Wenn du König wärst

PROJEKTTAGE MAL ANDERS

7/10

 

wenndukoenig© 2019 20th Century Fox Deutschland

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JOE CORNISH

CAST: LOUIS ASHBORNE SERKIS, TOM TAYLOR, REBECCA FERGUSON, DEAN CHAUMOO, RHIANNA DORRIS, ANGUS IMRE, PATRICK STEWART U. A.

 

Ich liebe den Film The Sword in the Stone, im deutschen Verleih bekannt als Die Hexe und der Zauberer. Disney hat hier einen unglaublich liebevollen und charmant-witzigen Klassiker entworfen, der die Legende rund um König Artus in aufwändigen Handzeichnungen und in familientauglicher, steter Zuversicht als kauzigen Evergreen-Event nacherzählt hat. Wenn Hexe Mim die Sonne verflucht oder Eule Archimedes sich scheckig lacht, das sind das immer wieder gern gesehene Sternstunden der Zeichentrickkunst. Weg von den Strichen und hinüber in eine uns bekannte photographische Gegenwart wechselt der jüngst im Kino gestartete Abenteuerfilm Wenn du König wärst. König Artus ist auch hier das Thema, und wieder gibt es jemanden, der es schafft, das besagte Schwert Excalibur aus dem Stein zu ziehen. Dieser Stein, der steht auf einem Abrissgrund, wir schreiben das 21. Jahrhundert, und wäre der Junge Alex nicht von seinen Erzrivalen aus der Schule gejagt worden, hätte er das Artefakt, versteckt hinter Baustellplanen, nie entdeckt. Oder doch? Vielleicht auf anderem Wege, denn das Schwert hätte vermutlich schon seinen Meister gefunden, auf welche Art auch immer. Doch was damit anstellen? Ritter spielen, angeben? Oder eins und eins zusammenzählen? Das Ergebnis wäre mehr als beunruhigend, denn der leicht schartige Stahl der Wunderklinge hat ganz andere Mächte auf den Plan gerufen, und die haben familiäre Gründe – ist doch die gute Morgana Halbschwester des legendären Tafelrundlers und gleichzeitig finstere Hexe, die tief unter der Erde, verflochten in den Wurzeln der Bäume Südenglands, eine ganze Armee untoter Ritter befehligt. Oder befehligen möchte, denn die sollen ihr gefälligst Excalibur beschaffen, denn laut Notar fällt das Erbe immer an die nächsten Verwandten, was wohl sie wäre. Statt den Weg in die Kanzlei wählt sie den Weg des geringsten Widerstands – und rüstet sich für eine Sonnenfinsternis, die den jüngsten Tag einläuten soll.

Wenn das kein Stoff für zehnjährige Jungs und Mädchen ist, dann weiß ich auch nicht: Wenn du König wärst ist handfeste Fantasy für den Nachwuchs, für den Der Herr der Ringe oder Game of Thrones noch einen Tick zu schwer verdaulich ist. Joe Cornish hat sich an den bewährten Jugendkino-Stil eines Chris Columbus orientiert und in dessen wertebewusstem Geiste einen spannenden und kurzweiligen Genremix zwischen Stephen Sommers leinenumwickelten Mumieneskapaden, den Goonies und Disneys Zauberlehrling inszeniert, bei dem sich nicht nur die Kids im Kinosaal wünschen würden, hier selbst den Harnisch anzulegen und das Schwert zu schwingen. Da entsteht Gruppendynamik wie aus dem psychosozialen Lehrbuch, und das beste dabei – Feinde werden zu Freunden, und auch der größte Kotzbrocken könnte in Wahrheit ganz anders sein. Vor allem jemand, der sich wertschätzen lässt, denn niemand ist wirklich gern der schwarze Peter, da steckt meist was anderes dahinter. Cornish macht die Verbrüderung zum Thema, lässt die Next Generation im wahrsten Sinne des Wortes an einem Strang ziehen und lässt die klassenübergreifenden Projekttage durchaus als Abenteuer Unterricht durchgehen. Denn so macht Schule Spaß, auch wenn die Gefahr besteht, von der Klinge eines Knochenritters durchbohrt zu werden. So brutal aber wird es nicht, da bleibt Wenn du König wärst genau dort, wo er hingehört – zwischen kribbeliger Suspense, selbstbewusster Ironie und blutloser Action. Selbst das monströse Konterfei von Hexenwesen Morgana hat nur so lange Bildschirmpräsenz, dass sie sich nicht in die juvenile Netzhaut brennt. Das ist gut getimt, und so wie die Versatzstücke einer Jahrtausende alten Legende in den Waffenrock eines Unterstufen-Gymnasiasten passen, ist auf originelle Weise aufgedröselt. Der Shooting Star schlechthin: Angus Imre als junger Merlin, der fleischgewordene Charakter aus dem Skizzenfundus alter Disney-Cartoons, schlaksig, ungelenk, herrlich altmodisch und gewandet in ein Led Zeppelin-T-Shirt, das sich übrigens durch den ganzen Film zieht – als hätte Cornish die Chance genutzt, sich insgeheim als Fan zu outen.

