Körper und Seele

DIE HEILIGE MARIA DER SCHLACHTHÖFE

7/10

 

koerperundseele© 2017 Alamode Film

 

LAND: UNGARN 2017

REGIE: ILDIKO ENYEDI

CAST: ALEXANDRA BORBÉLY, MORCSÁNYI GÉZA, RÉKA TENKI U. A.

 

Ein verschneiter Wald im Nirgendwo. Es ist still, kein Verkehrslärm stört die Idylle. Inmitten junger Bäume und vor dem reinen Weiß frisch gefallenen Schnees stehen zwei Tiere – ein Hirschbock und eine Hirschkuh. Ein zartes, friedliches Bild. Sie stecken ihre Köpfe zusammen, berühren ihre Wangen, sanft und voller Achtsamkeit. Man erkennt – die beiden gehören zusammen. Was auch immer sie verbindet – es muss stark sein, transzendent, und jedem Zweifel erhaben. So vollkommen dieses Bild auch ist – in Wahrheit ist es nur ein Traum. Und sind Träume wirklich Schäume, wie man sagt? Oder ist es einfach eine andere Realität? Was würde Sigmund Freud dazu sagen? Zu diesem Film? Denn diesen Traum, den träumt in diesem ungarischen Liebesdrama nicht nur einer allein, sondern noch jemand anderes. Ein Traum für zwei. Und beide träumen haargenau das gleiche. Es ist nicht so, dass sie nur ähnliches träumen. Nein – da ist die Rollenverteilung eindeutig determiniert. Der Hirschbock ist der astrale Avatar von Endre, des Finanzdirektors eines Schlachthofes irgendwo in Ungarn. Und die Hirschkuh – sie verkörpert Maria. Die akribisch genaue Fleischkontrolleurin will allerdings nicht so genannt werden. Und auch nicht angesprochen. Und am wenigsten berührt. Denn Maria ist nicht wie alle anderen. Sie könnte an einer Form des Autismus leiden, klar diagnostiziert wird das in diesem Film aber nicht. Sie hat ein eidetisches Gedächtnis und hat Schwierigkeiten, sich sozial zu integrieren. Natürlich ist sie ist eine Außenseiterin, mit ihren hellblonden Haaren und ihrer stoischen Art fast schon ein engelsgleiches, unnahbares Wesen, dass ihr Arbeitsumfeld eher verstört als fasziniert. Oder beides? Endre jedenfalls ist erst dann so richtig von Maria angetan, als beide herausfinden, dass sie im Traum miteinander verbunden sind.

Würde der polnische Meisterregisseur Krzysztof Kieslowski noch leben, er hätte genau diesen oder einen ziemlich ähnlichen Film gemacht. Wer sein Meisterwerk Die zwei Leben der Veronika kennt, der wird wissen, was ich meine. Kieslowski war ein Virtuose, wenn es darum ging, zwischenmenschliche Gefühle auf eine Ebene zu transferieren, die das Raum-Zeit-Gefüge unserer Realität durchbrechen. In der irrlichternd-orchestralen Filmpoesie von Kieslowski entdeckt Irene Jacob eine Doppelgängerin, mit der sie emotional verbunden ist. Von so einer schicksalhaften Kohärenz sinniert auch Körper und Seele – und baut seinen zaghaften cineastischen Annäherungsversuch genau darauf auf. Diese Metaebene, die sich jeglicher rationalen Nüchternheit entzieht, ist gerade dadurch, dass sie nicht widerlegt werden kann und den X-Faktor für sich nutzt, ein philosophisches, wenngleich fatalistisches Gedankenspiel über Bestimmung und einer Seele, die multiversal existiert.

