Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings

NEUE HELDEN BRAUCHT DAS LAND

7,5/10


shang-chi© 2021 Marvel Studios


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

CAST: SIMU LIU, TONY LEUNG, AWKWAFINA, BEN KINGSLEY, FALA CHEN, MICHELLE YEOH, FLORIAN MUNTEANU, BENEDICT WONG U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Warum auch immer Black Widow als Auftakt für die neue Phase des MCU hergenommen wurde – Scarlett Johanssons womöglich letzter Ausflug als Natasha Romanoff scheint eher wie der Epilog der letzten Phase zu sein. Der Final Curtain für eine schneidige Heldin. So richtig frischen, neuen Wind, und das noch aus einer ganz anderen Himmelsrichtung, nämlich von dort, wo die Sonne aufgeht, bläst uns erst Shang-Chi oder The Legend of the Ten Rings ins Gesicht. Wie fühlt sich dieser Luftwechsel an? Ungefähr so, wie sich bereits die Serie Loki angefühlt hat. Dort wiederum, auf dem hauseigenen Streamingportal, ist das MCU längst schon an neuen Ufern angekommen. Der Gott des Schabernacks, Wanda Maximoff und der neue Captain America haben sich bereits schon warmgelaufen für das, was da noch kommen möge. Jetzt allerdings haben wir seit Captain Marvel nach langer Zeit wieder mal eine Origin-Story, die natürlich die gängigen Parameter für so eine Genese zu atmen hat, die aber durch sein wild wucherndes Märchen-Kolorit den Alles-ist-möglich-Wahnsinn der Guardians of the Galaxy auf die Erde wuchtet.

Dabei ist das MCU seit jeher ein zwar stets zusammenhängendes und auch homogenes, aber in seiner Sprache manchmal hochgradig unterschiedliches Universum. So zu Beispiel bleibt die Captain America-Fraktion mit Winter Soldier, Nick Fury oder eben Falcon auf gesellschaftspolitischer Bühne und zeichnet das unserer Realität am nächsten kommende alternative Weltbild. Auf der anderen Seite stehen die Guardians und alles, was da so aus dem interstellaren Raum auf uns eintrudelt. Knallbunt, phantastisch und verspielt. In dieses Fahrwasser begibt sich auch der Neue unter den Weltenrettern: ein typ namens Shang-Chi, der den Infinity-krieg gut überstanden hat und so tut, als wäre er ein ganz normaler Amerikaner mit Migrationshintergrund, der seinen Alltag bestreitet wie jeder andere auch. Dem ist natürlich nicht so, und eines Tages tauchen wilde Kerle auf, die Shang-Chi an den Hals wollen. Um diesen hängt nämlich das Erbstück seiner verstorbenen Mutter, das Papa Xu unbedingt haben will. Und nicht nur das – die Familie, in dessen Besitz die zehn magischen Ringe fallen, soll wieder zusammenkommen, um Rache an denen zu nehmen, di Xus bessere Hälfte und Mutter von Shang-Chi gefangen halten.

Wie in Black Widow dreht sich auch in Shang-Chi an the Legend of the Ten Rings sehr viel um die Familie und dessen Zusammenfindung. Familie war Disney immer schon wichtig – man merkt deutlich den Einfluss des Mauskonzerns auf das Marvel-Franchise. Doch das macht nichts, diese Formeln fügen sich ganz gut in einen neuen, vielversprechenden Überbau, indem Magie, Zeit und Dimensionen eine große Rolle spielen werden. Dementsprechend heisst es bei Destin Daniel Crettons Marvel-Debüt: alle Sinne auf Empfang, denn da kommt was Unerwartet großes auf uns zu. Und auch wenn es im Film niemals ausgesprochen wird – es scheint, als wäre das von Mythen umrankte Tal Shangri La nun endlich gefunden worden.

Martial Arts war klar – die Fights sind formschön und übersichtlich choreographiert. Action State of the Art, was anderes hätte man ja nicht zu erwarten brauchen. Was letzten Endes die Erwartungen durchaus sprengt, ist der gegen Mitte des Films erhaltenen Drall Richtung sagenhafter Märchenwelt – im Gegensatz dazu wirkt das jüngste Mulan-Abenteuer wie eine solide Terra X-Doku. Neben den sympathischen Sidekicks wie die gewohnt burschikose Awkwafina und eines ganz besonderen, alten Bekannten aus den frühen MCU-Phasen sorgen phantastische Tierwesen, welche die Möglichkeit eines Crossovers mit dem Harry Potter-Universum einräumen könnten, für überraschtes Staunen. Und es kommt noch dicker, bunter und spektakulärer. Shang-Chi and the Ten Rings beginnt wie ein geerdeter Marvel-Film, zieht daraufhin sämtliche Asse an Schauwerten aus dem Ärmel und endet als folkloristisch angehauchtes und selbstbewusstes Eventkino. So beeindruckend der virtuose Bilderreigen auch sein mag – er hätte längst nicht so eine treffsichere Wirkung erzielt, wären die Protagonisten nicht so gewissenhaft gecastet worden wie sowieso schon immer im MCU (mit Ausnahme von Captain Marvel vielleicht). Serien- und nunmehr Kino-Shootingstar Simu Liu verleiht dem asiatischen Helden eine bescheidene Natürlichkeit. Wie Hawkeye, nur statt Pfeile sind es folglich Ringe, die noch eine wichtige, wenn nicht gar sehr wichtige Rolle spielen werden. Denn nach dem Abspann heißt es wieder: Sitzen bleiben!

