Split

ICH BIN DANN MAL WER ANDERER

7/10


split© 2017 Universal Pictures Entertainment Germany


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: M. NIGHT SHYAMALAN

CAST: JAMES MCAVOY, ANYA TAYLOR-JOY, BETTY BUCKLEY, HALEY LU RICHARDSON, JESSICA SULA, KIM DIRECTOR, SEBASTIAN ARCELUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


„Ich habe die Zeit verloren.“ Das hat, wenn wir uns erinnern, Edward Norton als eine von zwei Identitäten im Thriller Zwielicht immer mal gerne erwähnt. Richard Gere konnte dem Mörder damals schwer das Handwerk legen. Denn wenn schließlich zwei Personen in einem Körper leben, kann die eine für die Untaten der anderen nicht belangt werden. Auch Oscar Isaac in der derzeit mit Abstand besten Marvel-Serie auf Disney+, nämlich Moon Knight, weiß nicht, was er des Nächtens für Dinge tut, und das liegt nicht am Hangover. Seine Figur des Steven Grant / Marc Spector leidet an derselben Krankheit, mit welcher Kevin Wendell Crumb in M. Night Shyamalans Psychothriller Split fertig werden muss: Mit einer Dissoziativen Identifikationsstörung, kurz DIS. Wenn ein Mensch aufgrund erschütternder und stark traumatischer Ereignisse sein Seelenheil gefährdet sieht, werden gleich mehrere Weichen gestellt: Die Person, die leiden muss, verschwindet oder wird an den Rand gedrängt, während eine andere, viel stärkere, das Steuer übernimmt. Natürlich wechseln sich diese Persönlichkeiten mitunter ab, sonst wäre ja scheinbar alles normal. Mit diesem halben Leben lässt sich vielleicht noch unter guter therapeutischer Führung so einigermaßen klarkommen. Doch Shyamalan multipliziert das Ganze. Dieser Kevin muss sich das Leben nicht mit drei, auch nicht mit vier und schon gar nicht nur mit fünf Persönlichkeiten teilen, sondern sage und schreibe mit dreiundzwanzig, die wiederum unterscheidbar sind in Männer, Frauen und einem neunjährigen Buben. Gut, das wäre womöglich ein Fall fürs klinische Buch der Rekorde, und Kevin, die Ursprungsperson, weiß, was los ist, daher scheint der Besuch bei Frau Doktor wöchentliche Pflicht. So richtig unbequem für andere wird’s erst dann, wenn nicht Kevin, sondern eines der Ichs namens Danny plötzlich anfängt, junge Mädchen zu entführen, darunter Schachgöttin Anya Taylor-Joy, die sich mit der unglaublichen Präsenz eines dreiundzwanzigfachen Unterdrückers arrangieren muss. Das alles wäre nicht passiert, gäbe es nicht eine vierundzwanzigste Person – genannt die Bestie. Dieser will man nicht begegnen müssen, soll das Monster doch Dinge können, die nur in Comics zu finden sind. Um diesen Zustand schließlich in Zaum zu halten, braucht es eben Opfer. 

Das klingt, als wäre Shyamalans Film ein gnadenloser Mindfuck-Horror, der tief in seelische Abgründe blickt. Dabei sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Schon klar, Split mag eine gewisse subversive Düsternis aufweisen. Zwischen all dieser Panik aber, die sich bei den eingesperrten Girlies breit macht und des obligaten Mystery-Faktors, der bei Shyamalans Filmen stets eine starke Tendenz in das Fantasy-Genre aufweist, ruht das narrative Filetstück der genauen Beobachtung eines ungewöhnlichen Krankheitsbildes. Ob es ein solches mit einer ähnlichen Vielzahl an multiplen Persönlichkeiten tatsächlich gibt, ist fraglich, doch um in Split so richtig als Attraktion zu gelten, braucht es das. James McAvoy ist dafür im Übrigen der Richtige. Und das Besondere: Er findet für jeden einzelnen Charakter seinen eigenen Zugang. Knifflig wird’s dann, wenn während der Handlung eines der Ichs vorgibt, ein anderes zu sein. Shyamalan hat hier erfrischende Drehbucheinfälle und verlässt sich siegessicher auf McAvoys sehr wahrscheinliche Improvisationskunst. So richtig vorgeben lässt sich eine Rolle wie diese ohnehin nicht. Und es ist in jenem Maße faszinierend, wie kuriose Anomalien des menschlichen Körpers oder Geistes eben faszinierend sind. Im letzten Jahrhundert wäre einer wie Kevin mit all seiner Horde, wie er sie nennt, noch ein Fall für den Jahrmarkt gewesen. Oder ein isoliertes Subjekt wissenschaftlicher Beobachtungen. Unterm Strich ist Split das durchaus mitleiderregende Drama einer ehemals geschundenen und nunmehr zerrissenen Kreatur, die sich mit jemanden wie Merrick, dem Elefantenmenschen oder dem Phantom der Oper ganz gut verstanden hätte.

