Infidel

DIE STURHEIT DER ALLWISSENDEN

5/10


infidel© 2021 Kinostar


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE / PRODUKTION: CYRUS NOWRASTEH

CAST: JIM CAVIEZEL, CLAUDIA KARVAN, HAL OZSAN, STELIO SAVANTE, BIJAN DANESHMAND, ISABELLE ADRIANI U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Offen seine eigene Meinung zu sagen, das ist schon eine Freiheit, für die es sich zu kämpfen lohnt. Offen den eigenen Glauben zu bekennen: warum nicht? Auch das ist gelebter Liberalismus, in manchen Ländern mehr, in manchen weniger, in wenigen gar nicht. In Ländern, in denen es weniger bis gar nicht geht, verleitet das natürlich zur Provokation, sofern man tough genug ist, die eigene Verschleppung, Kasernierung oder gar Hinrichtung in Kauf zu nehmen. Vielleicht ist das ja für einen guten Zweck, und Märtyrer sind ja schließlich seit Jesus von Nazareth Trendsetter, wenn es heißt, sich selbst bis über den Tod hinaus treu zu bleiben. Aus der Geschichte lässt sich lernen, das sowas funktioniert. Also probiert es Jim Caviezel, diesmal nicht in Sandalen, sondern im schicken Anzug und noch dazu in der Gegenwart, im muslimischen Kairo. Kompliziert wird’s dann, wenn ein Pamphlet für freies Denken mit dem Ziel, ganze Kulturkreise zu missionieren, verwechselt wird.

Dem US-Journalisten Doug Rawlins passiert das. Er verwechselt Diplomatie mit Kompromittierung und stößt im Rahmen eines Fernsehinterviews in Ägypten die muslimische Gemeinde vor den Kopf. Die Kunst der Rhetorik will gelernt sein, und man könnte davon ausgehen, Rawlins würde diese beherrschen. Dem ist aber nicht so. Er macht unmissverständlich klar, dass nur der christliche Glaube der einzig wahre sei. Feingefühl lässt sich woanders verorten. Folglich wird dem eitlen Gecken schon bald ein schwarzer Sack über den Kopf gestülpt, der Sitzplatz im Flieger zurück in die vereinigten Staaten bleibt leer. Natürlich spielen da auch noch ganz andere Faktoren mit, denn ein heikles Missverständnis zwischen Rawles und einem muslimischen Geschäftskollegen war einige Zeit vorher aus dem Ruder gelaufen. Entführt, gefoltert und eingesperrt, muss Jim Caviezel nun um seinen Lebensabend bangen, während Ehefrau Liz sämtliche Hebel in Bewegung setzt, um auf eigene Faust ihren Mann zu finden und freizubekommen.

Der christliche Glaube als einzig wahre Religion: Cyrus Nowrastehs Politdrama Infidel zweifelt nicht an seiner überlegenen Gottesgläubigkeit und legitimiert ungefragtes missionarisches Handeln. Selbstredend darf Jim Caviezel nach Die Passion Christi wieder in die Rolle eines neues Messias schlüpfen, der für das Heil der Welt dem Tod ohne weiteres ins Gesicht sieht. Seine Rolle ist die eines predigenden Jesus sehr ähnlich, nur statt auf Bergen oder öffentlichen Plätzen offenbart der von ihm dargestellte Journalist seine Weisheiten per Blog – bis eben das Fernsehen ruft, und er dort schließlich nicht anders kann, als zu seinem Glauben zu stehen. Das hausgemachte Dilemma schmeckt dann auch nicht so richtig. Und wenn, dann nach zu offensichtlicher Anbiederung an ein obsoletes Märtyrertum. Caviezel legt seine Figur viel zu gelassen an, auch dirigiert Nowrasteh, der mit dem Heiland-Biopic Der junge Messias so ziemlich durchfiel, seinen Befreiungssthriller zwar zügig und kaum langweilig, dafür aber recht routiniert und angesichts der Motive der einzelnen Figuren relativ einseitig.