Louis Ashborne Serkis, der Filius von Motion capture-Mastermind Andy, nimmt seine Aufgabe als Schauspieler und Nachfahre König Artus‘ aufrichtig ernst. Ganz wie im Rollenspiel, dem Jung und Alt heutzutage gleichermaßen frönen dürfen, und so sieht das ganze dann aus, wenn sich die Bilder, die man dabei im Kopf hat, auf der Leinwand manifestieren. Eine spannende Challenge, wo alles seinen richtigen Platz hat, um das Gute siegen zu lassen. Denn verlieren will niemand, am wenigsten unser Nachwuchs, der in Zeiten wie diesen nicht nur in der Schule gehörig viel leisten muss.

Wenn du König wärst

Aftermath

DER TERMINATOR ALS MENSCH

6/10

 

aftermath© 2017 KSM Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: ELLIOT LESTER

CAST: ARNOLD SCHWARZENEGGER, SCOOT MCNAIRY, MAGGIE GRACE, JUDAH NELSON U. A.

 

Der Selfmade-Multitasker Arnold Schwarzenegger wurde heuer knackige 71 Jahre alt. Wenn schon weniger eine Legende des Schauspiels, dann war die steirische Eiche immerhin eine solche der Popkultur, keine Frage. Arnold war Terminator, Conan und ein schwangerer Mann, und kaum eine Rolle hat er so dermaßen cool gemeistert wie die des Last Action Hero – immer noch mein absolutes Highlight. Allerdings war John McTiernan´s Film im Grunde ein Flop. Aber so ist das mit Filmen, die wirtschaftlich in der hintersten Reihe des Kinosaals sitzen – sie sind meist besser als irgendein ertragreicher Blockbuster. Schwarzenegger weiß allerdings, ihm Gegensatz zu einigen seiner Altersgenossen, dass die Zeit der Actionhelden tatsächlich vorbei ist. Was aber nicht zwingend heißen muss, dass die Kawumm-Rente auch gleich ein Abschied vom Kino sein muss. Das hat sich der Ex-Gouvernator auch gedacht. Filme machen ist ja für jemanden wie Arnie etwas, was das Herz erfreut, und längst nicht mehr die Brieftasche. Entsprechend nischenorientiert sind auch seine letzten Filme gewesen. Ganz besonders seine drittletzte Produktion, die er gemeinsam mit Darren Aronofsky mitfinanziert hat und alles andere als ein gelenkiger Effektreißer ist. Aftermath (im deutschsprachigen Raum übersetzt mit Vendetta – Alles, was ihm blieb war Rache, meiner Meinung nach aber viel zu marktschreierisch, daher bleibe ich beim Originaltitel) ist wohl ein Film, der gar nicht erst darauf abzielt, Geld zu machen. Die bittere Tragödie um einen Mann, der bei einem Flugzeugabsturz Frau und Tochter verliert, ist nichts, was das Publikum sehen will. Auch Arnold Schwarzenegger schauspielerisch herausgefordert zu wissen, in einem Film, in dem keinerlei Action passiert – dem wollen seine Fans garantiert nicht beiwohnen. Doch interessanterweise müsste ich dann sagen: Selber schuld, denn Aftermath gesehen zu haben zahlt sich tatsächlich aus.

Nicht genug, dass der bärbeißige Bauarbeiter Roman seine Familie begraben darf – er kennt auch den Verursacher des Unglücks und will diesen zur Rechenschaft ziehen. Dieses Vorhaben könnte man auch als Rache auslegen, doch so will es Bauarbeiter Roman nicht verstanden wissen. Was er einfordern will, ist die Bitte um Vergebung. Und zwar von jenem Mann, der ebenfalls als Opfer eines fatalen Zusammenspiels aus Personalmangel und Überforderung einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat. Immerhin war es kein leichtsinniger Fehler wie în Öden von Horvath´s Schicksalsdrama Der jüngste Tag, wo die Unachtsamkeit eines Kusses das Entgleisen zweier Züge zur Folge hat, sondern ein tragisches Missverständnis. Doch diese Last der Verantwortung nimmt dem Familienvater auf der anderen Seite der Waagschale allerdings auch keiner ab. Aftermath erzählt beide Geschichten – jene des Hinterbliebenen und jene des Schuldbeladenen. Für beide ändert sich das Leben radikal – in eine Richtung geradeaus in die Dunkelheit.