Begonnen mit Unbreakable – Unzerbrechlich, wird M. Night Shyamalan mit Glass seine ganz persönliche X-Men-Trilogie auf eine Weise abschließen, die nochmals ganz andere Facetten zutage fördert.

Split

The Witch

INS BOCKSHORN GEJAGT

8/10


thewitch© 2015 Universal Pictures International Germany


LAND / JAHR: USA, KANADA 2015

BUCH / REGIE: ROBERT EGGERS

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, RALPH INESON, KATE DICKIE, HARVEY SCRIMSHAW, ELLIE GRAINGER, LUCAS DAWSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Hättet ihr gewusst, dass Neuwelthexen zwecks Levitation ihre Besen mit dem Blut ungetaufter Babys besudeln? Nach dieser ernüchternden Erkenntnis wäre Harry Potters Nimbus 2000 wohl ein Fall für den Konsumentenschutz. Und auch bei Ottfried Preußlers kleinen Hexe fragt man sich dann schon, was genau hinter dem irrlichternden Waldeszauber wohl stecken mag. Wird schwierig, all diese historischen Quellen zu sondieren. Vieles vermengt sich zu schwer aufdröselbaren Mythen, die vor allem unsere schon von Kindestagen an nicht mehr wegzudenkenden Gebrüder Grimm in militant-moralische Märchen verpackt hatten. Ich sage nur: Kinder allein im Wald oder der Apfel, der Schneewittchen im Halse stecken bleibt. Den Grimms dürfte da einiges zu Ohren gekommen sein. Auf jeden Fall aber so einige Erzählungen aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert von jenseits des Atlantiks – auf der anderen, wilden Seite eines gerade mal seit einem guten Jahrhundert bekannten Kontinents, auf welchem ganz andere Dämonen fröhliche Urstände feiern als hier in der alten Welt. Oder aber: die Dämonen haben mit der Mayflower den Sprung ans neue Festland geschafft. Dem Teufel sei da womöglich gedankt – und all den puritanischen Separatisten, die als selbsternannte Heilige weitestgehend als Pilgerväter in die amerikanische Geschichte eingegangen sind. Denn ohne den Angstfaktor Antichrist lässt sich das Fromme wohl kaum besser definieren. By the way: Wie war das nochmal mit den selbsterfüllenden Prophezeiungen? Oder dem Beelzebuben, den man an die Wand malen kann? In Robert Eggers metaphysischem Historiendrama wird die Furcht vor dem Unbekannten zu einer mythischen Abhandlung über die finsteren Komponenten einer rätselhaften Natur, die sich keinem Fanatismus unterordnen möchte.

Oder aber, anders gefragt: Was wäre, wenn all diese albtraumfördernden Erzählungen selbsternannter Zeugen tatsächlich wahr gewesen wären? Was, wenn wir uns sowieso alle täuschen, und Hexen gibt es wirklich? Fragen wir doch die Filmgruppe, die in Blair Witch das Fürchten gelehrt bekam. Mit den Hexen von Eastwick, den Girlies aus Charmed oder überhaupt mit den Schülerinnen aus Hogwarts hat das Ganze nichts mehr zu tun. Diese archaische, dunkle Magie, die in The Witch schnöde Heimsuchung betreibt, scheint tausende Jahre vor so jemandem wie Bellatrix Lestrange oder Willow aus Buffy praktiziert worden zu sein. Und so nah, wie Robert Eggers den volkstümlichen Märchen kommt, so inhärent ist auch in dieser Aussteigerfamilie das Böse von Anfang an. Zu bemerken ist dies vorerst jedoch nicht. Auf einer Lichtung im Wald beginnt eine strenggläubige Familie, nachdem diese der Kolonie den Rücken gekehrt hat, ein neues Leben, mit ihren fünf Kindern und einigen Ziegen und Hühnern. Doch das Schicksal meint es gar nicht gut: der jüngste Spross verschwindet auf unerklärliche Weise, der Mais verfault und die Nahrung wird knapp. Frust senkt sich über den Hof – und schwelt wie ein Wundbrand, als sich der Sohnemann im Wald verirrt und die älteste Tochter der Hexerei bezichtigt wird.