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings

The Suicide Squad

UNTER KEINEM GUTEN STERN

9/10


thesuicidesquad© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: IDRIS ELBA, MARGOT ROBBIE, JOEL KINNAMAN, JOHN CENA, DANIELA MELCHIOR, DAVID DASTMALCHIAN, PETER CAPALDI, VIOLA DAVIS, MICHAEL ROOKER, JAI COURTNEY, NATHAN FILION, TAIKA WAITITI, ALICE BRAGA, SYLVESTER STALLONE U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Marvel hat seine Guardians of the Galaxy, Star Wars die Bad Batch, Quentin Tarantino seine Inglourious Basterds. Und DC? Dort träumen skurrile Typen von Freiheit und lassen sich dafür sogar einen Switch-Off-Chip installieren, falls sie plötzlich Muffensausen bekommen sollten. Damit gemeint ist die Suicide Squad: Zusammengewürfelte Outlaws und Grenzgänger, chaotische Individualisten und über die Stränge schlagende Idealisten. Und manche sind scheinbar nur zufällig mit von der Partie. All diese Anarcho-Selbsthilfegruppen scheinen zwar ihren ganz eigenen egoistischen Bedürfnissen treu zu bleiben, das hehre Ziel allerdings schwebt über allem scheinbar unbemerkt, weil irgendwas oder irgendwer auf dieser Welt es dann doch noch gut meint. In diesem Sinne ist das aus den tiefen Kellern des Comic-Universums von DC hervorgeholte Rat Pack also wieder unterwegs. An David Ayers Versuch, ein ebensolches Team zusammenzustellen, erinnert sich niemand mehr. The Suicide Squad ist also weder Prequel noch Sequel, sondern viel mehr ein neuer Versuch, den richtigen Ton zu treffen. Das kann jedoch nur passieren, wenn die Studios, anders als bei Ayer, nicht andauernd ins Handwerk des Künstlers pfuschen. James Gunn muss her. Einer, der sich mit Antihelden, die das Herz dennoch am rechten Fleck haben, sehr gut auskennt. Die erfolgreichen Guardians gehen auf seine Kappe. Doch Gunn kann sein Können auch auf menschelnde Augenhöhe runterschrauben: Super – Shut up, Crime! ist ein Möchtegern-Heldenfilm mit und für Underdogs; teils geschmacklos, größenteils aber grundsympathisch. Blutig natürlich auch. Mit so etwas dürften Harley Quinn und Co mit dem Sanktus von ganz oben durchaus liebäugeln dürfen. Doch nur unter einer Bedingung: Keiner spuckt dem Meister seines Fachs in die Suppe.

Wie sieht das also aus, wenn visionäre Filmemacher freie Hand haben? So wie Zack Snyder’s Justice League? Ungefähr. Oder noch besser. The Suicide Squad ist nach Taika Waititis Thor: Tag der Entscheidung das wohl Abgefahrenste aus der Nische gerne als Einheitsbrei ausgeschimpftem Heldengetöses. Bei der Suicide Squad perlt sowas jedoch ab. Gegen die Suicide Squad wirken selbst Star Lord und Co wie gefällige Streber. Es ist, als wäre das Selbstmordkommando der gemeinsame Nenner eines ausgekotzten Brainstormings, die teils assoziative Auferstehung eines vollgekritzelten Scribbelblocks, in welchem James Gunn seine Ideen sammelt. Absurde Überlegungen, seltsame Anspielungen, groteske Anekdoten und skurrile Biomassen. „Ja, machen wir alles“, denkt sich James Gunn, „dieses mein Werk wird pure Anarchie, ein roter Faden muss aber dennoch sein. Ein konventioneller Plot als Unterbau, der allerdings so dermaßen zerfransen soll wie ein von einer Katze zerfetztes Wollknäuel.“ Dabei wirft James Gunn sein Publikum sofort ins kalte Wasser. Was braucht man schon viel erklären, die sozialen Interaktionen all der absurdesten Gestalten aus den gezeichneten Panels ebnen längst den Weg zu einem brachialen Guilty Pleasure-Kino, dessen Missionsziel zwar auf ein Post-it passt, dieses aber andauernd überschrieben wird.

Frei nach dem Motto „Tun wir mal, dann sehen wir schon“ gehen zwei Teams auf einer fiktiven südamerikanischen Insel an Land, um einen von den Nazis errichteten Gebäudekomplex mit Namen Jotunheim zu stürmen und diesen dann in Schutt und Asche zu legen. Diese zwei Teams sind sehr schnell ausgedünnt, und nur die wirklich zähen Hunde rund um Scharfschütze Bloodsport arbeiten sich durch den Dschungel Richtung Ziel. Unter anderem mit dabei: ein humanoides Hai-Wesen, ein Freak mit Punkte- und Mutterkomplex sowie eine Rattenbändigerin. Ach ja, Peacemaker darf nicht fehlen. Einer mit doofem Helm und Muckis, da bekommt selbst Arnie weiche Knie. Allerdings: das, was hinter den Mauern von Jotunheim vor sich hin vegetiert, wird nicht nur alle Pläne der Suicide Squad (sofern welche vorhanden sind) auf den Kopf stellen. Comicnerds werden jauchzen und alle anderen die aufrechte Sitzposition suchen. Man will ja schließlich keine noch so genüsslich verpeilte Szene verpassen, von denen es in The Suicide Squad so viele zu geben scheint.

Auf seiner genialen Stinkefinger-Tour könnte man Gunns Festival der verqueren Charge mit den überzuckerten Eskapaden von Spongebob Schwammkopf und seiner Entourage vergleichen, verbrüdert mit Deadpool und dem Roten Blitz. The Suicide Squad mag’s gern blutig, frohlockt mit perfiden Seitenhieben auf psychologische Traumata, verpönt politische Ambitionen und schert sich einen Dreck um welche Correctness auch immer. Im Laufe des Abenteuers entsteht dann sogar so etwas wie Gruppendynamik, die den Avengers stolz die Zunge zeigt. War‘s am Anfang schon absurd, wird’s am Ende noch absurder. Kontrovers wird’s allerdings nicht, was dem klitzekleinen guten Gewissen der Kämpfernaturen geschuldet bleibt.

Freie Hand zu haben, das ist schon was. Die eigenen Ideen im Rahmen eines sauteuren Blockbusterkino ausleben zu dürfen, muss für James Gunn wie der Himmel auf Erden gewesen sein. Inszeniert hat er aber einen saukomischen Höllenritt, nach dem man so manche Fauna mit anderen Augen sieht. Und wehe, es kommt irgendwann jemand auf die Idee, Harley Quinn und Bloodsport umzubesetzen.

The Suicide Squad

The Tomorrow War

DIE ZUKUNFT KOMMT VON DEN STERNEN

6/10


the-tomorrow-war© 2021 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CHRIS MCKAY

CAST: CHRIS PRATT, YVONNE STRAHOVSKI, BETTY GILPIN, J. K. SIMMONS, SAM RICHARDSON, EDWIN HODGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


In die Zukunft zu schauen ist ein ambivalenter Umstand. Zum einen meist Humbug, ganz viel Astrologie, und jede Menge Häuser in Konjunktur mit diversen Planeten, die das Glück des Tages bestimmen. Zum anderen ist es durchaus legitim, wenn’s um Dinge wie den Klimawandel geht. Dem Planeten ist das egal, uns aber könnte es bald wegschwemmen, austrocknen oder davonblasen. Zum nochmal anderen gibt’s die Zukunft, die sich kein bisschen abzeichnet, über die sich manche aber dennoch den Kopf zerbrechen. Sorge dich nicht, lebe!, sagte einst schon Dale Carnegie in seinem gleichnamigen Bestseller. Was juckt mich, wenn morgen der Komet kommt? Wenn mir morgen der obligate Ziegelstein auf´s Haupt fällt oder wenn sich Aliens in meine Wade verbeißen? Genau an dieser Stelle wird „Star Lord“ Chris Pratt Einspruch erheben.