Infidel

Das Wunder von Fatima

GLAUBEN, WAS MAN NICHT SIEHT

6/10


wundervonfatima© 2021 capelight pictures


LAND / JAHR: USA, PORTUGAL 2020

REGIE: MARCO PONTECORVO

CAST: STEPHANIE GIL, ALEJANDRA HOWARD, JORGE LAMELAS, SÔNIA BRAGA, HARVEY KEITEL, JOAQUIM DE ALMEIDA, JOANA RIBEIRO, GORAN VIŠNJIĆ U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Ich frage mich, woher die katholische Kirche ihr Wissen hernimmt, um Wunder als solche deklarieren zu können. Da gibt es vielleicht einige Parameter, die wie bei einem Multiple-Joice-Test angekreuzt werden oder nicht – das Ergebnis entspricht einem der drei Einstufungen, die da wären: Es steht fest, dass es sich um Übernatürliches handelt, es steht fest, dass es das nicht tut, oder man weiß es nicht. Bei den Marienerscheinungen von Fatima Anfang des 20. Jahrhunderts sind die Geistlichkeiten wohl zu dem Schluss gelangt, dass hier weit mehr als nur physikalische Phänomene mit im Spiel waren. Danke all den Physikern und Sozialpsychologen an dieser Stelle, die hier (vielleicht) mitgewirkt haben.

Genau genommen waren es drei Hirtenkinder, zwei Mädchen und ein Junge – der die Mutter Gottes allerdings nur sehen, aber nicht hören konnte. Alle drei sind einer strahlend schönen Frau in strahlendem Gewand begegnet, die den drei völlig vor den Kopf Gestoßenen drei Geheimnisse offenbart hat. Zwei wurden ehebaldigst bekannt gemacht, die dritte durfte Kardinal Ratzinger erst im Jahr 2000 öffnen. Interessant dabei ist, dass bei allen drei Visionen Hölle und Verderben eine wichtige Rolle spielen – da erscheint die Offenbarung des Johannes geradezu wie eine Gutenachtgeschichte. Abgesehen davon, dass die Psyche der Kinder natürlich auch an Schreckensbildnissen reifen kann, dies aber bei Gott nicht sein muss. Maria, so wie ich sie mir vorstelle, würde anders aussehen, und auch weniger Getöse verkünden, aber das ist nur meine Meinung, die in einem Film wie diesen sehr wohl über Gefallen oder Nichtgefallen entscheiden kann. Glaubens- und Religionsfilme sind immer so eine Sache. Bei Martin Scorsese oder Mel Gibson ist das eine Frage der Interpretation eines Stoffes, der unter Gläubigen zum Dogma gehört. Bei Das Wunder von Fatima gibt es hingegen gar keinen künstlerischen Interpretationsspielraum, den man mögen könnte oder nicht.

Denn Marco Pontecorvo, sonst eigentlich Kameramann unter anderem auch bei Game of Thrones, hat zum Wunder von Fatima wohl nicht wirklich eine eigene Meinung – zumindest tut er diese hier nicht kund. Sein christlicher Historienfilm gerät zum pittoresken Bilderbuch und zeigt, was laut Kirche damals passiert sein soll. Dabei unterstützt er unbewusst auch jene, die fest davon überzeugt sind, dass die Heilige Jungfrau Maria tatsächlich erschienen ist. Wir wissen bereits aus der Bibel: Kinder sind stets diejenigen, die den direktesten Draht zu all dem Metaphysischen haben, dass kirchlich geerdet ist. Allerdings irritiert die fromme Positionierung Marias unter die deutungssicheren Dogmen der Kirche. Demnach müsste der Katholizismus von jeher alles richtig gemacht haben. Dieses Alleinstellungsmerkmal kann so nicht sein – auch, weil die drei Hirtenkinder im Kontext gesehen nichts anderes wiedergeben als das in der Glaubenskultur bereits Gelehrte. Harvey Keitel, der als skeptischer Journalist die einzige Überlebende der drei Kinder, nämlich Lúcia dos Santos, aufsucht, um ihr innerhalb der Rahmenhandlung des Films durchaus kritische Fragen zu stellen, zieht nicht von ungefähr den Vergleich zum Stigmata-Problem, welche die Wunden einer Kreuzigung ganz falsch platziert sieht. Vielmehr orientiert sich dieses Wunder – wie das von Fatima – an sakraler Volkskultur.