Wir kennen das aus Arthur Millers grandiosem Theaterstück Hexenjagd: Es folgt das Tribunal, die Hexe muss gestehen und wird verbrannt, nachdem ausgiebige Folter das entsprechende Geständnis erwirkt hat. Nicht aber bei Robert Eggers. Sein Hexenfilm ist wohl das Erwachsenste, was es in dieser Genre-Nische zu holen gibt. Haneke würde einen solchen Film ähnlich inszenieren. Denn Eggers findet in die Kunst der Reduktion und der indirekten Darstellung des Bedrohlichen wie ein Spurensucher zum erlegten Wild. Wie schon in Der Leuchtturm besticht The Witch durch seine Adaption der Optik alter Originalgrafiken und Fotografien – in einer Art Schwarzen Romantik zwischen Goya und Johann Heinrich Füssli (Nachtmahr) ruht Eggers Stil. Beeindruckend dabei: die sorgfältige Handhabung nuancierter, ikonographischer Schreckensbilder, die aus dem Zwielicht des Waldes oder einer vielgestaltigen Dunkelheit heraustreten.

The Witch ist kein Horror der üblichen Sorte, sondern versteckt sich und bleibt verlockend, aber selten invasiv. Die Psychologie hinter Eggers aufgeräumtem Hexensabbat ist die der eigenen menschlichen Unzulänglichkeit, den Horizont zu erweitern, um dem Unerklärlichen standhalten zu können.

The Witch

Titane

LIEBE GEHT DURCH DEN WAGEN

7,5/10


titane© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2021

BUCH / REGIE: JULIA DUCOURNAU

CAST: AGATHE ROUSSELLE, VINCENT LINDON, GARANCE MARILLIER, LAÏS SALAMEH, BERTRAND BONELLO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Im niederösterreichischen Krems konnte man diesen Sommer im Rahmen einer bemerkenswerten Ausstellung über Patricia Piccinini Mutationen aus Mensch, Tier und anorganischen Elementen begegnen. In einem Raum widmete die australische Künstlerin ihr Werk der Hybris zwischen Mensch und Automobil. Seltsame Wesen aus Fleisch und Karosserie, kaum mehr als Organismus erkennbar. Dennoch schienen sie zu atmen.

Wer die Idee hinter Piccininis Werk verstehen kann, dürfte auch einiges mit dem diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme von Cannes anfangen können: Titane von Julia Ducournau. Doch selbst dann, wenn der Zugang und das Verständnis für das Abnorme gegeben wäre, wird dieser Film sein überschaubares Zielpublikum längst nicht durch die Bank begeistern. Gefallen wird Titane vermutlich niemanden. Aber faszinieren. Zugegeben: mich hat er fasziniert. Und ja, ich konnte mich für dieses bizarre Werk, das im Grunde seines Wesens mit nichts anderem herumexperimentiert als mit dem Mythos von Frankensteins Monster, zu meinem eigenen Erstaunen ganz gut erwärmen.

Wie schon in Ducournaus vorherigem Werk Raw steht auch hier eine junge Frau im Zentrum, die nicht der Norm entsprechen und daher freilich auch ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden kann. Warum sie das nicht tut, liegt an einem Autounfall aus Kindertagen, der dazu führte, dass Alexia eine Titanplatte im Kopf herumträgt. Seit diesem Zeitpunkt fühlt sie sich zu fahrbaren Untersätzen auf seltsame Weise hingezogen. Gut, jedem sein Fetisch, doch Alexia hat eigentlich ein ganz anderes Problem: sie mordet all jene, mit denen sie auf die eine oder andere Weise in sexuellen Kontakt gerät. Von der Polizei gesucht, taucht sie unter – und schafft es, die Identität eines Jungen anzunehmen, der seit vielen Jahren von seinem Vater, einem Feuerwehrhauptmann, vermisst wird. Und es kommt noch dicker: Denn nach dem Geschlechtsakt mit einem Auto (ja, ihr habt richtig gelesen) ist Alexia obendrein noch schwanger – und kann diesen Umstand bald nicht mehr verbergen.

In Anbetracht dieser anderen Umstände erscheint David Cronenbergs Crash geradezu hausbacken. Soweit ich mich erinnern kann, holen dort Holly Hunter und James Spader ihren sexuellen Kick bei Belastung der Knautschzone. In Titane wird der Partner einfach durch die Maschine selbst ersetzt. Ganz klar geht es aber vorrangig nicht darum. Sondern um den Zustand, als missgestaltetes Wesen in einer Welt aus Ablehnung und Erniedrigung Nähe zu finden. Diesen Zustand des Aufbäumens setzt Ducournau in drastische Bilder um, die mit Gewaltspitzen irritieren und physische Entstellung mit gebannten Blicken voller Abscheu betrachten. In Raw war es das Heranreifen vom Mädchen zur Frau. In Titane ist es der Prozess der Schwangerschaft. Mit beiden scheint Dacournau zu hadern, und sicher nicht von ungefähr ist das Automobil die Metapher einer brutalen Welt voller Ecken und Kanten, die eine Fusion mit der menschlichen Physis verlangt, um weiteren Verletzungen zu entgehen. Titane scheint ein sehr persönlicher, Vieles verarbeitender Film zu sein, der einer akuten Furcht vor körperlichen Handicaps entgegentreten muss.