In seinem neuen Actionkracher, welchen er stolz und mit Clint Eastwoods kennerhaftem Kneifblick anzuführen vermag, ist es möglich, per Zeitreise für rosige Aussichten zu sorgen. Aber nur, wenn alle bereit sind, für ihr Wohl zu kämpfen. So viel Einsatz würde man gern nach Greta Thunbergs Ansprachen sehen. Doch das Klima ist kein greifbares Monster. Die White Spikes hingegen, die in naher Zukunft ganz plötzlich die Erde überrennen, und anders als in A Quiet Place alle Sinne beieinander haben, sind handfeste Bioinvasoren erster Güte und jagen sich an die Spitze der Nahrungskette, während der Mensch zum Zwischenglied verkommt. Deswegen reisen bis an die Zähne bewaffnete Krieger in die Vergangenheit, um alles, was noch gerade laufen kann, für den Endkampf zu rekrutieren. Teil der zusammengewürfelten Miliz ist Dino-Dompteur Chris Pratt, der zumindest als Ex-Soldat sowas wie Kampferfahrung hat. Klarerweise sieht er sich in der Pflicht, busselt seine Familie zum Abschied und fort ist er – für eine Woche. Vorausgesetzt, er landet nicht am extraterrestrischen Buffet.

Ein bisschen konfus ist dieser Alien-Actioner schon und viel weniger präzise ausformuliert als John Krasinskis Gehör-Knaller. Während ich mich bei letzteren noch ordentlich wundern musste, warum der hochtechnologisierte Mensch es nicht auf die Reihe bekommt, instinktgetriebenen Kreaturen, die noch dazu akustisch leicht zu manipulieren sind, Herr zu werden, erscheint in diesem exklusiv auf amazon veröffentlichten Wohnzimmer-Blockbuster allein die Menge der wütenden Viecher jegliche Strategie im Keim ersticken zu können. Diese Plausibilität kann The Tomorrow War im Gegensatz zu A Quiet Place für sich verbuchen. Was der Film nicht kann, ist, das individuelle Schicksal empfindbar darzustellen. Das liegt in erster Linie an Pratt, dem es sichtlich schwerfällt, Gefühle zu zeigen. Das liegt auch an den stereotypen Charakteren, die wohl eher in den Filmen eines Roland Emmerich zu finden sind: Independence Day mit Zeitreise also, was ja mitunter auch seine als treffsichere Boni zu verortenden Vorzüge hat. Doch sieht man von der Grundidee eines Multiversums mal ab, in dem, wie seit Loki bekannt, alles erlaubt und möglich zu sein scheint, hapert es bei unserem gewissenhaften Helden am Grundverständnis, was kausale Zusammenhänge bei Zeitreisen betrifft. Auf Basis dieses kruden Missverständnisses gerät die Vater-Tochter-Geschichte zum Blindgänger. Rundherum aber ergötzt sich der Science-Fiction- und Monsterfan an wiederholten Großaufnahmen aufgesperrter, geifernder Monstermäuler, garstigen Vierbeinern, die wie in Zhang Yimous The Great Wall die Barrikaden stürmen und am Verheizen sowieso totgeweihter Erdenbürger als astreines Kanonenfutter. Etwas zynisch, dieser Krieg. Wobei – das sind sie sowieso alle.

The Tomorrow War

Godzilla vs. Kong

WER ZULETZT BRÜLLT,…

8/10


godzillavskong© 2021 LEGENDARY AND WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED. GODZILLA TM & © TOHO CO., LTD.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ADAM WINGARD

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, REBECCA HALL, MILLY BOBBY BROWN, BRIAN TYREE HENRY, KAYLEE HOTTLE, DEMIÁN BICHIR, EIZA GONZÁLES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Geklotzt wird später? Wohl kaum. Dieser Streifen hier wird wohl das wuchtigste Stück Eventkino des heurigen Jahres bleiben. Ich bezweifle auch, dass sich ein Film wie Godzilla vs. Kong in Sachen Formatfülle in absehbarer Zeit toppen lassen wird. Naja, vielleicht, wenn noch ein dritter im Bunde in den Ring steigt, oder es überhaupt ein Doppel gibt. Aber auch da kann der schmale Grat zwischen entsetzlichem Getöse und wohlkomponiertem Monsterclash sehr leicht bröckeln. Hier wird uns letzteres beschert.

Bitteschön, es ist auch überhaupt kein Problem, Godzilla vs. Kong im Heimkino zu genießen. Interessanterweise läuft hier parallel zur Kinoauswertung der Retailverkauf auf DVD und Blu-Ray. Wer sich aus seinem im letzten Jahr fein säuberlich evaluierten Home Cinema nicht verabschieden kann, braucht hier nur die funkelnde Scheibe in den Player schieben – schon geht die Post ab. Kann aber sein, dass es den Fernseher vom Sockel hebt. Um dem vorzubeugen, rate ich wirklich von Herzen: wenn schon unbedingt Kino, dann wäre es ein Fehler, sich bei Godzilla vs. Kong nicht das Royal Flash unter die Nase reiben zu lassen.

Ich also in meinem Lieblingskino, Saal 1, IMAX-Leinwand (was sonst?), Reihe 9 Mitte. Die besten, längst erprobten Plätze, stets im Vorfeld gesichert. Die Erwartungshaltung ist etwas gedämpft, da der Kaiju-Vorgänger Godzilla 2: King of Monsters von Michael Dougherty ein Schuss ins Knie war. Zu viel Lärm um nichts, mittelmäßig animierte und aufgrund der vielen umhergelenkten Energiestrahlen, die extrem viel Gegenlicht erzeugen, schlecht erkennbare Kreaturen. Darüber hinaus stereotype Figuren und kaum Spannung. Von Gareth Edwards Erstling Godzilla meilenweit entfernt. Der wiederum hatte damals auf ganz viel Stimmung und Atmosphäre gesetzt und die dem Universum zugrundeliegende Wucht und Theatralik geschickt angeteasert. Da wusste man: das schmeckt nach Mehr. Nun – jetzt kommt mehr: Adam Wingard (Death Note, Blair Witch) hat die Ärmel hochgekrempelt und alle Fehler des ersten Sequels ausgemerzt. Entstanden ist ein Blockbusterkino, das die Leinwand sprengt.

