Mulan (2020)

STAND BY YOUR CHI

6/10

 

mulan© 2020 The Walt Disney Company

 

LAND: USA 2020

REGIE: NIKI CARO

CAST: LIU YIFEI, DONNIE YEN, GONG LI, JET LI, JASON SCOTT LEE, TZI MA, RON YUAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN

 

Die einen retten das Kino, die anderen machen es verzichtbar: Während Christopher Nolan mit seinem Zeitreiseknüller Tenet wieder leere Sitzreihen füllen will, kommt der Mauskonzern auf den Geschmack, seine Blockbuster streamen zu lassen, in der Hoffnung, den Home-Cinema-Erfolg von Trolls World Tour vielleicht zu toppen. Ins Kino trauen sich sowieso nur wenige, in den USA womöglich noch weniger als hierzulande. Also erscheint Mulan exklusiv auf Disney+, zu einem ordentlichen Preis wohlgemerkt – allerdings gilt der Preis für alle, die vor dem Bildschirm sitzen, und so gesehen fällt das Heimkino vermutlich günstiger aus als wenn man sich im Familien-Kontingent aufmacht ins nächstgelegene Multiplex.

Aber wie sieht es denn wirklich aus? Hätte Mulan lieber ins Kino kommen sollen? Oder ist der Release als Stream völlig ausreichend? Nun, wer bereits sämtliche Disney-Realverfilmungen gesehen hat, wird wissen, dass diese High-End-Produkte eindeutig etwas fürs Kino sind. Und er wird auch wissen, dass dort, wo Disney draufsteht, auch Disney drin ist. Kurz gesagt: Mulan hat als Zeichentrickversion womöglich mehr eigene Klasse, während sich die Realverfilmung nahtlos und unauffällig in all die anderen Realverfilmungen einreiht, die es bereits von Disney gibt. Da sticht vielleicht nur noch Der König der Löwen hervor, ansonsten aber haben alle Filme eines gemeinsam: sie folgen einer gewissen Faustformel, folgen durch Chefetagen gereichten Anforderungen und Geboten und hüten sich davor, aus der Reihe zu tanzen. Diese dogmatische Message Control, die Disney fein säuberlich durchdacht hat, sorgt für ein erwartbares und gleichsam konventionelles Filmerlebnis, das aber zweifelsohne und technisch gesehen auf der Höhe seiner Kunst ist, nichts anbrennen lässt und erfahrene Profis an den Regiestuhl lässt. Wie zum Beispiel Niki Caro, bekannt durch ihr wirklich bezauberndes Coming of Age-Mythendrama Whale Rider, die sich sicherlich nicht zweimal hat bitten lassen, für Disney die uralte chinesische Legende aus der zweiten Dimension zu holen.

Die Legende selbst ist nicht sonderlich komplex: im antiken China droht Gefahr von Seiten der Hunnen. Da springt ein burschikoses Mädchen für ihren Papa ein, ein Kriegsveteran, der kaum noch aufrecht gehen kann, der aber nochmals in die Armee hätte eingezogen werden müssen, da sein Nachwuchs nicht männlicher Natur ist. Damals war das so: Frauen bleiben daheim, Männer ziehen in den Krieg. Alles andere: ein bitterer Affront gegen Traditionen. Mulan allerdings macht einen auf Yentl und tarnt sich als Junge mit stark ausgeprägtem Chi, woraufhin bald alle ihre Kommilitonen staunen werden. Und nicht nur die: auch eine Hexe findet Gefallen an Mulans Mut, der folglich natürlich das Kaiserreich retten wird.

Wenn Mulan mit wallendem schwarzem Haar und in roter Gewandung samt Schwert im kargen Hochland Asiens Pirouetten und Salti schlägt, an den Wänden hochläuft und in Pose geht, dann ist das natürlich großes Kino. Auch die Meute der schwarzbekleideten Antagonisten, die zu Pferde allerhand Staub aufwirbeln, ermöglichen Szenen, bei denen nur noch die Kehlgesänge der Huun Huur Tu fehlen. Jede Menge fernöstlichen Glamour versprüht dieser gesangsbefreite Film, schöne Bilder der Kaiserstadt, ganz nette, natürlich unblutige Kampfszenen. Unterm Strich aber ist die Blutleere aus bereits erwähnten Gründen, nämlich, brav den Disney-Traditionen zu folgen, ebenso auf die angepasste Dramaturgie zu übertragen, die einen gewissen kecken Esprit und darüber hinaus auch Humor vermissen lässt und sich kaum mit dem wachen Geist solidarisch zeigt, den Mulan als erste Kriegerin eigentlich hat.

Mulan (2020)

Artemis Fowl

STIMMEN AUS DER IRISCHEN UNTERWELT

3,5/10

 

artemisfowl© 2020 Nicola Dove / The Walt Disney Company

 

LAND: USA 2019

REGIE: KENNETH BRANAGH

CAST: FERDIA SHAW, COLIN FARRELL, JUDI DENCH, JOSH GAD, LARA MCDONNELL, NONSO ANOZIE, TAMARA SMART U. A.

 

Was Joanne K. Rowling kann, können andere doch auch: mit dem Harry Potter-Hype hat sich gegen Ende der Neunziger das literarische Genre der Jugend-Fantasy auf olympische Höhen gestemmt. Darunter dann einige, die es fast in ähnliche Höhen geschafft hätten, allerdings deutlich drunterblieben, die aber genug Leser finden konnten, um in Potters Fahrwasser mitzuplantschen. Percy Jackson zum Beispiel, mit den Figuren aus der griechischen Mythologie, derer sich natürlich auch Rowling bedient hat. Wirklich kreativ musste da keiner werden – die europäische Sagenwelt ist ein Fass ohne Boden, auf jedem Teil des Kontinents erzählt man sich etwas anderes. Hinzu kommt das Erbe eines Tolkien, der Orks, Zwerge und Elfen für den realitätsflüchtenden Liebhaber magischer Welten mit Peter Jacksons Verfilmungen neu etabliert hat. Natürlich blieb da Irland mit seinen Leprechauns und Fairies nicht außen vor. 2001 erschien unter der Feder Eoin Colfers das erste Abenteuer eines zwölfjährigen superklugen und superreichen Alleskönners und Erbe einer Verbrecherdynastie: Artemis Fowl. Die Fowls schwimmen im Geld, so wie die Waynes, und der distinguierte Knabe erinnert nicht rein zufällig an den juvenilen Bruce, der einen Butler an seiner Seite hat, der auch voller Skills zu stecken scheint, die das Unbequeme vor den Toren des Schlosses halten.

