First Reformed

MÄRTYRER VON HEUTE

6/10


first_reformed© 2017 A24


LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: PAUL SCHRADER

CAST: ETHAN HAWKE, AMANDA SEYFRIED, MICHAEL GASTON, VICTORIA HILL, PHILIP ETTINGER, CEDRIC THE ENTERTAINER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


So kann es einfach nicht weitergehen. Nicht auf diese Weise. Der Mensch an sich ist die Geißel seines eigenen Planeten, alles richtet er zugrunde. Verkommen bis ins Mark, egoistisch, fahrlässig. Angesichts dieser verheerenden Umstände haben sich Leute wie Travis Bickle aufgerafft, zumindest für eine Nacht ihren Harnisch anzulegen und gegen die Verdammnis zu kämpfen. Bickles Kampf ist in die Filmgeschichte eingegangen: Taxi Driver. Geschrieben hat diese finstere Großstadtballade Paul Schrader – die Zeitschrift cinema lieferte hier in einer ihrer letzten Ausgaben ein spannendes Making Of zum Film. Jahrzehnte später hat Schrader auch Regie geführt – und zwar nicht in einer Neuauflage seines Buches, sondern in einem ganz anderen, aber recht themenverwandten Film, der die Institution Kirche gleich mit ins Gebet nimmt.

First Reformed ist genauso wenig wie Taxi Driver ein Beitrag für entspanntes Entertainment, um mal die ganze deprimierende Weltlage um sich herum zu vergessen. First Reformed sichtet man, wenn man genau das nicht vergessen will, und vielleicht motiviert genug ist, sich zumindest aus dem Verhalten der Charaktere in diesem Film Inspiration zur Veränderung zu holen. Was kann ich also tun, um dieser prekären Lage Herr zu werden? Resignieren, den Kummer im Alkohol ertränken – oder rausgehen und kämpfen? Ethan Hawke als spät berufener Priester einer ganz speziellen Gemeinde im Osten der USA versucht sich in diesem wirklich wenig erbaulichen Werk an beidem. Und wer Ethan Hawke und sein Oeuvre kennt, wird wissen: der ehemalige Before Sunrise-Star stemmt natürlich auch diese Rolle mit grüblerischer Intensität.

Hawke verkörpert einen Geistlichen, wirkend in der touristisch nicht uninteressanten Sehenswürdigkeit von Kirche, die als erste reformierte der neuen Welt gilt. Besucher kommen und gehen, lassen sich vom Pastor durch die historischen Highlights führen. Zum Gottesdienst findet sich maximal eine Handvoll Betwilliger ein, der Glaube an eine übergeordnete Entität scheint von gestern zu sein. Zwischen diesen Gottesdiensten trauert der Mann um seinen im Krieg gefallenen Sohn, steht vor den Trümmern einer frühen Ehe und muss auch noch den recht deprimierenden Worten eines Umweltaktivisten lauschen, der die Hoffnung für schlichtweg alles längst aufgegeben hat. Die Folge ist: dieser jemand bringt sich um, zurück bleibt die Ehefrau (Amanda Seyfried) und ein ungeborenes Kind. Dieser Suizidfall lässt den Priester nicht mehr los, er geht den Auslösern dieser Tat nach – uns stößt auf vernichtende Fakten, welche die Sinnhaftigkeit seines Tuns als Seelsorger in Zweifel ziehen.

Paul Schrader filmt in strengem 4:3-Format, seine Bilder sind düster und schmucklos komponiert, drinnen wie draußen herrscht kalter, verregneter, ein in schmutzigen Farben getauchter Spätherbst. Die Zuversicht spielt in einem anderen Film, auch wenn zwischen Hawke und Seyfried so etwas wie der Versuch einer gegenseitigen Erbauung zu erahnen ist. Letzten Endes ist es fast schon katharischer, finsterer Haunted House-Nihilismus, der einen Ausweg aus allem verspricht, der aber genauso wenig zur Lage der Menschheit beitragen würde wie ein Suizid.

Taxi Driver hatte hier noch einen Funken ritterlichen Glaubens wie das märchenhafte Befreien einer zur Schlachtbank geführten Prinzessin – in First Reformed dreht Schrader mitunter den Spieß um. Der Zweck heiligt längst nicht mehr die Mittel. Die einzige Medizin bleibt die Liebe. Der Weg, den Schrader bis dorthin geht, führt allerdings durch den Dornwald. Umwege gibt’s keine.

