Black Panther: Wakanda Forever

MIT ANDEREN WASSERN GEWASCHEN

8/10


BLACK PANTHER: WAKANDA FOREVER© 2022 MARVEL


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: RYAN COOGLER

BUCH / REGIE: RYAN COOGLER, JOE ROBERT COLE

CAST: LETITIA WRIGHT, DANAI GURIRA, TENOCH HUERTA, LUPITA NYONG’O, DOMINIQUE THORNE, ANGELA BASSETT, WINSTON DUKE, MARTIN FREEMAN, JULIA LOUIS-DREYFUS U. A.

LÄNGE: 2 STD 32 MIN


Der rote Faden ist heillos zerfasert: Das MCU unter der Leitung von Kevin Feige, der ja, wie wir aus She-Hulk wissen, vielleicht nicht das ist, was er zu sein scheint, bringt das zerfranste Ende besagter Kurzware nicht mehr durchs Nadelöhr. Zu viele Geschichten, zu viele Antagonisten, zu viele Schauplätze. Jeder Film und jeder Serie kickt neue Storylines aus dem Kreativbüro, in welchem jeder für sich und gleichzeitig gegen alle für seine Ideen Gehör finden will. Das ist für jeden Film und jede Serie Stoff genug für jeweils eigene Phasen. Aus dem stringenten Hop-on der Helden Richtung Zukunft ist ein stetiges Verpassen des Zuges geworden, auf welchem man hätte aufspringen können. Die Lösung? Vom Chaos abwenden und sich selbst treu bleiben; an einer Geschichte weiterfeilen, die es bereits gibt und gerne eine Zukunft hätte, die über das Aufstreben oder Fallen eines Königreiches berichtet, das so autark und versteckt dahin existiert wie Bhutan, dabei aber die technologisch wohl fortgeschrittenste und daher auch mächtigste Nation ist auf einer alternativen Erde, die sich längst mit Extraterrestrischem herumschlagen musste, ganze fünf Jahre durch einen schnippenden Thanos verloren hat und an allen Ecken der Welt irgendwas am Brodeln weiß. Eine Welt, welcher der Klimawandel als ein geringeres Übel erscheint und die viel lieber um heiß begehrte Rohstoffe kämpft, die zum Beispiel als Vibranium allerlei Begehrlichkeiten weckt. Auf diesem Edelmetall fußt der Erfolg Wakandas, eines abgeriegelten Zwergstaates irgendwo in Afrika. Testimonial und Aushängeschild war dort der Black Panther oder eben König T’Challa, Mitglied der Avengers und einer nicht näher definierten Krankheit erlegen. Das musste so sein, diese Wendung ging nicht anders, denn Chadwick Boseman verstarb vor zwei Jahren tatsächlich. Wakanda und Black Panther also auch begraben? Nein. Potenzial für Geschichten hat diese kleine starke Welt noch genug, um das Interesse des Publikum zu erhalten. Und so macht Ryan Coogler aus der Fortsetzung seines oscarnominierten Königsdramas nun ein Königinnendrama epischen Ausmaßes, dass sich ohne viel Geschwafel mit einer traditionellen Politik auseinandersetzt, die Fortschritt und Geschichte in der Waage zu halten versucht.

Was Individuen in ihrem sozialen Gefüge mitunter schwerfällt, nämlich sich selbst treu zu bleiben, will Wakanda als unabhängige Großmacht dennoch meistern. Das gelingt nicht immer. Schon gar nicht, wenn der Rohstoff Vibranium plötzlich andernorts zu finden ist, außerhalb des Königreichs, irgendwo im Atlantik. Dort wiederum weckt die internationale Gier den Schönheitsschlaf einer im wahrsten Sinne des Wortes versunkenen Kultur, die in den Comics zwar als Atlantis verstanden werden will, hier aber als Geschichte seiner Existenz eine gefühlvoll erzählte, plausible Legende im Rücken weiß, die einer Hochkultur Tribut zollt, die wir vielleicht nur mit sehr viel Blut und Gewalt und ganz viel Dschungel in Verbindung bringen, die 2012 den Untergang prophezeit und folkloristisches Artwork hinterlassen hat, das mit nichts zu vergleichen ist. Seinen Einstand bekommt dabei einer der ältesten Marvel-Unruhestifter überhaupt: Namor, der Sub-Mariner.