Da stellt sich natürlich die Frage: wie sehr identifiziert man sich mit einem geistig hochbegabten, reichen und durchaus arroganten Burschen, der keine Ecken und Kanten zu haben scheint, alles besser weiß und den nichts erschüttert? Die Skala von eins bis zehn arbeitet sich nur mühsam nach oben. Artemis Fowl ist irgendwie einer, der sowieso alles im Alleingang regeln kann, zumindest interpretiert Shakespeare-Liebhaber Kenneth Branagh den verfilmten Star der Buchreihe genau so, die, gäbe es den Film nicht, mir womöglich unbekannt geblieben wäre. Man erkennt: Casting-Frischling Ferdia Shaw verleiht dem jungen Meisterdieb (was im Film längst nicht klar wird, dass dieser überhaupt einer sein soll) ein an emotionalen Facetten armes Charakterbild. Was bleibt, ist Überheblichkeit unter einem völlig entgleisten Haarschnitt. Mit Sonnenbrille und Begräbnis-Outfit sieht Shaw eher aus wie ein junger Rekrut aus den Untiefen der Men in Black-Organisation. Und im Grunde genommen ist es das ja auch: Was es zu entdecken gilt, das sind die mythischen Welten im Untergrund, die sowieso die ganze Zeit parallel zu der unsrigen existieren. Gut, das ist auch alles andere als neu. Der Punkt geht an Harry Potter. Jenseits der irischen Wiesen tummelt sich ein fahriges High-Tech-Universum an Elfen, Kobolden und Trollen, wovon der eine oder andere in die Menschenwelt entkommt und in kostengünstigem CGI für Radau sorgt. Vor allem die Figur des Trolls wirkt wie ein computergenerierter Zwischenstand ohne Plastizität. Mit unfreiwilliger Komik fehlbesetzt bleibt Charaktermimin Judi Dench als spitzohrige Reinkarnation mit David Bowie-Gedächtnisfrisur, die durch eine unausgegorene phantastische Welt trottet, und die in jeder Minute nicht weiß, was sie hier eigentlich zu suchen hat.

Das sind die Dinge, die mir bei Artemis Fowl vorrangig in Erinnerung geblieben sind. Alles andere ist ein flüchtig notierter Spickzettel für einen über mehrere Filme hinwegziehenden roten Faden, der versucht, das Anfang und das Ende eines Epos zusammenzuhalten, dabei aber ziemlich durchhängt. Dieses Ringen um ein bestimmtes Artefakt hat weder Atmosphäre noch Zauber, auf Zeitdruck schnell hin inszeniert, unter der Fuchtel des Disney-Finanzresorts dahinkreisend und irgendwie längst nicht fertig. Branagh kann unmöglich damit glücklich gewesen sein – ich weiß, wie gut der Mann sonst inszenieren kann. Artemis Fowl dürfte dasselbe Schicksal erleiden wie The Seventh Son, die Verfilmung gleich mehrerer Romane des britischen Autors Joseph Delaney. Oder Der dunkle Turm von Stephen King. Alles Schnellschüsse, runterkupiert auf 90 bis 100 Minuten und wahllos mehrere Elemente aus verschiedenen Büchern vereinend. Was wohl dahintersteckt? Vielleicht haben all die Filme gemeinsam, dass die Studios schon während der Produktion gesehen haben, dass das Projekt nicht das erfüllt, was es versprochen hat, angesichts sämtlicher Verträge aber die Sache zu Ende gebracht werden muss. Und statt der Schublade gibt’s neuerdings das studioeigene Streaming-Portal, wo sich Filme wie diese leicht ins Exil retten lassen.

Artemis Fowl

Spione Undercover

LIEBER DIE TAUBE AUF DEM DACH

6,5/10

 

spioneundercover© 2019 Twentieth Century Fox Deutschland

 

ORIGINALTITEL: SPIES IN DISGUISE

LAND: USA 2019

REGIE: NICK BRUNO, TROY QUANE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): WILL SMITH, TOM HOLLAND, BEN MENDELSOHN, RASHIDA JONES, KAREN GILLAN U. A.

 

Eine gute Bekannte meinerseits darf momentan Zeuge des mütterlichen Instinkts einer Taube werden, denn die nistet gerade auf ihrem Balkon. Wer weiß, was sie sonst noch im Schilde führt. Vielleicht ist es ja gar keine Taube, vielleicht, und das sage ich nur im Flüsterton hinter vorgehaltener Hand, ist sie eine Agentin, die nur so tut, als ob. Klingt nach Unsinn? Prinzipiell ist es das ja auch, was aber nicht für den parodistischen Agentenspaß gilt, der Ende letzten Jahres in unseren Kinos zu sehen war. Dort ist ja bekanntlich alles möglich, also auch die Cartoon-Version des Ex-Men in Black Will Smith, der mit Cornetto-Torso und eng sitzendem Anzug überzeichneten Finsterlingen das Handwerk legt. Anschließend wird der Gute auch entsprechend umjubelt, allein dieser lebenden Legende die Hand zu schütteln macht aus einem schmachtenden Fan bereits einen Placebo-Spion, der es mit der ganzen Welt aufnehmen könnte. In diesen heiligen Hallen der Undercover-Ermittlung und Weltenrettung gibt’s natürlich auch sogenannte „Q“s in allen Altersklassen. Erfahrene Erfinder und Ferialpraktikanten. Anfänger und alte Sprengkopf-Hasen. Einer von ihnen ist der Jungspund Walter Beckett, ein etwas zerstreuter, aber genialer Tüftler, der die perfekte Tarnung hinbekommen will. Schnösel Lance Sterling, also eben Will Smith im Kantenprofil, lässt als Antwort darauf ordentlich viel Arroganz raushängen, doch wenig später muss er sich mit der halben Portion, die aber ganz schön viel im Köpfchen hat, zusammentun, um Schlimmes zu verhindern.

Im Original heißt der kunterbunte Streifen Spies in Disguise – ein netter Reim, der natürlich in der Übersetzung untergeht. Was nicht untergeht, ist die teils brüllend komische Situationskomik, die daraus resultiert, dass Agent Sterling versucht, um alles in der Welt als Taube Haltung zu bewahren – was natürlich nicht gelingt, denn dieser bekommt als urbanes Federvieh zwar die perfekte Tarnung, vom Heldenimage bleibt aber dank umstandsbedingter Peinlichkeiten nicht viel übrig. Vor allem in diesen Momenten ist der von Fox/Disney produzierte und auch liebevoll ausgearbeitete Animationsfilm ein Lachgarant für Jung und Alt. Zugange sind stets sympathische Figuren, die sich irgendwie durchwursteln und bei völliger Überforderung im Einzelnen nur gemeinsam dem Antagonisten das Handwerk legen können. So ein Konzept kennen wir natürlich zur Genüge. Alles, was James Bond ausmacht, darf familiengerecht durch den Kakao gezogen werden. Richtig kreativ wird’s dann im sogenannten Showdown, wenn zum Beispiel das Kindchenschema eines süßen Kätzchens beim gewaltbereiten Gegner entwaffnende Emotionen hervorlockt. Bis dahin aber gibt’s auch so Slapstick genug, wobei Tauben, wie wir am Ende feststellen werden, nicht wirklich zu den attraktivsten Geschöpfen des Universums zählen. Trotz Ekelfaktor, zumindest bei manchen Exemplaren, sind die oft verpönten „Ratten der Lüfte“ gerade im Kontext eines actionreichen Family-Events einen zweiten Blick wert – und leicht kann es passieren, dass man die Taube auf dem Dach dem Spatzen in der Hand vorzieht.

Spione Undercover

Die Eiskönigin 2

LIEDER VON EIS UND PINKEM FEUER

5,5/10

 

FROZEN 2©2019 Disney. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JENNIFER LEE, CHRIS BUCK

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): IDINA MENZEL, KRISTEN BELL, JOSH GAD, JONATHAN GROFF, STERLING K. BROWN U. A.