Die Story ist natürlich schnell erzählt. Keiner will sich hierbei mit unnötiger Dramaturgie aufhalten. Wichtig ist: ein knapper, aber schlüssiger Plot, den Rest erledigen die Titanen. Genauso ist es auch. Nach Kong: Skull Island fristet der gigantische Primat sein Dasein isoliert unter einer Kuppel auf besagter Insel, was ihm natürlich ordentlich stinkt. Warum ist das notwendig? Nun, damit der King of Monsters, eben Godzilla, nicht Jagd auf ihn macht. Denn von den Titanen, da kann es – wie bei Highlander – nur einen geben. Um auf dieser alternativen Erde allerdings die Sache mit den stampfenden Biomassen zu verstehen, plant eine Gruppe Wissenschaftler um den zwielichtigen Unternehmer Simmons (Demián Bichir) eine Expedition in eine angeblich existierende Hohlwelt, höchstpersönllich (und eher unfreiwillig) angeführt von Kong. Bei der Überfahrt in die Antarktis allerdings, wo der Eingang in die Jules Vern´sche Unterwelt existiert, kommt es zur ersten, unweigerlichen und nicht ganz freundlichen Begegnung mit der schuppigen Riesenechse.

Mehr Inhalt gibt’s hier nicht, das wäre sonst gespoilert. Was ich aber sagen kann: es gleicht einem Kunststück, ein Gekloppe wie dieses so akkurat durchzuchoreographieren. Es ist nicht so, dass die Kamera draufhält und dann gibt’s Kinnhaken links und rechts und das war‘s dann. Wingards Kameraleute und Animationsexperten entfesseln nebst ihren Monstren eine wildgewordene Kamera, die um ihre nichtmenschlichen Stars herumrotiert, herumwirbelt, oben unten sein lässt und umgekehrt. Das ist schwindelerregend, da könnte einem das visuelle wie akustische Getöse wiedermal das Hirn vernebeln – aber das tut es keine Sekunde. Trotz dieser Virtuosität gelingt Godzilla vs. Kong eine erfrischende Klarheit in seiner Bildsprache. Es reicht eben nicht nur, hyperrealistische Wesen und Welten zu generieren – es braucht auch den künstlerischen Aspekt des Filmemachens alter Schule. Wingard kombiniert beides; schafft es gar, seine Stars so gut es geht in dieses Abenteuer einzubinden (bis auf Skarsgård, der seiner Unterforderung Luft macht) und entrümpelt sein glatt geschliffenes, kleines Libretto von unnötig ausufernden Privatgeschichten. Der Fokus liegt dort, wo er liegen soll. Die Lust an der freigesetzten physischen Energie von Godzilla und Kong wird fast durchwegs befriedigt. Und niemals ist es ein Overkill.

Spätestens wenn die Echse durch Hong Kong stapft, ist das die größte Verbeugung bislang vor dem Kinokult der Tōhō-Studios, vor den Geschichten rund um brüllende Gottheiten, panisch flüchtenden Menschenmassen und staunenden Gesichtern weniger Idealisten, die der Größe zwar nicht Paroli bieten können, dafür aber manchem Ungetüm ihr Herz schenken. Meines haben sie schon.

Godzilla vs. Kong

Catweazle

DAS WUNDER DER ELEKTRIK

5/10


catweazle© 2021 Tobis Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: SVEN UNTERWALDT

CAST: OTTO WAALKES, JULIUS WECKAUF, KATJA RIEMANN, HENNING BAUM, GLORIA TERZIC, MILAN PESCHEL, URS RECHN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Was der Mensch nicht erklären kann, ist entweder ein Wunder, Betrug oder Magie. In seiner gnadenlosen Selbstüberschätzung fällt Homo sapiens wohl niemals ein, vielleicht das eine oder andere noch existierende Naturgesetz nicht zu kennen. Alchemisten, die Wissenschaftler der dunklen Jahrhunderte, waren da mit den Kausalitäten in der Natur vielleicht ansatzweise im Klaren. Für Uneingeweihte waren diese „Magier“ womöglich eine Bedrohung. Wie man die Nacht in einen Tag verwandelt, blieb aber selbst ihnen ein Rätsel. Und eben auch dem recht zerlumpten Kesselvirtuosen Catweazle. Auf der Flucht vor denen, die ihm anno 1020 an den Kragen wollen, schafft er es wohl mehr durch Zufall, beim Sturz von den Zinnen in ein Zeitloch zu fallen. Tausend Jahre später kommt der Zausel wieder zu sich. Der Stab allerdings ist fort. Komplett verwirrt und neben der Spur, versucht die seltsam unbeholfene Gestalt, mithilfe eines Jungen das Artefakt wieder an sich zu bringen. Katja Riemann als Schnäppchenjägerin für alles Antike stellt sich dabei jedoch quer.

Die wohl größten Magier der Menschheitsgeschichte müssen wohl jene gewesen sein, die den elektrischen Strom nutzbar machten. Edison, Tesla, Westinghouse – scheinbar alles große Magier. Für Catweazle reicht es schon, den simplen Ein/Aus-Schalter zu betätigen, um den Unterstufler Julius Weckauf (Der Junge muss an die frische Luft) als mit den Mächten im Bunde zu deklarieren. Als der ihm eine Taschenlampe überreicht, kann er sein Glück kaum fassen. Zuzusehen, wie sich Hampelmann Otto sprichwörtlich einen Haxen ausfreut, wenn sich die kleine, in einem Glasbehältnis eingefangene Sonne je nach Belieben entfachen lässt – das ist das sehenswerte Herzstück eines familienfreundlichen und sehr harmlosen Fantasyabenteuers, welches wiederum auf einer hierzulande recht unbekannten britischen Fernsehserie von Richard Carpenter aus den frühen Siebzigern beruht. Auch dort war die Underdog-Version von Gandalf und Merlin mit Kröte Kühlwalda unterwegs, und auch dort boten die Tücken einer technologisierten Gesellschaft, fast wie bei Jaques Tati in Mein Onkel, reichlich Spielfläche für situationskomische Fettnäpfchen und verblüffende Sichtwechsel auf einen für uns längst selbstverständlichen Alltag.

Mit Otto Waalkes hat Sven Unterwaldt den Magier natürlich treffend besetzt. Es wäre, so denke ich, enttäuschend, Otto mal nicht ohne seine Manierismen zu sehen. Genau deswegen entscheidet man sich ja schließlich für einen Film wie diesen, würde der Kultkomiker nicht seine scheelen Blicke loslassen, Worte umintonieren und durch die Gegend hoppeln. Das Drumherum in Catweazle jedoch ist altbackenes Volkstheater, nicht wirklich erfrischend inszeniert und durchgetaktet bis zum Schluss. Keine Frage, ich liebe den deutschen Film, der in vielen Genres seine Stärken hat. In jenem des komödiantischen Fantasyfilms für die ganze Familie hapert es (ganz so wie bei Dennis Gansels Jim Knopf-Verfilmungen) sowohl an einer gewissen Unbefangenheit als auch an erfrischender Spontanität. Catweazle hat, obwohl wie dafür gemacht, beides nicht. Abhängig von sehr vielen Gedlgebern und deren Auflagen, müssen sich Filme wie diese nach der Decke strecken, haben nicht alle Zeit der Welt, denn die frisst wieder das Budget. Insofern mutet Catweazle nach auswendig gelerntem, pragmatischem Bühnenspiel an, aus welchem man zumindest Ottos selbst verfassten Elektrik-Trick-Song als kleinen Ohrwurm mit nach Hause nimmt.