Der britische Regisseur Elliot Lester hat mit Aftermath einen Film weit jenseits angenehmer Kinounterhaltung inszeniert. Das bedrückende Trauerdrama liegt ungemein schwer im Magen. Wer selbst nicht gerade gedämpfte Laune hat, sollte die sinnierende Schicksalssymphonie tunlichst meiden. Nach Schwarzenegger´s Arbeit in Aftermath wäre es tatsächlich vorstellbar, der Exil-Österreicher könnte mit Michael Haneke einen Film drehen. Spart man am Score, wäre sogar vorliegendes Werk unter der Regie Haneke´s durchaus vorstellbar. Denn nicht weniger intensiv als vom österreichischen Oscarpreisträger gewohnt zieht auch Lester´s Film das Publikum langsam, aber stetig vom Sitz, spätestens dann, wenn eintritt, was längst nicht erwartet wird, und der Druck in der Magengegend noch zunimmt. Aftermath windet den Weg seiner tragischen Geschichte auf wenig betretenen Pfaden und bleibt nachhaltig in Erinnerung, wenn auch auf unbequeme Weise. Schwarzenegger ist zwar immer noch kein mimischer Virtuose, nimmt aber die Challenge in der Verkörperung des Trauernden aufrichtig ernst. Den irreparablen psychischen Schaden und die Verbissenheit seiner Suche nach Erlösung weiß Arnie weitaus besser zu interpretieren als Busenfreund Bruce Willis seinen Killer-Papa in Death Wish – wobei letzterer ein Thriller, und Aftermath ein Drama ist. Und zwar eines, in welchem der Terminator zum Menschen wird, mit all seinen fatalen Irrungen.

Aftermath

Hostiles

BURNOUT IM WILDEN WESTEN

7/10

 

hostiles2© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: SCOTT COOPER

MIT CHRISTIAN BALE, WES STUDI, ROSAMUNDE PIKE, JESSE PLEMONS, BEN FOSTER, THIMOTÉE CHALAMET U. A.

 

Blutsbrüderschaft wie bei Winnetou – daran ist überhaupt nicht zu denken. Was hat sich Karl May wohl dabei gedacht? Der deutsche Schriftsteller war nicht nur niemals in New York, er hat auch niemals sonst seinen Fuß auf die neue Welt gesetzt. Die Ahnung, die er vom Wilden Westen hatte, war das Ergebnis aus Erzählungen, Reiseberichten, und der eigenen romantischen Verklärung von Cowboy und Indianer. Diese Verklärung lässt Regisseur Scott Cooper weit hinter sich. Sogar noch weiter, als sie Kevin Costner hinter sich gelassen hat, bei Der mit dem Wolf tanzt – ein Film, der an sich schon einen völlig neuen Zugang zur Geschichte Nordamerikas gefunden und wie noch niemals zuvor den tiefen Graben zwischen Invasoren und Urbevölkerung zu überbrücken versucht hat. Rund 20 Jahre früher hat ein Epos wie Little Big Man den weissen Amerikanern das Wilde heruntergeräumt – so schmerzlich und vehement wie Arthur Penn´s Meilenstein haben wenige Werke das Schicksal der indigenen Völker begriffen. Dustin Hoffman als verirrter Weißer inmitten einer völlig fremden Welt hat Costner´s Idee vom Verschmelzen ethnischer Identitäten vorweggenommen und ist damit meines Erachtens nach sowieso im Olymp der besten Rollenfiguren überhaupt gelandet.

Diese Leistung vollbringt Christian Bale zwar nicht, sein verlorener Blick hinter Schnauzer und Dreitagebart spricht allerdings Bände. Es ist kurz vor der Jahrhundertwende, der ehemalige Batman verkörpert einen US Army-Captain, welcher wirklich nichts mehr zu verlieren hat. Wie verbraucht und ausgelaugt vom Leben kann man sein? Der zu Stein entemotionalisierte Befehlsempfänger in blauer Montur ist müde vom Krieg, müde vom Töten, müde vom Hass. Dennoch quält ihn der Gedanke, einen Cheyenne an den Ort der ewigen Jagdgründe zu eskortieren. Doch Befehl ist letzten Endes Befehl, Alternativen enden vor dem Kriegsgericht. Also Zähne zusammenbeissen und auf den Sattel, da warten noch einige Hunderte Kilometer Richtung Westen. Und dieser Weg, der ist wie der sprichwörtliche Gang nach Canossa. Eine wie auf gebrochenen Beinen dahinschleppende Tour der Versuchung, Vergebung und des Friedensschlusses. Scott Cooper (Crazy Heart, Black Mass) zeigt in diesem elegischen, epischen und mit traditionellen Landschaftsgemälden ausgestatteten Sühne-Western, wie schwierig und fast unmöglich es ist, Vergebung zu fordern und gleichzeitig zu verzeihen. Da muss der Mensch in seinem irrationalen Wahn namens Rassenhass mal die Erkenntnis erlangen, dass nicht alles eins zu eins über den Kamm geschoren werden kann.  Dass von nichts auch nichts kommen kann. Dass zum Streiten im Grunde immer zwei gehören müssen. Binsenweisheiten, die aber erst mal begriffen werden müssen, vor allem von Leuten, die in ihrer verknöcherten Wut von einst gefangen sind.