 

Es war ganz klar nur eine Frage der Zeit. Doch die Zeit, die zog ins Land, und unterm Strich waren es dann doch  ganze sechs Jahre, die es gedauert hat, bis Die Eiskönigin endlich wieder aufgetaut war, um ihren zweiten Selbstfindungstrip in die Wege zu leiten, der ganz schlicht und ergreifend als Die Eiskönigin 2 oder eben Frozen 2 letzten Herbst in die Kinos kam. Warum hat das eigentlich so dermaßen lange gedauert? Gut, nicht ganz so lang wie bei Pixars Nemo-Sequel, da waren es sage und schreibe dreizehn Jahre. Da sind sechs Jahre zeitlich gesehen fast schon gleich mal ums Eck. Bei diesem Kassenfeger trotzdem zu lang. Aber Gut Ding braucht Weile. Und ist dieses Ding auch wirklich gut geworden? Zumindest so gut wie der erste Teil? Nun, wohl eher nicht ganz so.

Wer sich ans Original noch erinnern kann: da hat Disney frei nach Hans Christian Andersen die Geschichte der mit Eiseskräften gesegneten Prinzessin Elsa (nach)erzählt. Humoristisch ergänzt durch treue Rentiere und gut aufgelegte Schneemänner, die später dann wie durch ein Wunder auch bei höheren Temperaturen nicht mehr den Aggregatzustand wechseln mussten. Eisriesen und – Schlösser natürlich inklusive – und jede Menge Songs. Allen voran: Idina Menzels Let it Go. Heute noch ein willkommener Ohrwurm. Wer sich aber an all das nicht mehr erinnern kann, braucht nur in die Spielzeugabteilung irgendeines Großkaufhauses abzuwandern und dort mal das ganze Merchandise zum Kinofilm sichten. Da liegt nicht weniger in den Regalen als bei Franchises wie Star Wars oder Marvel.

Auch bei Teil 2 führen Jennifer Lee und Chris Buck Regie, und auch diesmal darf Idina Menzel wieder Elsas Gefühlszustände intonieren. Von freudiger Erwartung bis zur bitteren Sehnsucht nach Vater und Mutter. Alles hat seinen Song, und Teil 2 ist gefühlt leider noch mehr musikalischer als es der erste Teil war. Wer mit Musicals grundsätzlich nichts anzufangen weiß, dem werden Lieder, die beim ersten Mal Anhören nicht ganz so klingen, wie Ohrwürmer klingen sollen, auf die Dauer etwas den Nerv rauben, trotz des Liebreizes der Geschwister Anna und Elsa und der Lieblichkeit all jener, die die beiden Schicksalsträgerinnen umgeben. Ein richtiger Film also, der perfekt ins Profil märchenaffiner Töchter passt. Und das kommt natürlich nicht von irgendwoher, denn Disney überlässt nichts dem Zufall. Nicht bei Familienfilmen rund um die Weihnachtszeit, denn da geht es grundsätzlich um den Wert selbiger, um den Mut wunderschöner Idole, die man – primär als Vorschulkind – reuelos anhimmelt. Da variiert der Konzern nun mal nicht groß herum.

Womit Jennifer Lee aber, verantwortlich fürs Script, etwas den Überblick verliert, das ist der an den aschblonden Haaren herbeigezogene Plot, der die Bürde mit sich herumtragen muss, etwas weiterzuerzählen, was im Grunde schon auserzählt war. Das merkt man Sequels sehr oft an, wenn sie sich schwertun, noch eine Geschichte übers Knie zu brechen oder unter rauchenden Köpfen eine solche erneut heraufbeschwören zu müssen, die gar nicht erzählt werden will. In Die Eiskönigin 2 folgt die nun ins Herrschaftsleben mehr recht als schlecht integrierte und immer noch sozial etwas frostige Elsa einem sphärischen Singsang, der sie in eine Richtung jenseits des Meeres lockt. Irgendwas hat das Ganze mit einem im Nebel versunkenen Wald zu tun, auf dem ein Fluch lastet, und eine Wahrheit muss ans Licht, damit alle wieder, wenn sie nicht gestorben sind, heute noch glücklich leben. Das ist sichtlich konstruiert, und nicht nur die ganz Kleinen wird die viel zu verschwurbelte Story einigermaßen langweilen, wäre da nicht diese Raffinesse in den Bildern, die Disney wieder an die Leinwand zaubert, diesmal ganz im Farbspektrum marineblau bis lila. Lila geht immer und bei vielen Eltern wird wohl der Nachkauf selbiger Buntstifte zum Aus- und Anmalen wöchentlich auf der To Do-Liste stehen.

Mein Liebling ist immer noch Olaf, ich mag diese leicht verhaltensoriginellen Kerle, die sich nichts scheren, die aber treu zu ihren Freunden stehen – da gibt’s auch ein bisschen was zu schmunzeln, obwohl Die Eiskönigin 2 ganz schön viel royales wie loyales Drama liefert, das aber seine angestrengte Storyline souverän dafür verwendet, die schönsten Seiten von Schnee und Eis zu zelebrieren, in all seinen Nuancen. Andersen hätte das gefallen, obwohl er sein Märchen nicht auch nur ansatzweise erkannt hätte.

Die Eiskönigin 2

Der Nussknacker und die vier Reiche

GIB DEM MÄRCHEN ZUCKER

3/10

 

THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS© 2018 Walt Disney

 

LAND: USA 2018

REGIE: LASSE HALLSTRÖM, JOE JOHNSTON

CAST: MACKENZIE FOY, KEIRA KNIGHTLEY, MORGAN FREEMAN, HELEN MIRREN, RICHARD E. GRANT, MIRANDA HART, MATTHEW MCFAYDEN U. A. 

 

Könnt ihr euch noch an die wildromantische Rolle von Johnny Depp in Lasse Hallströms Chocolat erinnern? Da hatte der Star Juliette Binoche den Kopf verdreht, während sie in einer bigotten, spaßbefreiten Kleinstadt die Schokoladenherzen höher schlagen ließ. Sündige Pralinen waren hier Hallströms Zuckerzusatz für seine Läuterungsmär. Sehr viel später, und punktgenau zur Weihnachtszeit, habe ich dem Schweden die Chance gegeben, sein Zucker-Management auch im Falle von  E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und Mäusekönig unter Beweis zu stellen. Das Ergebnis: artifizieller Kitsch Marke Disneyland.