Für den frommen Religionsunterricht oder Bibelrunden eignet sich Das Wunder von Fatima optimal – weil es abbildet, was geschehen sein könnte, und die Meinung dann jenen überlässt, die den Film gesehen haben. Denn umso weniger Pontecorvo Stellung bezieht, umso mehr reizt die Chronik der Ereignisse zur hitzigen Diskussion. Im Zuge dessen wäre es wohl spannender gewesen, den heiligen Superstar nur indirekt in Erscheinung treten zu lassen.

Das Wunder von Fatima

First Reformed

MÄRTYRER VON HEUTE

6/10


first_reformed© 2017 A24


LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: PAUL SCHRADER

CAST: ETHAN HAWKE, AMANDA SEYFRIED, MICHAEL GASTON, VICTORIA HILL, PHILIP ETTINGER, CEDRIC THE ENTERTAINER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


So kann es einfach nicht weitergehen. Nicht auf diese Weise. Der Mensch an sich ist die Geißel seines eigenen Planeten, alles richtet er zugrunde. Verkommen bis ins Mark, egoistisch, fahrlässig. Angesichts dieser verheerenden Umstände haben sich Leute wie Travis Bickle aufgerafft, zumindest für eine Nacht ihren Harnisch anzulegen und gegen die Verdammnis zu kämpfen. Bickles Kampf ist in die Filmgeschichte eingegangen: Taxi Driver. Geschrieben hat diese finstere Großstadtballade Paul Schrader – die Zeitschrift cinema lieferte hier in einer ihrer letzten Ausgaben ein spannendes Making Of zum Film. Jahrzehnte später hat Schrader auch Regie geführt – und zwar nicht in einer Neuauflage seines Buches, sondern in einem ganz anderen, aber recht themenverwandten Film, der die Institution Kirche gleich mit ins Gebet nimmt.

First Reformed ist genauso wenig wie Taxi Driver ein Beitrag für entspanntes Entertainment, um mal die ganze deprimierende Weltlage um sich herum zu vergessen. First Reformed sichtet man, wenn man genau das nicht vergessen will, und vielleicht motiviert genug ist, sich zumindest aus dem Verhalten der Charaktere in diesem Film Inspiration zur Veränderung zu holen. Was kann ich also tun, um dieser prekären Lage Herr zu werden? Resignieren, den Kummer im Alkohol ertränken – oder rausgehen und kämpfen? Ethan Hawke als spät berufener Priester einer ganz speziellen Gemeinde im Osten der USA versucht sich in diesem wirklich wenig erbaulichen Werk an beidem. Und wer Ethan Hawke und sein Oeuvre kennt, wird wissen: der ehemalige Before Sunrise-Star stemmt natürlich auch diese Rolle mit grüblerischer Intensität.

Hawke verkörpert einen Geistlichen, wirkend in der touristisch nicht uninteressanten Sehenswürdigkeit von Kirche, die als erste reformierte der neuen Welt gilt. Besucher kommen und gehen, lassen sich vom Pastor durch die historischen Highlights führen. Zum Gottesdienst findet sich maximal eine Handvoll Betwilliger ein, der Glaube an eine übergeordnete Entität scheint von gestern zu sein. Zwischen diesen Gottesdiensten trauert der Mann um seinen im Krieg gefallenen Sohn, steht vor den Trümmern einer frühen Ehe und muss auch noch den recht deprimierenden Worten eines Umweltaktivisten lauschen, der die Hoffnung für schlichtweg alles längst aufgegeben hat. Die Folge ist: dieser jemand bringt sich um, zurück bleibt die Ehefrau (Amanda Seyfried) und ein ungeborenes Kind. Dieser Suizidfall lässt den Priester nicht mehr los, er geht den Auslösern dieser Tat nach – uns stößt auf vernichtende Fakten, welche die Sinnhaftigkeit seines Tuns als Seelsorger in Zweifel ziehen.