Titane ist überdies eine Suche nach Identitäten, die bereits schon bei der Bestimmung der eigenen Spezies mehrere Antworten entdeckt. Durch die Titanplatte im Kopf beginnt Alexia, zu einer anderen Art zu transformieren. Die nichtbinäre Autorin, Fotografin und Schauspielerin Agathe Rousselle verkörpert diese oscarverdächtige Rolle und auch diesen Weg der Erkenntnis mit schmerzlicher Opferbereitschaft, mit Zärtlichkeit und psychopathischer Brutalität. Erinnerungen an Hilary Swanks Spiel in Boys Don’t Cry werden dabei wach, nur ist es hier um einiges monströser. Vincent Lindon als kaputte Vaterfigur brilliert ebenfalls und belastet in seinem Schmerz die Grenze des Erträglichen.  

Das schonungslose Drama wird vielen nicht gefallen. Titane ist abstoßend, schwer nachvollziehbar und extrem körperlich. Andererseits aber auch ästhetisch, mitreißend impulsiv und regelrecht spürbar. Bereit für diese filmische Grenzerfahrung kann man aber niemals sein. Für abenteuerliche Kinogänger, die Piccininis Arbeit mit Verständnis begegnen würden, ist es ein lohnenswerter Trip in die mit Wut hingeworfene Vision einer neuer Ordnung. Wer oder was man selbst ist, scheint darin nicht mehr wichtig. Die Nähe zu wem auch immer ist das, was in einer Welt der Einzelgänger zum seltenen Gut wird.

Titane

Raw

AUF DEN GESCHMACK GEKOMMEN

6/10


raw© 2016 Wild Bunch


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2016

BUCH / REGIE: JULIA DUCOURNAU

CAST: GARANCE MARILLIER, ELLA RUMPF, RABAH NAÏT OUFELLA, LAURENT LUCAS, JOANA PREISS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Das diesjährige Filmfest von Cannes stand ganz im Zeichen einer extravaganten Filmemacherin, die mit ihrer – was man so gehört hat – erschreckend infernalischen Kühlerhauben-Liaison Titane die Goldene Palme gewonnen hat. Bevor dieser gesichtet werden kann, musste ich mal abklären, in welche Richtung Julia Ducournau denn so pilgert. Und ob mir ihr Stil prinzipiell gefällt. Dafür eignet sich das 2016 erschienene Coming of Age-Drama Raw, das fälschlicherweise als übelkeiterregendes Unding vermarktet wurde. Das eine oder andere Vorkommnis, bei welchem sensible Mägen so mancher Zuseher in Mitleidenschaft gezogen wurden, trug natürlich dazu bei. Aber Hand aufs rohe Herz: da gibt‘s ganz andere Kaliber, die noch viel ekelhafter sind. Einer Studentin dabei zuzusehen, wie sie voller Genuss einen menschlichen Finger abnagt, ist zwar ein bisschen weltfremd und gegen die eigene Esskultur, jedoch auf so verschmitzte Art dargestellt, das es maximal zum Kuriosum reicht. Denn Ducournau, die hat in ihrem Soft-Horror wirklich nicht im Sinn, frei von Ironie für ihre entdeckerfreudige Protagonistin zu bleiben.

Die von Garance Marillier wirklich einnehmend und mit viel Herz- und anderem Blut verkörperte 16jährige Studentin namens Justine, Zeit ihres Lebens Vegetarierin, muss sich als Studienanfängerin einer einwöchigen Initiation an der Vet-Uni unterziehen, die damit beginnt, dass alle Kandidaten rohe Hasennieren essen müssen. (Gegen Dummheit hilft nicht mal so ein komplexes Studium wie Veterinärmedizin, aber na gut.) Justine muss also mit dem Strom schwimmen, schluckt das Teil runter und fängt sich kurzerhand einen ordentlichen Ausschlag ein, der nur der Anfang für eine impulsive Gier für alles Fleischliche markiert. Das ist in erster Linie wohl eher die Lust am Verzehr roher Bruststücke aus dem Kühlschrank und später dann auch die Lust am Kannibalismus. Justine weiß nicht, wie ihr geschieht, weiß nur, dass sie ohne Fleisch wohl künftig nicht mehr gut leben wird können. Ein Schicksal, dass ihrer älteren Schwester und Mitstudentin Alexia (Ella Rumpf, bekannt aus Marvins Krens Serie Freud) irgendwie bekannt vorkommt.

