Eine grössere Welt

DIE MIT DEM WOLF TANZT

7,5/10

 

einegroesserewelt© 2019 MFA+ Filmdistribution e. K. 

 

LAND: FRANKREICh, BELGIEN 2019

REGIE: FABIENNE BERTHAUD

CAST: CÉCILE DE FRANCE, NARANTSETSEG DASH, TSERENDARIZAV DASHNYAM, ARIEH WORTHALTER, LUDIVINE SAGNIER U. A. 

 

Was, wenn man verzweifelt versucht, einer nicht enden wollenden Lebenskrise zu entkommen? Alkohol, Drogen? Vielleicht auf bekömmlicheren Wegen wie Esoterik? So bekömmlich muss Esoterik gar nicht sein, durchaus kanns da passieren, dass Probleme nur noch schlimmer werden, kommt ganz darauf an, welche Quelle man hier ansteuert. Esoterik – diese Bezeichnung ist immer etwas abschätzig. Esoterik wird sehr gerne mitleidig belächelt. Allerdings – alles über einen Kamm scheren könnte dazu führen, dass das eine oder andere ernstzunehmende Detail leicht übersehen wird. Denn sicher ist: ausgelernt haben wir in Punkto Weltverständnis alle nicht. Es wäre vermessen, so etwas zu behaupten. Dabei lohnt es sich, mal hinzuhören oder hinzusehen, wie Fabienne Berthaud mit ihrem Film Eine größere Welt fernab jeglichen Humbugs dem grundlegend skeptischen, weil intellektuellen Kinogeher beizubringen versucht, um die Ecke zu denken.

Ihr Film erzählt die wahre Geschichte der in tiefe Trauer gefallenen Tontechnikerin Corine, die ihren an Krebs erkrankten Ehemann zu Grabe tragen musste. Nichts lässt diese Trauer versiegen. Wenn der Lebensmensch geht, ist kaum ein Weiterleben möglich. Wäre da nicht dieses Jobangebot ihres guten Freundes, für etwaige ethnographische Tonaufnahmen in die Mongolei zu reisen, um dem Ritual einer Schamanin beizuwohnen. Schamanismus – das ist doch die Möglichkeit, zwischen den Dimensionen hin und her zu reisen? Womöglich auch die Fähigkeit, Kontakte mit Verstorbenen aufzunehmen. Seelen bleiben da nicht nur unangreifbare Manifestationen einer Hoffnung auf das Transzendente, sondern werden zu Gesprächspartnern. Corine greift jeden Strohhalm, den sie kriegen kann, um die Liebe ihres Lebens wiederzusehen – und macht sich auf die Reise. Nur passieren dort Dinge in der Spitzjurtensiedlung der Tsaatan, die ein uns wohlbekanntes Weltbild erschüttern. Und Corine muss feststellen, dass sie im Grunde selbst jemand ist, der das Zeug hat, zwischen den Welten zu gehen. In eine noch größere als die unsrige hinein – und hoffentlich auch wieder heraus.

Mangels Vorrecherche, das gebe ich zu, wurde mir erst am Ende des Filmes klar, dass all das Gesehene auf wahren Begebenheiten beruht. Und Corine Sombrun es tatsächlich geschafft hat, die Terra Incognita des Trancezustandes für die Wissenschaft erstmalig relevant zu machen. Wenn man so will, ist Eine größere Welt der etwas andere Abenteuerfilm – eine spannende und packende Reise in eine fremde Kultur und an einen anderen Aussichtspunkt auf eine vertraute Realität, die so noch nicht fertig durchdacht sein kann. Skeptiker können natürlich davon halten, was sie wollen. So, wie Berthaud dieses Phänomen schildert, hat das weder etwas Reißerisches, noch Kitschiges noch plump Magisches. Ganz im Gegenteil: Sie konfrontiert ihr Publikum mit unverhohlener Neugier und einer wenig entrückten Unvoreingenommenheit. Ihr Blick ist ein von Vorurteilen völlig entrümpelter. Dazu kommt natürlich die beeindruckende und natürliche Performance von Schauspielerin Cécile de France, die das Glück hat, ihren darzustellenden Filmcharakter vollends verstehen zu können, vielleicht, weil sie von Grund auf selbst weltoffen genug ist. Das ist nicht nur die Rolle in einem Spielfilm, sondern auch jene einer rekonstruierten Dokumentation.