Paul Schrader filmt in strengem 4:3-Format, seine Bilder sind düster und schmucklos komponiert, drinnen wie draußen herrscht kalter, verregneter, ein in schmutzigen Farben getauchter Spätherbst. Die Zuversicht spielt in einem anderen Film, auch wenn zwischen Hawke und Seyfried so etwas wie der Versuch einer gegenseitigen Erbauung zu erahnen ist. Letzten Endes ist es fast schon katharischer, finsterer Haunted House-Nihilismus, der einen Ausweg aus allem verspricht, der aber genauso wenig zur Lage der Menschheit beitragen würde wie ein Suizid.

Taxi Driver hatte hier noch einen Funken ritterlichen Glaubens wie das märchenhafte Befreien einer zur Schlachtbank geführten Prinzessin – in First Reformed dreht Schrader mitunter den Spieß um. Der Zweck heiligt längst nicht mehr die Mittel. Die einzige Medizin bleibt die Liebe. Der Weg, den Schrader bis dorthin geht, führt allerdings durch den Dornwald. Umwege gibt’s keine.

First Reformed

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

MIT DER KIRCHE UMS KREUZ

7/10


petrunya© 2019 Pyramid Films


LAND: MAZEDONIEN, BELGIEN, KROATIEN, FRANKREICH, SLOWENIEN 2019

REGIE: TEONA STRUGAR MITEVSKA

CAST: ZORICA NUSHEVA, LABINA MITEVSKA, SIMEON MONI DAMEVSKI, SUAD BEGOVSKI, STEFAN VUJISIC U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Die Kirche, so viel ist klar, ist eine von Männern dominierte Institution. Sei es bei den Katholiken oder der osteuropäischen Orthodoxie. So lange in diesen Religionen Egalität kein Thema ist, so lange lässt sich insbesondere in strenggläubigen Ländern, die diese Religionen leben, enorme Defizite feststellen, was die Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft angeht. In Mazedonien ist letztere nicht viel mehr wert als vor hundert oder noch mehr Jahren. Gut, manche Frauen nehmen das hin, kennen es auch nicht anders. Warum also ändern, was ohnehin irgendwie funktioniert. Frau will ja schließlich nicht unbedingt die Macht des zumindest physisch Stärkeren spüren. Da stellt sich schon die Frage: wovor hat eigentlich Mann denn so eine Angst?

Zum Beispiel hat er die beim traditionellen Eistauchen zum Dreikönigstag. Die Angst vor dem kalten Wasser des Flusses, in dem alljährlich und als Teil einer unumstößlich festen Tradition ein Holzkreuz in die Fluten geworfen wird, damit einer der jungen, muskulösen, präpotenten Männer dem Kruzifix nachschwimmen und dieses bergen kann. Ganz zufällig allerdings mischt sich unsere Titelheldin Petrunya in das Geschehen. Die junge Frau, eine studierte Historikerin, ist arbeitslos, latent depressiv, steckt zurzeit in einer Phase des Stillstands. Da entscheidet sie ganz impulsiv, das Kreuz vor allen anderen Männern aus dem Wasser zu fischen. Was prinzipiell ihr gutes Recht wäre, denn nirgendwo steht, dass Frauen das nicht dürfen. Die sehr schnell aufgebrachten Machos, die toben und wüten und wollen Petrunya zwingen, den symbolischen Herrgott ihnen zu überlassen. Die aber flüchtet in die Obhut der örtlichen Polizei, um vom Mob sprichwörtlich nicht zerfleischt zu werden. Aus der emanzipatorischen Schnapsidee ohne viel Hintergedanken keimt ein fixes Vorhaben in Petrunya: dem Patriarchat zeigen, dass Gott vielleicht auch eine Frau sein könnte.