Raw (im französischen Original Grave, was soviel bedeutet wie brutal) ist wahrlich kein Horrorfilm im klassischen Sinn, sondern sympathisiert viel mehr mit den subtilen Herangehensweisen aus dem hohen Norden. Beispiele dafür: So finster die Nacht oder When Animals Dream. Beides Filme, die sich ebenfalls mit dem Wandel vom Mädchen zur Frau beschäftigen und diesen Umstand in einen fantastischen Mystery-Kontext stellen. Dacournou behandelt das Thema einerseits subtil, andererseits aber symbolisiert sie recht plakativ die unbändige Kraft weiblicher Triebe mit widernatürlichem Verhalten, welches mittelalterliche Frömmigkeit zu unheilvoll heilsamem Exorzismus genötigt hätte. Ist die Weiblichkeit immer noch so ein Rätsel? Natürlich nicht, doch ist die Zeit immer noch eine, die sich mit grotesken Ritualen abgibt und eine schaulustige Partygesellschaft als einziges Publikum zur körperlichen Selbstfindung einlädt.

Ducournaus feministischer Film hat Witz, ist kurzweilig und setzt seine niemals zum Selbstzweck verkommenden, blutigen Momente wohldosiert an die richtigen Stellen. Mit dieser klugen Komposition und einem zweckmäßigen Horror bringt sie die Handlung stets voran, kreist gerne und ausgiebig um ihre beiden Darstellerinnen und setzt dabei eine nicht weniger geschickte Schlusspointe. Man kann vieles in Raw hineininterpretieren, was fast schon beliebig wirkt. Letzten Endes aber ist es nicht mehr und nicht weniger ein Film über Mythen und Mysterien der weiblichen Adoleszenz.

Raw

Spring – Love Is a Monster

DER SCHÖNE UND DAS BIEST

7,5/10


spring_loveisamonster© 2014 Koch Media


LAND / JAHR: USA 2014

REGIE: JUSTIN BENSON, AARON MOORHEAD

BUCH: JUSTIN BENSON

CAST: LOU TAYLOR PUCCI, NADIA HILKER, FRANCESCO CARNELUTTI, JEREMY GARDNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Die Herren Justin Benson und Aaron Moorhead sollte man sich merken. Wenn man phantastische Filme mag, die abseits von teurem Mainstream verlockend gedankenakrobatische Geschichten erzählen. Da wäre der vor kurzem erschienene Zeitreisethriller Synchronic mit Anthony Mackie und Jamie Dornan: Eine düstere Hommage an Zurück in die Zukunft und wie man mit dem Mysterium Zeit eigentlich sonst noch so umgehen kann. Um dafür eine Droge zu entwickeln – diese Idee lief mir noch nicht über den Screen. Busenfreund Jeremy Gardner hat sich des weiteren vom Stil der beiden kreativen Köpfe inspirieren lassen und mit dem kauzigen Grusel-Kammerspiel After Midnight romantische Partnerschaften und alles was dazugehört auf ein irritierendes, atmosphärisches Level gehoben. Selbstredend haben Benson und Moorhead diesen Streifen produziert – so deutlich und klar trägt After Midnight jenen stilistischen Stempel, der nun auch deutlich vom etwas anderen Liebesfilm Spring – Love is a Monster abzulesen ist. Alle zehn Finger könnten sich Kuratoren diversester Themenfestivals ablecken, um ein Gustostückchen wie dieses zu bekommen.

Der 2014 entstandene Film erzählt im Grunde eine zeitgenössische Liebesgeschichte mit ganz vielen Dialogen, wie wir das bereits von Richard Linklater kennen. Zwei Reisende treffen sich irgendwo in einer für beide fremden Stadt, kommen durch Zufall zusammen, schwafeln den ganzen Abend und die ganze Nacht, lernen sich kennen. Über allem schwebt die Stimmung des herannahenden Frühlings: es ist, als würde sich ein ratloses Leben in neue Bahnen lenken, als würde man finden, was man lange gesucht hat. So ist es doch Julie Delpy und Ethan Hawke ergangen. Zwei Fortsetzungen gab´s, eine besser als die andere. Wenn’s funkt, dann funkt’s. Spring ist auch tatsächlich so, als hätte Linklater Pate gestanden. Zumindest anfangs. Dann fügen Benson und Moorhead aber noch eine anderen Zutat hinzu – ein gewichtiges, geschmacksintensives Mystery-Element. Die Mixtur mundet.

Der Single Evan, joblos und seiner verstorbenen Mutter nachtrauernd, muss dringend sein Leben evaluieren. Was eignet sich dafür nicht besser als eine Auszeit auf ganz anderen Breitengraden, am Besten jenseits des Atlantiks in Europa, in Bella Italia. Als Rucksacktourist streunt er mal mit Anhang, mal solo, durch Stadt und Land – und landet schließlich irgendwo in Apulien. Klar, dass er dort der Liebe auf den ersten Blick begegnet. Und auch die aparte Dame in Rot scheint den Blick zu erwidern. Evan weiß, was er tun muss – er nimmt den Job als Knecht bei einem alten Olivenbauern an, um der geheimnisvollen Frau nahe sein zu können. Aus dieser Begegnung muss mehr werden. Und das wird es auch. Man quatscht, man trinkt, man küsst und liebt sich. Die Chemie stimmt. Die Biologie wohl weniger. Ein Geheimnis, das rosige Zukunftsaussichten für etwas Festes im Keim ersticken könnte.

