Schlamassel eher Herr werden als Frank Drebin? Stimmt, Leslie Nielsen hätte diese Rolle genauso gut spielen können, aber es ist Liam Neeson, der ja letztes Jahr schon gezeigt hat, wie lustig er als nackte Kanone sein kann. Nun heisst es abermals schmunzeln, denn zu schade ist sich der Ire auch dafür nicht. Das ist gut so, das beschert ihm Sympathiepunkte, genauso wie dem Rest des Ensembles. Das Kurioseste dabei: Der Auftritt Vanessa Redgraves.

Pilzgericht mit Ratte

Man möchte fast meinen: so entspannt und frei von schauspielerischem Ehrgeiz, den es hierfür nicht wirklich herauszukitzeln braucht, ist man der drohenden Weltvernichtung schon lange nicht mehr begegnet. Hinzu kommt, dass sich Regisseur Jonny Campbell (Alien Autopsy mit Bill Pullmann) allerlei Kurioses für seine schnell verpuffende Attraktion hier einfallen lässt, ist es nun die in der 1st-Person-View eingefangene Panik einer Küchenschabe oder der hochschaubahnfahrende Parasit im Körper des Befallenen. An allen Ecken und Enden quillt der Schimmel, Hirsche, Ratten und Köpfe explodieren. Ganz schön viel, womit man sich schmutzig machen kann.

Und ja, warum nicht, man macht sich gerne schmutzig und achtet dabei stets darauf, dass zumindest die Heldinnen und Helden im Film nicht irgendwie schief schauen, um die Aufmerksamkeit des grünen Etwas auf sich zu ziehen. In diesem Hürdenlauf des Nicht-berührens und Weit-genug-wegseins liegt die Spannung des Bodyhorror-Klamauks, darüber hinaus bleibt die Fermentierung tunlichst an der Oberfläche. Alles, was darunter liegt, ist zwar noch bekömmlich, aber relativ geschmacksneutral.

Cold Storage (2026)