Da trägt eine von Komantschen aus dem Familienleben gerissene Rosamunde Pike auch nicht wirklich zum besseren Verständnis bei. Das völlig verstörte Opfer, das nun mit dem Troß Richtung Montana reitet, scheint vorerst die Kluft zwischen den beiden Parteien zu erweitern – bis die ewige Weite, schmerzlindernde Gesten inmitten unwirtlicher Wildnis und die Feinde der Feinde das Blatt langsam wenden, die Sicht auf die Dinge, auf Schuld und Mitschuld langsam aufklaren lassen. Hostiles ist kein Anti-Western, dafür aber ein langer Ritt der Erschöpfung, das naturbeleuchtete Bild der Nachwirkung langer Kriege, die alle Beteiligten unendlich kraftlos zurücklassen. Die Reserven sind dahin, was bleibt, ist bedrückende Erkenntnis. Und endlich so etwas wie ein Funke menschlicher Weisheit, die über Dingen steht, die nicht mehr reparabel sind – auf die sich vielleicht aber ein neues Fundament errichten lässt.

Hostiles

Dolmetscher

OPFER, TÄTER UND IRGENDWAS DAZWISCHEN

5/10

 

dolmetscher© Barbora Jancárová/Titanic, InFilm, coop99

 

LAND: ÖSTERREICH, TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2018

REGIE: MARTIN ŠULÍK

MIT JIRÍ MENZEL, PETER SIMONISCHEK, ZUZANA MAURÉRY, ATTILA MOKOS U. A.

 

Irgendwann passiert es einfach. Und es lässt sich nicht verhindern. Die Opfer von früher treffen auf jene, die ihnen Böses wollten. Sind Opfer oder Täter von früher irgendwann nicht mehr, bleiben die Nachkommen. Doch auch als Filius eines Mörders ist ein solcher immer irgendwie noch jemand, der Schuld auf sich geladen haben muss. Und weiß man seine Eltern gemeuchelt im Massengrab unter der Erde liegend, prangt Opfer auf der Stirn des alten Waisen, der als Dolmetscher außer Dienst den Wohnsitz eben jenes Kriegsverbrechers heimzusuchen gedenkt, der das Leben von Mutter und Vater auf dem Gewissen hat. Der tschechische Filmemacher und Schauspieler JirÍ Menzel spielt diesen alten Herrn im Columbo-Gedächtnismantel und mit einem Profil, das frappant an Gunther Philipp zu seinen späten Kalauerzeiten erinnert, einzig die Ohrläppchen sind etwas kleiner. Da steht er also im Stiegenhaus eines Wiener Altbaus und läutet den völlig zerknitterten Georg Grabner aus dem vormittaglichen Müßiggang. Das hat erstmal nicht wirklich den gewünschten Effekt, den sich der alte Ali Ungar ausgemalt hätte, mit Schießeisen in der Manteltasche und den Memoiren von Papa Grabner im Koffer. Doch kommt Zeit, kommt Erkenntnis – und irgendwie finden sich die beiden plötzlich als Vertreter ihrer Past Generation im Auto wieder – quer durch die Slowakei, auf den Spuren politisch angeordneter Schwerverbrechen, auf aufklärerischen Pfaden, und auf der Suche nach dem Grab der Eltern – oder so ähnlich.

Denn irgendwie verzetteln sich die beiden. Gut, sie sind nicht mehr die Jüngsten, sie sollten sich ruhig Zeit nehmen. Kauzige Roadmovies mit ernstem Hintergrund haben schon Potenzial. Aber das heißt leider nicht, dass sich Regisseur Martin Šulík ebenfalls verzetteln muss. Dolmetscher ist sowohl die Geschichte einer Freundschaft, aber auch ein Gräuel-Dokument mit dem Holzhammer. Dieses Aussöhnen der Nachkommen, dieses Abklären der nachhaltigen Verantwortung und der Sippenhaft – diese Thematik findet sich auch in Chris Kraus´ schräger, ganz anders aufbereiteten Dramödie Die Blumen von gestern wieder. Da wurden sogar Enkelin und Enkel nicht mit ihrer Familiengeschichte fertig. Den Kraftakt muss Dolmetscher auch nicht auf knapp zwei Stunden hinbiegen, das ist etwas, das wohl niemals wieder richtig gut wird.