Wie bei Benson und Moorhead üblich, bleiben die kredenzten Bilder entsättigt und mit zartem Sepiafilter verfremdet. Das alleine erzeugt schon eine ganz eigene Stimmung, wie nicht von dieser Welt. Das Artfremde, Entsetzliche, kommt auf leisen Sohlen, will gar nicht mal erschrecken oder verstören. Es ist Teil einer obskuren Evolution, eine metaphysische Anomalie, die sich gar wissenschaftlich verankert sehen will. Wie bei Synchronic ist auch hier das Durchstoßen universitärer Lehren auf verblüffende Art ein glaubhaft anmutender Umstand. Noch dazu verknüpfen sich geschichtsträchtige Orte wie Pompeij oder der Vesuv mit der erstaunlichen Beschaffenheit einer anomalischen jungen Frau zu einer faszinierenden Legende, die Phänomene wie diese als immer schon mit dieser Welt inhärent betrachtet. Nadia Hilker (u. a. The Walking Dead) und Lou Taylor Pucci (u. a. Evil Dead, 2013) sind ein Traumpaar, fast wie Delpy und Hawke, da gibt´s nichts, was nicht zu glauben wäre. Demnach ist Spring – Love Is a Monster eine sinnliche Romanze, ein aufgeweckter Liebesfilm mit einem triftigen Quäntchen an Monstrosität, ganz so wie es Belle in Die Schöne und das Biest aushalten muss, um ihrer Liebe nahe zu sein. Benson und Moorhead ist ein augenzwinkerndes Horrormärchen gelungen, das, so möchte man meinen, aus den dunklen Kellern von Disneys Traumschloss hätte hervorgeholt werden können. Gut, dass sich ab und an einer dorthin runterwagt.

Spring – Love Is a Monster

Brightburn – Son of Darkness

IN DIE ECKE, SUPERMAN

6/10


brightburn© 2019 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: DAVID YAROVESKY

CAST: JACKSON A. DUNN, ELIZABETH BANKS, DAVID DENMAN, MATT L. JONES, MEREDITH HAGNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was für ein Jammer. Wir befinden uns hier weder im DC– noch im Marvel-Universum. Weit und breit gibt’s keine Superhelden, keinen Captain America und keinen Batman. Ein ernüchternder Umstand. Und insofern tragisch, da der einzige Knabe mit besonderen Fähigkeiten nichts Gutes im Schilde führt. Es ist, als wäre Superman ein wütender Vandale und als träfe dieser auf keine ernstzunehmenden Widersacher, die sein Potenzial auch nur irgendwie zügeln könnten. Was für Kräfte Clark Kent hat, ist uns allen bekannt. Es sind die einer Gottheit. Nichts kann ihn bremsen, niemand aufhalten. Er könnte alles um ihn herum vernichten. Er könnte ganze Sonnensysteme in sich zusammenfallen, die Erde in die Sonne stürzen lassen. Ich traue Superman sowieso nicht. Batman tat das eine Zeit lang auch nicht – in Dawn of Justice war sein Grummeln in der Magengegend durchaus berechtigt. Später, in Justice League, soll er dann nochmal den finsteren Blick bekommen. So eine Gratwanderung zwischen unbegrenzter Macht und humanitärem Gewissen bedarf einer gewissen Ausdauer. Und das Herz eines guten Wesens.

Der Junge in Brightburn – Son of Darkness scheint anfangs sein nichtmenschliches Herz noch am rechten Fleck zu haben. Mit einer Raumkapsel eines Nachts abgestürzt, war er als brabbelndes Baby geradewegs in die ausgebreiteten Arme eines kinderlosen Ehepaares gefallen. Jetzt, im präpubertären Alter von 12 Jahren, scheinen gewisse Kräfte in ihm zu erwachen. Nicht solche, die in der Kindesentwicklung üblich sind, sondern eben ähnliche wie die von Superman. Mit so viel Macht muss man mal umgehen können. Das kann so gut wie niemand. Mit dieser Kraft erhält der Junge allerdings auch seltsame Befehle von außerhalb. Und die gehen auf Kosten seines sozialen Umfelds.