Das Kino Mazedoniens ist keines, das mit Pauken und Trompeten von sich aufmerksam macht. Es ist eines, das sich nur gelegentlich zu Wort meldet. Aber wenn es das tut, dann hat es auch etwas zu sagen. Das war schon bei Milčo Mančevskis oscarnominierten Epos Vor dem Regen so. Aber das ist lange her, 1994. Mit Gott existiert, ihr Name ist Petrunya gibt´s von dort endlich wieder ein deutliches, relevantes und wenig duckmäuserisches Lebenszeichen. Die Geschichte funktioniert als Religionssthriller genauso wie als Gesellschaftssatire, als Psychogramm einer obsoleten Gesinnung oder als beklemmendes Justiz- und Mediendrama. Zentrum des grotesken Geschehens ist eine unbeugsame Titelfigur, völlig hemmungslos, ungeniert und grundnatürlich dargeboten von Zorica Nusheva. Ihr Trotz ist genauso spürbar wie ihre Furcht vor dem Hass, der Traditionen herunterbetet, die lange schon nicht hinterfragt wurden. Ein Kammerspiel streckenweise, ein Kräftemessen an unterschiedlichen Fronten. Kirche, Staat, Justiz und das gemeine Volk, alle werden vorgeführt, wollen vorgeführt werden, weil sie rezitieren, worüber sie nicht nachdenken. Teona Strugar Mitevkas Film zeigt ein Mazedonien als verknöchertes, vorgestriges Land, das noch so viel aufzuholen hat, und wo nur wenige den Mut haben, Veränderungen beizuführen. Letztendlich geht es Petrunya nur ums Prinzip, um ein ganz klares, grundlegendes Recht. Wie sie sich dieses Recht erkämpft, ist aufreibend, gewitzt, geht voll auf Konfrontation und strahlt nur so vor klugen Pointen, die das starre Gestern dumm dastehen lassen.

Gott existiert, ihr Name ist Petrunya

Silence

DAS SCHEITERN DES GLAUBENS

8/10

 

silence© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MARTIN SCORSESE

MIT ANDREW GARFIELD, ADAM DRIVER, LIAM NEESON, CIARAN HINDS U. A.

 

Wir schreiben die erste Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Martin Luther und die Kirchenspaltung hat längst die Welt verändert. Der katholische Orden der Jesuiten hat nach den Eroberungsfeldzügen der Conquistadores in der neuen Welt alle Hände voll zu tun, ein heidnisches Volk nach dem anderen zum einzig wahren, christlichen Glauben zu bekehren. Und das nicht nur in Süd- und Mittelamerika, nein. Die Jesuiten, des Papstes militanteste Friedens- und Heilsbringer, auch der einzige Orden, der wirklich auszog, um das Evangelium in jedem auch nur so entferntesten Winkel zu verkünden, haben sich auch nach 1600 in Gegenden vorgewagt, in denen bereits Weltreligionen wie der Buddhismus längst Wurzeln schlagen konnten. Was für eine Anmaßung! Da wagen intellektuelle Jünger Christi tatsächlich, mit bescheidenen Mitteln dem Vermächtnis des Buddha auf die Pelle zu rücken. Bei vielen mag die zwar gewaltfreie, aber immer noch ziemlich beharrliche Penetranz der Jesuiten, die einzige Wahrheit auch ganz weit weg von Rom manifestiert zu wissen, auf Ablehnung stoßen. Das Missionieren an sich war für mich immer etwas, dass dem Glauben an Jesus Christus zu keiner freiwilligen Entscheidung werden lässt. Der Lehrauftrag irgendwo zwischen Manipulation und – überspitzt formuliert – Gehirnwäsche stellt den ursprünglichen Glauben ja in Abrede. Und da beginnt das Gegeneinander. Dennoch – jemandem von der Heilsbotschaft zu überzeugen, einfach nur durch Worte und Beispiele, damit wollten die Jesuiten ziemlich rechtschaffen und voller Menschlichkeit punkten. Damit wollten sie ihr Ziel erreichen. Aus voller Überzeugung, weil das Christentum die einzig wahre Religion darstellt.