Die Annäherung von Täterkind Peter Simonischek an den völlig spaßbefreiten Ungar sind die besten Szenen des Filmes. Dieses Miteinander hätte schon Substanz genug gehabt, aus der ganzen nachhallenden Spurensuche ein streitbares Roadmovie durch ein so nahes und doch so unbekanntes Land zu skizzieren. Die von mir sehr geschätzte Burgtheaterlegende in Silbergrau hat noch immer ein bisschen den Toni Erdmann in den Knochen, kann aber auch sein, dass der Mann in diesem Film sehr oft einfach er selbst ist. Das macht ihn sympathisch, brummig und zugänglich – aber erinnert auch an einen Moderator aus einer Gedenktag-Doku. Menzel gibt mit seiner wandelnden, unfreiwillig schrulligen Tristesse in Beige da ordentlich kontra. Doch das und die nebelverhangenen Herbstlandschaften der Ostslowakei ziehen an einem Film vorbei, der eigentlich nur das Grauen der Nazizeit in der Slowakei aufarbeiten will. Das geht schwer zusammen, dafür ist auch zu wenig Platz in dieser Geschichte. Wenn in wenigen Momenten tatsächliche Zeugen auf alten Filmaufnahmen zu Wort kommen, dann ist das Aufarbeitung im Schnellverfahren – so viele schreckliche Details wie möglich in wenigen Minuten. Das kommt ein paar Mal vor. Und ist dann doch erzwungen reißerisch. Wenngleich der Versuch, der NS-Geschichte in den Tälern der Tatra Gehör zu verschaffen, von Regisseur Šulík durchaus ehrenhaft ist.

Dolmetscher weiß nicht, wie es mit all den Ansprüchen umgehen soll. Tragikomisch oder nur tragisch? Augenzwinkernd oder in trauernder Apathie? Neuanfang oder Nicht vergessen können? Natürlich darf Film Widersprüche vereinen, doch hier findet sich nicht mal Peter Simonischek ganz zurecht, den eigentlich mehr die Bilder von damals bewegen als alles andere. Im Grunde aber ist das Ganze ein unausgewogenes Drama, teils semidokumentarisch, teils das Reisevideo zweier Pensionisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Zu wenig geht hier voran, zu viel will erledigt werden. Am Ende hat Martin Šulík sogar noch einen Story-Twist parat, der dann aber tatsächlich funktioniert, und die Figuren von Heute näher ans Ziel ihrer Bestimmung führt.

Dolmetscher

A Beautiful Day

KATHARSIS EINES SCHATTENKRIEGERS

8,5/10

 

beautifulday© 2017 Constantin Film Verleih GmbH

 

ORIGINALTITEL: YOU WERE NEVER REALLY HERE

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: LYNNE RAMSAY

MIT JOAQUIN PHOENIX, EKATERINA SAMSONOV, JUDITH ROBERTS U. A.

 

Auf den Plakaten, die Lynne Ramsays Film beworben haben, war die an alle Cineasten gerichtete, verkaufsfördernde Zeile „Der Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“ zu lesen. An diesem genrespezifischen Richtungsweis ist was Wahres dran. Doch in welchem Ausmaß? Dazu muss ich mir die Figur des Travis Bickle hernehmen, seines Zeichens eine Kultfigur und Wegbereiter des urbanen Irokesenschnitts, famos dargeboten von dem damals unverwüstlichen und mittlerweile ziemlich verwüsteten Robert De Niro. Der Taxifahrer aus New York City ist ein Einzelgänger, ein introvertierter Beobachter, der bei seinen Nachtfahrten allerhand mitbekommt, was sich in den Niederungen der Gosse so alles abspielt. Als ihm angesichts der minderjährigen Prostituierten Iris, dargestellt von Jodie Foster, die Schlechtigkeit des Menschen die Grenzen des für ihn Belastbaren sprengt, greift er zu drastischen Mitteln – er wird zu einem bewaffneten Anti-Helden, der dort aufräumt, wo es im Argen liegt. Er wird zum Befreier.