Was passiert eben, wenn die Nummer 1 aller Superhelden plötzlich böse wird? Und niemand da ist, der ihn aufhalten kann? Das gute Zureden seiner Ziehmutter? Das Läutern seines Gewissens? Die Suche nach so etwas Ähnlichem wie Kryptonit? Der von James Gunn (Guardians of the Galaxy, Super – Shut up, Crime!) produzierte Science-Fiction-Horror macht es sich mit seiner Antwort auf diese Fragen relativ leicht. Und klar – man braucht da gar nicht viel drum rum reden. Die Aussichten sind blutig, hundsgemein, bedrohlich und erschreckend. Mit so einer Gabe bleibt einem Dreikäsehoch wie diesen gar nichts anders übrig, als nur Schaden anzurichten, allein aus einem impulsiven kindlichen Verhalten heraus, angesichts dessen erlernte Erziehungswerte gnadenlos abstinken. Einmal damit angefangen, gibt’s kein Aufhören mehr. Und das ist es, was Brightburn erzählt: ein recht straightes Coming of Age-Grauen, das allerdings stellenweise mehr Familiendrama als Slasher ist, und das so seine Phasen durchmacht – von der dargestellten Bandbreite kreativer Tötungsmethoden bis hin zu den leisen Selbstzweifeln einer nichtmenschlichen und gleichermaßen erschreckend menschlichen Kreatur. Interessant dabei ist die klar erkennbare Metaebene: Brightburn hat ganz offensichtlich vor, die Sorgen und Ängste der Elternschaft ob der Entfremdung und Abnabelung ihres Nachwuchses in einen Worst Case-Alptraum zu konvertieren. Im Gegenzug ist das Entdecken der eigenen Stärken und das Erstarken eines kolossalen Ich-Bewusstseins der posttraumatische Folgetraum. Alles in allem bleibt David Yaroveskys kleiner, kerniger und letzten Endes gnadenloser Reißer die Visualisierung einer aus biologischer Sicht determinierten Ohnmacht.

Brightburn – Son of Darkness

Maggie

REQUIEM FÜR EINEN ZOMBIE

5/10


maggie© 2015 Splendid Film


LAND / JAHR: USA, SCHWEIZ 2015

REGIE: HENRY HOBSON

CAST: ABIGAIL BRESLIN, ARNOLD SCHWARZENEGGER, JOELY RICHARDSON, DOUGLAS M. GRIFFIN, J. D. EVERMORE, BRYCE ROMERO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Auch wenn die menschenfleischgierigen Untoten nicht gut für die Gesundheit der noch nicht Gebissenen sind und daher gerne als das Böse angesehen werden – im Grunde sind Zombies erbarmungswürdige, traurige Kreaturen, die, ihrem Willen beraubt, völlig wertfrei darauf warten, dass sie irgendwer einen Kopf kürzer macht. Um diese Traurigkeit, dieses Ausgeliefertsein, diesen schmerzlichen Prozess der Veränderung auch ein bisschen mehr hervorzukehren, wird im düsteren Drama Maggie eine Lanze für jene gebrochen, die mit ihrem Zombiedasein in absehbarer Zeit werden „leben“ müssen.

Ein solches Schicksal muss Abigail Breslin (u. a. Little Miss Sunshine) ausfassen, sehr zum Leidwesen von Papa Arnold Schwarzenegger, der in Zeiten der Pandemie seine gebissene Tochter um nichts in der Welt in Quarantäne stecken will. In Maggie bedeutet dies: zusammengepfercht mit anderen Zombies zu sein, die sich schlimmstenfalls gegenseitig als Frühstück betrachten. Also bleibt das Mädchen daheim und siecht dahin, bekommt den milchigen Blick und blutet schwarzes Blut. Währenddessen heißt es warten. Warten bis zum Ende.

Und ja, mehr ist in diesem Horrordrama eigentlich nicht los. Interessant dabei ist der im Film dargestellte, Wochenenddemonstranten wohl glücklich stimmende Umgang mit einem noch viel schrecklicheren Virus als Covid19. Abstand, Maske und sonstige Vorkehrungen sind keine vorhanden, anscheinend überträgt sich diese Krankheit nur durch beißen, also braucht’s das alles nicht. Das ist natürlich reichlich naiv, aber gut – eine Zombifizierung ist ja auch etwas Irreales. Umso realer ist die Düsternis in diesem Streifen, die sich von Minute zu Minute immer mehr siechend dahinschleppt. Die Bilder sind in entsättigte, graubraune Farben getaucht, schwer liegt der Score auf sowieso schon zementsackschweren Szenen, die den Verfall zelebrieren. Mittendrin ein völlig ratloser Arnold, der in seinem Leben beruflich sowieso schon alles, was nur möglich ist, erreicht hat, und nun auch mal schauspielerisch die ernstere Schiene erproben will. Später tut er das nochmal mit dem ebenso bleischweren Trauerdrama Aftermath. Mit Maggie zeigt er, wie sehr man ratlos herumstehen und herumsitzen kann, zwischendurch auch mal mit Nickerchen. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Da wirkt Abigail Breslin natürlich unterstützend – ihre Figur ist ebenso ratlos und voller Furcht, allerdings überzeugender. Doch es hilft alles nichts – Lethargische Erschöpfung und krassierende Symptome schreiten fröhlich voran. Das ist Nihilismus als ausharrendes, meditatives Familiendrama, das wenig mehr weckt als ein ungutes Gefühl. Oder: ein Film wie ein verfaulender Organismus – nur drumherum Menschen, händehaltend im Kreis, die einander und sich selbst nicht verlieren wollen.