First Reformed

Ein verborgenes Leben

HIER STEHE ICH, ICH KANN NICHT ANDERS

8/10

 

RG-29_06575.NEF© 2019 Pandora

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2019

REGIE: TERRENCE MALICK

CAST: AUGUST DIEHL, VALERIE PACHNER, TOBIAS MORETTI, KARL MARKOVICS, BRUNO GANZ, JOHANNES KRISCH, MATTHIAS SCHOENAERTS, ALEXANDER FEHLING, FRANZ ROGOWSKI U. A. 

 

Ich kann mich noch gut erinnern, als Terrence Malick nach 20jähriger Schaffenspause 1998 mit Der schmale Grat für Aufsehen gesorgt hat. Gefühlt alle namhaften Stars sind damals Schlange gestanden, um bei Malicks Film eine Rolle zu ergattern. Die Lobeshymnen für sein Kriegsdrama waren aber nicht nur seinem Comeback zu verdanken. Für Malick-Nichtkenner hielt Der schmale Grat einiges an neuen und nicht totgelaufenen Sichtweisen fürs Kino parat und konnte – zumindest mich jedenfalls – mit seinem philosophischen Diskurs überzeugen. Der schmale Grat zähle ich zu den besten Kriegsfilmen, weil so deutlich wird, wie der Mensch in einem für ihn geschaffenen Paradies ein Miteinander mit Füßen tritt. 

So manche Filme später dann, nach einigen seifigen Ausrutschern ins Kino und die Goldene Palme für The Tree of Life: die Rückkehr zu einer Qualität, für die Malick  zu Recht seinen Platz in der Filmgeschichte hat: Mit Ein verborgenes Leben hat sich der Künstler der Lebens- und Leidensgeschichte des Hitlerschwur-Verweigerers Franz Jägerstätter angenommen – und eine so visuell wie erzählerisch überwältigende Studie über die Essenz des Widerstands gegen eine ungerechte Gewalt kreiert. Das anders Interessante dabei: Malick besetzt für seinen Film bis auf wenige Ausnahmen durchwegs deutschsprachige, lokale Schauspielgrößen, die vielleicht jenseits des Sprachraums wenig Bekanntheit haben. Als Hauptprotagonist steht ihm August Diehl zur Verfügung, ihm zur Seite Valerie Pachner. In den Nebenrollen zumindest hierzulande illustre Namen wie Johannes Krisch, Karl Markovics oder Tobias Moretti. Bei Terrence Malick mitzuspielen dürfte für sie wohl ein wahrgewordener Traum gewesen sein. Dementsprechend legen sie sich auch ins Zeug – und bilden ein Ensemble, das Malicks Gedankengänge und sein Vorhaben, einen etwas anderen Heimatfilm zu erzählen, tatkräftig unterstützen.

Kinematographisch gesehen ist Ein verborgenes Leben ein Meisterwerk. Mit der weitläufigen Kulisse des zentraleuropäischen Alpenlandes, mit all seinen Almen, Bauernhöfen und dergleichen schafft der Regisseur ein exklusives, nicht oft gesehenes Ambiente einer zwar gemäldehaft stilisierten, aber intensiv naturverbundenen Lebensweise zwischen mühseliger Landwirtschaft und entrücktem Kindertraum von einer Insel der Seligen am Land. Wie er das einfängt, mit seinen typischen Weitwinkelaufnahmen, die er nahe ans Geschehen rückt und seinem scheinbar intuitiven Schnitt der Szenen, die das Wesentliche geradezu herausschälen, ist von akkurater Raffinesse. In dieser so fremden wie vertrauten Welt sind Bürgermeister, Müller, Dorfpfarrer oder die Töchter Jägerstätters wie Reflexionen eines zerbrochenen Spiegels, erhaschte Fragmente einer Erinnerung eines bereits Hingerichteten und der Endlichkeit erhaben. Das ist fast schon messianisch. Für diese Interpretation spricht auch die Szene mit NS-Richter Bruno Ganz, der wie Pontius Pilatus den Andersdenkenden fragend auf die Probe stellt.

