Venom: Let There Be Carnage

DU HAST DA WAS ZWISCHEN DEN ZÄHNEN

4,5/10


venom2© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH; MARVEL and all related character names: © & ™ 2021 MARVEL


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANDY SERKIS

CAST: TOM HARDY, WOODY HARRELSON, MICHELLE WILLIAMS, NAOMIE HARRIS, REID SCOTT, STEPHEN GRAHAM, PEGGY LU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Jack Lemmon und Walter Matthau hatten seinerzeit die Junggesellenbude gerockt wie kaum ein anderes Filmpaar. Ähnlich machen es Eddie Brock und sein extraterrestrischer Bruder im Geiste, das amorphe Lakritzemonster mit dem Dauergrinser – Venom. Dabei könnte das Monster überall seine nutznießerischen Fertigkeiten ausleben – beim Journalisten mit dem Hang zum Chaos stimmt jedoch auch die Wellenlänge. Vielleicht, weil sich Gegensätze erst dann anziehen, wenn sie groß genug sind. Als Venom ein paar Jahre zuvor das Licht der Leinwand erblickt hat, waren die besten Szenen jene, die keinesfalls aufs Abenteuer fixiert waren, sondern den Dauerclinch der beiden genussvoll beobachtet hatten. Das macht Andy Serkis im Sequel genauso. Ist also nichts Neues mehr und fühlt sich an wie aufgewärmt, obwohl man auch da hin und wieder schmunzeln muss. In Erwartung, abgesehen von dieser Bestandsaufnahme eines seltsamen Paares ein sattes Extra an innovativ Weitergedachtem serviert zu bekommen, macht sich stattdessen die etwas träge Erkenntnis breit, dass die bewährten Extras leider auch zu fortgeschrittener Laufzeit das gleiche Liedchen spielen wie bei Ruben Fleischers Erstling. Ein psychopathischer Antagonist wie Woody Harrelson, der ein bisschen an seinen Eskapaden aus Natural Born Killers herumprobiert, wird dabei in einer leicht bezwingbaren Stippvisite verschenkt.

In knappen hundert Minuten ist auch nicht sonderlich viel Platz für reichlich Charakterentwicklung, also konstruiert Autorin Kelly Marcel (u. a. Fifty Shades of Grey) eine sehr einfache Geschichte rund um ganz viel CGI, wüstem Kirchenvandalismus und hanebüchenen Gefahrenlagen herum. Wie schon erwähnt, haben Brock und Venom langsam genug voneinander, und nach einem Disput, der eine Wohnungsrenovierung nach sich zieht, gehen beide ihrer Wege. Währenddessen soll Serienkiller Cletus Kasady hingerichtet werden, nachdem Brock all dessen vergrabenen Leichen gefunden hat. Zum Abschied im Kittchen gibt’s einen Biss in die Hand – und schon dürstet ein weiterer Venom im Körper des Bösen nach menschlichen Gehirnen. Der allerdings ist Rot und heißt Carnage. Kasady und Carnage tun sich zusammen, weil beide ähnliche Ziele verfolgen. Klar, dass die Helden des Films erneut einen Schulterschluss bilden müssen.

Venom: Let There Be Carnage fühlt sich wie das ungeliebte Stiefkind des Marvel-Universums an. Was bei Disney nahe an der Perfektion veröffentlicht wird, sumpert bei Sony eher halbgar vor sich hin. Bei den Marvel Studios sind ganz andere Spezialisten am Werk, angeführt von einem wie Kevin Feige, der als wandelndes Comic-Lexikon weiß, wovon er spricht. Sony hat so etwas nicht. Weiß womöglich zwar, dass Venom besser beim Konkurrenten aufgehoben wäre, will die Fratze mit Klasse aber lieber behalten. Leider die falsche Entscheidung. Auch kann Gollum Andy Serkis (bei Marvel als Ulysses Klaue vertreten) zwar Regie führen, als Motion Capture-Spezialist beweist er aber eindeutig mehr Talent. In Venom: Let There Be Carnage fuchtelt Serkis sehr ungestüm herum und hofft dabei, dass die Trickschmieden den Ausgleich bringen. Dabei dehnen sich die Aliens in Rot und Schwarz wie zäher Kaugummi in alle Himmelsrichtungen, brüllen und züngeln und prügeln auf sich ein. Leider ist das kein Fight, für den man Schlange steht. Wenn Michelle Williams dann plötzlich von einem Tentakel aufgewickelt wird, dreht sich scheinbar irgendwo Ed Wood im Grabe um. Knapp am Trash eifern und geifern Venom und seine Nemesis bis zur Selbstparodie – von der Leine lässt man sie nicht. Überdies ist klar erkennbar, wann und wo das X-Rating der Schere zum Opfer fiel, dabei drängt sich Marvels Wechselbalg ja geradezu dafür auf, als blutrünstiger Splatter den Hunger der Hardcorefans nach expliziten Comic-Eskapaden zu stillen. Tut man ja mit Deadpool genauso.

Ein Knüller ist Venom: Let There Be Carnage also keiner. Darf nur von ganz weit weg der kommenden Phase des MCU zuwinken, vielleicht mit Wehmut. Es kann aber durchaus sein, dass das verlorene Schaf gefunden wird – die Post Credit Scene gibt Aufschluss.