Ein Befreier ist auch Joe. Auch er befreit minderjährige Mädchen aus den Fängen perverser Kinderschänder. Allerdings steckt bei Joe ein System dahinter. Er ist buchbar, über mehrere Ecken, sodass er gänzlich anonym agiert. Immer wieder rückt er aus, nach wohlüberlebtem Schlachtplan. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Joe taucht auf wie ein Schatten, schlägt mit dem Hammer Schädel ein und befreit seine Opfer, deren Identität per Foto gesichert ist. So schnell wie er gekommen ist, so schnell ist er wieder verschwunden. Hochprofessionell, scheinbar emotionslos. Bickle´s Befreiungsschlag hingegen könnte der Anfang einer solchen Ära der idealisierten Gerechtigkeit sein, wir wissen es nicht. Der Antrieb, der hinter dem Taxi Driver steht, ist jedenfalls nicht der, den Joe für sein Tun und Handeln voraussetzt. Genau hier beginnt A Beautiful Day, in eine ganz andere Richtung zu gehen und die Dimension eines gesellschaftskritischen Selbstjustiz-Thrillers weit über Genre-Grenzen hinweg in die Luft zu sprengen. Der Film, für welchen Joaquin Phoenix für sein intensives Spiel die Goldene Palme gewonnen hat, betitelt sich im Original sowieso ganz anders: You were never really here. Zugegeben, mit A Beautiful Day als sarkastischen Überbau kann ich natürlich mehr anfangen als mit dem Original – obwohl Du warst niemals wirklich hier auf subtil-provozierende Art eine gewisse Neugier weckt. Wer genau war niemals wirklich hier? Und sagt das Joe? Oder das Mädchen Nina, das es zu retten gilt?

Der Originaltitel ist nicht der einzige Aspekt, der mit dazu beiträgt, aus den Elementen einer anfangs simpel erscheinenden Kriminalgeschichte eine kryptische Filmerfahrung zu entfesseln. A Beautiful Day ist tatsächlich ein besonderes Werk, das lange nachwirkt und erst zur vollen Entfaltung gelangt, nachdem sich die Eindrücke, die man aus dem Kino mitnimmt, so richtig gesetzt haben. Diese Wirkung, die erzielt Lynne Ramsey vor allem damit, den asketischen Schwermut ihrer wuchtigen Poesie mit einer ganz eigenen Interpretation von Gewalt zu verbinden. Dieses Zusammenspiel erinnert an das japanische Killer-Kino eines Takeshi Kitano oder Park Chan-Wook´s Oldboy. Ramsey zeigt aber nicht die Gewalteruption an sich, lässt diese nie zum Selbstzweck verkommen, sondern blickt sogar demonstrativ weg und filmt das statische Brachland der Zerstörung danach. So, als wäre man nicht wirklich dabei, aber irgendwie schon. Ganz so wie Joe selbst, der andere befreit, um sich selbst zu befreien. Wir sehen in verstörenden Intermezzi, was das Trauma des einsamen Schattenkriegers ausmacht – wie Splitter eines zerbrochenen Spiegels geistern Bildfetzen aus der Kindheit durch dessen Alltag. Aber nicht nur diese – auch Krieg und Menschenschmuggel spielen eine Rolle. Joe ist eine gequälte Seele, psychisch kaputt, den Gedanken an Selbstmord stets im Kopf. Kein Leben wie dieses, oder nur dann, wenn sich Joe immer und immer wieder selbst befreit, das Grauen durchspielt. Eine Art extreme Therapie, die nur Momente lang für Linderung sorgt. Dazu sorgenfreie Rhythmen, die in ihrem Zynismus den Abgrund, in dem sich die Figuren befinden, konterkarieren.

A Beautiful Day ist mindestens genauso brillant wie Abel Ferrara´s Bad Lieutenant, und lässt sich in der Katharsis seiner zentralen Figur mit Harvey Keitels Tour de Force durchaus vergleichen. Beeindruckend, wie Ramsey – gekonnt liebäugelnd mit den unorthodoxen Erzählstilen Asiens – aus der literarischen Vorlage von Jonathan Ames ein pulsierendes, virtuos zusammengesetztes Labyrinth aus Erlösung, Verfolgung und Vergebung errichtet, aus dem das Mädchen Nina wie Theseus´ roter Faden vielleicht zu einem Ausgang führt, vorbei an den Monstern der Vergangenheit und der Gegenwart – als Symbol von Joes eigenem zerstörten Ich, das im Zwiegespräch nur mehr sich selbst retten kann.

A Beautiful Day

Another Earth

BACKUP FÜRS LEBEN

7,5/10

 

anotherearth© 2011 20th Century Fox

 

LAND: USA 2011

REGIE: MIKE CAHILL

MIT BRIT MARLING, WILLIAM MAPOTHER, MATTHEW-LEE ERLBACH, MEGGAN LENNON U. A.