Gegenwärtig gibt es neben Alptraumdeuter David Lynch, der wohl eher in die verdrängten Nischen unserer Wahrnehmung vordringt, noch Filmschaffende wie Mike Cahill, die sich mit Vorbestimmung, Tanszendenz und der Unsterblichkeit unserer Seele beschäftigen. Cahill schuf Werke wie I Origins oder das Gedankengespinst Another Earth, wo die Philosophie eines Kieslowski weitergesponnen wird. Die Ungarin Idliko Enyedi entwirft mit Körper und Seele einen ähnlich autarken, zeit- und wortlosen Raum: eine vertraut wirkende Dimensionskapsel als Treffpunkt zweier Seelen, die wie der Vorort zu einem möglichen Jenseits anmutet. Das ist Metaphysik in seiner schönsten Form. Weniger schön ist die andere Seite der Waagschale – die des Körpers. Da eignet sich nichts besser als ein Schlachthof, der das Lebewesen auf seine physische Beschaffenheit reduziert, aber nicht, ohne Mitleid zu empfinden. Vor allem die Beobachtungen des Arbeitsalltags beim „Verarbeiten“ der Nutztiere könnten tierschutzmotivierte Vegetarier womöglich verstören – wer Bildern von sprudelndem Blut und abgetrennten Rinderköpfen aus dem Weg gehen möchte, sollte Enyedis Film vielleicht nicht unbedingt auf seine Watchlist setzen. Diese Körperlichkeit, die zieht sich als Antipode zur geheimnisvollen Traumebene durch den Film. Die wertvolle fleischliche Hülle von Tier und Mensch bleibt ein nicht zwingend austauschbares Gefäß für viel mehr und vor allem für Dinge, die wir nicht fassen können. Die sich wissenschaftlich nicht niederwerfen lassen, die Liebe nicht als chemischen, sondern als einen höheren Prozess verstehen. Der den Körper aber dennoch für unsere wahrnehmende Welt unabdingbar werden lässt.

Die Bilder aber, die Enyedi zeigt, sind was sie sind, sie bleiben unkommentiert, sind teils magisch, teils nüchtern und dokumentarisch. Körper und Seele erinnert an Thomas Stubers Supermarktromanze In den Gängen – von den Personen, von der alltäglichen Pflicht her, von den Berührungsängsten untereinander. Hier wie dort geht es um Einsamkeit und der Schwierigkeit, Vertrauen im Gegenüber zu finden. Kieslowski hätte Körper und Seele wohl noch magischer, noch verspielter werden lassen, hätte Ildiko Enyedis Inszenierungsstil etwas von seiner stockenden Schwermut genommen, die er manchmal hat. Die sich aber durch Alexandra Borbélys so faszinierende wie ungelenke Entdeckungsreise in die Welt der intimen Nähe in verstohlene Leichtigkeit wandelt. Eine Leichtigkeit, die dem instinktiven Fühlen von Tieren und Menschen folgt. Ohne Worte und am besten frei von Gedanken, die vielleicht alles zerstören könnten.

Körper und Seele

Das Zeiträtsel

RAUMZEIT-ANTI-AGING MIT GLAMOUR

5/10

 

A WRINKLE IN TIME© 2017 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: AVA DUVERNAY

CAST: CHRIS PINE, OPRAH WINFREY, MINDY KALING, REESE WITHERSPOON, ZACH GALIFIANAKIS, STORM REID U. A.

 

Talkqueen Oprah Winfrey als galaktische Lichtgestalt? Dank der funkelnden Schminke im Konterfei des Promis und mit der Märchenfee Reese Witherspoon an dessen Seite können wir das Sternenzepter in guten Händen wissen. Die drei Grazien (die dritte im Bunde ist US-Komikerin Mindy Kaling) erscheinen nach und nach in der Nachbarschaft der unkonventionellen Familie Murry. Die Eltern – experimentierfreudige Wissenschafter mit dem Hang zur Esoterik, die Kinder sonderliche Einzelgänger, hochbegabt und exzentrisch. Da verschwindet der Papa von einem Moment auf den anderen – womöglich hat er ein Portal entdeckt, das unabhängig von Raum und Zeit Zugang in die fernsten Winkel des Universums gewährt. Astrophysiker Murry – dargestellt von „Captain Kirk“ Chris Pine – nennt diesen Zugang Tesseract. Marvel-Fans werden da plötzlich hellhörig, heißt einer der legendären Infinity-Steine doch genauso. Mit Marvel hat das Ganze aber nichts zu tun – eher mit einem höchst eigenwilligen Mix aus Zitaten diverser Märchenerzähler aus der Literaturgeschichte des 20ten Jahrhunderts.