Catweazle

Monster Hunter

DRACHEN ZÄHMEN ANDERE

6,5/10


monsterhunter© 2020 Constantin Film Verleih

LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: PAUL W. S. ANDERSON

CAST: MILLA JOVOVICH, TONY JAA, MEGAN GOOD, RON PERLMAN, JIN AU-YEUNG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Size does matter! Diese Einsicht hatte Roland Emmerich bereits in seinem Trailer zu dessen Außenseiter-Version von Godzilla gut verbraten. Und ja, er hatte verdammt recht. Größe fällt tatsächlich ins Gewicht. Mein jovialer Imperativ an dieser Stelle: Erhebet das verwöhnte Sitzfleisch und macht euch auf ins Kino! Die Frage, ob Großbildleinwand oder lieber Homecinema, die soll sich bei Filmen wie diesen eigentlich gar nicht stellen. Monster Hunter zum Beispiel zieht man sich im dunklen Auditorium rein, vorzugweise auf IMAX-Leinwand und THX-Sound. Nirgendwo sonst. Ob Pacific Rim, King Kong, Godzilla oder Godzilla vs. Kong (bringt als nächstes die Leinwände zum Beben) – für den Bildschirm sind diese Filme einfach zu schade. Selbst Game of Thrones hätte eigentlich ins Kino gehört, aber wer tauscht schon fürs Bingewatching Jogginghosen gegen Ausgehkluft? Aber bitte – vielleicht ändern sich die Zeiten auch in diesem Fall. Für Monster Hunter ist es jetzt schon so weit. Und es ist so, wie der Titel des Streifens schon sagt: Was draufsteht, ist auch drin. Oder: zahlst du für Monster, kriegst du Monster.

Man bekommt aber auch noch obendrauf eine Killa-Milla serviert. Als Marine-Commander muss sie mit ihrer (vorwiegend) männlichen Truppe per Automobil eine steinige Wüste irgendwo im Nahen Osten durchqueren. Dabei kommt ein Sturm auf, ein regelrechtes Unwetter mit Blitz und Donner und wirbelndem Sand. Dabei werden die Soldaten ordentlich durchgeschüttelt und landen in einem Dünenmeer fernab jeglichen Funkkontakts. Das Publikum ahnt, was gleich als nächstes passieren wird. Irgendwas Monströses wühlt sich einem Ameisenlöwen gleich aus der Sandkiste und hat dabei nichts Gutes im Sinn. Was folgt ist kämpfen, rennen, flüchten. Ein astreines Abenteuerkino mit der dramaturgischen Dichte eines Guilty-Pleasure-B-Movies und unterlegt mit 80er Synthesizer-Klängen, hebt an. Dazu passt ein Kübel Popcorn und eine kühle Flasche Bier. Herrlich.

Paul W.S. Anderson ist also mal kurz von seinen Resident Evil-Pfaden abgebogen und hat sich eben das Franchise einer Videospiel-Reihe zur Brust genommen. Ich kenne die Spiele nicht, kann also nichts vergleichen. Bin auch froh darüber, andauernd dieses Abwägen, ob entsprechend oder nicht, würde mir den Spaß etwas trüben. Auf diese unbedarfte Weise bleibt mir eine natürlich recht hölzern aufspielende Milla Jovovich, die, wenn sie sich die Hände schmutzig macht, keinerlei Berührungsängste mit welchen Bestien auch immer hat. Action, das kann sie. Dafür scheint die Dame gemacht. Das weiß auch Gatte Anderson. Als schräger Sidekick sorgt Tony Jaa (mehr oder minder ein Jackie Chan-Ersatz) für Humor zugunsten kommunikativer Missverständnisse. Und für den Rest – da öffnet Monster Hunter die Tore des Kolosseums. Ob behörnte Sandwühler – brüllend und stampfend, Legionen dorniger Spinnen oder geschmeidige Drachen, die jenen aus Game of Thrones locker das Wasser reichen können – und ebenso bildgewaltig in Szene gesetzt werden: dieser Clash Mensch gegen Kreatur will nicht mehr, aber auch nicht weniger sein. Vielleicht schwelgt dieser Clash zusätzlich noch in den Erinnerungen an das resolute Fantasykino einer Fanthagiro, Xenia oder Red Sonja. Heldinnen in Rüstung und Leder.

Manche Szenen, in denen man einige der Creature Designs ja gar nicht mal richtig zu Gesicht bekommt, sind viel zu kurz geraten. Schade drum. Guillermo del Toro, der diesen Film womöglich sicher gesehen hat, weil er sich fast so anfühlt wie Pacific Rim mit Sand, einer Waterworld-Kostümshow und Herr der Ringe, hätte hier noch so manche Szene in die Verlängerung geschickt. Aber wenigstens bleibt uns als fetter Ausgleich der süffisante Haudegen Ron Perlman. Diesmal nicht in Rot, diesmal aber mit Rod Stewart-Gedächtnisfrisur und Kajal. Wenn das nicht Spaß an der Freude ist, dann weiß ich auch nicht.

Monster Hunter

Jim Knopf und die Wilde 13

ENDE(S) LEGENDE

5/10


jimknopf_wilde13© 2020 Warner Bros. Entertainment

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: DENNIS GANSEL

CAST: SOLOMON GORDON, HENNING BAUM, LEIGHANNE ESPERANZATE, RICK KAVANIAN, ANNETTE FRIER, CHRISTOPH MARIA HERBST, UWE OCHSENKNECHT, MILAN PESCHEL, SONJA GERHARDT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Nach Filmen wie Beasts of No Nation braucht es dringend ein Kontrastprogramm. Ein zuversichtlicheres Weltbild, oder gar einen entrückten Ausflug in irreale Gefilde, wie zum Beispiel in die merkwürdigen Traumwelten eines Michael Ende. Da kommt die erst kürzlich im Kino veröffentlichte und jetzt, nach Corona, wieder auf die Leinwand gebrachte Fortsetzung von Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer gerade recht: Jim Knopf und die Wilde 13 nennt sich diese Episode – und das war’s dann auch schon mit dem Findelkind und seinen obskuren Erlebnissen zu Wasser, zu Land und in der Luft. Zwei Romane hat Michael Ende geschrieben. Regisseur Dennis Gansel bringt dieses kostenintensive Herzensprojekt schließlich als visuell starkes Kindererlebnis zu einem wohlgefälligen Ende. Ob Ende selbst wohl damit zufrieden gewesen wäre? Das würde ich gerne wissen. Ich weiß nämlich nur, dass der kultisch verehrte Schreiberling mit Wolfgang Petersens Unendlichen Geschichte so gut wie gar nichts anfangen konnte – obwohl der 80er-Hit für mich nach wie vor zu einem der besten Filme des phantastischen Genres zählt.