 

Schade, dass Mike Cahill seit 2014 keinen Film mehr gemacht hat. Dabei zählt der Bilderstürmer für mich seit I Origins – Im Auge des Ursprungs zu den führenden Philosophen des Kinos, visionär im Denken und mutig in der Ausführung ersonnener Gedankenspiele, die an die durchdachten Ideen eines Jaco van Dormael erinnern. Was war I Origins nicht für ein inspirierendes Erlebnis. Die ungestüme Schicksalssymphonie Another Earth war drei Jahre zuvor Cahill´s erster Langspielfilm, realisiert für wohlfeile 200 000 Dollar, und gemeinsam mit Lebensgefährtin Brit Marling, die sich in diesem anmutigen bizarren Hirngespinst einfügt wie Klimt´s Adele in die Ornamentik ihres Schöpfers.

Marling ist’s, die die junge Studentin Rhoda spielt, die einen Verkehrsunfall verursacht – weil am Himmel eine zweite Erde sichtbar ist. Mit Kontinenten und Meeren, das kann man vom Boden aus mit freiem Auge gut erkennen, vor allem nachts. Dass nicht nur Smartphones im Straßenverkehr meist schreckliche Konsequenzen nach sich ziehen – das erfährt die traumverlorene Blonde aus erster Hand. Frau und Kind des gerammten Fahrzeugs sind tot, der Vater überlebt. Weder Sie noch der trauernde Witwer bekommen ihr Leben von nun an wieder in den Griff. Niemandem würde es anders ergehen. Wenn das Schicksal mit eherner Faust zuschlägt, wünscht man sich, die Zeit zurückdrehen zu können. In Ermangelung dessen hilft nur noch Absolution. Rhoda macht den Witwer ausfindig, tarnt sich als Putzfrau und fängt an, ins Leben und in die Wohnung des völlig verwahrlosten Musikers wieder Ordnung reinzubringen. Die zweite Erde, die rückt derweil immer näher. Wenig später der erste Kontakt – und die Gewissheit, dass der Planet eine Spiegelung der eigentlichen Erde ist. Oder die eigentliche Erde eine Spiegelung des mobilen Trabanten. Eine Tatsache, die plötzlich möglich macht, was bislang unvorstellbar war.

Mike Cahill´s Vision von einer zweiten Chance, die sich allen physikalischen Gesetzen zum Trotz am Himmel manifestiert, ist ein assoziativ skizziertes Philosophikum, grobkörnig schraffiert, in einigen Momenten haarfein detailliert, dann wieder wie ein Found Footage-Video. Impulsiv gefilmt, aus dem Bauch heraus und spröde, nah an den Personen. Dann aus der Distanz und manchmal sogar in ikonografischer Apotheose. Ein Preludium für gequälte Seelen, die plötzlich auf das Backup ihres Lebens zurückgreifen können, gemäß der Hypothese paralleler Welten, die im Grunde genau so sind wie die unsere, die sich aber stetig und bis in die unendlichste Variation hin anders entwickeln als jene Realität, der wir inhärent sind. Was aber, wenn eines dieser Universen mit dem unsrigen überlappt? Was wäre dort anders als hier? Was besser? Und würden die Toten dort noch leben?

Another Earth ist wie ein abgehobener Traum, und vielleicht hat Mike Cahill tatsächlich einen solchen geträumt. Belegende Bilder dafür hat er zumindest geschaffen, und seine Überlegung führt zu einem Ende, das den Betrachter weiterdenken lässt als der Film andauert. Mit kreativen Leerräumen, um Unausgesprochenes für uns selbst zu artikulieren. Another Earth funktioniert nicht allein, dafür braucht es die Welt im Kopf seines Publikums. Solche Filme sind viel zu selten, um sie zu ignorieren. Das ist Kino, das weiterwill und nicht aufhören wird, Fragen zu stellen und neue aufzuwerfen.

Another Earth

Three Billboards outside Ebbing, Missouri

DEN TEUFEL AN DIE PLAKATWAND MALEN

7/10

 

threebillboards© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

BUCH & REGIE: MARTIN MCDONAGH

MIT FRANCES MCDORMAND, SAM ROCKWELL, WOODY HARRELSON, ABBIE CORNISH, PETER DINKLAGE U. A.