Venom: Let There Be Carnage

The Suicide Squad

UNTER KEINEM GUTEN STERN

9/10


thesuicidesquad© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: IDRIS ELBA, MARGOT ROBBIE, JOEL KINNAMAN, JOHN CENA, DANIELA MELCHIOR, DAVID DASTMALCHIAN, PETER CAPALDI, VIOLA DAVIS, MICHAEL ROOKER, JAI COURTNEY, NATHAN FILION, TAIKA WAITITI, ALICE BRAGA, SYLVESTER STALLONE U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Marvel hat seine Guardians of the Galaxy, Star Wars die Bad Batch, Quentin Tarantino seine Inglourious Basterds. Und DC? Dort träumen skurrile Typen von Freiheit und lassen sich dafür sogar einen Switch-Off-Chip installieren, falls sie plötzlich Muffensausen bekommen sollten. Damit gemeint ist die Suicide Squad: Zusammengewürfelte Outlaws und Grenzgänger, chaotische Individualisten und über die Stränge schlagende Idealisten. Und manche sind scheinbar nur zufällig mit von der Partie. All diese Anarcho-Selbsthilfegruppen scheinen zwar ihren ganz eigenen egoistischen Bedürfnissen treu zu bleiben, das hehre Ziel allerdings schwebt über allem scheinbar unbemerkt, weil irgendwas oder irgendwer auf dieser Welt es dann doch noch gut meint. In diesem Sinne ist das aus den tiefen Kellern des Comic-Universums von DC hervorgeholte Rat Pack also wieder unterwegs. An David Ayers Versuch, ein ebensolches Team zusammenzustellen, erinnert sich niemand mehr. The Suicide Squad ist also weder Prequel noch Sequel, sondern viel mehr ein neuer Versuch, den richtigen Ton zu treffen. Das kann jedoch nur passieren, wenn die Studios, anders als bei Ayer, nicht andauernd ins Handwerk des Künstlers pfuschen. James Gunn muss her. Einer, der sich mit Antihelden, die das Herz dennoch am rechten Fleck haben, sehr gut auskennt. Die erfolgreichen Guardians gehen auf seine Kappe. Doch Gunn kann sein Können auch auf menschelnde Augenhöhe runterschrauben: Super – Shut up, Crime! ist ein Möchtegern-Heldenfilm mit und für Underdogs; teils geschmacklos, größenteils aber grundsympathisch. Blutig natürlich auch. Mit so etwas dürften Harley Quinn und Co mit dem Sanktus von ganz oben durchaus liebäugeln dürfen. Doch nur unter einer Bedingung: Keiner spuckt dem Meister seines Fachs in die Suppe.

Wie sieht das also aus, wenn visionäre Filmemacher freie Hand haben? So wie Zack Snyder’s Justice League? Ungefähr. Oder noch besser. The Suicide Squad ist nach Taika Waititis Thor: Tag der Entscheidung das wohl Abgefahrenste aus der Nische gerne als Einheitsbrei ausgeschimpftem Heldengetöses. Bei der Suicide Squad perlt sowas jedoch ab. Gegen die Suicide Squad wirken selbst Star Lord und Co wie gefällige Streber. Es ist, als wäre das Selbstmordkommando der gemeinsame Nenner eines ausgekotzten Brainstormings, die teils assoziative Auferstehung eines vollgekritzelten Scribbelblocks, in welchem James Gunn seine Ideen sammelt. Absurde Überlegungen, seltsame Anspielungen, groteske Anekdoten und skurrile Biomassen. „Ja, machen wir alles“, denkt sich James Gunn, „dieses mein Werk wird pure Anarchie, ein roter Faden muss aber dennoch sein. Ein konventioneller Plot als Unterbau, der allerdings so dermaßen zerfransen soll wie ein von einer Katze zerfetztes Wollknäuel.“ Dabei wirft James Gunn sein Publikum sofort ins kalte Wasser. Was braucht man schon viel erklären, die sozialen Interaktionen all der absurdesten Gestalten aus den gezeichneten Panels ebnen längst den Weg zu einem brachialen Guilty Pleasure-Kino, dessen Missionsziel zwar auf ein Post-it passt, dieses aber andauernd überschrieben wird.

Frei nach dem Motto „Tun wir mal, dann sehen wir schon“ gehen zwei Teams auf einer fiktiven südamerikanischen Insel an Land, um einen von den Nazis errichteten Gebäudekomplex mit Namen Jotunheim zu stürmen und diesen dann in Schutt und Asche zu legen. Diese zwei Teams sind sehr schnell ausgedünnt, und nur die wirklich zähen Hunde rund um Scharfschütze Bloodsport arbeiten sich durch den Dschungel Richtung Ziel. Unter anderem mit dabei: ein humanoides Hai-Wesen, ein Freak mit Punkte- und Mutterkomplex sowie eine Rattenbändigerin. Ach ja, Peacemaker darf nicht fehlen. Einer mit doofem Helm und Muckis, da bekommt selbst Arnie weiche Knie. Allerdings: das, was hinter den Mauern von Jotunheim vor sich hin vegetiert, wird nicht nur alle Pläne der Suicide Squad (sofern welche vorhanden sind) auf den Kopf stellen. Comicnerds werden jauchzen und alle anderen die aufrechte Sitzposition suchen. Man will ja schließlich keine noch so genüsslich verpeilte Szene verpassen, von denen es in The Suicide Squad so viele zu geben scheint.

Auf seiner genialen Stinkefinger-Tour könnte man Gunns Festival der verqueren Charge mit den überzuckerten Eskapaden von Spongebob Schwammkopf und seiner Entourage vergleichen, verbrüdert mit Deadpool und dem Roten Blitz. The Suicide Squad mag’s gern blutig, frohlockt mit perfiden Seitenhieben auf psychologische Traumata, verpönt politische Ambitionen und schert sich einen Dreck um welche Correctness auch immer. Im Laufe des Abenteuers entsteht dann sogar so etwas wie Gruppendynamik, die den Avengers stolz die Zunge zeigt. War‘s am Anfang schon absurd, wird’s am Ende noch absurder. Kontrovers wird’s allerdings nicht, was dem klitzekleinen guten Gewissen der Kämpfernaturen geschuldet bleibt.

Freie Hand zu haben, das ist schon was. Die eigenen Ideen im Rahmen eines sauteuren Blockbusterkino ausleben zu dürfen, muss für James Gunn wie der Himmel auf Erden gewesen sein. Inszeniert hat er aber einen saukomischen Höllenritt, nach dem man so manche Fauna mit anderen Augen sieht. Und wehe, es kommt irgendwann jemand auf die Idee, Harley Quinn und Bloodsport umzubesetzen.

The Suicide Squad

Zack Snyder´s Justice League

ALLES EINE FRAGE DES STILS

7,5/10


Fim/ Zack Snyder's Justice League© 2021 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ZACK SNYDER

CAST: BEN AFFLECK, HENRY CAVILL, GAL GADOT, JASON MOMOA, EZRA MILLER, RAY FISHER, AMY ADAMS, CIARÁN HINDS, JEREMY IRONS, JOE MORTON, WILLEM DAFOE, AMBER HEARD, JESSE EISENBERG, JARED LETO U. A. 