Es treffen also zwei Pole aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich dennoch aber abstoßen, vielleicht, weil sie doch mehr gemeinsam haben als sie dachten: nämlich das Streben, ihren Reichtum mit niemandem teilen zu müssen. Geht das in einer Welt wie dieser? Coogler macht die Probe aufs Exempel – das Know-How einer jungen Amerikanerin wird zum Spielball der Interessen, aus dem sich sehr schnell ein Welt- oder Völkerkrieg entwickeln kann. Wie das Spiel mit dem Feuer, zerfahrene Diplomatie und schlechtes Politikverständnis mit Luft nach oben plötzlich zum Unausweichlichen führen kann, stellt Wakanda Forever als fokussiertes und ausgewogenes Erzählkino dar, das mit der nötigen Gelassenheit aufgrund einer durchdachten Story Platz für alle Facetten eines Mainstream-Abenteuers lässt, das sowohl aufgrund seiner Schauwerte erstaunt, dabei aber auch nicht auf seine Dramaturgie vergisst. Die stille Trauer genauso geduldig abwartet wie Choreographien innerhalb schneidiger Actionszenen, welche Wert auf die Physis der Protagonisten legen.

Es stimmt schon, aus der Betroffenheitswolke rund um den Black Panther kann sich der Film manchmal allzu schwer lösen, dafür aber schaltet er dann von null auf hundert zu einem gänzlich anderen Schauplatz, der aber nicht aufgesetzt wirkt, sondern aufgrund der neu erschaffenen Paradigmen entsteht: Wakanda Forever taucht diesmal tief ins Wasser und zeigt eine Welt, die um so vieles besser und authentischer auftritt als es seinerzeit im DC-Blockbuster Aquaman zu sehen war. Wo wallendes Haar und schlechtes CGI für unfreiwillige Komik gesorgt hatten, nimmt sich Coogler den Willen und die Zeit, sich wie James Cameron ernsthaft mit einer fiktiven Kultur auseinanderzusetzen, die menschenfeindliche Ökosysteme beherrscht. Dabei verknüpft er dies mit dem Traum über eine vergangene Hochkultur in Bildern, die aus einem Film von Chloé Zhao stammen könnten; mit zurückgenommenen digitalen Effekten, Natürlichkeit und Respekt vor der Kraft des Wassers. Nicht zu vergessen: Wakanda Forever öffnet einen Kleiderschrank voller atemberaubender Outfits und tragbarer Accessoires. Diesen Oscar, so prognostiziere ich, scheint der Film schon in der Tasche zu haben.

Wer hätte das gedacht: Am Ende einer missglückten MCU-Phase gelingt den Marvel Studios tatsächlich noch ein stringenter Meilenstein, ein Balanceakt zwischen den Sehbedürfnissen seines Publikums und einer bekennenden Treue zu einer sich selbst genügenden Welt, die eigentlich auch ohne den ganzen universalen Überbau der Phasen und Storylines ganz gut zurechtkommen würde.

Black Panther: Wakanda Forever

Black Panther

WIE GOTT IN AFRIKA

7/10

 

nullPhoto: Film Frame © Marvel Studios 2018

 

LAND: USA 2018

REGIE: RYAN COOGLER

MIT CHADWICK BOSEMAN, LUPITA NYONG’O, FOREST WHITAKER, MICHAEL B. JORDAN, MARTIN FREEMAN, ANDY SERKIS U. A.

 

Womöglich wissen wir jetzt, warum das Kongobecken im Herzen des afrikanischen Kontinents so eine unzugängliche grüne Hölle ist, wieso sich hier Mythen und Legenden ein Stelldichein geben und kaum jemand jemals bis ins Herz des Dschungels vorstoßen konnte. Und womöglich ist das gefällige Gedankenspiel des grindigen Bösewichts Ulysses Klaue (wie bezeichnend!) gar nicht mal so weit hergeholt, wenn er sagt, dass El Dorado nie in Südamerika zu finden war. (Näheres lässt sich zum Thema Ur-Amazonas nachlesen). Wenn es nach Marvel ginge, steckt hinter all den unerklärlichen Mysterien nichts anderes als das ähnlich wie Hogwarts verborgene Königreich Wakanda. Der Name klingt wie das neue Zirkusprogramm des Cirque du Soleil, ist aber ein schirmgetarntes High-Tech-Afrika, eine irre Mischung aus palmenbedeckten Lehmhütten, Hochhäusern aus Glas und unterirdischen High-Tech-Zentren, bei denen Bruce Wayne feuchte Augen bekommen würde. Doch zum Glück befinden wir uns im MCU, und nicht bei DC. Also keine Angst vor Batman.