 

Das erste Mal, als ich mit dem Dramatiker Martin McDonagh in Berührung kam, war die Aufführung seines Theaterstücks Der Leutnant von Inishmore im Wiener Akademietheater. Raues, blutiges Theater aus der irischen Unterwelt. Kein angenehmes Stück Bühnenspiel. Aber intensiv und einprägsam. Aber das ist schon Jahre her. Dass McDonagh auch auf Kino macht, bewies er dann mit Brügge sehen…und sterben?. Ein schwarzhumoriger Krachten-Thriller vor malerischen Fachwerkbauten. Sehenswert ja, aber nicht weltbewegend. Mit dem im Vorfeld hochgelobten Oscar-Kandidaten Three Billboards outside Ebbing, Missouri hat der Ire wohl sein inhaltlich komplexestes und vielschichtigstes Werk auf die Leinwand gewuchtet. Doch wie viel davon ist wirklich von Martin McDonagh? Viel eher lässt sich dieses Werk als Teil der Arbeiten seines älteren Bruders John Michael McDonagh sehen. Der hat sich im Gegensatz zu Martin immer wieder mal mit weitaus schwierigeren, vor allem ethischen Themen auseinandergesetzt. Ganz besonders in seinem letzten Film Calvary – Am Sonntag bist du tot. Ein Film um Glaube und Kirche, Vergebung und Verantwortung. Beeindruckend, bleischwer und metaphorisch. Three Billboards outside Ebbing, Missouri kippt in ein ähnliches Fahrwasser. Kann sein, dass das Kleinstadtdrama durchaus von John Michael´s Herangehensweise an gesellschaftskritische Stoffe beeinflusst worden ist. Wenn ja, war das mit Sicherheit kein Fehler.


Three Billboards otside Ebbing, Missouri könnte an einem Ort spielen, den sich Stephen King ausgedacht hat. Dieses fiktive Ebbing ist eine bigotte, spießige Kleinstadt – erzkonservativ und hinterwäldlerisch. Eine Keimzelle für Mord und Totschlag, für Rassenhass und sozialem Mobbing. Nichts für ungut, aber in Ebbing ist so ziemlich alles irgendwie mit Vorsicht zu genießen. Und dann ist da ein Mord passiert, die Vergewaltigung und Verbrennung eines Mädchens, direkt unter den Billboards, welche die Abzweigung nach Ebbing säumen – und zum Streitfall werden. Denn die trauernde Mutter des Teenies, die verschafft sich mit diesen drei Plakatwänden sowohl mediales Gehör als auch genug Feinde. Und entfacht eine Spirale der Gewalt und der Gegengewalt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.

McDonagh der Jüngere liefert eine fulminante Geschichte, das Zerrbild eines schwelenden Mikrokosmos aus Hass und Wut, aus Genugtuung und Trauer. Und sie klingt so bizarr, dass es tatsächlich so passieren hätte können, was ich anfangs sogar noch gedacht habe. Doch 
Three Billboards otside Ebbing, Missouri ist eine fiktive, rabenschwarze Farce, die vor allem darstellerisch in noch tiefere Schwärze trifft als es die Story ohnehin schon tut. Und damit meine ich in erster Linie nicht mal Frances McDormand, von der man sowieso keine schlechte Arbeit erwartet. Nein – es ist das Schauspiel des Sam Rockwell, die nachhaltig beeindruckt und im Gedächtnis bleibt. Seine Wandlung vom niederträchtigen, hasserfüllten Saulus zum Paulus ist ein grandioser künstlerischer Kraftakt. Die veranschaulichte Kleinkariertheit, Impulshaftigkeit und Verletzlichkeit des latent rassistischen Polizisten Dixon und seine stete Metamorphose erinnert flüchtig an die Paraderolle Harvey Keitel´s in Bad Lieutenant. Ihm zur Seite natürlich der von mir sehr geschätzte Woody Harrelson als Mentor und Dixon´s Vaterersatz. All diese Figuren geben McDonagh´s Parabel der Vergebung eine raue, derbe, knochenharte Intensität, die den Wunsch nach dem inneren Frieden eines jeden einzelnen oder jeder einzelne zu einem zynischen Kreuzweg werden lässt. Das abrupte Ende aber wird den gierenden Gerechtigkeitssinn des Publikums erstmal wenig befriedigen. Später jedoch entfalten die letzten Worte seinen ganzen entlarvenden Zweck. Fast schon als Selbsttest für das Publikum, wie bei Helmut Qualtinger´s Die Hinrichtung.

Die Spirale der Gewalt zu durchbrechen verlangt unendliche, fast schon übermenschliche Größe. Im Angesicht emotionaler Belastung einen Schritt zurück zu treten, damit die Faust ins Leere fährt. Nur, um zu einer für alle erträglichen Ordnung zurückzufinden – das ist die Essenz dieser kraftvollen Ballade, die sich manchmal so traurig anfühlt wie Manchester by the Sea, und manchmal so absichtlich dick aufträgt wie ein Film der Coen´s. Selbstjustiz ist auch keine Lösung, die Hilfe des Feindes vielleicht. Ein Impuls, der neu ist – und Three Billboards outside Ebbing, Missouri zu einer faszinierend trotzigen Odyssee ins Innere verschütterter Menschlichkeit werden lässt.

Three Billboards outside Ebbing, Missouri