LÄNGE: 4 STD 2 MIN


Da werden einige mit den Augen rollen, aber um einen Vergleich mit dem Marvel Cinematic Universe werde ich gerade hier nicht herumkommen. Marvel und DC sind eine Art Dualität, wobei die eine Comicwelt gar nicht so sein will wie die andere. Dort tönt Led Zeppelin oder Blue Swede, hier erklingen Nick Cave oder Leonard Cohen. Und das ist gut so. Das DC Expanded Universe, kurz DCEU, wird niemals diese leichte und verspielte Tonalität von Marvel erreichen. Das will es auch gar nicht. Und würde allein schon aufgrund seiner Figuren nicht funktionieren. Dabei gibt es, mit Ausnahme von Taika Waititi vielleicht (Thor: Tag der Entscheidung) keinen anderen Filmemacher, der das Genre des Comicfilms so sehr beim Wort nimmt wie Zack Snyder. Das hat er mit 300 längst bewiesen.

Wir wissen auch: Snyder hat 2017 seine Arbeit an der Erstversion der Justice League abgeben müssen. So ein Schicksalsschlag, wie er ihn erlebt hat, wirft jeden aus der Bahn. Joss Whedon hat übernommen und dabei versucht, dem DC-Universum den Charakter seiner Avengers-Filme umzuhängen. Was Whedon dabei entglitten war, ist klar zu erkennen. Und zwar die Darstellung des Antagonisten, in diesem Falle Steppenwolf – eine unheilbar eindimensionale Wutgestalt ohne Perspektiven. Da braucht Thanos nur zu schnippen, schon löst sich der gehörnte Despot in Rauch auf. 

„Sie dir das bloß nicht an!“, soll Produzentin Deborah Snyder ihrem Gatten geraten haben, nachdem die 2017er-Version der Justice League im Kasten war. Diese sei nicht das, was ursprünglich geplant war. So ein Herzensprojekt lässt man sich im Endeffekt auch nicht nehmen. Da geht man zum rechten Zeitpunkt nochmal drüber. Entstanden ist einer jener Filme im Corona-Jahr 2021, die am meisten mit Spannung erwartet wurden: Die 4-Stunden-Version der Justice League, eine Art Ben Hur unter den Superheldenfilmen oder Wagners Ringoper für das autoaggressive Klientel. Die Backgroundstory um Snyder und seine Justice League ließe sich ohne weiteres als Teil einer umfangreichen Fachbereichsarbeit zum Thema Film im Comic – Comic im Film anführen. Womöglich gibt es die auch schon, und ich würde mich wundern, würde der Mann mit dem Hang zu malerisch-sattem Pathos dort nicht Erwähnung gefunden haben. Sein Werk ist das eines Comicnerds für Comicfans. Bei jenen, die andauernd über das ewige Getöse comiclastiger Blockbuster motzen, könnte eine gewisse Ratlosigkeit in Sachen Panel-Literatur zu vermuten sein. Daher ist Zack Snyder´s Justice League in Wahrheit nichts für die breite Masse, sondern fast schon ein orthodoxer Nischenfilm für Nerds und Liebhaber, die wissen, wie Superman, Batman und Co immer schon getickt haben, seit sie erstmals gezeichnet wurden. Snyder weiß das und wusste das und fusioniert sämtliche Interpretationen besagter Helden zu stolzen Compilations.

Sein Film ist düster, melancholisch und theatralisch, hat sogar weniger Witz als Whedons Version. Seine Bilder kennen wir – dunkle Wolkentürme vor tiefstehender Sonne, harte Kontraste und satte Farben. Altdorfer, William Turner oder der Romantiker Géricault – Inspirationen aus der Stilkunde für den mit Auszeichnung promovierten Kunststudenten. Umso logischer erscheinen die Ikonographien der Helden und Finsterlinge in charakteristischen Posen, wie Skulpturen griechischer Gottheiten, gerne auch im Freeze Frame.

Zwei deutliche Verbesserungen stechen sofort ins staunende Auge: Erstens die Änderung des Bildformats auf 4:3. Was für eine angenehme Abwechslung zum Cinemascope. Und das, um auch mehr den Dimensionen gezeichneter Panels zu entsprechen. Zweitens: die Metamorphose des Bösewichts. Steppenwolf ist nun nicht mehr der triviale Plagegeist mit Superaxt – er ist ganz plötzlich der Handlanger eines noch finsteren Gesellen. Steppenwolf hat eine Schuld zu tilgen, also will er in der Gunst des Meister stehen und ihm die Erde zum Geschenk machen. Das hat schon mehr Facetten, da lässt sich auch mehr herausholen – einfältig fies bleibt der Wicht aber immer noch. Wieder sind Comicleser eine Nasenlänge voraus und lächeln wissend: dieser Meister ist das Äquivalent zu Thanos, nämlich Darkseid. Ein grimmiger Haudrauf, der ganze Sonnensysteme seinem Willen unterwerfen will. Damit schafft Snyder den narrativen Überbau wie Marvel ihn mit Infinity hatte. Einen, der alles Kommende unter sich versammeln wird. 

Snyder gliedert seinen Film in 5 Kapitel, einem Prolog und einem Epilog. Er gibt den Helden mehr Biographie, teasert neue Charaktere an, die die Tafelrunde ergänzen sollen und spielt auch mit kryptischen Traumsequenzen zwischen Steampunk und Terminator, die in ihrer Überstilisierung erneut den oft barocken Weltuntergangszenarien in den jüngeren Comics entsprechen, wo längst alles möglich und in alternativen Universen längst alles passiert ist. Unterm Strich ist dieser monumentale Schinken vor allem einer, der nach langem Kämpfen nun erreicht hat, was Marvel schon längst hatte: die Emanzipation vom großen Bruder, sein Coming-of-Age in Richtung eines Selbstbewusstseins, das ihm womöglich niemand mehr nehmen kann – sofern Zack Snyder dranbleibt und im DCEU weiterwirkt wie bisher.

Das DC-Universum ist und bleibt düster, schwermütig, vielleicht sogar manchmal in seinen Klageliedern träge und auf der Stelle tretend – aber mit dieser Psychonummer kann Marvel wiederum nur wenig anfangen. Mit diesem hechelnden Wahnsinn, dieser pessimistischen Weltsicht, dem ewigen Unwetter und dieser elegischen Melancholie in Slow Motion. Wenns hochkommt, lassen sich zarte Spitzen der Selbstironie entdecken, in dieser verbissenen, fast schon reaktionären Strenge, die sich leichter verhöhnen lässt als etwas, das sich von vornherein nicht ernst nimmt. Doch der Entschluss, so zu sein, steht nun fest. 