Wobei ich zugeben muss, dass mir die Entscheidung des selig gesprochenen Landwirts, offenen Auges in den Tod zu gehen, und zwar für ein Lippenbekenntnis, das in keinster Weise das Herz berührt, schwer fällt nachzuempfinden. Die eigene Familie im Stich lassen? Für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Jägerstätter ist kein Prediger, vielmehr ein stiller, unbeirrbarer Leider, der sich für die Klarsicht auf Recht und Unrecht opfert. Auf lange Sicht und der Zeit geschuldet ein denkwürdiges Manifest des Schweigens. Zu Lebzeiten womöglich verbohrter Egoismus. Gerade diese Ambivalenz macht das Ganze noch interessanter.

Terrence Malick hat eine langsame (aber nie langweilige), hypnotische Meditation entworfen. Eine Bilderflut, auf die man sich einlassen wird. Die viel Sitzfleisch erfordert, und die gar nicht darauf aus ist, Jägerstätters radikalen Entschluss zu verstehen. Die aber fesselt, berührt und nachdenklich stimmt.

Ein verborgenes Leben

Glücklich wie Lazzaro

DER EWIGE KNECHT

8/10

 

lazzaro© 2018 Filmladen

 

LAND: ITALIEN, FRANKREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ALICE ROHRWACHER

CAST: ARDIANO TARDIOLO, NICOLETTA BRASCHI, SERGI LÓPEZ, ALBA ROHRWACHER U. A.

 

Da steht er und lächelt, umgeben von Bäumen, im Hintergrund die Stadt, und ein Wolf zu seinen Füßen. Das Plakat zu Alice Rohrwachers Film ist ein Gemälde, naiver oder phantastischer Realismus, doch für letzteres wäre es zu real, einzig der Wolf sollte hier nicht sein. Und auch Lazzaro, der abgebildet ist, sollte nicht hier sein, denn er scheint wie eine Gestalt aus längst vergangenen Zeiten. Wie eine Ikone, ein Heiligenbild, etwas völlig entrücktes. Lazzaro existiert gar nicht wirklich, er ist ein Mythos, ein Mysterium – oder doch nicht? Das zu ergründen ist ein Versuch, der sich letzten Endes lohnt, denn Glücklich wie Lazzaro zählt zu den außergewöhnlichsten Werken der letzten Zeit, ein humanistisches Märchen von den Hierarchien unserer Gesellschaft.

Adriano Tardiolo, der den flötenspielenden Knecht auf dem Gut der Marchesa de Luna spielt, ist selbst eigentlich ein Laie. Einer, der nie irgendwo Schauspielerfahrung gesammelt hat, ein Naturtalent also, den Regisseurin Rohrwacher entdeckt hat. Tardiolo scheint in seiner Rolle wirklich nicht von dieser Welt zu sein, und als Lazzaro ist er einer, der tut was man ihm sagt. Ein Knecht in seiner reinsten Urform, ein Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfe. Einer ohne Rechte. Über ihm: die Tabakbauern des Ortes, allerdings selbst einem erbarmungslosen Feudalismus erlegen. Sklaven, wenn man so will, die für die Herrin ernten, und selbst immer verschuldet bleiben. Das erinnert an die Gesellschafts- und Wirtschaftsformen des Mittelalters, bevor die Bauern im 14. Jahrhundert den Aufstand probten. Die Einwohner des Bauerndorfes Inviolata allerdings tun das nicht, sie können nicht auf sich herabblicken, ihren Zustand des Schuftens und Dienens nicht aus der Distanz betrachten. Anfangs fragt man sich, in welcher Zeit Glücklich wie Lazarro eigentlich spielt. Alles sieht sehr verdächtig nach dem vorigen Jahrhundert aus, doch der Schein trügt. Die verhängte Isolationshaft der Marchesa hat Lazarro und seine Mitbewohner aus der Zeit katapultiert. Und die Zeit, die spielt weiterhin verrückt, vor allem, was das Schicksal des Lazzaro betrifft. Denn ihm widerfährt, ähnlich dem Lazarus aus der Bibel, eine unergründliche zweite Chance, die ihn auf eine Reise schickt, und bei der ein Wolf keine unwesentliche Rolle spielt.