Die Story dürfte halbwegs bekannt sein und gerne frei interpretiert werden: das Mädchen Clara führt in einer magischen Spielzeug-Phantasiewelt eine Armee an Nussknacker-Soldaten gegen den Mäusekönig ins Feld. Im Hintergrund dieser Flucht in die Fantasie: Der Tod der Mutter und die Bewältigung der Trauer. Zusätzliche sinistere Gegenspielerin: die vorab viel zu frömmelnde Zuckerfee, die dann auch noch Zinnsoldaten ins Spiel bringt. Da tröten die Hörner, da trommeln die Trommler, da singen die Schwäne – oder auch nicht. Irgendwie aber ist Lasse Hallströms Märchenkunterbunt fast schon die Bebilderung des englischen Christmas-Carol-Hits The Twelve Days of Christmas – mit dem einzigen Unterschied zu dem vergnüglichen Zählstrophen-Libretto: Hallström gelingt es mehr unfreiwillig als gewollt, alle 12 Strophen in einen Gesangskanon zu bringen, der folglich in konfuser Turbulenz sein Prinzessinenbalett vorantreibt. Und das liegt weniger an dem Märchen selbst. Das liegt an der erlegenen Versuchung, mit ordentlich viel CGI jedes noch so erdenkliche Detail aus dem Rechner zu schreiben. Und wir wissen längst: je mehr CGI, je mehr die Balance zu analogen Effekten und bitgenerierter Kulisse in Schieflage gerät, desto synthetischer und zuckerwattiger, und auch unerwartet zweidimensionaler werden die Filme. Man nehme nur das Sequel zu Tim Burtons Alice im Wunderland. Irgendwann sind selbst da die Virtuosen vor ihren Rechner angesichts der Fülle an Untertasks schleißig geworden. Das passiert auch bei Der Nussknacker und die vier Reiche. Dabei steht die Maskerade der Reichskönige in erschreckend preiswertem Gegensatz zu den steril-perfekten Umgebungswelten. Wahnsinnig billig auch die seltsam wackeligen Eiszapfen. Ganze Tannenwälder müssen die Last von Tonnen an Kunstschnee aus dem Plastik-Centshop tragen, während die vielen Blumen in besagter Blumenwelt in Kurze den Welketod sterben. Dieses Szenario, diese Kulissen, die sind so dermaßen unecht, dass das Verlangen, sich dort niederzulassen, verhalten bleibt.

Schauspielgrößen wie der einäugige Morgan Freeman, Helen Mirren (ausnahmsweise absolut fehlbesetzt) oder Keira Knightley kommen da sehr schwer an, obwohl Knightley wiedermal ihr Bestes gibt und auf ihre affektiert-egozentrische Art allen anderen Protagonisten mit einem leichten Dreh der Finger im Zuckerwattehaar die Show stiehlt. Anfangs wähnt sich Der Nussknacker und die vier Reiche in seiner nostalgischen Popup-Buch-Ästhetik auf der sicheren Seite. Und man höre genau hin: auch Tschaikowskis Melodien aus dessen Ballett Nussknacker entfalten ihren musikalischen Liebreiz. Sobald wir aber Hoffmanns Narnia-Version entern, lässt sich die Sehnsucht nach Natürlichkeit kaum mehr verdrängen. Ein verregneter Winterwald im Morast wäre mir da zehnmal lieber als die weißen Plastikschnipsel, die gerne Schneeflocken wären. Das klappt nicht, nicht in diesem Kontext, wo all diese Weihnachtswunderwelten Stimmung machen sollen, ganz ohne die Chance auf Achterbahn.

Der Nussknacker und die vier Reiche

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

WER BIN ICH, UND WENN JA WIE VIELE?

8/10

 

null© 2019 Walt Disney

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. J. ABRAMS

CAST: DAISY RIDLEY, JOHN BOYEGA, OSCAR ISAAC, ADAM DRIVER, IAN MCDIARMID, ANTHONY DANIELS, KENNY BAKER, RICHARD E. GRANT, DOMNHALL GLEESON, BILLY DE WILLIAMS, CARRIE FISHER, MARK HAMILL HARRISON FORD U. A. 

 

Abschiednehmen ist prinzipiell keine leichte Sache. Maximal dann, wenn das, was von einem geht, entbehrlich genug ist. Der angekündigte Abschied von etwas, das am Herzen liegt, möchte man so weit wie möglich von sich wegschieben. Dieses Kino- und Serienjahr 2019, das hat uns hinsichtlich diverser Abschiede wirklich nichts erspart, wohl wissend, wie emotional so was werden kann. Erst ist das Endgame der Avengers gespielt, dann hat sich Westeros ihrer Geißeln entledigt. Zwischendurch, wem es noch bei all dem Winken aufgefallen war, hat Sheldon Cooper mit seinem Nobelpreis  ebenfalls das Ende einer Ära gesetzt. Doch wenn man es genau nimmt – keine Ära währte je so lange wie die von Star Wars. Gut, da war jede Menge Leerlauf dazwischen, so sagen wir zwischen Episode VI und I rund 25 Jahre, und dann noch mal mehr als 10 Jahre. Star Wars hat aber schon seit jeher einen langen Atem gehabt, die Luft in diesen ereignislosen Dekaden anzuhalten war für diese Filmsphären tatsächlich kein Problem. Die Sith können das übrigens auch – für lange Zeit verschwinden, um dann wie aus heiterem Himmel aus irgendeinem Eck der Galaxis zuzuschlagen. Das haben sie schon immer getan. Wer die Darth Bane-Trilogie gelesen hat, der weiß, wie diese Taktik lange noch vor den Klonkriegen funktioniert hat. Aber da schweife ich ab, denn da spricht der Star Wars-Nerd aus mir, und ich will meine Rezension auch nicht die ganze Zeit durch den Hyperraum jagen. Ich möchte den diesjährig letzten Abschied von einem phänomenalen Kult auch als Film selbst und nicht nur als sozusagen Heilige Messe für Fans betrachten. Hätte George Lucas damals nicht alles auf eine Karte gesetzt und trotz Unkenrufen von überall her seinen Weltraumfilm nicht auf Schiene gebracht, wäre erstens Star Wars nicht entstanden und zweitens würde der ins neue Jahrtausend hinübergerettete Kult nicht all die Kinder von damals so dermaßen um sich scharen, als wären Pheromone im Spiel. Da muss nur der Name Skywalker oder Darth Vader fallen, schon verschwimmt der Blick. Um mit der neuen Trilogie, egal was sie vorgehabt hat, besser klarzukommen, ist es hilfreich, auch den peripheren Stoff der Comics und Bücher bis hin zu den animierten Serien ebenfalls, wenn auch nur rudimentär, zu kennen. Denn nur dann erschließen sich so richtig all die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und Details, die diese weit entfernte Galaxis jenseits des Kinosaals eigentlich noch ausmachen.

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Mit Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers bringt es J.J. Abrams nun zu einem vorläufigen Abschluss. So wie bei seinem Einstand zur letzten Trilogie 2015 orientiert sich das SciFi-Mastermind abermals an die Grundsätze von Star Wars, nämlich an der Kerntrilogie, und musste womöglich jede Sekunde daran denken, wie das, was er macht, wohl bei den Jüngern der Franchise ankommt. Das ist ein enormer Druck, den möchte ich nicht haben. Gut, dass Abrams dafür ein Budget ohne Ende zur Verfügung hat, und das so viele Professionisten aus allen künstlerischen Ecken des Filmemachens mit dabei waren. Allein war Abrams nicht. Allein sind seine Helden, die er in Szene setzt, auch nicht. Der Widerstand ist wie eine große Familie, und die neue Ordnung separiert sich intern in unterschiedliche Kulte, so wie der von Ren-Rittern, Leading Man Kylo. Doch abgesehen von religiösen oder politischen Gruppierungen – was bleibt dann noch? Wer ist man wirklich, und wenn ja, wie viele? Und wer gehört zu wem? In Episode IX geht es vor allem darum – um das Suchen nach Identitäten, um das Streben nach dem Ende einer Reise, um ein Nachhausekommen. Selbst das Böse sucht seinen Sinn. Und das ist in seinem eingesponnenen Richard-Wagner-Gigantismus von niemals dagewesener, erschreckend aggressiver Düsternis.