Wäre Justice League-Schöpfer Gardner Fox Filmemacher, er würde es, denke ich, nicht anders machen.

Zack Snyder´s Justice League

Blau ist eine warme Farbe

A CIRCLE OF LOVE

7/10


blauwarmefarbe© 2013 Alamode Film


LAND: FRANKREICH 2012

REGIE: ABDELLATIF KECHICHE

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, LÉA SEYDOUX, SALIM KECHIOUCHE, CATHERINE SALÉE, AURÉLIEN RECOING U. A.

LÄNGE: 2 STD 57 MIN


Ingmar Bergmann hätte diesen Film wohl schlicht und ergreifend mit „Szenen einer Liebe“ betitelt. Einer Liebe wie ein Musterbeispiel für einen gesellschaftsbiologischen Zyklus, ein Circle of Love sozusagen, der Anfang und Ende abdeckt, wie die Grundelemente einer Erzählung mit Anfang, Höhepunkt und Schluss. Dass Liebe so natürlich nicht immer diesen Weg gehen muss, ist sonnenklar. Bei jener der beiden jungen Frauen Adéle und Emma aber folgt diese Gefühlsregung einem Fächer aus Jahreszeiten, einem Kalender aus Freude und Leid. Überhaupt hat Blau ist eine warme Farbe (im Original La Vie d’Adèle – Chapitres 1 et 2) etwas sehr stark Biologisches. Und das nicht nur aufgrund der expliziten, aber niemals obszönen Sexszenen, die allerdings zwischen Regisseur Abdellatif Kechiche und den beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopolous und Léa Seydoux zur Kontroverse führten. Ersterer hätte diese pikanten Takes viel zu oft wiederholen lassen. Da lässt sich durchaus die Vermutung anstellen, dass Männer im biologischen Sinn unter dem Joch ihrer bestimmerischen Libido nehmen müssen, was sie kriegen können. Auch als Künstler. Doch dem Regisseur geht’s dann doch zum Glück um ein bisschen etwas anderes als nur um Sex. Das wäre die körperliche Nähe – etwas, dass Sex beinhaltet, aber nicht ausschließlich.

Im Mittelpunkt dieses fast dreistündigen Epos steht wie schon erwähnt und relativ verloren das Mädchen Adèle, das sich in vielerlei Hinsicht erst finden muss. Ein erster Anhaltspunkt ist die Möglichkeit, dass Frauen für sie wohl das interessantere Geschlecht sein könnten. In diesem Fall eben die blauhaarige Künstlerin Emma, entschlossen lesbisch, aber fasziniert von diesem ziellosen Um-sich-selbst-Kreisens von Adèle. Und fasziniert auch von diesem traurigen und gleichsam sehnsüchtigen Gesicht, wohl eines der traurigsten Gesichter des gegenwärtigen Kinos, das Regisseur Kechiche, wie man an den Closeups oft sieht, ebenso faszinierend findet. Beide finden sich also, in zarter und gleichsam großer Liebe. Aber so eine Liebe, das weiß jeder, brennt nicht auf Dauer so heiß. Das Leben bietet auch noch anderes, nämlich den Alltag aus Ehrgeiz, Selbstverwirklichung und Stress.

Blau ist eine warme Farbe hat 2013 die Goldene Palme gewonnen, allerdings ging diese nicht nur an den Regisseur, sondern auch an die beiden Stars des Films. Eine verdiente Sache? Schauspielerisch auf jeden Fall. Schauspielerisch liefern Seydoux und Exarchopoulos etwas, das vielleicht schon bis an oder sogar über die Grenzen geht. Diese Bereitschaft, sich dermaßen hinzugeben, auch emotional, ist nichts, was sich in der darstellenden Kunst aus dem Ärmel schütteln lässt. Kachiche muss hier recht zurückhaltend interveniert haben, muss hier für eine relativ intime, sehr persönliche Stimmung gesorgt haben, die Filmcrew womöglich aufs Wesentliche reduziert. Anders lässt sich diese Menge an Authentizität gar nicht darstellen. Die Bereitschaft, so viel von sich selbst zuzulassen, ist Kino der Extreme. Im Vergleich zu dieser distanzlosen Intensität erscheint die auf einer französischen Graphic Novel basierende Geschichte in der zweiten Hälfte des Films fast schon zu banal und vorhersehbar, während in der ersten Hälfte die Gefühlswelten der jungen Frauen eine elektrisierende Faszination erzeugen.

Blau ist eine warme Farbe

Animal World

SCHERE, STEIN, PAPIER – DER FILM

5,5/10


animalworld© 2018 Netflix


LAND: CHINA 2018

REGIE: HAN YAN

CAST: LI YIFENG, MICHAEL DOUGLAS, ZHOU DONGYU, JIA CHI, ANLIAN YAO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Was man wohl am allerwenigsten bei einer Produktion wie dieser vermuten würde, wäre der Auftritt einer Hollywoodgröße wie Michael Douglas. Doch ja, der Mann hat sich tatsächlich hier eingefunden, in der verwirrenden Verfilmung eines Manga-Comics mit dem Titel Kaiji, die nichts anderes im Sinn hat außer das simple, aber energische und auch berechenbare Spiel Schere Stein Papier, für das man nichts anderes braucht als seine eigene Hand, zu verfilmen.

In Animal World sind das aber nicht Hände, die zum Spiel zugelassen werden, sondern dreierlei Sets besagter Karten, die das entsprechende Symbol zeigen. Wie es so weit kommt, dass Schere Stein Papier der einzige Ausweg aus einer existenziellen Not sein kann? Nun, im Zentrum des recht kruden Manga-Comic-Geschehens steht ein junger Mann namens Zheng, der seltsamerweise, sobald er in die Enge getrieben wird, zu einer Art Superheld wird. Das kann er aber nicht steuern. Und auch nicht die Wahl des Superhelden. Er wird zum Clown. Das kann aber wiederum nur er wahrnehmen. Gleichzeitig verwandelt sich seine Umwelt in eine Grottenbahn aus Monstern und Kreaturen, die sich ihm in den Weg stellen. Das alleine ist schon eine seltsame Ausgangssituation und erinnert an Szenen aus David Cornenbergs Naked Lunch. Hinzu kommt, dass Zheng einige Schulden zu bezahlen hat – an Michael Douglas eben. Der wiederum ist Besitzer eines obskuren Kreuzfahrtschiffs, an dessen Deck das Spiel Schere Stein Papier auf Leben und Tod gespielt wird. Und zwar von allen Schuldnern, die Douglas so angesammelt hat. Denn: Gewinnen sie dieses Spiel, sind sie schuldenfrei. Zheng bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen. Was seiner Freundin natürlich gar nicht gefällt.