Dieses Königreich regiert ein gewisser Black Panther, seines Zeichens Monopolist auf das Super-Erz Vibranium und krallenbewehrter Avenger im superschnittigen, schwarzen Raubkatzen-Outfit. Chadwick Boseman steht dieses nanotechnologische Superteil ausgesprochen gut, seine Auftritte in Lack, Leder und eben diesem magischen Metall sind angesichts der Formschönheit für meine Begriffe immer noch zu wenig gestreut. Doch darüber kann ich gut hinwegsehen, vor allem, weil Black Panther fast ausschließlich an einem Ort spielt, der noch nie so wirklich Schauplatz für das Superhelden-Gekeile war – eben Afrika. Und weil Afrika in Punkto Exotik nur schwer der Rang abzulaufen ist, muss Disney und Marvel zumindest annähernd mit folkloristischen Versatzstücken aus der Wiege der Menschheit ordentlich Bombast erzeugen, um diesem Status gerecht zu werden. Womit wir bei André Heller wären. Was hat dieser österreichische Universalkünstler jetzt mit Marvel zu tun? Das ist leicht erklärt: Heller´s Bühnenkreation Afrika Afrika!, welche hierzulande wieder die Stadthallen füllen wird, zeigt, so habe ich mir sagen lassen, ein Potpourri aus allen möglichen traditionellen Gesängen, Tänzen und Kostümen. Marvel und Regisseur Ryan Coogler tun es André Heller nach – ihre fiktive Stadt des Unmöglichen ist einerseits eine knallbunte Kostümschau mit Motiven aus West, Ost- und Südafrika, andererseits tänzerische Martial-Arts-Performance, begleitet von Klängen und Stimmen, die an König der Löwen erinnern. Womöglich bewusst, denn König der Löwen ist ja auch von Disney, und im Grunde geht es auch im König der Löwen um Krone und Reich, allerdings auf Widlife-Niveau.

Black Panther ist vom roten Faden der Infinity– und Avengers-Storyline so ziemlich komplett ausgekoppelt. Ein waschechtes Spin-Off sozusagen. Aber eines, das aufgrund seines vorwiegend geglückten Händchens fürs Casting so ziemlich ins schwarze Fell des Panthers trifft. Newcomer Chadwick Boseman – mit Shaft-Attitüde und tatsächlich royalem, aber niemals affektiertem Gehabe – verspricht, zukünftig vermehrt auf der Leinwand präsent zu sein. Lupita Nyong’o, diesmal nicht nur in Motion Capture (Maz Kanata aus Star Wars VII), sprüht vor anmutiger Toughness, und Danai Jekesai Gurira als speerschwingende Pseudo-Massai-Kriegerin sorgt für jede Menge sympathische Female Power – hervorzuheben als Woman in Red in flatternder Rüsche, die den bösen Buben in Südkorea gehörig auf die Pelle rückt. Nur Martin Freeman passt hier nirgendwo hinein. Warum er in dieser Marvel-Produktion als Sidekick zum Handkuss kommt, bleibt im Dunkeln. Freeman mag als Hobbit und Watson seine Fangemeinde zurecht um sich scharen – als CIA-Agent kommt ihm jede Glaubwürdigkeit abhanden, und auch sein Schauspiel zeugt von Ratlosigkeit. Zum Glück hält sich der sympathische Brite im Hintergrund – was kein schwieriges Unterfangen ist, bleibt Black Panther als wohldosierte, in sich abgeschlossene Marvel-Extravaganz in Erinnerung, die mit ganz viel frischem Esprit und neuen, unverbrauchten Gesichtern eine vergnügliche Folklore-Show aus dem schwarzen Afrika auf die CGI-Bühne zaubert – inklusive geharnischten Nashörnern und einem schmissigen Soundtrack zwischen Trommelrythmen und Synthie-Klängen. Marvel hat eine Terra incognita für sich entdeckt und sein Universum um ein sinnvoll bereicherndes Who is Who erweitert. Da freut man sich auf Infinity-War. Und wie immer heißt es – nach dem Abspann sitzenbleiben!

Black Panther