Geheimnisse um die Grundsockel dieser fiktiven Welt, die wollen gelöst werden. Dabei hat sich fast schon ein gordischer Knoten zusammenverheddert, denn schließlich müssen ja 8 Episoden unter einen Nenner gebracht und der Kreis geschlossen werden. Das mag viele zufriedenstellen, so, wie es letzten Endes aussieht. Aber vielleicht auch manche unrund zurücklassen. Ich für meinen Teil konnte mich einer erwartungserfüllenden Genugtuung nicht erwähren. Episode IX gibt dem Fan das, wonach er verlangt. Überrascht ihn manchmal, hetzt ihn vielleicht zwischendurch zu schnell und zu fahrig durch die lieb gewonnene Galaxis, wo es immer noch Planeten gibt, die er nicht kennt. Dasselbe gilt für Kreaturen, Städte und Raumschiffe und was weiß der Jedi sonst noch alles. Eine Leistungsschau wie am 1. Mai. Aber das war Avengers: Endgame auch. Und Game of Thrones. Noch mal alles hochfahren, was da ist -und bitte nichts vergessen! Einen solchen Brocken an Legende zu Ende zu bringen ist kein dankbarer Job. Salopp gesagt eine Dreckarbeit. Die Enden sind fast immer das Schwierigste. Die Mittelteile die besten, weil da noch alle Fäden offen sind und lose umherschwirren. Da geht noch alles, da kann man auch noch ordentlich Zynismus wagen. Das Ende aber muss gefällig sein, darf nicht vor den Kopf stoßen und sich auch nicht zu viel Frechheit erlauben. Muss garantiert noch einmal so richtig überraschen, bevor die Fäden alle gebündelt werden. Das schreit nach einem gestressten Kompromiss, der zur Ruhe finden muss. Auch Episode IX ist ein Kompromiss, ein durchgepeitschtes Finale Grande mit etlichen Cameos und im Grunde ganz viel von allem. Manchmal erinnert das Spektakel an die Atemlosigkeit eines Indiana Jones-Abenteuers, durchwegs aber versteht sich Episode IX: The Rise of Skywalker weniger als epische Superlative, sondern vielmehr als die größte Challenge eines zusammengewürfelten Haufens idealistischer und sinnsuchender Nerds, was sehr stark an die gelungene Animationsserie Star Wars Rebels erinnert. Natürlich aber kommt, was kommen muss. Und der eine kann nicht leben, während der andere überlebt. Kommt euch diese Prophezeiung bekannt vor? Könnte sein. Geschichte wiederholt sich einfach, immer wieder holt sich die Dualität in unserem Universum auf beiden Seiten auf ähnliche Weise ihre blutigen Nasen.

Völlig überrumpelt wird man also nicht sein. Angenehm berührt schon. Und irgendwie ist dieses Ende ein Farewell für Zwischendurch, irgendein Gefühl sagt mir: Das ist es nicht gewesen. Nicht in einer ganzen Galaxis. Und schon gar nicht, wenn Identitäten, die man gesucht hat, erst gefunden werden. Was könnte dann erst noch kommen? Ich sage mal: Warten wir´s ab. Lasst uns noch ein paar Minuten auf den vorläufig letzten Vorhang starren, mit den letzten Klängen von John Williams einzigartiger Musik im Ohr. Ein Seufzen, ein Erheben aus dem Kinosessel, leicht verdattert, aber frei von wehmütigem Fan-Hangover. Die Macht, so denke ich mir, wird letzten Endes immer mit uns sein.

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

Maleficent: Mächte der Finsternis

BEI DEN HÖRNERN GEPACKT

6,5/10

 

maleficent2© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE: JOACHIM RØNNING

CAST: ANGELINA JOLIE, ELLE FANNING, SAM RILEY, MICHELLE PFEIFFER, ED SKREIN, HARRIS DICKINSON, IMELDA STAUNTON, CHIWETEL EJIOFOR U. A.

 

Falls sich jemand beim Dacapo des Disney-Märchens aus dem Jahre 2014 die Challenge auferlegt hat, sämtliche Easter Eggs zum Oeuvre Grimm’scher Märchen ausfindig zu machen, wird sehr schnell die Freude daran verlieren. Denn bis auf Dornröschens obligater Spindel, die in den Kerkern hochgotischer Gemäuer samt Spinnrad als ausrangiertes Gut auf bessere Zeiten wartet, gelten die klassischen Elemente weitestgehend als vermisst. Macht aber nichts, Maleficent: Mächte der Finsternis (so finster sind die Mächte eigentlich gar nicht) orientiert sich ohnehin viel mehr am Fantasy- als am Märchenkino, obwohl der integre König mit Krone und Stracciatella-Pelzkragen unter rotem Samtmantel den Klischee-Königen schlechthin alle Ehre macht. Auch das kleine schlanke Perlenkrönchen darf nicht fehlen, welches das Haupt von Michelle Pfeiffer ziert, die in der epischen Fortsetzung als sinisteres Schwiegermonster nur das Beste für sich selbst will, und das auf süfisant aufspielende Art. So zwischen Fantasy- und Märchenkino mäanderte auch die italienisch-deutsche Koproduktion Prinzessin Fanthagiro dahin, damals in den 90ern, voll mit klassischen Märchenzitaten, aber auch jeder Menge finsterer Mächte, die allerlei beseelte Wald- und Wiesenwesen unter Kuratel stellten. Das passiert bei Maleficent auch – nur sind wir diesmal fast 30 Jahre später, und die tricktechnischen Skills im Vergleich zu Fantaghiro sind wie vom anderen Stern. Maleficent: Mächte der Finsternis erstaunt also in erster Linie durch ein phantastisch-lebendiges Ökosystem, da muss sich selbst die durch und durch organische Welt aus The Dark Crystal ab und an ein bisschen anstrengen, um mithalten zu können. Was da im Reich der Moore alles an Zauberwesen aufmarschieren, ist wieder mal ein Fest fürs Auge. Von Elfen so groß wie Pusteblumen bis zu Groot-ähnlichen Baumriesen, die schweren Schrittes durch den Sumpf waten, ist alles da, was das dem phantastischen Realismus hoffnungslos erlegene Herz alles begehrt. Szenenweise wähnt man sich in einem Potpourri aus Motiven der Maler Max Ernst oder Arik Brauer, es kreucht und fleucht, und das ist atemberaubend gut arrangiert. CGI also, wo es hingehört.

In zweiter Linie erstaunt Maleficent: Mächte der Finsternis durch das ikonische Spiel Angelina Jolies. Mit kantigen Wangen, leichenblasser Haut und blutroten Lippen sowie leuchtenden Augen ist die den Zeichentrickfilmen Disneys angelehnte Figur fast schon das Alter Ego der von Glamour und erhabener Unnahbarkeit umgebenen Schauspielerin, die dank ihrer PR-Taktik so auftritt, als wäre sie bereits eine Stufe weiter als all ihre FachkollegInnen, die immer noch einfach nur ihren Job machen. Jolies Auftritt als Dunkelfee mit Hörnern wie Hellboy und Flügeln wie Lucifer lässt sich auf ungenierte Weise genießen, denn alles zusammen ist das eine kongeniale Mischung, und wenn Brad Pitts Ex dann mit offenem Haar und deutlich entrüscht durch das an Alfred Kubins phantasmagorische Strichzeichnungen erinnernde Hideaway der Dunkelfeen schlendert, dann sind das enorm stilsichere, fast schon stilbildende Momente, die den relativ simplen Aufbau der Geschichte vergessen machen. Tatsächlich ist Maleficent: Mächte der Finsternis ein Schaufilm der ersten Liga, das sollte man tunlichst nicht am Fernsehschirm ansehen, sondern im Kino. Die wuchtige, üppige Optik kommt erst dann so richtig zur Geltung, wenn die Leinwand nicht groß genug sein kann.