Tricktechnisch und kameratechnisch ist dieses Fantasyabenteuer erste Sahne. Die Farben sind üppig, sie Slow-Motion-Einlagen mit ausgiebiger Huldigung an den zoom-Fokus auf tropfende Flüssigkeiten und fallende Gegenstände ein Augenschmaus sondergleichen, weil eben gut animiert, allerdings auch enorm überladen und überstilisiert. Als Zheng dann die Spielhalle des Todes betritt, ändert der Film seine Geschwindigkeit und auch seinen Rhythmus, dabei konzentriert sich Regisseur Han Yan vorwiegend auf den Mikrokosmos der Gambler, die hier ihr Glück versuchen. Die Karten kaufen und verkaufen und um jeden Preis berechnen wollen, wie man unter Garantie obsiegen kann. Spätestens da führen die rasant erklärten und schwer bis gar nicht nachvollziehbaren Gedankengänge der unglaublich toughen und scheinbar hochintelligenten Spieler einfach dazu, dem ganzen marktschreierischen Börsengezeter rund um Karten und Abzeichen (die sich anstecken lassen, sofern du gewinnst – und mindestens drei musst du am Ende des Spiels haben) außen vor zu lassen. Das macht dann keinen großen Spaß mehr, denn mit dem Unverständnis an der verschwurbelten Logik geht auch die Spannung flöten. Dann lieber doch wieder per Hand.

Animal World

The Old Guard

WHO WANTS TO LIVE FOREVER?

6/10

 

the-old-guard© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: GINA PRINCE-BYTHEWOOD

CAST: CHARLIZE THERON, MATTHIAS SCHOENAERTS, KIKI LAYNE, MARWAN KENZARI, ALFREDO TAVARES, CHIWETEL EJIOFOR, HARRY MELLING U. A. 

 

Bei Highlander Connor MacLeod konnte es nur einen geben. Gut, ein Schotte macht noch keinen Sommer. Dieser Tage heizen uns andere Expendables ein, die alles andere als austauschbar sind. Bei The Old Guard sind es gleich mehrere, die auf eine nachhaltige Anomalie ihres Daseins zurückblicken können: sie sind unsterblich. Grand Dame dieser Selbsthilfegruppe unkaputtbarer Individuen ist Andy, oder wie sie eigentlich wirklich heißt: Andromache of Scythia, eine Legende der Antike, die gefühlt mir allen Feldherren der alten Zeit gekämpft hat. Und die auch nach tausenden von Jahren überraschend unverbraucht wirkt, womöglich weil sie sich stets neu erfindet. Die anderen in ihrem Geleit sind sich zumindest bei den Kreuzzügen gegenübergestanden, der eine ein Sarazene, der andere ein Tempelritter. Mittlerweile lieben sie sich – ein sehr sympathisches Detail zur Verbrüderung der Religionen. Alle zusammen kämpfen sie für die gerechte Sache – und sind dort zur Stelle, wo die Menschheit gerade mal jemanden benötigt, um sicherzustellen, dass das Überleben ganz anderer Leute einen globalen Impact gewährleistet. Bei ihrem neuesten Einsatz allerdings werden sie übers Ohr gehauen und fortan vom diabolischen Pharma-CEO Harry Melling (Harry Potter-Fans wissen: das war Dudley Dursley!) gejagt. Während des Katz- und Mausspiels bekommt ihre Truppe unerwartet Zuwachs – eine junge Marine, die im Irak eigentlich hätte draufgehen sollen, erfreut sich akuter Genesung.

Graphic Novels sind die neuen Drehbücher – oder die besten literarischen Vorlagen. Der Grund liegt auf der Hand: mit der Story werden gleich noch die Storyboards mitgeliefert. Seit Sin City und 300 wissen wir: Panels lassen sich geradezu eins zu eins fürs Kino adaptieren. Aber das muss natürlich nicht zwingend sein. Es ist auch voll in Ordnung, wenn die Regie nur den Steckbrief der Protagonisten übernimmt – mitsamt prägnantem Waffen-Arsenal. So schwingt Charlize Theron, die mit Vorliebe ihre Kampfamazonen rauslässt (so gesehen in Atomic Blonde oder als Imperator Furiosa in Mad Max: Fury Road) eine schneidige Axt. Alle anderen haben Schwerter und Schusswaffen. Dieser martialische Werkzeugkasten verleiht dem soliden Reißer etwas anregend Anachronistisches, ganz so wie bei Highlander. Was kann der Film sonst noch? Nun, zumindest ein stringentes Abenteuer rund um Leben, Tod und die Sehnsucht nach Sterblichkeit erzählen. Auf ewig existieren ist nichts, das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Also nochmal: Who wants to live forever?

Die Frage nach dem Warum dieser außergewöhnlichen Mutation stellt The Old Guard zwar schon, erhält aber keine Antwort. Vielleicht aber folgt diese im zweiten Teil der Verfilmung, denn angesichts der Post Credit-Szene, die man nicht verpassen sollte, muss das Schicksal des unbezwingbaren Grüppchens natürlich weitererzählt werden. Wobei sich letzten Endes die Frage stellt: Ist The Old Guard der bessere Film, oder die bessere Serie? Betrachtet man die Machart des Streifens, so wird das Medium austauschbar. The Old Guard hat nichts, was ihn definitiv als Kino-Event auszeichnet, sondern viel mehr, um das Werk als Pilotfilm einer qualitätsbewussten High End-Serie an den Start zu bringen. Dafür wäre die blutige Routine-Action mitsamt seinen Zeitraffer-Heilungsprozessen und wandelnden Geschichtsbüchern als Serienkino-Hybrid ein echter Hingucker.