Die literarische Vorlage von Das Zeiträtsel selbst stammt aus der Feder der amerikanischen Kinderbuchautorin Madeleine L´Engle, veröffentlicht in den 60er Jahren. Neben einer Fernsehversion der abenteuerlichen Geschichte durch Raum und Zeit ist die Verfilmung von Ava DuVernay (Selma) ein Spektakel, das womöglich den österreichischen Dramatiker Ferdinand Raimund schwach hätte werden lassen. Das Zeiträtsel ist ein sagenhaft hausbackenes Zauberspiel mit allerlei  märchenhaften Gestalten und surrealer Folklore, es handelt von Licht und Finsternis, von den guten und schlechten Eigenschaften des Menschen. Und nicht zuletzt von sehr viel Liebe, die auch ausgiebig und herzermüdend zitiert wird. Diese theatralischen Figuren, sie tragen Namen wie Frau Wer und Frau Wo und Soundso – das wiederum klingt nach Michael Ende. Auch da erinnert der Film das eine oder andere mal an das Schaffen des deutschen Visionärs, der mit seiner unendlichen Geschichte sowieso schon philosophisch-phantastische Literatur mit den Stilmitteln des Märchens wegweisend vermengt hat. Philosophisch will Das Zeiträtsel auch sein, verheddert sich aber in plakativem Kitsch, der steriler kaum sein kann. Diese Welten rein aus dem Computer sind zwar auf den ersten Blick famos, entpuppen sich aber sehr schnell als nur gerendert und haben nicht viel Seele, geschweige denn Tiefe. Sie wirken nicht echt, wie aufgemalt, und der Zuschauer erahnt geradezu in jeder Sekunde den Greenscreen dahinter. Ich erinnere mich an Peter Jackson´s Jenseitsdrama In meinem Himmel – viel zu viel phantastischer Zuckerguss, teilweise sogar etwas zu flächendeckend hingepfuscht, irgendwie völlig im Widerspruch zu der eigentlichen, tragischen Kriminalgeschichte. Ava DuVernay´s Ringelspiel durchs Weltall passiert Ähnliches, ist anfänglich so entrückt und versponnen, als hätte sich Terrence Malick an einem Kinderfilm versucht. Gegen Ende wird’s sogar noch ziemlich spooky wie in Spielberg´s 80er-Mystery, vor allem dann, wenn das Böse sich des kleinen Bruders bemächtigt. Da hat Das Zeiträtsel dann meine ungeteilte Aufmerksamkeit und macht es sogar noch etwas spannend, bevor die Gute Nacht-Variante einer kindlichen Dimensions-Hopserei a la Inception sein erlösendes Ende findet.

Hierzulande in Österreich fand Disney´s Weisheits-Diskurs für die kommende Generation keinen Kinoverleih. Natürlich orientiert sich die Filmwirtschaft am kommerziellen Erfolg im Ursprungsland – Das Zeiträtsel hatte bislang keinen solchen (was nichts über die Qualität des Films aussagt), also kein grünes Licht für Übersee. Das ist wenig verwunderlich, therapiert dieser wüste Effekte-Mix als familientaugliche Psycho-Fantasy allzu fordernd und lebensberatend am Ziel vorbei. Das kann zu viel des Guten sein, und ist auch für jüngeres Publikum teilweise verstörend unbequem. Hat aber dennoch irgendetwas an sich, das in irritierender Relevanz länger nachhallt als vermutet.

Das Zeiträtsel