Ein Film also wie ein Bilderbuch, fast schon für die ganze Familie, in herrlichen Farben und Formen. Darüber hinaus lassen Avatar, Barbarella oder gar der knallige Flash Gordon herzlich grüßen. Ihr seht also, da lässt sich so manch Gesehenes nochmal Revue passieren, und da stört auch der märchenhafte Kitsch nicht, der sich natürlich immer wieder breit macht. So will es Disney, und so will es womöglich auch das Genre des klassischen Märchenfilms, der seine Grenzen Richtung Fantasy mit Spaß an der Sache auslotet. Das viel verpönte CGI hingegen, das immer mehr in Verruf gerät, darf mit dieser Werkschau allerdings wieder sein State-of-the-Art präsentieren. Wer sich damit anfreunden kann, profitiert davon, alle anderen mögen es etwas zu geschniegelt finden. Das Make Up jedenfalls (der gehörnte Ed Skrein im Close Up!), das ist in jeder Hinsicht bereits schon jetzt konkurrenzlos preisverdächtig.

Maleficent: Mächte der Finsternis

Der König der Löwen (2019)

AUDIENZ IN GRZIMEKS TIERWELT

7,5/10

 

koenigderloewen© 2019 Walt Disney Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON FAVREAU

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): DONALD GLOVER, JAMES EARL JONES, BEYONCÉ, CHIWETEL EJIOFOR, SETH ROGEN U. A. 

 

Vor ein paar Monaten erst lief die Realverfilmung eines fast schon antiken Klassikers aus dem Hause Disney in den Kinos – Dumbo. Tim Burton hat sich dafür auf den Regiestuhl gesetzt und ist die Umsetzung in dämmerungslichterner CGI-Optik und mit gänzlich anderer Geschichte angegangen. Darin eingebettet: ein famos animierter Elefant mit Riesenohren, von dessen ledriger Haut beim Schaumbad echte Bläschen perlen. Für den Sommer gibt es dann einen Blockbuster, der erstens mal das dem neuen Dumbo wohlgesonnene Publikum als auch Liebhaber pittoresker Großwildsafaris in die Kinos zu locken vermag: Die – sagen wir mal – reale Unplugged-Version von Der König der Löwen, ohnehin wohl erfolgreichster Zeichentrickfilm, mittlerweile auch schon über 20 Jahre alt und nicht nur zuletzt durch Elton Johns Circle of Life ein Augen- und auch Ohrenschmaus. Da sowieso eigentlich jeder Löwen mag, und Kinder sowieso auf Tiere stehen, und des weiteren viel zu wenige Universum-Dokus auf großer Leinwand laufen, ist diese marktanalytische Milchmädchenrechnung fast schon deppensicher. Von voreingenommener Skepsis mal abgesehen, da Der König der Löwen aus 1994 natürlich seine Fangemeinde hat und nicht so mir nichts dir nichts nachverfilmt werden kann. Dafür muss die nun brandaktuelle Interpretation alle und vielleicht auch ganz neue Stückchen spielen.

Neue spielt sie zwar nicht, aber alle. Zumindest mal optisch. Da würde ich gerne einen Blick hinter die Kulissen werfen, Teil des Produktionsteams sein, und wenn auch nur als Hospitant, um zu sehen, mit welchen Informationen die Hard- und Software arbeitet, um Bewegung, Physiognomie und Beschaffenheit diverser Tierarten so naturgetreu nachzubilden. Gut, es gibt einige Maler, die haben das schon lange praktiziert, allerdings unbewegt. Fotorealistische Bildnisse von Geparden, Antilopen, Tigern und so weiter. Wo zwei Blicke oft nicht reichen, um zu erkennen, dass es sich bei diesen Bildern um Gemälde handelt. Warum sollte das ein Computer nicht auch hinbekommen? Mit den nötigen Informationen zu Anatomie und Bewegung kann da schon gut und gerne eine Welt entstehen, die unserer sehr nahe kommt, und die sich so anfühlt, als säßen wir bei Bernhard Grzimek im Zebraflieger oder irgendwo im Busch, um waschechtes Wildlife zu beobachten. Als wäre wieder Dienstagabend und Universum würde sich einmal mehr einer beliebten Region unserer Erde widmen, nämlich dem Rift Valley. Wäre es notwendig gewesen, die Natur nachzugenerieren, nur weil die Technik es kann? Nicht, wenn keine Fabel erzählt werden will.

Diese ist ein Königsdrama in einer menschenlosen Welt, irgendwo zwischen Shakespeares Hamlet und Serengeti darf nicht sterben, und sogar eine Brise Black Panther ist dabei, im Grunde ja auch ein Spiel der Throne. Mit dieser genialen Animationstechnik lässt sich eben der böse Löwe Scar als böser Löwe darstellen, mit Narbe, sinistrem Augenspiel und fettiger Mähne. Wie man einen Bösen eben darstellt. Als zoologisch versierter Talent-Scout hätte man womöglich lange suchen müssen, um einen solchen Löwen tatsächlich zu finden. Scar in seinem Charakter und seiner machtgierigen Egomanie wie einst Richard III ist sowieso ein Highlight des Films, wenn nicht das Highlight überhaupt. Und dass ein Erdmännchen auf einem Warzenschwein sitzt, ist auch nur dann möglich, wenn die Einsen und Nullen dahinter menschliches Verhalten dulden. Also warum nicht Fotorealismus im Kino, warum nicht mit der Magie des Kopierens einer vertrauten Natur uns alle zum Staunen bringen? Mich hat es erstaunt, und es ist wie geglückte Illusionskunst, auch wenn ich mir das Making Of zumindest ansatzweise erklären kann. Das Drama selbst? Gut überschaubar, nicht auf Dichtheit getrimmt, nicht kompliziert, sondern angenehm geradlinig, wie in Disneys alten Klassikern. Wenn dann das opernhafte Finale auf der Felsenzunge hoch über der Savanne seinen Anfang nimmt, dann sind das mächtige Szenen, eines Königsdramas würdig, in denen der Tod an der Tafel sitzt, und wo das in Nacht getauchte Land vor Flammen lodert. Die sich windenden Muskelpakete der kraftstrotzenden Monarchen wirken wie schwerelos scheinende Skulpturen barocker Steinmetzkunst, ineinander verschlungen und fauchend, immer dann, wenn der Wind die Mähnen bauscht. Das ist großes Kino.