Jim Knopf also rätselt immer noch über seine Herkunft, und es dauert nicht lang, da beruft Alfons der Viertelvorzwölfte eine Krisensitzung ein. Zu oft würde Lummerland von Seefahrern übersehen werden – es brauche dringend einen Leuchtturm. Knopf und sein Freund Lukas haben die Idee: wie wär’s mit Tur Tur, dem Scheinriesen (je weiter man weg ist, desto größer wird er)? Niemand hat eine bessere Idee, also werden Dampflock Emma wieder mal die Luftkissen umgebunden – und los geht’s übers Meer. Klar, dass den beiden auf dieser Expedition die berüchtigten Piraten der Wilden 13 in die Quere kommen (die in Wahrheit nur zwölf sind, weil der Kapitän zählt doppelt). Und die wissen anscheinend mehr über Jim Knopfs Herkunft.

Michael Endes Bücher galten ja (und gelten) allesamt als unverfilmbar. Und offensichtlich ist das so: dessen Welten sind so dermaßen entrückt, abstrakt und verspielt, sodass jegliches Bemühen, diese Phantasmagorien zu entwirren und zu visualisieren, auf irgendeine Weise scheitern müssen. Die unendliche Geschichte selbst besteht aus zwei Teilen – lediglich der stringentere erste Teil wurde verfilmt und kommt seiner Vorlage auffallend nahe. Dessen Fortsetzungen sind verkitscht und jegliche Fantasie durch eine Ausstattungswut eingeschüchtert, dass die Filme kaum anzusehen sind. Ganz klar eine falsche Herangehensweise an die Materie aus Endes Werkschau. Dennis Gansel hat sich mit Jim Knopf zugänglicheres Material gesichert – aber selbst das liebäugelt mit märchenhaftem Surrealismus, der sich einer routinierten Umsetzung sperrt. Man nehme allein schon Lummerland mit den wenigen, wie Traumgestalten agierenden Bewohnern, von denen keiner weiß, was sie eigentlich den ganzen Tag tun. Endes Ideenreichtum ist sagenhaft, Gansels Ideen zur Umsetzung müssen allerdings zwangsläufig an ihre Grenzen stoßen.

Und das passiert relativ bald. Schwer zu sagen, woran es liegen mag. Henning Baum als bärbeißiger Gutmensch im Blaumann ist zweifelsohne ideal besetzt, zumindest optisch. Auch Jim Knopf hat in Solomon Gordon sein Live-Act-Pendant gefunden. Christoph Maria Herbst, Uwe Ochsenknecht und gar Rick Kavanian, im Dutzend billiger, werden ihren Vorlagen ebenfalls gerecht. Aber nur, soweit das Charakterdesign reicht. Sobald sie alle miteinander interagieren, verfällt das Abenteuer maximal in einen zögerlichen Schleichgang. Die einzelnen, optisch genussvoll aufbereiteten Szenen und Welten scheinen in einer gewissen Berührungsangst zueinander zu stehen. Die Dialoge wirken zu sehr auswendig gelernt, der fehlende Schwung in der Geschichte macht aus einem versprochenen Fantasyspektakel eine betuliche Puppenspiel-Dramatik. Was gar nicht so weit hergeholt wäre, gibt es doch Jim Knopf längst schon als Augsburger Puppenkisten-Event. Die Realverfilmung wirkt ähnlich, will aber, und das merkt man an jeder Szene, etwas ganz anderes sein.

Jim Knopf und die Wilde 13

Army of the Dead

ZOMBIE’S ELEVEN

6,5/10


armyofthedead© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ZACK SNYDER

CAST: DAVE BAUTISTA, ELLA PURNELL, OMARI HARDWICK, ANA DE LA REGUERA, THEO ROSSI, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, NORA ARNEZEDER, RAÚL CASTILLO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Abriegeln ist auch eine Möglichkeit, um nicht den gesamten virusverseuchten Pöbel abzubekommen. Glück im Unglück, würde ich’s fast nennen, und eine preisverdächtige Geistesgegenwart in Sachen Sofortmaßnahmen. Dran glauben muss in diesem Fall das Glücksspielparadies Las Vegas. Diese Örtlichkeit inmitten der Wüste wird in Zac Snyders brandneuem Spektakel zum geografisch verortbaren Geschwür aus zigtausenden blutdürstenden Untoten, und es wäre dieser Zustand eigentlich halb so interessant, gäbe es nicht einen Haufen toller Hündinnen und Hunde, die es so tun wollen wie Johnny und seine Spießgesellen – wie das Rat Pack, die Oceans Eleven: nämlich den Geldspeicher eines Casinos plündern. Dafür braucht es einen Leader, einen Safeknacker, eine Hubschrauberpilotin, einen Guide, der die Regeln des Zombiespiels kennt und sonstiges schießwütiges und wehrhaftes Gefolge. Auftraggeber ist ein zwielichtiger Japaner, der natürlich einen seiner Männer als Aufpasser mitschickt Alle sind sie bis an die Zähne bewaffnet, es dominieren coole Sprüche, einzig Brummbär Dave Bautista versucht, bei der Sache zu bleiben. Ein sympathisch einsilbiger Hüne übrigens, mit dem Herzen am rechten Fleck. Ihm folgt man gerne auf eine Reise ohne Wiederkehr, vor allem, weil man sich hinter seiner Schrankfassade gut verstecken kann.