Maggie

Train to Busan

WEGEN ERKRANKUNG EINES FAHRGASTES …

7,5/10

 

train_to_busan© 2016 Splendid

 

LAND: SÜDKOREA 2016

REGIE: YEON SANG-HO 

MIT GONG YOO, KIM SOO-AN, YUMI JUNG U. A.

 

Wenn Chris Lohner, die Stimme der Österreichischen Bundesbahnen, nur mehr schwer zu verstehen ist, die Schnellbahn an geplanten Stationen nicht mehr hält und Fahrgäste wie vom wilden Affen gebissen gezielt in eine Richtung strömen, dann hat das weniger etwas mit defekten Türen zu tun, sondern vielmehr mit einer Zombie-Epidemie. Meist erklingt dann noch die Meldung, dass den unregelmäßigen Zugsfolgen die Erkrankung eines Fahrgastes zugrunde liegt. Das ist natürlich ein ausschweifender Euphemismus. Was heißt ein Fahrgast – viele! Außerdem: Seuchen wie diese hier im koreanischen Katastrophenhorror breiten sich rasend schnell aus. Da braucht ein Besessener nur mit dem langen Fingernagel zu kratzen – schon verfällt der nächste Mensch dem Wahnsinn. Wobei so ein Szenario im Kino ausgetretenen Pfaden folgt. Zombie-Filme wiederholen sich. Längst sind es keine Friedhofsflüchtlinge mehr, sondern anlässlich biochemischer Experimentierfreudigkeit in den hochfinanzierten Laboren dieser Welt darf der tumbe Untote nun als Opfer nachhaltiger Fehlzündungen fungieren. Die Symptome sind meist dieselben – milchige Augen, dunkle Adern, unstillbare Gier nicht mal nach Blut, sondern viel mehr danach, den Nächstbesten zu beißen. Das zeugt von einem intelligenten, aggressiven Biostoff, der den Menschen als Wirt benutzt, um sich auszubreiten.

Auch nichts Neues, das habe ich unlängst ebenso in dem Netflix-Zombiedrama Cargo gesehen. Da streunt Martin Freeman mit Tochter im Schlepptau durch den Busch. Der Südkoreaner Yeon Sang-ho setzt seine Protagonisten ebenfalls in Bewegung, allerdings setzt er sie in einen Zug von Seoul nach Busan. Kurz vor der Abfahrt aus der Hauptstadt torkelt ein infiziertes Mädchen in eine der Waggons – und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Ein Zombie-Szenario in die Enge eines Zuges zu verfrachten – das hat was. Und Sang-ho nimmt sich der Neuordnung des Szenarios in blutdrucksteigerndem Timing dankbar an. Dabei erinnert Train to Busan an Marc Forster´s Film-Pandemie World War Z und könnte sogar zur selben Zeit im selben Universum spielen. Da ich die Vorlage zum Film mit Brad Pitt nicht kenne, kann ich getrost sagen, dass mir die verfilmte Chronik der Apokalypse ziemlich gut gefallen hat. Vor allem deswegen, weil World War Z genauso wie Train to Busan sich nur mehr bedingt auf den plakativen Effekt blutverschmierten Zähnefletschens verlässt. Vielmehr ist der koreanische Film großes, emotionales Kino, gleichzeitig natürlich auch ein Nägelbeißer von einem Thriller, weil sich Papa Seok-woo und Tochter Su-an immer wieder in scheinbar ausweglosen Situationen wiederfinden, gemeinsam mit anderen überlebenswilligen Individuen, die sich notgedrungen zusammenraufen müssen und von einer Sekunde auf die andere neu improvisieren müssen.

Das liebe ich am Kino Südkoreas – das es andere Sichtweisen auf altbekannte Genres zulässt, dass es Stile mixt und sich keinen vorgefertigten Dogmen unterwirft. Train to Busan ist sowohl fesselnd als auch unglaublich traurig. Die Melancholie des Abschieds, die Erkenntnis, gebissen und verdammt worden zu sein, die instinktgesteuerte Leere der verlorenen Kreaturen – all diese Wehmut vor dem Untergang entfesselt ein berührendes, spannendes Drama weit jenseits des nackten Horrors. Als würde der Zug, dem man verzweifelt hinterherläuft, auf ewig der letzte sein.

Train to Busan