Rohrwacher hat hier eine Parabel ersonnen, anfangs noch in romantischem Realismus, die von Meistern und Dienern erzählt. Von den Unterdrückten und Ausgebeuteten, und von dem Umstand, dass es immer einen Stärkeren gibt, der den anderen nötigt, zu dienen. Ihre metaphysische Reise ist gleichsam ein antikapitalistisches Manifest, worin Lazzaro wie der kleine Prinz Antworten sucht auf Fragen, die er nie stellen wollte, auf Menschen trifft, mit denen er stets verbunden war, die aber bemüht sind, aus ihrer Abhängigkeit von damals auszubrechen in ein autarkes Lebenskontrukt. Was sie finden ist Armut, und die Reichen von damals, die haben ebenfalls alles verloren. Der Film ist wie die Essenz eines politischen Umbruchs, der am Umsetzen kommunistischer Ideen scheitert, weil das Wesen des Menschen es einfach unmöglich macht, diese umzusetzen. Glücklich wie Lazzaro ist ein enorm gesellschaftspolitischer Film, der seine Sichtweise in eine poetisch-irreale Märtyrerchronik bettet. Dabei fasziniert in erster Linie eben Adriano Tardiolo als Lazzaro, der als Fels in der Brandung Zeiten und Gezeiten über sich hinwegziehen lässt, bis er selbst die alte Ordnung wiederherstellen will. Was sagt das über die Zukunft des Menschseins aus? Rohrwachers Film erinnert durchaus an die thematisch verwandte Kleinbürgertragödie Dogman des Italieners Matteo Garrone – auch dort sieht sich der ewig unterdrückte Hundefriseur der Willkür von Stärkeren ausgeliefert, bis er selbst das Blatt wendet. Doch wofür? Glücklich wie Lazzaro ist noch mehr Lehrstück als Dogman, fast schon von der Art eines Theaters des Berthold Brecht oder Max Frisch, die die gutgläubige Illusion eines besseren Menschen erschaffen, um sie dann zu zerschlagen.

Rohrwachers Film ist ein höchst bemerkenswertes Beispiel dafür, was das Kino noch für eine erzählerische Kraft haben kann, und noch so viel perspektivisches Neuland verborgen hält, dass durch Glücklich wie Lazzaro wieder ein Stückchen mehr erschlossen wurde.

Glücklich wie Lazzaro

Silence

DAS SCHEITERN DES GLAUBENS

8/10

 

silence© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MARTIN SCORSESE

MIT ANDREW GARFIELD, ADAM DRIVER, LIAM NEESON, CIARAN HINDS U. A.

 

Wir schreiben die erste Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Martin Luther und die Kirchenspaltung hat längst die Welt verändert. Der katholische Orden der Jesuiten hat nach den Eroberungsfeldzügen der Conquistadores in der neuen Welt alle Hände voll zu tun, ein heidnisches Volk nach dem anderen zum einzig wahren, christlichen Glauben zu bekehren. Und das nicht nur in Süd- und Mittelamerika, nein. Die Jesuiten, des Papstes militanteste Friedens- und Heilsbringer, auch der einzige Orden, der wirklich auszog, um das Evangelium in jedem auch nur so entferntesten Winkel zu verkünden, haben sich auch nach 1600 in Gegenden vorgewagt, in denen bereits Weltreligionen wie der Buddhismus längst Wurzeln schlagen konnten. Was für eine Anmaßung! Da wagen intellektuelle Jünger Christi tatsächlich, mit bescheidenen Mitteln dem Vermächtnis des Buddha auf die Pelle zu rücken. Bei vielen mag die zwar gewaltfreie, aber immer noch ziemlich beharrliche Penetranz der Jesuiten, die einzige Wahrheit auch ganz weit weg von Rom manifestiert zu wissen, auf Ablehnung stoßen. Das Missionieren an sich war für mich immer etwas, dass dem Glauben an Jesus Christus zu keiner freiwilligen Entscheidung werden lässt. Der Lehrauftrag irgendwo zwischen Manipulation und – überspitzt formuliert – Gehirnwäsche stellt den ursprünglichen Glauben ja in Abrede. Und da beginnt das Gegeneinander. Dennoch – jemandem von der Heilsbotschaft zu überzeugen, einfach nur durch Worte und Beispiele, damit wollten die Jesuiten ziemlich rechtschaffen und voller Menschlichkeit punkten. Damit wollten sie ihr Ziel erreichen. Aus voller Überzeugung, weil das Christentum die einzig wahre Religion darstellt.