Mit seinem George A. Romero-Schocker Dawn oft he Dead hat Snyder sein Händchen für apokalyptische Horrorszenarien bewiesen. In Army of the Dead geht es entschieden weniger bedrohlich zur Sache, dafür mit Ironie und Scheißdirnix-Attitüde. Allerdings erinnert sein filmischer Blockbuster-Coup, der bislang wohl das fetzigste an großem Streaming-Kino fürs heurige Jahr darstellt, frappant an den südkoreanischen Zombie-Action-Reißer Peninsula, der das Sequel des wunderbar ausgewogenen Genrethriller Train to Busan darstellen sollte. Gemein hat dieser Film mit seinem Original allerdings nichts, außer das selbe Universum und die selbe Epidemie. Auch hier heißt es, Geld sicherzustellen, dass sich in einem Transporter inmitten der längst aufgegebenen Stadt Seoul befindet. Auch hier: eine Gruppe zäher Haudegen, die bald um ihr Leben kämpfen. Bei Snyder sind die Figuren allerdings weitaus illustrer – und auch differenzierter angelegt. James Cameron hat mit Aliens – Die Rückkehr ein genau ähnliches Konzept entworfen. Eine zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft gegen eine wabernde Bedrohung – auf das Charisma der Beteiligten kommt es dabei an. Und das haut hin. Überraschend ausgeschlafen und überaus komisch zelebriert sich RomCom-Spezialist Matthias Schweighöfer als deutscher Panzerknacker Dieter. Na bitte – geht doch! Filme wie dieser lassen Schweighöfers überzeichnetes Getue in einem anderen Licht erscheinen. Der Mann sollte für die nächste Zeit mal das Genre wechseln. Das Zusammenspiel mit Buddy Omari Hardwick gehört zu den schönsten Momenten des Films. Darüber hinaus verleiht Snyder seinen tödlichen Kreaturen weniger das Flair einer Zombie- als manchmal vielmehr einer Horde Höhlenorks aus Mittelerde. Diese Zombies hier haben es mehr oder weniger geschafft, sowas wie eine gesellschaftliche Ordnung zu bilden, die allerdings über eine plumpe Monarchie nicht hinausgeht. Der kreischende Endgegner hinter Stahlhelm und auf seinem Zombiepferd atmet fast schon die Luft eines High Fantasy-Abenteuers für das erwachsene Publikum.

Zweieinhalb kurzweilige Stunden Netflix-Kino bieten projektilschwere Action, dass es nur so kracht, splittert und blutet. Selbst bei so einem Schlachtfest weiß Snyder mit Ästhetik umzugehen – seine Vorliebe für kurze Brennweiten zeugen von profunden photographischen Kenntnissen, die mittlerweile Snyders Handschrift sind. Ich mag das, so bleiben selbst platzende Köpfe und aus offenen Halsschlagadern schießendes Blut eine Reminiszenz an wohlkomponierte Comicpanels. Wer allerdings überraschende Wendungen sucht, wartet vergebens. Dieses Heist-Movie beschreibt Eventkino nach Plan, und wer beim wiederholt rabiaten Durchboxen durch Zombiemassen nicht das fade Auge bekommt, wird bestens unterhalten.

Army of the Dead

Mortal Kombat (2021)

WE ARE THE CHAMPIONS

6/10


mortalkombat© 2021 Warner Bros. Deutschland


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: SIMON MCQUOID

CAST: LEWIS TAN, JESSICA MCNAMEE, JOSH LAWSON, JOE TASLIM, MEHCAD BROOKS, TADANOBU ASANO, CHIN HAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Bald könnte es folgendermaßen lauten: Jetzt neu im Noppenbausteinshop ihres Vertrauens (man kann es jedoch auch LEGO nennen, denn mittlerweile ist der Begriff fast schon mehr ein Subgenre des Animationsfilms als Schleichwerbung): Fernöstlich angehauchte Superhelden mit magischen Skills, die gegen ihr sinisteres Äquivalent antreten. Ist das wirklich so neu? Gab’s doch schon – Ninjago. Nun gäbe das Ganze aber für Erwachsene, und es nennt sich Mortal Kombat – ein Franchise, das ihren Ursprung in der Welt des Gaming verortet. Mortal Kombat – kennt ein jeder, der weiß, wie man mit dem Controller einen ordentlichen Fightout hinlegt. Leute, die das nicht kennen, und noch nie irgend etwas mit Videospielen am Hut hatten, können immerhin jetzt – anstatt Stunden, Tage und Wochen damit zuzubringen, den richtigen Dreh beim Kämpfen rauszukriegen – innerhalb von nicht mal 2 Stunden ganz ohne ihr Zutun Martial-Arts-Heroen ganz von selbst Pirouetten schlagen lassen. Auch ganz angenehm.

Ich gehöre zu jenen, die keine Gamer sind (oder gerade erst damit anfangen und immer noch daran scheitern, die richtige Perspektive beizubehalten). Der neue Mortal Kombat-Film reicht mir da vollkommen. Mir entgehen da mit Sicherheit jede Menge Reminiszenzen und Easter Eggs in Bezug auf das Spiel, aber der Spaß funktioniert auch so. Denn so wirklich komplex ist die Geschichte nicht. Ganz im Gegenteil. Um es kurz zusammenzufassen: Seit Jahrhunderten (oder Jahrtausenden, ich weiß es nicht mehr) gibt es einen interplanetaren Wettbewerb, der sich eben Mortal Kombat nennt. Da treten schlicht und ergreifend die besten Kämpfer der einen Welt gegen die besten Kämpfer der anderen Welt an. Die Champions sind allesamt mit einem drachenähnlichen Körpermal gekennzeichnet. Es gibt da aber leider eine Welt, die nennt sich Außenwelt (oder Outworld) mit ganz finsteren Haudegen, ebenfalls angeführt von einem asiatisch anmutenden Oberguru, der einige krasse Kreaturen um sich schart, allen voran einen gewissen Sub Zero. Einmal noch gegen die Erde gewinnen, und schon kann sich Outworld diese unter den Nagel reißen. Um den Sieg zu garantieren, will Shang Tsung (= der Oberguru) noch vor Beginn der Wettkämpfe auf der Erde reinen Tisch machen. Was er nicht weiß: der Abkömmling einer legendären Mortal Kombat-Championship-Blutlinie trainiert gerade seine Muskeln, um den Rabauken Paroli bieten zu können.

1995 gab es bereits eine Verfilmung des 1993 erschienen Videospiels – mit Christopher Lambert als Donnergott Lord Raiden. Ein Rohrkrepierer, nicht der Rede wert. Die brandneue Version von 2021 ist zwar, wie bereits erwähnt, vom Plot selbst auch nicht der Rede wert, aber sie bietet immerhin eines – und das muss man wissen, bevor man sich darauf einlässt, und für sonst nichts anderes gerade einen Kopf hat: Kämpfe, Kämpfe und nochmals Kämpfe. Keine epischen Schlachten, kein Bleigewitter, dafür aber martialische Duelle, vorzugsweise Mann/Frau gegen Frau/Mann, und da wirbeln sie herum, die geschmackvoll kostümierten Auserwählten, mit Zauberkräften und adretten Waffen, vom Grillspieß bis zum Vorschlaghammer, vom Schwert aus Eis bis zum metallenen Sombrero. Phrasen wie Gespaltene Persönlichkeit oder Zerbrich dir darüber nicht den Kopf werden in Körperwelten-artiger Ästhethik bildlich dargestellt und sind natürlich heillos übertriebene Gewaltspitzen, die dieses Fantasyabenteuer eben nur für die ganz Erwachsenen kennzeichnen. Allerdings wirkt neben dem knallbunten Effektgewitter und der relativ trivialen Story, die das Kind im Manne weckt, dieses vereinzelt gesetzte Extra an expliziter Brutalität fehl am Platz. Doch womöglich war dies dem Willen der Fans geschuldet.