Weniger groß ist der Versuch, mit der Bildgewalt musikalisch mitzuziehen. Zumindest in der deutschsprachigen Synchro – und die auch nur, um den Nachwuchs nicht unnötig anzustrengen – liegt der Verdacht nahe, Helene Fischer am Mikro zu haben, das macht das Ganze deutlich weniger erdig und vielleicht auch etwas seifig, theoretisch ließe sich Elton Johns Welthit auch anders interpretieren. Wenn nicht unbedingt notwendig, dann empfiehlt sich Der König der Löwen im englischen Original ungeschaut eher als auf deutsch, und hätte ich den Film auf Englisch gesehen, wäre der Genuss einer ohne Abzüge, die ich fairerweise bringen muss, um meine Wertung zu erklären. Als Wildtierfotograf und Tierliebhaber aber sehe ich mich emotional ertappt und muss zugestehen, dass Disney auch diesmal wieder gezeigt hat, wo die Benchmark derzeit liegt, nämlich erstaunlich hoch, und wieder ein bisschen höher als bei Dumbo, vor allem, wenn der Vergleich zum realen Vorbild fehlt. Hätten wir den, wäre womöglich immer noch Luft nach oben. Aber ich denke, daran wird gearbeitet.

Wer sich noch an Jean-Jacques Annauds Der Bär erinnern kann, weiß vermutlich noch, wie die animalischen Darsteller da gelitten haben. Für solche Geschichten müsste man heutzutage kein Lebewesen mehr nötigen – das machen die vielen Superhirne vor den Monitoren, die so etwas zaubern wie Der König der Löwen. Traurig wird es dann, wenn das reale Pendant zu solchen Filmwelten irgendwann nicht mehr ganz so prächtig strahlt, und wir nur noch im Kino sehen dürfen, wie der Soll-Zustand solcher Habitate eigentlich auszusehen hat. Dann bekommt das ganze einen zynischen Nachgeschmack, und spätestens dann sollte Disney aufhören, solche Filme zu drehen. Filme nämlich vom Trouble in Paradise, inkognito und fernab unserer Beobachtung.

Der König der Löwen (2019)

Werk ohne Autor

VOM KLAGEN DER BILDER

7,5/10

 

werkohneautor© 2018 Walt Disney Company

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2018

REGIE: FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK

CAST: TOM SCHILLING, PAULA BEER, SEBASTIAN KOCH, SASKIA ROSENDAHL, OLIVER MASUCCI, LARS EIDINGER, BEN BECKER U. A.

 

Wo kein Richter, da kein Wohlgefallen: mit Florian Henckel von Donnersmarcks neuem und für den Auslands-Oscar nominierten, episch-biographischen Streifen hatte der Maler eingangs erwähnten Namens keine Freude. Warum? Nun, weil sich der Künstler in Werk ohne Autor ganz anders nennt – nämlich Kurt Barnert. Auf die Frage hin, warum denn von Donnersmarck nicht gleich und völlig aufrichtig Richter selbst erwähnt, gab es die Antwort, dass vorliegender Film lediglich eine Anlehnung an dessen Biografie sei, und nicht die Biografie selbst. Das allerdings macht vielleicht wütender als die Tatsache, das Kind nicht beim Namen nennen zu wollen. Denn Werk ohne Autor ist bis ins Detail und völlig offensichtlich sehr wohl die Biografie von Gerhard Richter. Selbst die Bilder sind inhaltlich ident, selbst Dresden als die Stadt, in welcher die Lebensgeschichte ihren Lauf nimmt, ist dieselbe. Somit ist das Drama eindeutig eine True Story, nichts Fiktives. Dafür aber trotz seiner sitzfleischfordernden Dauer von 3 Stunden so dermaßen straff und fesselnd inszeniert, dass diese wie im Flug vergehen. Dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts so punktgenau auf relevante Eckdaten heruntergestrichen wurde, dass man dennoch das Gefühl hat, die Zeit in all seinen Tagen vorüberziehen zu sehen. Das klingt, als wäre der Film epische Langeweile – mitnichten! Trotz der formalen Perfektion sind die unerwähnten Tage dazwischen Zwischenbilder im Kopf, scheinbar lückenlos, wie ein ganzes, volles Leben. In welchem viel passiert ist, viel Düsternis zwar, viel unbarmherziges Schicksal, aber auch die Chance, die Dinge in ihrem Zusammenhang zu begreifen, wie Barnert selbst sagt. Und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Was ist Wahrheit? oder besser gesagt – wie ist Wahrheit? Wahrheit ist schön, das sagt zumindest der künstlerisch hochbegabte Junge, dargestellt von Tom Schilling, der mit seiner Aussage gut und gerne einen Platz in Stefan Sagmeisters MAK-Ausstellung Beauty seinen Platz hätte finden sollen. Warum aber ist sie so schön? Schmerzt Wahrheit nicht viel mehr? Oder ist damit nur die Wahrheit der Kunst gemeint? Werk ohne Autor beginnt mit eben dieser – einer vermeintlich falschen Wahrheit, im Rahmen einer Kunstausstellung entarteter Schöpfer des Jahres 1937. Da waren die Maler der Brücke oder des Blauen Reiter künstlerische Missgeburten, verachtet und für krank befunden. Die Wahrheit ist hier auf das groteskeste verzerrt, und damit meine ich nicht die der Bilder, sondern das generische Gesetz eines faschistoiden Geschmacks. In dieser Welt wächst Kurt Barnert auf, ist sichtlich fasziniert von den entarteten Formen, die nur im Kopf geboren sind. Und von seiner Tante, die dem Jungen Weisheiten auf den Weg gibt, und ihn anhält, niemals wegzusehen. In Folge der Säuberung minderwertigen Lebens unter der NS-Herrschaft fällt auch die schizophren veranlagte Verwandte zum Opfer – durch die Hand des SS-Arztes Seeband, der darüber urteilt, was weiterleben darf und was nicht. Erschreckende Szenen, nicht zu begreifen. In seinem Grauen aber pietätvoll, soweit es geht, in Szene gesetzt. Der kleine Kurt ahnt all die Vorfälle, zieht sich zwar nicht zurück, aber verankert sich zusehends in seiner eigenen Realität, seiner Wahrheit, die eines Künstlers, der in einer gewissen Übersensibilität vermeint, mehr zu verstehen als andere, dafür aber nur spricht, wenn Bedarf besteht. Bis es allerdings soweit kommt, bis sich das Portal zum Ausdruck seiner Wahrheit öffnet, vergehen Jahre, Jahrzehnte, passieren seltsame Zufälle, die den Verdacht auf eine deterministische Welt schüren.