Für alle, die sich angesichts des aktuellen Wissensstands über unsere Welt noch nicht zurücklehnen oder noch nicht bemerken wollen, dass alle Geheimnisse bereits gelüftet sind, die aber auch nicht in nachhaltigem magischen Denken verweilen, sondern einfach an neuen Erkenntnissen interessiert sind, dem sei Eine größere Welt ehrlich und aufrichtig ans Herz gelegt. Einen schöneren Film über unsere und die Existenz der anderen wird man derzeit im Kino wohl kaum finden.

Eine grössere Welt

Another Earth

BACKUP FÜRS LEBEN

7,5/10

 

anotherearth© 2011 20th Century Fox

 

LAND: USA 2011

REGIE: MIKE CAHILL

MIT BRIT MARLING, WILLIAM MAPOTHER, MATTHEW-LEE ERLBACH, MEGGAN LENNON U. A.

 

Schade, dass Mike Cahill seit 2014 keinen Film mehr gemacht hat. Dabei zählt der Bilderstürmer für mich seit I Origins – Im Auge des Ursprungs zu den führenden Philosophen des Kinos, visionär im Denken und mutig in der Ausführung ersonnener Gedankenspiele, die an die durchdachten Ideen eines Jaco van Dormael erinnern. Was war I Origins nicht für ein inspirierendes Erlebnis. Die ungestüme Schicksalssymphonie Another Earth war drei Jahre zuvor Cahill´s erster Langspielfilm, realisiert für wohlfeile 200 000 Dollar, und gemeinsam mit Lebensgefährtin Brit Marling, die sich in diesem anmutigen bizarren Hirngespinst einfügt wie Klimt´s Adele in die Ornamentik ihres Schöpfers.

Marling ist’s, die die junge Studentin Rhoda spielt, die einen Verkehrsunfall verursacht – weil am Himmel eine zweite Erde sichtbar ist. Mit Kontinenten und Meeren, das kann man vom Boden aus mit freiem Auge gut erkennen, vor allem nachts. Dass nicht nur Smartphones im Straßenverkehr meist schreckliche Konsequenzen nach sich ziehen – das erfährt die traumverlorene Blonde aus erster Hand. Frau und Kind des gerammten Fahrzeugs sind tot, der Vater überlebt. Weder Sie noch der trauernde Witwer bekommen ihr Leben von nun an wieder in den Griff. Niemandem würde es anders ergehen. Wenn das Schicksal mit eherner Faust zuschlägt, wünscht man sich, die Zeit zurückdrehen zu können. In Ermangelung dessen hilft nur noch Absolution. Rhoda macht den Witwer ausfindig, tarnt sich als Putzfrau und fängt an, ins Leben und in die Wohnung des völlig verwahrlosten Musikers wieder Ordnung reinzubringen. Die zweite Erde, die rückt derweil immer näher. Wenig später der erste Kontakt – und die Gewissheit, dass der Planet eine Spiegelung der eigentlichen Erde ist. Oder die eigentliche Erde eine Spiegelung des mobilen Trabanten. Eine Tatsache, die plötzlich möglich macht, was bislang unvorstellbar war.

Mike Cahill´s Vision von einer zweiten Chance, die sich allen physikalischen Gesetzen zum Trotz am Himmel manifestiert, ist ein assoziativ skizziertes Philosophikum, grobkörnig schraffiert, in einigen Momenten haarfein detailliert, dann wieder wie ein Found Footage-Video. Impulsiv gefilmt, aus dem Bauch heraus und spröde, nah an den Personen. Dann aus der Distanz und manchmal sogar in ikonografischer Apotheose. Ein Preludium für gequälte Seelen, die plötzlich auf das Backup ihres Lebens zurückgreifen können, gemäß der Hypothese paralleler Welten, die im Grunde genau so sind wie die unsere, die sich aber stetig und bis in die unendlichste Variation hin anders entwickeln als jene Realität, der wir inhärent sind. Was aber, wenn eines dieser Universen mit dem unsrigen überlappt? Was wäre dort anders als hier? Was besser? Und würden die Toten dort noch leben?

Another Earth ist wie ein abgehobener Traum, und vielleicht hat Mike Cahill tatsächlich einen solchen geträumt. Belegende Bilder dafür hat er zumindest geschaffen, und seine Überlegung führt zu einem Ende, das den Betrachter weiterdenken lässt als der Film andauert. Mit kreativen Leerräumen, um Unausgesprochenes für uns selbst zu artikulieren. Another Earth funktioniert nicht allein, dafür braucht es die Welt im Kopf seines Publikums. Solche Filme sind viel zu selten, um sie zu ignorieren. Das ist Kino, das weiterwill und nicht aufhören wird, Fragen zu stellen und neue aufzuwerfen.

Another Earth