Mortal Kombat ist ein Guilty Pleasure, bei welchem man mit diebischer Freude den sich Duellierenden fast schon zujohlen möchte, wie beim Wrestling, wo es auch nur um das Catchen geht, während die biographische Peripherie den Kultstatus der einzelnen Kandidaten etwas unterstreicht. Womöglich wird s da bald eine Forstsetzung geben, die ich womöglich auch auf die Watchlist setze, auch wenn ich das Game niemals spielen werde – zu uncharismatisch erscheinen mir die recht austauschbaren Kampfathleten, um hier einen Avatar übernehmen zu wollen. Mangels gut gemachter, phantastischer Actionfilme ist Mortal Kombat aber dennoch ein guter Lückenfüller. By the way: We are the Champions von Queen hätten die Sieger am Ende da noch grölen können – diese leise Selbstirone hätte ihnen gut getan.

Mortal Kombat (2021)

Love and Monsters

WENN DIE SCHNECKE SCHATTEN SPENDET

6,5/10


loveandmonsters© 2021 Netflix / Jasin Boland


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2020

REGIE: MICHAEL MATTHEWS

CAST: DYLAN O’BRIEN, JESSICA HENWICK, MICHAEL ROOKER, ARIANA GREENBLATT, DAN EWING U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Bevor man mutterseelenallein im postapokalyptischen Regen steht, ist immer irgendwo noch ein Hund aufzutreiben. Das beweist wieder mal: Hunde sind die besten Partner, wenn’s ans Eingemachte geht. In I Am Legend war Will Smith ohne Hund sowieso aufgeschmissen. Und selbst der junge Don Johnson wäre in A Boy and his Dog ohne selbigem nur ein Fressen für die Unterirdischen. Dieser Junge hier, den die Liebe aus den verrammelten Schlupflöchern unter der Erde geholt hat, kann sich ebenfalls bei seinem wild zugelaufenen Vierbeiner bedanken, sonst hätte ihn längst die Sumpfkröte geholt. In Love and Monsters muss man nämlich vor wirbellosen und Amphibien die Beine in die Hand nehmen, denn die sind gigantisch.

Extraterrestrische Invasoren? Mitnichten. Da hat wieder mal der Mensch nicht gewusst, welchen Kollateralschaden er da fabriziert, indem er mit Chemieraketen erfolgreich versucht hat, den herannahenden 2012er-Asteroiden zu verpulvern. Diese Chemie, die regnete dann wieder auf die Erde herab – auf die Köpfe der Insekten und Würmer und auf sonstiges, was das so kreucht und fleucht. Der junge Mittzwanziger Joel hat dabei seine Eltern verloren, wurde von seiner Freundin getrennt – und lebt jetzt als Minestrone-Koch in einem Bunker. Ab und an gibt’s Funkkontakt mit dem Herzblatt, doch irgendwann werden auch diese glücklichen Momente schal, wenn man selbiges nicht in die Arme nehmen kann. Also: das Zeug gepackt, die Armbrust geschultert und auf zur nächsten Kolonie. Sind ja nur 140 Kilometer. Zum Glück gibts Hunde (die nicht mutiert sind) und andere lebensmüde Wanderer, die den Weg kreuzen. Sonst könnte dieser Walk of Duty recht ungesund werden.

Dieses jüngst auf Netflix erschienene Abenteuer hat ja schon alleine durch sein kreatürliches Konzept bereits die eine oder andere Vorschusslorbeere aus meiner Hand empfangen dürfen. Als leidenschaftlicher Monster Fan und Creature Designer (ein eigener Bildband ist in Arbeit) will ich Filme wie diese selbstredend nicht verpassen. Allein der Trailer entzückte schon mit herzhaftem Tentakel-Teasing. Heraus kam letztlich ungefähr das, was zu erwarten war: eine Art Zombieland, nur ohne Zombies. Stattdessen mit Monstern, dessen Welteroberung seltsamerweise nicht durch die gewaltige Militärmaschinerie der Supermächte in den Griff zu bekommen war. Hinterfragen darf man die Entstehung dieses Ist-Zustandes nicht, leicht kann das Szenario wenig plausibel erscheinen. Doch das macht nichts – die sehr adrett in Szene gesetzte Landschaft mit bemoosten Panzern, Flugzeugen und verwachsenenen Windparks könnten aus einem Videospiel-Setting stammen – zwischen all dem Grün kämpft und hofft ein recht unbeholfener „Jungritter“ um und auf die Zweisamkeit, während enorm plastische und bis unters letzte Chitin-Segment ausgearbeitete Urviecher die goldene Wandernadel in weite Ferne rücken lassen. Das sind natürlich Gustostückerl, die auf großer Leinwand noch viel besser gekommen wären: agile Scolopender, gigantische Schnecken – ein Eldorado für den Zoologen von Morgen. Dabei macht es Spaß, Dylan O’Brien gemeinsam mit Michael Rooker fast schon im Stile eines Jules Verne-Abenteuers auf rustikale Art durchs Unterholz stiefeln zu sehen. Love and Monsters ist dann auch zum Großteil wie einer dieser hemdsärmeligen Klassiker guter, alter Survival-Phantastik. Gegen Ende allerdings verliert das Abenteuer seinen gemächlichen Drive und verbiegt sich zugunsten von noch mehr Action und einem recht erzwungen wirkenden Showdown, der gar nicht hätte sein müssen. Selbst darüber lässt sich dank des recht reizend agierenden O’Brien in seinem sympathischen Reifungsprozess zum Monster Hunter hinwegsehen – zu gern sieht einer wie ich den liebevoll ausgearbeiteten Gigantismus in natura wüten.

Dankenswerterweise erspart uns Love and Monsters so gut wie jedweden Beziehungskitsch, bleibt hingegen geradezu ernüchternd realistisch, was Liebe über Zeit und Raum angeht. Umso erfrischender wirkt der kurzweilige Trip mit seiner Prämisse, dass romantische Liebe zwar als Motivator dienen kann, längst aber nicht alles ist.

Love and Monsters