Die Wahrheit der Kunst ist die Prämisse von Donnersmarcks schillernden, bravourös erarbeiteten Film, in dem der künstlerische Umbruch der 60er Jahre mit sehr viel Affinität und Aufmerksamkeit nachgestellt ist. Die Kunstakademie Düsseldorf wird zum Schmelztiegel unterschiedlichster Weltsichten, nicht mehr unterdrückter Messages und schwer zugänglicher, befreiender Aufschreie. Hinsehen muss erstmal weniger der Kunstkonsumierende, sondern der Künstler selbst, der zu dieser Zeit den Krieg mit der Muttermilch mitbekommen und die Nachkriegszeit erlebt hat, eine Kindheit voller Entbehrung und Bitternis. Von diesen Umständen längst angewidert, müssen innere Wahrheiten ans Licht, und schwere Schuld getilgt werden. Zum Beispiel die Schuld eines Monsters in Weiß, das noch nach dem Krieg das Erbgut der Elite arisiert sehen will. Sebastian Koch legt als arroganter Übermensch eine beeindruckende schauspielerische Arbeit vor – so furchterregend rausgeputzt war rechthaberischer Trotz noch selten. Schilling aber, stets mit dem Blick aufs Wesentliche, findet in seiner Wahrheit jene dunkle des anderen. Und lässt Kunst entstehen, unscharf und verwaschen wie die Erinnerung. Doch was steckt dahinter, hinter all diesen Bildern? Vielleicht gar nichts, nur der Deckmantel des erkennenden Blickes. Keine Biografie, kein Trauma. Ist das zu wenig? Soll ein Künstler nicht sich selbst verarbeiten? Als man Samuel Beckett gefragt hat, was seine Werke eigentlich sollen, wusste er es selbst nicht. Auch David Lynch trägt wenig Erhellendes zu seiner Arbeit bei. In Werk ohne Autor hat das Werk letzten Endes tatsächlich keine Geschichte. Sondern nur die Geschichte des Betrachters, der sich ertappt fühlt.

Werk ohne Autor

Aladdin (2019)

EIN BLAUES WUNDER ERLEBEN

7/10

 

aladdin2019© 2019 Disney Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: MENA MASSOUD, NAOMI SCOTT, WILL SMITH, MARWAN KENZARI, NASIM PEDRAD U. A.

 

Was bin ich froh, dass unser Auge elektromagnetische Strahlung von einer Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer wahrnehmen kann. Es ist das reflektierte Licht, das es sieht. Und zwar in von uns unterscheidbaren rund 20 Millionen Nuancen. Ein Wunder, um es salopp auszudrücken. Gut, dass das Kino schon in den frühen 30ern begonnen hat, Farbe zu bekennen. Und sich anfangs dieser üppigen Strahlkraft in reinstem Technicolor bedient hat. Mit Aladdin hat Disney tatsächlich gefühlt alle 20 Millionen Schattierungen aus dem Malkasten gekippt, direkt in die fiktive, an historisch ähnlichen Begebenheiten angelehnte, frei erfundene Welt von Scheherezade hinein. Und das Volk, es strahlt. Ein Pomp ist das, ein Fest verliebter Details, die da auf das altersdurchmischte Publikum einprasselt. Da wünscht man sich, im Kino auf die Pausetaste drücken zu können, um wirklich jeden Winkel im Breitbild entdecken zu können. So aber bleibt der Blick nur an einigen wenigen Szenen hängen, aber die sind schon perfekt genug platziert, um den Eindruck einer Märchenwelt zu erlangen, die das wahre Bagdad eines Harun Al Raschid, unter dessen tatsächlicher Regentschaft die Sammlung der Märchen aus tausendundeiner Nacht erst entstanden sind, in den spärlichen Schatten einzelner Dattelpalmen stellt. Der Palast, er funkelt und schillert, ihm zu Füßen ein turbulenter Alltag zwischen Tuchverkäufern, Fladenbrotbäckern und Tagedieben, wie unser Held Aladdin einer ist. Der gerät wie durch Zufall an die traumhaft schöne Tochter des Sultans, Prinzessin Jasmin, die in Allerweltskleidung (immer noch von großem Stil) einen auf gewöhnlich macht und hungernden Kindern Brote klaut. Aladdin rettet sie natürlich von der Stadtwache und fällt dabei dem Großwesir Dschafar ins Auge, der in ihm den richtigen Kandidaten zur Beschaffung einer ominösen Lampe sieht. Der Rest ist natürlich eine bekannte Geschichte, sofern entweder das originäre Märchen oder der Zeichentrickfilm von Disney aus dem Jahr 1995 geläufig ist. Der war damals eine Sensation: Mit Witz, sympathischen Figuren, von aufgeweckt abenteuerlichem Reiz und mit dem Herz am rechten Fleck. Die Stimme des blauen Dschinni: Robin Williams.

In Guy Ritchies Neuverfilmung dirigiert Will Smith das Wunschkonzert, mit blassblauem Teint (eigentlich ist er Navyblau), gewinnendem Schmunzeln und einnehmendem Talent zum Showmaster. Die Wahl des ehemaligen Prinz von Bel Air war eine gute – Smith ist nach einigen schwächeren Ausflügen ins ernstere Fach wieder dort gelandet, wo er sein Charisma aus der Lampe lassen kann: in einer komödiantischen, aber niemals albernen Rolle voller gutherziger Untertöne und der bescheidenen Sehnsucht nach Freiheit. Das nimmt man dem Flaschengeist, ohne lange zu überlegen, locker ab. So wie Aladdins Schwärmerei für die schöne Unbekannte. Das alles liegt natürlich an einem Ensemble, welches vor lauter Spielfreude gar nicht mehr weiß wohin damit. Einziges Ventil: lasset uns singen! Und auch das gelingt, obwohl ich Musicals nicht sonderlich mag. Warum mich die melodiösen Monologe dennoch überzeugt haben? Nun, weil der lässige Guy Ritchie die Nummernrevue so lückenlos in die Handlung verwebt wie die Knoten bei einem Perserteppich. Mit dem Ergebnis, dass besungene Actionsequenzen a la Indiana Jones neuerdings die Schule machen und ohne die in die Suqs der Altstadt geschmetterten Zwei- und Mehrzeiler das ganze Brimborium nur mehr der halbe Spaß sein könnte. Also lauschen wir den arabischen Rhythmen, verlieben uns in hüftschwingende Exotik und bemerken bald, dass das passive Lümmeln im Kinositz einem zaghaften Schultershake gewichen ist. Das geht ins Ohr, was Aladdin und Co hier zum Besten geben, und nimmt auch nicht überhand, sodass man es leid wäre, in ein reines Musical gegangen zu sein. Ganz Musiktheater ist es nämlich auch nicht, und das ist richtig so. Viel wichtiger scheint die Opulenz des Zauberspiels zu sein, an dem Ferdinand Raimund seine ganze Freude gehabt hätte und sowieso schon üppigst ausgestattete Filme wie Hook plötzlich entsättigter wirken. Farbe ist in Aladdin das neue Schwarz, Prunk das neue Feng Shui und die alte Tradition des Geschichtenerzählens gerade wieder innovativ. Guy Ritchie, der natürlich gerne Legenden konterkariert, weiß, dass Aladdin so was nicht verlangt. Natürlich auch, weil Disney das nicht will. Und Familienfilme wie dieser mit bewährtem Storytelling am besten funktionieren.

Der charmante Witz, der kommt allerdings trotzdem nicht zu kurz, ganz im Gegenteil. Zu lachen, schmunzeln und träumen gibt es viel. Und selbst Ritchies Vorliebe für Slow-Motion inmitten rasanter Parcours finden ihren Platz. Natürlich ist es Kinokitsch, natürlich auch vorhersehbar. Aber wie Kinder, die Märchen immer und immer wieder hören wollen, und sich in der unverrückbaren Ordnung von Gut, Böse, Gerechtigkeit und Liebe immer und immer wieder festigen wollen, sind auch wir Erwachsenen davon nicht ausgenommen. Das ist schon eine eigene realitätsvergessene Magie, die tröstend erscheint und glücklich macht. Eine Art Fluchtkino, das gut tut.

Aladdin (2019)