The Old Guard

The Last Days of American Crime

KEINEN SCHLIMMEN FINGER RÜHREN

5,5/10

 

lastdaysofamericancrime© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: OLIVIER MEGATON

CAST: ÉDGAR RAMÍREZ, ANNA BREWSTER, MICHAEL PITT, SHARLTO COPLEY, PATRICK BERGIN U. A.  

 

Anno 2025 ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten so ziemlich am Sand. Womöglich hat ein Charakter ähnlich der eines Donald Trump den Staatenbund zugrunde gerichtet, denn wo man auch hinschaut in dieser gottvergessenen Welt regiert das Verbrechen. Einzige Möglichkeit: Das Verbrechen einfach abtöten. Das schlagen zumindest die Autoren der 2009 erschienen Graphic Novel, Rick Remender und Greg Tocchini, vor. Das Ganze soll mit einem ausgesandten Impuls funktionieren, der gewisse Bereiche im Hirn blockiert, die verbrecherische Ambitionen erst möglich machen. Ungefähr vergleichen lässt sich das mit der dem Menschen inhärenten Hemmung, sich selbt Schmerzen zuzufügen. Das geht auch nicht, natürlich, Ausnahmen gibt’s, aber meist ist genau hier die unsichtbare Wand, wonach es nicht mehr weitergeht. Das soll mit kriminellen Handlungen genauso passieren. Die Frage ist nur, wo beginnt diese Hemmung und wo hört sie auf? Fängt das Ausbremsen schon bei der Sonntagszeitung an? Oder wenn man noch schnell bei Gelb über die Kreuzung will? Ist Korruption auch ein Teil davon? Oder nur der Gebrauch von Schusswaffen? Was genau ist das Kriminelle in den Vereinigten Staaten?

Wie es in The Last Days of American Crime aussieht, eigentlich nur das Ausrichten der Knarre auf ein unliebsames Gegenüber und das Ausrauben von Geldinstitutionen. Ganz Amerika ist also aufgebracht, die einen wettern gegen das Beschränken der individuellen Freiheit, die anderen bekommen bereits schon Tage zuvor feuchte Augen, wenn sie daran denken, dass nun die Zeit kommt, wo man auch nachts auf den Straßen flanieren kann, ohne behelligt zu werden. Kurz vor diesem Stichtag also, an welchem das Signal landesweit über den Äther soll, engagiert der ungeliebte Filius eines Finsterlings Bankräuber Graham Bricke (Édgar Ramírez als das neue Aushängeschild von Netflix, wie es scheint), kurz vor der Zeitenwende den Staat nochmal um mehrere Millionen Dollar zu erleichtern. Trotz der stets finsteren Blicke des kernigen Dreitagebart-Machos, der gerne der Härteste auf dieser Welt sein möchte, ist dieser mit von der Partie. Bis es aber so weit kommt, fließt der Atlantikstrom an der Ostküste noch meilenweit vorbei, denn Olivier Megatons angekündigtes Dirty War on Film verzettelt sich im chaotischen Moloch seines selbst geschaffenen, superfinsteren Szenarios zwischen versifftem Toilettensex, kunstblutenden Wunden und Sin City-Kuriositäten.

Die Graphic Novel kenne ich leider nicht – bei Betrachten der Verfilmung lassen sich so manche Panels aber gut nachvollziehen, wie bei 300 oder Watchmen. Megaton (u.a. Colombiana, Taken 2 und 3) dürfte sich mit der Vorlage ausgiebig beschäftigt haben, seine arrangierten Bilder der moralischen Verkommenheit, auf dessen Bühne wirklich niemand herumirrt, dem man Glück wünschen würde (außer vielleicht Anna Brewster als A Dame to kill for), bedienen ausgiebig dystopische Klischees eines medial gehypten, genüsslich ausufernden Sozialschreckens. Das hat schon enorm viel Eitelkeit, und ist in keinster Weise gesellschaftskritisch zu betrachten. The Last Days of American Crime will in erster Linie der coole Gangster-Rap sein, weil all die Miesen, Werteunbewussten, die schaffen es wohl eher durch die finsteren Zeiten und haben schon was Anhimmelbares, und das wissen sie auch selbst, so wie sie sich aufspielen. Ramirez kopiert gnadenlos die Gefühlskälte vergangener mundfauler Ein-Mann-Armeen, Michael Pitt dreht sich exaltiert um seine eigene Achse, und Brewster hat ein bisschen was von Tarantinos Mia Wallace. Das sind sehr oberflächliche Attitüden, in einem zwar reizvoll ausgestatteten und fotografierten, aber schwer atmenden und sehr brutalen Actionkracher, der gern was Gefährliches wäre, dabei aber erprobte Stereotypen bedient. Der Ansatz mit dem Pazifismus-Signal mag ja recht verlockend klingen, durchdacht ist das aber auch nicht so ganz. Wo hört es auf, wo fängt es an, und wer hält sich dran? Das fragt man sich bei diesem Film des Öfteren.

The Last Days of American Crime

Bloodshot

EINE RUNDE RACHE

5/10

 

bloodshot2© 2020 Sony Pictures

 

LAND: USA 2020

REGIE: DAVE WILSON

CAST: VIN DIESEL, GUY PEARCE, EIZA GONZÁLES, TOBY KEBBEL, SAM HEUGHAN U. A. 

 