Spätestens bei dem Dogma über das Leiden mit Gott, für Gott und durch Gott, spätestens bei der ohnehin unendlich komplexen Bedeutung des Todes Christi am Kreuz – geraten die Botschaften des Neuen Testaments in ein verfremdend flackerndes Licht. Diese Missinterpretation Jesu, dieses Entfernen der Botschaft des Messias, ist Teilaussage des authentischen Berichtes anno 1638 aus Japan, der vom Scheitern des Glaubens, von Apostasie und die Unschärfe der religiösen Wahrheit erzählt. Martin Scorsese, vielseitiger Filmemacher und Ikone des amerikanischen Filmes, hat schon mit der einzigartigen Verfilmung von Theodorakis´ Roman Die letzte Versuchung Christi und der Dalai Lama-Biografie Kundun gezeigt, dass sein Interesse nicht nur der kriminellen Unterwelt Amerikas gilt, sondern auch religiösen Themen aus Buddhismus und Christentum. Beide ihn faszinierenden Quellen der Weisheit hat Scorsese nun vereint – in einem Epos, das den Wert des Glaubens und die eigene geistliche Identität in seinen Grundfesten erschüttert. Wer noch für religiöse Credo etwas über hat, sich selbst als Gläubigen sieht oder zum Agnostizismus neigt, findet in dem faszinierenden, hoch speziellen Religionsfilm einiges an brisanten und bis in die Wurzeln der Glaubensdidaktik reichenden Stoff zum Weiterphilosophieren und Ausdiskutieren.

Auf die unheilvolle Odyssee jenseits des Fassbaren schickt Scorsese niemand geringeren als „Kylo Ren“ Adam Driver und Andrew Garfield, der schon in Mel Gibsons Hacksaw Ridge mit der Kraft des Heiligen Geistes im Japan des zweiten Weltkriegs als pazifistischer Engel am Schlachtfeld diverse Leben retten konnte. Die beiden sind auf der Suche nach ihrem Lehrer, der als Jesuitenpater Ferrera (hat wieder mal gezeigt, dass er noch zu mehr taugt als nur zum Actionhero: Liam Neeson) angeblich vom Glauben abgefallen sei. Im christlichgläubigen Untergrund Japans angekommen, beginnt ein ganz eigener, erschütternder Kreuzweg in eine verbotene Zone für das Christentum, wo deren Anhänger vom Tokugawa-Shogunat, einer dynastischen Militärregierung, verfolgt, zwangskonvertiert oder ermordet werden. Die Methoden, die diese Inquisitoren erwählt haben, um den feindlichen Glauben auszumerzen, sind in seiner einfallsreichen Absurdität so unglaublich wie bestialisch. Wobei das Quälen der Christen meist nicht erste Wahl ist – das Konterfei der Jungfrau Maria oder Jesu Christi mit Füßen zu treten, ist für die Glaubensjäger meist Beweis genug, einen neuen Konvertiten gewonnen zu haben. Nur eine Frage der Zeit, wann die beiden ausgesandten Portugiesen das gleiche Schicksal erleiden müssen.

Scorsese findet neben der Schilderung dieser dunklen Episode des Christentums unter Aufwendung sehr viel Feingefühls genug Zeit, sich obendrein noch mit Sinn und Unsinn des Märtyrertums auseinanderzusetzen. Er verwickelt seine Figuren in Zwiegespräche mit Gott, lässt sie mit den Inquisitoren tiefschürfende Gespräche führen und lädt den interessierten Zuseher auf eine ganz persönliche Bibel- und Glaubensexegese ein, die vieles kritisch hinterfragt und das Verständnis des neuen Testaments auf mehrere, sich ad absurdum führende Ebenen hebt. Silence ist kein Film für das breite Publikum. Keine bequeme Geschichtsstunde, nicht frei von Gräuel, sehr speziell und fast schon ein seltener Beitrag zu einem verschwindenden Subgenre des Religionsfilms, zu welchem auch Roland Joffe´s Mission oder der preisgekrönte venezolanische Film Jericho zählt. Wobei Silence ebenso weit weg ist von christlicher Propaganda wie die beiden zuvor genannten Filme. Scorseses persönliche Meinung bleibt verborgen, sein Film ist eine unparteiische, aufwühlende Grauzone und Bildnis einer Irrfahrt voller Verfehlungen und lächerlicher Dogmen. Sie handelt von der Frage am Verrat des Glaubens und vom Verrat am persönlichen Jesus. Vom Seelenheil und vom Heil einer Weltreligion. Von Nächstenliebe und verbohrter Gottesliebe.

Silence ist ein starkes Stück cineastische Religionsgeschichte, so wuchtig bebildert wie nüchtern erzählt.

Silence