Spätestens bei dem Dogma über das Leiden mit Gott, für Gott und durch Gott, spätestens bei der ohnehin unendlich komplexen Bedeutung des Todes Christi am Kreuz – geraten die Botschaften des Neuen Testaments in ein verfremdend flackerndes Licht. Diese Missinterpretation Jesu, dieses Entfernen der Botschaft des Messias, ist Teilaussage des authentischen Berichtes anno 1638 aus Japan, der vom Scheitern des Glaubens, von Apostasie und die Unschärfe der religiösen Wahrheit erzählt. Martin Scorsese, vielseitiger Filmemacher und Ikone des amerikanischen Filmes, hat schon mit der einzigartigen Verfilmung von Theodorakis´ Roman Die letzte Versuchung Christi und der Dalai Lama-Biografie Kundun gezeigt, dass sein Interesse nicht nur der kriminellen Unterwelt Amerikas gilt, sondern auch religiösen Themen aus Buddhismus und Christentum. Beide ihn faszinierenden Quellen der Weisheit hat Scorsese nun vereint – in einem Epos, das den Wert des Glaubens und die eigene geistliche Identität in seinen Grundfesten erschüttert. Wer noch für religiöse Credo etwas über hat, sich selbst als Gläubigen sieht oder zum Agnostizismus neigt, findet in dem faszinierenden, hoch speziellen Religionsfilm einiges an brisanten und bis in die Wurzeln der Glaubensdidaktik reichenden Stoff zum Weiterphilosophieren und Ausdiskutieren.

Auf die unheilvolle Odyssee jenseits des Fassbaren schickt Scorsese niemand geringeren als „Kylo Ren“ Adam Driver und Andrew Garfield, der schon in Mel Gibsons Hacksaw Ridge mit der Kraft des Heiligen Geistes im Japan des zweiten Weltkriegs als pazifistischer Engel am Schlachtfeld diverse Leben retten konnte. Die beiden sind auf der Suche nach ihrem Lehrer, der als Jesuitenpater Ferrera (hat wieder mal gezeigt, dass er noch zu mehr taugt als nur zum Actionhero: Liam Neeson) angeblich vom Glauben abgefallen sei. Im christlichgläubigen Untergrund Japans angekommen, beginnt ein ganz eigener, erschütternder Kreuzweg in eine verbotene Zone für das Christentum, wo deren Anhänger vom Tokugawa-Shogunat, einer dynastischen Militärregierung, verfolgt, zwangskonvertiert oder ermordet werden. Die Methoden, die diese Inquisitoren erwählt haben, um den feindlichen Glauben auszumerzen, sind in seiner einfallsreichen Absurdität so unglaublich wie bestialisch. Wobei das Quälen der Christen meist nicht erste Wahl ist – das Konterfei der Jungfrau Maria oder Jesu Christi mit Füßen zu treten, ist für die Glaubensjäger meist Beweis genug, einen neuen Konvertiten gewonnen zu haben. Nur eine Frage der Zeit, wann die beiden ausgesandten Portugiesen das gleiche Schicksal erleiden müssen.

Scorsese findet neben der Schilderung dieser dunklen Episode des Christentums unter Aufwendung sehr viel Feingefühls genug Zeit, sich obendrein noch mit Sinn und Unsinn des Märtyrertums auseinanderzusetzen. Er verwickelt seine Figuren in Zwiegespräche mit Gott, lässt sie mit den Inquisitoren tiefschürfende Gespräche führen und lädt den interessierten Zuseher auf eine ganz persönliche Bibel- und Glaubensexegese ein, die vieles kritisch hinterfragt und das Verständnis des neuen Testaments auf mehrere, sich ad absurdum führende Ebenen hebt. Silence ist kein Film für das breite Publikum. Keine bequeme Geschichtsstunde, nicht frei von Gräuel, sehr speziell und fast schon ein seltener Beitrag zu einem verschwindenden Subgenre des Religionsfilms, zu welchem auch Roland Joffe´s Mission oder der preisgekrönte venezolanische Film Jericho zählt. Wobei Silence ebenso weit weg ist von christlicher Propaganda wie die beiden zuvor genannten Filme. Scorseses persönliche Meinung bleibt verborgen, sein Film ist eine unparteiische, aufwühlende Grauzone und Bildnis einer Irrfahrt voller Verfehlungen und lächerlicher Dogmen. Sie handelt von der Frage am Verrat des Glaubens und vom Verrat am persönlichen Jesus. Vom Seelenheil und vom Heil einer Weltreligion. Von Nächstenliebe und verbohrter Gottesliebe.

Silence ist ein starkes Stück cineastische Religionsgeschichte, so wuchtig bebildert wie nüchtern erzählt.

Silence