Vin Diesel gibt sein Bestes. Und das in zweierlei Hinsicht. Er tut erstens mal das, was er am Besten kann: als coole Actionsocke auftreten und den Bösen die Fresse polieren. Und er bemüht sich zweitens sichtlich und mit Hingabe, Emotionen glaubhaft darzustellen. Das kann er jetzt nicht zwingend am Besten, aber wie gesagt: er gibt sein Bestes. Das immerhin erstaunt schon mal. Und es erstaunt auch, dass die Verfilmung einer Comicreihe aus dem Hause Valiant sich anfangs so anfühlt, als wäre man mitten in einem Michael Bay-Film. Das verflüchtigt sich aber recht rasch. Nach der alles entscheidenden  Schlüsselszene, in der Vin Diesel sozusagen vorbehaltlich das Zeitliche segnet, geht´s in Sachen High-Tech so dermaßen in die Vollen, dass selbst einer wie Tony Stark vor Neid erblassen würde. Und noch was: die hier vorgestellte und als bemüht machbar erscheinen wollende Technik ist zumindest so sagenhaft überzeichnet wie jene aus Wakanda, der Heimat des Black Panther. Dort hat man anscheinend sowieso all den High-Tech-Kram mit der Muttermilch aufgesogen. In vorliegender SciFi-Action scheint das ein ähnlicher Fall gewesen zu sein, zumindest beim wissenschaftlichen Krösus Guy Pearce, der nur halb so viel Charisma hat wie Tony Stark, aber das Wissen eines ganzen Jahrhunderts der Technik für sich gepachtet hat. In dessen Labor erwacht eben Vin Diesel und kann nicht erstmal an nichts erinnern. Dann wird ihm offenbart, er sei von den Toten auferstanden und hätte statt Blut ausgefeilte Nanotechnik, die zerstörtes Gewebe wieder mir nichts dir nichts herstellen können, dafür aber aufgeladen werden müssen wie der Akku eines Smartphones. Und überhaupt ist Diesel nur noch eine gesteuerte Maschine, die unter der Remote-Fuchtel eines dubiosen Vereins steht, der aus versehrten Helden technisch ergänzte Wunderpuppen zimmert. Wobei mir jetzt das amazon-Format Doom Patrol in den Sinn kommt. Ja, so ähnlich ist das hier auch. Nur Bloodshot wird bald zur Staubwolke werden, da er nach einem Total Recall wieder weiß, wozu er noch am Leben ist: um Rache zu nehmen.

Bloodshot hat schon bei der Kinopremiere knapp vor Corona von Seiten der Presse allerhand Kritik einstecken müssen. Manche Argumente mögen berechtigt sein. Aber ehrlich: Es gibt immer noch weitaus Schlimmeres. Weitaus Eindimensionaleres, denn genau betrachtet ist die Story rund um den wiedererweckten Frankenstein, der für sinistre Zwecke missbraucht wird und sich erst nach und nach davon zu emanzipieren beginnt, gar keine so kümmerliche Basis, mal abgesehen davon, dass Vieles an ganz andere Filme erinnert. Verhoevens Total Recall oder Robocop zum Beispiel. Oder Universal Soldier. Es bisschen was von Duncan Jones´ Source Code schwingt mit, nur längst nicht so existenzialistisch. Das ganze ist klassisches Patchwork, und es beschleicht mich das Gefühl, Dave Wilsons Streifen hat kaum eigene Ideen. Die Comicvorlage stammt aber immerhin aus den frühen Neunzigern. Somit lässt sich durchaus auch die Frage in den Raum stellen, wer in manchen Fällen bei wem abgeguckt hat. Aber sei’s drum, der Zitatepunsch ist ganz ansehnlich geglückt und nicht so konfus wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Die Liebe zum Detail, die fehlt. Was noch fehlt, ist der große Wow-Moment, denn Szenen von der Art, wie Vin Diesel sich zusammensetzt, hat man alle schon im Trailer gesehen. Ein Film, der sich im Vorfeld bereits selber spoilert. Das war dann wohl die größte Überraschung.

Bloodshot

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

ZOFF AUS VILLA KUNTERBUNT

7/10

 

birdsofprey© 2020 Warner Bros.

 

LAND: USA 2020

REGIE: CATHY YAN

CAST: MARGOT ROBBIE, EWAN MCGREGOR, MARY ELIZABETH WINSTEAD, ROSIE PEREZ, ALI WONG, JURNEE SMOLLETT-BELL, CHRIS MESSINA U. A. 

 

Was wäre eigentlich aus Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf geworden? Wir wüssten es, hätte die schwedische Kinderbuchautorin jemals über die Zukunft ihres Rotschopfs auch schriftlich nachgedacht. Vielleicht hat sie das, ich weiß es nicht. Aber falls nicht, so könnte ich mir vorstellen, dass Pippis Zukunft womöglich durchaus jener von Psychiaterin Harlinn Quinzel geähnelt hätte. Vorausgesetzt natürlich, Pippi wäre mit Mitte Dreißig immer noch so von infantiler Anarchie beseelt gewesen wie sie es zu ihrer Kindheit war, völlig autark in ihrer Villa Kunterbunt residierend, mit Affe und Pferd, während sie die örtliche Exekutive permanent an der Nase herumführt. Harley Quinn allerdings hat zwar kein Pferd, aber immerhin eine Hyäne, die sich durchaus gern an Menschen vergreift. Die Gespielin vom Joker (allerdings des Jokers aus dem Suicide Squad-Universum, nicht aus jenem von Tod Phillips) ist, wenn man so will, eine Art Feedback bei dem Versuch, sich vorzustellen, was Pippi als Erwachsene wohl für einen Radau machen könnte. Der Grund dafür war bei Harley Quinn der Korb vom Joker. Aus ist´s mit der Bonnie & Clyde-Masche, Wahnsinn im Doppelpack. Ohne den Dauergrinser ist Quinn gar nicht mehr so auffallend durchgeknallt. Neben der Spur auf alle Fälle, aber zumindest kommen da viel deutlicher ihre nerdigen Ecken und Kanten zum Vorschein, die irgendwie sympathisch sind. Das findet natürlich „Obi-Wan“ Ewan McGregor gar nicht, der mit garstiger Spielfreude den Antagonisten ekelhaft fies anlegt. Harley Quinn ist ihm, da nun solo, ein Dorn im Auge, Gründe dafür gibts viele. In diesem dampfenden Sündenpfuhl des Bezirkes East-End kommen ihr aber noch ganz andere Beinchensteller in die Quere, die aber alle nicht Quinn, sondern irgend etwas anderes wollen, um am Ende aber festzustellen, dass sie als rach-, glücks- und ehrgeizsüchtige Girlie-Gang eine ganze Menge verbindet.

Ihr Auftritt bitte: Black Canary, Huntress und Cassandra Cain dürften eingefleischten DC-Comiclesern wohl ein Begriff sein. Ich jedenfalls bin noch nicht so tief in den Dschungel Gothams vorgedrungen, umso unvoreingenommener ließ sich für mich auch dieses Stelldichein an trotziger Emanzipation genießen, was sich in seiner Gesamtheit entschlossen hat, tatsächlich einer der sehenswertesten Comicfilme aus dem DC-Universum zu sein. Birds of Prey – The Emancipation of Harley Quinn ist wirklich gelungen. Margot Robbie ist sowieso die Idealbesetzung für diese schräge Figur, die nicht viel weniger grinst als der Joker, Oneliner schiebt und mit gedrechseltem Holz gerne Mannsbilder vermöbelt. Während bei Todd Philipps Joker gar nichts mehr auf die leichte Schulter genommen wird und Zack Snyders heroische Ikonographien nur bemüht selbstironisch sind, verortet man in Cathy Yans Origin-Story serientaugliche Action-Comedy, die zwar keine besonders satirischen Spitzen loslässt wie Taika Waititis Thor, dafür aber den Drive in einem knackigen Script verorten kann. Wie, wo, warum und weshalb hier eine Handvoll Damen zum knochenbrechenden Kränzchen antanzen, ist souverän verknäuelt, setzt die Konsequenzen ihres Handelns völlig richtig und hält sich nicht unnötig mit bemüht komplizierten Wendungen oder nebenher laufenden Storylines auf, die niemanden interessieren. Birds of Prey macht Spaß und hat genau das Quantum an Teamspirit, das sich vorrangig bei Joss Whedon (bestes Beispiel: Buffy) verorten lässt (was bei Justice League aber nicht groß geholfen hat) und genau hier seine richtige Balance findet. Birds of Prey ist ein verkappter, frecher Teeniefilm. Oder das martialische, durchaus dezent-blutige Zerrbild einer High School-Clique, die als einzige den Absprung verpasst hat und sich folgedessen nirgendwo mehr integrieren will. Die mal mehr oder weniger begabten Superheldinnen lassen ihrer Ambivalenz freien Lauf, und erlauben sich im Grunde, was ihnen gerade einfällt. Womit wir wieder bei Pippi wären, die niemals was anderes getan hat, die später auch mal auf die schiefe Bahn geraten hätte können, um sich dann wieder auf ein paar Werte zu besinnen, die unter anderem besagen: die Feindinnen meines Feindes sind meine Freundinnen. Was soviel heisst wie: Lieber gemeinsam als einsam asozial.

Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

The Kitchen – Queens of Crime

EIN CLUB DER TEUFELINNEN

4,5/10

 

thekitchen© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANDREA BERLOFF

CAST: MELISSA MCCARTHY, ELISABETH MOSS, TIFFANY HADDISH, DOMHNALL GLEESON, JAMES BADGE DALE, MARGO MARTINDALE U. A.

 

Nein, das hat nichts mit Frauen hinterm Herd zu tun. Obwohl – im übertragenen Sinne vielleicht schon. Denn bei den Damen, die in Andrea Berloffs Regiedebüt The Kitchen – Queens of Crime das männliche Geschlecht zu einem entbehrlichen degradieren, handelt es sich um Frauen in der unfreiwilligen Ausübung einer Geschlechterrolle, die mittlerweile längst schon obsolet ist, in den 70ern aber, aus denen der Film berichtet, leider gang und gäbe war – vor allem in der patriarchalisch geführten Unterwelt, in dessen Dunstkreis sich das Drama abspielt. Und die Vermutung liegt nahe, dass The Kitchen klarerweise Hell´s Kitchen ist, also ein Viertel in New York, in dem die irische Mafia das Sagen hat und alles schaukelt, was gesellschaftlich wie wirtschaftlich zu schaukeln ist. Das meiste Geld verdienen die schurkischen Buben mit Schutzgeldern. Irgendwann aber geraten die Ehemänner der drei Frauen bei einem gescheiterten Raubüberfall in die Fänge des FBI – und landen hinter schwedischen Gardinen. Der Weg ist frei für Female Empowerment. Melissa McCarthy, Tiffany Haddish und Elisabeth Moss lassen die frei gewordenen Nischen nicht unbesetzt und raffen sich auf zu einem Rundumschlag auf Augenhöhe mit den übrigen Mannsbildern. Was nicht allen schmeckt. Eigentlich niemanden. Doch es reichen ein paar Ausnahmen, die sich auf die Seite des quirligen Trios stellen und die notwendige Muskelkraft beisteuern.

Hat man zuvor Michael Scorseses Mafia-Epos The Irishman gesehen, können gefühlt fast alle neueren Filme ähnlichen Themas nur resignierend das Handtuch werfen. The Kitchen – Queens of Crime gehört leider auch dazu. So, wie Andrea Berloff das kriminalistische Umfeld der Endsiebziger entwirft, stellen sich motivierte Filmemacher das urbane organisierte Verbrechen vor. Man könnte auch sagen, dass das, was The Kitchen auf die Straßen bringt, durchaus den Hang zum Klischee hat, zu vertrauten Stereotypen, die hier allesamt vorkommen. Was dabei aber erwähnt werden sollte: The Kitchen beruht auf einer mehrteiligen Graphic Novel von DC, ist also tatsächlich eine Comicverfilmung rund um ein Damentrio, das Berloff etwas umdefiniert hat, und zwar etwas in Richtung einer humorbefreiten Version von Bette Midler, Diane Keaton und Goldie Hawn, die im Club der Teufelinnen ihren chauvinistischen Männern gezeigt haben, wer eigentlich die Hosen anhat. McCarthy und Co machen das erstmal ohne Männer, um dann mit ihren besseren Hälften gehörig Schlitten zu fahren.

Wäre das Mafia-Unterwelt-Szenario aus dem eher beliebigen Fertigteil-Baukasten nicht, hätte The Kitchen ein packender Thriller werden können. Zu den Pro- und Antagonisten erschließt sich für mich aber seltsamerweise kein Zugang, die grassierende Skrupellosigkeit der mordenden, gierenden und erpressenden Ladies macht sie letzten Endes auch nicht besser als ihre Männer. Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist hier eben die Devise oder: Was mein Mann kann, kann ich auch. Eine ähnliche Prämisse hat die True-Poledance-Story Hustlers. Auch hier zahlen es die Frauen den Männern heim, im Grunde mit den gleichen Mitteln, die der Zweck angeblich heiligen soll. Auf Sympathie stößt das nicht – einzig Elisabeth Moss darf in ihrer Rolle als geprügeltes Opfer dem Terror auf befreiende Weise ein Ende bereiten. Die anderen beiden zeigen eigentlich nur, dass sie sich genauso schlecht benehmen können wie ihre Männer, deren Handeln sie verurteilen. Rache ist ein süßes Wort, das stimmt schon. Kühlt sie ab, hat es im „Battle of the Sexes“ keiner besser gemacht.

The Kitchen – Queens of Crime